Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Die sechsundvierzigste Woche Jahr

Baum

Eine kleine Maus frühstückte in einer angebrochenen Käsepackung auf dem Gehweg. Gern hätte ich ihr ermutigend den Kopf getätschelt, weil sie zitterte vor Angst, schließlich flogen an ihr ständig riesige Füße vorbei, und doch einfach sitzen blieb und weiter mampfte. Das mit dem Tätscheln habe ich dann aber gelassen, man bekommt doch so leicht Schluckauf beim Essen, und die Niedlichkeit einer kleinen Maus mit Schluckauf in einer Käsepackung auf dem Gehweg würde ja sowieso niemand aushalten.


Trump. Es war so ein Morgen wie bei vielen anderen Menschen, als die Eilmeldung das erste war, das ich von der Welt außerhalb des Zimmers mitbekam. Und dann das Sprechen über die Situation. Die einen wütend, traurig, die anderen sprachlos, zickig, erschüttert. Aber auch das wieder nur Reaktionen im engen Raum. Es sind ja noch so viele Räume übrig. Es ist seltsam zu sagen, ich rechnete damit. Genauer eher, wenn ich sage, ich ahnte, dass sich die anderen Menschen wieder zu Wort melden. Dass das Schwelende einen Ausdruck bekommt. Aber jetzt gibt es einen Beweis für das Grundgefühl, für den dunklen Ton, den man schon eine Weile hören konnte. Hierzulande auf RTLII, in den Vorräumen der großen Kinos, in der U8, der U6, bei Netto und Lidl, aber auch der Sauna, hören Sie mal hin, auch dort, wo zerquetschte Frucht einen Zehner kostet, hören Sie da mal hin, wo man es sich leisten kann. Man spricht von Angst ums Vermögen, jetzt wo doch all die Geflüchteten ins Land kommen. Man spricht von Angst vor dem Bürgerkrieg auch hier schon, hören Sie mal hin. Und wir fragen uns in all den Tagen nach der Wahl, wo und an welcher Stelle genau wohl Ehrenämter ansetzen. Wie viele davon eigentlich herumliegen und nicht angezogen werden. Und wie sich Gesellschaft dann ja eben doch aus den einzelnen zusammensetzt, die sich immer vorkommen, als wären sie zu wenig, als würden sie nicht genügen, und dabei vergessen, dass es jedem so geht. Während sich das Einzelne und jeder Schritt in der Masse dann wieder addieren. All die kleinen Handgriffe, Schritte, Minuten, die man hergibt für etwas, für das man nicht sofort eine direkte Belohnung bekommt. Wir müssen uns dieses Hündchen-Ding abtrainieren. Wieder mehr Dinge tun, für die wir nicht beklatscht werden. Und wir müssen anderen davon erzählen, Angebote machen, immer wieder darüber nachdenken und vor allem sprechen. Auch mit jenen, die vielleicht nicht zustimmen. Mit denen wir nicht befreundet wären. Diskutieren ohne einander sofort den Mund zu verbieten. Unterschiede aushalten. Ich glaube gesellschaftlich noch immer an die vielen Säcke Reis, die eventuell doch nicht umfallen, wenn sich ein anderer Sack daneben stellt.


Auch noch ein Gedanke aus den Tagen danach: die Dankbarkeit für meine persönlichen Role Models. Die ich erst spät fand, aber schon früh suchte. Von der Wichtigkeit weiterzumachen, nachdem auch die meisten Frauen in meinem Umfeld viel entsetzter waren vom Ergebnis der Wahl oder es zumindest offen zeigten als die Männer, wenn der Zynismus sie nicht schon überrollt hatte. Im neuen Jahr werde ich diese Abendessen veranstalten. Frauen, die sich austauschen und neue Frauen hinzu holen. Mit anderen Hintergründen, Erfahrungen, Wünschen und Problemen. Weil wir nicht aufhören sollten, füreinander da zu sein, uns auszutauschen, unseren Dunstkreis zu erweitern. Wer Interesse hat, mehr zu erfahren und/oder dabei zu sein, kann sich gern melden. Auch eine Liste mit Institutionen in Berlin, bei denen man sich engagieren kann für Jugendliche, Kinder oder geflüchtete Menschen, gerade in den Bezirken Kreuzberg und Neukölln, leite ich gerne weiter.

Die fünfundvierzigste Woche Jahr

Neukölln

In der großen Brauerei, die jetzt ein Museum wird, kann man einen Film sehen, der 1000 Jahre lang sein soll. Eventuell sein wird. Ein digitaler Nachbau des Olympiastadions wird nach den aktuellen Berliner Wetterdaten von einem Algorithmus zerfressen. Nach und nach. Ein digitaler Bau wird von echtem Wetter digital abgetragen Stück für Stück und man kann ihm dabei zusehen, soweit die eigene Wahrnehmung eben reicht. Das wird nie genug sein, aber genau so ist es erdacht. Auf dem Balkon draußen, nachdem wir Pflastersteine aus Gips und gemalte Flachbildschirme angeschaut haben, fällt mein Blick wieder auf den Fernsehturm und die Stadt leuchtet orange und ich werde dieses Blickes niemals müde sein. Weiter unten tragen vier junge Frauen lachend einen riesigen Buchstaben aus einer Lagerhalle heraus und lassen ihn beinahe fallen, es ist ein C. Auf den Platz davor werden wohl in naher Zukunft Bäume gepflanzt.


Der Montag ist der erste Tag, an dem es stockfinster ist, als ich aus dem Büro komme. Wenn man im Bus steht, sieht man nicht mehr, wo man hinfährt, man muss sich jetzt erst wieder an diese Karten aus Lichtern gewöhnen, die Orientierung neu einstellen, damit man weiß, die Kurve kommt nach dem großen roten Fleck und wenn es dreimal gelb geflackert hat, muss man aussteigen. Man könnte ja auch laufen, man wird auch wieder laufen, aber jeder Weg hat seine Zeit und jeder Tag seinen Weg.


Dieser eine Tag vor sechs Monaten, kurz nachdem ich einfach damit begonnen hatte, vor allem wieder im Jetzt zu leben, nicht mehr im Irgendwann oder im Früher, das ist mir zu häufig passiert in der Vergangenheit. Einige Wochen zuvor hatte ich Lösungsmittel gekauft und großflächig aufgetragen auf bestimmte Sätze und Situationen und alle möglichen Gewichte an diversen Stellen. Wie so eine Comicfigur bin ich rumgelaufen in einem raschelnden Maleranzug und habe mit einem Eimer in der Hand alles angepinselt und mich kurz danach in die Mitte des Raumes gesetzt, zweifelnd und vor allem erschöpft und am nächsten Morgen aber war alles gut, so gut wie lange nicht und dann war alles wieder leichter. Manchmal muss man Dinge tun und sich danach einfach ausruhen und dann ist’s okay. Das Prinzip war eine ganze Weile kaputt, aber zu diesem Zeitpunkt ist es zurückgerutscht in seine Form, in seine Bewegung. Manchmal braucht es Zeit, und ich lernte diese eine Form von Geduld auch erst in den letzten Jahren. Jedenfalls bin ich an dieser Straßenecke dann gestolpert und erst habe ich mich ziemlich erschreckt und jetzt ist es vermutlich das Beste, was mir seit langem passiert ist.


Der Mittwoch war mit dem Sonntag das einzige Sonnenlicht seit langem und ich bin dann morgens gelaufen ins Büro, die Luft war so kalt, ich hatte beinahe vergessen, wie sich das anfühlt, im Laufe der letzten Monate, den diesjährigen Sommer habe ich als so schön lang in Erinnerung, dass der ganze kalte Rest erst jetzt vom Gehirn wieder hervorgeholt wurde, das ist in Ordnung, die Wangen waren rot danach, jetzt quetscht man wieder Handcremetuben und unterhält sich über verschiedenfarbige Fussel.


Ich mache mir seit langem mal wieder Gedanken über Kinderbücher. Sollte man mehr tun. Sich überlegen, was man gut fand, und ob das immer noch Sinn macht oder nicht und was man eigentlich vorlesen und vertreten kann. Ich höre immer noch das Klackern der alten Gasheizung, wenn ich an Astrid Lindgren denke, und ich hatte dieses eine Buch, „Ferien auf Saltkrokan“, auf dem das Foto von dem Mädchen mit den Zöpfen und diesem dicken Hund aufgezogen war. Als ich es bekam, roch es druckfrisch nach Plastik und Farbe und ich dachte damals, so würde es auf Saltkrokan riechen, also ganz anders als zuhause, und später ritzte ich mich mal mit dem Fingernagel aus Versehen einen Kratzer in den Himmel, eine Delle, ich ärgerte mich lange darüber, der Duft aber verging schnell. Ich hatte Angst vor den grauen Männern bei Momo. Ich liebte die Steinbeißer von Michael Ende. Und ich liebte Franz von Christine Nöstlinger, der wegen seiner blonden Locken immer für ein Mädchen gehalten wurde, ich mit meinen kurzen Haaren häufig für einen Jungen. Was ich nicht mehr kann, ist die Bücher einzelnen Jahren zuzuordnen, sie verbinden sich alle zu einem Gefühl, ich weiß noch, wie ich immer in die Bibliothek rannte, um Kassetten und Bücher zu holen, schnell auch selbständig und allein und wie ich zuhause alle Schätze aus dem Rucksack holte und vor mir aufbaute, als wollte ich jederzeit sehen, was nun eine Woche halten musste. Das, und Cornflakesmilch.

Die zweiundvierzigste Woche Jahr

Mallorca

In diesen Tagen ist Freundschaft so wichtig wie selten. Die Freundschaft zu diesen Menschen, vor allem zu den Frauen meines Lebens. Als dieser eine schlimme, schwarze Anruf kam letzte Woche, wurden mir die weggerutschten Füße von den Frauen um mich wieder neu montiert, sie zittern noch, aber die rutschen nicht weg, weil daneben andere Füße stehen. Die von denen, die mir am nächsten sind. Die von denen, die mich seit Jahren kennen oder noch gar nicht so lange, aber dafür sehr gut. Die von denen, mit denen ich mich streiten kann, ohne kaputt zu gehen. Von denen, um die ich mich sorge ohne in Panik zu verfallen. Von denen, neben denen ich sein kann, wenn die Umstände besonders beschissen oder besonders wundervoll sind, in jedem Fall extrem und so, dass man nicht jeden aushält nah an sich. Ich habe gesehen, wie viel mehr Zeit ich eigentlich bräuchte, um noch mehr zu erfahren von ihnen, und gleichzeitig haben wir alle nicht so dramatisch viel davon und treffen uns in diesem Verständnis. Freunde als selbstgewählte Familie ohne Zwänge. Freunde als selbstgewählte Lieben. Freunde als Lieblingsraum, dem man sich widmen muss, weil er sonst Staub ansetzt oder man ihm entwächst. Freunde als Wachstumsschub, wenn man es hinbekommt, sich nebeneinander zu entwickeln, zu stützen und zu schützen, ohne sich einzuschränken, zu verletzen, zu entblößen. Und es gibt dieses eine Lied von der höchsten Eisenbahn, in der sie singen, dass echte Freunde sagen „Geh, wenn du willst, es ist egal, wo du bist, ich warte auf dich“, bei dem ich direkt beim ersten Mal hören sofort wusste, wen ich meine damit, wen ich hoffentlich für immer meinen werde damit und dass das nicht einfach weggeht und sollte es dennoch irgendwann aufhören, dann wird ihr Platz in all dieser Zeit glänzen, da bin ich mir sicher, diese Zeit wird nicht anlaufen, dafür war und sind diese Verbindungen zu sehr, wie sie eben sind. Denn gerade hier schaut man nicht auf alles, nicht zu sehr auf Verfehlungen, man nimmt sich so und arbeitet nicht mit Beton, niemals mit Beton. Wir stellen die Füße nebeneinander und das genügt, das genügt jederzeit. Ihr seid mir immer genug.

Die neununddreißigste Woche Jahr

Güstrow

Die älteren Damen tragen gern Taschen mit Tiermustern. In Güstrow kann man Gladiolen vom Straßenrand kaufen, daneben der Penny samt lila Bäcker. Über dem Gewerbegebiet ständig Schwärme von Vögeln. Dahinter Felder und Wald und Gärten mit Zierbrunnen, Gartenzwergen, Tüchern in den Fenstern, die für alkoholische Getränke werben, Campari und sowas, der Druck ist verrutscht, man verwendet vor allem Lila, das sieht modern aus. Hat der Bäcker auch verstanden. Im Dorf dann eine Kirche, die renoviert wird, die Lücken werden mit alten Feldsteinen gefüllt, auf dem Friedhof ist noch viel Platz. Der Bus kommt an Schultagen einmal morgens, einmal am Nachmittag, donnerstags kommt ein Sonderbus. Auf der Koppel stehen drei Stuten mit ihren Fohlen und eigentlich ist immer Wind, soviel Wind, als käme hinter der nächsten Kurve oder Baumreihe das Meer. An der Tankstelle fragen, ob es in den umliegenden Dörfern einen Bäcker gibt. Gibt es nicht. Der nächste ist in Güstrow. Die Dame hinter der Verkaufstheke schaut entschuldigend, enttäuscht, vielleicht traurig. Es habe mal einen gegeben, aber das sei eine ganze Weile her. Vor der Tür stehen die Motorradmänner beisammen, einer trägt ein gebatiktes T-Shirt in Regenbogenfarben. Sie reichen eine Flasche Mineralwasser herum und rülpsen dann nacheinander in ihren Kreis.

Später kommen uns drei ältere, viereckige Herren auf ihren Simsons entgegen, sie gucken grimmig und sitzen auf den kleinen Maschinen, als täten sie das bereits seit vierzig Jahren. Es besteht eine reelle Chance, dass Hosenstoff und Sitzüberzug bereits ein wenig miteinander verwachsen sind. Am Morgen steht immer mal ein Reh im Garten, sie kommen immer allein, fressen die heruntergefallenen Äpfel und Birnen, zupfen an den Sträuchern, mümmeln das hohe Gras. Als der Marder auf die Terrasse hüpft, schaut das Reh beinahe empört. Man kennt sich, vielleicht. Der Bodenleger im Ort hat das „Parkett“ auf seinem Schild im Vorgarten durchgestrichen, das will hier keiner mehr. Laminat und PVC macht er noch. Das Gemeindezentrum steht ohne Aufgabe herum, dahinter parkt nur noch das große weiße Wohnmobil. Mitten im Ort hängt ein CDU-Plakat: „Herz. Heimat. Heiko.“ Heiko ist von Beruf lachender Schornsteinfeger. „Vermutlich das fröhlichste CDU-Plakat der ganzen Bundesrepublik“, sagt F. Dahinter steht die Pumpe, die nicht einmal mehr einen Abfluss hat. Der Briefkasten, die Bushaltestelle, ein Parkplatzhinweisschild, das um Aufgabe bettelt. Als gäbe es hier nicht genug Platz, doch jeder braucht eine Aufgabe, auch das Schild. An dem großen Scheunentor hängen keine Plakate mehr, aber noch all die Klammern aus anderen Zeiten.

Die Äpfel sind sauer, aber man kann sie verbacken und trinken. Am Morgen spielen wir auf der Eingangstreppe Backgammon, man muss immer dort sitzen, wo die Sonne ist. Am Abend fahren manche noch aufs Feld und holen den Mais rein, die Ränder erwischen sie immer nicht ganz. Hinter den Hecken wird die ganze Zeit gerödelt, man hört die Menschen ständig Dinge tun. Wenn die Gärten offen sind, bewegt sich nichts. Im Penny fragt ein Junge in Begleitung seiner Mutter nach einem Praktikumsplatz, es scheint ihn Überwindung zu kosten, sie stehen neben den Konserven nahe der Kassenschlange. Die Angestellte lacht und aus ihrem Mund ploppt eine Absage, als wären die Worte ein Kaugummi, der nicht mehr schmeckt. „Machen wir nicht mehr“, sagt sie und zieht die Augenbrauen nach oben, als hätte man das wissen müssen. Die Schultern des Jungen hingen schon vorher, aber sein Blick schleift nun auf dem Boden.

Die siebenunddreißigste Woche Jahr

Drops

So lange die Dinge nicht aufgeschrieben, jedenfalls nicht hier. Wenn sich die Zeiten ändern und mit neuen Dingen füllen, ändert sich häufig auch irgendein Format. Man sortiert anders ein. Wenn die Welt an einem vorbeirauscht und man keine Zeit hat, dem einen oder anderen dabei zuzusehen, sich zu setzen, wirklich anzukommen. Dann ist auch das ein guter Zustand. Jetzt ist der September da, die ersten Kastanien lagen heute auf dem Boden, vielleicht wird es jetzt ruhiger. In meinem Kopf spielen die letzten Wochen Flipper, das war vermutlich das, was man einen guten Sommer nennt. (Also der im engen Umkreis, da draußen steht die Welt in Flammen ständig.)

Und dieser innere Sommer ist vollgestopft mit Sachen. Mit Sprachlosigkeit nach diesem Dokumentarfilm über die Atombombe, den Mogwai live vertonten. Ich glaube, ich habe erst nach einer Stunde wieder wirklich ausatmen können, der Rest war eine einzige Verkrampfung in der Lautstärke, weil Augen und Ohren so angestrengt wurden, dass Nase und Mund überhaupt nichts mehr mitbekommen haben, keinerlei Bedürfnis ohne Restwelt. Erst stapelten sich die Besucher die Friedrichstraße hinunter, ich mochte das Lächeln all jener, die sich daran vorbeikämpften und wussten, da warten welche auf etwas. Und ich mochte die Aufregung der anderen, die wirklich warteten auf den Lärm und diese körperliche Erfahrung, die Mogwai immer sind.

Und dann war da noch Amerika, das hat sich noch immer nicht gesetzt, diese Reise und die vielen Stunden auf der Rückbank zwischen quietschenden Pressspahn und Motorengeräusch und dem Blick nach draußen, und sowieso die Bestätigung all dieser filmischen Bilder, die ich immer so im Kopf hatte in diesen zehn Jahren, in denen ich nicht im Land war, man möchte sofort eine eigene Serie schreiben eigentlich in diesem Camper, weil man darin gezwungen ist, sich alles dreimal zu überlegen, bevor man es macht, weil man sowieso gezwungen ist zu überlegen, wenn man fährt. Gibt es eigentlich eine Roadtrip-Serie?

Und weil jetzt September ist, und man in diesen Texten, die ein Versuch sind, wieder ins Schreiben zu kommen nach all dem Tun, jeden Satz mit Und beginnt, denkt man plötzlich nicht mehr voraus, sondern schon wieder zurück. In jedem Jahr geht es mir so, dass mir mein eigener Blick in der zweiten Hälfte eher nach hinten fällt. Und dieses Mal gibt es so viel zu sehen, das sich noch nicht gesetzt hat in meinem Schneekugelkopf. Da war noch Kroatien, auch eine der besten Wochen dieses Jahres, jetzt schon, das weiß ich. Es könnte eh sein, dass ich später sagen werde, das war so ein Reisejahr. Weniger schreiben, mehr tun, um dann wieder mehr zu schreiben. Was anders ist als früher: die Dinge brauchen mehr Zeit, um einen Platz in mir zu finden. Der Anspruch an Vollständigkeit ist nicht mehr so wichtig.

Und dann ist da noch die Liebe und zu der könnte man viel sagen, aber stattdessen juchzt man leise und taumelt ein wenig durch diesen beschwipsten Alltag ohne die Form zu verlieren. Man gewinnt höchstens an Weichheit, nicht an der, die einen kleiner macht, weil man in sich zusammensackt, sondern die, mit der man anders durch die Welt geht, weil einen immer etwas anschiebt, hinlegt, zudeckt. Vielleicht ist es eher eine Form neuer Geschmeidigkeit, die ich zu schätzen weiß.

Heute morgen lief D. vor mir über die Straße an der Ampel. Ich erkannte ihn von schräg hinten an seinem Gang, ich lese seine Texte, wir sind Nachbarn, wenn man so sagen mag, glaube ich, aber wir haben noch nie miteinander gesprochen. Seine Bücher stehen in meinem Schrank, heute morgen dachte ich: Da hüpft die Literatur. Die Blätter fallen einem ja jetzt beim Fahrradfahren wieder in den Schoß, die Notwendigkeit einer Jacke habe ich noch nicht akzeptiert. Noch sitzen wir abends und spielen Backgammon und hören den Menschen beim Quietschen zu. Um acht ist es dunkel, aber was soll’s.


Lieblingsdings diese Woche
Sue hat ein neues Format für sich entdeckt, den Newsletter. Man kann sich anmelden, dann schreibt sie einem E-Mails.

Die einunddreißigste Woche Jahr

Freibad

An diesen Abenden aus Müdigkeit und Hitze klopft die Welt von innen und außen gleichzeitig an den Bauch und das Hirn und das Herz und am Ende müssen wir einen neuen Eingang finden und einen neuen Ausgang und vor allem Wege für das Gefühl und die Haltung dazwischen. Denn nichts verlässt dich so, wie es dich betreten hat, und gerade jetzt nicht. Ja, gerade jetzt nichts. Wir werden einen Umgang finden müssen, vielleicht nicht sofort eine Therapie, weil es ja schon etwas bringt, auch erst einmal zu verharren, bevor man hastet und sich eine Konklusion sucht, das, was geschieht, erst einmal zu betrachten und nicht sofort alle Gefühle zuzulassen. Sowieso: wieder eine Reihenfolge finden für die Dinge und wie sie geschehen. Ansichten sich nicht entwickeln lassen, sondern selbst entwickeln. Von mir aus jeden Tag darüber reden, aber nicht mit allen und nicht sofort laut, sich Zeit geben zum Ausloten, weil uns niemand zwingt zur sofortigen Reaktion, weil uns niemand nötigt, vor Publikum eine Sekunde später etwas zu sagen. Man vergisst schnell, wie es sich anfühlt, nichts zu sagen und wie nützlich das sein kann, auch wenn man es häufig anders gelernt hat.

Dieses Gefühl des Schwebens, wenn man mit dem Auto über mehrere Stunden über die Autobahn fährt, diese schwere Müdigkeit und wie der Kopf anfangs noch denkt und später nicht mehr denkt, sondern einfach nur noch sieht, Farben und Tiere und Häuser und nichts davon hat irgendeinen Bezug, das ist wie beim Fliegen, ich mache am liebsten nichts parallel, ich schaue nur, das konnte ich früher nicht.

Wieder vom Sterben lesen. Wieder an das Sterben denken. Das Fast-Sterben und die, die gestorben sind. Die, die dann doch nicht sterben wollten und die, die keine Wahl hatten. Immer wieder das Gefühl, das noch einmal aufschreiben zu wollen, zu müssen, am Ende aber kapitulieren, weil das nicht mehr geht, weil der Anspruch sich verschoben hat, die Umarmung dieses Themas kann keine mehr sein, jedenfalls keine, die ich gerne mache, keine, die eine herzliche wäre. Dafür war alles zu nah und zu laut und dafür hat es zu lange gedauert, mich davon zu entfernen, aber jetzt aus dieser Distanz spüre ich noch einmal mehr, was mir das alles beigebracht hat, einen anderen Blick auch, manche Sachen sieht man nur von hier so in dieser Art und Weise, manches muss man nicht mehr sagen, manches dafür umso mehr.

Ich sage Opa am Telefon, wie gut er gerade klingt, ob er gut drauf sei. Er antwortet: „Ich bin nie drauf, ich bin immer drunter. Das ist in meinem Alter so. Wie gut drauf, nur umgedreht mit dem Kopf nach unten, aber auch gut, ja.“

Sophie Hunger sehen, und das ist wirklich ganz großartig, auch weil sie da keine Barriere hat in ihrer Euphorie, in ihrem Moment, in dem sie so ist, ihre Bewunderung zu sehen für jene, die mit ihr auf der Bühne stehen, alle zusammen wirklich gute Musiker. Und der Nieselregen und diese eine Hand im Rücken und sowieso.

Währenddessen versuche ich, die alten Bilder von den USA zurückzuholen, ein Gespür für das, was ich vor zehn Jahren sah in Washington in diesem kalten Winter, als es aus den Gullis dampfte und das Eis in jedem Fenster hing. Ich weiß noch das Trampolin auf dem Land, die Weihnachtsdekoration in den frühlingshaften Vorgärten, die kleinen Pfirsichbäume, die Spielzeugpistolen und Schränke voller Vorräte, die Pappteller und Pappbecher, das Plastikbesteck und dass die Kleinen sich auf die Kirche am Wochenende freuten, weil das die einzige Gelegenheit war, mit anderen Kindern zu sein, ich weiß noch vom Vorlesen und den Rüschen an der Bettwäsche, von den Fernsehern und Fox News und diesem unverschämt blauen Himmel und vor allem von meiner Sprachlosigkeit und der Beklemmung dahinter.

Die zweiundzwanzigste Woche Jahr

Opi

Wir sitzen im Park an einem der heißen Tage und in der Wiese ist ein Loch, in das immer mal jemand fällt, und wir wissen nicht genau, ob es ein Absichtsloch ist, wir sitzen ja schließlich in sicherer Entfernung auf mehreren Decken, aber wenn einer dieser Spaziergänger, die sehr aufrecht spazieren, wenn einer von denen kurz nicht aufpasst, dann schauen wir alle und manchmal strauchelt jemand und fällt kurz aus der Form, aber dann kommt der eine Mann, der sich hineinlegt, in das Loch, als würde er das jeden Tag tun. Wir können das nicht überprüfen, aber er liegt dann da mit den Unterschenkeln auf dem Rand und den Armen abgelegt wie auf einer Badewanne und die Sonne scheint ihm auf den Kopf und als wir uns das nächste Mal umdrehen, ist er weg.

Rainer Langhans veröffentlicht dieses eine Foto von Jutta Winkelmann auf Instagram und ich weiß gar nicht mehr, wo ich bin, als ich es sehe, aber ich stocke, das weiß ich noch sehr genau. „Jutta übt Sterben“ steht darunter. Und ich denke erst, das ist ein Witz. Dann google ich. Dann weiß ich, er meint das so. Die deutsche Öffentlichkeit sieht nicht so häufig Menschen sterben, wir legen das ja gern noch weg oder schalten um, oder tun so, als wären die Nachrichten und die Konsequenzen und all das ganze andere Unangenehme, als wäre das doch irgendwie zu verkraften, wenn wir lange genug nicht hinhörten. Jedenfalls sieht man auf dem Foto davor einen jungen Mann in einem Holzhaus sitzen, und auf dem Foto danach Heidi Klum auf einem ZEITmagazin-Cover und mir fällt kein kluger Gedanke ein, aber ich frage mich dann, ob er sie eigentlich gefragt hat, ob er das Foto posten kann, und komme mir sofort lächerlich vor dabei, denn eigentlich spüre ich vor allem, dass es mich rüttelt, dieses Bild, und dass das gesund ist.

Wir sind mit A. und C. und M. auf dem Spielplatz und die Kinder klettern gerade unter die Drehscheibe, als vor dem Zaun ein kleiner Junge steht und darüber motzt, dass wir unsere Decken auf der Drehscheibe ausgebreitet haben und darauf ein kleines Picknick machen, er wütet und schimpft und zielt mit seinem Stock auf uns. Ich denke erst, das ist ein Witz, gleich wird er lachen, aber lachte nicht, und wütete weiter, aber blieb stehen, wir stellten ihm Fragen, sehr freundlich. Warum er so wütend sei. Ob er nicht lieber mit uns picknicken oder zumindest spielen wolle. Nach jeder Tirade kommt er ein paar Schritte näher auf uns zu. Seine Drohungen reichen von Schlägen bis zum Erschießen. „Ich schlitze euch auf“, sagt er und fuchtelt mit seinem Stock und wundere mich über die viele Spucke, die er vor Ärger verliert, und weniger vor Ärger über unsere Decken auf dem defekten Spielgerät, als mehr darüber, dass seine Drohungen nicht funktionieren. Wir laden ihn ein zu Limo und Keksen, er flucht weiter und sagt uns, was nicht alles verboten sei, und da ist mein Mitleid schon babyelefantengroß, er trinkt durstig aus der Limo und schaut sich um und hört nicht auf zu fluchen, jetzt aber leiser, also über uns und dass er uns bestrafen würde, und dann ruft ihn sein Vater zu sich und kommt uns entgegen, ermahnt ihn wegen der Limonade und das Kind ist nun ganz still und sagt kein Wort mehr. Wie fragen noch einmal nach der Lösung mit dem Aufschlitzen, also ob das wirklich seine präferierte Maßnahme sei, jetzt wo wir doch so nett Limo getrunken hätten, und der Vater hängt irgendwie in der Luft zwischen Betroffenheit und einem Ton, den ich nicht deuten konnte, aber das war irgendwas anderes, irgendetwas mit Empörung. Später unter der Rutsche treffe ich den kleinen Jungen wieder, erneut verheddert er sich stotternd in seinen Tiraden von aufgeschlitzten Gesichtern und Körpern, alle Bäume würden in kürzester Zeit auf uns niederstürzen, wenn er das nur wolle und wir würden all unsere Arme und Beine verlieren. Es klingt so albern, aber ich hole eine neue Flasche Limonade und gebe ihm die Hand und sage: Schau, ist noch dran. Und dann ist er wieder still und trinkt und malt mit dem Stock ein Bild in den Sand. Ich hab noch lange an ihn gedacht.

An der Tür von Opa hängt ein Zettel. Dort schreibt er die Dinge auf, die nicht so gut laufen. Das Gehen zum Beispiel. Manchmal vergisst er aus dem Nichts Dinge, deswegen schreibt er sie auf. An die hohe Matratze hat er sich gewöhnt, aber um die Pflanzen im Garten macht er sich Sorgen, die großen und kleinen Zwiebeln, das müsse man richtig machen, sonst werde das nichts. Später beim Essen sitzen wir an den rosa Tischen und er füttert die Spatzen. Eines der Dinge, die er aufschreibt, ist, dass er die Dinge vergisst.

Die einundzwanzigste Woche Jahr

Brandenburg

Der Zug aus Berlin hinaus ist voll. Das Paar neben uns diskutiert den Umbau ihrer Küche, er weiß, wie sie das machen soll, er teilt ihr die Planung mit, sie ist sich nicht sicher, aber nickt. Beide sitzen barfuß auf ihren Plätzen, bis andere Leute kommen und sich dazusetzen. Die obligatorische Gruppe Betrunkener ist auch anwesend, manchmal meldet sich einer von ihnen zu Wort, immer derselbe. Es scheint, als würden alle Gedanken einfach direkt nach Produktion aus ihm herausfallen. Wo das Bundesland Brandenburg beginnt, sieht man Deutschlandfahnen in den Vorgärten, nicht einmal nur auf den Schreberflächen, sondern auch dort, wo Menschen dauerhaft wohnen. Sie hängen aus dem Fenster, bekommen einen eigenen Mast, sind Accessoire und Aushängeschild zugleich. Erkennungszeichen einer Zone. Brandenburgs Bahnhofsvorplatz wurde ordentlich renoviert, es gibt einen Laden für Hauschka-Kosmetik, einen Biomarkt, einen Bäcker, einen Imbiss mit Metallstühlen und Sonnenschirmen. Aber kaum Menschen. Die, die es gibt, sind alle auf dem Weg irgendwohin. Brötchenholen, Hund ausführen, wegfahren. Niemand verweilt auf den eigens dafür angelegten Sitzflächen. Hier war ein Sitzflächenprofi am Werk. Mit und ohne Lehne, aus Stein, aus Holz, ergonomisch geformt oder einfach nur viereckig, für angelehnten Stand oder die eindeutige Sitzposition. Niemand sitzt. Außer uns uns den beiden, die Pommes essen und Bier trinken. Hier ihnen stehen zwei Mülltonnen. Eine für Pappe, eine für Plaste. Wir laufen zum Kanal, dort liegen die Boote. Auf dem Weg begegnen wir einem Paar, sie lächeln schüchtern, sprechen nicht. Sonst treffen wir lange niemanden. Die meisten Gardinen sind zugezogen, Rollläden gibt es, als habe man sich verbarrikadiert vor etwas, das nicht kommt. An einer Hauseinfahrt steht „Hey, na“. Will man sagen, aber wem? Grundstücke und Häuser kann man kaufen, alles günstig. Wir sehen das alte Rathaus, eine Familie stolpert aus einer Gaststätte, wir fragen jemandem nach einem Geldautomaten, es dauert. Der Zahnarzt heißt Deichsel. Wir lachen beide über den Witz, den niemand aussprechen muss. Die Häuser am Bahnhof haben moderne Fassaden, das Gesundheitshaus sogar einen Dachgarten. Architektur gegen Fremdenfeindlichkeit? Uns kommt ein Motorradfahrer mit Totenkopfhelm entgegen. Auf dem Rückweg stehen die Menschen Schlange am Fahrkartenautomaten und regen sich auf, der Himmel färbt sich rosa.

Opa erzählt von der Reha. Er schaut sich die Leute meistens nur an, redet weniger mit ihnen, aber über sie. Aber das Paar, das mit ihm isst manchmal, das sei nett, sagt er, sie seien beide über achtzig, er begleite sie auf Reha. „Er ist so lieb zu seiner Frau“, erzählt er am Telefon. Dass ihm das auffällt.

Die Blitze kommen beim Einschlafen. Ich stehe noch einmal auf und öffne beide Fenster. Draußen schreit jemand „Juchhu“.

Right now, Katherine is still looking down. “See this girl,“ she says, “she gets so many likes on her pictures because she“™s posted over nine pictures saying, “˜Like all my pictures for a tbh, comment when done.“™ So everyone will like her pictures, and she“™ll just give them a simple tbh.“ A tbh is a compliment. It stands for “to be heard“ or “to be honest.“ Katherine tosses her long brown hair behind her shoulder and ignores her black lab, Lucy, who is barking to be let out. “It kind of, almost, promotes you as a good person. If someone says, “˜tbh you“™re nice and pretty,“™ that kind of like, validates you in the comments. Then people can look at it and say “˜Oh, she“™s nice and pretty.“™“ ““ Jessica Contrera für die Washington Post über ein Mädchen namens Katherine und darüber, wie es ist, 13 Jahre alt und online zu sein.

Die zwanzigste Woche Jahr

Neukölln

Ich vergesse es wieder und wieder. Aber plötzlich versucht ein Mechaniker direkt um die Ecke, die Schwenkbraterei in Gang zu bringen, während sich zwei andere Monteure über einem Generator in die nicht vorhandenen Haare kriegen. Die Autofahrer, die aus irgendwelchen Gründen, durch genau diese Gegend fahren müssen, hupen sich in regenbogenfarbene Rage, den Stau interessiert das allerdings herzlich wenig. Es scheint eher, als gefiele er sich in der Rolle des aufgebrachten Orchesters, und verweilt noch etwas. Das Karussell heißt „Kindertaumler“, ich wünsche mir leise, dass der Mechaniker nicht nur bei der Schwenkbraterei, sondern auch hier mal einen Gang hochschaltet. Vor der Bibliothek stehen bunte Zelte, dazwischen sitzt ein sehr traurig aussehender Mann, und es besteht eine reelle Chance, dass wir uns beide gerade dasselbe fragen. Zwei Tage später hüpft die frierende, aber tanzende Meute mit roten Sparkassen-Ballons über die Gneisenaustraße. „Gut“ steht in weißer Schrift darauf. Das genügt den meisten schon. Sie trinken gegen die Kälte und die seltsame Stimmung, manchmal drängelt sich ein Krankenwagen mit Sirene hindurch. „Willst du was?“ grinst uns ein junges Mädchen an und quietscht ein bisschen zu laut. „Was denn?“, fragen wir. „Kein MDMA. Nur Aphrodisiakum!“ Wir lehnen dankend ab, aber fragen, ob’s schon wirkt. „Ich bin ein rolliger Rollmops“, brüllt sie und hüpft dem Metal-Karaoke-Wagen hinterher. Aus der Wohnung über der Apotheke wummert der Beat, die Tanzenden werfen Konfetti nach unten, die, die nicht mehr hinein passen, warten unten und frieren und gucken oder knutschen oder müssen irgendwohin oder rufen Standorte in Mobiltelefone. Im Späti tragen die Verkäufer Headsets, um sich über die Bassbox hinweg verständigen zu können, die Becher mit den Redbull-Dosen sind schon vorbereitet, die Preise wurden mit Edding draufgeschrieben. Man will nicht zuviel reden müssen. Im Bulli schläft ein Polizist. Am nächsten Morgen sehen die Bürgersteige aus, als wäre dreimal Silvester gewesen. Der junge Mann im Bananenoutfit schafft es nicht, von der einen Seite des Klettergerüsts auf die andere zu springen, aber das macht nichts.

Ich kannte das kleine Stück Wiese nicht im hinteren Neukölln. Und auch den Hof mit der alten Zapfsäule nicht. Steht man drin, ist die Stadt ganz weit weg. Die Wege sind ein bisschen zu gerade und zu sauber, um den guten Willen zu vergessen, aber vielleicht muss man das gar nicht, hier wächst ganz schön viel Zeug auf ziemlich wenig Platz. Und die, deren Balkon hier rüber zeigt, benutzen ihn auch. Nur über den Zaun klettern ist verboten, das dürfen nur Kinder, die bekommen auch eine Trittleiter, wir sind jetzt erwachsen, wir müssen außen herumgehen, das ist schon in Ordnung. Man putzt hier ja schließlich noch eigenhändig das Graffiti von den Wänden.

In a strange turn of events, texting has evolved to become almost as awkward as the phone calls it made obsolete„, schreibtJenna Wortham darüber, wie Text das Telefonat ablöste und nun durch Apps wie Snapchat wieder nicht-schriftlicher Ausdruck von Emotion in digitale Konversation Einzug hält. Dieser Text ist auch so schön, weil er einordnet, anstatt sich augenrollend abzuwenden. Ich muss immer lachen, wenn Erwachsene ihre Überheblichkeit gegenüber jugendlichen Lebensstils an Apps wie Snapchat abarbeiten. Als müsse irgendetwas in dieser Lebensphase Sinn machen. Als hätten sie damals nicht von Albernheit, Momentum und zu süßen Limonaden gelebt. Als würde man in diesen Jahren irgendetwas anderes atmen als die Luft zwischen „Alles ist möglich“ und „Ich bin nur ein Atom“. Als hätte niemand früher die eigene Wirkung in Mikrozirkeln ausprobiert, Selbstdarstellung geübt, Lautstärken moduliert. Schön auch auf der Schiene daneben der Text von Nils Markwardt: „Bisweilen wirkt es so, als ob die Kulturkritik sich derart in Reflexen eingerichtet hat, dass sie sich für jene gesellschaftlichen Mikrokosmen, die sie zu beschreiben versucht, eigentlich nicht mehr wirklich interessiert. Würde sie das tun, müsste sie nämlich eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen anerkennen, also akzeptieren, dass ihre Gegenstände ambivalent sein können, dass nicht hinter jeder Abseitigkeit gleich ein „falsches Bewusstsein“ lauert„.

Wir sitzen in Neukölln auf einer dieser selbstgebauten Baumbeetumrandungen aus Holz, wir lachen laut und drücken uns die Nase an Peppis Schaufenster platt. Mäuse in einem Käsegeschäft ist auch beinahe zu comic-esk, um wahr zu sein. Aber wir sehen sie flitzen und sitzen gerade wieder, als es neben uns knallt. Erst vermuten wir, jemand habe die kleine Cointreau-Flasche geworfen, die neben uns im Rinnstein liegt, doch die hätte den Sturz nicht überlebt. Als wir aufstehen, um zu gehen, sehen wir das zerklatschte Ei auf dem Autodach.

Geoff Farina spielt in dem Zimmer in einem Haus irgendwo im Wedding. Die blaue Stunde zieht vorbei und während Mock als Vorband spielen, betrachte ich noch das Publikum. Jeden zweiten davon könnte man vor zehn Jahren schon einmal gesehen haben, wir sind alle mitgewachsen. Die T-Shirts leicht verblichen, wir tragen auch alle immer noch dieselben Schuhe. Als würden wir in den Sommern immer noch in Scheunen fahren auf dem Land, um in Ruhe im Feld zu sitzen oder Musik zu machen, als könnte das jederzeit wieder passieren, dass wir uns Hals über Kopf in das Wasser werfen, von dem uns die Temperatur egal ist, einfach um nachher zittern zu können, weil wir doch in dem Alter waren, in dem wir alles zumindest einmal gefühlt haben wollten. Geoff singt jetzt Melodien, die nicht mehr zögern, sondern sich eingerichtet haben, unter uns gibt es Fans. Manch andere sind nur da, weil sie ihn noch mal sehen wollten, der alten Zeiten wegen.

Die neunzehnte Woche Jahr

Sommer vorm Balkon

Was mit Berlin passiert, wenn das Licht herauskommt. Die Menschen am Kanal wie eine Demonstration der halb angezogenen Lebensfreude, darüber die Fledermäuse. Wir spielen endlich wieder draußen Backgammon, essen Melone am Ufer. Und alle müssen sich erst noch an die neue Beleuchtung gewöhnen, man meint, die Menschen ständig gegen ihren inneren Winter anblinzeln zu sehen, keiner will den mehr, aber überall klebt er noch. So holt man sich Schnupfen, während die Dampfer leer in die eine Richtung fahren. Der Kellner im Bauch mit den getönten Scheiben räumt die letzten Teller ab. „Wir haben noch das ganze Leben“ von Eshkol Nevo ist ein gutes Buch für diese Zeit.

Der kleine Junge läuft da, wo er nicht laufen soll. Er hat etwas ins Wasser geworfen. Was genau, kann ich nicht sehen. Aber er läuft seitwärts, die Hände am Geländer hinter sich, er davor am Wasser, wo niemand hin soll, dafür gibt es ja das Geländer, der Streifen davor ist schmal, aber er genügt ihm. Die Mutter guckt, der Junge ruft ihr zu, während er ins Wasser starrt: „Ich verfolge nur, was passiert! …Und es geht immer weiter! …Ich schaue! …Da sind Wellen!“ Am Ende des Geländers klettert er hindurch und läuft zurück, das Etwas treibt währenddessen in Richtung Schöneberg.


Me & My Drummer in der Kirche gesehen, irgendwie wussten viele nicht so richtig, wohin mit sich. Aber ich mochte den zuckenden Schatten an der Wand, und dass manche Menschen doch auch im Sitzen tanzen. You’re a runner. Danach fielen alle auf den Rasen und die Stufen davor, ein bisschen verwirrt, dass auch dann die Temperatur immer noch hielt, was sie letzten Sommer schon versprach, man erkennt auch den Geruch jedes Jahr wieder. Als bliebe immer ein bisschen vom Vorjahr zurück, kleine Partikel aus allen Jahrzehnten. Auf der Bank vor dem Späti sitzen und den Leuten zusehen, wie sie sich permanent wundern, aber versuchen, das zu verbergen.


Durch Straßen laufen, in denen man früher gewohnt hat. Kaum tritt man aus der Straßenbahn flimmert die Zeit wieder auf, das hängt ja bis ewig in so einem Pflaster. Über das hier liefen wir vor und nach Konzerten, an den sehr frühen Morgen, manchmal singend, manchmal ganz still, wir trugen einander über die Schienen und nach Hause und manchmal an Orte, von denen wir wollten, dass sie Zuhause werden. Wir kannten damals jeden Hauseingang, die Öffnungszeiten der Bäcker auf dem Weg, die Besitzer der Fahrräder an den Laternen und dass uns niemand was konnte, also so richtig.


Erlebt, wie wichtig es ist, einzuschreiten, wenn jemand dem anderen Gewalt antut. Wenn eine Frau sich gegen die Gewalt eines Mannes, den sie anscheinend persönlich und gut kennt, nicht wehren kann. Über die Straße brüllen und hingehen, weil sie das nicht kann in der Situation, in der sie gerade steckt. Für sie stellvertretend den Mann zur Rede stellen, ihr eine Möglichkeit geben zu fliehen, ihm keine, sich herauszureden, solange warten, bis er ins Haus geht und sie nicht die Straße hinunter verfolgt. Warten und das pochende Herz ignorieren und spüren, dass es gut tut, laut zu sein, wenn Scheiße passiert, zu zeigen, dass er mit seiner Gewalt nicht durchkommt, zumindest nicht jetzt und nicht hier. Wie wichtig es ist, dass man hinsieht und sich nicht wegdreht. Inständig hoffen, dass sie nicht zu ihm zurückgeht.