Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Tage und Wochen.

Mädchenkalender

Das letzte Jahr hat sich überschlagen, ich erinnere mich, wie ich am Ende von 2010 ganz außer Puste war und völlig geplättet von all den guten Dingen, die in einer Geschwindigkeit passiert sind, in der sonst nur Teilchen irgendwelche irren Sachen machen, herumfliegen, Licht sind und all das. Am Ende ist mein Leben ziemlich gerast, und meist ist es so, dass man sich nach Anstrengungen des Tachos etwas ausruhen muss, vor allem, wenn dann noch Dinge passieren, also während man eigentlich schon auf die Bremse tritt, die versuchen, einen aus der Bahn zu werfen wie ein Reh auf der Straße. Und jetzt ist 2011 beinahe vorbei und ich habe überall Dreck und Staub und Schmiere und Schweiß vom Herumbasteln, von all der Fitzelei, der Justierung und den Kraftakten, die es benötigt, um lockere Schrauben festzudrehen, Teile auszutauschen und die wichtigen Achsen einer Inventur zu unterziehen. Aber das ist wie beim Joggen, erst denkt man “Larifari”, dann wird’s anstrengend und die ersten Tropfen tauchen auf der Stirn auf, dann hat man keine Lust, dann ziept und brennt es fies und wenn man den Punkt überschritten hat, wird es ziemlich gut und geht wie von allein. Gleich ist es geschafft, ich kann’s schon sehen.

Und wer für manche Dinge auch eine Tabelle zum Loslegen braucht, ein Papier für Kreuze und Kringel, irgendeinen Grund anzuhalten oder loszugehen, dem sei der Mädchenkalender von Martina ganz nah ans Herz gelegt. Hier drüben verlosen wir bis Mittwoch ein Exemplar. Die Jungs folgen dann am Anfang Dezember, habe ich gehört.

I breathe you out.

Einar Stray plays Little Heart by Hundreds from Sinnbus on Vimeo.

Alles ganz still.

Die Dinge brauchen Zeit und während jede Nacht in meinem Zimmer kein Zeiger tickt, wenn du nicht da bist, klimperst du draußen unaufhörlich mit deinen Wimpern im Takt, deine Finger zittern immer, es ist so selten, dass du mal nicht rennst, dich nicht umsiehst, ruhig atmest, also wirklich ruhig und nicht das, was in deinem Koordinatensystem schon Ruhe ist, es ist so selten, dass du mal kein Geräusch machst, deswegen kann ich mich an jedes einzige Mal erinnern, an jede Stille, die es gab, an jedes Vakuum. Die Dinge brauchen Zeit und ich hatte ein bisschen davon, deswegen habe ich Einmachgläser gekauft, die guten mit dem Gummi am Deckel, ich habe jede Stille dort hinein gesetzt und zugemacht, einfach zugemacht, nicht mehr geschüttelt, aber noch einmal gehorcht, ob wirklich nichts entweicht und die Stille sitzt darin jetzt, die leise Zeit. Ich würde sie dir gern vor die Tür stellen, weißt du, all die guten Gläser, aber ich habe nur zwei Arme, alles geriete durcheinander, würde ich die Gläser schultern und ich besitze keinen Bollerwagen. Die Menschen brauchen Zeit, weißt du. Miteinander, nebeneinander, füreinander, ineinander, voneinander und - auch voneinander weg. Auch das Wetter braucht Zeit, um sich zu setzen, sich zu verändern, die Dinge brauchen Zeit, um wachsen zu können, alles braucht seine eigene Zeit, keine geklaute, keine geborgte, sondern geschenkte. Die Dinge brauchen Zeit, für die sich jemand entschieden hat, sie stehen herum und warten, dass ihnen jemand etwas davon abgibt, weil ohne Zeit bleiben sie dort, wo sie sind und manchmal ist das nicht das Beste, was passieren kann, und eine Entscheidung kann spontan, emotional, zufällig oder rational erfolgen. Nachmittags fällt die Sonne bei wolkenlosem Himmel so auf die Gläser, dass an der Tapete gegenüber kleine Regenbögen flimmern.

Made my day: Marcel, the shell #2

And this is #1.

Zurück.

Flowers

Der Erste kam mit blutverschmiertem Gesicht. Der Zweite konnte unsere Sprache nicht. Die Dritte war erst 4 Jahre alt und las die Worte laut vor sich hin, um nicht zu spüren, wie wenig sie die Umgebung kannte, Augen auf die Buchstaben, nur darauf, die Lippen den Lauten folgend (was von beidem war zuerst da?) an einem kleinen Tisch, während die Eltern hinter der großen Automatiktür aus Milchglas verschwanden. Der Vierte starrte auf den Fernseher und trug keine Schuhe. Die Fünfte wurde im Rollstuhl herein geschoben, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet, als würde sie nicht einmal horchen sondern auf ein Ende warten. Rettungsstellen sind ein vager Versuch eines Staudammes, eher noch einer Eindämmung, der große Versuch einer Hilfe in Form eines Aquariums, jemand hält die Hände hinein und ein anderer schwimmt drauf los in der Hoffnung, es geht gut. Es wird schon gut gehen. Wenn man dort bleibt in der Nacht, das Fiepen der Maschinen, das Geräusch der quietschenden Schuhe auf dem mit Linoleum ausgelegten Flur, am Morgen der erste Blick auf den Baum, weil es keine Vorhänge gibt und man den Baum trotz Dunkelheit erkennt, denn im Haus gegenüber sind sie noch früher wach und schieben vages Licht zu uns herüber. Die Plastikabdeckungen der Essensteller wie die Milchglastür zu den Behandlungsräumen, alles gibt es in Schalen, Schälchen oder Bechern, jede Substanz wird abgefühlt, gewogen, bemessen, aufgeschrieben. Die Worte sind kurz, die Sätze beinahe keine Sätze, weil auch sie erinnert werden müssen, um auf Papier zu landen, die Sätze sind eher Koordinaten, obwohl sie eigentlich rahmen sollten. Die Hände riechen nach Desinfektionsmittel, alle Hände. Und die, die auf Liegen durch die Gänge geschoben werden, schließen meistens die Augen, wenn sie noch können, wenden den Blick ab, weil es kein gutes Gefühl ist, weil man genau weiß, dass sich jeder fragt, was da wohl passiert sein mag und weil man, wenn man auf so einer Bahre liegt und geschoben wird, eigentlich zu einem von den Sitzenden, Wartenden wird, man sieht sich von außen und fragt sich, was da wohl passiert sein mag. Man teilt sich auf in zwei: In den einen, dem es passiert, und in den anderen, dem sowas nicht passieren kann. Und irgendwo dazwischen klammert sich sowas wie Angst ans Laken.

Wie wichtig es ist, ein eigenes Bett zu haben, und dass man selbst entscheiden kann, wann sich Türen öffnen und schließen, wie wichtig ist es ist, dass dich jemand länger als drei Minuten kennt, um dein Herz in einen Takt zu bringen, mit dem man arbeiten kann, wie unglaublich wichtig, dass es einen Ort gibt, den man sich selbst geschaffen hat, der leise ist und wirklich still hält, an dem nicht alle um dich herum krank sind, einen Defekt haben oder ein Problem, bei dem sie nicht mehr in der Lage sind, es allein zu lösen, merkt man erst, wenn man wieder zurück ist.

Was ich liebte

Ornamentik

“Er war einer jener Menschen, die bei den Ereignissen in ihrem Leben nie ganz präsent sind. Ein Teil von ihm war nicht da, und dieses Abwesende an seinem Vater sollte nie aufhören, Bill zu verfolgen - sogar noch nach dessen Tod.” (S.43)

“Ich nehme an, wir sind alle das Produkt der Freuden und Leiden unserer Eltern. Ihre Gefühle sind im gleichen Maße in uns eingeschrieben wie ihre Gene.” (S.45)

“Ich fand immer, Liebe gedeiht gut bei einer gewissen Distanz; sie verlangt ein ehrfürchtiges Getrenntsein, um zu bestehen. Ohne diesen nötigen Abstand werden die kleinsten körperlichen Äußerungen des anderen in der Vergrößerung abscheulich.” (S.59)

“Ich bin davon überzeugt, dass die Vermischung ein Schlüsselbegriff ist. Er funktioniert besser als Suggestion, die einseitig ist. Er erklärt das, worüber Menschen selten sprechen, weil wir uns als isoliert definieren, als geschlossene Körper, die aufeinander prallen, aber geschlossen bleiben. Descartes hatte Unrecht. Es muss nicht heißen: Ich denke, also bin ich. Es muss heißen: Ich bin, weil du bist. Das ist Hegel, na ja, die Kurzfassung.” (S.121)

“Lügen haben immer zwei Seiten: Was man sagt, existiert mit dem zusammen, was man nicht gesagt hat, aber hätte sagen können. Wenn man zu lügen aufhört, schließt sich die Kluft zwischen den eigenen Worten und dem, was man innerlich glaubt, und man versucht, seine gesprochenen Worte in Zukunft mit der Sprache der eigenen Gedanken in Einklang zu bringen, zumindest jener, die geeignet sind, von anderen gehört zu werden.” (S.283)

“Immer wenn ein Künstler stirbt, tritt das Werk langsam an die Stelle seines Körpers und wird ein leibhaftiger Ersatz für ihn in der Welt. Ich glaube, man kommt nicht dagegen an. Gebrauchsgegenständen wie Stühlen oder Tellern, von einer Generation an die nächste weitergegeben, mag kurzfristig etwas ihrer ehemaligen Besitzer anhaften, doch diese Eigenschaft verliert sich relativ schnell bei ihrem praktischen Gebrauch. Die Kunst, nutzlos, wie sie ist, widersteht der Einverleibung in den Alltag, und sofern sie irgendeine Kraft besitzt, scheint sie das Leben des Menschen, der sie geschaffen hat, zu atmen.” (S.332)

(Siri Hustvedt - Was ich liebte)

Bergfried

Seat

Seltsam, dass Menschen oft dann weggehen, wenn man sich gerade an den Gedanken gewöhnt hat, sie könnten bleiben.

Insular

Island

Ich konnte gar nicht genau sagen, was es war, aber es fiel mir auf. Ich behielt es für mich und schob es anfangs auf meinen Status als Neuling, Tourist, Besucher, auf meine Nichtahnung. (Es ist ja oft schwer, sich zu entscheiden, ob das nun ein Bauchgefühl oder eine Unsicherheit ist, man sollte es dann einfach noch ein bisschen liegen lassen und sich nichts anmerken lassen, bis zu dem Punkt, an dem ein Unterschied zwischen beiden sichtbar wird.) Wir schoben uns durch die Straßen von Reykjavík, ich war zu dünn angezogen und merkte es nicht, die Dämmerung schlich hinter uns her und wenn man den Kopf hob, sah man die schmale Straße, ein bisschen Asphalt, blaues Wasser und rosa Berge. Als hätte man so ein Aufklappbuch vor sich, aus dem sich Geschichten aus Pappe erheben, wenn man es öffnet.

Island 2

Ein zwei Tage später, wir saßen in der hinteren Ecke des “Hemmi og Valdi” kam es zurück und setzte sich neben meinen Becher mit heißer Schokolade, während wir zugereisten Norwegern beim Brettspiel zusahen. Sie haben einen zweigeteilten Blick, die Isländer. Als sähe das eine Auge hierhin und das andere Auge dorthin, wobei hierhin und dorthin wörtlicher zu nehmen sind, als man glaubt. Sie sehen aus, als hätten sie sich abgefunden, sie tragen ihre Kinder umher, ziehen ihnen die Jacken aus und wieder an, sie bleiben auf der Straße stehen, weil sie jemanden treffen, den sie kennen, sie grüßen sich über Autos und Menschen hinweg, sie sitzen und trinken und grüßen wieder andere Menschen, und sie sehen sich um. Sie sehen sich immer wieder um, als könnten sie etwas oder jemanden verpassen, sie schauen oft weiter weg, was nicht heißt, dass sie einem nicht in die Augen sehen, wenn sie mit einem sprechen. Zwischendurch aber rutscht ihnen der Blick immer in die Runde, aus dem Fenster, auf den Horizont oder auf das, was keinen Namen hat.

Island Shore

Sitzt in dem einen Auge also das Heimatgefühl, die Verbundenheit zu einem Ort, den man seit Jahren kennt, der abgeschlossen ist von vielem anderen und umgeben von Bergen und Ozean, sitzt in dem anderen Auge vielleicht eine Sehnsucht, von der man nicht weiß, auf was genau sie sich bezieht. Wobei doch jeder weiß, dass man nicht unbedingt mit den Hufen scharren muss, um sich etwas anderes zu wünschen als das, was man hat. Und Flo sagt, sie hätten sich darauf eingestellt, auf das Verlassen werden von den Menschen, die sie hier besuchen kommen. Wenn sie selbst nicht weggehen (denn es macht ja einen Unterschied, ob man sich in ein Auto setzen und in eine größere Stadt fahren kann, in der man einiges erlebt, oder ob man dafür ein Flugzeug und viel Geld braucht), bekommen sie mit, wie andere ihr Zuhause als touristische Attraktion besuchen, als Durchlauferhitzer, Raststätte und Auszeit. Die Isländer wissen, dass diese Menschen nicht allzu lange bleiben, die Zeit der meisten ist begrenzt, weil man es doch irgendwie gelernt haben muss, dieses Leben auf einer Insel, wo es nicht mehr als 300.000 Menschen gibt, von denen die Hälfte in der Hauptstadt lebt, die das flächendeckendste ist, was die Insel an Zivilisation und menschlichem Abgleich zu bieten hat und in der man dennoch alles bequem per Fuß erreicht. Sie wissen mit Abschieden umzugehen und hängen ihr Herz meistens nicht an Dinge, deren ausladende Bewegung sie kennen.

Island Valley

Manchmal habe ich geglaubt, ihnen das anzusehen. Wenn sie einen mustern und ein paar Fragen stellen, wenn sie sich dann wieder ihren eigenen Menschen zuwenden. Sie sind sehr freundlich dabei und lustig. Aber man sagt, sie würden einen vergessen manchmal. Was nicht mehr im Blickfeld schwirrt, existiert beinahe nicht mehr, sie konzentrieren sich auf das, was bleibt. Wie Schiffe, die den Hafen verlassen und an deren Glanz man sich erst wieder erinnert, wenn sie zurückkommen. Weil man ja auch nicht den ganzen Tag am Ufer stehen kann und warten. Und vielleicht kann man es ja auch nur so machen, vielleicht geht es nur so.

One of my favorite things in the world.

jet traces

I don’t know why I like jet traces so much. Maybe it’s about watching marks losing shape.

The Future

Movie Poster

Ich habe neulich Miranda Julys neuen Film “The Future” in den Tilsiter Lichtspielen gesehen. Und als wir herauskamen, hatte ich zuerst diese kurze Yay-Gefühl, eine kleine Euphorie gepaart mit der seltsamen Wahrnehmung, die man hat, wenn man aus dem Theater oder einer Inszenierung kommt, einem Film, der mehr war als Unterhaltung, und nach dem man das Gefühl hat, jede Bewegung, jedes Wort, jeder Blick würden aufgezeichnet, spielten eine Rolle und hätten eine Bedeutung, die über ihren Selbstzweck hinausgeht. (Kennt man das? Darf ich hier “man” benutzen oder geht das nur mir so?”) Ich jedenfalls - ich bewege mich vorsichtiger nach solchen zwei Stunden, meist bin ich recht still, laufe langsamer, schaue und kurz ist es, als wäre alles um einen Zentimeter verschoben. Aber das Gefühl tritt sich meist schon hinter der nächsten Häuserecke fest. Jedenfalls: Auch nach “The Future” ging es mir kurz so, als wir auf die gelb beblätterte Straße hinaustraten zwischen die Laternen. Und als wir während der zweiten Runde um den Block leise über den Film sprachen, wurde das Yay-Gefühl zu einer kleinen Enttäuschung. As some would say, I think she played it save. Und um der ganzen Abfeierei etwas entgegen zu setzen, habe ich versucht, die Gründe für das leichte Missfallen in meinem Kopf zu ordnen. Alles subjektiv, alles ohne Hintergrundlektüre, alles Momentaufnahme.

/ Wie mochte ich den Anfang, die Inszenierung der Paarbeziehung auf engem Raum, wie sehr gefiel mir das abgeklebt bunte Fenster, das das Licht über dem Bett von Sophie und Jason abfängt, man schaut nicht nach draußen von dort, man bleibt im Raum und konzentriert sich auf alles, was sich dort abspielt. Und ja, ich mochte es, wie die beiden Mitdreißiger sich eine Aufgabe suchten, die Adoption einer Katze als Schritt in ihrer gemeinsamen Beziehung deklarierten, für den sie nun bereit seien. Wobei der Betrachter durchaus schmunzeln mag, weil man eigentlich wissen kann, dass das weniger ein Schritt ist, der so geplant im Kochbuch steht, als mehr der Ausweg aus der Einöde, der muntere Versuch einer Abwechslung, die man eben als bewusste Entscheidung deklariert, weil man sich die Langeweile selten eingesteht.

The Couple

/ Womit wir bei der Katze sind, die sie aus einem Tierheim holen möchten, von einer Krankenstation, auf der Tiere wohnen, die nicht mehr so lange zu leben haben. Sie suchen sich also eine Abwechslung, von der sie wissen, sie ist zeitlich begrenzt. Verantwortungsmanagement im Sinne von: “Das legt uns nicht fest, zumindest nicht dauerhaft, nur auf 5-6 Monate verbleibende Lebenserwartung eines Tieres.” Die Katze spricht und auch hier muss ich lachen, weil ich sofort Mirandas Stimme erkenne, sie scheint einen Hang dazu zu haben, spielte sie doch in “Me and you and everyone we know” ebenfalls verteilte Rollen mit sich selbst, nur dass man ihr damals direkt dabei zusehen konnte. Der ungeübte July-Zuschauer mag sie nicht sofort erkennen, ich selbst erkannte in der Vermenschlichung der Katze sofort ein July-Element. Und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es davon viele geben würde. Und sie mich langweilten. Ist die Katze also am Anfang Mittel zum Zweck einer Auflockerung, wird sie im Laufe des Films zur knallharten Metapher, ganz ohne Augenzwinkern. Und wo man am Anfang noch dachte “Och lustig”, fährt es einem später kalt über den Rücken, weil die Plattitüde auf die Ästhetik drückt und zwar so, dass man es beinahe nicht aushält. Natürlich wartet die Katze vergeblich auf die beiden, natürlich stirbt sie und Seele trennt sich von Körper, natürlich fährt sie hinaus in gleißend helles, warmes Licht und eine Ewigkeit, in der sich jedes Warten, jede Sehnsucht und jeder Ich-Bezug auflöst und man einfach nur noch ist. Aua. (In der aktuellen Ausgabe der “Du” wird übrigens Miranda Julys Suche nach sich selbst thematisiert, betrachtet man den Film unter diesen Aspekten findet das Eine zum Anderen und macht die Katze zum Fokus der (haha) Katharsis. Aua.)

/ Um bei diesen Gott-Afterlife-Metaphern zu bleiben, kommt mir direkt das Bild von Jason in den Sinn, der sich in seiner Wut auf die aus dem Alltag ausbrechende Sophie in einen Zeitstillstand flüchtet, über den er dann die Kontrolle verliert. Wie er aber am Meer steht und es plötzlich doch schafft, die Zeit weiterlaufen zu lassen und sich nicht in der Unendlichkeit verheddert, wie er die Arme hebt, sich die Wellen fügen und auf ihn zurollen, wie er macht, dass die Gezeiten wieder funktionieren, in seiner Abhängigkeit und seinem Zwiegespräch mit dem Mond, erinnert er mich an den kleinen Hävelmann. Und das auf eine ungute Art und Weise, obwohl ich das Bild von Gezeiten eigentlich mag.

Sophie

/ Und so kommen wir noch einmal kurz zurück zu einer mir doch sehr angenehmen Szene, weil sie die Nähe zwischen Jason und Sophie, die sie sich über Jahre aufgebaut haben, direkt am Anfang des Films wunderbar zeigt. Sie haben ein Spiel, die beiden, wenn Jason ein Signal gibt, hält er die Zeit an und Sophie fügt sich, das heißt, sie bewegt sich nicht und beide verharren in einer Stille und der jeweiligen Position. In ihrem Alltag funktioniert diese Geste als liebevolle Eingespieltheit, im späteren Verlauf des Konflikts wirkt sie wie der erste Einfall, den man haben kann, wenn man überlegt: “Okay, was könnte Jason tun, um Sophie nicht gehen zu lassen? Na gut, hält er halt wieder die Zeit an.” Sie fügt sich diesem Spiel ohne einen Mucks und er weiß weder vor noch zurück. Als Bild: Schwierig, weil platt.

/ Ebenso flach waren meiner Meinung nach die Kamerafahrten, die hier und da und vor allem in Momenten der Unsicherheit dem Blick von Sophie folgten und recht offensichtlich ihre Entscheidungsschwäche ausdrückten. Blick auf die Vase, Blick auf den Teppich, Blick zurück auf die Vase, Blick auf die eigenen Füße, zitterzitter, wohin wohin. War man ihr doch in ihrem Tanz (denn ja, Sophie ist Tanzlehrerin für Kinder und versucht sich selbst an einem YouTube-Marathon, bei dem sie an 30 Tagen 30 Tänze aufnehmen will - und scheitert) viel näher. So gibt es eine Szene, in der sie in einem Zimmer im Haus ihres Geliebten an einem Abend, als die Sehnsucht sie überkommt, anfängt zu tanzen, sich an den Wänden zu reiben - und man bekommt das Gefühl, sie versuche, die Sehnsucht loszuwerden, die sie immer wieder an zuhause denken lässt, sie versucht, sich das Neue zu eigen zu machen. Was durch den entsetzten Blick ihres Geliebten, als er sie dabei ertappt, gestört und unterbrochen wird. Ebenso schön dazu im Vergleich der Alltag, den sie mit Jason hatte - und in dem es völlig normal war, dass sie in eine Alltagsbewegung eine Tanzgeste mit einbaute oder sich hier und da etwas anders fortbewegte.

/ Was ich an Julys Geschichten mag, ist die Rolle des Kindes und der Versuch, Kinder etwas vermeintlich erwachsenes tun zu lassen. Oft bleiben in Julys Geschichten die Kleinen relativ unbeeindruckt von Umständen, die den Großen zu schaffen machen, sie führen ihre Handlungen fort und begeben sich in Situationen, die jeder andere für absurd hielte, für die Kinder jedoch das Selbstverständlichste von der Welt scheint. Im ersten Moment fällt es dem Betrachter leicht, die Kinder für weise zu halten, sie übernehmen schnell die Rolle des unaufgeregten allwissenden Großvaters im Sessel in der Ecke. Auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich diese Weisheit als simple kindliche Rationalität, die wir so gern als Weisheit begreifen, weil sie sich auf Wesentliches beschränkt. Am Ende bleiben Kinder immer Kinder und dem Erwachsenen fällt das erst auf, wenn sie zurückkommen auf der Suche nach Hilfe oder simpel gescheitert sind in ihrem Vorhaben. Dass man selbst erst denkt “Woah, Superkind, superschlau” mag an der Sehnsucht nach angeborener Weisheit liegen, bei der wir oft übersehen, dass wir uns Weisheit durch Erfahrung erarbeiten müssen. Aber auch in “The Future” kam mir das Kind zu kurz, es wurde in seiner Entwicklung nur angeschnitten, genauer gesagt die Tochter von Sophies Geliebten vergräbt sich eines Abends im Garten und möchte in der Erde schlafen, während der Vater sie in dem Glauben der Sicherheit einfach gewähren lässt. Nachts kommt das Kind weinend und angstvoll zurück und wird von Sophie in die Badewanne gesetzt, eine mütterliche Geste, obwohl die beiden sich eigentlich fremd sind. Was ich hätte wissen wollen: Was hat sie erlebt, und wie erklärt sie das am Morgen dem Vater? Bereut er, das nicht vorausgesehen zu haben?

Floor

/ Apropo Nähe-Distanz-Problem. Ein weiteres July-Element ist meiner Meinung nach ihre Konfrontation von Fremden mit sich selbst. Hauptfiguren haben bei July den Drang dazu, sich fremden Menschen ins Leben zu werfen und zu sagen “Hallo, hier bin ich. Und jetzt mach was damit. Reagiere bitte.” Ob dahinter die Verarbeitung der Beziehung zwischen Schicksal und Zufall steckt, vermag ich nicht zu sagen, gleichzeitig merke ich jedoch, dass es mich jedes Mal für einen Moment verstört, weil damit alle persönlichen Schutzräume aufgehoben werden, also wenn jemand kommt und sich vor dich stellt und dann dort nicht weggeht, oder ob er anruft und dich Sachen fragt und wieder anruft und noch einmal Sachen fragt. July lotet hier jedes Mal ebenfalls die Gefühle des Fremden aus, der plötzlich jemanden vor der Nase hat und zwischen Misstrauen, Neugier, Faszination und Unbehagen hin und her gerissen ist.

Was ich sagen wollte: Ich bin enttäuscht ob der sich wiederholenden Motive ihrer Geschichten, ob der Plakativität ihrer Metaphern und der augenscheinlichen Aufgabe, die dieser Film hat als Teil eines Puzzles im Projekt der Inszenierung einer Suche nach sich selbst und dem Verlassen der eingefahrenen Bahnen. So sehr ich mich über die Erzählweise zu Beginn des Filmes freute, so enttäuscht war ich bei der Auflösung dieser Erzählstruktur in ein Bildergewitter, das überfrachtet war mit ausgelatschten Anspielungen und sich vermengenden Ebenen.

Ach Miranda.