Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Wir

Zweite Woche, September.

Kreuzberg

Wir reden über Vulkane, weil es dieses eine Video gibt, in dem der Typ in einem Schutzanzug direkt vor dem Abgrund steht, aus dem es tieforange spuckt und spritzt, er wirft die Arme in die Luft und ich versuche mir vorzustellen, wie heiß ihm sein muss trotz seines Anzugs, ich meine, ihm das anzusehen, als er später wieder weiter weg steht, vielleicht kann man auch unter der Haut verbrennen, sich von innen verbrühen, wenn das Herz zu sehr erhitzt wird wie in der Mikrowelle, der sieht man ja von außen auch nichts an außer dass sie manchmal nervig piept, wenn man die Bedienungsanleitung nicht aufmerksam genug gelesen hat oder nicht schnell genug aufspringt, um die Tür zu öffnen, dann entweicht der Dampf und dem Essen sieht man trotzdem nichts an, wir haben ja auch nicht alle einen Löffel in der Brust, um Luft abzulassen, um schneller auszukühlen, wir suchen andere Wege und finden keine. Also reden wir danach über Halligen. Auf Halligen, so stelle ich es mir vor, kann man auf dem Sofa sitzen und, wenn man das Haus klug geplant hat, aus mehreren Fenstern gleichzeitig nur Meer sehen, wie auf einem Boot ohne Boot, wie auf einem Schiff ohne kotzen, man sitzt da und schaut und muss nicht einmal lesen und dann kommt die Nacht und bringt keine Laternen mit und vielleicht sitzt man erst und lässt dann den Oberkörper nach rechts kippen, vorher hat man die Fenster geöffnet und dann schläft man mitten im Meer einfach ein und am nächsten Morgen hat irgendjemand oder man selbst die Decke über die Füße gelegt, das ist das beste Gefühl, wenn du morgens merkst, da kam nochmal jemand und hat dich nicht geweckt, nur zugedeckt.

Arquière.

Opa (c) Rank

„Erker an Häusern gibt es nur, weil die Menschen so neugierig sind, weißt du. Die wollen immer wissen, wer kommt und wer geht und wohin. Deswegen brauchten sie etwas mit Glas drumherum. In Thüringen habe ich einmal ein Haus gesehen, das hatte ganz normale Fenster. Aber an einem Fenster war etwas besonders. Da hatten sie doch wirklich noch einen kleinen Glaskasten drangebaut, sodass gerade ein Kopf hineinpasst. Nur damit die Damen und Herren auf die Straße oder den Nachbarn auf den Balkon schauen können, ohne bei Regen nass zu werden. Das ist mir sonst nirgendwo mehr begegnet, wirklich nicht. Die Menschen denken immer, sie verpassen irgendwas.“

Café Tucholsky.

Zucker

„Bademäntel sind etwas Schönes. Ich habe auch einen, aber den benutze ich nie. Das ist noch der, den sich mein Vater 1954 in Graal-Müritz gekauft hat. Das weiß ich noch, denn das war unser erster Ost-Urlaub. Da hat er gedacht, nimmt er sich was mit. Und jetzt habe ich ihn und benutze ihn nie. Obwohl Bademäntel wirklich etwas Schönes sind, aber ich vergesse immer, dass ich einen habe und dann bin ich schon abgetrocknet, wenn es mir wieder einfällt. Früher sind die Herren ja bis mittags in ihren Morgenmänteln rumgelaufen, aber für mich wäre das nichts, obwohl ich mir das sehr bequem vorstelle, aber da friert man ja an den Füßen und niemand nimmt einen ernst.“

Vielleicht sind wir am Ende doch diejenigen, die es noch einmal anders machen müssen als alle anderen.

Kreuzberg

Früher hatten wir Angst, heute Respekt. „All die Freunde für immer“ steht uns mit Kugelschreiber auf die Lippeninnenseite gekritzelt, „Und das Herz auch“ mit Geheimtinte auf der Zunge. Das Blinken des Handys erinnert uns daran: Nie vergessen zu sprechen, niemals aufhören damit. Und wenn wir dann auflegen und verschnaufen müssen, der Kopf ganz rot vom Gesagten, das Herz ganz aufgeregt von dem Atmen dazwischen, dann hat er wieder einmal Recht gehabt, der Bauch, dann weißt du auch eigentlich schon, dass sich wieder etwas ändern wird, ohne dass du es angestoßen hast. Das sind diese Momente, in denen Veränderung so nah an dir passiert, dass deine Wimpern sich bewegen davon, Momenten, in denen du die Luft anhältst und trotzdem Schluckauf bekommst, weil so Leben geht, genau so und nicht anders, immer am Rand von Ja und Nein und am Ende nur einen Wimpernschlag entfernt vom endgültig mitgerissen werden, eine Hand am Steuer und die andere im Wind. Diese Momente, in denen du das erwachsen werden fühlen kannst ohne Angst und Anti-Falten-Creme und ohne Seufzen und Wehmut sondern mit aufgerissenen Augen und glänzenden Handflächen, unser Durst ist noch nicht gestillt, es fängt immer gerade erst an, auch wenn es vorbeigeht, ohne letzte Sätze keine neuen Kapitel. Früher hatten wir Ferien, heute haben wir Pläne.

Immer die anderen 5 Prozent.

Clouds

Im Asphalt ist nichts eruptives, er verändert sich nur durch Verkleinerung oder Verschiebung, aber aus ihm heraus kommt nichts, wenn nicht Sonne knallt und das Wetter ihn anbrüllt, er liegt herum und wartet darauf, dass andere ihn auseinandernehmen und zersetzen. Er trägt, auch wenn er eigentlich nicht mehr kann, er brüllt nicht, selbst wenn es mehr Löcher als Rücken gibt, seine Trägheit wird er nicht los, da komme, welcher Huf wolle, von innen heraus passiert da nichts, im Winter nimmt er an Elastizität zu, es bleibt ihm nichts anderes übrig, aber das ist auch eigentlich mehr eine Verformung als eine wirkliche Veränderung, das Mischungsverhältnis der Gesteinskörnung bestimmt, was er aushält. Er schafft nur, was man vorher in ihn hinein tut, nicht mehr und nicht weniger. 95% der Wege in Deutschland sind so, nicht mehr und nicht weniger, da kommt von innen nichts heraus, da schlägt kein Herz, da wartet der Tragende auf den äußeren Einschlag und wenn der nicht kommt, sind es nur die Jahreszeiten, die ihm zu schaffen machen, gegen seine Grundaufgabe begehrt er nicht auf. Die Verwendung passiert bedenkenlos, den Asphalt hinterfragt niemand mehr, er sich selbst am wenigsten, er liegt da eben und macht, wie ihm geheißen, wie jemand anders vorher bestimmt hat, was sollte er auch sonst tun, seine Körnung hat er nicht im Griff, ja mei.

So ist er.

Das hier habe nicht ich mir ausgedacht sondern mein Großvater. Er wünscht es sich. Mit dem Internet kann er sonst nicht so viel anfangen, Google Earth findet er spannend, die österreichischen Täler, und manchmal Instagram. Als wir heute gemeinsam im Photoautomaten saßen und ich danach noch ein Bild mit dem Handy von ihm machte, da lachte er. Da schaute er zweimal hin und sagte: „Da sehe ich eigentlich ganz gut aus. Stell das mal ins Internet mit einer Kontaktanzeige.“ Ich habe ihn verwundert angesehen und gefragt: „Meinst du das ernst?“

„Ja“ sagte er, „Wie bei Bauer sucht Frau oder wie das heißt. Mach das mal.“ – „Was soll ich denn über dich schreiben?“ frage ich. Er überlegt. Dann grinst er. Ich stehe auf, denn bei The Barn holt man sich den Kaffee an der Theke ab, er wird einem nicht gebracht. Als ich mich wieder setze, sagt Opa: „Das ist schwierig, weil ich ja so ein komischer Mensch bin. Aber auch von komisch gibt es ja viele Varianten.“ Wir trinken Kaffee, ihm schmeckt der Kaffee aus dem Syphong nicht, „ich esse ja gerne scharf, deswegen habe ich auch gerne stärkeren Kaffee, aber nicht zu stark, ich bin da eigen“. Das ist er in vielem. So ist er. Sehr eigen. Und er weiß das auch. „Vielleicht solltest du einfach irgendwas über mich schreiben, du kennst mich ja manchmal besser als ich mich selbst“, er lacht wieder, „wenn ich was sage, wird das ja öfter falsch verstanden, aber die Natur liebe ich, das kann man ja nicht falsch verstehen.“ Er wandert gern, er hat und will keinen Fernseher, „davor würde ich einschlafen die ganze Zeit“. Er liebt seinen Garten. Das sind die Dinge, die ihn mit am glücklichsten machen, deswegen ist der Winter für ihn so schwer. Das sollte man wissen.

„Ich bin nicht modisch gekleidet, nur halbmodisch“, dann nimmt er eines der schwarzen Kännchen in die Hand, „die sind hübsch, wirklich hübsch, Metall mag ich ja, aber ich wüsste nicht, wofür ich das benutzen sollte“. Er gießt sich den Rest Kaffee aus der Kanne so schwungvoll in die Tasse, dass sie beinahe überläuft. Er trinkt schnell aus, er isst auch schnell, wenn er isst. Auch wenn er läuft, tut er das meistens in gehobenem Tempo. „Weißt du, ich liebe das einfache, sachliche. Aber ich bin trotzdem sehr romantisch. Das ’sehr‘ kannst du unterstreichen!“

Dies ist eine Kontaktanzeige und er weiß davon. Er hat sie sich gewünscht. Das Foto von ihm dort oben ist das, was ich heute von ihm gemacht habe. Er mag’s. Wer meinen Großvater kennenlernen möchte, kann man mir eine E-Mail schreiben oder einen Kommentar mit einer gültigen Mail-Adresse hinterlassen (Briefe kann er übrigens auch), er wohnt in Berlin. Es kann sein, dass es einen Moment dauert, bis er antwortet, wir sitzen dann gemeinsam vorm Rechner, aber er wird antworten, das hat er versprochen. So ist er.

Opa schreibt eine SMS

„IST DER OPA NICHT BEIM ENKEL, HAT SEIN LEBEN KEINEN HENKEL. BEIM OKTOBERFEST DIE MASS MACHT OHNE HENKEL AUCH KEIN SPASS!“

Egon Krenz und der nackte Hintern

Du kennst doch noch den Herrn Koch, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Er und ich waren einmal am Liebnitzsee nackt baden, dort wo es so steil ins Wasser geht. Nachdem wir eine Weile geschwommen waren und noch nass am Ufer standen, sah ich zwei Männer auf uns zu joggen. Joggen ist ja ziemlich zeitlos, das hat man damals auch schon gemacht. Ich sah genau hin und meinte zu Herrn Koch: „Schau mal, schau mal, der Egon Krenz!“, während wir da noch splitternackt herumstanden. Naja und da kam er schon auf uns zu und sagte uns höflich Guten Tag. Als Erster, stell dir das mal vor! Naja, und so kam es, dass Egon Krenz meinen nackten Hintern sah. Wie ich jetzt darauf gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr… Willst du noch was trinken?“