Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Zeug

Über Berlin.

Die Läden verkaufen Babyklamotten und schwedisches Designzeugs und T. sagt, da sind sicher viele dabei, wo der Ehemann das Geld bringt und die Kinder schon größer sind und sie sich jetzt endlich den Traum vom eigenen Laden erfüllen kann. Mit schwedischen Babyklamotten.

Von St. Burnster.

Twitter is down und alle gehen kaputt.

Schorsch wischt mal den Boden. Tine atmet auf. Heiner geht endlich mal wieder aufs Klo. Lars holt sich was zu essen. Katharina geht Briefmarken kaufen. Peter guckt die Leute im Bus einfach mal nur so an. Gregor lacht über seinen eigenen Witz ganz allein und lebt trotzdem noch. Maria surft weiter und hat seit neuestem endlich mal wieder ein Geheimnis. Caroline ruft ihre Mutter an. Finn schreibt einen potentiellen Tweet in sein Notizbuch, das er in drei Jahren in einer Pappkiste finden wird und sich wundern. Anna-Lena lästert mit dem Nachbarn über die komischen Bauarbeiter und merkt sich seine Augenfarbe. Benny photographiert sein Gekochtes heute nicht sondern isst es einfach so auf. Klara kommt vom Friseur, verrät nichts und wird sehen, wer es bemerkt. Johann geht zum ersten Mal allein ins Kino. Marie schaut sich einen Film im Fernsehen an und stellt fest danach fest, dass sie sich noch an den Plot erinnern kann. Kasimir wartet auf den Wetterbericht im Radio. Richard schafft sieben Seiten am Stück. Trixi spürt zum ersten Mal seit Langem, dass die Veränderung nur auf sie gewartet hat.

Das große Kommunikationslos.

Es gibt Wochen, die haben es in sich. Da verpasst man aus eigener Dämlichkeit ein gutes Konzert, dann steht das Handy mit einem zusammen auf und bricht kurz danach in völliger Gänze zusammen, sodass ein Neustart oder irgendeine Datenrekapitulation unmöglich scheinen und dann kündigt sich auch noch eine Erkältung an. Aber Frau jammert nicht, Frau hat heute erfahren, wie gut so Sachen manchmal doch sind: Unerwartetes, Plötzliches, Schiffbruchartiges.

Denn es melden sich die, die sich auch melden wollen. Man hört von Menschen, die man schon beinahe vergessen hatte, und freut sich einen ganzen Baum. Und am Ende hat ja doch das meiste einen Sinn, so soll man es den ganzen Eso-Ratgebern nach doch sehen. Wer die frohe Kunde von den verlorenen Telefonnummern und sonstigen Kontakten nun zum ersten Mal vernommen hat, möge sich melden oder es lassen. Das Schicksal verordnet mir Ruhe und einen Neuanfang und ich füge mich untertänigst. Auf den Herbst, die alte Kanone!

(Postkarten sind übrigens auch super.)

Seite 16

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mich an das, was ich vergessen will, nicht zu erinnern. Ich verstehe auch nicht, warum viele Menschen Berge belangloser Ereignisse, die es schon nicht wert waren, erlebt zu werden, in ihrem Gedächtnis stapeln, um sie hundertmal und öfter wieder herauszukramen und vorzuführen, als taugten sie als Beweis für ein genutztes Leben. In meinem Leben gab es nicht viel, was das Vergessen nicht verdient hätte, und so ist es in der von mir bewahrenswert gefundenen Fassung ein ziemlich kurzes Leben geworden. Ich weiß nicht, wie man heute darüber denkt, aber vor vierzig oder fünfzig Jahren, als ich noch mit anderen Menschen lebte, galt das Vergessen als sündhaft, was ich schon damals nicht verstanden habe und was ich für lebensbedrohlichen Unfug halte.

(Monika Maron, “Animal Triste”, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1997)

Not being quiet enough for you to fall asleep.

Ich denke manchmal morgens, ich könnte mich an alles erinnern. An jedes Geräusch, jedes Wort, jedes Stückchen Wetter, jeden Moment und das Gefühl, als plötzlich alles anders war und manche geschrien haben und andere kein einziges Wort sagten, ja, sich nicht einmal bewegten und neben dem Baum standen, noch baumartiger als der Baum. Und manchmal, wenn ich aufwache, fühlt es sich für ein paar Sekunden an wie damals an diesem Nachmittags, als ein Teller klirrte und ein Blick genügte, um zu wissen, dass nichts mehr so wird, wie es einmal war. Als das Auto kam und die Männer in den roten Jacken dich aufhoben und mitnahmen, als du nicht wiederkamst, als sie nicht sagten “Alles wird wieder gut” und wir mit der S-Bahn nach Hause fuhren, weil ihre Hände so sehr zitterten, dass sie nicht Auto fahren konnte. Und wenn ich nicht schlafen kann, glaube ich manchmal zu wissen, warum das immer funktioniert hat, wenn die Tür einen Spalt offenstand und ich wusste, du nähst im Nebenzimmer.

Natürlich ist mir klar, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Denn wenn ein Teller auf Rasen fällt, dann klirrt es nicht. Und wir wuchsen auch nicht im Boden fest. Und fuhren mit der S-Bahn, weil niemand sich getraut hat, deinen Platz einzunehmen. All die Jahre nicht. Vielleicht kann ich den Tag nicht auswenig erzählen, an dem du gegangen bist, vielleicht waren diese Stunden ganz anders. Aber wenn ich auf den Kalender sehe, weiß ich, dass ich ihn nicht brauche, um all das davor noch zu wissen. Und dich.

Wie man diesen Samstagabend verbringen sollte

Veranstalten Sie Ihr inneres Baumblütenfest.

Der aktuellen Bevölkerung kommt die wahrhaftige Albernheit beizeiten abhanden. Über Albernheit kann man sich nicht beschweren, meist läuft sie einem aber in grausamen, ja gar böswillig dummer Art und Weise über den Weg. Steht man dann aber einmal mitten in weißem und nicht gelbem Schnee zwischen sich biegenden und einen mit mildem Rascheln begleitenden Bäumen an einem Wegrand, dem man folgen kann, bis man wirklich auf der Spitze angekommen ist - ja, dann sollte man mitunter üben und mit dem gesamtem Körper ausführen, was einem im harten Alltag unten im Tal ab und an den Arsch und die Seele retten könnte. Das passende Lied dazu ist im Übrigen “El Captain” von Idlewild. Es funktionieren aber auch andere, weniger pompöse Musikstücke, in denen Gitarren und Rocknroller vorkommen. Und nun machen Sie mit und sich locker, entfalten Sie die Stirne und spüren Sie den Staub in Ihren Gelenken, lassen Sie das Fett schlackern und spannen Sie an, was noch geht. Sie werden sich besser fühlen danach. Sind Sie in Ihren Grundfesten ein ernsthafter Mensch, sollten Sie nicht weiterlesen und schon gar nicht mitmachen.

Wir beginnen mit der Grundaufstellung. Zwei Füße auf dem Boden, das ist ganz einfach. Der Rest ist eine intuitive Geschichte von Rock and Roll. Sie wissen schon, die Sache mit den Beats von früher. Hüfte locker und so weiter und sofort.

(Sie sollten vor Beginn des fulminanten Finales des Ausdrucks Ihrer inneren Ausgelassenheit noch einmal alle Kräfte zusammen nehmen, Anlauf oder wie auch immer Sie das nennen mögen, und wirklich alles geben. In der letzten Bewegung dann lassen Sie den Stress und die Anspannung hinter sich und schütteln alles ab. Danach werden Sie den Berg des Lebens quasi hinauf fliegen, vorbei an den lahmärschig im Lift sitzenden Skifahrern werden Sie auf dem Pfad des Lebens zwar keuchend, aber mit gesunder Gesichtsfarbe und durchaus gut gemütet das Gipfelkreuz erreichen. Sie müssen es nur zulassen.)

Um eines bitte ich Sie dennoch: Morgen haben Sie das alles vergessen und nehmen mich wieder für voll. Besten Dank und gute Heimreise. Bis zum nächsten Mal.

Die Sache mit der zweiten Hälfte

Es ist so nett, wie sie jedes Jahr wieder gleich aussehen in ihrem Geschwafel von Besinnung und ihrem Kaufrausch, von dem sie mit Taschen voller Stinketeelichter und weiterem Nippes zurückkehren. Dieser abschätzende Blick an den Supermarktregalen, die direkt vor den Kassen stehen, damit auch jeder versteht, dass in zweieinhalb Monaten Weihnachten ist, ja in anderthalb Monaten schon Dezember, damit auch niemand vergisst, kurz die Finger auszustrecken und über die knisternde, knackende und so unangenehm Raschelknurpselfolie gleiten zu lassen. Und immer wieder diese kleinen Schokoladenringe mit winzigen, bunten Kügelchen drauf, die niemandem schmecken, die aber jeder kauft, weil sie dazugehören, weil es auch die geben muss, die übrig bleiben wie beim Fußball am Ende auf dem leeren, krümeligen Keksteller.

Dieses Gerede im September von Silvester, das Abscannen der Schaufenster und mit welchem Hauruck die Sommermode in der Schublade verstaut wird, daneben ein Seufzen, das mit dem Harmonietee regelrecht genossen wird. Man kauft den Zucker jetzt an kleinen Holzstielen, kippt tonnenweise Zimt in den Kaffee, Frauen mit Filzmützen tragen ständig Tüten voller Nüsse mit sich herum und erzählen jedem, wie gut der alte Nußknacker noch funktioniert. Und sowieso von früher. Man könnte diese bunten Blätter auch einfach schön finden, das neblige Licht am frühen Morgen und dass man eigentlich jedes Jahr wieder die Chance hat, sich von diesem vorwurfsvollen Blick freizumachen, der auf einem landet, wenn man auf Marzipan noch keine Lust hat. Jedes Jahr neu kann man sich verabschieden von dieser eingekauften Wehmut und sich ans Meer oder auf einen Berg stellen und sich einfach freuen auf das, was kommt. Ob man dabei jetzt eine Mütze tragen muss, ist ja eigentlich egal.

Ja. Du.

Wer ist denn Mittwoch, Donnerstag und/oder Freitag auf diesem Bloggerdingsbums? Der kann ja mal den Finger heben, eine Mail schreiben, anrufen, Bescheid sagen, klingeln oder so.

Pfrohe Opftern.

Anti-Fieber-Drogen einschmeißen, heiße Milch mit Honig schlürfen, Zeitung lesen, die blauen Flecken am Himmel zählen, froh sein, der kindlichen Enttäuschung über das Wetter an so einem Tag mit zunehmendem Alter entronnen zu sein. Aba tropftdöm den Mumd pfoll müt Pfokoladö.