Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Wir

We’ve got some silent secrets.

Even if you were the last squirrel on earth, I’d let you go. We don’t lose track. We’ve got pre-arranged signals.

Wir finden uns ab, wir kommen zurecht, wir halten durch, wir stehen mit beiden Füßen auf dem Boden und die Hände halten wir hinter dem Rücken verschränkt. Wir haben soviel self-containedness geschluckt, dass wir fast blau sind im Gesicht. Und am Morgen verkaufen wir die Blässe als schick. Es knackt jedes Mal, wenn wir vom Stuhl aufstehen und wir grinsen, gehen in die Küche und sagen: Passt doch zum Beat. Und es kommt vor, da sehnen wir uns wochenlang nach zwei freien Tagen und wenn sie dann da sind, flattert unser Herz in der Bauchhöhle herum, weil es Angst bekommt, die Spannung nicht halten zu können. Wir sind offen und ach und Krach. Und es stimmt ja, wir können das. Aushalten, mitmachen, Tempo halten, manchmal lauter schreien, als jeder andere sonst, wir können unterscheiden zwischen Priorität und Präferenz, wortkarg und Etablissement. Und wir zucken mit den Schultern, wenn jemand uns darauf klopft, schütteln Komplimente ab, weil Komplimente keine sind, wenn man es nicht anders kennt. Im Stillen üben wir die Dinge, für die wir eigentlich gelobt werden wollen. Auf der Kreuzung tun wir nur das, was wir immer tun.

Das funktioniert, weil wir uns einlassen. Weil wir uns fest an den Händen halten. Die Sache mit den Gesten wird noch Jahrhunderte überleben, auch wenn man sie nicht sieht. (Ich schaue dir ins Auge, und nach zwei Blicken weiß ich jede Linie im Schlaf, auch morgens um vier, es wäre egal, ich könnte dem Polizisten sagen, wo deine Iris einen Knick hat.) Es hat damit zu tun, dass es nicht so viele Betten gibt, in denen man und du und ich einfach so zur Seite kippen kann ohne eine Erklärung. Einfach liegen und warten, bis es vorbeigeht. Wir sind nicht dumm. Die, die es gibt, die merken wir uns. (Das hat nichts mit Koordinaten zu tun. Wir finden einen Weg.)

Du und deine vielen Fenster.

Zur neuen Ausgabe von OPAK gibt es Veranstaltungen in Hamburg und Berlin. Wäre ich nicht in Wien, wäre ich dort.

Berlin 22.01. West Germany, Skalitzer Strasse 133
Hamburg 23.01. Karo Ecke /Marktstr. 92

Please.

Bitte gehen Sie dahin oder dorthin.

Es ist wichtig.
Danke.

Generation Kühlschrankpoesie.

Bettpartner begeistern uns wie früher kleine, bunte Autos. Manchmal sammeln wir sie in einer Kiste und wenn wir meinen, wir sind jetzt zu alt für sowas, schieben wir sie in den Keller ohne noch einmal hineinzusehen. Bis uns eines Tages eine lebensverändernde Maßnahme überrollt und der Karton uns auf den Kopf fällt.

Wir stapeln die Dinge und schieben sie unter den Schrank. Wir kaufen neues, wenn das alte nicht mehr funktioniert, das ist so einfach geworden. Manchmal entdecken wir etwas in Lädchen mit Patina, das wir dann unbedingt wollen. Wir stellen es hin und uns daneben und warten darauf, bis ein bisschen davon auf uns abfährt. Mutter sagt: Räum mal dein Leben auf. Wir sagen: Vielleicht lieber morgen.

Wir können immer etwas anfangen. Die Dinge liegen vor unserer Haustür herum, wir suchen uns eins aus und nehmen es mit hinein und fangen es an. Integrieren es in unser Leben und unser Leben in das Ding. Und wenn es etwas abgestanden ist, weil wir ein paar Tage nicht zuhause waren, nehmen wir uns ein neues und kippen den Rest des Alten in den Abfluss. Die Abfuhr für die gelbe Tonne kommt immer Donnerstags.

Sex in Streifen. Sex Schranke. Sex mit Stäbchen. Sex in Pappmachè. Sex für ein bisschen Kleingeld. Sex gebraten. (Was war das nochmal?) Sex auf Plakaten. Sex in der Werbung. Sex im Kindergarten. Sex im Kaufhaus. Sex auf der Arbeit. “Wir haben uns getrennt. Das Körperliche war ein Problem?” - “Mach doch eine Therapie.” - “Ich weiß nicht, mein Vater sagt, das sei normal.”

Wir sollen gut sein. Nicht zu dünn, nicht zu dick, nicht zu blond, nicht zu schwarzhaarig, nicht zu rund, nicht zu birnig, nicht zu orangenhäutig, nicht zu natürlich, nicht zu künstlich, nicht zu 70er80erunddasbestevonheute. Haare bitte nur an den markierten Stellen. Und Cola Light Koffeinfrei.

Heute hier, morgen da, übermorgen hoppsassa. Wir lagern unsere Bestände ein und schreiben Oma eine Postkarte aus Honolulu, weil sie keinen Computer besitzt. Und leihen uns dafür einen Stift an der Bar, weil wir keinen mehr mit uns tragen. Wir können überall schlafen, aber nicht überall gut.

Wir haben Mechanismen entwickelt, von denen wir wissen, das sie funktionieren. Posen, Witzigkeiten, Zitate. Sorgsam gesammelt und abgeschaut für die dunklen Momente, in denen das einzige Blinken das des Ladegerätes ist. Die funktionieren immer, auf Routinen kann man sich verlassen. Like/Unlike. Ja, wir möchten bitte später bezahlen.

[...]

Wir kaufen uns eine Töpferscheibe und lassen sie stehen.
(Rainald Grebe)

What I’m gonna miss #3

So sehr mir Friedrichshain mit seiner kaltschlabberigen Schnauze manchmal auf die Nerven geht. So sehr mich die kultivierte Abgefucktheit manchmal ankotzt. So sehr liebe ich auch das demonstrative Grün, das hier von allen Fensterbänken tropft. Sich an grüne Wände zu lehnen macht einen Unterschied. Und das ganze Land bräuchte hier und da ein bisschen mehr Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost.

- Photos (c) Nicolas Arnold -

Das war die Sonntagsansprache. Weitermachen. Mit ein bisschen Rabatz, bitte. Damit die nächsten vier Jahre uns nicht die Laune versauen. Zusammen für eine randalöse Zukunft: Augen auf und durch.

Family Bonds

Am Ende liegt die familiäre Verantwortung ja doch immer hinter der Kurve. Du kennst die Strecke, du bist sie hundertmal gefahren. Jedes Bild, jede Ausfahrt, manchmal spielen sie im Radio sogar dieselben Songs. Du kennst das Licht und wie es auf deine Stirn fällt, sobald du unter der Brücke durch bist. Die Namen der Städte, das hügelige Land. Als Kind warst du still, wenn ein Käfer über die Scheibe gekrabbelt ist, der war neu und nicht schon so abgetragen, den hast du angeschaut und mit den Augen verfolgt, bis am Rastplatz die Tür geöffnet wurde. Ein Flügelschlag mit dem Knistern der Alufolie.

Und das Seufzen wurde gut verpackt. Liegt jedem auf dem Schoß, manchmal dem Fahrer nicht, dafür hat der Beifahrer zwei oder eines liegt hinten auf der Ablage und rutscht bei jedem Bremsen ein Stück weiter nach vorn, bis es dir in den Nacken piekt. Jeder hat eins und alle halten die Hände darum, damit es nicht verrutscht, runterfällt, kaputtgeht, dazwischen ist nur Schweiß. Keiner gibt seins aus den Händen, außer der Fahrer, der schaut in den Rückspiegel, immer wieder besorgt. Die müssen alle heil ankommen, um dann als Geschenk mitgebracht und überreicht zu werden, gemeinsam geöffnet. Mit dem Abwischen der Hände wie im Chor.

Erwartung und Enttäuschung wurden zusammengelegt, übereinander, eines für jeden Anlass, extra gebügelt und gefaltet. Am Ende zerknittert, jeder kann sehen, wie weit du gekommen bist, jeder kann sehen, dass beides nicht ganz passt. Nicht mehr oder immer noch nicht. Eines kneift immer, auf dem anderen ist ein Fleck, hier und da wird gezuppelt und gezerrt, für das Photo reicht’s immer. Wir haben uns alle hübsch gemacht, wie jedes Jahr. Am unteren Rand sieht man noch die Reste vom letzten Mal, wenn man ihn umschlägt für einen Moment könnte man meinen, wir hätten sie extra gekauft, neu aufgelegt und mit einer Hand am Kinn bedacht ausgesucht. Aber es sind dieselben wie immer. So nah beieinander und falsch etikettiert.

A small part in your passion play.

Und wenn dann der Gegenüber seine Tolle aus der Stirn streicht, in das riesige Sandwich beißt und danach, noch kauend, aus dem Fenster schaut, grinst und mit den letzten Resten zwischen den Zähnen sagt: “Ich bin so glücklich, weil ich all diese Menschen kennen darf. Weil sie alle so talentiert sind und ich dabei sein kann.” Dann kriecht einem eine imaginäre Träne in den Augenwinkel, weil die echten ja dafür dann doch zu unberechenbar und zu eigen und verborgen sind. Und man schaut dann vor Verlegenheit in das Kaffeeglas vor sich, an dessen Boden noch brauner Schaum klebt, und auf die Maserung des Tisches, zieht mit dem Finger die einzelnen Fasern und Brüche nach und denkt sich, wie gut es ist. Wie gut es wirklich ist, dass man nichts bezahlen muss, um an diesen Menschen teilzuhaben, ihre Geschichten lesen zu können, ihre Stimmen und Instrumente zu hören und die Möglichkeit zu haben, immer und immer wieder ihre Bilder zu sehen und ihre Gesichter, dass man nichts geben muss, um Teil ihres Lebens zu sein außer einer Ehrlichkeit und einer Aufrichtigkeit, außer da zu sein, wie man ist. Und dann schauen wir auf die Blumen im Schaufenster, die großen Lilien, während draußen das graue Wetter bei Rot über die Straße geht. Wir bezahlen und einer legt dem anderen eine Hand auf die Schulter. Manchmal gibt es keine größere Geste als das.

Wie dankbar wir einander sind uns zu kennen. Und das Unverständnis der Welt gegenüber, die das nicht interessiert, die an all diesen guten Menschen nicht interessiert ist, wird klein und beinahe unsichtbar, weil was anderes zählt.

Irgendeinen Weg ins Beste

Jonas, ich hole den Löffel aus dem Tiefkühlfach und klebe ihn mir an die Zunge, bevor ich den Grießbrei umrühre damit und kleine Eiskristalle sofort den Abgang machen. Es dampft nicht lange und dann esse ich den Rand zuerst und mich bis zur Mitte durch, um den Rest stehen zu lassen für später. Später gibt es neue Ränder, leicht angetrocknet, so wie der Salat immer matschig wird, obwohl man sich denkt, das sei bestimmt nicht so schlimm später, das hebe ich auf. Langsam lasse ich Wasser in den Graben zwischen Schalenrand und krustiger Insel laufen, bis das Wasser ihr bis zum Hals steht, bis es überläuft und sich ins Universum ergießt, bis es die Brotkrümel mitnimmt. Es liegt noch ein Löffel im Tiefkühlfach, den wirst du nie benutzen, der wird irgendwann verloren gehen im ewigen Eis unter der Pizza.

Emma, über deiner Oberlippe sind kleine Haare und ich sage es dir nicht, weil du dich dann wegdrehen und im nächsten Autoseitenspiegel anschauen würdest, versuchen, die Härchen zwischen den Fingernägeln einzuklemmen und auszuzupfen, du würdest abrutschen und den Spiegel unsanft treffen und dann würde die Alarmanlage des Autos losgehen, du dich erschrecken und losrennen und ich hätte Mühe dich einzuholen und wenn du dann an die Häuserwand gelehnt stündest, schwer atmend, denn eigentlich sollst du so nicht rennen, aus dem Stand und so schnell, dann würdest du dich mit den Händen auf den Knien abstützen und dein Haupthaar würde dir ins Gesicht fallen. Ich würde mich vor dich hinhocken müssen, um dich anzusehen, und wenn ich dann von unten zu dir aufschaute, würdest du dich wieder wegdrehen. Also sage ich es dir nicht und kann dich weiter anschauen, während du deine Geheimnummer beim Eintippen leise vor dich hinsagst.

Ja, ich habe Angst davor allein zu sein, Jonas. Und dass das Geräusch der unter mir wegfahrenden U-Bahn die einzige Regung ist, die ich empfinde, und es mich dabei nicht einmal schüttelt. Dass die Weinflaschen im Regal, die ich mal so mitnehme, zweimal die Woche für eine Gelegenheit, immer mehr werden und sich zusammenrotten, weil die Gelegenheiten nicht auftauchen und ich am Ende Blumenerde in die Weingläser fülle und zwei Samen und vielleicht etwas passiert und vielleicht aber auch nicht. Und aus Angst, es könnte zuviel Wasser sein, gieße ich nur in Tropfendosen, zähle und zähle und zähle mich so sehr um Kopf und Kragen, dass das Geräusch der unter mir wegfahrenden U-Bahn wirklich die einzige Regung ist, die ich empfinde, und es mich dabei nicht einmal schüttelt.

Du fehlst mir nicht immer. Ich denke nicht immer an dich. Ich habe nicht ständig deinen Geruch in der Nase, nicht ununterbrochen das Gefühl deiner Handgelenke in meinem Nacken, es ist schon so, dass ich nachschauen muss, um deine Nummer zu wählen und dass ich den Tag vergesse, an dem du geboren bist. Ich habe kein Photo von dir und ich denke nicht daran, eins zu machen, und hätte ich eines, würde ich es wahrscheinlich vergessen irgendwo in einem der Bücher, die ich wieder nur zur Hälfte gelesen habe. Vielleicht würdest du es finden, wenn du mit einer Hand auf der Hüfte vor meinem Bücherregal stündest, den Kopf schief gelegt, um die Buchrücken lesen zu können, und in winzigen Schritten von einer Seite zur anderen wandernd wie in Zeitlupe, du würdest es aus dem Regal nehmen und den letzten Satz zuerst lesen, wie du es immer tust, dann dein Photo finden, es zurücklegen – und ich würde es nicht bemerken, aber du wärst so still plötzlich. Und dann würdest du mir wieder einfallen – und das ist immer der beste Moment, Emma.

“Frühling haut sein blaues Band wieder locker aus der Hüfte.”

…schrieb G. neulich. Und schon haben wir den Salat und die Sonne knallt einem ordentlich auf die Mütze. Aber gebt acht, Ihr städtischen Weidenkätzchen und Kroküsschen (ja, heute ist Gaga-Tag, entschuldigen Sie dies oder lesen Sie nicht weiter), denn morgen oder übermorgen schon geht’s wieder ab, das wissen wir alle, das ist jedes Jahr so, dass die Mädchen sich nämlich gleich alle Hosen und Jacken vom Körper reißen und nur noch in Strümpfen durch die Stadt spazieren, das ist ja jetzt nichts neues, sobald die 10°-Marke überschritten wurde. Man könnte also zur Abwechslung auch mal erwachsen und reifer sein und nicht den ganzen Tag in der Sonne rumhängen, sobald sie mal ein bisschen nett lächelt, sondern weiter seiner Lohnarbeit nachgehen und die Haare kämmern und seufzen über die Spinner, die da am Landwehrkanal Mittagspause machen, über Zäune klettern, um näher am Wasser zu sitzen und aus ihren Pizzakartons dann Schiffchen falten, um danach mit dem ersten Eis samt Sahne und Schokoladensoße eine Gesichtsparty zu feiern. Könnte man, wenn man wollte.

Das Gegenteil von Déjà-vu

Es gibt manchmal diesen Moment, da schaffst du es, jede Erinnerung an die Straße, jedes alltägliche Bild, jede emotionale Verbindung oder Farbe, jedes eingespeicherte Licht zu vergessen und die Autos und Häuser und Menschen und Pflastersteine so zu sehen wie ein Fremder. Dann spiegelt sich die Sonne plötzlich anders in den Scheiben, es riecht so, dass du es wieder bemerkst, die Häuser scheinen sich alle um zwei Zentimeter verschoben zu haben, als wärst du geschrumpft oder gewachsen, als klebten deine Augen auf einmal auf deinem Rücken. Weil alles plötzlich so aussieht, als wäre es das erste Mal.

Ich glaube, wenn du es schaffst, Orte so zu sehen - sei es auch nur für Sekunden -, als wärst du fremd dort, könnte dir das mit einem Menschen auch gelingen. Nach Jahren manchmal noch für einen kurzen Moment zu denken: Huch. Und: Wow.