Leistungsliebe

Generationenbegriffe finden wir ja gut, da haben wir was zum Rumschmeißen und drauf rumkotzen, zum dran festhalten und tadaaa zur Identifikation. Toll. Gestern wurde eine Facette meiner Generation in der SZ aufgeschrieben: Generation Leistung. Im Text geht es um die Anforderungen, die wir uns selbst auferlegen und es nicht mehr merken, um den inherenten Leistungsanspruch, der nicht mehr hinterfragt wird. Mut zum Mittelmaß wird proklamiert und dazu aufgefordert, doch mal wieder Dinge zu tun, die man nicht im Lebenslauf aufschreiben kann, die aber trotzdem Spaß machen, wie z.B. “zu spielen, zu lieben, zu weinen, zu hüpfen“. Prima. (Und dann?…)

Ich bin ja wirklich eine Freundin von Pausen und Ruhepunkten, von kleinen Fluchten und dem großen Geschrei, wenn es um Ferien geht. Aber wer kann schon die eigenen Ansprüche komplett runterfahren, wenn es darum geht, sich vor einer Prüfung, für die man mal wieder viel zu spät angefangen hat zu lernen, mal zu entspannen? Wer hat es drauf, sich die Welt den Rücken runterrutschen zu lassen, wenn ständig einer danach fragt, was man schon so gemacht hat und man sich sogar selbst dabei ertappt, danach zu fragen? Wie sollen Leute eine solche Coolness an den Tag legen, die einfach auf ein Vorankommen angewiesen sind, weil sie sich jetzt grad dumm und dusselig arbeiten, um irgendwie gerade so über die Runden zu kommen? Ich rede nicht von mir. Aber ich kenne ein paar von der Sorte. Und vor denen stehe ich regelmäßig mit offenem Mund und kann nicht fassen, wieviel manche Leute auf einmal auf die Reihe bekommen müssen. Wäre in meinem Interesse, mal ein paar der ständig phrasendreschenden Verantwortlichen eine Woche in ein solches Leben zu buxieren, um dann mal zu gucken, wie sie das hinkriegen.

Nach Weber gehen die Dinge, die man der Dinge wegen tut und die dem generellen Verständnis nach sinnlos und nicht sonderlich leistungsfähig sind, in unserem Geist des Kapitalismus verloren. Auch im SZ-Text ist die Sprache davon, dass sich politische Ideale und Utopien relativ ausgiebig verabschiedet haben, Geld verdienen hat abgeklatscht. Und aber holla studieren die wenigsten, um sich wirklich zu bilden, sondern um danach angeblich was zu sein, was vorweisen zu können, um dann weiter zu rennen. Hallo, Bachelor. Tschüß Müßiggang.

Und außerdem frage ich mich doch, in welche Kategorie ich denn wohl gefallen wäre, wenn ich Teil der Shell-Studie gewesen wäre. Es stehen zur Auswahl:
- Idealistin,
- Unauffällige,
- Macherin oder
- Materialistin.

Bitte machen Sie jetzt ihr Kreuzchen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Juli 2007 um genau 8:41
Kategorie : Blicke, Wir | 5 Kommentare

 Wetterbericht

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Immer wenn es auf Untertassen regnet, speziell auf meine eigene, weiß ich, dass du keine fünf Meter entfernt bist. Wir nehmen die kleinen Tassen, die du von deiner Großmutter väterlicherseits geerbt hast, die mit den kleinen roten Kringeln am Henkel und dem Goldrand, die nie zu den Farben meiner Nägel passen, nie zu meinem Kleid oder meinen Schuhen, nie zu Lidschatten oder Lippenstift, nie zu meinen Wangen oder Haaren oder Augen, nie zu meinem Ausschnitt und eigentlich sind sie auch zu klein für deine großen Hände, für meine passen sie an sich ganz gut, aber wenn man das mit den Farben nicht stimmt, dann kann der Rest auch nicht wirklich gut aussehen. Du legst dann immer das Tischtuch auf, das hast du von deiner Tante mütterlicherseits, die noch nicht gestorben ist so wie die Großmutter, aber du sagst, es könne sein, dass sie große Angst hat davor und vor allem aber vor der Möglichkeit, jemandem danach noch zur Last zur fallen, und so verteilt sie schon jetzt ihr ganzes Hab und Gut. Du hast eine Tischdecke, einen kleinen Porzellanelefanten, zwei Teekannen und einen Umschlag mit Geld und Briefmarken bekommen. Von den Briefmarken schickst du ihr Postkarten und sie weint jedes Mal, wenn ihr telefoniert. Auf der Tischdecke sind Veilchen. Sie sehen aus wie drauf gestreut und als ich die Decke das erste Mal sah, war ich so entzückt von ihr, dass ich dachte, du hättest eine Freundin. Das ist bestimmt ihre, dachte ich. Und fragte mich sofort, ob es richtig sei, dass wir aus den Tassen deiner Großmutter mit dieser Tischdecke vor uns Kaffee trinken, aber wir beließen es dabei. Wir belassen es seit Jahren dabei und jedes Mal reden wir nicht viel, denn es regnet ja draußen und man müsste immer ein bisschen lauter reden, um sich wirklich gut zu verstehen. Und wir beide sind nicht die Typen mit den lauten Stimmen. Es gibt also immer mehr zu sagen, wenn es nieselt. Und nichts, wenn es stürmt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 29. Juni 2007 um genau 19:01
Kategorie : Emma und Jonas | 0 Kommentare

 Vielleicht kommt ein Danach.

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Lieber Richard,

sei dir sicher, mir passt meine ganze Faust in den Mund, wenn ich mich anstrenge. Das Problem dabei ist jedoch, dass ich dann weder sprechen noch singen, weder einwandfrei essen noch entspannt atmen kann. Es sieht scheiße aus und fühlt sich scheiße an. Dass diese ganze Sache der Erfolgsmacherei (so, dass sie einem genügt in einem Rahmen, der dazu passt) eine recht komplexe Geschichte ist, macht sich durchaus jeden Morgen auf meinem Badezimmerspiegel breit. Dieser hängt übrigens im Querformat, damit man sich auch beim Zähneputzen in trauer Zweisamkeit noch problemlos betrachten und der Realität ins Gesicht gucken kann.

Natürlich ist das monetäre Problem ein inneres und seelisches. Und ich möchte noch einmal sagen, dass ich nicht jammere, sondern mir meiner Verhältnisse und Möglichkeiten durchaus bewusst bin mit all dem “Eigentlich geht es uns gut” plus Drumunddran. Ich zweifle aber nicht an meinen Träumen, nur weil ich manchmal mit den Zähnen knirsche wegen bestimmter Vorzeichen des Kontostandes oder der geminderten Spontanität in der Lebensführung, die ja doch in den meisten Fällen von gewissen finanziellen Umständen abhängig ist. Ich löse mich deswegen nicht von meinem inneren Drang nach kreativem Austausch und sonstigen Spaßigkeiten. Ich höre deswegen nicht auf zu tun, was ich tue. Ich muss es nur mit anderen Dingen zusammen auf den Tisch legen und dann so ordnen, dass für alles genug Platz ist. Ich muss hier und da Zeiträume bauen und Träume aufschieben, Kompromisse machen. Aber ich sag ja nicht, dass das nicht auch lehrreich und notwendig ist dafür, dass man sich eventuell später mehr freuen kann und nicht aufhört, zu machen und zu suchen.

Eine Bohéme-Gemeinschaft - wie auch immer du dir diese definieren magst - hilft natürlich in dem Sinne, dass Kommunikation und Wunschdenken, Produktion und Kreativität nicht mehr groß erklärt werden müssen, Ziele oft die gleichen sind und man sich von daher energiezehrendes Geplänkel oft sparen und zu den wichtigen Dingen übergehen kann. Die Denke, Richard, die Denke, nicht die Koch- und Waschgelegenheiten. Und zum Teufel nochmal, ich bin nicht einer von diesen Zeitgenossen, die es toll finden, ganz spartanisch zu leben und nichts brauchen außer ihrem Rechner und einem Ladegerät samt Mobiltelefon. Ich habe es gern kuschelig, ich genieße gutes Essen und Sachen, die manchmal einfach nur rumstehen. Meine Heimat besteht aus mehr als einem Rucksack und digitaler Verfolgung. Und für Solidarität und Humanität brauche ich keine Kommune sondern einen gesunden Menschenverstand.

Ja, wirschaftlicher Misserfolg kann zu seelischem Erfolg führen. Aber dass immer alle ausschließen, dass wirtschaftlicher Erfolg - wenn man das tut, was man liebt - eben auch glücklich machen kann, geht mir gehörig auf die Nerven. Es ist naiv zu denken, dass sowas immer den Charakter verdirbt, die Manieren verdreht und von Natur aus am Ende Traurigkeit beschert. So einfach ist das nicht. So einfach kann man es sich eben nicht machen.

Allein dafür reicht die Luft, muss die Luft reichen. Oder eben dafür, das Gegenteil zu lernen, zu erfahren, meine eigene Lösung zu finden. Aber Schwarzweiß allein gilt nicht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Juni 2007 um genau 20:20
Kategorie : Wir | 8 Kommentare

 Und was kommt danach?

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Hin und wieder, wenn andere in Gesprächen ihre Jahresplanung erwähnen, ihren Kontostand oder großen Pläne, hüpft mir zwischendurch kurz auf die Schulter, was sich mit Zukunftsangst vielleicht nicht ganz fassen, aber mit Unsicherheit in Bezug darauf dann doch ganz gut umschreiben lässt. Meist nur kurz, weil im Rest des Tages keine Zeit bleibt für konkrete Auseinandersetzung damit oder ich die Energie aufbringe, nicht zu viele Gedanken daran zu verschwenden. Aber dann schafft es das Gefühl hin und wieder doch sich vor mich zu stellen und mal fett in die Kamera zu winken. Ein bisschen so penetrant wie die Leute, die bei Übertragungen immer hinter dem Reporter stehen, dümmlich grinsen, nicht ins Bild passen, aber bis zum Ende der Aufzeichung einfach nicht verschwinden. Da und doof.

Das gewöhnt man sich ab“, sagte gestern noch jemand, als ich kurz meinen Unmut äußerte darüber, dass ich nicht weiß, was mich im Herbst erwartet bzw. ganz simpel, wie ich dann Geld verdiene. “Das gehört doch dazu“, sagte ein anderer und wandte sich ab. Dazu gehört es konkret sein ein paar Jahren. Und seitdem habe ich immer die Zeit in der Zukunft vor Augen, die noch nicht gefüllt ist mit einem oder mehreren Jobs. Und die flackert dann dort nervös vor sich hin und spuckt diese Anfälle von Unsicherheit, diesen immanenten, ausschauhaltenden Blick. Die macht, dass man den Fuß in viele Türen stellt. Und dass man immer darauf angewiesen ist, dass sich “etwas ergibt”.

Natürlich rechne ich nicht nur in Haben und Soll auf dem Konto, ich plane vor allen Dingen in Projekten. Und selbst, wenn ich das Geld hätte, ich könnte nicht einfach nur vor mich hin studieren. Das funktioniert nicht, selbst wenn ich den Gehaltsgedanken komplett ausblenden würde. Vielleicht wäre es für eine kurze Zeit entspannend, ja. Vielleicht könnte ich dann mal den Ansprüchen der Professoren und Dozenten entsprechen, die meistens davon ausgehen, dass man außer Uni sonst kein Leben hat und seine Zeit voller Elan damit verbringt, Lektüre für ihr Seminar zu lesen. Vielleicht könnte ich dann vollkommen einsteigen in diesen Betrieb, der mich nach fünf Semestern immer noch meist mit verkniffener Stirn und skeptischem Blick am Rand sitzen und beobachten lässt, weil mir diese Art und Weise meistens in der Materie aufzugehen, ohne einen konkreten Bezug herzustellen bzw. die ganze Zeit im eigenen Saft der wissenschaftlichen Ausdrucksweise zu schwimmen, einfach nicht zusagt. Das ist nicht meins. Aber vielleicht hätte ich ja mal einen Kopf dafür, wenn es die Umstände zuließen. Vielleicht.

Ich rechne aber nun mal in kleinen, persönlichen, sicht- und greifbaren Zielen, in Ergebnissen, die ich anfassen, sehen und mit denen ich mich identifizieren kann. Die zu irgendetwas beitragen. Die jemandem etwas geben. Sei es auch nur ein kurzes Lachen oder einen guten Moment. Ich will nicht Wochen damit verbringen, Arbeiten zu schreiben, die in Universitätsarchiven versickern. Und ich will mich nicht auf diese sinnlosen Diskussionen einlassen, die schon hundertmal im selben Raum geführt wurden. Ich brauche etwas in den Händen, viele Sachen müssen einfach raus, das ist der Austausch, die Umwälzung der Dinge, die ich lerne und beobachte, und ihre Umwandlung in etwas Greifbares.

Und da verschlucke ich mich an Leben und Arbeit, da vermischen sich die Notwendigkeiten, kollabieren Herz und Bauch ab und an. Ohne ein aktives Produzieren geht irgendwie nicht. Aber die Geldfrage macht dann doch immer wieder einen größeren Schatten. Und man kann mir noch so oft sagen “Davon musst du dich freimachen“, ich werde immer wieder fragen “Wie soll das denn gehen?“. Wenn sich die Rechnungen nicht von alleine bezahlen und ich bisher noch nicht in der Lage und der Typ dafür war, Geld beiseite zu legen. Ich jammere nicht, ich sage nur, dass es die Zeit nicht zulässt, keinen Wert und keinen Blick darauf zu legen, dass wieder was reinkommt. Und ich bin noch nicht soweit, habe nicht den Status und die Vergangenheit sagen zu können, da läge etwas auf der Kante, das mich über ein paar Monate rettet, oder eben die Leichtigkeit von der Gewissheit, dass sowieso etwas eintrudelt. Und deswegen rechne ich weiter in schwungvollen Wochen, in die ich mich stürze, weil ich das liebe. Ich rechne weiter in Lohnarbeitszeiten, die es gibt, weil ich von etwas leben muss. Leidenschaft ist da oft was anderes. Und ich sehe weiter das zuckende Lämpchen am Rand, das immer flimmert und schreit, wenn der Tank leer ist.

I´ll be the one to hope” singt Feist auf der neuen Platte. Dass sich das irgendwann mal so drehen lässt, dass ich von der Notwendigkeit mich auszudrücken und fassbare Ergebnisse zu produzieren, leben kann. Und diese beschissene kleine Lampe mal Pause hat, die ja eigentlich den Zwang ausmacht. Und nicht die Arbeit an sich. Und ich verabschiede mich nicht von dem Ideal, dass das funktionieren wird, dass das irgendwann aufgeht, nein nein nein. Bis dahin, Vitamin C fressen, Räume schaufeln und durchhalten, machen, tun. Los.

(Ach ja. Irgendwelche Vorschläge für ab Oktober?)

Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Juni 2007 um genau 12:53
Kategorie : Wir | 6 Kommentare

 Zwei drei Schritte dahinter

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C. und ich standen neulich in der Küche, zu unseren Händen der Abwasch, wir sahen aus dem Fenster in den besonnten Hof mit den lauten Vögeln und wir sprachen davon, wie man uns im Laufe der Zeit die Kanten glatt geschliffen hat. Wir sprachen von den Widersprüchen und dem Misstrauen neuen Menschen gegenüber und den alten mittlerweile auch. Und dass sich die große Euphorie mit den Jahren und Menschen in den Hinterkopf geschoben hat. Dass wir uns ihrer erinnern, als sei sie noch da, wir aber nicht mehr ganz so gut befreundet. Als würden wir sie anschauen und darum beneiden, dass sie sich bei diesem guten Wetter in den Straßen herumtreibt und tanzt, während wir ihr leise hinterher schleichen. Wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren, wir wollen sie nicht vergessen, aber wir trauen uns irgendwie nicht mehr, uns von ihr mitreißen zu lassen. Wir sind vorsichtiger geworden. Und haben wir sie doch einmal eingeholt, ihr von hinten die Augen zugehalten, weil wir nicht anders können, und ihre weißen, makellosen Zähne hervorblitzen sehen, weil sie so laut lacht, stolpern wir schnell, verlieren das Gleichgewicht und haben Angst davor, uns an sie zu gewöhnen, mit ihr an der Hand jemanden womöglich zu überrennen. Irgendwie trauen wir uns nicht mehr, unseren Kopf mit ihr unter eine Decke zu stecken und die Welt da draußen einfach so und komplett zu vergessen. Immer und immer wieder lassen wir Licht ins Dunkel, vergewissern uns der Außenwelt und unserer Füße auf dem Boden.

Das ist so seit dem Tag, als die Sonne schon untergegangen war bei dem Blick nach draußen. Wir hatten den Kopf herausgestreckt, um Atem zu holen. Mit der festen Überzeugung, es sei noch hell und alles beim Alten. Und dann fanden wir den Weg nicht mehr zurück, weil sich alles verändert und weitergedreht hatte. Weil die Straßen nicht mehr die waren, die wir kannten. Wir haben aufgehört damit, weil es so lange gedauert hat, zurück nach Hause zu finden.

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Liz hat es verfasst, und zwar am 29. April 2007 um genau 14:43
Kategorie : Wir | 4 Kommentare

 Hornhaut

Trauen wir uns am Ende nicht mehr, romantisch zu sein? Haben wir eventuell verlernt, wie das geht, geradeaus zu sprechen, auch wenn es klingt wie aus Filmen, aus Angst, für den anderen klänge das schon abgegriffen und stumpf? Haben wir uns mittlerweile so sehr zusammengerissen, dass wir uns nicht gar nicht mehr zerreißen können? Kriegen wir das sorgsam geklebte Tape nochmal ab oder sind dann da auf ewig diese ekligen Klebereste, an denen immer Staub und runtergefallene Mücken hängenbleiben?

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Wer flüstert abends heimlich in sein Kissen, wenn der andere nicht da ist, aber traut sich nicht, es zu sagen? Und wer würde gerne in sein Kissen flüstern, aber traut sich nicht es zu tun?

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. April 2007 um genau 13:17
Kategorie : Wir | 1 Kommentare

 Eine Stunde weniger

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Wir haben wieder eine neue Zeit und alle haben sich nach dem ersten Schreck dran gewöhnt und putzen sich dann eben eine Stunde früher raus, bevor sie sich das Lederjäckchen anziehen und dann draußen merken, dass es dafür zu warm ist. Dann wird flaniert und geguckt und sich gewundert, warum auf der Wiese am Mauerpark plötzlich so viele unbesetzte Stehtische aufgestellt wurden. Und die Sonnenbrille rutscht immer wieder von der Nase. Und die Frisur bleibt auch nicht, wo sie vorhin noch war. Aber eigentlich ist es ja egal, denn wir sind alle auf der Suche. Und wir haben alle eine Stunde weniger, um zu finden.

Liz hat es verfasst, und zwar am 25. März 2007 um genau 15:56
Kategorie : Berlin, Wir | 1 Kommentare

 Flüchtig

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Wie sie da wanken und taumeln und es ihnen egal ist, wenn ihre Affäre das ganze Wochenende nicht zu erreichen war. Die, die hysterisch lachen anstatt einfach den Mund zu halten, wenn sie verlegen sind. Die, die sich Frisuren dananach schneiden lassen, wie sie direkt nach dem Aufstehen liegen. Die, die die Zigarette zwischen ihren Fingern halten, als hinge ihr Leben davon ab und die letzte Nacht und die nächste auch. Und die, deren Tage ein einziges Hinterherhechten sind nach der Befriedigung dieser Lüste, dieser Süchte eigentlich.

Denn sie sind süchtig nach dem schlechten Gefühl eines Sonntagnachmittags, wenn sie verschmiert die Augen aufschlagen und ihnen das Bierflaschenetikett noch an der Wange klebt und der Stempel sich hundertmal auf dem Laken verteilt hat. Sie sind süchtig nach der Enttäuschung, die sie fühlen, wenn die Bekanntschaft vom letzten Abend im Sonnenhochhauslicht doch nicht mehr so makellos strahlt sondern einfach nur ein ganz normaler Mensch ist. Sie sind süchtig nach den Gesichtern, die sie dann abscannen in der Straßenbahn und in der Hoffnung, dass jemand mal den unscheinbaren Menschen in ihnen erkennt.

Den Menschen, der sie sind, wenn sie sich nachts auf der Party zum Klo durchgekämpft und die Tür hinter sich geschlossen haben. Den Menschen, den sie beim Vorbeigehen ganz kurz im Schaufenster sehen und der an den lackierten Fingernägeln kaut. Den Menschen, dem an der Ampel in der Früh die Augen zufallen und den Menschen, der sich eine Träne verdrückt, wenn er sonntags beim Zappen aus Versehen bei “Nur die Liebe zählt” hängengeblieben ist. Den Menschen, dem schlecht wird in der Achterbahn. Und flau im Magen beim Anblick der alten Briefe. Den Menschen, der nicht dreckig über die Witze lacht. Den Menschen, der sich die Sprüche vorher im Kopf zurechtlegt, bevor er beschließt, sie doch nicht zu sagen.

Und sie sind süchtig nach den flüchtigen Küssen, die alles versprechen und nichts halten, die verwildern und nicht glatt streichen. Sie sind süchtig danach, sich immer wieder die Lippen nachzuziehen und danach, die Möglichkeit zu haben, jeden Abend ein anderer Mensch zu sein. Sie sind der Antrieb dieses Katz-und-Maus-Spielchens, bei dem sie sich niemandem offenbaren, aber alles erwarten und alles wollen, um am Ende derjenige sein zu dürfen, der geht. Sie sind süchtig danach, weil sie glauben, so hätten sie die Dinge halbwegs unter Kontrolle. Halbwegs jemanden an der Hand.

Liz hat es verfasst, und zwar am 13. März 2007 um genau 13:40
Kategorie : Berlin, Wir | 2 Kommentare

 Generation Randbedingung

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Man diskutiert schon wieder und gibt unserer Generation neue Namen. Wir haben das ja selbst auch versucht, wir haben aufgeschrieben und gesammelt, ausgelotet und irgendwie gibt es ja immer Platz für einen Klebezettel mit noch einem Namen drauf. Die hängen wir los dran, die tackern wir uns nicht an den Hintern. Manchmal fallen ein paar ab, dann wird Platz frei und irgendjemand klebt neue drauf. Eigentlich ist es auch ganz nett. Man spricht uns die tollsten Fähigkeiten zu, man hat Kataloge vollgeschrieben mit unseren Möglichkeiten und trotzdem bleibt das nie so ausgesprochen, ohne dass ein Seufzer folgt.

Ja! Wir haben Angst vor dem Ja-Wort. Wir benutzen es oft und setzen auch gerne Schritte auf von uns bisher unberührte Schneeflächen, aber nicht ohne uns mit einer Hand am Geländer festzuhalten. Nicht ohne uns noch einmal umzusehen. Nicht ohne zu gucken, wo das andere Ufer ist. Nicht ohne zu gucken, ob die Batterien aufgeladen sind. Nicht einfach so und ohne die Möglichkeit umzudrehen. Wir haben diese Notausgangsschilder nicht nur im Zimmer hängen, nein, wir haben sie lieben gelernt. Und in der Hosentasche das Portemonaie mit den Visitenkarten, das Handy mit den Nummern, den Kalender mit den Bekundungen, das Zuhause mit den Dateien. Wir klammern uns rigoros an kleine feine Daten und radieren gleichzeitig die Nummern raus, denn an Nummern zählt man ab und Finger hat man nur zehn und was macht man dann bei elf? (Das ist uns unheimlich.)

Wir kennen all die Ängste. Wir kennen auch die Praxen der Therapeuten. Wir kennen die Abbrüche und Neuanfänge, aber wir tun so, als gehöre das dazu, als sei das nichts wildes, als würden wir es nicht anders kennen, ständig und immer wieder die Richtung zu wechseln und auch noch stolz darauf zu sein. Und doch ist das keine Entschuldigung. Denn eigentlich war es ja doch nie leichter als jetzt, konsequent zu sein. Geradlinig. Sicher.

Aber all der Mut, den wir angeblich haben, all der Elan und rausgebrüllte Unabhängigkeit, all das fließt in diese beschissenen Nebensächlichkeiten, in das Tuning der Ausstattung unserer Identitäten anstatt einfach mal in die Sache selbst. Denn die wenigsten von uns benutzen ihren Mut im Alltag. Die meisten rennen damit weg. Und treffen Entscheidung nach Entscheidung holterdipolter ohne über die einzelne wirklich einmal nachzudenken. Man kann ja immer wieder zurück. Das glauben wir zumindest. Und halten das kleine Zettelchen mit den Fakten eingepackt in der Faust. Das wollen wir alles, das das das und nicht weniger. Hin und wieder lassen wir uns diese Randbedingungen sogar tätowieren. Man weiß ja nie. Aber man soll ja immer wissen, was man will.

Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Februar 2007 um genau 17:26
Kategorie : Wir | 5 Kommentare

 Symbole & Praxen

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Es schneit, es schmilzt, es kann sich nicht so richtig entscheiden und die Wärme kommt dabei zu kurz. Also laufen wir alle mit kalten Händen umher, wir müssen aufpassen, dass wir unsere Ringe nicht verlieren und haben rote, taube Ohren. Die Stadt verschluckt sich selbst, die Geräusche überschlagen sich im Bauch, während draußen ja auch schon seit Monaten gebaut und nichts, aber auch nichts fertig wird. Stricken konnten wir noch nie, unsere Mütter haben keine Zeit dafür, also setzen wir Kapuzen statt Mützen auf, stecken die Hände in die Hosentaschen anstatt sie uns in kleinen Wollbeuteln an Schnüren zu wärmen und machen uns auf dem Weg dahin, wo man sich auf unsere kurzlebige Art und Weise rote Wangen verschafft. Wir können uns nicht entscheiden, deswegen nehmen wir alles mit und gucken hinterher und meistens auch zu spät, ob das so funktioniert. Wenn das Klatschen heute abend nicht reicht, die Pose nicht cool genug ist, die Haare nicht in Form und der Körper zu steif, können wir immer noch rausgehen und uns in die Hände hauchen, die Zigaretten anzünden und den Taxifahrer bitten, doch keine dummen Fragen zu stellen. Und in der stillen Nacht könnten wir uns dann reinreden, dass Ringe eh völlig überbewertet sind.

Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Februar 2007 um genau 15:24
Kategorie : Wir | 5 Kommentare


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