Irgendeinen Weg ins Beste

Jonas, ich hole den Löffel aus dem Tiefkühlfach und klebe ihn mir an die Zunge, bevor ich den Grießbrei umrühre damit und kleine Eiskristalle sofort den Abgang machen. Es dampft nicht lange und dann esse ich den Rand zuerst und mich bis zur Mitte durch, um den Rest stehen zu lassen für später. Später gibt es neue Ränder, leicht angetrocknet, so wie der Salat immer matschig wird, obwohl man sich denkt, das sei bestimmt nicht so schlimm später, das hebe ich auf. Langsam lasse ich Wasser in den Graben zwischen Schalenrand und krustiger Insel laufen, bis das Wasser ihr bis zum Hals steht, bis es überläuft und sich ins Universum ergießt, bis es die Brotkrümel mitnimmt. Es liegt noch ein Löffel im Tiefkühlfach, den wirst du nie benutzen, der wird irgendwann verloren gehen im ewigen Eis unter der Pizza.
Emma, über deiner Oberlippe sind kleine Haare und ich sage es dir nicht, weil du dich dann wegdrehen und im nächsten Autoseitenspiegel anschauen würdest, versuchen, die Härchen zwischen den Fingernägeln einzuklemmen und auszuzupfen, du würdest abrutschen und den Spiegel unsanft treffen und dann würde die Alarmanlage des Autos losgehen, du dich erschrecken und losrennen und ich hätte Mühe dich einzuholen und wenn du dann an die Häuserwand gelehnt stündest, schwer atmend, denn eigentlich sollst du so nicht rennen, aus dem Stand und so schnell, dann würdest du dich mit den Händen auf den Knien abstützen und dein Haupthaar würde dir ins Gesicht fallen. Ich würde mich vor dich hinhocken müssen, um dich anzusehen, und wenn ich dann von unten zu dir aufschaute, würdest du dich wieder wegdrehen. Also sage ich es dir nicht und kann dich weiter anschauen, während du deine Geheimnummer beim Eintippen leise vor dich hinsagst.
Ja, ich habe Angst davor allein zu sein, Jonas. Und dass das Geräusch der unter mir wegfahrenden U-Bahn die einzige Regung ist, die ich empfinde, und es mich dabei nicht einmal schüttelt. Dass die Weinflaschen im Regal, die ich mal so mitnehme, zweimal die Woche für eine Gelegenheit, immer mehr werden und sich zusammenrotten, weil die Gelegenheiten nicht auftauchen und ich am Ende Blumenerde in die Weingläser fülle und zwei Samen und vielleicht etwas passiert und vielleicht aber auch nicht. Und aus Angst, es könnte zuviel Wasser sein, gieße ich nur in Tropfendosen, zähle und zähle und zähle mich so sehr um Kopf und Kragen, dass das Geräusch der unter mir wegfahrenden U-Bahn wirklich die einzige Regung ist, die ich empfinde, und es mich dabei nicht einmal schüttelt.
Du fehlst mir nicht immer. Ich denke nicht immer an dich. Ich habe nicht ständig deinen Geruch in der Nase, nicht ununterbrochen das Gefühl deiner Handgelenke in meinem Nacken, es ist schon so, dass ich nachschauen muss, um deine Nummer zu wählen und dass ich den Tag vergesse, an dem du geboren bist. Ich habe kein Photo von dir und ich denke nicht daran, eins zu machen, und hätte ich eines, würde ich es wahrscheinlich vergessen irgendwo in einem der Bücher, die ich wieder nur zur Hälfte gelesen habe. Vielleicht würdest du es finden, wenn du mit einer Hand auf der Hüfte vor meinem Bücherregal stündest, den Kopf schief gelegt, um die Buchrücken lesen zu können, und in winzigen Schritten von einer Seite zur anderen wandernd wie in Zeitlupe, du würdest es aus dem Regal nehmen und den letzten Satz zuerst lesen, wie du es immer tust, dann dein Photo finden, es zurücklegen – und ich würde es nicht bemerken, aber du wärst so still plötzlich. Und dann würdest du mir wieder einfallen – und das ist immer der beste Moment, Emma.





