Ich wusste nicht, was es war, als sich der Mann vom Radio am Morgen verabschiedet hatte. Die ganze Zeit schwankte mein Blick zwischen seinen beiden Augen hin und her, das eine sah aus, als wäre es blind. Und ich hatte nicht die Courage zu fragen. Seine Schuhe wollte er schon im Hausflur ausziehen. Er könne sie anlassen, sagte ich. Also machte er einen Schritt über die breite Schwelle, den einen Klettverschluss hatte er nicht mehr richtig befestigt, der baumelte jetzt so herum. Und als er in der Wohnung stand, beugte er sich wieder hinunter, während ich an ihm vorbeiging. “Du kannst die Schuhe wirklich anlassen.” - “Auch hier drinnen?” - “Auch hier drinnen.”
Ich hatte schon Milch aufgesetzt und fragte ihn, ob er auch einen Kaffee wolle. Und dass ich eine Art Milchkaffee machen würde. Also Espresso mit heißer Milch. Ich wüsste aber die genauen Abmessungen nicht. “Ach. Deswegen nur eine Art.” - “Ja. Deswegen. Und die Batterien vom Milchaufschäumer sind fast leer.” Er schaute sich mit großen, in verschiedene Richtungen blickenden Augen bei uns um, im großen Flur, der in die Küche übergeht. Das sei so groß, wir würden sicherlich nicht viel zahlen. Und ich überlegte, wie er eigentlich hieß. Den Kaffee lobte er über alles, ich stellte beim Trinken einen Fuß auf dem Stuhl ab und er wusste nicht ganz, wohin mit seinen Händen. Es war so warm, ich schwitzte und war ungeschminkt, blass unter den Augen. Die morgendliche Joggingrunde saß mir noch in den Knochen, dabei waren wir extra früh los und ich hatte das Gefühl, auch bei der halben Runde noch nicht wirklich aufgewacht zu sein. Sie war hingefallen, hat sich das Knie aufgeschlagen, da hatten wir die Halbinsel schon umrundet – da klopfte mein Herz an diesem Tag zum ersten Mal spürbar. Und jetzt erzählte ich ihm was über meinen Job und warum ich zuhause arbeitete und wusste schon, dass ich an diesem Tag nichts von diesen Dingen mehr tun würde, denn der Schmerz hinter meiner Stirn breitete sich langsam aus, anstatt wie sonst bei Kaffee einfach zu gehen. Die Sonne fiel knapp an unserem Fenster vorbei, ich nahm die kleine Pflanze im gelben Topf trotzdem vom Fensterbrett. Ich trug nur Shorts und ein Unterhemd, es war mir egal. Ich pulte mir unter den Fingern Argumente für ein Home Office hervor, ich versuchte lustig zu sein und er lachte und lobte wieder den Kaffee. Eine Art Milchkaffee. Also redeten wir, er hielt mir ein gepolstertes Mikrofon vor die Nase dabei und ich versuchte, mich nicht zu versprechen. Dachte, meine Sätze seien wie immer zu lang.
“Ich würde gern noch ein bisschen Atmo aufnehmen. Könnten wir mal rüber gehen in dein Zimmer, wo du auch arbeitest?” - “Sicher doch.” - “Dann lauf doch jetzt mal ein bisschen barfuß herum.” Und ich lief und er krabbelte auf Knien neben meinen Füßen her, sodass ich dachte, man würde am Ende nur seine quietschende Hose hören und nicht meine Schritte. Ich tippte also ein bisschen, ließ mich einmal anrufen und sagte Hallo und dass es jetzt gerade schlecht sei. Ich schob Papier herum und öffnete die Balkontüre. Dann wollte er noch einmal meine Toilette benutzen und ich schloss die Balkontür wieder. Ich spürte jedes der dreißig Grad in meinen Schläfen. Und ich wusste nicht, warum, als ich die Tür schloss und den Mann vom Radio die Treppen hinuntergehen hörte. Das Bild vor meinen Augen verschwamm, vielleicht sah so auch sein Blickfeld aus, wenn er sich nicht konzentrierte, denn ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ich noch geschielt habe als Kind. Ich durfte mir nur immer die bunten Pflaster aussuchen, die mir später auf das eine Auge geklebt wurden. Aber es gab nicht immer welche mit Bildern. Und dahinter war es dunkel, die Wimpernränder stießen immer an, wenn man versuchte, das Auge zu öffnen. Ich hielt meine rechte Hand über mein linkes Auge, der Handballen passt gut in die Vertiefung im Gesicht. Und ich drückte zu. Für einen kurzen Moment ließ das Pochen in den Schläfen nach, wurde zu einem Druck aus vielen kleinen bunten Punkten, die tanzten, schwirrten. Netzhautflüssigkeit, das weiß ich, das hat mir mal jemand erklärt. Vielleicht die Sesamstraße. Die bunten Punkte blieben vereinzelt noch bis in den Abend. Später hatte das Innere meines Körpers die Temperatur draußen um neun Grad überholt. Ich lehnte mich zurück und wusste nicht, was es war. Auf dem Pflaster hätte ich gerne ein Reh.
Liz hat es verfasst, und zwar am 4. August 2008 um genau 17:58
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Es gibt ein paar Dinge, die werden sich nie ändern. Da kannst du soviele Jahre dazwischen schieben, wie du willst, da ist schon in den Anfangstagen etwas schief gegangen, das mittlerweile nicht mehr auszumachen ist. Vielleicht haben wir die Fußspitzen zu weit nach innen gedreht, vielleicht haben wir den Arm nicht ordentlich durchgestreckt, uns eine falsche Grundstellung eingeprägt, das konnte nicht gutgehen. Mit so vielen Ratgebern entscheidet man sich meistens für den falschen, für die falsche Tüte, den falschen Weg, den falschen Moment, das falsche Los, den falschen Namen oder die falsche Sorte. Man kann da ja nicht einmal etwas dafür, manchmal geht es eben sofort daneben und niemand merkt es und am Ende diagnostiziert dir einer etwas mit Verkrümmung und keiner weiß, woher das kommt und wie es wieder weggeht. Jetzt kann man versuchen, sich gegen gerade Wände zu lehnen, damit es nicht so auffällt - oder man kann mit den schiefen Schultern zucken und sagen, so ist es jetzt eben. Das bleibt halt. Wie eine Narbe, eine Macke, eine Geschichte.
Manchmal glaube ich, dass es wirklich nichts bringt, wie wir da stehen vor dem Spiegel und den Kopf ein bisschen schief halten, sodass die Schultern wieder aussehen, als wären sie gerade. Der Rest im Hintergrund, das Verschwommene, das unscharf aus dem Fokus fällt, das hat mit waagerecht nichts mehr zu tun. Und im ganzen Zimmer rutschen die Möbel herum und es sieht blöd aus, wenn man mal von sich selbst ablenkt und der stumpfsinnigen Vorstellung, wir könnten mal wieder so nebeneinander stehen, dass alles passt. Das geht mit dem Rest nämlich nicht zusammen. Aber mittlerweile kann man schon lachen, wenn man uns so sieht. Krampfhaft und ohne den Mumm, den Dingen in die Augen zu sehen. Ich meine damit nicht, ohne Romantik, halleluja, aber realistisch verklärt, wenigstens das. Aber wir in diesen schiefen Lagen, wir sind so albern, schau uns mal an, und so unsouverän.
Es gibt nun einmal diese paar Dinge, die sich nie ändern werden. Die waren schon immer so. Wir standen noch nie vor dem Spiegel und nahmen alles einfach so hin, den geraden Horizont und die Schrägen in uns. Es war noch nie unseres zu sagen, das war´s jetzt. Wir können jetzt auch aufhören, es zu versuchen. Wir brauchen uns nicht mehr pseudo-ehrlich dagegen auflehnen, dieser ganze Aufwand, das ganze Tamtam, das ist vorüber, hat sich austrompetet und die Fliege gemacht. Auf den Fotos wird der Horizont immer schief sein, die Realität aber hat sich verwachsen, das fällt nicht mehr auf. Wir sehen uns doch schon lange nicht mehr als die, die wir sind. Und diese Übungen aus dem Heft bringen ja auch nur was, wenn man sie regelmäßig macht. Wenn man sich kümmert. Und nicht nur alle zwei Jahre, nicht nur mal aus Versehen. Und weil man die eigene Unzulänglichkeit nicht wahrhaben will.
(Die Welt geht davon nicht unter, die Sau.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Juli 2008 um genau 19:23
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Auch, wenn es manchmal nicht so aussieht. Es kann dort sehr wunderbar sein. Singt auch Rainald Grebe.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Juli 2008 um genau 13:34
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Alle haben diese kleinen Tragödien in der Hinterhand, jeder eine für sich oder einen, dessen Farbton nicht mehr getroffen wurde in der Mischung. Und an Wundbrand nicht erreicht. Meist sind das die Irrationalen, die nicht Richtigen gewesen, das haben wir rausgefunden, das zweifelt auch niemand mehr an. Dafür gibt es Belege, Tabellen, kleine Aufnahmen und Erinnerungen, das ist alles fein säuberlich aufgelistet und abgeheftet und steht neben den Büchern im Regal. Aber das sind auch die, an deren Intensität man sich noch nach Jahren erinnern kann. Und alle haben noch einen Rest übrig irgendwo, einen kleinen Schmerz. Man ist in der Lage ihn zu vergessen, aber herausgefunden, wie man ihn endgültig verliert, hat man nicht. Man kann auch die Lieder irgendwann wieder hören, und jemanden lieben. Jemand anderen. Und um nichts in der Welt würde man JA sagen, wenn man gefragt würde, ob man nicht doch wieder zurück wolle. Man kann weitergehen und alles ist okay, das zweifelt niemand an, das wurde herausgefunden. Aber nichts von dem wird erneut passieren, dessen ist man sich bewusst, die Steine wurden aufeinander geschichtet und die Mauern stehen in allen Straßen, durch die man nachts läuft von der Bahn bis zur Haustür. Da stehen sie so sehr und so selbstverständlich, dass man sie kaum noch wahrnimmt, manchmal einen Brief auf ein Fensterbrett legt vielleicht, die Finger am Putz entlang streifen lässt wie schon immer da, das Rauhe auf dem Weichen.
Nur manchmal kann es sein, dass man den neuen Menschen von seinem alten Leben erzählt und von den Dingen hinter den Mauern, den alten Bildern. Und man wird lachen und den Abstand in der Stimme haben und in dem ganzen Rest, man wird nicht mehr nur die Inhalte sondern auch die Mechanismen sehen, sich fernab von der Impulsivität der alten Tage zurücklehnen und überdenken können. Vielleicht wird man sich furchtbar albern vorkommen im Nachhinein. Und dennoch behält der Buchrücken einen Streifen zurück an der Stelle, wo er lange aufgeschlagen herumlag. Das ist die normale Abnutzung an Zeit. Ja, die Stelle konnte man auswendig früher. Und noch immer gibt es ein paar Worte in den Zeilen, die werden an Bedeutung nicht verlieren, auch wenn du die Geschichte im Ganzen nie wieder jemandem empfehlen würdest, keinen Text darüber schreiben oder den Autor zu deinen liebsten zählen. Aber im Stillen kannst du ihn noch zitieren, den einen Dialog, im Kino vielleicht, wenn niemand sieht, dass du das bist. Dass du das nicht vergisst.
Jeder hat da etwas in der Faust hinter dem Rücken. Egal, welche man wählt, immer ist was drin.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Juli 2008 um genau 10:25
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Damals war ich angekommen, als ich mich zurücklehnen konnte in dem Gefühl, nichts zu verstehen. Die Dinge beobachten, nicht mehr versuchen zu folgen, es einfach aufgeben und manchmal aufschauen, wenn ein paar Laute hinüberwehen, die gut klingen, die man vielleicht im Stillen ohne Ton im Mund versucht nachzuformen und die dem Original nicht ansatzweise Konkurrenz machen, wenn man sie doch mal laut ausspricht. Ich saß in Taipeh in diesem Café und war dort, weil ich nur zuhörte um des Zuhörens willen. Zwei Dinge sind dann immer sehr einfach. Sich in den eigenen Bauch zurückzuziehen, die Geschichte mit dem Treibholz wörtlich zu nehmen, jeden Gedanken auszureizen, an die Wand zu fahren, bis zu Ende zu gehen. Oder sich komplett abzuschalten. Funktionieren, ohne zu denken. Die Füße hochzulegen. Die Reize auf Augen und Ohren zu konzentrieren, während die Verarbeitung erst später beginnt, erst wenn auch die äußere Sprache wieder der inneren folgt. Und bis das passiert, saugst du nur auf, niemand drückt auf den Öffnen-Button, niemand zieht den Stöpsel und wenn man sich aus der Vogelperspektive betrachtet und ein bisschen Transparenz einschaltet, kann man sehen, wie man sich füllt, wie der Wasserstand steigt und alles in die Ecken fließt, die in letzter Zeit staubig geworden sind. Wie man sich ausräumt und umbaut, ohne etwas davon zu bemerken.
Können heut draußen bitte alle mal nur Chinesisch sprechen?
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Juni 2008 um genau 9:22
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Wie man im Mund noch die beiden Konsistenzen auseinander halten kann, das Flüssige, den Saft und dazwischen die winzigen Überbleibsel der Frucht. Und wenn man die Zunge an den Gaumen drückt, bleiben ein paar Fasern zurück. Die Säure ist nur zu erahnen, die Süße klebt ein wenig, aber rutscht langsam in den Bauch und mit einem Schluck Mangosaft bin ich meistens wieder auf dem Balkon im vierten Stock in Puerto Naos, wo wir saßen und auf den schwarzen Sand schauten, auf das Meer, das nicht blau sondern meistens weiß war, weil die Sonne sich darin hundertfach spiegelte, blendete, sich in der weißen Wäsche auf dem weißen Dach noch einmal reflektierte und am Strand verschluckt wurde.
Wir saßen an dem großen Holztisch, um uns herum Kakteen und Aloe, das Aquarium mit den drei kleinen Schildkröten, die man den ganzen Tag mit ihrem Refugium hin und her schieben musste, weil die Sonne wanderte und sie sonst ausgetrocknet hätte. Die orange-rote Markise, die beim ersten Anzeichen von Sturm eingeholt werden musste mit der quietschenden Kurbel. Mit einem Schluck Mangosaft bin ich wieder bei dem Geräusch der Badelatschen auf der Steinpromenade, den handtellergroßen Kakerlaken am Abend, die in den Ritzen der Mauer zum Strand verschwanden, und bei dem Sonnenuntergang, der mit den Palmen davor aussah wie von einem dieser Pärchenplakate in den Mädchenzeitschriften. Weichgezeichnet in rosa und lila.
Ich stehe wieder am Fuße der Berge, über die die Wolken wie eine Lawine aus Schlagsahne schwappen, zwischen den Pinien mit ihrem erlösenden Schatten und mit nackten Beinen im Schnee, während sich unten das Meer in den Abend funkelt. Und wir sitzen auf der Bank unter einer der wenigen Laternen auf der Klippe über dem Ort, wo ich das erste Mal geküsst wurde, von wo aus wir Kiesel ins Meer warfen und ihren Aufprall nicht mehr sehen konnten. Ich esse wieder Churros auf der Mauer vor dem großen Hotel, die es nicht mehr gibt, weil das Meer unablässig an der Insel frisst, aber die es damals gab und wenn der Wind gut stand, spritzte das Wasser uns bis ins Gesicht.
Das Geräusch, das die Paraglider über dem Ort machten und das Surren des kleinen Kühlregals im Supermarkt mit den orangefarbenen Tüten. Die Stille der Nachmittage, die nur das Schnurren der Katze und Flappen der Markisenwimpel im Wind begleitete. Wie am Abend die Menschen wieder aus den Häusern kamen und schnatterten auf der Promenade in den Plastikstühlen. Wie sich am Morgen erst die Kiesel unter den Füßen und dann der feste Schaumstoff des Schwimmbretts am Bauch anfühlten, während eine Welle über einem zusammenschlug. Ein Schluck Mangosaft und ich möchte aus frischen, reifen Avocados das Fleisch herausschälen direkt auf die riesigen Brötchen, dazu Manchego mit drüber geriebenem Knoblauch. Ich will dabei die kalten Fliesen an meinen Füßen und den salzigen Film auf meiner Haut, die auch nachts noch nach Sonne roch. Den Geruch von Papaya, Orangen und den kleinen Bananen aus dem Hain am Berg. Durch die Cumbrecita wandern, mich von Eseln begleiten lassen, an einen Drachenbaum lehnen und durchatmen. La Palma und ein Schluck Mangosaft.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Juni 2008 um genau 10:53
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Wir sollten alle viel öfter Wolke hören. Viel mehr rote Sprudellimonade trinken. Viel öfter Blumen gießen. Dem Rätsel der Staubflusen auf den Grund gehen. Rausfahren. Wir sollten viel mehr Eis mit den Fingern essen, bevor es runterfällt. Ehrlich sein. Wir sollten alle wirklich viel öfter aufstampfen. Die Zunge rausstrecken und küssen. Die Handgrößen abgleichen. Die Rinde vom frischen Brot zuerst essen und danach Schnittlauch auf das Mittelstück mit Butter streuen. Wir sollten alle viel öfter bei unseren Nachbarn Fußball gucken. Auf uns aufpassen. Bis an den Rand der Erschöpfung laufen. Wir sollten alle viel mehr da sein.
Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Juni 2008 um genau 13:25
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Als ich bemerkt habe, dass die Vorausahnung dieses blöden Gefühls handfest wurde, sich fassen und formen ließ, weil sie plötzlich von einem flüchtigen Wind zu einem knallharten Gewitter geworden war, dass uns die Frisuren zunichte machte und die verirrten, trockenen Blätter unter die Autos spülte und am Ende die Autos die Straße hinunter - als ich diesen Regen zum ersten Mal bemerkte, beschloss ich zu gehen.
Ich wusste nicht, wann der Tag meiner Abreise sein würde, ich sah in nur unweigerlich auf mich zukommen. Der Winter lag noch schwer auf allen, das konnte man an den Krankenkassenabrechnungen und den Wartezimmern der Physiotherapiepraxen sehen und die Geräuschkulisse der morgendlichen U-Bahn trug noch die Seufzer im Takt mit sich herum. Der Atem kam tief aus dem Bauch, schließlich hatte man das eine lange Zeit üben können, wir hatten sogar Schnee und dickes Eis unter den Regenrinnen. Wir hatten Monate der warmen Tees und doppelten Socken, der rissigen Haut und einer porösen Sehnsucht. Wochenlanges Nebeneinander (weil es sonst zieht, wenn niemand neben dir sitzt) haben wir ausgehalten, alle mitgemacht, uns eingearbeitet. Aus dieser Februarlethargie heraus und mit diesem Unwetter beschloss ich, wieder einen Kalender zu führen.
Ich richtete mich ein, ich malte akurat Linien auf das weiße Papier. Daten schrieb ich noch nicht, ich war ja nicht bereit und dies war erst der anfängliche Aufbau eines Muskels, der mit der Zeit, mit den Sofakissen und unserer beider Langsamkeit irgendwie verkümmert sein musste. Es hatte erst eine Regenwand gebraucht direkt vor meine blasse Stirn und dieses dumpfe Geräusch, dass es machte, als ich merkte, es würde sich wirklich nichts ändern. Ich sammelte auch meine Sachen ein, ein bisschen fahrig vielleicht, unachtsam, denn ich war aufgeregt und wartete auf den Tag, an dem ich die Kraft und den Stolz und (endlich) den Muskel haben würde. Auch das Adressbuch begann ich neu und klebte ausgeschnittene Buchstaben auf ausgewählte Seiten, bis ich sie wieder herausriss und von nun an die Menschen nur noch Farben zuordnete. Auf lauter weißen Seiten.
Ich ahnte deine Seufzer voraus, jeden einzelnen, schon den Atem, den es braucht, um einen Seufzer zu erzeugen, konnte ich voraussagen, zeitgenau markieren, bevor die Minute erreicht war, du hattest dich in meinen Augen berechenbar gemacht in der Abfolge. Die Abstände deiner Sekunden, die Länge deiner Schritte, deine Handspanne, die Zeit, die du brauchst, um die Tür aufzuschließen und abends einzuschlafen. Ich hatte mich selbst zur Überraschung gemacht, die es am Anfang geschafft hatte, dich ein bisschen aus dem Takt zu bringen, aber wir alle wissen, diese Taktlosigkeiten hören irgendwann auf, alles pendelt sich wieder ein. Du hattest deine Mitte und die war nicht ich. Ich hatte dein Tempo entschlüsselt und gemerkt, ich ticke so nicht, ich muss gehen, denn niemand erträgt dieses pervers verstörende Ticken zweier unterschiedlich gestarteter Uhren. Auch die Schritte passt man an, wenn man nebeneinander läuft, weil es sonst in der Umarmung, in der Berührung der Hände und Schultern immer und immer wieder rumpelt und hakt, ständig irritiert.
Meine Rechnung ging auf. Und am Morgen des Abschieds genoss ich still und leise am Küchentisch deine Geräusche, ich zählte dich mit und klopfte mit den Zehen auf´s Parkett. Es nieselte und auf dem Sattel deines Rades hatte sich ein kleiner See gebildet. Ich wusste deine Wintermantelarmbewegung von Anfang bis Ende und deine Stille, als ich dir davon fuhr, einfach an dir vorbei, dir noch einmal winkte. Ich kannte deinen Blick aus unserem Jahr heraus, das war der eine, den du dein ganzes Leben lang schon probierst und der dir so gut steht, dass du ihn dir zurecht zupfen kannst wie deinen geraden Kragen. Und als du davor im Bad warst, trug ich den ersten Wochentag in mein Buch, die erste Zahlen, das war der Anfang. Ich hatte beschlossen, die Sache mit den unendlichen Kompromissen noch ein wenig auf die lange Bank zu schieben. So schön war das Rauschen gewesen, dass alle Seufzer übertönen konnte, jedes Ticken und das Rascheln deiner Finger in der Brötchentüte.
Ich wollte nie eine deiner Gewohnheiten sein.
Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Juni 2008 um genau 9:13
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Liz hat es verfasst, und zwar am 19. Mai 2008 um genau 21:07
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Sich an den letzten Sommer erinnern und wieder abgleichen. Immer das kleine, dumme, an den Rändern verhärtete, in den Gelenken knackende Spielchen. Das laute Lachen, die weichen Knie, der zu früh abgewandte Blick, das Zögern. Und es richtet sich ein, das schablonenartige Gefühl, in dem wir immer darauf warten, zurück zu kommen zu dieser einen Euphorie. Und wenn wir auf der Spitze der nächsten stehen, beginnen wir schon damit, sie zu vermissen. Es ist ein einfaches. Auf der Holzbank schüttelt es sich das Kissen auf, streckt die Füße weit von sich und schaut auf die über dem Wasser zitternden Mücken und Fliegen, starrt auf das weiße Lichtmuster auf den Bäumen am anderen Ufer, schiebt die Wolken mit seiner Sturheit schnell immer und immer wieder am Mond vorbei. Es rückt nicht ab, da kannst du warten, bis du schwarz wirst. Da kannst du immer und immer wieder die Kopie gegen´s Licht halten, mit der einen Hand das Auge bedeckend, die andere hält das Abbild, das wird nie mehr so aussehen.
Die Zeit frisst uns nicht mehr aus der Hand, nur die Haare vom Kopf.
Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Mai 2008 um genau 23:07
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