Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Blicke

Cold hands / hold hands

Tulips

Die Angst ist weg und das Unbehagen, und was gekommen ist, fühlt sich trotzdem seltsam an, weil mit dem offenen Raum auch die Möglichkeit auf Richtungen kommt, mit dem sicheren Boden kommt die Frage, was man damit an- und am Ende auch draufstellt, mit den schalldichten Fenstern kommt das Besondere der kühlen Nächte zurück. Die Angst ist weg und das Unbehagen, und was gekommen ist, schwirrt wie Nebel über den Büchern, wie Staub auf den Platten, es knistert wie hauchdünnes Eis auf dem Fluss, weil du weißt, jetzt ist die Zeit, von der du nicht wusstest, ob du sie jemals erreichen würdest, jetzt ist das Alter, in dem immer früher nur die anderen waren, das sind die Menschen, die auf die Sätze aus den Reportagen passen, jetzt hast du all das und jetzt mach was damit, zum Teufel, fahr es nicht gegen die Wand. Die Angst ist weg und das Unbehagen, und was gekommen ist, könnte man vielleicht Respekt nennen und ein neues Bedenken, Angst ist etwas anderes als Sorge, in Sorge steckt kein selbst, in Angst hängst du immer mit drin, aber die Angst ist weg, weil du in der Mitte sitzt und keine Wand im Rücken hast, aber einen Boden, der hält. Es wird nichts passieren, weil schon soviel passiert ist, das Schlimmste war schon, die See ist so ruhig, man kann bis auf den Grund gucken. Die Angst ist weg und das Unbehagen, du schüttelst ab, was sich über Jahre in dich hinein gefressen hat, es ist so viel Platz, und die Kunst ist dabei immer, nicht sofort loszugehen. Unterscheiden lernen und dabei keine Angst vor der Antwort zu haben, keine Angst, die ist fort. Dir kann nichts mehr passieren, weil dir schon soviel passiert ist.

Other voices, other rooms.

Canvas

Ich kenne das Linoleum, ich kenne den Geruch, ich kenne die Sekunden, die es braucht, bis die Aufnahmeschwester aufblickt von ihren Papieren, auf denen nichts steht, ich kenne die Summe, die man für das Taxi bezahlt, um hierher zu kommen und wieder weg, ich kenne das Geräusch eines neu angebrochenen Tropfes, ich kenne den Fahrstuhl, den Preis für Tee und Café in der Cafeteria, ich kenne die Spuren der Gummischuhe, ich kenne das Waschmittel, das man nicht riechen soll, ich kenne das Desinfektionsmittel und den Aschenbecher vor der Tür, ich kenne den Weg zum CT und die Pausen der Stationsärzte. Neu ist dein Gesicht zwischen den Kissen, deine Hand auf der Decke, deine Füße auf dem Linoleum, dein Name am Bett, deine Schritte den Flur entlang. Neu sind die kleinen Falten neben den Augen, das Herzklopfen, der kalte Schweiß und wie man dem Taxifahrer erklärt, wo man hin möchte, ohne dabei zu sprechen, weil jedes Wort rückwärts heraus käme und Hals über Kopf.

Das ist wie Schwimmen, man kennt das. Jede Bewegung, es gibt keinen Gedanken über die Abläufe, man schwimmt einfach und wartet darauf, dass die Muskeln erst warm und später schwer werden, man schwimmt, bis man müde wird, auch wenn man Jahre nicht geschwommen ist oder letzte Woche erst. Was neu ist jedes Mal, ist die Temperatur des Wassers, es ist immer wieder anders kalt und es gibt keinen Tag, an dem nicht für eine Millisekunde die Gefahr besteht, es könnte doch schon Eis sein.

Who does and who doesn’t.

Eins

Zwei

Halbleitertechnologie.

Light can fix me

Wenn etwas durch dich hindurch geht, eine Geschichte, die nicht deine ist, ein Wort, das du vorher nicht kanntest, ein Wunsch in einer gewissen Schnittrichtung, die deinen Haaren im Nacken entgegen steht. Wenn etwas an dir vorbei saust, so nah, dass du es mitunter mit einer echten Berührung verwechselst, aber auch zu kurz, um zu riechen, zu schnell, um einen Umriss auszumachen, aber nah genug, um da gewesen zu sein, zumindest als Spur hinterher, nah genug, um die Oberfläche zu verändern, wenn auch nur durch Gänsehaut. Wenn sich ein Wolkenstreifen gerade in dem Moment auflöst, in dem du hinauf geschaut hast, zu flüchtig, um sich selbst nicht in Frage zu stellen, aber zu schön, um ihn zu übersehen. Wenn etwas durch dich hindurch geht, wie Nebel, der sich an einem dieser kalten Morgen mit deinem Atem vermischt und mit Seeluft, wird es niemals so sein, dass nichts zurück bleibt, du wirst aufräumen müssen und sortieren, du wirst schütteln und klopfen, weil du aus dem Alter raus bist, in dem man glaubt, so ein Wind geht rein und dann einfach wieder raus, ohne etwas zu verändern, aus dem Alter raus, in dem man denkt, Oberflächen sind so glatt, dass alles an ihnen abperlt, abrutscht. Von Korrosion hatte man früher ja keine Ahnung und von Oxidation nicht und auch nicht von Herzmuskel- und Hautschuppenbeschaffenheiten.

Wenn so ein Wetter an dir vorüber geht, kannst du dir überlegen, ob du die Hand aufhältst oder endgültig deine Kapuze heiratest. Das ist auch immer eine Frage von Temperatur, ob es kalt wird am Ohr, ob man sich ein Fell antrainiert hat oder Hornhäute, diese Existenz als Membran. Die elektrische Leitfähigkeit von Halbleitern ist stark temperaturabhängig. In der Nähe des absoluten Temperaturnullpunkts sind Halbleiter Isolatoren. Dann hältst du still, bewegst dich nicht, Gestik, Mimik, das sind alles Sachen mit Distanzgefühl, in der Nähe von Eis friert es ein und benimmt sich. Manchmal, wenn es gut ist, wenn es warm wird, passiert was, manchmal bewegen sich die Dinge dann, alles fließt und flattert, und dann überlegst du, wie es wäre, nicht mehr nur Halbleiter zu sein, diesen Isolationszustand abgeschaltet zu bekommen, in einen Leiter erster Klasse überzugehen, einfach Metall mit Organen aus Kristallgitterstruktur, sodass sich Elektronen frei bewegen in dir, kein lautes Schlucken mehr, nur noch eine warme Stirn. Nicht mehr so oder so, sondern nur noch so. Hin und zurück. Nichts mehr aussuchen, nur noch sein, keine Loch in der Bindung. In Halbleiter können auch noch Fremdatome eingebracht werden, irgendwann ist auch mal gut damit, das fühlt man irgendwann, irgendwann ist gut mit halb und halb und ein bisschen und ein Stückchen und -chen -chen -chen. Aber das mit dem inneren Widerstand übst du. Leiter erster Klasse erfahren durch elektrische Leitung keine stoffliche Veränderung, so wünschst du dir das. Alles aus Gold irgendwann.

Ordines

Family

Das Konstrukt ist nicht von der Hand zu weisen, und ich wüsste gern, wann jemand angefangen hat von Familie als etwas zu sprechen, das man mitnimmt. Das dazugehört. Und dazu wüsste ich außerdem noch gern, wann man selbst anfängt, sich anzuleinen, jemanden festzuhalten, dorthin aufzunehmen, wo man die Tür zumachen kann und nichts mehr hört, und wann man sich entscheidet damit aufzuhören. Ob man das überhaupt kann, mit einer Familie aufhören, sich fortbewegen, weg sein davon, von den Jahren und Schemata, von den Anrufen, die man nicht gemacht hat und dem Schattenspiel der Begrüßungen.

Ich meine, das Gefühl ist nicht von der Hand zu weisen, eine andere Hand wahrlich schon. Nur fragt ja selten jemand danach, was man dann damit macht, mit dem hineingeboren Sein in einen Kreis aus Menschen, in einen Ort, in eine Aneinanderreihung aus Umständen. Und selten macht sich jemand die Mühe, gegen die Verantwortung anzulaufen, anzurennen, die am Ende auch eine eigene Entscheidung ist. Man sagt immer, man übernimmt die Verantwortung, und es klingt, als nehme man sie jemand anderem weg, als sei dann dort drüben weniger davon. Ja, ich hätte gern ein Stück, nein danke, es ist genug jetzt, noch ein Stück, muss das denn sein, es ist genug für alle da, ich weiß, und niemand geht, bevor er aufgegessen hat.

Und ich sage dir, das Herz ist nicht von der Hand zu weisen, es passt direkt hinein und ist noch ganz warm. Sehr gern würde ich mich mit meiner Frisur und meinem Gesicht und meiner gesammelten Kindheit und all dem danach für einen Tag in den Schrank stellen und nur mein, also genau dieses Herz übrig lassen. Keine Spur von Erinnerung, keine Konnotation, keine Verwischungen außen herum und keine Verblendung, nur ein bisschen Takt, ein bisschen Blut, irgendeine Biologie mit Muskelfaser und einem Staubteppich aus der Luft, weil es ja einen Moment dauert, bis man sich zurückgenommen und das Herz extrahiert hat, wir könnten auch die Lunge nehmen, mein Kleinhirn. Du nicktest jetzt, wüsstest du, wovon ich spreche, du nicktest und riefest, natürlich, wie könne ich es wagen, einen Zweifel zu hegen. Einen oder zwei.

Aber diese Wahrheit ist nicht von der Hand zu weisen, du hättest nicht die geringste Ahnung, wen du da vor dir hast, wessen Muskel, wessen Atem. In ein paar Jahren vielleicht brauchst du keine Angst mehr haben davor, und ich glaube, die hast du, weil du auch zittern würdest in deinem außer dir sein, dein Herz ganz allein, ich werde niemals fragen, du hast freie Hand. Kein Gewicht, keine Prüfung, keine Türen.

Alles ganz still.

Die Dinge brauchen Zeit und während jede Nacht in meinem Zimmer kein Zeiger tickt, wenn du nicht da bist, klimperst du draußen unaufhörlich mit deinen Wimpern im Takt, deine Finger zittern immer, es ist so selten, dass du mal nicht rennst, dich nicht umsiehst, ruhig atmest, also wirklich ruhig und nicht das, was in deinem Koordinatensystem schon Ruhe ist, es ist so selten, dass du mal kein Geräusch machst, deswegen kann ich mich an jedes einzige Mal erinnern, an jede Stille, die es gab, an jedes Vakuum. Die Dinge brauchen Zeit und ich hatte ein bisschen davon, deswegen habe ich Einmachgläser gekauft, die guten mit dem Gummi am Deckel, ich habe jede Stille dort hinein gesetzt und zugemacht, einfach zugemacht, nicht mehr geschüttelt, aber noch einmal gehorcht, ob wirklich nichts entweicht und die Stille sitzt darin jetzt, die leise Zeit. Ich würde sie dir gern vor die Tür stellen, weißt du, all die guten Gläser, aber ich habe nur zwei Arme, alles geriete durcheinander, würde ich die Gläser schultern und ich besitze keinen Bollerwagen. Die Menschen brauchen Zeit, weißt du. Miteinander, nebeneinander, füreinander, ineinander, voneinander und - auch voneinander weg. Auch das Wetter braucht Zeit, um sich zu setzen, sich zu verändern, die Dinge brauchen Zeit, um wachsen zu können, alles braucht seine eigene Zeit, keine geklaute, keine geborgte, sondern geschenkte. Die Dinge brauchen Zeit, für die sich jemand entschieden hat, sie stehen herum und warten, dass ihnen jemand etwas davon abgibt, weil ohne Zeit bleiben sie dort, wo sie sind und manchmal ist das nicht das Beste, was passieren kann, und eine Entscheidung kann spontan, emotional, zufällig oder rational erfolgen. Nachmittags fällt die Sonne bei wolkenlosem Himmel so auf die Gläser, dass an der Tapete gegenüber kleine Regenbögen flimmern.

One of my favorite things in the world.

jet traces

I don’t know why I like jet traces so much. Maybe it’s about watching marks losing shape.

Der Cortex bemüht sich.

Ich weiß noch, wie die Sonne stand, als ich den Arm, an dem keine Hand mehr war, in der Tasche verbarg. Es tat nicht weh, es blutete nicht, sie hatten das Ganze als medizinische Maßnahme beschrieben, die jetzt sein müsse, sie würden das am Ende noch einmal ausbessern, für heute ginge das so ohne Verband und ohne Schutz, ich würde halt ein wenig aufpassen müssen hier und da, Dreck wäre nicht so gut, aber Luft dürfe da ruhig rankommen, das sei nicht so das Ding. Ja, sie würden mir eine neue Hand besorgen, eine, mit der alles geht, was mit der alten auch ging, dass es die rechte gewesen sei, das sei für diesen einen Tag sicher hinderlich, aber man könne ja auch mal die Leute um einen herum fragen, für sowas seien die ja schließlich da, und dass ich gerade heute keine Schuhe mit Schnürsenkel tröge, welch ein Glück. Sie sagten, welch ein Glück und ich dachte darüber nach, wie ich all die Dinge an diesem Tag tun würde, ohne den Arm aus der Hosentasche zu nehmen bzw. das Handgelenk, an dem etwas fehlte. Wann ich morgen da sein könne, sie müssten das ja noch einmal abmessen, ob ich schon aufgeregt sei, so eine neue Hand bekäme man ja nicht jeden Tag, andere müssten da schon eine ganze Woche warten. Ich hatte keine Antwort, vielleicht würde ich einfach vor dem Krankenhaus warten auf der Bank und eine Zeitung über meine Beine legen. Ich vermisste meine Finger, ich wollte meine Hand zurück, so sehr, das Gefühl war nach dem Aufwachen immer noch da, ich musste die Hand, die rechte, auf mein Gesicht legen und ein paar Sekunden warten, die Handfläche samt Linien an der Nase, die Sehne des Handgelenks an den Lippen, die Fingerspitzen am Scheitel, alles noch da. Einatmen ausatmen. Alles noch da. Fast alles.

How to take a rain check.

Fountain

This is how people do things these days. They meet and then talk to each other, they love each other or like each other, maybe they decide not to like or just to hate the other person, or they never get to a make a decision. But when they decide to like each other, it might happen that life comes along and people split up, people might not hear from each other again, they get separated, and they leave in a way you should never leave. Because leaving should actually be a good thing, because it’s some kind of movement, some fight against being stuck.

So when people leave in a way you should not leave, most of the time we think that it’s enough to go, to shut some doors, to say a word or not even one and then just leave each other on their own. But i think, leaving should be more than that, leaving should include some kind of keeping, keeping the feeling you once had and which brought you together, keeping the memory of the weather on that day and most important of all, it should include that you let each other do and argue and make mistakes, regret mistakes and apologize, that you let each other go on with your life in a good way and not just pretend to do. Leaving shouldn’t be about shutting doors, it should be about overcoming walls that kept you in a situation you obviously did not want to be in.

So most of the time we forget that not every leaving has something to do with parting forever, it should be more about knowing that it’s ok to spend some time apart, maybe some time is forever but maybe not, and to make some room for thoughts that couldn’t be there when you two were together. Because there wasn’t enough space for all of this and all of you. It should be more about knowing that leaving, the right leaving, is okay, the leaving that just doesn’t mean abandoning you but help. And so is coming back.

After all.

Captain Oats

Die gute Sache ist, dass mit zunehmendem Alter die Erkenntnis wächst, dass manche Geschichten dazu gehören. Nicht die, die man mit Begeisterung erzählt, sondern die, bei denen man ein bisschen einknickt, bei denen man kurz stockt, weil man nicht weiß, wo man anfangen soll, denen man ausweicht, wenn man merkt, dass sie kommen, auf einen zu und das auch noch in ansteigender Geschwindigkeit. Mittlerweile weißt du: Das ist okay. Es ist okay, sowas zu haben, diese Narben und die Stellen, wo es noch empfindlich ist, es ist in Ordnung, dass man dort nicht angefasst werden will und bei diesem einen Namen wegschauen muss, es ist wirklich in Ordnung, weil das jeder hat. Du schiebst diese Dinge nicht mehr weg mittlerweile, sondern lässt sie mitlaufen, du erinnerst dich bewusst, du erkennst ihre Farben und weißt, wozu sie passen und wozu eben nicht. Im Umgang übst du nicht mehr, den kannst du jetzt, auch wenn es noch immer keinen Spaß macht. Nicht jedes Jahr verdient ein Hallelujah, so what?

Erwachsen bist du trotzdem erst, wenn du angenommen hast, dass es immer ein oder zwei Geschichten geben wird, ein oder zwei Tage, von denen du dir immer, auch in Jahren noch wünschen wirst, sie wären nie passiert, ein oder zwei tote Winkel. Nur ein oder zwei.