
Wir könnten eine Liste schreiben. Einen Zettel mit Reisezielen und Leckereien, mit Dingen, bei denen man sicherlich schreit, wenn man sie tut, mit leisen Versprechen und großen Ansprüchen, eine mit handfesten Träumen und wilden Vorhaben, eine mit Wünschen, die man nicht an einer Hand abzählen kann, weil man dafür eigentlich zwei Arme bräuchte. Wir könnten uns Menschen drauf schreiben und neue Orte, wir wären in Gedanken unglaublich weit weg oder soweit drin, dass man uns auch da nicht mehr sehen kann.
Wir könnten das Papier dann mit Tesafilm an den Schrank neben dem Schreibtisch kleben, immer mal wieder drauf gucken in dem ganzen Stress, einmal kurz seufzen und dann den Kopf wieder dahin drehen, wo die Musik spielt. Irgendwann würde es nicht mehr kleben, vielleicht würden wir umräumen und der Zettel wäre dann auf der Seite zur Wand, fiele herunter und unter den Schrank. Dort würden wir ihn erst finden, wenn wir den Schrank an zwei Ende anpacken und hochheben, weil unten der Laster und in einem anderen Stockwerk in einem anderen Haus ein neues Leben wartet. Wir würden ihn nehmen mit zerschundenen Fingern vom Schleppen, erst nur kurz draufschauen und dann doch die Faust zum Zerknüllen nicht ganz schließen.
Vielleicht säßen wir dann in einem anderen Stockwerk in einem anderen Haus in einem anderen Jahr und sähen, was wir uns wünschten damals. Was immer noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Wofür wir immer noch nicht gekämpft haben. Von dem wir immer noch ausgingen, wir hätten genug Platz und Zeit dafür, immer später. Immer irgendwann. Vielleicht würden wir sie in den Schuhkarton legen mit den Dingen, die immer mitkommen. Wie dem einen Brief. Dem einen Foto. Dem einen Kassenzettel. Dem einen Stift. Dem einen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 29. Januar 2008 um genau 20:25
Kategorie : Wir | 12 Kommentare

Ich hab einfach irgendwann aufgehört mich zu wundern. Ich habe einfach immer weniger den Kopf geschüttelt, immer weniger mit früher verglichen, wir haben uns immer seltener auf diesem Hof oder freitags dort getroffen, wo die Musik lief, zu der wir tanzen konnten. Wir waren immer seltener zu zweit und ich kannte immer weniger Namen von denen, die erwähnt wurden. Plötzlich wurde von Dingen gesprochen, von denen ich keine Ahnung hatte, und von solchen, von denen ich keine Ahnung haben wollte. Es kam immer noch eine Party am Abend dazu, da hatte man aufzutauchen. Ich habe einfach irgendwann aufgehört, das auf eine Phase zu schieben, denn jetzt ist es so und wird nicht mehr anders.
Das mit der gemeinsamen Vergangenheit ist immer so eine Geschichte, da braucht man lange, bis man sie verstanden hat, sich eine Pointe gedacht, irgendwas daraus gelernt und sie dann gehen lassen kann oder irgendjemandem noch einmal erzählen, um Anekdoten zu haben, zu lächeln und dann das Thema zu wechseln. Bis es ok ist, dass man sich verloren hat, weil die Richtungen sich verändert haben und die Getränke, die man bestellt, die Menschen, die man um sich hat, um sich gut zu fühlen. Man braucht jetzt eben andere.
Aber es dauert eine Weile, bis man es drauf hat, die Kinnlade oben zu lassen, wenn man sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und dann bei Dischdischmusik irgendwo wiedersieht und all die Phrasen hört, über die man sich früher gemeinsam lustig gemacht hat. Es dauert eine Weile, bis man da mitmacht und genau die sinnlosen Antworten fallen lässt, die nicht unhöflich sind, die Sache aber auch nicht komplizierter machen als nötig. Niemand will auf solche Fragen an solchen Abenden in einer solchen Umgebung die richtigen Antworten hören, denn dann würde einem auffallen, dass dies ein wahrhaft schlechter Ort ist, um nachzufragen, dass man sich nicht die ganze Zeit ins Ohr brüllen und dabei interessiert bleiben kann, dass es anstrengend wäre, woanders hinzugehen, um sich zu verstehen, und dass da ja auch schon wieder ein gutes Lied kommt, zu dem man tanzen muss, geh du mal. Wir sehen uns, na sicher. Wir sehen uns, von weitem. Man hat ja aufzutauchen.
Und wenn das zwischen Menschen so ist, kann man auch gehen, ohne sich zu verabschieden.
“Kennt ihr euch eigentlich gut?” - “Nicht mehr.“
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Januar 2008 um genau 14:54
Kategorie : Wir | 3 Kommentare
Die meisten fallen durch. Jetzt, wenn über der eigenen Haut wieder mehrere künstliche Lagen liegen, die Hornhaut sich in den dicken Socken zurechtrückt, da ist weniger Licht und der Kopf geht auf dem Weg öfter gen Himmel und nicht mehr schattensuchend nach unten. Wir übersehen die alten Kaugummis, die Zigarettenstummel, mitunter auch einander, die Kanten im Pflaster. Aber wir kennen die Fassaden, die alten und die neuen, die mit den Narben. Die Schubladen sind wieder ein bisschen leerer, da passt noch was rein, wenn man etwas anderes rausholt. Vielleicht das mit dem sperrigen Kreuz.
Und wir könnten uns überlegen, wen wir im nächsten Sommer noch kennen wollen. Oder wem wir schon seit Jahren Weihnachtspostkarten schreiben, ohne zu wissen, wer das eigentlich mittlerweile ist. Wir müssen uns überlegen, wen wir in unser kleines Leben lassen, jetzt, wo es kalt wird, wo wir um den Schal nicht mehr drumherum kommen. Denn wir sollten die Hände jetzt nur noch aus den Taschen ziehen, wenn es sich wirklich lohnt. Wohin mit all den leeren Fragen, mit dem geheuchelten Interesse, mit dem Schweigen zwischen all den Jahren? Oder nur Minuten.
Am Wochenende fahre ich an den See und werfe dich hinein. Vielleicht sehen wir uns noch einmal, wenn es friert. Dann reibe ich dir den Schnee von den Wangen und wundere mich und erkenne dich nicht. Die meisten halten das ja nicht aus. Die kommen nicht wieder, wenn sie den ersten Zentimeter nicht überwinden können. Die gehen weg, sobald es anstrengend wird. Vielleicht erkennst du mich, ich werde eine Mütze tragen, aber ich werde dich nicht fragen, wie du heißt. Das ist egal. Ich denke nicht, dass wir uns wiedersehen sollten.
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Dezember 2007 um genau 17:09
Kategorie : Wir | 2 Kommentare
Vielleicht sind es die beschlagenen Scheiben. Dass die äußeren eiskalt sind und die, die nach drinnen zeigen, nicht ganz so sehr. Dass sich dazwischen das Wasser sammelt, das es soweit geschafft hat. Vielleicht ist es auch, dass wir nicht vom Fleck kommen. Dass der Schnee in Berlin meistens nur Wasser ist. Wir haben ja haufenweise davon und von uns und von allem. Alles liegt überall herum, wir sehen es nur nicht, wir laufen mit offenen Augen daran vorbei, wir zwinkern nicht, wir halten nicht an, man könnte es uns als Schwäche auslegen. Man könnte es uns vorwerfen.
Wir machen die inneren auf, lassen die äußeren zu. Der Rest kommt nicht herein, es wird nur ein bisschen lauter, aber niemand sieht uns. Es ist, als hätte man immer zwei Leben, ein schwieriges und ein einfaches, und man weiß nie, in welchem von beiden man sich gerade befindet, aber man hat immer das Gefühl, es gibt immer noch eines. Immer noch eines daneben.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. November 2007 um genau 10:09
Kategorie : Wir | 3 Kommentare

Wir sitzen um einen Tisch mit riesigen Schaufeln, scharfkantig und grob. Da passt viel auf die Ladefläche, vom Griff stehen Splitter weg. Unregelmäßig, mal mehr, mal weniger. Einer hat Hornhaut, der merkt das nicht. Wir sitzen um diesen Tisch mit unseren Schaufeln auf unseren Türmen, um unsere Köpfe kleine summende Fliegen und alle bewegen die Hände vor und zurück, vor und zurück. Die Füße werden ordnungsgemäß auf den dafür vorgesehenen Stangen abgestellt, man kann noch kippeln, aber nervös auf dem Boden tappeln, das geht so nicht. Der Rücken wird ordnungsgemäß an die dafür gefertigte Lehne gelehnt, man stoße sich wie immer die Wirbelsäule an der Mittelstrebe, denn Kissen gibt es nur auf der Sitzfläche, das hält den Rücken gerade. Und wir halten unsere Schaufeln, wie man es uns beigebracht hat. In der Mitte liegt ein Berg aus Krümeln, ein paar Lichter wurden aufgestellt, damit wir uns gegenseitig beim Schaufeln beobachten können, wir feuern uns an und auf Kommando heben wir die Arme.
Hinterher tut es jedem weh dort, wo die Ohrläppchen aufhören. Als habe man zuviel gelacht, Muskelkater im Mund. Aber wir haben nicht zuviel gelacht, wir haben laut geredet und trugen die Schaufeln noch nach Plan wieder zurück ins Wasserbecken, das macht man so, das hat man uns mit kurzen Schlägen auf die Finger beigebracht als Kind. Sobald man um die Kurve isst, reckt und streckt man den Mund, pult mit dem Fingernagel die letzten Krümel zwischen den Zähnen hervor, kauft sich am Kiosk bei der Straßenbahnhaltestelle eine Flasche Wasser, spült durch und spuckt neben den Mülleimer. Mehr als das Wasser noch, mehr. Natürlich sind die Wangen rot, Gesundheit und Kälte, der Schal reibt ja auch ein bisschen, das sieht gut aus, was?! Ja, so sehen wir gut aus, so können wir die Schultern auch wieder bequem beugen, so machen wir die Fäuste auf und zu, damit es sich entspannt, so atmen wir tief ein. Seit zwei drei Stunden das erste Mal. Niemand stellt diese Zusammenkünfte in Frage, niemand sagt ein Wort, niemand hört auf, darauf zu hoffen, dass es sein könnte wie früher. Wie damals. Niemand weiß mehr, wie es war, aber alle glauben - gut.
Die Wangen so voll, dass es aus dem Mund quillt, wenn du etwas sagen möchtest. Also sagst du nichts. Niemand tut das.
Liz hat es verfasst, und zwar am 26. November 2007 um genau 0:19
Kategorie : Wir | 0 Kommentare

Sie hatten geschwiegen. Sie hatten so lange geschwiegen, dass sie angefangen hatten in Gedanken mit sich selbst zu sprechen. Kleine dumme Worte gegen die Schädeldecke, dass er trinkt, dass sie mit anderen schläft, dass er nie etwas ernst meint, dass sie ihn vergisst. Sie haben sich umgedreht, mit dem Rücken zur Wand, um die Bilder des anderen dort nicht mehr zu sehen. Den anderen ins Gesicht gelacht, laut und überschwänglich und mit so offenen Armen, dass der Rücken weh tat. Hin und wieder war ein guter Mensch dabei, einer, dem das ständige Seufzen egal war. Mit anderen sprachen sie viel, sich selbst wollten sie nichts mehr zu sagen haben. Und der Meeresspiegel stieg mit jedem Regen, mit jeder Morgendusche, mit jedem aus Unachtsamkeit verschütteten Kaffee, mit jedem von der Dachrinne fallenden Eiszapfen.
Man besann sich auf vieles. Die fallenden Blätter, die Weihnachtszeit, die neuen Knospen, den nicht kommen wollenden Sommer, man tanzte sich um Kopf und Kragen, um Zeh und Ferse, um die eigene Achse bis hin zu dem Gesicht in der Zeitung. Sie wischten sich den Schweiß aus der Stirn, irgendwann sogar wieder in der gleichen Stadt und in der einen Nacht von Montag auf Dienstag sagte er Hallo und ihren Namen. Und sie sagte Hallo und seinen Namen und dann tanzten sie weiter, die Hand zwischen dem Menschen in einer dem Gegenüber unbekannten Hand, irgendwo zwischen Röhrenjeans und Schweißbändern verhakelt. Es war so schwer nicht gewesen. Und am Morgen nahm sie mit Bieratem und Schweißhänden die zusammengefalteten Worte aus der Schachtel im Schrank. Und er schloß die alte Festplatte zum ersten Mal seit langem wieder an den Rechner. Es ging ganz leicht und man brauchte keine Stimme dafür, keinen Laut.
Zum zweiten Mal nach dem kilometerlangen Schweigen blieben die Blätter nun an den Fassaden hängen, ließen sich in die Lücken der Motorhauben wehen, klebten in den Lüftungsschächten der Keller. Emma hat die Schachtel ins Regal gestellt, ein zwei Dinge wieder glattgestrichen, Luft hineingelassen, sich gefreut. Und Jonas hat die Bilder kopiert, in den Photoladen geschickt und ausdrucken lassen, nicht bis zuhause gewartet, um sie anzuschauen. Niemand brauchte den anderen anrufen, die Zeit war gut, um sich wiederzusehen, und sie, wie man sie nannte, genau die richtige. Die mit den Übergängen von warm zu kalt, von Nackenhaar zu Wollfussel. Die zwischen Euphorie und Melancholie, Reste der letzten Monate, Erinnerungen der Jahre zuvor und Pläne auf Papier für all das, was kommt. Es war die richtige Zeit, um zu beschließen, sich nicht zu vergessen. Den Stolz abzulegen, der sie daran gehindert hatte, sich immer noch etwas zu bedeuten.
Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Oktober 2007 um genau 0:39
Kategorie : Emma und Jonas | 0 Kommentare

Ich könnte dir eine Geschichte davon erzählen, wie dein Haar sich anfühlt, wenn man es leise und in der Morgendämmerung aus deiner Stirn streicht, um die Falten zu sehen. Die, die du legst immer dann, wenn die Nächte schwer sind, weil die Tage schwer sind und man keine Grenzen ziehen kann dazwischen und den Schalter nicht umlegen. Wir leben in einer Welt aus Knöpfen, es gibt da kaum noch große Hebel. Manchmal sieht man noch den einen oder anderen verirrt in der Stadt. Mit rotem Griff und eigentlich gut zu greifen, oft aber viel zu lang unbenutzt, irgendwie verloren gegangen im Gewühl. Du kannst an keinem vorbeigehen ohne zu probieren, ich weiß.
Ich könnte ein Lied davon singen, wie es aussieht, wenn du an deiner Hose zupfst, weil sie manchmal zu weit und manchmal zu eng ist. Weil sie immer wieder rutscht, aber doch so sitzen muss, weil du nicht genau weißt, weil du nie genau weißt, weil dein Blick in die Augen immer nur ganz kurz ist und dann immer nur noch daran vorbei. Du hast dir angewöhnt, all die kleinen Metaphern auszuleben, die kleinen Bilder und Gesten, die man in Filmen sieht. Du hast dich so lange weg gewünscht, bis du weg warst, ein anderer und neu. Aus tausend fremden Sequenzen zusammengesetzt.
Ich könnte viele Seiten darüber schreiben, wie deine Stimme auf Kassette klingt, wenn du die Geschichte vom kleinen Muck liest und an deinen Lieblingsstellen immer schneller wirst. Andere Leute würden sich die Dinge aufheben, die sie mögen, sie würden langsam hinein waten, aber du nimmst immer gleich zwei Hände voll, rennst bis zum Ende der Straße und darüber hinaus. Du weißt nicht, wann genug ist, musstest aber deswegen noch nie ins Krankenhaus. Die kleinen Blessuren und Narben, dort, wo dir das Herz über die Hose bis ins Knie rutscht, das merkst du nicht mehr, das linke Bein ist nur manchmal ein bisschen schwerer.
Und ich brauche dir nicht verraten, dass es dich gar nicht gibt. Oder wir uns nicht kennen. An einem anderen Ende schreibst du irgendwelche Anfänge über mich, singst solche Lieder und erzählst Menschen von mir. Wir könnten einander ausfindig machen, laut schreien, ausladend winken, vielleicht Annoncen in die Zeitung setzen oder Zettel aushängen. Wir könnten im Radio anrufen, das Internet durchsuchen oder die Telefonbücher, wir könnten auf den Zufall hoffen, aber wir bleiben sitzen. Dort, wo wir sind. Und direkt in mein Ohr sagst du: “Sonst wäre der Witz weg.“
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. August 2007 um genau 0:30
Kategorie : Wir | 0 Kommentare

…geben uns in allem Recht, kaufen kleine Dinge für viel Geld, fahren an einen See, bestellen “mit Sahne”, sammeln das letzte Licht des Nachmittags in Dosen und stellen sie uns abends auf den Balkon. Wir lesen das Buch, auf dem “Liebe” steht und hören auf zu suchen, balancieren auf dem Geländer und suchen in den Hosentaschen nach dem passenden Kleingeld. Wir verschenken unsere Nummer, buchen den Flug nach Portugal, werfen den Kopf in den Nacken und schließen auf der Brücke die Augen. Wir telefonieren uns bis ans andere Ende des Landes, knallen die Tür, seufzen laut und essen das letzte Bonbon. Wir gewöhnen uns nicht daran, ziehen die Schuhe aus, stellen den Strom ab, schreiben einen Brief oder zwei, laufen einmal bis an den Rand der Stadt und wieder zurück. Wir lassen das Taxi vorbeifahren, wir können fliegen. Der Nachbarin strecken wir die Zunge raus, Dezibel sind unsere Freunde. Wir retten die Zeit, die uns bleibt.
Ich erzähl dir Träume, obwohl ich nicht weiß, ob du das verstehst. Aber man sollte sowas nicht einfach sein lassen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 7. August 2007 um genau 18:20
Kategorie : Wir | 5 Kommentare

An den Büschen neben den Schienen wachsen Brombeeren, die keiner pflückt. Und ohne Unterlass tragen die Touristen Regencapes mit Sandalen, die Socken haben sie im Rucksack für die Abendstunden, weil es dann noch kühler wird. Am Wochenende spielt man Völkerball, um dem Sommer nicht ganz abhanden zu kommen. Und Mittagspause wird immer dann gemacht, wenn die Sonne rausguckt. Am Abend sammeln wir die Sinne zusammen, um in der Nacht tief und fest schlafen zu können und nicht an das Vermissen zu denken. Morgens dann halten wir uns an den Händen fest bis zur Haltestelle, wo die anderen warten, die irgendwohin müssen. In der Bahn halten alle nur Stangen und schauen sich auf die Zehen. Wie die Touristen. Wir legen die Hand an die Stirn und tun, als sei es das gleißende Licht, das uns stört. Dabei ist es nur Regen. Die Beziehungen ziehen wir runter auf Geschäftsniveau. Für den Rest braucht es die richtige Temperatur.
Der Kaffee geht trotzdem gut weg, wir brechen ja nicht gleich mit Traditionen. Die Schirme halten bis zum nächsten Jahr. Und die Löffel waschen wir ab. Manchmal sitzen wir abends am Fluß und fragen uns, wo eigentlich die vielen Blätter sind, die die Bäume die ganze Zeit verlieren. Aber mittags, wenn die Bedienung noch weiß, was wir wie essen, dann erinnern wir uns daran, wie es früher war. Und reden dabei über die Zukunft, während es doch ganz gemütlich findet mit uns. Wir setzen uns in den Schatten dann, machen eine lange Nase und vergessen den Rest des Jahres und alle Tage dazu, scheißegal, was das Wetter macht. Wir wissen, was wir an uns haben. Und fallen in der Bahn nicht um. Alle Kekse zum Kaffee auf einmal in den Mund. Und mit vollen Backen den Falten entgegen. Mit Volldampf in die Schmiede mit Plänen. Nie so werden, wie die anderen mit den endlosen Arroganzen und Striemen im Gesicht, niemals.
Liz hat es verfasst, und zwar am 1. August 2007 um genau 18:31
Kategorie : Berlin, Wir | 1 Kommentare

Wir könnten Reißaus nehmen oder unser Herz in beide Hände. Wir könnten uns die Blöße geben und zu, nicht ganz bei Trost zu sein. Wir könnten mit lautem Geschrei den anderen hinterher den Berg hinab und in die nächste Bar, in den nächsten Laden, in die nächste Nacht. Oder wir könnten so tun, als ginge uns das alles nichts an und wie versuchen wie früher zu sein, als man beim Anblick unserer Fotos noch die Hand vor den Mund schlug und kopfschüttelnd sagte: “Wie unbeschwert ihr noch lachen könnt”. Das Gefühl in den Tag hinein ging ein bisschen verloren, manchmal erinnern wir uns an solchen Abenden, wenn wir auf Brücken sitzen und vor uns jemand in schlechten Reimen von dem Ort singt, wo sich “deine Liebe multipliziert”. Und du zeigst mit dem Finger auf die S-Bahnen unter uns. “Eigentlich könnte man genau zielen. Man könnte warten, bis der Zug genau unter einem ist und dann aufspringen. Aber wir bleiben sitzen und hören den Zug hinter uns immer leiser werden. Wie eine verpasste Chance. Und noch eine in fünf Minuten“.
Wir könnten Reißaus nehmen oder uns an den Händen. Wir könnten uns die Blöße geben und zu, uns nah zu sein. Und nichts von all der proklamierten Oberflächlichkeit, von den Namen für unsere Generation, obwohl uns niemand kennt. Wir kratzen die Haut auf und saugen angestrengt das Gift heraus, während die anderen an uns vorbei den Berg hinunter rennen. Mit Geschrei in den nächsten Laden, auf das nächste Bier, in den nächsten Arm. Und morgen früh liegen sie blass in einem Bett ohne Bezug und suchen mit angestrengtem Blick den Horizont nach neuen Hügeln ab, bis sie merken, sie können sich gar nicht mehr bewegen. Wie unbeschwert wir noch lachen können.
Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Juli 2007 um genau 10:02
Kategorie : Wir | 9 Kommentare