Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Wir

Re: Die Schmerzensmänner

“Ist es nicht viel schöner, wenn ein Mensch so sein darf, wie er ist? Wenn Männer die gleiche Musik hören dürfen wie Frauen, Frauen aber auch Fußball spielen und wenn es ihnen beliebt Männer am laufenden Band aufreißen dürfen. Wenn vielleicht ein Typ morgens länger im Bad braucht als seine Freundin und das okay ist? Wenn es die Bezeichnung Mädchenmusik irgendwann einfach nicht mehr gibt, weil wir endlich gemerkt haben, dass sie Schwachsinn ist. Wenn “Du Mädchen” nicht mehr als Schimpfwort benutzt wird und wir alle einfach mal zugeben dürfen, dass wir WarmduscherInnen sind.”

Katinka sagt in ihrem Text alles, was man dazu eigentlich sagen kann. Und sollte. Laut. Ganz laut.

Kardieren

Naja

“Das große Ganze ist ein Scheiß, weißt du. Wenn jemand dir erzählt, du solltest doch mal das große Ganze betrachten, dann kotz ihm einfach gepflegt vor die Füße, das große Ganze ist nämlich eine faule Sau im Gegensatz zum Kleinen, das große Ganze rauscht nur und fiept nicht, das große Ganze lehnt sich mal schön zurück, wenn du mit dem Fuß in den Speichen hängen bleibst, weil das große Ganze sich heute schon einmal ordentlich kaputt gelacht hat. Das große Ganze hat’s nicht so dramatisch, weil es sich fett gefressen hat, damit es die Lehne nicht mehr merkt und das große Ganze ist ja eh viel zu weit weg, um etwas daran zu ändern, weil es nämlich schlau ist, das große Ganze. Es bläst sich auf und flötet davon und am Ende guckst du blöd, weil das große Ganze da oben herumhängt und dir jeder erzählt, du solltest es doch mal betrachten. Haste am Ende aber auch nix von, weil dir die Möwe trotzdem auf die Schulter kackt, da ändert das große Ganze mit seinem Ballonbauch auch nix dran, da kannste nämlich sogar mit Anlauf reinrennen und das große Ganze juckt es nicht einmal, vielleicht sieht es den Schatten kurz, aber hübsch, dass du es versucht hast. Das große Ganze zeigt dir einen Vogel, wenn es dich herumtanzen siehst, deswegen rate ich dir, lass es da hängen, kümmer dich nicht um das große Ganze, das ist es nämlich nicht gewöhnt, da guckt es dann doof, also wenn du einfach weitergehst, meine ich, wenn du nicht voller Ehrfurcht aufschaust (ja, die zweite Hälfte des Wortes ist Furcht), sondern damit anfängst, ihm die Socken aufzuribbeln, such dir halt ‘nen Faden, weißt du. Egal, welchen. Such dir einen und dann zieh dran und da guckt das große Ganze nämlich irgendwann ziemlich bescheuert aus der Wäsche, die es dann nicht mehr anhat, weil sicherlich jemand mitmacht, wenn er dich so ziehen sieht, weil du sehr schön aussiehst dabei (das kann das große Ganze aber nicht sehen, weil es so fett ist, das sieht nur jemand, der so ist wie du). Und wenn ihr dann zwei seid und an unterschiedlichen Fäden zieht, da guckt es sich in ein paar Wochen um, dieser Haufen großes Ganzes, dann wird ihm nämlich kalt und dann kann es sich mal faschiert legen bzw. sich selbst faschieren, weil es ja eh schon herumliegt, so träge und müde und unantastbar. Wenn du einfach irgendwo anfängst, wirst du irgendwann den Punkt erreichen, an dem das große Ganze nicht mit dir gerechnet hat. Und dann, dann hast du genau das erreicht, was du wolltest.”

Notes from the named airport of departure.

Taxi

“Are you serious? Serious about lying next to me, serious about not being serious when I wake up after a bad dream and need an arm and a blanket which is not mine to hide under? Are you serious about calling me at night after getting home late and not able to move, but then you move your hand to the phone and whisper a good night? Are you serious about holding me tight while rain is coming down as if it never rained before? Is this really happening or is it not worth talking about, is it not worth thinking about, not worth tickling your neck, because you might have forgotten it in the morning? Are you serious about staying away and meeting some friends and then coming back with that smile on your face as if we have just met for the first time? Tell me, are you? Are you serious about being careful with the things I said and the things I didn’t say because I am scared of people who remind me of other people and you really remind me of someone? Are you quite serious about shutting up when I am mad at you for a reason? Are you serious about being sorry? And is it serious when you care? Is this really between you and me or between you and my future? What do you think?”

Let’s go fly paper kites today.

Pink

Let’s leave for a good reason, let no one ever know. Let’s not write postcards, and not look back, let’s not be the first to show but leave cause there’ll be no better time, no worse. And there won’t be any traffic light turning green or red cause we do have heads instead to think and bang against the walls, there’ll be no one else to tell if this is right or this is wrong. So could you please listen to your heart and could you please don’t ask me now, if this is right or if it’s wrong. Cause I don’t know but i will go, anyways. And i will listen to Jimmy Eat World, do you remember their song: If i don’t let myself be happy now then when, if not now when? So let’s leave, we are a good reason and everybody knows, let’s draw a line in the sand and one on the rocks which shows that we were there, we’ve been here and there hasn’t been no better time, no worse. Let’s go fly paper kites today, let’s go away.

Lemonworld.

Jenseits von Millionen

Wir sind beieinander. Wir mögen uns. Wir stehen aufrecht. Wir können davon leben. Wir kommen voran. Wir hören und sehen und laufen und riechen und schmecken. Wir lachen. Wir sind uns sicher. Wir halten. Wir lieben. Wir wissen das immer noch. Wir lernen. Wir werden berührt. Wir loten Grenzen aus. Wir rennen. Wir vergessen nicht. Wir machen Ernst. Wir werden bewegt. Wir sind Fleisch und Blut und Wasser und immer noch mehr als das. Wir sind darüber hinweg. Wir nehmen an. Wir zittern. Wir erinnern uns. Wir haben Geheimnisse. Wir fragen. Wir halten aus. Wir entkommen. Wir kriegen es hin. Wir haben es gut und wir behalten das.

You are not W.H. Auden.

These memories are nothing but polaroids. First a click, then you wait for appearance & at the end there’s nothing but some vintage trash. Shaking won’t help at all.

Niemals geschlossene Schuhe.

Gestern sind schlimme Dinge passiert, das konnte man überall lesen. Und das Wort Katastrophe ist dafür nicht zu groß, weil es um einen Spaß ging und am Ende nur unglückliche Menschen zurückbleiben. Ich kann sagen, ich finde es schlimm. Und ich möchte bewusst nicht darüber urteilen, weil ich kein Experte bin, weil ich nicht dabei war und weil es andere gibt, die es besser können. Und wiederum andere, die es nicht können.

Wenn solche Dinge passieren, muss ich Twitter ausschalten, weil ich es nicht aushalte. Weil ich nicht ertragen kann, wie viele Menschen meinen, unverblümt und unreflektiert ihren Senf dazu geben zu müssen. Weil ich Gänsehaut bekomme von den unbedacht in die Mobiltelefone getippten Zeilen, weil ich manchen Menschen auf die Füße springen möchte, wenn ich lese, was sie sich da rausnehmen, weil sie nicht einen Moment innehalten und nachdenken. Weil bei Twitter in solchen Momenten eine Welle der Betroffenheit losgetreten wird, die keinen Sinn hat, die niemandem etwas bringt, die mitunter und in den meisten Fällen sekundenkurze Emotion heuchelt und im nächsten Tweet geht es schon wieder um das leckere Eis oder das Wetter oder oder. Wem soll ich so sein ernsthaftes Entsetzen abnehmen? Wen darf ich dann nicht Heuchler nennen, wenn im ersten Moment geschrieben wird “Oh wie schrecklich!” und im zweiten “Oh ein Regen!”? Man sei ja so geschockt, so entsetzt, so verärgert, so traurig - wenn dem so ist, setzt man sich dann hin und schreibt einen Tweet? Gehört das dazu? Bei Twitter geht jede Distanz verloren, alles wird aufeinander geklatscht, nur um dabei zu sein, vielleicht damit nur niemand denkt, man habe davon nichts mitbekommen.

Aber deine kurzweilige Emotion kannst du dir ehrlich gesagt sonst wohin stecken, weil sie mich wütend macht. Dein geheucheltes Interesse. Dein Klugscheißertum. Deine Distanzlosigkeit kann ich nicht ertragen, deine vor dir her getragene Pietät, die genau deswegen keine ist, weil sie so etwas verbietet. Und weil es auf der anderen Seite so einfach ist, sich erst über die Loveparade lustig zu machen und am Ende zu meinen, eine Schuld zuweisen zu dürfen. Irgendjemandem. Mehreren. Wie kann bei über einer Million Menschen nur einer die Schuld haben? Erklärst du mir das? Und kannst du es besser? Und was interessiert es jemanden, dass du schreibst, dass du gerade vor Schreck Schluckauf bekommen hast, wenn einer Mutter gerade gesagt wird, dass ihr Kind nicht mehr nach Hause kommt?

Twitter ist schnell und ich verstehe und unterstütze jeden, der ernsthaft und reflektiert etwas zur Klärung der Umstände und vielleicht der eigenen, inneren Ordnung der Betroffenen beiträgt, indem er Personengesuche weiterschickt oder sachdienliche Hinweise publiziert. Aber die Dreistigkeit zu besitzen, ein Urteil zu fällen, eine Schuld auf jemandem abzuladen, einen Emotionsschwall in die Welt zu ballern, der in diesem Moment an Oberflächlichkeit, fehlender Distanz und mangelndem Respekt nicht zu überbieten ist - ich möchte schreien dabei, damit mal Ruhe ist. Wenigstens kurz.

Weil mir Twitter in solchen Momenten vorkommt, als würde niemand geschlossene Schuhe oder lange Hosen tragen, auch wenn der Anlass es vielleicht gebietet, einfach nur, weil man nicht muss. Aber so ein Gewissen, das einem manchmal sagt, was man muss und was nicht, täte dem einen oder anderen ganz gut hin und wieder.

Wenn ihr so geschockt seid, so fertig, achso betroffen, ihr, die ihr nicht dabei wart oder in irgendeiner Weise mit den Geschehnissen verbunden seid, trötet nicht alle Nase lang, wer Schuld hat, wer nicht, wer böse ist und wer gut, wer wie hätte, könnte, wollte - sondern helft mit, dass so etwas auf anderen Veranstaltungen nicht noch einmal passiert. Wenn es euch so schockiert hat, dann achtet aufeinander, wenn ihr auf Festivals, Konzerten, Autobahnen, Massenaufläufen herumrennt. Schiebt nicht, schreit nicht, drängelt nicht, helft euch auf, sagt was, übernehmt verdammt noch mal Verantwortung und glaubt nicht, dass die Welt besser wird, nur weil sie jetzt weiß, dass ihr Nachrichten geschaut habt und es euch zur Abwechslung doch mal berührt hat. Weil auch ihr das hättet sein können. Genau ihr hättet da stehen und hinfallen können. Vielleicht ist das der eine Gedanke, der euch wenigstens für einen Tag mal zum Schweigen bringt. Zum Innehalten. Zum Gedenken. Und zum Bessermachen.

(Und danke, Herr Schellnack für Ihren Text. Und danke, Herr Niggemeier.)

Irgendwann. Später dann.

Memories

Wie das ist, wenn man älter wird. Ich meine nicht: Erwachsen. Ich meine: Älter. Alt. Wenn man merkt, dass man nicht mehr kann, wie man will. Dass man nicht will, wie man noch oder wieder oder geradeso kann. Ich frage mich, wie das ist, wenn man älter wird. Und ob es wirklich stimmt, dass einem der Boden unter den Füßen ein bisschen nach hinten ins Früher wegrutscht. Ob die Vergangenheit einen so großen Stellenwert bekommt, weil sie dann größer ist als das, was vor einem liegt. Oder weil man soviel erlebt hat, dass man irgendwann voll ist, um noch Neues hinein zu lassen, dass man sich so sehr von dem umgeben ist, was war, dass das, was ist, keinen Platz mehr hat, weil man sonst platzen würde. Ist es so, dass die Beschwerlichkeit das Problem ist? Die körperliche Grenze? Oder womit hat es zu tun, dass ich manchmal vor ihm sitze und etwas erzähle, dass mit hier und jetzt und ein bisschen mit morgen und vielleicht ein noch kleineres bisschen mit gestern zu tun hat und er schaut einfach zur Seite, irgendwohin auf die Straße, die Fassade des Hauses gegenüber, den Menschen ins Gesicht und eigentlich hindurch? Dass ich erzähle und er hinhört und nickt und murmelt und mir aber nicht in die Augen sieht dabei? Ist es Angst, nicht mithalten zu können? Hat er sich abgefunden damit, dass er manches nicht versteht? Ist es, dass die Neugier auf neue Dinge kleiner wird, wenn man alt ist? Und wo geht sie hin, die Neugier, was wird aus ihr, wenn sie nicht mehr neu und Gier ist, ist sie dann ab und gefunden?

Manchmal hört er etwas, einen Fetzen, irgendein Wort, das ihn erinnert. Das ihn sich auf dem Boden umdrehen und viele Jahre zurück marschieren lässt, da ist er dann, da blüht er auf, da redet er dann so laut, dass Menschen auf der Straße sich umdrehen und schauen, weil sie nicht wissen, dass er gerade nicht hier auf dieser Straße steht sondern auf einem Berg in den Alpen oder einer Leipziger Wohnung oder den Berliner Wasserbetrieben. Man braucht dann nichts sagen, weil man gänzlich verschwindet, das ist wie im Kino, weil man sitzt und isst und die Lautstärke nicht regulieren kann und sonst nichts zählt, weil er einfach erzählt und erzählt und nicht wartet. Und wenn es vorbei ist, wird er wieder ruhig und tut die Dinge, um die man ihn bittet, und freut sich darüber und fährt dann irgendwann wieder raus an den See, weil ihm die Stadt zu schnell ist, zu dreckig, zu laut, weil er die Wohnung hier trotzdem nie aufgeben wird. Er fährt dann wieder raus zum See und klettert auf Bäume und holt sich dann einen Hexenschuss und sagt immer, dass er nichts braucht. Er braucht nichts. Ich glaube ihm das nicht.

Ich könnte ihn nicht fragen, wie das ist, wenn man älter wird. Ich könnte ihn fragen und könnte warten und stehen und er würde sagen: Naja. Früher sei der Hexenschuss schlimmer gewesen, das gehöre nun eben dazu. So gehe es den meisten älteren Leuten. Und ich glaube ihm nicht. Das kann es doch nicht sein, dieser Rücken, das wäre zu einfach.

Ich möchte diese Kampagne in Deutschland.

(Danke an die Caro und Nadine für’s Draufaufmerksammachen. Einen Post dazu gibt’s bei der Mädchenmannschaft.)

Bitte komprimieren Sie Ihren Besitz.

Heute in einer Woche werde ich wieder in Berlin ankommen. Nach einer Pause, einem Oho, einer Distanz, wie man sie manchmal so braucht nach langer Zeit. Ein bisschen dazu zu dem ganzen Gepolter und dem Wirrwarr dieser Rückkehr gehört es, dass ich einen Tag vorher, am Samstag, im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage lesen und danach an einem Gespräch teilnehmen werde, das sich um Zuhause und Heimat dreht. Ich werde dort sitzen in dieser großen Stadt und schmunzeln müssen, ich habe keine Ahnung, was man mich fragt, aber allein, dass diese Veranstaltung dort stattfindet, wo ich als Kind getanzt habe, also ganz in der Nähe, macht es so kurios.

All die Dinge, die ich besitze und habe, all die Kartons und Photos und Bücher und all dieser Stoff, werden in Hamburg stehen und warten, dass ich sie hole - was wäre, wenn ich sie einfach dort ließe, was würde passieren, was würde nicht passieren? Wenn man einfach so weitermachte ohne all diese Dinge, die man hinstellen und verlieren und kaputt machen und anschauen kann, was wäre dann? Vielleicht einfach nur ganz viel Platz? Was würde geschehen, wenn ich alles zerrupfen und als Puzzle auf dem Tankstellendach vor meinem Balkon verstreuen würde? Was bliebe, wenn all das da hinge in den Bäumen und ihren Zweigen und an den Scheiben des Altersheims um die Ecke, auf dem Nachbarbalkon und dem Weg zur U-Bahn? Wär’s so schlimm?

Vielleicht sollte ich beschließen, die Dinge nach und nach immer weniger werden zu lassen, von Mal zu Mal zu reduzieren, damit es einfacher wird, Entscheidungen zu treffen, die mit Bewegung zu tun haben - innen und außen. Aber vielleicht muss ich das auch noch gar nicht beschließen sondern es einfach nur machen. Die Dinge funktionieren, man glaubt ja immer, das klappt alles nicht, aber am Ende klappt es doch irgendwie - und irgendwie genügt völlig, denn irgendwie sind die Dinge am Ende dann gut, das liegt vielleicht am “ie”, das erfordert mitunter auch Anstrengung und dass man sich an manchen Abenden fühlt, als bekäme man das nicht hin, als würde man am liebsten kotzen und dann einfach gehen, aber irgendwie schläft man ein und irgendwie geht es und wenn das irgendwie nicht einmal mehr nötig ist, dann ist es gut und dann war es richtig und dann muss man sich nicht einmal mehr die letzte Silbe angucken, dann zählt nur noch, dass überhaupt.

(Auch wenn ich mir wünschte, ich hätte gerade so ein Luftentzugs-Dings, also eine umgedrehte Luftpumpe, die man an alle Kartons und Wäscheberge anschließen könnte und dann würde alles auf zwei mal zwei Zentimeter große Würfel zusammen schrumpfen und man könnte vielleicht noch damit jonglieren, in jedem Falle wäre es gut für die Haltung und das Zeitmanagement.)