Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

La Gomera #4

Tom & Nina fertig und vor allem gern gelesen, wie sie sich im Buch immer wieder ausloten und vermessen, körperlich und vom Radius her. Dessen, was man aushalten kann, sehen will und wo man sich zuhause fühlt oder tatsächlich ist. Eines der besten Geräusche in diesen Tagen sind die runden, vom Meer hin und her geschobenen Steine, die mit Poltern und dumpfen Schlägen unterm Wasser übereinander rollen, sich noch runder scheuern, einander die Kanten abschleifen. Einer der besten Momente jeden Sommer ist der Halbschlaf am Strand, in dem man immer wieder kurz in die eigenen Tiefen rutscht und dann, wenn man wieder heraufkommt, draußen im echten Wind und auf diesem Handtuch alles dreimal lauter hört als vorher. Nicht nur weil man noch nicht gucken kann, weil alles hell und grell und bunt ist, sondern weil man wie an einem Seil zurück in den Wachzustand klettert, in dem alles andere einfach weitergemacht hat. Niemand merkt, wenn du schläfst. Wenn du Pause machst. Niemand wartet, nur weil du nicht hinsiehst. Zeit haben, lange aufs Wasser zu sehen und über das Blau nachzudenken, darüber, welche Nuancen mich an wen erinnern. Vielleicht wohne ich gerade einen Zentimeter unter der Horizontlinie hinten links. Am nächsten Morgen mitten im Wetter aufwachen, mit nackten Füßen auf den von der Nacht kalten Steinen stehen, nicht weiter sehen können als fünf Meter, hinter der Agave ist Schluss. Auch ganz beruhigend. Meine Liebe zu den Übergängen und Überhängen wiederentdeckt, zu dem, was man so gern abschneiden will, weil es unbequem ist oder rauh, weil es sich nicht einordnen, wegverräumen lässt, zu dem Nebel im Lorbeerwald, der alle paar Meter woanders steht, zu dem Licht, das sich nicht entscheidet, weil es sich nicht entscheiden kann, an den unsauberen Kanten passiert immer am meisten, an denen bleibt man wach. Daneben der Wunsch, niemals ohne Anfänge zu sein.

La Gomera #3

Am besten geht man auf den Berg, bevor sich der Tag eine Stimmung ausgesucht hat, noch müde und mit Bananen vielleicht die ersten Schritte machen, bevor es in die Höhe geht, und dann einfach hoch, mit dem Wind und am Wind vorbei, mit kurzen Hosen, auch wenn die eigentlich zu wenig sind, und dann oben stehen und wissen, hier haben sich die Ureinwohner früher verschanzt. Zu allen Seiten nur Wolken. Hin und wieder reißt der Wind das Weiß auf, frisst Löcher hinein, dann kann man Farbe sehen und Miniaturen und sehr weit hinten das Meer. Und den Schwindel aushalten, der kommt, wenn man sich auf den Rücken legt, den Schwindel aushalten und das Wegkippen des Bildes, denn es dauert nur kurz und danach wird es gut, weil nichts mehr dazwischen ist, also zwischen dir und dem Wetter, aber mehr als sonst zwischen dir und dem Rest. Später auf dem Weg zum Wasserfall schaltet der Kopf in diesen Stand-By-Modus, den ich zum ersten Mal in Bad Gastein gelernt habe. Irgendwas zwischen Meditation und Konzentration. Man setzt die Schritte und irgendwann weiß der Körper, wie es geht, und macht’s von allein und der Kopf bleibt prüfend dabei, aber nur im Hintergrund, im Rest der Zeit schaut er sich die Gedanken an, die so vorbeikommen und überredet keinen einzigen zum Bleiben. Am Abend am Meer stehen und verstehen, dass es seit acht Monaten etwas anderes ist zwischen dem Wasser und mir und einen Schritt zurück machen, als die erste Welle kommt. Wir sehen uns ja zum ersten Mal seitdem. Am nächsten Tag den blauen Stein im schwarzen Sand finden und ihn liegen lassen, weil man ja nun aus dem Alter raus ist, in der Anhäufung sich in Artefakten zeigt, jedenfalls nicht mehr als Beweis, aus dem Alter raus, in dem man Dinge aus dem Urlaub mitbringt, also solche, die sich nicht verzehren lassen und die einstauben und die man sich nicht traut wegzuwerfen, weil einem das irgendwann mal jemand beigebracht hat aus Versehen (wir ahmen ja immer nach), aber nun in dem Alter drin, in dem man weiß, der blaue Stein sähe nirgendwo so gut aus wie hier. Ein kleiner Junge steht an der Wellenkante und brüllt: „Das Einstürzen gehört uns ganz allein!“

La Gomera #2

Ich weiß noch, wie wir in Thailand auf der kleinen Insel vor der kleinen Hütte auf großen Handtüchern saßen und in dem Moment, in dem die Lampen in der Dämmerung angingen, dieses Geräusch ertönte, das Surren, von dem ich dachte, es gehöre zu den dicken Stromleitungen, bis ich ein paar Minuten zu spät begriff, dass das die Tiere waren, die nun, da die Sonne sich verabschiedete, endlich genug Luft zum Tiersein und Krachmachen hatten. So ähnlich ist es hier. Das Surren der Bienen ist so laut, dass man im ersten Moment auf die Idee kommen kann, man hätte sich einen Tinnitus eingepackt. An den Straßenrändern blüht alles, entgegen meiner Erwartung. Unzählbar viele Blumen hängen über rostende Geländer wie schweres Bettzeug. Weiter oben ist das Wetter hinter jeder Kurve anders, plötzlich fährt unser Auto mitten in der Wolke, mitten im Regen, mitten im Urwald. Mir könnte ungehindert eine Fliege in den Mund sausen und dort Urlaub machen. Wir essen in Vueltas, die Sonne brennt. Am Nebentisch unterhalten sich zwei ältere Pärchen auf Englisch, die einen sind Deutsche, die anderen kommen aus den Niederlanden, im Englischen sind beide nicht zuhause, so versteht man sich. Von unserem Platz aus kann man das Schild des Deutschen Metzgers sehen. Endlich wieder Mojo schmecken und Papas Arrugadas, das Salz und die Schärfe wie als Beweis für irgendwas. Der Geschmack mancher Sommer, die schon lange vorbei sind. Und wenn die Sonne da ist, weiß man sofort wieder alles, während man im Winter ja nur glaubt zu wissen. Wie sich das anfühlt. Man glaubt genau zu wissen, was man vermisst und merkt in der ersten Minute im Sommer, dass man sich selbst betrogen hat mit diesem Bild, das im Winter war nicht die richtige Erinnerung, das war nicht einmal eine Ahnung. Aber mit dem ersten Brennen, dem Einziehen, dem Öffnen der Poren ist alles wieder da. Im Schatten des Bootshauses spielen die Männer mit der festen, in Falten liegenden Haut Domino. Sie sitzen zu viert an einem Tisch, während die Frauen dahinter auf einer Bank warten, die Frauen sagen nichts, die Männer streiten laut, aber nicht das entzweiende Streiten, sondern das verbindende, das sich eigentlich einig sein, aber auf die eigene Formulierung bestehende Meckern. Auf der Terrasse in den Bergen dann dem Wetter beim Entstehen und Vergehen zusehen, Rotwein trinken und versuchen, den Tafelberg zu lesen, der im Sekundentakt auftaucht und wieder zwischen Wolken verschwindet. Im Tal sieht man die Sonne noch, hier oben ist es schon kalt.

La Gomera #1

Der Gelb-Weiß-Verlauf auf den Gepäckfächern erinnert mich sofort an Bottermelk-Fresh-Eis. Daneben der Geruch vom Frischkäse auf dem Marché-Brötchen. Immer derselbe. Immer nur hier am Flughafen. Immer in diesen an den Sichtflächen seltsam gekörnten Tüten, von denen man dann nicht weiß, wohin damit, sobald das Brötchen weg ist. Daneben die akurate Faltung der Halstücher der Flugbegleiterinnen. Eine von ihnen heißt Ima. Oskar ist der Pilot. Das Kind im Gang ist eine Stunde damit beschäftigt, seine Haare durch Reiben am Kabinenteppich statisch aufzuladen. Ich glaube, Urlaub beginnt, wenn man die Wellen vom Flugzeug aus sehen kann. Das andere Kind heult beim Landeanflug und schreit irgendwann schluchzend: „Ich hab Hunger auf Wurst!“ Auf Teneriffa gibt es mehr Seniorenfahrzeuge als Autos. Sie stehen überall. In den Lobbys, auf den Bürgersteigen und vor den Handtuchverkaufsläden. Sie unterscheiden sich in Sitzkissenbezug und Radkappenlackierung. Auf dem einen steht: Seniorbrumm. Das Wasser im Pool ist badewannenwarm, Chlor mischt sich sofort in den eigenen Hautgeruch (später wird man Sonnencreme hinzufügen, dann erst riecht sie so, wie sie im Urlaub riechen muss), die Sonne fällt so durch die Palmenblätter, wie man es immer auf den bearbeiteten Fotos sieht. Die älteren Herrschaften sitzen bereits herausgeputzt vor dem Fußballfernseher oder trinken ihren Aperitif. Wenn ich stillhalte, kommt die Oberflächenspannung zurück, wie Frischhaltefolie sieht das Wasser aus. Die Hippies wohnen jetzt im verlassenen Einkaufszentrum an der Promenade, nur Bauzäune trennen ihre Wohnungen vom Bürgersteig, dahinter bemalte Blumentöpfe, knarrender Punk und später vor allem Dunkelheit, denn den Strom hat man ihnen abgestellt. Davor wackelt eine große, etwas ältere Dame auf High Heels über die Gehwegplatten, vielleicht trägt sie die Stirnlampe, damit sie nicht umknickt. Im Bett weiß ich, wenn ich alt bin, will ich die triumphierende Oma auf der Minigolfbahn sein, die vor Freude über ihren Treffer den eigenen Schläger über den Kopf schwingt und so laut lacht, dass alle mitlachen müssen.

Complimentary room

Es soll ja Leute geben, die wohnen ihr ganzes Leben in dieser Hotelzimmerigkeit. Die wohnen das Leben so ab. Ziehen ihre Taschentücher aus den dafür gefertigen Designboxen, die irgendwann jemand auffüllt, den sie nicht kennen, dem sie manchmal begegnen, aber dem gegenüber das Gefühl so unangenehm ist, dass nicht einmal Smalltalk denkbar scheint, weil sie wissen, der Mensch, der die Designboxen auffüllt, der füllt auch den Kühlschrank, der füllt auch das Fach mit den Staubsaugerbeuteln (natürlich nur, damit genau er die später auch benutzen kann, und weil es ein extra Fach gibt, und wenn es ein Fach gibt, dann muss man da auch was reintun), der füllt auch die Zahnpasta nach, wenn die Tube halb leer ist, sodass niemals ein Notstand ausbricht an etwas, niemals ein Mangel. Und dieser Mensch, mit dem die Leute nicht einmal siebzehn Worte wechseln können, weil sie Angst haben, dass der Damm bricht und sie dann immer reden müssen, der wäscht auch die Sachen im Wäschesack oder bringt sie zumindest irgendwohin, wo wieder jemand anders sie reinigt, und der Mensch legt auch die Papiere zusammen, wenn durch ein offenes Fenster ein Wind kam, oder durch die Leute eine Emotion, in der man ja auch mal Papiere umher fegt, gerade wenn um einen herum alles nach Air Freshener riecht. Und der Mensch, der den Wäschesack auffüllt, der wird so tun, als habe er die Papiere nicht gelesen, als wisse er gar nichts davon, also von den Dingen, von denen er nichts wissen soll, selbst wenn er von ihnen weiß. Selbst wenn er sie sogar besser weiß als die Leute, denen die Papiere gehören und der Platz, über den die Papiere hinwegfegen, es ist ja häufig sehr viel Luft, wenn es nur einen Schreibtisch und ein Bett gibt und einen kleinen Kühlschrank, da liegen viele Zentimeter herum, auf denen die Leute selten herumspazieren. Nur in wenigen Fällen, so könnten es Wissenschaftler herausfinden, setzen sich diese Hotelzimmerleute in eine Ecke, die sie noch nicht kennen, sie legen sich nicht auf den Teppich, der täglich gesaugt wird, nur um mal zu wissen, wie das Zimmer eigentlich von unten aussieht, nur um mal die Zimmerdecke von weiter weg gesehen zu haben und die Bettfüße oder um dem Teppich hallo zu sagen, selbst Smalltalk mit dem Teppich wird vermieden. Diese Leute steigen morgens aus dem Bett und lassen alles so liegen, weil sie wissen, das wird wieder weg sein, wenn sie zurückkommen, von Zauberhand oder Murmeltierfäusten zurecht gerückt, von Heinzelmännchen oder Staubsaugerrobotern, irgendjemand wird sich gekümmert haben. Auch so ein Gefühl. Irgendjemand wird sich gekümmert haben, irgendjemand wird abheben, wenn sie nicht wissen, wen sie sonst anrufen sollen außer der Rezeption, jemand wird ihnen ein anderes Zimmer herrichten, wenn das Licht nicht stimmt oder der Sound oder die Klospülungswassertemperatur, irgendjemand wird sich stellvertretend für die Weltlage entschuldigen, falls ein falscher Alarm losgeht, irgendjemand wird ihnen Schokolade aufs Kopfkissen legen immer wieder, und es wird immer jemand daran arbeiten, dass die Leute sich auch gemeint fühlen, irgendjemand wird sich irgendetwas merken von den Leuten, also nicht nur aufschreiben oder eintippen, sondern wirklich merken, kaum zu glauben, und wird es ausspucken, wenn sie wiederkommen, und irgendjemand wird sich immer Mühe geben, weil es ja darum geht, sich Mühe zu geben, also einander, die Mühe, meine ich. (Oder nicht?)

Golgata

Ob sie auch mal etwas sagen dürfe, fragt sie, als wir da um den Tisch in dem kahlen Raum sitzen. Nur das Kreuz an der Wand und zwei, drei Bilder, ihnen genügt das, manchmal treffen sich hier die Anonymen Alkoholiker. Sie hat eine lederne Tasche über der Schulter, die nimmt sie die ganze Zeit nicht ab, als klebe sie an ihr, auch die Jacke zieht sie nicht aus, darunter trägt sei ein Blumenshirt aus Samt, das ihr die ganze Zeit über den Bauch rutscht, sie scheint das nicht zu bemerken, vielleicht aber doch, ich bin mir nicht sicher. Den Kaffee, der ihr angeboten wurde, den hat sie dankbar angenommen, eigentlich sei sie nur gekommen, um sich die Kirche anzuschauen, sie sei hier schon ein paar Mal vorbeigelaufen, im Wedding wohne sie, manchmal spaziere sie hier rüber nach Mitte. Wenn sie spricht, sieht man die Neuropathie und die Schmerzen, die sie macht, es ist, als sei eine Seite ihres Gesichtes einfach etwas schwächer als die andere. Es sei wirklich leicht rauszufallen, sagt sie leise und schaut dabei auf ihre Hände, die Finger ineinander verschränkt, die dunklen Haare fallen ihr ins Gesicht, eine Dauerwelle, die schon eine Weile her ist. Wenn sie die Kaffeetasse nimmt, zittert sie ganz leicht, verschüttet nichts, aber braucht einen Moment, um im richtigen Winkel anzusetzen. Wenn sie spricht, hört man den Alkohol, aber auch, dass es besser ist, wenn sie sich konzentriert und nicht unterbrochen wird, vor allem von sich selbst nicht. Immer wieder rutscht sie aus ihren Sätzen, schaut auf einen Gegenstand im Raum und kämpft sich irgendwann zurück, manchmal an eine andere Stelle in der Geschichte, an der wir anderen noch nicht angelangt sind. Sie habe in der Pflege gearbeitet, dann kam der erste Unfall, danach erst einmal arbeitsunfähig. „Jetzt kommen die Roboter“, sagt sie, „die werden unsere Arbeit machen und dann braucht man uns noch weniger.“ Die ehemalige Krankenschwester der Runde lacht, das sei doch unmöglich, Roboter, so ein Unsinn, jeder Hintern sei schließlich anders, das könnten Roboter gar nicht machen. Doch sie ist nicht abzubringen, und wer kurz hinhört und den Satz auf dem Tisch liegen lässt, der versteht, dass die Roboter in ihrem Kopf nur Angstvertreter sind, dass sie sich an ihnen abarbeitet, weil die Roboter nicht widersprechen. Das sei im Fernsehen gelaufen, das könnten wir ruhig glauben, sagt sie und schaut einem dann doch mal in die Augen, „ich glaube dir“, sage ich und meine vor allem das, was sie sich nicht traut zu sagen. „Die Computer verstehe ich nicht, dann ist man auch raus, heute läuft ja alles darüber, auch Anträge, wissen Sie, und wenn man dann nicht den richtigen Knopf findet oder was falsches drückt, das hat dann Auswirkungen darauf, was man am Ende rausbekommt“, sagt sie, es ist ihr unangenehm. Dass sie nicht mithalten kann mit dem Tempo, dass alles weitergeht, man hört ihre Scham und ihre Wut, auf wen genau, hört man nicht, aber es helfe nichts, sagt sie, wenn man denen, die vom Alkohol nicht loskommen, noch Restriktionen auferlege, und dann sagt sie noch: „Eine Hand bringt viel mehr, die einen einfach nicht loslässt, wissen Sie? Das ist was anderes als Briefe vom Amt.“ Dann verheddert sie sich wieder, erzählt von den zwei Ladenbesitzern, die sich hätten umbringen wollen, weil ihnen die Miete um 2500 Euro angehoben worden sie, sie hätte unten gestanden und nichts aufmunterndes sagen können, weil sie sie ja verstehen könne. Sie verabschiedet sich über zehnmal, und setzt immer wieder neu an, es klingt, als habe sie all diese Sachen so oft von links nach rechts getragen, dass sie nicht mehr weiß, was eigentlich wohin gehört. „Wir sind nicht alle gleich“, sagt sie, bevor sie dann doch aus der Tür geht.

I can’t remember, were you into Canada geese? Is it significant, these hundreds on the beach? Or were they just hungry for mid-migration seaweed?

A bit part

Auf der großen Treppe sitzen die Menschen mit den dunkelblauen Menschen, alle jung oder zumindest jung angezogen, in Berlin trägt man jetzt diese klassischen geraden Schnitte, die Materialien, die sich so gut voneinander abgrenzen lassen, Kaschmir an Kaschmir an Jeans, die Kontraste sieht man vor allem in den Gesichtern, wenn das Telefon klingelt. Das sie rausholt aus dem Blick auf den Gendarmenmarkt und hinein in irgendetwas anderes, ihr Blick senkt sich dann, es ist beinahe, als rollten die Pupillen über oben nach hinten ins Paralleluniversum, die Haut über den Wangen wird schlaffer, man sieht beinahe den Terminkalender durchrasseln, das Abgleichen hinterlässt Spuren im Momentgesicht, sie verlieren die Kontrolle, wenn sie nicht gerade laut sprechen und ihre Verabredung am Telefon direkt verkünden. Wenn sie mit der Stimme keine Performance machen, dann scheint es, als würden sie unsichtbar. Zwei, drei von ihnen bleiben zu sehen, sie scannen permanent alle Menschen, die vorbeigehen, als könnte ihnen auch nur einer entgehen, als hätten sie einen Auftraggeber am Ohr, der die Koordinaten durchgibt, nur leider etwas undeutlich. Der Dom spiegelt sich im neuen Gebäude gegenüber, wird in Quadrate zerkastelt, dem Licht macht das nicht viel, man muss kurz stehenbleiben, weil man sich sonst vertut in dem, was man gerade macht. Es ist ja selten so, dass man denkt: In diesem Licht kann ich besonders gut telefonieren oder Fahrradfahren, in diesem Licht schaut es sich besonders gut ins Schaufenster. Als tippe es einem auf die Schulter, ohne dass es einen kennt.

Als ich mich umdrehe später nach dem Konzert, die erste Zugabe ist gerade vorbei, das Publikum steht dem Raum angemessen vor Begeisterung auf, da sehe ich diesen Mann, dem die Tränen so wie im Film aus den Augenwinkeln laufen, nicht gerade über die Wange, sondern das Gesicht einrahmend, als hätte man ihnen Schienen ausgelegt. Der künstliche Nebel verteilt sich noch immer im Raum und hinterlässt diesen süßlichen Geruch. Als ich mich erneut umdrehe, ist der Mann fort. Dann die zweite Zugabe.

Die Friedrichstraße ist immer leer in der Nacht, ein paar Touristen stolpern an den hell erleuchteten Läden vorbei, in die Richtung irgendwelcher Hostels, sie verschwinden in Hauseingängen und Seitenstraßen, die Schaufensterpuppen starren dorthin, wo nichts ist um diese Uhrzeit. Erst am McDonalds wird es laut, Musik schallt heraus, eine Mutter nimmt ihre Tochter an der Hand und sagt „Besser als nichts“. An der Theke im Fenster sitzen zwei Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, neben ihnen die Tabletts mit dem zerknüllten Papier, sie haben die Köpfe auf ihren Armen abgelegt und starren hinaus ohne miteinander zu reden, dahinter bewerfen sich kleine Jungs mit Pommes. Drei Fahrräder liegen umgeworfen auf dem Bürgersteig, hinter der Kreuzung wird es wieder ruhig. Dann noch ein paar hundert Meter, eine große Kurve und dann kommen die Leuchtbuchstaben. Wenn sie hinter der U-Bahn-Brücke auftauchen, das ist der schönste Moment.

„Einen Drogentrip stelle ich mir vor wie Snapchatfilter“, sagt J., sie trägt das tolle blaue Kleid.

„But then the morning comes, and we turn back into pumpkins, right?“ (Celine in Before Sunrise)

Mood for a melody

Wir könnten so ein Serientrailer sein. Nicht der für Girls. Nicht der für Love. Nicht die Sopranos. Der für Please Like Me vielleicht. Auf einem anderen Kontinent. In einer anderen Zeit. Wir fünf pulen uns die Woche aus den Milchzahnlücken, irgendwo zwischen dem Pesto und der Dissertation ziehen wir noch eine der letzten Zigaretten aus der knisternden Schachtel und ignorieren das Horrorbild, schnippen die Schachtel vom Tisch, wischen aber dem Rotweinfleck hinterher, jetzt die Chips, ja nein vielleicht ach komm schon ist doch egal. Und dann hören wir die Lieder, die wir schrecklich finden müssten, weil in ihnen so viele alte Reste kleben, die aber trotzdem diese Heimeligkeit machen, weil man sie kennt ohne nachdenken zu müssen, weil wir wippen, wann auch immer sie laufen, ohne zu bemerken, dass wir wissen, welcher Reim folgt. Was in der nächsten Zeile kommt. Diese Heimeligkeit, nach der sich jede ironische Kleidungsauswahl zu sehnen scheint, wenn man die Haltung mal weglässt und alle siebzehn Ebenen, die darüber schimmern sollen, es geht ja doch immer um etwas, das längst nicht mehr ist, aber das mal war und vor einem existiert hat und genau deswegen hat es einem immer etwas voraus. Draußen schwirrt die Stadt, das Fenster ist gekippt, wir ziehen uns einander an wie Pullover, die man zwei Jahreszeiten später wieder rausholt, und die noch so riechen, wie wir es kennen, die nicht zerfressen, nicht zu klein, nicht zu groß, nicht ausgewaschen, sondern genau richtig sind. Wie etwas, das man trägt ohne zu merken, das man es schultert, weil es kostbar ist und nicht selbstverständlich und schon gar nicht unverwundbar. Erst ansehen, dann wissen, dann lächeln, sich dann zur Musik bewegen, aber in Slow Motion. Immer noch wissen.

„Genau jetzt darfst du dich freuen“, sagt J. an der Straßenecke vor dem Rossmann, „das ist jetzt der Zeitpunkt, da sollst du fahren und summen und an nichts anderes denken als das, was jetzt ist.“ Nicht am Faden ziehen, ihn auch nicht abschneiden, einfach achtgeben auf uns, damit sich nichts aufribbelt, „nicht zu oft waschen“ schrieb man früher auf Waschanweisungszettel.

It’s nine o’clock on a saturday. Regular crowd shuffles in. There’s an old man sittin‘ next to me. Makin‘ love to his tonic and gin. He says son can you play me a memory? I’m not really sure how it goes. But it’s sad and it’s sweet and I knew it complete when I wore a younger man’s clothes. (Billy Joel)

What if

Die Luft und das Gras rochen noch wie im letzten Herbst, selbst das Licht hatte etwas von damals, der kleine Weg an der Tankstelle vorbei, die flackernden Lichter, diese Menschen in der Bahn, die genau diese Bahn an einem anderen Tag nie genommen hätten, aber man sah ihnen an, dass sie sich nicht umsonst auf den Weg gemacht hatten. Irgendwas war da. Das Schiff, das Hertha heißt, lag auf Stelzen. Im Herbst war da noch kein Schiff gewesen, sondern nur was wir wollten von diesen Tagen und was alles genau deswegen anders lief und dass sich die Welt danach verschluckte und zwar so sehr, dass sie ganz rot geworden war und sich nicht mehr bewegte für einige Zeit und dass man nicht so genau wusste, ob man das hinbekommt. Also dass man es hinbekommt, das hatte man all die Jahre irgendwie verinnerlicht, aber wie genau, und welcher Schritt würde eigentlich der nächste sein? Ob überhaupt ein Schritt? Oder nicht gar ein Satz? Ein Rückrudern? Irgendeine Ausweichbewegung? Vielleicht sogar, auch wenn man nicht im Traum daran gedacht hätte, – nein.

Also trotzdem. Jetzt liefen wir über den Rasen, mit dem Wissen, dass der kalendarische Frühling schon begonnen hatte, mit dem Winter im Rücken und im Nacken und zwischen den Wirbeln, der Frühling riecht noch immer so wie immer, ach was, und wir saßen auf den Stufen im Sendesaal, scannten all die Gesichter, duckten uns weg, auch vor dem Licht. Es war die ganze Zeit halb elf, weil niemand an die Uhr gedacht hat. Halb elf, seit sie stehengeblieben ist. Immer halb elf.

Hauschka verdrosch dann drei Klaviere, man konnte die Reflexionen der Anschläge an der Saaldecke sehen, er klebte Gaffa auf die Saiten, und die Angst verprügelte er gleich mit. Neben dem Funkhaus waren mir die Worte weggerutscht und die Gesten und ich hatte genug damit zu tun, mich nicht im letzten Herbst zu verheddern und in der Erinnerung und diese mit dem Frühling nicht allzu sehr zu vermischen, aber auch nicht zu wenig. Also bestellten wir das Bier und auch den Wein in kleinen Flaschen und lachten, als jemand über den Stufen „Oh hiiiii, Susanne“ rief und alle nachmachten, wie er das sagte, und vor, wie man es tut. Also darüber zu lachen. Sich mit hinüber zu lachen. Auf die andere Seite, auf der man ja wieder eingezogen ist.

Auf dem Feld einen Tag später fuhr eine Frau mit dem Fahrrad, die sang so laut, wie ich singen würde, wenn ich es mich traute.

Heute lag dann plötzlich das Wort „Argwohn“ im Raum. Ein paar Stunden zuvor war jemand an mir vorbei geradelt, der brüllte in seine Kopfhörer und das Mikrofon an deren Kabel, als gelte es das Leben. Man weiß das ja nie so genau, vielleicht tut es genau das, er vergaß, den Arm rauszuhalten. Auch das ist am Ende nachvollziehbar, wenn man es sich genau überlegt. G. sang dann in meinen Kopfhörern dieses eine Lied, das abschirmt, wofür der Tag dann ein Wort fand, den Argwohn. Das eine Lied. Und die Blumen zuhause. Und dass wir bald wieder an einem See sitzen werden und wissen, wie er gerochen hat all die Jahre zuvor. Man erinnert sich irgendwie immer erst dann, wenn man muss. Man wird nichts überprüfen und vergessen zu denken und dem Morgen beim Ankommen zusehen. Es ist wahrscheinlich immer halb elf, man weiß das nie so genau.

Untersicht

In den Tagen zu Hause, in denen ich gehustet und gerotzt habe und das viel zu lange, kam ich irgendwann in diesen Status des sich Ergebens. Hätte ich mich besser bewegen können, hätte ich mich wahrscheinlich auf den Wohnzimmerboden neben den Sofatisch gelegt und wäre einfach da liegen geblieben. Zum einen weil die Yoga-Adriene das immer sagt, dass man sich hinlegen und ergeben soll und dass es doch schön sei, wenn einen der Boden stütze, nicht nur an einer Stelle, sondern an der ganzen Körperrückseite. Bis zu ihren Worten damals hatte ich Liegen noch nie so gesehen. Jedenfalls wäre ich da liegen geblieben und hätte von unten geguckt, weil ich glaube, dass das auch ganz heilsam sein kann, eigentlich für alle, sich einfach mal hinzulegen für eine Weile und aus einer anderen Höhe zu schauen. Auch draußen an der Bushaltestelle vielleicht, im Bus drinnen, wo immer alle nölen, oder beim Warten. Einfach im Liegen warten. Alle. Ich glaube, im Liegen würden alle weniger motzen und hupen. Vielleicht lernt man dabei wirklich was, wie im Schlaf, wo man es nur so schlecht spüren kann, weil man all die anderen Dinge spüren muss, die einem das Unterbewusstsein so hinwirft, weil es am Tag keine Zeit hat und sich um andere Dinge kümmern muss. So ein Tag, an dem alle liegen und höchstens mit Skateboards unter dem Bauch durch die Stadt rollen, wäre mir sehr recht. Man sieht den Himmel und man sieht den Staub und vielleicht vergisst man das nicht sofort wieder, wenn man sich aufrichtet, das ist ja alles immer irgendwann vorbei, deswegen brauchen Leute Erinnerungstage und Gedenktage und Besonderheitstage, weil man immer alles gleich wieder abschüttelt und einen jemand antippen muss, damit man es wieder spürt, wenn auch entfernt, aber wenigstens kurz. Jedenfalls gibt es ein paar Menschen, die gehören zu der Sorte, die den Staub immer im umgekrempelten Hosenbeinende mit sich herumtragen, die schleppen das den ganzen Tag mit sich, was sie gesehen haben, und das muss nicht immer nur schlimm sein, das kann auch ganz gut sein für die eigene Geschwindigkeit, die Gangart und wie man so spricht mit anderen, wie man sich so gibt mit anderen und was man so will von anderen. Und von sich selbst. Die leeren die Taschen nicht sofort aus, sondern behalten noch ein paar Wochen und Monate länger unsichtbar am Körper, was ihnen begegnet ist. Den Himmel halt auch.

It’s gonna feel like shit for a while and one day it’s gonna feel less shit.“ (Claire in „Please Like Me“, was ich nur angeschaut habe, weil Patricia es so empfohlen hat, und dann war es plötzlich das Bezauberndste auf dem Bildschirm seit langem)