Gefühlsbashing

Das Montagsgespräch über Befindlichkeiten ist ausgefallen. Aufgrund von Befindlichkeiten. Sie wissen ja, wie das ist. Nächste Woche geht aber alles seinen gewohnten Gang. Stehen an diesem Abend dann aber auch noch drei schicke Männer unangemeldet mit einem breiten Grinsen vor der Tür und laufen bis in den vierten Stock, um ihr Konzert am Donnerstag ganz persönlich anzukündigen und die Wohnungsbewohnerin zum neuen Jahr einmal ordentlich in die Luft zu schmeißen, dann wandeln sich diese undefinierbaren Montagsbefindlichkeiten in eindeutig gute Stimmungen um. Leider werde ich am Donnerstag nicht dabei sein können, wenn Leander & Microstern im Rosi´s spielen, denn ich bin bei (”Das wird ganz schlimm für mich, wenn du mich mal verlierst“-) Manfred Krug in der Philharmonie. Das ist aber eh ausverkauft, der Rest ist unerheblich. Also kommt alle brav nach Friedrichshain, das wird sicherlich sehr toll, das hier ist eine ausgeprochen dick unterstrichene Empfehlung. Ich komm auch noch nach, wenn Manfred früh Schluss macht.

Zur Einstimmung kann man noch einen kleinen Film über die neue Delbo-Platte angucken. Hat auch was mit Befindlichkeiten zu tun. Wenn schon, denn schon.

Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Januar 2008 um genau 22:38
Kategorie : Filme, Ton | 0 Kommentare

 Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht.

Hier gibt es die Termine für den Film mit der schönsten Kapuze der Welt. Und dem schönsten schneebedeckten Feld. Und sehr guter Filmmusik. Und einer wunderschönen Eule.

Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Dezember 2007 um genau 14:14
Kategorie : Filme | 3 Kommentare

 Full Metal Village

(Bild: filmstart.biz)


Ich meine, sie hat einen guten Blick. Cho Sung-hyung. Unaufgeregt und klar ist ihre Perspektive auf die Bewohner des Dorfes Wacken in Schleswig-Holstein, in dem jährlich das Wacken Open Air Festival stattfindet. Ein Metal Festival. 2006 kam der Film ins Kino, und während ich hier fleißig Wadenwickel wickle, Tablettenschachteln sortiere, Tee einflöße und Wärmflaschen auffülle, habe ich mein Kino eben im November 2007 nachgeholt. Zuhause.

Wacken ist eigentlich auch unaufgeregt. Die Älteren haben sich abgefunden, leben verheiratet oder verwitwet. Resigniert oder aufrecht. Die meisten etwas wehmütig. Und der, dem die Felder gehören, findet sich selbst ziemlich gut. Er steht nach dem Essen auf, auch wenn seine Frau noch nicht fertig ist. Sie beschwert sich leise, lächelt für die Kamera. Er legt sich auf´s Sofa und schläft. Nach dem Festival fährt er mit seinem kleinen Mobil über die Wiesen, wo die Jugendlichen den Müll einsammeln. Er schaut auf seinen Besitz und gibt Anweisungen, fährt kleine Kurven.

Dann gibt es das Mädchen, das mit seiner Freundin in einem kleinen Fitnessraum trainiert. Diättipps kleben sie mit Klebeband an die Wände, sie machen Gymnastik auf zwei Isomatten zu einer Anleitung aus dem Radio. Für den Nationalsozialismus interessiert sie sich, weil ihre Oma von der Flucht erzählt hat damals, da kauft sie sich auch mal Lektüre zu. Mit ihrer Freundin bewirbt sie sich bei einer Modellagentur. Und auf´s Wacken geht sie, weil man so schnell Leute kennenlernt dort. Dass diese vom Satan besessen sind, wie ihre Oma glaubt, denkt sie nicht. Ihre Oma hat auch eine Freundin. Mit der macht sie aber nicht Gymnastik, sondern isst Kuchen und singt im Chor. Da sieht sie dann wieder ein bisschen jung aus, wenn sie singt von Rollschuhen und im regionalen Akzent.

Der Kuhbauer holt seine Frau vor die Kamera, das habe sie sich schon lange gewünscht. Sie stehen nebeneinander, er gibt ihr einen Kuss. Und ganz ruhig zieht er an der Zigarette im Kuhstall, während die kleine Katze aus der Milchkanne trinkt. Aber man stellt doch schon Stühle vor die Häuser, denn bald geht es los. Und alle machen mit. Als Ordner, Platzanweiser oder am Ausschank. Es gibt eine Einweisung vom Wachtmeister aus dem Nachbarort. Manche fahren weg, die Kinder bleiben da.

Und natürlich sind alle aufgeregt, als die meist schwarz gekleideten, oft langhaarigen Fans kommen, aber das ist zu erwarten, das kennt man. Jugendkultur mit Symbolen und Praxen, der Bruch ist ganz nett, als die Wackener Feuerwehr zur Festivaleröffnung mit dem Orchester auffährt. Die Metalheads finden das gut, die Einwohner auch. Man schunkelt zusammen. Und dann gibt es die typischen Bilder vom Festival, Regen, Schlamm, headbangen. Interessant ist jedoch, wie sich dieses Dorf nicht aus der Ruhe bringen lässt, nicht vom Weg ab. Es verändert nichts in deren Leben, alles geht weiter wie vorher, man nimmt es so hin. Und morgen wieder Ernte und Mittagessen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. November 2007 um genau 23:54
Kategorie : Filme | 5 Kommentare

 

“Der Junge ist im Wachstum, der braucht sein Toastbrot und sein Nutella!”

(Mutter in einer Reportage über dicke Kinder. Beim Toast mit Nutella am Morgen an die eigenen langen Füße denken, kurz ein schlechtes Gewissen haben, dann noch einen Toast schmieren und froh sein, keine Familie zu haben, die einem solchen Mist erzählt.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. August 2007 um genau 17:27
Kategorie : Filme | 0 Kommentare

 Buchstaben über der Stadt

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Alle wollen den Film noch einmal sehen, alle gucken, wie Berlin sich verändert hat - “Ach Gott. Ja. Stimmt.” Jetzt rennen sie ins Kino und dann wieder raus und vergessen zu bemerken, dass das ja weitergeht. Dass das ja real ist. Mei Woansinn. Dass immer mehr Häuser und immer mehr Straßen gebaut und immer mehr Fassaden sonnenbrillenkompatibel blank geweißelt werden. Und im Kino juchzen sie dann “Ah” und “Oh”, wenn man ihnen vorhält, dass es doch noch was gibt hier von der Vergangenheit, von den alten Tagen, ein paar Schnipsel von den Schwarzweißfotos in echt. Und lesen sie dann die Kritiken dazu, dass Wenders mit seinem Engel zurück in den Kinos ist, und man ihnen zum Zwecke der Anschaulichkeit ein paar Fotos dazulegt im Sinne von “Damals und heute”, dann juchzen sie noch einmal: “Das ist aber hübsch. Ach Schatz, hast du gesehen, den Schriftzug gibt es immer noch?!”

Ja, Schatz. Den Himmel gibt es immer noch. Und die Schriften und die Mauer und die alten Schilder und die Pflastersteine und das Gestrüpp hinter dem Bahnhof und die Ampelmännchen und den Tierpark und die Hochhäuser und den Platz und die Straßen und vor allem auch die Menschen. Du müsstest vielleicht mal dein Brillchen absetzen. Genauer hingucken. Gardinen auf und Wimpern weg. Du weißt schon, mein Schatz. Kleinigkeiten und so. Zwischen den Zeilen. Geht auch bei der Stadt. Echt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Mai 2007 um genau 18:57
Kategorie : Berlin, Filme | 3 Kommentare

 München ist ein Verhütungsmittel

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Seit gestern läuft ein Film in den deutschen Kinos, dessen Geschichte eine Speed-Dating-Veranstaltung recht amüsant dokumentiert. Viel spannender als jedoch die in den Kritiken so hochgelobten Charaktere und deren kleine Abgründe finde ich jedoch das Bild, das währenddessen vom Ort des Geschehens, nämlich von München gezeichnet wird. In kleinen Spitzen und versteckten Abkürzungen wird die Stadt auf ganz eigene und vorher selten gehörte Weise konnotiert. Da lob ich mir mein Berlin und seine Geschwindigkeit, seinen Rotz und sein Wasser, seine abgefuckte Herzlichkeit und all die kleinen Fehler, sein Tamtam und sein dreckiges Lachen.

“In München passiert es dir so schnell, dass du im Café sitzt, dich über den Föhn freust und zack - bist du 55 Jahre alt.”

Den Film kann schauen, wer Klischees abkann und trotzdem auch mal laut über diese lacht. Die kommen eben doch nicht von irgendwoher. Wer das nicht kann, sollte sich auf den einen schönen Frauenmund konzentrieren.

Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Mai 2007 um genau 11:43
Kategorie : Berlin, Filme | 4 Kommentare

 Cœurs

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Werter Herr Fritz Göttler,

Sie haben heute in der Süddeutschen Zeitung Ihre ultimative Lobhudelei geschrieben auf einen Film, bei dem ich mich frage, ob wir beide den gleichen gesehen haben. Ja, die Zeitungen scheinen das neueste Werk von Alain Resnais zu mögen. Jedoch haben sie kaum Worte für die Beschreibungen der Szenen und es wird ebenso wenig zitiert (und wenn, dann falsch, jedenfalls aus der deutschen Übersetzung). Und wissen Sie, woran das liegt?

Es gibt nichts zu zitieren aus dem Film. Kaum ein kluges, sauberes, nicht schon einhundertmal in den Mund genommen und abgenuckeltes Wort wird in diesem Film gesprochen. Die Phrasen, wir kennen sie alle aus den Heftchen unserer Großmütter, aus den Schlagzeilen und netten Gedichtchen. Aber welcher Film eines angeblichen Regie-Genies will schon wie ein harmloser, triefender Reim klingen, den man gleich wieder vergisst? Ich frage mich, wie alt Sie sind, Herr Göttler.

Und ich frage mich, woher Sie die Bilder haben, die Sie angeblich “immer wieder den Atem anhalten lassen“, denn als ich im Kino saß, bewegte sich der halbe Saal nach und nach wieder ins Foyer. Die andere Hälfte raschelte, schmatzte, lachte und schnarchte so laut, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Ich frage mich außerdem, woher Sie das Tempo nehmen, die “rasche Bewegung“, die Ihrer Meinung nach in den Film kommt mit dem Kameraflug in den Szenen, in denen Nicole und Dan eine Wohnung suchen. Das war die einzig kleine Perspektive, die mal interessant und nicht total vorhersehbar war, der einzige, kurze Moment, der nicht gleich wieder in die Schublade “schon mal gehört, schon mal gesehen” gerutscht ist. Aber deswegen bewegt sich doch nicht gleich ein ganzer Film und nimmt an Geschwindigkeit zu.

Und Herr Göttler, hing Ihnen diese Schnee-Blende, diese so furchtbar offensichtliche Metapher der Kälte und Einsamkeit der Großstadt, wirklich nicht nach zwei Szenen ebenso zum Halse raus? Was schauen Sie sonst so für Filme, Herr Göttler? Und sollten Sie nicht lieber Gedichte schreiben, die so klingen wie dieser Film, wenn Sie schreiben: “Was ist das für eine Wehmut, die ihr Herz durchbohrt?”

Ich schätze Ihre Mühe, die Sie sich mit Ihrer Kritik gemacht haben. Sie haben Worte gewählt, die man nicht überall liest. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie sollten mehr Filme schauen, mehr hinausgehen, aufmerksamer sein, die kleinen Gesten mehr beobachten, um zu merken, dass diese Inszenierung zu einem der klischeebeladensten, phrasendreschendsten und zugleich langweiligsten Schweinen gehört, die in letzter Zeit durch die Kinos gerast sind. Warum nur wird sein Meister von allen Seiten gefeiert? Er hat die Sau aus dem Stall gejagt, ohne sie zu mästen.

Und Sie, mögen Sie eigentlich Schneekugeln? Haben Sie sich die mal genau angesehen? Dass die ja doch immer anders sind und tausend kleine Landschaften in sich tragen? Dass man die Schneefallrichtung mit dem Schüttelschwung beeinflussen kann? Dass der Hintergrund und das Licht, die stillen kleinen Figuren all ihre eigene Geschichte haben? Und dass man nicht ein paar so einfach zu durchschauende Charaktere nehmen, sie mit ein bisschen Schnee, ein bisschen Licht und ein bisschen Ruhm des Autos bestreuen kann und schon ein Wunderwerk daraus entsteht? Und dass man ein Auge auf die Übersetzungen haben sollte, die in diesem Fall einfach nur unglaublich schlecht gewesen sein müssen. Sonst war es das Drehbuch wirklich noch. Und ich glaube, auch Sie haben am Ende Ihres Artikels falsch zitiert. Jedenfalls klingt es plötzlich schöner, als es war.

Mit besten Grüßen,

Ich

Liz hat es verfasst, und zwar am 28. März 2007 um genau 20:35
Kategorie : Filme | 0 Kommentare

 Das wahre Leben

Die Mutter schläft mit ihrem Kunstfreund, der Vater eiert irgendwo zwischen schlechtem Gewissen und Unwissenheit, dem einen Sohn ist langweilig, der andere hat sein eigenes Leben in die Tasche gesteckt und kann ganz gut damit umgehen. Und bei die Nachbarn, bei denen ist zehnmal schlimmer…

Und während dieser ganzen Alltagstyranneien saß ich in meinem Kinosessel und musste immer ganz fasziniert auf Hannah Herzsprungs Oberlippe gucken, die sich so nett kräuselt, wenn sie diese Stimmung des alkoholisierten Ekels gepaart mit totaler Einsamkeit und Sehnsucht spielt, die Lippe, die sie dann immer so nach oben zieht und die mich an das Mädchen erinnert, mit dem ich vor ein paar Jahren mal in den Rosenhöfen Fotos gemacht habe und das diese Narben hat und das auch immer genauso schaute, wenn es die Orientierung verloren hatte. Den Kopf winkelte es leicht an, dieser stand ein bisschen schief, die Augen flirrten und dann eben noch diese Oberlippe. Wir hatten diese alte neue Kamera dabei, der Hof war gerade frisch saniert und wir noch haargefärbt, später sahen wir uns die Bilder dann an und erkannten uns kaum wieder. Jetzt ist das so, wenn wir uns zufällig in irgendwelchen Clubs treffen. Sie tanzt dann und trinkt und vielleicht kommt sie mal ein zwei Sekunden vorbei und lacht dann dreckig und laut und wenn es dann später wird und der Morgen vor der Tür steht, lehnt sie manchmal an der Bar oder an der Schulter von irgendeinem Typen und ich sehe, wie ihre Oberlippe zuckt. Dann wird sie müde und kommt ein bisschen runter und schafft es nicht mehr so ganz, den Kopf gerade zu halten. Sie ist dann wieder das Mädchen aus den Rosenhöfen und ich drücke ihr einen Kuss auf die zerlöcherte Stirn und eigentlich warte ich darauf, dass sie mal an einem Rücken lehnt, der das aushält.

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Februar 2007 um genau 11:54
Kategorie : Filme | 3 Kommentare

 Toyen

Da ist es wieder. Das Ereignis im Film, das sagt, es kann jeden Tag passieren, dass jemand ankommt und sagt: “Hej, du bist cool. Ich will Geld machen mit dir!” und du stehst dann da und denkst: “Ja hej, wirklich cool. Das kommt mir total gelegen. Wer bist du eigentlich?“. Und da ist auch eine charmantere und nebenbei noch norwegische Variante einer abgespeckten Truman Show, die man sich ansieht und am Ende froh ist, einfach nur ganz normal zu sein.

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“Buddy” ist die Geschichte von Kristoffer (Nicolai Cleve Broch). Dieser klebt den ganzen Tag Plakate an Oslos Hauswände. In Latzhosen fahren er und sein guter Freund Geir (Aksel Hennie) in einem kleinen Lieferwagen herum, langweilen sich, machen Schwachsinn und führen nebenbei ein Videotagebuch. Nachdem Geir aus dem Fenster einer Fernsehproduktionsfirma in einen Container voller Matratzen gesprungen ist, Kristoffer jedoch vor den Sicherheitsbeamten davonrennen muss, verliert dieser ein paar seiner Tapes in dem Gebäude. Und wie es das Schicksal im Film so will, fallen die Bänder natürlich den Produzenten in die Hände und die finden die so spitze, dass sie Kristoffer, Geir und den dritten Mitbewohner Stig Inge zum Teil einer bekannten Talkshow machen. So werden sie in kürzester Zeit berühmt und ganz Oslo weiß plötzlich von Stig Inges manischer Angst, sein Viertel zu verlassen. Ebenso flimmert über die Bildschirme des ganzen Landes, dass Geir Vater eines Jungen ist, den er noch nie getroffen hat.

Und da stehen diese hageren, angenehm normal verpeilten Jungs plötzlich vor dem Dilemma ihrer Gedankenlosigkeit. “Wooohaaa, Fernsehen, da sind wir dabei!” jubelten sie anfangs. Nach und nach fallen ihnen aber die Konsequenzen dieser Entscheidungen auf den Kopf. Dass es dabei natürlich noch eine Liebesgeschichte gibt (in der eine ziemlich gut aussehende Frau eine Rolle spielt), muss man kaum erwähnen. Dass sich die Jungs in all dem Durcheinander, das diese Show in ihr vorher so vor sich hin getröpfeltes Leben bringen, dann doch ziemlich erwachsen und loyal verhalten, wäre weniger zu erwarten gewesen. In “Buddy” kann man ihnen beim Erwachsenwerden zuschauen. Und das beruhigt.

Und macht mir dazu wieder Sehnsucht nach dem Norden, während ich seit ein paar Wochen schon immer und immer wieder Clueso summe: “Ich komm nie mehr, ich bin in Chicago. Irgendwo, wo mich keiner kennt“. Wenn Sie aufmerksam waren, werden Sie bemerken, wir kennen dieses Thema schon. Und da ich in diesem Jahr zum ersten Mal wirkliche Vorsätze habe und auch ganz gut dabei bin in diesen ersten zwei Tagen, sie einzuhalten, wird es ein paar weitere Schritte geben. Manchmal komme mir ein bisschen vor wie Stig Inge. Und ich sage bewußt “manchmal” und “ein bisschen”. (Nur um Kommentaren vorzubeugen, die sagen: “Hey, mach das mal. Is voll gut und so für dich“. Es gibt immer mehr Gründe, die einen hier halten. Und die sind nicht einmal nur emotional.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Januar 2007 um genau 12:30
Kategorie : Filme | 7 Kommentare

 Wie Sonntag um dich

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Macht man das nicht so? Man geht zu einer Filmpremiere und dann schreibt man darüber. Vielleicht sogar mit dem Kugelschreiber, den man auf einem dieser Stehtischchen gefunden hat, an denen man wartet, dass sich die Meute in Bewegung setzt, denn man geht ja nicht als Erste da in diesen Kinosaal, sondern wartet und hält sich an den vielen Sektgläschen fest, die sich einem immer wieder vor die Nase gestellt werden. Ich war also bei “Peer Gynt“, die Prominenz war auch bestellt und es sprudelte an allen Ecken und Enden. Ich war noch nicht oft auf solchen Festivitäten, ich werde mitunter etwas verlegen, weil ich nie weiß, ob der- oder diejenige, die ich da gerade anschaue, irgendwas wichtiges zu tun hat oder irgendjemand ist, den man kennen sollte, und man will ja nie starren oder auffallen. Es funktioniert ganz gut, wenn man so tut, als gehöre man dazu. Nur ein bisschen, nur ganz wenig. Wenn man den Blick eben nicht senkt oder mit großer Entschuldigung beiseite geht, sobald sich jemand nähert. Wenn man es hinbekommt, den Blick wach und offen zu halten, aber nie lange genug in anderen Augen, um jemanden zu erkennen, dann kann man sich ganz gut durch die Menge mogeln und herumstehen ohne sich seltsam deplatziert zu fühlen. Vielleicht ist das aber auch eh alles egal, wenn man zwanzig Mal auf Premieren, Feiern, Galen und anderen Schmonz gegangen ist, sich mit Küsschen begrüßt und nicht mehr darüber nachdenken muss, wie man einen guten Sitzplatz, das nächste Getränk oder einfach nur das Klo findet.

Die Reihennummer habe ich mir nicht gemerkt, wir saßen recht weit vorn. Zwei Reihen davor der Hauptdarsteller Stadlober. Und während ich darüber nachdachte, ob es sich da auf seinem Hinterkopf eventuell etwas lichtet, hielt der Produzent Siegfried E. Kamml eine Rede. Und die Seltsamkeit setzte sich fort, denn dieser Mensch schwankte vom einen Bein auf´s andere, er redete und redete, bedankte sich und ich wurde das Gefühl nicht los, dass diese Rede einfach keine gute war. Und es schien, als wolle er den anwesenden Journalist(inn)en ei bisschen das Denken abnehmen, als er am Ende noch ein paar den Film beschreibende Worte wie “poetisch” und “nachdenklich” in die Runde warf. “Lassen Sie ihren Gedanken freien Lauf“, wirkt einfach blöd als Aufforderung vor einem Film. Macht man eh. Und natürlich nahm ich das nicht wirklich ernst, fragte mich aber doch, ob ihm nichts besseres eingefallen ist, was er über seinen eigenen Film hätte sagen können.

Peer Gynt ist ein Lügner. Peer Gynt schliddert und wankt und stampft dabei immer nochmal ein bisschen mit dem Fuß auf, er reißt den Mund auf und brüllt und setzt sich Kronen auf, die es nicht gibt. Peer Gynt lebt im Märchen. Männer mit großen Worten finden Frauen toll. Erst recht, wenn sie noch ein bisschen nach Junge und Kindheit, nach Traum und Überschwang schmecken. Es geht um Seelenheil und Selbstsuche, um Du und Ich und Liebe und Lüge und Betrug, um Zickzack und Verwirklichung. Und um das eigene Zuhause.

Gedreht wurde auf Usedom und mit dieser Insel kann man nicht viel falsch machen. Ebensowenig wie mit Nahaufnahmen, mit gut und versteckt geschminkter Haut, mit Bilder von Feld und Meer, mit Schiffswracks und durch und durch schönen Menschen. Das ist die sichere Seite des Films, auf die man sich von der ersten Sekunde an verlassen kann. Das sieht schön aus, das fühlt sich gut an und klingt auch angenehm. Wind und Wasser, summende Bienen und fliegende Röcke. An Haut und Haare geht es erst, wenn man es hinbekommt, sich von dieser konsequenten Ästhetik nicht ablenken zu lassen. Natürlich unterstreicht die Musik und Ibsens Text allein reicht ja schon, da braucht es nicht einmal Bilder dazu, denn “Es ist wie Sonntag um dich herum” kann man sagen, ohne dass man dazu ein Gesicht braucht, das zwinkert und klimpert. Das wirkt von ganz allein.

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Von einer Komposition kann man mehr erwarten. Muss man aber nicht. Man nickt, wenn jemand sagt: “Sich Ibsen vorzunehmen ist schon mutig genug”. Und doch fühlt es sich brav an. Ich weiß noch, wie ich darauf wartete, dass Robert Stadlober als Peer Gynt wirklich mit sich hadert und kämpft. Er trägt seine Mutter zu Grabe, er verlässt seine Liebe, er trifft den Teufel und bleibt dabei aber irgendwie sehr im Rahmen. Und obwohl das an das eigentliche Thema von Gynt stößt, würde ich fast sagen: Er bleibt zu sehr in sich, zu sehr er selbst. Mir hat der Grenzgang, der Schrei gefehlt, den ich im Theater vielleicht bekommen hätte. Ja, wenn sie sich im Bauch des Schiffes anbrüllen, Gynt aufschneiden wollen, da wird es zwar laut. Und doch gruselt es mich erst wirklich, wenn die Grüne ihn verfolgt. Weil sie nicht in das Bild passt und ihre Stimme nicht in den Klang, in dieses sanfte Hin und Her des Seegrases. Ich glaube, ohne Kathi Angerer hätte das Konstrukt nicht gehalten.

Natürlich will man sich die Zitate merken. Natürlich nimmt man sich vor, wieder genauer hinzusehen, wenn man das Kino verlässt. Man fässt sich an die Wimpern und wünscht sich Sommersprossen, man setzt die Schritte ja immer anders in diesem Nach-dem-Film-Gefühl und wünscht sich ans Meer. Und ab und an erinnert man sich vielleicht auch und überlegt, wer einem Peer ist und wer einem Solveijg. Und ob man nicht auch sich selbst genug ist, ohne wirklich man selbst zu sein. Das bleibt ja im Rahmen, das kennen wir schon. Und das Plakat erinnert an Huckleberry Finn.

(Bild vom ZDF Theaterkanal: “Vor über 800 Gästen wurde […] die Theaterverfilmung “Peer Gynt” von Uwe Janson - eine Produktion im Auftrag des ZDFtheaterkanal in Zusammenarbeit mit 3sat/arte - auf insgesamt drei Leinwänden in einem Screening gezeigt. Das weitgehend aus Fachleuten bestehende Publikum zeigte sich von der Poesie und Bildkraft des assoziativen Filmes beeindruckt. Der Film wird am 13.12. um 22:40 Uhr auf ARTE erstausgestrahlt und kommt am Folgetag in über 50 digitale Kinos deutschlandweit.”)

P.S.: Der Header dieses Blogs besteht übrigens auch aus einem Usedom-Grün. Jawoll.

Liz hat es verfasst, und zwar am 7. Dezember 2006 um genau 21:02
Kategorie : Filme | 0 Kommentare


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