Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Moi

C.

Ja

Zu sehen, was von dir in mir ist und was nach diesen über zwanzig Jahren, beinahe dreißig, von mir nun auch in dir steckt, hineingeflochten, antrainiert. Wir wissen, wie wir miteinander zu reden haben und wo unsere Augenhöhe ist, nicht wahr? Zu sehen und nicht zu wissen, was von deinem Gesicht in zwanzig Jahren auch in meinem Gesicht sein wird, zu ahnen, was bleibt und manchmal lachen müssen, wenn wir beide dasselbe denken, sagen, die Hand an dieselbe Stelle legen. Wie man Blumen abschneidet, wie man Menschen gehen lässt, wie man nicht aufhört zu schwimmen, wie man backt und wie man nur mit sich ist, ohne allein zu sein, wann man Fenster schließen sollte, dass Reden hilft, geduldiges Reden, und sowieso all meine Worte hab ich von dir, und den Umgang mit Büchern, dass man Sachen nicht immer nur für sich tun sollte, aber oft, das richtige Bauchgefühl, Intuition, Experimentieren, immer weitermachen, das hab ich von dir gelernt, das ist deins. Auch wie man es sich auf einem Quadratmeter gemütlich macht, im richtigen Moment die angelegten Wege zu verlassen, Karten weniger, dafür die Augen mehr zu benutzen, sowieso das Achten auf Kleinigkeiten, weil die großen Sachen einfach manchmal doch zu groß sind, das Lieben von Sekunden, runterkommen, das hast du mir beigebracht. Dass lachen wichtig ist und weinen auch, dass man sein Herz festhalten muss, also selbst, und das nicht von anderen erwarten kann, durchhalten, Ästhetisierung, besser essen, Körpergefühl, auch den Umgang mit sich, und dass man nicht immer muss, aber vieles darf, Vertrauen in mich selbst hab ich nur durch dich, das kam alles von dir, du hast das niemals in Frage gestellt, mich niemals in Frage gestellt, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der so war zu mir, der immer bedingungslos mit mir war und ist, kein Zweifel. Das als Familie begreifen, mich und dich und dass das auch genug ist, es war immer genug, und es wird keinen Tag geben, an dem das aufhört, keinen einzigen. Kein Zweifel.

2011: Dialogische Introspektion.

Manchmal kurz nach Neujahr oder kurz davor schaue ich zurück. So wie auch schon 2010 und 2009. Das Jahr war durchwachsen, ein ganzes Jahr von der Sorte April, eines, von dem man weiß, dass hinter der nächsten Ecke ein neuer Zustand wartet und es oft nicht um den Zustand an sich geht sondern das Durchhalten, das einmal gemacht haben, das Einsammeln. Während außen herum eine Geschwindigkeitsversammlung stattfand, setzte sich innen drin vieles, was lange ziellos herumflog. Meine Bestandteile und ich haben viel gelernt und sind ruhiger geworden. Wir finden das gut so.

Januar
Goose
Ich stehe auf einem Berg inmitten von Schneehaufen, als das neue Jahr beginnt. Wir rodeln und sehen den bunten Lichtern auf schwarzem Grund zu. Wir halten einander an den Händen und nach Hause geht es bergab. Ich mache mit einer Schulklasse via Skype ein Interview zu meinem Buch, kaufe meinem Opa ein Namensschild, sehe Giardini di Miro live und besuche Hamburg. Dann passiert etwas, das ich niemandem wünsche.

Februar 2011
Caro
Meinen kleinen Glauben sammle ich mir dann vom Boden zusammen. Ich sehe William Fitzsimmons live und weiß, er hat jetzt das Buch, das er zu schreiben geholfen hat. Er bedankt sich auf wunderbare Art und Weise. Ich sehe Rocko Schamoni und wir räumen ein Zimmer einmal aus und dann wieder ein. Wir hören Gotti im NBI lesen und ich stolpere über eine Begegnung mit früher. Das Konzert von The National betrachten wir von schräg oben, am Ende passiert einer der schönsten Konzertmomente überhaupt.

März 2011
Drums
Ich höre Those Dancing Days und weiß, dieser Monat wird einer mit Abschieden. Der erste folgt schon bald, der von einer Zeit, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ich arbeite mit einem Blick über die Spree, tanze zwischen gelben Luftballons und schließe die Augen bei I Blame Coco. Für einen kleinen Werbespot trommle ich auf einem Schlagzeug herum, feiere eine Party in einer Badewanne, wir räumen eine Wohnung in meiner ehemaligen Nachbarschaft aus und am Ende, als alles leer ist, zähle ich den zweiten Abschied von etwas Gutem, das es so nicht mehr gibt. Am Ende des Monats fahre ich für eine Performance nach Köln.

April 2011
Bed
In Köln treffe ich Freunde, in Berlin liest Michel Houellebecq mir vor. Ich schenke meiner Mama Jamiroquai und leihe nach einer langen Nacht jemandem meinen Schal, der bis heute dort liegt. Zwei der besten Frauen auf der Welt kommen mich besuchen, wir hüpfen und tanzen und trinken Koalakaffee. Text spielt für uns ein leises wunderschönes Wohnzimmerkonzert. Für den besten Nachbarn der Welt dekorieren wir nachts einen Motorroller mit Kuscheltieren. Jemand Gutes kommt in mein Leben und wir pflücken die ersten Gänseblümchen gemeinsam. Ich fahre mit dem Fahrrad durch Kirschblütenwind und sehe Pantha du Prince sowie Bodi Bill live. Auf einem Balkon holen wir uns unseren ersten Sonnenbrand und feiern im Park einen wichtigen Geburtstag.

Mai 2011
Blau
Ich bin in der Page zu lesen, verbringe die Mittagsstunden oft an der Spree, werde krank und mache später eine Bootsfahrt durch Berlin. Zwei Marienkäfern zeige ich Berlin, jemand kocht für viel für mich, ein paar Tage verbringen die Kollegen und ich auf dem Land mit einem Kalb und einem Esel. Sir Simon Battle spielt ein kleines Akkustikkonzert im Ramones Museum und ich trinke die erste Wassermelonensaftschorle meines Lebens.

Juni 2011
Park
Ich sehe Bodi Bill und Sir Simon Battle noch einmal für ein paar Lieder live, esse Kirschen und versichere mich einer Entscheidung. Dann fliehe ich für eine Woche in die spanische Luft, bade im Meer und lese viel. Ich höre auf mein Bauchgefühl und mache einen Schritt zurück. Wir sehen William Fitzsimmons zweimal und Death Cab For Cutie einmal live und ich kaufe mir einen Bodyguard, der seitdem auf meinem Fensterbrett sitzt. Meine Herzhälfte kommt aus New York zurück und wir feiern unser Wiedersehen gebührend. Ich kaufe mein erstes Stück Kunst und treffe den Grüffelo auf der Straße.

Juli 2011
Tempelhof
Wir machen Picknick auf Friedrichshainer und Tempelhofer Parkflächen und werden von Gewittern überquert. Ich schreibe mitten im Sommer eine Weihnachtsgeschichte, bin in Frankfurt und Bremen und halte eine Hand. Wir sitzen viel im San Remo und in der 8MM Bar und schauen, wie die Stadt an uns vorbeirauscht. Besuch aus Hamburg kommt, wir halten große Reden zwischen Wodkagläsern und ich lasse mir ein Stück Familie auf den Arm tätowieren. Ich fahre nach Hamburg und sehe Menschen dabei zu, wie sie großartige elektronische Musik, ihre Arbeit und ein paar Fehler machen.

August 2011
Bubbles
Ich schüttele mir kurz ein paar Dinge von den Schultern, wandere die Landungsbrücken ab, treffe jemanden, der immer gut tut, und fahre dann zurück nach Berlin. Zu viert setzen wir uns in ein Auto und fahren aufs Land, um Konzerte zu hören und Seifenblasen durch die Luft fliegen zu sehen. Ich sitze während Sommerregen im San Remo und schlafe ein paar Nächte ohne Kopfkissen bei offenem Fenster. Ich sehe The National im Michelberger und wir übernachten dort. Es ist eine dieser Nächte, die man nicht vergisst, weil alles ist, wie man schon einmal und noch nie gelesen hat. Wir ernennen den Moscow Mule im Friedrichshain zu einer Institution und ich stehe in der C/O mit Woodkid auf den Ohren, während ich Gregory Crewdsons Bilder anschaue. Mir rollt dabei eine Träne die Wange herunter. Ich finde ein Vogelnest auf der Straße.

September 2011
Zwei
Wir picknicken abends auf Stralau, liegen tagsüber an verschiedenen Stellen an der Spree im Schatten von Bäumen. Ich sehe Einar Stray im Michelberger und im Roten Salon. Unsere Familie wird ein bisschen kleiner, wir erfahren das, als gerade ein Gewitter aufzieht. Wir verbringen einen Tag am weißen See und einen Tag ganz in Schwarz. Ich träume, dass mir eine Hand amputiert wird und gehe wählen. Nach Hause bekomme ich weiße Lilien geschickt und baue mir eine Höhle.

Oktober 2011
Gullfoss
Wir feiern meinen Geburtstag, Besuch kommt extra angereist, wir stehen bei Woodkid in der dritten Reihe und einen Tag später fliege ich nach Island, sehe Geysire und den schönsten Wasserfall meines Lebens bisher. Ich atme durch, nirgendwo scheint das besser zu gehen als hier. Zurück in Berlin spielen Fredrik im Michelberger und ich verbringe zwei Tage mit den Gedanken bei jemandem im Krankenhaus. Ich spüre, dass der Automatismus als Rettungsboot immer noch funktioniert. Dann besuche ich Hamburg und werde krank.

November 2011
Stralau
Die Krankheit zieht sich, 4 Tage verbringe ich im Krankenhaus. Ich schalte alles aus und ab und beheize die Höhle. Jemand schenkt mir Blumen, ich besuche den neuen Verlag. Wir verschenken ein Fahrrad zum Geburtstag und trinken neben einem Bücherregal Wein bis spät in die Nacht. Wir applaudieren Scott Matthew im Heimathafen und gucken uns eine Wohnung an, die wir unbedingt haben wollen. Zwischendurch wissen: Wenn ich mal alt bin und diese Tage vorbei, werde ich denken: Mit ihr habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht.

Dezember 2011
Christmas
Wir bekommen von Sonja Heiss vorgelesen und trinken Glühwein. Man schenkt mir Rieseknallfolie und ich besuche München und Hamburg. Wir verkaufen einen Tag lang unsere alten Sachen und feiern mit den Kollegen bis morgens um 7. Ich sehe Apparat und William Fitzsimmons, kaufe mir Handschuhe mit Schnur, feiere Weihnachten mit der Familie und lege mir hier und da eine Hand auf mein Herz. Der Schnee bleibt nicht liegen, aber wir brauchten das.

I am trying to get lost

Lisa tanzt

Das ist die Zeit. Die Zeit dafür, das Buch von Anke Gröner zu lesen, die Hälfte in kürzester Zeit, dann kurz weglegen, die Augen schließen, die Sonne spüren, die noch nicht gegangen ist, obwohl jeder das erwartet hatte. Und all das, was gerade passiert, versöhnt mich mit der ersten Jahreshälfte, jetzt hat das Jahr seinen Takt zurück, nie war mir Wetter egaler als jetzt, es könnte regnen und ich würde es gut finden, es könnte schneien und stürmen und ich wäre glücklich, die Ruhe ist zurück und richtet sich ein. Das ist die Zeit dafür, nur mit sich selbst zu sein, zu sitzen und zu beobachten, zu liegen und nichts zu tun, endlich einmal wieder, um dann Anlauf nehmen zu können, Anlauf für all die Dinge und Kilometer, die Stille vor dem guten Sturm, meine Hand zittert nicht mehr. Sich herausnehmen, Dinge abzusagen, um alleine zu sein, was man so lange nicht war, so viel Raum für einen ganz allein und nichts liegt mehr unbetrachtet herum, es gibt für alles einen Platz. Die Zeit des “Mal sehen” ist vorbei, es ist Zeit für das Ja, die Prioritäten sind sortiert und die Blätter immer noch grün. Ich kaufe Blumen und schreibe wieder, ich habe an allem gerüttelt und freue mich über die Dinge, die fest sind, die halten. Eine Zeit für das neue Apparat Album im Hinterhof. Zeit für diesen Stapel Bücher, für das Weitergehen nach dem Umblicken und Anhalten, ja, ich will. Ich will.

Bucket List

Caro

2008 habe ich eine Liste aufgeschrieben mit Dingen, die ich unbedingt einmal tun möchte. 2009 noch einmal. Im Jahr 2010 habe ich das aus seltsamen Gründen nicht getan, das kann daran liegen, dass 2010 so ein großartiges Jahr war, in dem Dinge passierten, die ich mir nie hatte träumen lassen. Jetzt ist 2011 und ich glaube, es ist Zeit Revue passieren zu lassen, die Liste zu modifizieren und noch einmal neu zu schreiben. Manches aus den vorherigen Jahren ist mitgekommen, manches nicht, weil ich es getan habe oder weil ich älter geworden bin. Alles in allem: Ja, ich will.

An den großen Wasserfällen stehen. In einen Vulkan spucken. Ein Nordlicht sehen. Ein Iglu bauen. Tauchen gehen. Ein Duett mit Matt Berninger oder William Fitzsimmons. Surfen. Meine Ungeduld abschaffen. Kopfstand können. Meine Lieblingsstellen aus Büchern bis auf das letzte Wort auswendig aufsagen. Ein Kind bekommen. Mit geschlossenen Augen das Ziel aussuchen und sofort losfahren. Aus zehn Metern ins Meer springen. Selber Auto fahren. Ein Lied widmen. Ein Stück auf dem Klavier spielen können. Jemanden am anderen Ende der Welt wiedersehen. Noch einmal eine Platte aufnehmen. Eine Etagentorte backen. Ein Kleid nähen. In einem Doppeldeckersegelflugzeug fliegen. Transsibirische Eisenbahn fahren. Meine Leberflecke zählen lassen von einem, der sie sich merkt. Etwas, das mich aushält und das ich aushalte. Mehr lesen. Die Geduld, mich in Kamerafunktionen hinein zu fitzeln. Mehr Sport. Mehr singen. Mehr Mut. Mehr Wasser trinken. Besser loslassen. Die Entscheidung für eine Handschrift. Mehr Luft. Freihändig Fahrrad fahren. Nach Island fahren. Irgendwie ein besserer Mensch werden. Mehr Platz, mehr Raum. Ferien auf dem Bauernhof. Weniger aber besseren Kaffee. Diese Hand voll Menschen weiterhin behalten. Ein Ozeangemälde übers Bett hängen. Noch ein Buch schreiben. Mehrere Monate am Meer verbringen.

Am 10.10. fange ich damit an.

Nothing’s about me or you, honey-

Room 138

Das mal probieren, das Runterschlucken, einfach Schluckenschlucken, solange bis man innen drin voll ist, und auch dann noch weiter Schlucken, irgendwo ist immer Platz für noch ein bisschen mehr, man kann immer noch ein Stück mehr hineindrücken, ein Stück mehr schaffen, es geht immer noch ein kleines Stück, meistens. Das wirklich mal probieren und aus dem Versuchszustand eine Durchführung machen, eine mit Anfang und Ende, ich schlucke das jetzt herunter, weißt du, weil das im Vergleich nicht wichtig ist. Und sowieso: Priorisierung. Nicht nur ein hübsches Wort, wenn man es ausschreibt (wie schön es aussehen könnte, also noch schöner, wenn es für etwas stünde, das ein Gesicht hat oder zumindest eine Textur). Jedenfalls: Schlucken. Und dann merken, dass der Körper ganz gut ist darin, Sachen zu verarbeiten, mehr noch abzubauen, einfach so klein zu machen und zu verteilen, dass es nicht mehr auffällt. Und dagegen steht die Verwunderung, wenn man das Bett frisch bezieht und ohne Vorwarnung, aber auch ohne Kalkül ein Haufen Federn mit aus dem Kissenbezug kommt, und du stehst dort und siehst ihnen beim Fallen zu und machst keine Anstalten, sie einzusammeln, sie können das allein, sie sind ja schon groß. Aber wirklich wichtig: Der Organismus funktioniert. Mit seiner Weckfunktion, mit seiner Schmerzfunktion, mit seiner Bauchfunktion und seiner Vergessensfunktion, lange habe ich mich nicht mehr so sehr, so tief vor Instinkten verneigt. Grund bewahre. Reflexe, Reaktion, Schnurrhaare - meine kleinen Maschinen und wie mein Herz bei ihrer genaueren Betrachtung aufgeht. “Klappert er tapfer, der kleine Apparat.” Kaufen Sie sich eine Lupe, meine Damen und Herren, gehen Sie ganz nah heran, wir sind wie Mondlandschaft.

(-It’s all about the angst and the money.)

Ein Gegenwort zu Vergessen.

Skipped a beat.

Ich kann mir die Orte meiner bewussten Erinnerung nur selten aussuchen, dem Moment einer Auseinandersetzung geht meistens die Überraschung voraus, nicht ein Hauch von Erwartung, keine Planung. Die paar Male, in denen ich versucht habe, einen Takt zu finden oder ein Stück Erleichterung, wenn ich auf den Friedhof ging, um herauszufinden, ob sich das Gefühl verändert hat, die paar Male habe ich nichts gemerkt, nichts von dem, was mit der Person zu tun hat, die fehlt, nichts von früher, nichts, was hilft, einen Umstand und diese Lücke anzunehmen. Nichts von dem war da, von dem ich glaube, dass man es hin und wieder sehen muss, um sich selbst sagen zu können, dass es okay ist, weiter zu machen, dass Not wendig ist und sich mit der Zeit verwandelt, dass die Nächte mit den Träumen weniger werden und wenn eine kommt, dass man nicht mehr erschrickt sondern durchkommt.

Ich habe mir das nicht vorgenommen, das ist so passiert, dass ich keinen Bezug habe zu steinernen Toren, zu Efeu und der Ansammlung von aufgeschriebenen Namen, ich verstehe die Bedingung solcher Orte und ihren Nutzen, ich bin nur nicht eine von denen, die ihn in Anspruch nehmen, denn ich gehöre nicht unter dieses Blätterdach und die, die fehlen, die haben nichts zu tun mit diesen Mauern und Öffnungszeiten und Gießkannen und all den anderen, die dort noch liegen. Dort waren wir nie, als sie noch da waren, warum sollte ich jetzt da sein. Was ich mitnehme jeden Tag, ist unsere Geschichte und die Zeit, das, was noch übrig ist, macht meinen Unterschied. Ich bin kein Mensch für Friedhöfe, aber vom Konzept Gedenken halte ich viel.

The secret compartment.

Dot

Den Blick unten an den Türmen, wenn dahinter auf der Allee die Autos fahren und man keine Nummernschilder mehr erkennt sondern nur noch leuchtenden Lack. Wenn der Fernsehturm dahinter steht wie ein Scherenschnitt. Und dass er das nächste Mal immer noch da ist. Colakracher. Wie wir sind, wenn wir nachts gemeinsam nach Hause gehen durch dieselbe Tür, im gleichen Tempo, wie wir wissen, dass wir das nie geübt haben miteinander und es trotzdem funktioniert. Der Wind am Weststrand und sein Geräusch unter Pinien, die großen Wellen. Und dass sie vor diesen paar Monaten nicht gestorben ist. Dass wir vielleicht etwas damit zu tun hatten und was wir einander sind und immer waren. Wissen, wann der Schmerz kommt und dass er wieder weggeht. Der Geruch von ausgepusteten Streichhölzern. Das Gefühl vor einem Gewitter. Die Anklamerstraße und das Loch im Zaun. Der schwarze Sand in Puerto Naos. Dass du es immer wieder genau so tun würdest. Das Gefühl von blauem Schnee. Über die Öresundbrücke fahren, den Kopf im Nacken, eine Hand aus dem Fenster und Blister von Jimmy Eat World. Die Flaschenpost. Das Buch. Dass er meinen Namen wusste. Dass es einen Unterschied macht. Immer gemacht hat. Die fünf Narben. Wie man immer noch ein Stückchen mehr und ein Stückchen weiter kann. Die Kinderliedertexte. Das große Tier abgeschüttelt zu haben, nicht nur abgeschüttelt, auch abgehängt. Weidenkätzchen. Nicht aufhören damit, das immer wieder aufzuschreiben, immer wieder festzuhalten für dann, wenn du nicht mehr weißt, wo die Erinnerung liegt, weil ständig jemand etwas in dein Leben wirft, was nicht dir gehört. Es aufschreiben, falten, behalten. Als Backup.

This day last year.

Abend

“I wish I photographed the last year, all those moments I forgot” singt zum Beispiel Sir Simon Battle in einem Song. Vor 365 Tagen habe ich damit angefangen jeden Tag ein Foto zu machen. Und heute ist quasi Silvester. Morgen geht es wieder von vorne los, weil diese Routine mir ans Herz gewachsen ist. Und weil es doch stimmt, dass Bilder so manche Erinnerung zurückholen. Sie ersetzen nicht jede, aber sie erleichtert manche.

So this is the new year.

Bubble wrap horizons and protective shields.

Knallfolie

Hast du daran gedacht, ans Meer zu ziehen? In die Wälder zu gehen und nicht mehr wiederzukommen? Hast du dir überlegt einfach weiter zu laufen, bis jemand kommt, der dich einholt, nicht mehr stehen zu bleiben sondern einfach zu laufen, bis jemand aufholt und dich von der Seite anschaut? Hast du dir überlegt, was dann passiert? Dass es dann sein kann, dass die Stille zurückkommt? Dass es mitunter möglich ist, dass es gar nicht mehr Geschwindigkeit sondern ein ureigenes Tempo ist, keine Beschleunigung sondern ein Puls? Keine Anstrengung sondern ein Zustand, den du brauchst, weil es ohne den kleinen Takt nicht funktioniert? Kannst du dir vorstellen, dass es nur wenig gibt, auf dass man sich so sehr konzentrieren kann, dass der Rest nicht anhält aber aus dem Sichtfeld rückt, dass es wirklich nicht viele Gesichter gibt, in die du schauen kannst, sodass du nichts mehr mitbekommst von Fahrtwind und Fliegenresten auf der Windschutzscheibe?

Kannst du mir sagen, dass das passiert, dass die Ruhe zurückkommt, dass man nur lange und weit genug laufen muss, von mir aus drei Paar Schuhe, fünf Raststätten, Blasen an allen Ecken und Enden? Wenn du mir sagst, dass das stimmt, dass am Ende mit Kissen geworfen wird und Wasser geprustet, wenn du sagst, dass es eine Chance gibt, dass wir uns nicht mehr in Knallfolie wickeln müssen, um nicht zu zerfallen und einem Totalschäden zu entgehen, wenn du mir sagst, dass wir irgendwann nur dastehen und die Bläschen zwischen unseren Fingern zerdrücken, dann geh ich, dann komm ich mit, dann muss das so sein und ich werde keine Fragen stellen, ich werde nichts suchen sondern die Aussicht genießen, mich dehnen für den Ernstfall, ich werde meinen Milchzahn als Wegzehrung mitnehmen und erst ausspucken, wenn wir am Ziel sind, wenn alles geschafft ist.

Das, was man sich nicht ausdenken kann.

Das, was einfach so passiert. Dinge, von denen man niemals gedacht hätte, dass sie jemand ehrlich und ernst meinen könnte. Das ist solches, was man nicht einmal im totalen Suff, dem Hintertürkoma oder der wildesten Phantasie für möglich gehalten hätte. Dinge, die einem, sobald sie doch passieren, den Schweiß auf die Stirn und gleichzeitig den Atem stocken lassen. Und zwar so sehr, dass man sich festhalten und gleichzeitig rennen muss, damit einem nicht jegliches Verständnis von Ethik und Pietät abhanden kommt.

Das sind die Dinge, die man sich nicht ausdenken kann, weil sie einem nicht in die Vorstellung rutschen. Dass es wirklich jemanden gibt, der einem mit vollem Ernst entgegen tritt, gar mit persönlichem und geschäftlichem Interesse, der sich einsetzt, weil er dein Buch gelesen und hinterher für toll befunden hat, und man sich natürlich geschmeichelt fühlt aus dem Gefühl heraus, dass da jemand an einen glaubt. Dass es wirklich jemanden gibt, der deine Geschichte kennt, weil du sie vereinzelt in Interviews erzählt hast, und vielleicht sogar in einem persönlichen Gespräch, du hast erzählt, dass jemand, der dir sehr nahe stand, an Krebs gestorben ist und dass dieses Ereignis eine große Rolle in deinem Leben gespielt und dich sehr geprägt hat, - und es gibt jemanden, der setzt sich hin und stellt dir Fragen und hört dir zu und nach einigen Antworten sagt er dir, er habe soeben die Diagnose bekommen, er habe Krebs. Dass es jemanden gibt, dem man auf diese Nachricht hin helfen wollte, weil einen das ja nicht kalt lässt, wenn einem jemand so etwas erzählt, dem man dann irgendwie beistehen möchte in der Akzeptanz dieser Krankheit, im Kampf dagegen und im Umgang damit - und sich Zeit genommen hat für Gespräche und Arztempfehlungen, für Rat und Erfahrungsaustausch. Dass es jemanden gibt, der einem diese Diagnose hinlegt, so glaubhaft, dass man in seiner eigenen Vergangenheit wühlt und erzählt von Dingen, über die man vielleicht sogar lange nicht gesprochen hat. Dass dieser jemand nach einigen Wochen, in denen er diese Diagnose aufrecht erhalten und lebhaft davon erzählt hat von den Schmerzen und der Behandlung und den damit einhergehenden Strapazen, dass dieser jemand einem dann an einem Sonntagabend mitteilt, während man sich zeitweise vielleicht sogar wirklich Sorgen gemacht hat, dass all das - der Krebs, die Diagnose, die Behandlungen, die Schmerzen - einfach frei erfunden waren, ausgedacht, ein Hirngespinst, niemals auch nur annähernd wahr waren sondern nur Mittel zum Zweck, um eventuell vielleicht irgendwann mal selbst ein Buch zu veröffentlichen. Dass jemand, dessen Veröffentlichungen im Netz eine signifikante Anzahl Menschen verfolgen, der einen Job in einem namenhaften Unternehmen hat, in der Lage ist, sich hinzusetzen und sich selbst Krebs anzudichten, um damit etwas in anderen Menschen auszulösen und sich später finanziell und erfolgsgetrieben daran zu bereichern.

Das sind Sachen, die man sich nicht ausdenken kann. Das ist ein Mensch, von dem ich hoffe, dass ihm niemand begegnet. Und ein Moment, in dem man ernsthaft den Gedanken in Betracht zieht, nie wieder jemandem zu glauben.