Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Wir

You are not W.H. Auden.

These memories are nothing but polaroids. First a click, then you wait for appearance & at the end there’s nothing but some vintage trash. Shaking won’t help at all.

Niemals geschlossene Schuhe.

Gestern sind schlimme Dinge passiert, das konnte man überall lesen. Und das Wort Katastrophe ist dafür nicht zu groß, weil es um einen Spaß ging und am Ende nur unglückliche Menschen zurückbleiben. Ich kann sagen, ich finde es schlimm. Und ich möchte bewusst nicht darüber urteilen, weil ich kein Experte bin, weil ich nicht dabei war und weil es andere gibt, die es besser können. Und wiederum andere, die es nicht können.

Wenn solche Dinge passieren, muss ich Twitter ausschalten, weil ich es nicht aushalte. Weil ich nicht ertragen kann, wie viele Menschen meinen, unverblümt und unreflektiert ihren Senf dazu geben zu müssen. Weil ich Gänsehaut bekomme von den unbedacht in die Mobiltelefone getippten Zeilen, weil ich manchen Menschen auf die Füße springen möchte, wenn ich lese, was sie sich da rausnehmen, weil sie nicht einen Moment innehalten und nachdenken. Weil bei Twitter in solchen Momenten eine Welle der Betroffenheit losgetreten wird, die keinen Sinn hat, die niemandem etwas bringt, die mitunter und in den meisten Fällen sekundenkurze Emotion heuchelt und im nächsten Tweet geht es schon wieder um das leckere Eis oder das Wetter oder oder. Wem soll ich so sein ernsthaftes Entsetzen abnehmen? Wen darf ich dann nicht Heuchler nennen, wenn im ersten Moment geschrieben wird “Oh wie schrecklich!” und im zweiten “Oh ein Regen!”? Man sei ja so geschockt, so entsetzt, so verärgert, so traurig - wenn dem so ist, setzt man sich dann hin und schreibt einen Tweet? Gehört das dazu? Bei Twitter geht jede Distanz verloren, alles wird aufeinander geklatscht, nur um dabei zu sein, vielleicht damit nur niemand denkt, man habe davon nichts mitbekommen.

Aber deine kurzweilige Emotion kannst du dir ehrlich gesagt sonst wohin stecken, weil sie mich wütend macht. Dein geheucheltes Interesse. Dein Klugscheißertum. Deine Distanzlosigkeit kann ich nicht ertragen, deine vor dir her getragene Pietät, die genau deswegen keine ist, weil sie so etwas verbietet. Und weil es auf der anderen Seite so einfach ist, sich erst über die Loveparade lustig zu machen und am Ende zu meinen, eine Schuld zuweisen zu dürfen. Irgendjemandem. Mehreren. Wie kann bei über einer Million Menschen nur einer die Schuld haben? Erklärst du mir das? Und kannst du es besser? Und was interessiert es jemanden, dass du schreibst, dass du gerade vor Schreck Schluckauf bekommen hast, wenn einer Mutter gerade gesagt wird, dass ihr Kind nicht mehr nach Hause kommt?

Twitter ist schnell und ich verstehe und unterstütze jeden, der ernsthaft und reflektiert etwas zur Klärung der Umstände und vielleicht der eigenen, inneren Ordnung der Betroffenen beiträgt, indem er Personengesuche weiterschickt oder sachdienliche Hinweise publiziert. Aber die Dreistigkeit zu besitzen, ein Urteil zu fällen, eine Schuld auf jemandem abzuladen, einen Emotionsschwall in die Welt zu ballern, der in diesem Moment an Oberflächlichkeit, fehlender Distanz und mangelndem Respekt nicht zu überbieten ist - ich möchte schreien dabei, damit mal Ruhe ist. Wenigstens kurz.

Weil mir Twitter in solchen Momenten vorkommt, als würde niemand geschlossene Schuhe oder lange Hosen tragen, auch wenn der Anlass es vielleicht gebietet, einfach nur, weil man nicht muss. Aber so ein Gewissen, das einem manchmal sagt, was man muss und was nicht, täte dem einen oder anderen ganz gut hin und wieder.

Wenn ihr so geschockt seid, so fertig, achso betroffen, ihr, die ihr nicht dabei wart oder in irgendeiner Weise mit den Geschehnissen verbunden seid, trötet nicht alle Nase lang, wer Schuld hat, wer nicht, wer böse ist und wer gut, wer wie hätte, könnte, wollte - sondern helft mit, dass so etwas auf anderen Veranstaltungen nicht noch einmal passiert. Wenn es euch so schockiert hat, dann achtet aufeinander, wenn ihr auf Festivals, Konzerten, Autobahnen, Massenaufläufen herumrennt. Schiebt nicht, schreit nicht, drängelt nicht, helft euch auf, sagt was, übernehmt verdammt noch mal Verantwortung und glaubt nicht, dass die Welt besser wird, nur weil sie jetzt weiß, dass ihr Nachrichten geschaut habt und es euch zur Abwechslung doch mal berührt hat. Weil auch ihr das hättet sein können. Genau ihr hättet da stehen und hinfallen können. Vielleicht ist das der eine Gedanke, der euch wenigstens für einen Tag mal zum Schweigen bringt. Zum Innehalten. Zum Gedenken. Und zum Bessermachen.

(Und danke, Herr Schellnack für Ihren Text. Und danke, Herr Niggemeier.)

Irgendwann. Später dann.

Memories

Wie das ist, wenn man älter wird. Ich meine nicht: Erwachsen. Ich meine: Älter. Alt. Wenn man merkt, dass man nicht mehr kann, wie man will. Dass man nicht will, wie man noch oder wieder oder geradeso kann. Ich frage mich, wie das ist, wenn man älter wird. Und ob es wirklich stimmt, dass einem der Boden unter den Füßen ein bisschen nach hinten ins Früher wegrutscht. Ob die Vergangenheit einen so großen Stellenwert bekommt, weil sie dann größer ist als das, was vor einem liegt. Oder weil man soviel erlebt hat, dass man irgendwann voll ist, um noch Neues hinein zu lassen, dass man sich so sehr von dem umgeben ist, was war, dass das, was ist, keinen Platz mehr hat, weil man sonst platzen würde. Ist es so, dass die Beschwerlichkeit das Problem ist? Die körperliche Grenze? Oder womit hat es zu tun, dass ich manchmal vor ihm sitze und etwas erzähle, dass mit hier und jetzt und ein bisschen mit morgen und vielleicht ein noch kleineres bisschen mit gestern zu tun hat und er schaut einfach zur Seite, irgendwohin auf die Straße, die Fassade des Hauses gegenüber, den Menschen ins Gesicht und eigentlich hindurch? Dass ich erzähle und er hinhört und nickt und murmelt und mir aber nicht in die Augen sieht dabei? Ist es Angst, nicht mithalten zu können? Hat er sich abgefunden damit, dass er manches nicht versteht? Ist es, dass die Neugier auf neue Dinge kleiner wird, wenn man alt ist? Und wo geht sie hin, die Neugier, was wird aus ihr, wenn sie nicht mehr neu und Gier ist, ist sie dann ab und gefunden?

Manchmal hört er etwas, einen Fetzen, irgendein Wort, das ihn erinnert. Das ihn sich auf dem Boden umdrehen und viele Jahre zurück marschieren lässt, da ist er dann, da blüht er auf, da redet er dann so laut, dass Menschen auf der Straße sich umdrehen und schauen, weil sie nicht wissen, dass er gerade nicht hier auf dieser Straße steht sondern auf einem Berg in den Alpen oder einer Leipziger Wohnung oder den Berliner Wasserbetrieben. Man braucht dann nichts sagen, weil man gänzlich verschwindet, das ist wie im Kino, weil man sitzt und isst und die Lautstärke nicht regulieren kann und sonst nichts zählt, weil er einfach erzählt und erzählt und nicht wartet. Und wenn es vorbei ist, wird er wieder ruhig und tut die Dinge, um die man ihn bittet, und freut sich darüber und fährt dann irgendwann wieder raus an den See, weil ihm die Stadt zu schnell ist, zu dreckig, zu laut, weil er die Wohnung hier trotzdem nie aufgeben wird. Er fährt dann wieder raus zum See und klettert auf Bäume und holt sich dann einen Hexenschuss und sagt immer, dass er nichts braucht. Er braucht nichts. Ich glaube ihm das nicht.

Ich könnte ihn nicht fragen, wie das ist, wenn man älter wird. Ich könnte ihn fragen und könnte warten und stehen und er würde sagen: Naja. Früher sei der Hexenschuss schlimmer gewesen, das gehöre nun eben dazu. So gehe es den meisten älteren Leuten. Und ich glaube ihm nicht. Das kann es doch nicht sein, dieser Rücken, das wäre zu einfach.

Ich möchte diese Kampagne in Deutschland.

(Danke an die Caro und Nadine für’s Draufaufmerksammachen. Einen Post dazu gibt’s bei der Mädchenmannschaft.)

Bitte komprimieren Sie Ihren Besitz.

Heute in einer Woche werde ich wieder in Berlin ankommen. Nach einer Pause, einem Oho, einer Distanz, wie man sie manchmal so braucht nach langer Zeit. Ein bisschen dazu zu dem ganzen Gepolter und dem Wirrwarr dieser Rückkehr gehört es, dass ich einen Tag vorher, am Samstag, im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage lesen und danach an einem Gespräch teilnehmen werde, das sich um Zuhause und Heimat dreht. Ich werde dort sitzen in dieser großen Stadt und schmunzeln müssen, ich habe keine Ahnung, was man mich fragt, aber allein, dass diese Veranstaltung dort stattfindet, wo ich als Kind getanzt habe, also ganz in der Nähe, macht es so kurios.

All die Dinge, die ich besitze und habe, all die Kartons und Photos und Bücher und all dieser Stoff, werden in Hamburg stehen und warten, dass ich sie hole - was wäre, wenn ich sie einfach dort ließe, was würde passieren, was würde nicht passieren? Wenn man einfach so weitermachte ohne all diese Dinge, die man hinstellen und verlieren und kaputt machen und anschauen kann, was wäre dann? Vielleicht einfach nur ganz viel Platz? Was würde geschehen, wenn ich alles zerrupfen und als Puzzle auf dem Tankstellendach vor meinem Balkon verstreuen würde? Was bliebe, wenn all das da hinge in den Bäumen und ihren Zweigen und an den Scheiben des Altersheims um die Ecke, auf dem Nachbarbalkon und dem Weg zur U-Bahn? Wär’s so schlimm?

Vielleicht sollte ich beschließen, die Dinge nach und nach immer weniger werden zu lassen, von Mal zu Mal zu reduzieren, damit es einfacher wird, Entscheidungen zu treffen, die mit Bewegung zu tun haben - innen und außen. Aber vielleicht muss ich das auch noch gar nicht beschließen sondern es einfach nur machen. Die Dinge funktionieren, man glaubt ja immer, das klappt alles nicht, aber am Ende klappt es doch irgendwie - und irgendwie genügt völlig, denn irgendwie sind die Dinge am Ende dann gut, das liegt vielleicht am “ie”, das erfordert mitunter auch Anstrengung und dass man sich an manchen Abenden fühlt, als bekäme man das nicht hin, als würde man am liebsten kotzen und dann einfach gehen, aber irgendwie schläft man ein und irgendwie geht es und wenn das irgendwie nicht einmal mehr nötig ist, dann ist es gut und dann war es richtig und dann muss man sich nicht einmal mehr die letzte Silbe angucken, dann zählt nur noch, dass überhaupt.

(Auch wenn ich mir wünschte, ich hätte gerade so ein Luftentzugs-Dings, also eine umgedrehte Luftpumpe, die man an alle Kartons und Wäscheberge anschließen könnte und dann würde alles auf zwei mal zwei Zentimeter große Würfel zusammen schrumpfen und man könnte vielleicht noch damit jonglieren, in jedem Falle wäre es gut für die Haltung und das Zeitmanagement.)

Little Faith. Big Love.

Aus Aktualitäts- und Aufregungsgründen muss ich hier noch einmal auf die wohl mit großartigste Band auf diesem Planeten hinweisen, die ich am kommenden Sonntag endlich einmal wieder live sehen werde. Bin sehr gespannt, ob das Berliner Astra mit dem Dachauer Abendhimmel wird mithalten können. Stellen Sie sich mich derweil und bis dahin als wandelnden, euphorisierten Countdown vor. Bedanken Sie sich also nun bei Pitchfork.tv für diese schönen Aufnahmen.

(Auf meiner Bucket List steht übrigens immer noch ein Duett mit Herrn Berninger. Und das geht da auch nicht weg.)

We’ve got some silent secrets.

Even if you were the last squirrel on earth, I’d let you go. We don’t lose track. We’ve got pre-arranged signals.

Wir finden uns ab, wir kommen zurecht, wir halten durch, wir stehen mit beiden Füßen auf dem Boden und die Hände halten wir hinter dem Rücken verschränkt. Wir haben soviel self-containedness geschluckt, dass wir fast blau sind im Gesicht. Und am Morgen verkaufen wir die Blässe als schick. Es knackt jedes Mal, wenn wir vom Stuhl aufstehen und wir grinsen, gehen in die Küche und sagen: Passt doch zum Beat. Und es kommt vor, da sehnen wir uns wochenlang nach zwei freien Tagen und wenn sie dann da sind, flattert unser Herz in der Bauchhöhle herum, weil es Angst bekommt, die Spannung nicht halten zu können. Wir sind offen und ach und Krach. Und es stimmt ja, wir können das. Aushalten, mitmachen, Tempo halten, manchmal lauter schreien, als jeder andere sonst, wir können unterscheiden zwischen Priorität und Präferenz, wortkarg und Etablissement. Und wir zucken mit den Schultern, wenn jemand uns darauf klopft, schütteln Komplimente ab, weil Komplimente keine sind, wenn man es nicht anders kennt. Im Stillen üben wir die Dinge, für die wir eigentlich gelobt werden wollen. Auf der Kreuzung tun wir nur das, was wir immer tun.

Das funktioniert, weil wir uns einlassen. Weil wir uns fest an den Händen halten. Die Sache mit den Gesten wird noch Jahrhunderte überleben, auch wenn man sie nicht sieht. (Ich schaue dir ins Auge, und nach zwei Blicken weiß ich jede Linie im Schlaf, auch morgens um vier, es wäre egal, ich könnte dem Polizisten sagen, wo deine Iris einen Knick hat.) Es hat damit zu tun, dass es nicht so viele Betten gibt, in denen man und du und ich einfach so zur Seite kippen kann ohne eine Erklärung. Einfach liegen und warten, bis es vorbeigeht. Wir sind nicht dumm. Die, die es gibt, die merken wir uns. (Das hat nichts mit Koordinaten zu tun. Wir finden einen Weg.)

Du und deine vielen Fenster.

Zur neuen Ausgabe von OPAK gibt es Veranstaltungen in Hamburg und Berlin. Wäre ich nicht in Wien, wäre ich dort.

Berlin 22.01. West Germany, Skalitzer Strasse 133
Hamburg 23.01. Karo Ecke /Marktstr. 92

Please.

Bitte gehen Sie dahin oder dorthin.

Es ist wichtig.
Danke.

Generation Kühlschrankpoesie.

Bettpartner begeistern uns wie früher kleine, bunte Autos. Manchmal sammeln wir sie in einer Kiste und wenn wir meinen, wir sind jetzt zu alt für sowas, schieben wir sie in den Keller ohne noch einmal hineinzusehen. Bis uns eines Tages eine lebensverändernde Maßnahme überrollt und der Karton uns auf den Kopf fällt.

Wir stapeln die Dinge und schieben sie unter den Schrank. Wir kaufen neues, wenn das alte nicht mehr funktioniert, das ist so einfach geworden. Manchmal entdecken wir etwas in Lädchen mit Patina, das wir dann unbedingt wollen. Wir stellen es hin und uns daneben und warten darauf, bis ein bisschen davon auf uns abfährt. Mutter sagt: Räum mal dein Leben auf. Wir sagen: Vielleicht lieber morgen.

Wir können immer etwas anfangen. Die Dinge liegen vor unserer Haustür herum, wir suchen uns eins aus und nehmen es mit hinein und fangen es an. Integrieren es in unser Leben und unser Leben in das Ding. Und wenn es etwas abgestanden ist, weil wir ein paar Tage nicht zuhause waren, nehmen wir uns ein neues und kippen den Rest des Alten in den Abfluss. Die Abfuhr für die gelbe Tonne kommt immer Donnerstags.

Sex in Streifen. Sex Schranke. Sex mit Stäbchen. Sex in Pappmachè. Sex für ein bisschen Kleingeld. Sex gebraten. (Was war das nochmal?) Sex auf Plakaten. Sex in der Werbung. Sex im Kindergarten. Sex im Kaufhaus. Sex auf der Arbeit. “Wir haben uns getrennt. Das Körperliche war ein Problem?” - “Mach doch eine Therapie.” - “Ich weiß nicht, mein Vater sagt, das sei normal.”

Wir sollen gut sein. Nicht zu dünn, nicht zu dick, nicht zu blond, nicht zu schwarzhaarig, nicht zu rund, nicht zu birnig, nicht zu orangenhäutig, nicht zu natürlich, nicht zu künstlich, nicht zu 70er80erunddasbestevonheute. Haare bitte nur an den markierten Stellen. Und Cola Light Koffeinfrei.

Heute hier, morgen da, übermorgen hoppsassa. Wir lagern unsere Bestände ein und schreiben Oma eine Postkarte aus Honolulu, weil sie keinen Computer besitzt. Und leihen uns dafür einen Stift an der Bar, weil wir keinen mehr mit uns tragen. Wir können überall schlafen, aber nicht überall gut.

Wir haben Mechanismen entwickelt, von denen wir wissen, das sie funktionieren. Posen, Witzigkeiten, Zitate. Sorgsam gesammelt und abgeschaut für die dunklen Momente, in denen das einzige Blinken das des Ladegerätes ist. Die funktionieren immer, auf Routinen kann man sich verlassen. Like/Unlike. Ja, wir möchten bitte später bezahlen.

[...]

Wir kaufen uns eine Töpferscheibe und lassen sie stehen.
(Rainald Grebe)