But we are feathers

Sie hatten geschwiegen. Sie hatten so lange geschwiegen, dass sie angefangen hatten in Gedanken mit sich selbst zu sprechen. Kleine dumme Worte gegen die Schädeldecke, dass er trinkt, dass sie mit anderen schläft, dass er nie etwas ernst meint, dass sie ihn vergisst. Sie haben sich umgedreht, mit dem Rücken zur Wand, um die Bilder des anderen dort nicht mehr zu sehen. Den anderen ins Gesicht gelacht, laut und überschwänglich und mit so offenen Armen, dass der Rücken weh tat. Hin und wieder war ein guter Mensch dabei, einer, dem das ständige Seufzen egal war. Mit anderen sprachen sie viel, sich selbst wollten sie nichts mehr zu sagen haben. Und der Meeresspiegel stieg mit jedem Regen, mit jeder Morgendusche, mit jedem aus Unachtsamkeit verschütteten Kaffee, mit jedem von der Dachrinne fallenden Eiszapfen.

Man besann sich auf vieles. Die fallenden Blätter, die Weihnachtszeit, die neuen Knospen, den nicht kommen wollenden Sommer, man tanzte sich um Kopf und Kragen, um Zeh und Ferse, um die eigene Achse bis hin zu dem Gesicht in der Zeitung. Sie wischten sich den Schweiß aus der Stirn, irgendwann sogar wieder in der gleichen Stadt und in der einen Nacht von Montag auf Dienstag sagte er Hallo und ihren Namen. Und sie sagte Hallo und seinen Namen und dann tanzten sie weiter, die Hand zwischen dem Menschen in einer dem Gegenüber unbekannten Hand, irgendwo zwischen Röhrenjeans und Schweißbändern verhakelt. Es war so schwer nicht gewesen. Und am Morgen nahm sie mit Bieratem und Schweißhänden die zusammengefalteten Worte aus der Schachtel im Schrank. Und er schloß die alte Festplatte zum ersten Mal seit langem wieder an den Rechner. Es ging ganz leicht und man brauchte keine Stimme dafür, keinen Laut.


Zum zweiten Mal nach dem kilometerlangen Schweigen blieben die Blätter nun an den Fassaden hängen, ließen sich in die Lücken der Motorhauben wehen, klebten in den Lüftungsschächten der Keller. Emma hat die Schachtel ins Regal gestellt, ein zwei Dinge wieder glattgestrichen, Luft hineingelassen, sich gefreut. Und Jonas hat die Bilder kopiert, in den Photoladen geschickt und ausdrucken lassen, nicht bis zuhause gewartet, um sie anzuschauen. Niemand brauchte den anderen anrufen, die Zeit war gut, um sich wiederzusehen, und sie, wie man sie nannte, genau die richtige. Die mit den Übergängen von warm zu kalt, von Nackenhaar zu Wollfussel. Die zwischen Euphorie und Melancholie, Reste der letzten Monate, Erinnerungen der Jahre zuvor und Pläne auf Papier für all das, was kommt. Es war die richtige Zeit, um zu beschließen, sich nicht zu vergessen. Den Stolz abzulegen, der sie daran gehindert hatte, sich immer noch etwas zu bedeuten.

Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Oktober 2007 um genau 0:39
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 Wetterbericht

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Immer wenn es auf Untertassen regnet, speziell auf meine eigene, weiß ich, dass du keine fünf Meter entfernt bist. Wir nehmen die kleinen Tassen, die du von deiner Großmutter väterlicherseits geerbt hast, die mit den kleinen roten Kringeln am Henkel und dem Goldrand, die nie zu den Farben meiner Nägel passen, nie zu meinem Kleid oder meinen Schuhen, nie zu Lidschatten oder Lippenstift, nie zu meinen Wangen oder Haaren oder Augen, nie zu meinem Ausschnitt und eigentlich sind sie auch zu klein für deine großen Hände, für meine passen sie an sich ganz gut, aber wenn man das mit den Farben nicht stimmt, dann kann der Rest auch nicht wirklich gut aussehen. Du legst dann immer das Tischtuch auf, das hast du von deiner Tante mütterlicherseits, die noch nicht gestorben ist so wie die Großmutter, aber du sagst, es könne sein, dass sie große Angst hat davor und vor allem aber vor der Möglichkeit, jemandem danach noch zur Last zur fallen, und so verteilt sie schon jetzt ihr ganzes Hab und Gut. Du hast eine Tischdecke, einen kleinen Porzellanelefanten, zwei Teekannen und einen Umschlag mit Geld und Briefmarken bekommen. Von den Briefmarken schickst du ihr Postkarten und sie weint jedes Mal, wenn ihr telefoniert. Auf der Tischdecke sind Veilchen. Sie sehen aus wie drauf gestreut und als ich die Decke das erste Mal sah, war ich so entzückt von ihr, dass ich dachte, du hättest eine Freundin. Das ist bestimmt ihre, dachte ich. Und fragte mich sofort, ob es richtig sei, dass wir aus den Tassen deiner Großmutter mit dieser Tischdecke vor uns Kaffee trinken, aber wir beließen es dabei. Wir belassen es seit Jahren dabei und jedes Mal reden wir nicht viel, denn es regnet ja draußen und man müsste immer ein bisschen lauter reden, um sich wirklich gut zu verstehen. Und wir beide sind nicht die Typen mit den lauten Stimmen. Es gibt also immer mehr zu sagen, wenn es nieselt. Und nichts, wenn es stürmt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 29. Juni 2007 um genau 19:01
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 Schichten von Tapeten

Emma ist nicht gut in Krisenkommunikation. Sie schweigt, legt den Kopf schief und hofft auf Erdbeben oder Wirbelstürme, auf Steinschlag oder einfach nur einen Anruf. Immer dann, wenn es schwierig wird. Sie beginnt aufzuräumen, umzutopfen, neu zu streichen. Immer dann, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Wenn der Balkon dann grün ist und die Zimmer weiß, hat sich hin und wieder irgendetwas getan. Meistens durch Zufall, manchmal durch Zeit, selten durch Reden.

Jonas hat sich neulich umgedreht. Und steht seitdem mit dem Gesicht zur Wand. Der Kanarienvogel schreit aus Leibeskräften, den Fernseher hört er noch dahinter, den Brei von der Straße schubst er mit dem rechten Fuß zurück. Das Stehen im Schlafen ist so eine Sache, die Dellen der Rauhfasertapete drücken sich Nacht für Nacht in seine Stirn, die Fußspitzen an der Scheuerleiste sind schon taub und Emma spricht im Schlaf. Ihr Arm liegt dort auf seiner Seite. Eigentlich wie immer.

Am Morgen deckt sie den Tisch, sie schnattert und rotiert, sie werkelt und poliert. Sie klopft ihm den Staub von der Schulter und macht das Fenster auf. Seitdem schreit der Vogel nicht mehr, seitdem ist aus dem Brei von der Straße eine Flutwelle geworden. Gut für Emma, die wartet auf sowas. Schlecht für Jonas, den hört sie jetzt noch weniger.

Und morgen wird er sich umdrehen. Sie wird ihn anschauen, wie er da steht mit den blauen Zehen und den Furchen auf der Stirn, sie wird die Hände auf seine Schultern legen und sagen: “Müde siehst du aus.” Sie wird es wieder nicht begriffen haben. Und morgen wird er aus der Tür gehen und ihr ein schönes Leben wünschen, wenn er sich traut. Sie wird dann denken: “Das hoffe ich auch.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. September 2006 um genau 15:55
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 3. Stock

Wenn Emma allein ist und nicht allein sein will, geht sie raus. Mit kleinen Schritten die Treppe hinunter, schwerfällig den Arm mit dem Schlüssel in der Hand daran noch einmal an den Briefkasten gehoben, es könnte ja doch jemand geschrieben haben. Die Kniestrümpfe strafft sie noch einmal, bevor sie auf die Straße tritt mit dem Wind im Gesicht. Zuhause würde dieser alles durcheinander bringen. “Komm mit”, sagt die Hand an ihrem Ohr.

Wenn Jonas allein ist und nicht allein sein will, macht er das Fenster auf. Die Rechtecke auf der anderen Straßenseite werden dann zu seinem Bildschirm. Selten gewordene Echzeitkommunikation. Das Leben anderer stückelt sich ihm vor den Augen zurecht, den Schmerz in den Ellbogen merkt er nach einer halben Stunde nicht mehr. Jonas schläft ohne Kissen. Er hört das Baby schreien, das die Nachbarin seit Stunden durch das Zimmer trägt. “Schlaf ein”, flüstert sie.

Emma lässt die anderen Menschen die Richtung entscheiden, in die sie geht. Kommt gerade jemand vorbei, läuft sie dem hinterher. Igrendwann wechselt sie das Ziel und verfolgt langsam und samt Augen und Füßen jemand anderen. Es ist egal, wo sie landet. Die Stadt ist zwar groß, aber zu Fuß laufen die meisten nicht weit. Nach ein paar Minuten verschwinden die meisten in Hauseingängen oder bleiben an irgendeiner Station stehen. “Nimm mich mit”, singt jemand auf der Kassette.

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Jonas hat dieses Mädchen schon ein paar Mal gesehen. Sie läuft, sie trägt Beutel und sie scheint immer zu wissen, wo sie hin will. Manchmal läuft sie ein paar Mal in kürzester Zeit durch seine Straße. Wenn sie läuft, ist sie immer allein. Und sie blickt nicht auf. Und Jonas duckt sich immer, obwohl er weiß, dass sie ihren Kopf nicht dreht. Obwohl er weiß, dass sie ihn wahrscheinlich gar nicht sehen würde. “Schau mich an”, schreit das Plakat an der Ecke.

Die andere Straßenseite gefällt ihr nicht. Dort ist der Spätverkauf, vor dem die Männer sitzen, die nicht nach Hause wollen. Dort ist die Musikschule, in der die Kinder nie die Töne treffen. Dort sind zwei drei leere Läden, in deren Scheiben sie sich zu sehr spiegelt. Als könne man einfach hindurchgehen. Auf der anderen Seite stehen mehr Bäume und es gibt Eis. Das eine Schild meint: Einbahnstraße.

Er hört auf, wenn es kalt wird. Die Geschichten an der Hauswand gegenüber setzen sich fort, Tag für Tag. Jonas lässt sie herein, wenn er allein ist. Das Baby kann mittlerweile laufen. Neulich ging das Mädchen, das immer friert, hinter ihm her. Sie kam aus dem Takt, Kindergang ist unberechenbarer und es war das einzige Mal, das sie innehielt und nach oben sah. Jonas hat das nicht bemerkt, er stand im Bad und cremte sich die Ellbogen. Ich bin nicht da, stand auf dem Zettel neben der Tür.

Liz hat es verfasst, und zwar am 29. August 2006 um genau 16:24
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 (Emma und Jonas)

Und nun sitzt sie auf dem Badewannenrand, die Füße auf der klammen Matte. Kleinlaut wie immer, wenn es vorbei ist. Der Baum im Hof malt riesige Fratzen an die Badezimmerwand. Draußen schlägt laut eine Tür zu. Dann richtet sie sich wieder auf. Reckt und streckt, was sich in diesen ein zwei Stunden zu einem dicken Klumpen formte, einem Brei aus Ichunddu. Langsam wird Hand wieder Hand und Fuß wieder Standbein und das Gefühl kehrt in die Fingerspitzen zurück. Das ist vorher immer nur Brausepulver.

Unten am Briefkasten fällt er in sich zusammen. Jede kleine Spannung ist weg, der ganze Bauch ist wieder Brachland, die Ernte abgetragen, die Felder alle leer. Winter heißt Jonas´ Gesicht, wenn er auf die Straße tritt. Er dreht sich nicht um, er geht schnell zur Bahn, kauft sich die Zeitung, bevor er nach Hause kommt. Denn ein Mann braucht etwas zu tun. Jonas braucht etwas zu tun, wenn er weg ist von ihr. Informationen und Tonnen von Kartoffelbrei, irgendetwas, das füllt. Er duscht dann ein zwei Tage nicht, wühlt die Finger in die Haare wie ihre. Seine Hände sind selbst im Sommer selten warm. Hin und wieder bringt ihm seine Mutter Brausetabletten aus der Apotheke mit, denn „Jonas, du bist immer so blass“. Das macht nichts, denkt Jonas. Manche finden das sogar schick. Er bemerkt es nicht einmal. Wenn man sich selber jeden Tag ansieht, jeden Tag nur ein Gesicht im Spiegel, jeden Tag nur ein Gesicht im Schaufenster, jede Woche nur mit einem Paar Hände einkauft, dann hat man dieses eine Gesicht so oft gesehen, dass man nicht mehr merkt, ob es blass oder noch blasser ist, ob es Farbe bekommen hat oder gerötet ist. Diese Augen, diese Nase, diese Stirn und dieser Mund werden zur Tapete, die einfach da ist und bei der einem vielleicht nach einem langen Urlaub auffällt, dass sie grau geworden ist.

Wenn sie sich begegnen, sieht er, dass sie vor ein paar Tagen am Zeh geblutet haben muss. (Sie ist morgens schlaftrunken gegen den Türrahmen gelaufen, aber das weiß er nicht). Und er sieht den Sand unter ihren Fingernägeln. (Sie hat Blumen eingepflanzt, aber das sagt sie ihm nicht). Er bemerkt die neuen Sommersprossen und dass sie einen anderen Ring hat. (Den bekam sie geschenkt, aber das verrät sie nicht). Und er fragt sich, woher wohl die blauen Flecken sind. (Da tat man ihr weh, aber das hat sie vergessen).

Sie kippt die kleine Tüte Ahoi in ihren Mund. Lange will sie den Geschmack nicht behalten. Nur kurz und immer wieder. Danach spülen mit einem Glas Wasser auf dem Badewannenrand.

Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Mai 2006 um genau 7:52
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 (Emma und Jonas) Sand im Knie

Wir sangen mal ein Lied, da wurde alles wieder Farbe. Wir gingen mal durch die eine Straße da am Bahnhof und plötzlich war alles wieder gut. Und es gab diesen Moment, der nie mehr wiederkommt. Ich werde ihn nicht los und habe immer Beulen dort, wo Hosentaschen sind. Mit Momenten und Fäusten füllt sich der Stoff, mit Wartezeit und Haltegriff. Und jetzt ist es immer wie im Sommer, wenn alles zu warm und alles zu viel ist. Wenn man immer woanders sein will, weil man Angst hat sich aufzulösen, wenn die Luft so steht.

Dies ist wieder ein Tag mit den Geräuschen. Mit dem kleinen und lauten Klopfen, das mit Jonas aufsteht und ihm die Hand auf den Kopf legt. Der Puls wird hochgedreht und dann sind die Töne da. Das ist wie mit Emma. Wie in den Tagen, als sie morgens ihre Hand auf seine Stirn legte in der Hoffnung, das mache ihn ruhig. Ihr Herz geriet immer aus dem Takt, wenn er morgens mit dem ersten Licht aufsprang, die Füße aus dem Bett und sofort auf die Schuhe der letzten Nacht. Jonas wusste das nicht. Jonas wusste nicht, dass sie so war. Dass ihr Herz das nicht aushielt mit dem Auf und Ab und dass es nie eine Vorwarnung gab. Hin und wieder hatte sie richtig Angst vor dem Morgen, weil sie wusste, wie es werden würde. Und dass sie wieder die Letzte im Bett sein würde, die Letzte im Bad, die Letzte in der Wohnung, die Letzte auf der Straße. Immer zwei, drei Schritte Jonas hinterher. Und er hatte den Blick nach vorne gerichtet ohne zu wissen, wer da noch rennt.

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Und wir hatten mal eine Nacht, da habe ich vergessen, wo oben und unten ist. Da war alles eine Richtung, ich konnte mich nicht falsch verhalten, wir waren einfach immer da und beieinander. Das war nicht in der Straße, das war in deinem Bett. Mehr war da nicht, da waren nur wir. Ich habe nicht daran gedacht, dass es auch noch andere gibt. Und du hattest es vergessen.

Die Melodien sind seitdem da. Seitdem sie weg ist, kann Jonas sie hören. Ihr Klicken und Klacken, hoch und nieder und den Tempiwechsel auf dem Zebrastreifen. Hinter dem Lenkrad die Vollbremsung im Kopf. Es ist mehr ein Pochen. Und sie geht nicht, Emma geht einfach nicht weg, ihr Herz, ihre Hand. Mehr wusste sie nie so zu bewegen, dass es andere nichts anging. Und als sie Jonas in der Bahn das letzte Mal gegenüber saß, da hat sie ihn noch einmal richtig angesehen und sich auf ihre Hand gesetzt. Man kann nicht einfach überall die Hand ausstrecken. Das ginge so nicht, hat man ihr gesagt. Und immer wieder sahen die Menschen aus, als habe man ihnen vor den Kopf gestoßen. Es war nur eine Hand. Durch Zufall ihre.

Es gab auch mal einen Ort, an dem hast du gesagt, die Zukunft sei groß und ich als Mensch sei noch größer. Erst letztens habe ich versucht, die geübten Klimmzüge einmal anzuwenden. Da habe ich gemerkt, meine Finger sind zu klein, meine Arme zu kurz, meine Beine zu steif und mein Bauch zu weich. Aber für mich hat es immer gereicht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. April 2006 um genau 23:41
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 Abhang

Das Zimmer im Haus der Eltern blieb immer seines. Der Blick die Felder hinunter und der Berg dazu, über den sich der Schnee immer so legt im Winter, dass fast nichts übrig bleibt von den kleinen Stücken Land. Jonas liebt die stillen Stunden, die er am Hang verbringt, wenn es die richtige Temperatur für Schnee hatte. Man wird ein bisschen eins mit allem, niemand muss sich Sorgen machen, nicht beachtet zu werden, keiner fällt auf. Das Krachen von Eis gehört dazu, das Brechen einiger Zweige, wenn ein Vogel zu schwer war oder jemand unachtsam seine Schritte gesetzt hat. Mehr ist dann dort nicht. Entfernt dampft die Lok des Zuges in Richtung Norden. Auch in weiß.

Wenn er dorthin kommt, an den Hang und in das Haus seiner Eltern, wird er nicht wieder zu einem kleinen Jungen. Er bleibt der Jonas, der er geworden ist. Und er darf auch als derjenige kommen, der er ist. Niemand kneift ihm hier in die Wange, niemand schwelgt in Erinnerungen außer ihm selbst. Die Mutter weiß, wer er ist. Vielleicht als einzige wirklich. Der Vater fragt nach den Zuständen und Jonas erklärt sie ihm. Dann ist der Vater glücklich. Und an ihm merkt Jonas auch, wie er wurde, was er war. In der Bewegung der Hand des Vaters beim Butterbrotschmieren, in der Falte auf seiner Stirn, die sich bildet, wenn die Tagesschau von den Unruhen der Welt in neutralem Ton spricht, in diesen Gesten liegt Jonas. Die hat er mitbekommen. Und die hütet er. Wie die Erinnerungen.

Am Hang hat er Emma mal getroffen. Da kannten sie sich noch nicht lang, ihre Begegnungen hatten oft etwas mit dem Zufall zu tun. Er hatte dabei oft das Wort Fügung im Kopf, sie hat sich einfach nur gefreut. Ihre Großmutter lebt auch dort am Hang, vor zwei Jahren ist die gestorben, seitdem war Emma nicht mehr hier. Das Haus wurde verkauft, eine junge Familie sorgt eifrig für Nachwuchs.
Auf der Schräge kamen sie sich entgegen, Emma hatte die Hosenbeine hochgekrempelt und einen Strauß Blumen im Arm. „Sie sieht bestimmt aus wie ihre Mutter in jungen Jahren“, hatte Jonas da gedacht. Und Emma fiel auf, dass er so gut nie die Hände aus den Hosentaschen nahm. Sie sind ein bisschen zusammen gelaufen, haben sich unterhalten und sich auf die große Weide zu den Kühen gesetzt. Sie haben nur geschaut, als die Halbstarken auf ihren Mofas den Berg hinunterfuhren und pfiffen. Emma hat sich dann die Hosenbeine wieder runtergekrempelt und gesagt: „Ich geh jetzt nach Hause“. „Ich bin schon da“, hat Jonas gedacht. Dann ist sie gegangen und er blieb noch sitzen. Daran denkt er oft, wenn er in Schräglage durch den Schnee stapft.

Am nächsten Tag ist er nach Friedrichshafen gefahren mit dem Bus. Dort hat er eine Postkarte gekauft. Und manchmal, wenn Emma ihre Rechnungen sortiert, fällt ihr ein Stück Pappe in die Hand, auf dem steht: „Man konnte sich ein Tretboot ausleihen für 2 Personen und 7,50. Ich war nicht zu zweit, aber ich habe an dich gedacht. Ich glaube, es würde Spaß machen mit dir bis ans andere Ufer zu fahren. Nur um auf dem Wasserweg in die Schweiz zu kommen. Man bräuchte vielleicht 2 Tage, aber wir könnten uns unterhalten“.

Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Februar 2006 um genau 13:43
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