Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Blicke

Mikrostrabismus

Früher erzählte man uns, dass, wenn man schielt und einen dann jemand erschreckt, die Augen so stehen bleiben. Und ich dachte immer, das ist doch gar nicht so schlimm. Weil ich seit meiner Geburt ein Auge habe, das ein wenig träge ist und ganz von allein in die erschrockene Position rutscht, wenn es müde wird. Man kann es also gar nicht mehr erschrecken. Jedenfalls nicht so, dass es etwas ändern würde. So ging der Sommer vorbei. Mit einem Schreck. Wenn etwas passiert und man deswegen aufstampft oder stolpert oder irgendwo dagegen rennt, dann zittert einem nicht nur die Augenhaut, sondern alle Dinge im Umkreis von ungefähr einem Meter. Die springen minimal in die Luft, nur einen Millimeter. Manche von ihnen landen dann an genau jenem Ort, an dem sie vorher standen. Andere tun das nicht. Wenn man sich beruhigt hat und dann noch genug Kapazität, dann kann man das mit etwas Mühe sehen, auch mit einem trägen Auge. Dass manches nicht mehr da steht, wo es mal stand. Häufig ist es einem dann ein bisschen egal, ob das nun gut aussieht oder nicht. Häufig stellt man sich nicht einmal diese Frage, weil man sehr damit beschäftigt ist, Bescheid zu sagen, Anträge auszufüllen, sich das Zwerchfell zu bügeln, jemanden ins Bett zu bringen, Essen zu machen, die Fassung zu suchen, weil die wichtig ist für die Beleuchtung der ganzen Sache, (man sieht ja sonst nix), Listen zu schreiben. Man merkt erst später, was alles anders ist. Es kann sein, dass man zwischendurch aber ein wenig Zeit findet, um sich zu wundern. Zum Beispiel über Menschen, die einem sagen, man hätte sich gar nicht verändert, und einen gar nicht anschauen dabei und das Besteck die ganze Zeit nicht aus der Hand legen. Besteck ist schön, aber meistens keine Hilfe. Besteck ist bei Umarmungen wirklich häufig im Weg.

Die Nacht auf links

In dieser einen Nacht in Brandenburg unterm Himmel sitzen, die Sterne angucken und relativ genau wissen, wo man sich befindet, die eigenen Koordinaten kennen, die Maße, den Standort. Näher als früher. Wieder denken: „Ich bin jetzt älter als er, als er starb. Was hat er damals schon gewusst, und vor allem, was nicht?“ C., N. und ich stapfen nachts über diese Landstraße, links und rechts und vorne und hinten kein Licht außer der Taschenlampe, der Wald macht Geräusche wie ein nervöses Tier, und auch hier taucht nochmal ein Satz auf, den ich mit K. vor ein paar Jahren in Mitte einmal sagte, als wir aus diesem Club stolperten, die Arme ineinander verhakt, die Füße stolpernd: „Es ist noch so weit bis geradeaus.“ Das war auch so eine Nacht damals, in der man das Licht des nächsten Tages schon ahnen konnte, die Musik noch mit sich herumschleppte und in der Stille dieser frühen Stunden alles nachhallte. Jetzt setzen wir die Schritte auf Asphalt und außer uns ist sonst niemand da. Nur wir drei und irgendwann die Bahnschienen und dann die ersten Häuser des nächsten Ortes. Als wir in den Jugendherbergsbetten liegen, wird es hell und es beginnt zu regnen.

„Nur die wenigsten Geschichten verkraften die Realität“, sagt F., „deswegen ist die Kunst nicht, die Geschichte im Nachhinein der Realität anzupassen, das geht meistens schief, sondern eine Geschichte zu schreiben, die von der Realität lebt, daraus erwächst.“

Die drei älteren Herren mit der Lederhaut, gebräunt in den Tagen, an denen es nicht regnete, der kleine Strand mit Blick auf den grünen Streifen ist ihr Vorgarten, vielleicht auch eher der hinterm Haus, wo man die Nachbarn vergisst, wenn man sich nicht gerade beschwert. Sie trinken Bier. Und der eine, ich nenne ihn sofort Wolfgang innen drin, trägt seine Angel auf und ab, versucht im Abendlicht noch eine gute Stelle zu finden, steht irgendwann nachdenklich am Ufer und schaut hinüber zu dem sich langsam in der Strömung drehenden Schiff, er kneift den Po ein bisschen zusammen, bekommt kleine ledrige Grübchen, er scheint so tagelang gestanden zu haben, es gibt keine weißen Streifen, keine Kleiderüberreste. Später watet er noch tiefer ins Wasser, die Arme in die Höhe gestreckt, als hebe ihn gleich jemand heraus. Am Ufer berlinert man über Krankschreibungen und Sanitätshäuser, Terminfindungsprobleme und Arbeitslosengeld. Das Hausboot, das vorbeifährt, liegt manchmal an der Warschauer Brücke in einer anderen Galaxie.

Wir steigen aus der U-Bahn da oben im Wedding und es ist, als kotze die Stadt in genau diesem Moment alles aus sich heraus, die Sirenen, die Spucke, der tiefliegende Sommer, die vom Schweiß an der Stirn klebenden Haare, die Halbsätze, die ins Telefon gebrüllt werden, weil man sonst nichts versteht und keine Hand frei hat zum Tippen und keine Zeit, um einfach die Klappe zu halten und abzuwarten. Die Stadt im Zustand der Überforderung, in dem sie sich eingerichtet hat, dass sie gar nicht mehr weiß, wie es ist, nicht immer einen halben Schritt zu weit zu gehen. Lautstärke als Beweis, aber für was eigentlich? Im Getränkemarkt stehen von jeder Sorte immer nur zwei Flaschen im Regal, dazwischen hat man Platz gelassen, die Gänge sehen aus wie die einer Ausstellung für Limonadengeschmack 2017. Die Stirn auf dem Kronkorken in einem der Kühlschränke ablegen. Kurz überlegen, dort einzuziehen. Bis die Kasse piepst und draußen wieder irgendjemand bellt. Dann doch lieber Hinterhof und den Hinterkopf auf die Stuhllehne, den Blick nach oben, wo die schwarzen Vögel im Schwarm ihre Kreise ziehen. Wir sind jetzt in dem Alter, da reden wir über Kinder, über die, die schon da sind, die, die vielleicht noch kommen, und die, die es vielleicht niemals geben wird.

In der Seitenlage durstig erweist sich Zeit als eine Chance, die Möglichkeit der Wende auf Kurs zur scheußlichen Balance.“

231 Schnecken hat Opa aus dem Beet gesammelt, das sagt er zumindest, wir vertrauen diesen Angaben je nach Tagesform. Salat gibt es deswegen dieses Jahr keinen, aber müden Mangold und Riesenzucchini. Die Überreste des Holzpferdes, das er letzten Jahr beerdigt hat, indem er es in Brand steckte, fand ich neulich in einer Schublade wieder, ordentlich in ein Schraubglas gefüllt und beschriftet, so ist er. Selbst nach dem Weltuntergang würde er kleine Aufkleber auf die Trümmer kleben, die erzählen, was das mal war und wohin es gehört. Vielleicht noch die Daten der wichtigsten Jahre mit Fineliner in verschiedenen Farben und Serifenschrift. Ein Garten wäre schön.

Zitronenfaltertage

„Born to make money“ steht in Weiß auf den grünen T-Shirts, die die beiden grinsenden Erwachsenen tragen, als sie mir am Morgen auf der Straße entgegen kommen. Sie tragen Papiere unter dem Arm, unterhalten sich angeregt. Die Sonne scheint und rollt rechts am Horizont aus dem Bild.

Beim Blick auf die leere Torstraße halten wir die Füße in das blau-orangene Planschbecken, weil der Weg in den Wald uns zu weit ist, weil man sich zwischendurch auf den großen Teppich legen und verschnaufen kann, weil man dann immer noch die wenigen Autos hört, die zu spät sind, zu spät auf dem Weg nach draußen, zu spät an der Erfrischung, zu schnell für diese Kurve. Gegenüber im Späti sitzen ein paar vergessene Gestalten und schwitzen, das Klirren ihrer Gläser klingt bis zu uns, wir prosten leise zurück und verbrennen uns die Ellbogen beim Abstützen am Fensterbrett. Ich erinnere mich an die Sommer im Bürgerpark, in denen wir ebenso apathisch herumlagen, aber uns genau deswegen tagelang wiederholten, die Hundstage, in denen alles schmilzt, alles ineiander fließt ohne Sinn und Verstand, an denen trinkt man Kaffee und Limoncello beinahe in einem Zug und wundert sich am Abend wirklich über nichts mehr.

Sie sagt, sie habe jetzt die Entscheidung getroffen, zu kündigen. Nach den vielen Jahren. Ohne eine neue Idee. Es sei jetzt an der Zeit, es sei ja wirklich lange nicht an der Zeit gewesen, eigentlich noch nie. Und sie sitzt da im Halbdunkel und blinzelt gegen unsere großen Augen an, die erwartungsvollen Blicke. „In meinem Kopf ist Fukushima“, sagt sie und ich will vor allem applaudieren. Sich loszumachen, bevor man weiß, wo es hingeht, wenn man weiß, dass man hier nicht mehr sein will, erfordert so viel Mut.

Im Schatten ist es gar nicht so wahnsinnig warm, sondern genau so warm, dass man nichts braucht, nicht mehr und nicht weniger, die Temperatur der eigenen Mitte. Sommer ist immer dann da, wenn Sonneneinstrahlung nicht mehr alles ist, um das es geht, wenn er einfach dabei ist, ohne dass man alles auf ihn auslegt. Zwei Frauen liegen neben mir am See. Ich schätze sie auf Ende Vierzig. Die eine macht gerade eine Therapie, Zucker sei nun verboten. Und dann habe sie noch diese Freundin mit den zwei Jagdhunden, mit der sie sich ein Haus angesehen hat auf dem Land, das habe sie ja unterschätzt, also diese Haussuche und auch die Hunde. Das sei ja wie mit zwei Kindern. Man müsse das vorbereiten, das Essen und den Ausflug, das habe sie anfangs nicht verstanden. Jetzt im Nachhinein wisse sie, sie hätte da achtsamer sein müssen, Bindung sei ja sowieso ihr Thema, und Geduld, sie habe sich also jetzt entschieden, der Freundin immer mal zu helfen mit ihren Hundekindern, sie gehe immer mal einkaufen für sie und erwarte keinen Dank, aber ihrer Therapeutin erzähle sie davon, irgendwo müsse man ja hin damit. Aber wenigstens sei das Leben jetzt schöner ohne Zucker, so Süchte hätten ja auch immer was mit Sehnsucht zu tun, da müsse man sich eh mal von losmachen. Die Haubentaucher klettert über den ins Wasser gefallenen Baumstamm an Land, schauen sich um, stehen ein bisschen und watscheln dann zurück hinein. Im Baumstumpf wohnt eine Maus, die in der Dämmerung größer wird. Später kommen die beiden Anfang Zwanzig. Ihre Haare sind blau, sein Kleid ist gelb, sie sprechen darüber, wie schwer es doch sei, sich dem eigenen Druck nicht hinzugeben, sofort den besten Job der Welt finden zu müssen, sie sprechen Englisch und wenn man die Augen schließt, könnte man meinen, man läge aus Versehen als Statistin in einer dieser Serien herum, von denen man nicht weiß, ob sie aus der Realität abgeschrieben sind oder ob die Realität von ihnen abschreibt, ob ihre Zuschauer wirklich so reden oder es nur tun, weil sie die Folgen so oft gesehen haben. Jedenfalls möchte man sie im ersten Moment komisch finden, aber wenn man ihnen zuhört, gönnt man es ihnen sofort, die Unbedarftheit und die großen Fragen, man schaut zwar etwas beschämt zur Seite, als sie mit den Handys in den See springen und mit den Beinen im Wasser zittern für ein Instagrambild, man möchte ihnen sagen „Ihr seid doch schon schön“, als sie über den richtigen Filter diskutieren und die Bildunterschrift, man gönnt ihnen das Grinsen zwischen den Zweifeln und vor allem das Gefühl, alles finge gerade erst an.

Die Nacht kommt langsam über die Stadt. Sie schiebt den Abend so beiseite, dass er es kaum merkt und die Blitze zucken über den schwarzen Kanten, bevor der Regen kommt. Sie spielen „Bei dir war es immer so schön“ von Hildegard Knef, als die ersten Tropfen fallen, kurz darauf rennen die Leute nur so an den großen Fenstern vorbei, halten sich Jacken und Taschen über den Kopf, das Dunkelblau ist fast fort, die Laternen leuchten in schmalen Streifen. Von nun an werden die Tage wieder kürzer, das war das Höchste an Licht.

Als wir auf der Wiese des Gleisdreieckparks liegen, kommt irgendwann der Wind und fährt so durch A. und mich hindurch, dass wir aufstehen und gehen, aber in dieser Sekunde des Aufstehens denke ich, das könnte doch dieser Moment sein, in dem sowas passiert, was eigentlich nicht passieren kann, also dass der Wind uns zum Beispiel hochhebt und wir nicht wieder selber die Beine in die Hand und die Hände um den Verstand herumlegen müssen. „Jetzt sind wir ja doch erwachsen geworden“, sagt A. und verfolgt mit dem Blick einen verirrten Junikäfer und die sich neben den Bierflaschen küssenden Teenager. I’ll keep this photo safe til my dying day.

Mitternachtskäsebrot

Das Flüstern am Fenster über die Leerstellen im Leben, auf die man Acht gibt, die man beinahe einzäunt, zumindest absperrt. Die Absperrung später durch einen Glaskasten ersetzt, manche Leute schaffen es, die Leerstellen einfach so im Raum zu lassen ohne sie zu markieren und die Besucher treten trotzdem nicht drauf. Da mal hinwollen, das irgendwann können. Umwege nicht mehr als solche zu begreifen.

Beim Karneval läuft nach dem Gewitter das Wasser an der riesigen Hüpfburg hinab, im Rinnstein schwimmt eine Honigmelone davon. Zwei Morgen danach fahren die Autos plötzlich nicht mehr, die Kreuzung ist gesperrt, überall stehen Last- und Kranwagen, es riecht nach Teer. Und während die einen die oberste Schicht von der Straße abtragen, um eine neue draufzulegen, beschneiden die anderen die Bäume. Alles auf einmal, die Kreuzung sieht aus, als würde man sie operieren.

Gegenüber wohnen die zwei, die immer am Fenster rauchen. Vielleicht haben sie keinen Kühlschrank, oder einen zu kleinen. Aber viele Lebensmittel hoben sie bis vor kurzem in einem selbstgebauten Kasten auf dem Fensterbrett auf. Fünfter Stock. Manchmal lassen sie einander den Schlüssel zur Haustür in einem roten Beutel an einem Seil herab. Manchmal lehnen sie sich beim Rauchen zu sehr auf das Holz, es könnte sein, dass irgendwann jemand von Joghurt, Margarine und Milch erschlagen wird. Aber nicht jetzt, nicht im Sommer.

Als ich morgens am Kanal nach Hause laufe nach den Liedern und den Reimen auf dem Balkon ist das Licht schon da, ohne da zu sein, und niemand sonst; für einen Augenblick das Gefühl, allein zu sein in der Stadt, so als habe jemand für ein paar Minuten einen anderen Filter eingestellt. Die Schwäne schwimmen brav in Zweierreihen, und weiter hinten sitzen dann doch noch zwei Menschen am Ufer vor dem Krankenhaus, die Köpfe aneinander gelehnt, immer wieder wild knutschend, sie bemerken nicht, dass zwölf Schwäne sie umringen, sie ansehen, nur einer schläft, die anderen betrachten das Paar, platzieren sich um sie herum, kreisen sie ein.

Auf dem Feld schließen wir eine Wette ab ohne Gewinn, ob der große Streifen Wolken an uns vorüberzieht, ob das Gewitter wirklich kommt, ob es Blitz und Donner geben wird. Am Ende kommt nur der Wind und schiebt alles weiter, auch den großen Mann ganz in Schwarz, mit dem gefärbten Undercut, der immer nur ein bisschen hin und her rollt auf seinen Skates, als traue er sich noch nicht, als würde er darauf warten, es gleich zu können, aber immerhin ein Versuch am Rand der Bahn, während hinter ihm die beiden Mädchen beinahe Pirouetten drehen. Der Regen kommt später dann doch noch, aber aus dem Hinterhalt und ganz ohne Pathos, als wären wir nur eine Erledigung auf seinem Weg.

Eigentlich müsste man genau jetzt beschließen, den Sommer woanders zu verbringen. Damit die Gerüche, die man schon kennt aus dem letzten Jahr, abgelöst werden nicht nur von ihresgleichen, sondern von allem, weil sich die Eindrücke ja dann so ineinander schieben, dass man abends im Bett, wenn das Herz klopft, weil man nicht weiß, woran man zuerst denken soll, in dieses Rauschen fällt. „Alle Knöpfe gleichzeitig drücken ist Neustart“, hat J. immer gesagt. Das alte Lied hören, das wir damals zusammen aufgenommen haben, sofort wieder gewusst von dieser Wohnung am anderen Ende der Stadt, noch nicht einmal 20 war ich damals, der Weg dorthin beinahe schon eine Reise, in jedem Fall aufregend, einer dieser Orte, an denen du weißt, das hier wird was, das hier werden Tage, an die du dich immer erinnern können wirst, an das helle Holz vom Regal, die Salatschleuder, den Unterschied zwischen der Lautstärke in der Wohnung und der großen Straße draußen, daran, wie wir nicht genau wussten, wohin das eigentlich gehen soll, und uns trotzdem immer wieder trafen. Das wird weniger im Alter. Dass man die Sachen laufen lässt, einfach nur, um zu sehen, was passiert, dass man das Zaudern aushält ohne Exit-Strategie. „Komm, wir treffen uns“ war damals immer ein Versprechen, den Nachmittag miteinander zu sein, ohne Plan, vielleicht essen, vielleicht sitzen, vielleicht lesen oder irgendwohin gehen, maximale Momentorientierung, manchmal haben wir auch einfach nur rumgelegen auf dem großen Bett, die Sonne war schief und J. machte Töne auf der Gitarre oder spielte mir Lieder vor von anderen, die ich noch nicht kannte, ich kannte eigentlich fast gar nichts, aber in dem Moment dachte ich, jetzt fängt das Leben an, so wird es später immer sein, so ruhig und dass man sich keine Sorgen macht, jedenfalls nicht solche, über die man kein Lied schreiben könnte, ich musste mich auch erst einmal daran gewöhnen, dass man bei J. da sein durfte. „Ich bin heute nicht so gut drauf“ ließ er als Absage nicht gelten, auch Krankheit nicht, dann kam er eben in die andere Hälfte der Stadt, J. war der erste Mensch in meinem Alter damals, bei dem es okay war, immer alles zu sein, was man ist.

Nuancen als Maßband

Die Mohnblüten sind größer als meine Hand. Sie stehen in einem der Vorgärten, die die bunten Blumen nach vorne raus pflanzen, damit es für jene gut aussieht, die den Weg entlang gehen. Den Weg benutzen die wenigsten, jedenfalls zu Fuß. Man fährt den Weg bis zu seinem Grundstück, dann steigt man aus und geht über zurechtgelegte Bodenplatten zu einer streng gefegten Terrasse, auf der man erst eine Weile sitzen und später die Ränder sauber zupfen wird. Unkraut mögen sie nicht. Auch wenn sie gar nicht genau wissen, was das ist, das Unkraut. Bei Opa wächst alles ineinander. Später sitzt er stöhnend zwischen den Kürbispflanzen, um zu kontrollieren, ob ich die Pflanzen in der richtigen Höhe in die Erde gesetzt, die Klammern auch sicher an die Pflanzen geklemmt und die Erde richtig festgedrückt habe. Ich schneide ihm die Haare und er sagt, er bekäme dabei so ein komisches Gefühl im Arm, als würde er einschlafen; und dann lasse ich mir mehr Zeit, als ich bräuchte. Sein Arm schläft nicht ein, er wird einfach nicht mehr so häufig berührt. Auf der Rückfahrt schauen zwei Katzen und ein Marder direkt ins Licht. Es gibt diese Stelle an der Straße, an der so viele leuchtende Fahrbahnbegrenzungen angebracht sind, dass es aussieht wie ein Bonuslevel bei Grand Theft Auto. Oder eine Landebahn. Wir müssen öfter wiederkommen, ich will sehen, wie hoch der Fingerhut es schafft.

Ich halte das Glas Gin Tonic über das Geländer und es ist einer dieser Momente, in denen man sieht, was passieren könnte, eine Sekunde in zweien. Und sich dann fühlt, als habe man alles im Griff, weil man das Glas eben nicht fallen lässt, sondern fest umschließt, nicht wegsieht, obwohl es so blendet, nichts sagt, obwohl man könnte, sich einfach nicht bewegt, obwohl es von allen Seiten zieht, die Häuser nicht zählt und den Weg nach Hause ein bisschen langsamer fährt.

Die Vögel im Hof sind zurück. Man sieht sie nicht, aber wenn man morgens aufwacht und das Fenster sowie die Tür zum Bad offen lässt, kann ich sie hören. Manchmal wache ich von ihnen auf. Die Geräusche werden sich verschieben, wenn die Ampel kommt. Sie steht schon, aber es hat sie noch niemand angeschaltet.

Wir fahren unter das Dach der Tankstelle, hinter uns fährt ein dunkelgrüner Oldtimer, aus dem Jugendliche steigen, die aussehen wie aus einem Werbespot mit diesen Barbiefrisuren, die immer sitzen, egal wie sehr sich die Menschen darunter bewegen, es bewegt sich kein einziges Haar. Nichts schwingt mit. Bis der Wind kommt und den Schwarm an Pollen aufwirbelt, die plötzlich überall sind, als würden sie sich sekündlich verdoppeln, irgendwann ist alles weiß und der eine Junge, es ist der, der fahren darf, neben seinem Wagen steht und aussieht, als sei er grau geworden, weil sich die Sporen an seinem klebrigen Haar festsetzen. Man ahnt plötzlich, wie er aussehen wird in zehn oder zwanzig Jahren. Am See fällt die Sonne in Fetzen an den Blättern vorbei auf den Boden, als müsse sie jemand einsammeln und zusammensetzen, und direkt über uns in dem blauen Stück kreuzen sich die Spuren von zwei Flugzeugen.

„Ich darf ja nichts sagen, ich gehe schließlich jetzt nach Hause und halte mich beim Schlafen an einer Glühbirne fest.“ Wenn sie alt ist, werde ich ihr noch einmal davon erzählen, obwohl sie es nicht vergessen haben wird, mir zuliebe wird sie dennoch so lächeln, als wisse sie es nicht mehr ganz so genau. Sie weiß immer.

Man kann nur neben manchen Menschen wirklich gut sitzen. Und dann ist plötzlich Juni.

Complimentary room

Es soll ja Leute geben, die wohnen ihr ganzes Leben in dieser Hotelzimmerigkeit. Die wohnen das Leben so ab. Ziehen ihre Taschentücher aus den dafür gefertigen Designboxen, die irgendwann jemand auffüllt, den sie nicht kennen, dem sie manchmal begegnen, aber dem gegenüber das Gefühl so unangenehm ist, dass nicht einmal Smalltalk denkbar scheint, weil sie wissen, der Mensch, der die Designboxen auffüllt, der füllt auch den Kühlschrank, der füllt auch das Fach mit den Staubsaugerbeuteln (natürlich nur, damit genau er die später auch benutzen kann, und weil es ein extra Fach gibt, und wenn es ein Fach gibt, dann muss man da auch was reintun), der füllt auch die Zahnpasta nach, wenn die Tube halb leer ist, sodass niemals ein Notstand ausbricht an etwas, niemals ein Mangel. Und dieser Mensch, mit dem die Leute nicht einmal siebzehn Worte wechseln können, weil sie Angst haben, dass der Damm bricht und sie dann immer reden müssen, der wäscht auch die Sachen im Wäschesack oder bringt sie zumindest irgendwohin, wo wieder jemand anders sie reinigt, und der Mensch legt auch die Papiere zusammen, wenn durch ein offenes Fenster ein Wind kam, oder durch die Leute eine Emotion, in der man ja auch mal Papiere umher fegt, gerade wenn um einen herum alles nach Air Freshener riecht. Und der Mensch, der den Wäschesack auffüllt, der wird so tun, als habe er die Papiere nicht gelesen, als wisse er gar nichts davon, also von den Dingen, von denen er nichts wissen soll, selbst wenn er von ihnen weiß. Selbst wenn er sie sogar besser weiß als die Leute, denen die Papiere gehören und der Platz, über den die Papiere hinwegfegen, es ist ja häufig sehr viel Luft, wenn es nur einen Schreibtisch und ein Bett gibt und einen kleinen Kühlschrank, da liegen viele Zentimeter herum, auf denen die Leute selten herumspazieren. Nur in wenigen Fällen, so könnten es Wissenschaftler herausfinden, setzen sich diese Hotelzimmerleute in eine Ecke, die sie noch nicht kennen, sie legen sich nicht auf den Teppich, der täglich gesaugt wird, nur um mal zu wissen, wie das Zimmer eigentlich von unten aussieht, nur um mal die Zimmerdecke von weiter weg gesehen zu haben und die Bettfüße oder um dem Teppich hallo zu sagen, selbst Smalltalk mit dem Teppich wird vermieden. Diese Leute steigen morgens aus dem Bett und lassen alles so liegen, weil sie wissen, das wird wieder weg sein, wenn sie zurückkommen, von Zauberhand oder Murmeltierfäusten zurecht gerückt, von Heinzelmännchen oder Staubsaugerrobotern, irgendjemand wird sich gekümmert haben. Auch so ein Gefühl. Irgendjemand wird sich gekümmert haben, irgendjemand wird abheben, wenn sie nicht wissen, wen sie sonst anrufen sollen außer der Rezeption, jemand wird ihnen ein anderes Zimmer herrichten, wenn das Licht nicht stimmt oder der Sound oder die Klospülungswassertemperatur, irgendjemand wird sich stellvertretend für die Weltlage entschuldigen, falls ein falscher Alarm losgeht, irgendjemand wird ihnen Schokolade aufs Kopfkissen legen immer wieder, und es wird immer jemand daran arbeiten, dass die Leute sich auch gemeint fühlen, irgendjemand wird sich irgendetwas merken von den Leuten, also nicht nur aufschreiben oder eintippen, sondern wirklich merken, kaum zu glauben, und wird es ausspucken, wenn sie wiederkommen, und irgendjemand wird sich immer Mühe geben, weil es ja darum geht, sich Mühe zu geben, also einander, die Mühe, meine ich. (Oder nicht?)

A bit part

Auf der großen Treppe sitzen die Menschen mit den dunkelblauen Menschen, alle jung oder zumindest jung angezogen, in Berlin trägt man jetzt diese klassischen geraden Schnitte, die Materialien, die sich so gut voneinander abgrenzen lassen, Kaschmir an Kaschmir an Jeans, die Kontraste sieht man vor allem in den Gesichtern, wenn das Telefon klingelt. Das sie rausholt aus dem Blick auf den Gendarmenmarkt und hinein in irgendetwas anderes, ihr Blick senkt sich dann, es ist beinahe, als rollten die Pupillen über oben nach hinten ins Paralleluniversum, die Haut über den Wangen wird schlaffer, man sieht beinahe den Terminkalender durchrasseln, das Abgleichen hinterlässt Spuren im Momentgesicht, sie verlieren die Kontrolle, wenn sie nicht gerade laut sprechen und ihre Verabredung am Telefon direkt verkünden. Wenn sie mit der Stimme keine Performance machen, dann scheint es, als würden sie unsichtbar. Zwei, drei von ihnen bleiben zu sehen, sie scannen permanent alle Menschen, die vorbeigehen, als könnte ihnen auch nur einer entgehen, als hätten sie einen Auftraggeber am Ohr, der die Koordinaten durchgibt, nur leider etwas undeutlich. Der Dom spiegelt sich im neuen Gebäude gegenüber, wird in Quadrate zerkastelt, dem Licht macht das nicht viel, man muss kurz stehenbleiben, weil man sich sonst vertut in dem, was man gerade macht. Es ist ja selten so, dass man denkt: In diesem Licht kann ich besonders gut telefonieren oder Fahrradfahren, in diesem Licht schaut es sich besonders gut ins Schaufenster. Als tippe es einem auf die Schulter, ohne dass es einen kennt.

Als ich mich umdrehe später nach dem Konzert, die erste Zugabe ist gerade vorbei, das Publikum steht dem Raum angemessen vor Begeisterung auf, da sehe ich diesen Mann, dem die Tränen so wie im Film aus den Augenwinkeln laufen, nicht gerade über die Wange, sondern das Gesicht einrahmend, als hätte man ihnen Schienen ausgelegt. Der künstliche Nebel verteilt sich noch immer im Raum und hinterlässt diesen süßlichen Geruch. Als ich mich erneut umdrehe, ist der Mann fort. Dann die zweite Zugabe.

Die Friedrichstraße ist immer leer in der Nacht, ein paar Touristen stolpern an den hell erleuchteten Läden vorbei, in die Richtung irgendwelcher Hostels, sie verschwinden in Hauseingängen und Seitenstraßen, die Schaufensterpuppen starren dorthin, wo nichts ist um diese Uhrzeit. Erst am McDonalds wird es laut, Musik schallt heraus, eine Mutter nimmt ihre Tochter an der Hand und sagt „Besser als nichts“. An der Theke im Fenster sitzen zwei Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, neben ihnen die Tabletts mit dem zerknüllten Papier, sie haben die Köpfe auf ihren Armen abgelegt und starren hinaus ohne miteinander zu reden, dahinter bewerfen sich kleine Jungs mit Pommes. Drei Fahrräder liegen umgeworfen auf dem Bürgersteig, hinter der Kreuzung wird es wieder ruhig. Dann noch ein paar hundert Meter, eine große Kurve und dann kommen die Leuchtbuchstaben. Wenn sie hinter der U-Bahn-Brücke auftauchen, das ist der schönste Moment.

„Einen Drogentrip stelle ich mir vor wie Snapchatfilter“, sagt J., sie trägt das tolle blaue Kleid.

„But then the morning comes, and we turn back into pumpkins, right?“ (Celine in Before Sunrise)

What if

Die Luft und das Gras rochen noch wie im letzten Herbst, selbst das Licht hatte etwas von damals, der kleine Weg an der Tankstelle vorbei, die flackernden Lichter, diese Menschen in der Bahn, die genau diese Bahn an einem anderen Tag nie genommen hätten, aber man sah ihnen an, dass sie sich nicht umsonst auf den Weg gemacht hatten. Irgendwas war da. Das Schiff, das Hertha heißt, lag auf Stelzen. Im Herbst war da noch kein Schiff gewesen, sondern nur was wir wollten von diesen Tagen und was alles genau deswegen anders lief und dass sich die Welt danach verschluckte und zwar so sehr, dass sie ganz rot geworden war und sich nicht mehr bewegte für einige Zeit und dass man nicht so genau wusste, ob man das hinbekommt. Also dass man es hinbekommt, das hatte man all die Jahre irgendwie verinnerlicht, aber wie genau, und welcher Schritt würde eigentlich der nächste sein? Ob überhaupt ein Schritt? Oder nicht gar ein Satz? Ein Rückrudern? Irgendeine Ausweichbewegung? Vielleicht sogar, auch wenn man nicht im Traum daran gedacht hätte, – nein.

Also trotzdem. Jetzt liefen wir über den Rasen, mit dem Wissen, dass der kalendarische Frühling schon begonnen hatte, mit dem Winter im Rücken und im Nacken und zwischen den Wirbeln, der Frühling riecht noch immer so wie immer, ach was, und wir saßen auf den Stufen im Sendesaal, scannten all die Gesichter, duckten uns weg, auch vor dem Licht. Es war die ganze Zeit halb elf, weil niemand an die Uhr gedacht hat. Halb elf, seit sie stehengeblieben ist. Immer halb elf.

Hauschka verdrosch dann drei Klaviere, man konnte die Reflexionen der Anschläge an der Saaldecke sehen, er klebte Gaffa auf die Saiten, und die Angst verprügelte er gleich mit. Neben dem Funkhaus waren mir die Worte weggerutscht und die Gesten und ich hatte genug damit zu tun, mich nicht im letzten Herbst zu verheddern und in der Erinnerung und diese mit dem Frühling nicht allzu sehr zu vermischen, aber auch nicht zu wenig. Also bestellten wir das Bier und auch den Wein in kleinen Flaschen und lachten, als jemand über den Stufen „Oh hiiiii, Susanne“ rief und alle nachmachten, wie er das sagte, und vor, wie man es tut. Also darüber zu lachen. Sich mit hinüber zu lachen. Auf die andere Seite, auf der man ja wieder eingezogen ist.

Auf dem Feld einen Tag später fuhr eine Frau mit dem Fahrrad, die sang so laut, wie ich singen würde, wenn ich es mich traute.

Heute lag dann plötzlich das Wort „Argwohn“ im Raum. Ein paar Stunden zuvor war jemand an mir vorbei geradelt, der brüllte in seine Kopfhörer und das Mikrofon an deren Kabel, als gelte es das Leben. Man weiß das ja nie so genau, vielleicht tut es genau das, er vergaß, den Arm rauszuhalten. Auch das ist am Ende nachvollziehbar, wenn man es sich genau überlegt. G. sang dann in meinen Kopfhörern dieses eine Lied, das abschirmt, wofür der Tag dann ein Wort fand, den Argwohn. Das eine Lied. Und die Blumen zuhause. Und dass wir bald wieder an einem See sitzen werden und wissen, wie er gerochen hat all die Jahre zuvor. Man erinnert sich irgendwie immer erst dann, wenn man muss. Man wird nichts überprüfen und vergessen zu denken und dem Morgen beim Ankommen zusehen. Es ist wahrscheinlich immer halb elf, man weiß das nie so genau.

Was ist das Gute an der Angst?

Kanal

Noch einmal das Gespräch zwischen Christoph Schlingensief und Katrin Bauerfeind gehört. „Die Angst ist das, was einen fragt: Wer bist du? Angst ist eine Produktivkraft, weil sie zwingt einen ja permanent doch zu Reaktionen, die einem auch fremd sind, aber sie stellt die Frage im Kern, wovor hast du gerade so Angst, und wenn du über dich Bescheid wüsstest, dann hättest du das nicht“, sagte er.
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Als ich noch schnell ein Päckchen Kaffee kaufen gehe, bevor D. zu Besuch kommt, steht an der Ecke dieses Paar, es ist einer der ersten Tage im Jahr, in Berlin sind die meistens so kalt, dass allen die Finger einfrieren beim Schreiben ihrer Listen an Vorsätzen, jedenfalls tragen sie beide Wollmützen, die große Frau und der kleinere Mann und während man die Beobachtung so aufschreibt, fällt einem wieder auf, wie dämlich diese Zuschreibung ist, Paar, vielleicht waren sie gar kein Liebespaar, sondern ein Geschwisterpaar oder Freunde, jedenfalls standen diese beiden Menschen da in einer innigen Umarmung, sie größer, er kleiner, und sie weinte und er weinte, und sie hielten sich fest und eigentlich wollte man auf der Stelle stehenbleiben, um ihnen nicht zu nahe zu kommen, oder eben direkt hingehen und sie von außen umarmen, aber meistens sind die eigenen Arme dafür sowieso zu kurz, und meistens ist meistens gar nicht oft, sondern nur manchmal, aber diese manchen Male fühlt sich die eigene Unzulänglichkeit so riesig an, dass man denkt, diese Situationen gebe es ganz häufig. Ist nicht so. Manchmal weinen eben zwei fremde Leute an einer Straßenecke.
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Es ist schwierig den Tannenbaum rauszuwerfen, ich stelle es mir zumindest schwierig vor, denn noch habe ich das nicht gemacht, im letzten Jahr stand er auch bis in den Januar hinein, und auch der jetzige bleibt noch kurz, einfach weil es gut ist, so eine leuchtende und grüne Ecke im Zimmer zu haben, man stöpselt die Lichter ein und schon ist alles wieder ruhig wie diese Tage. Und den Baum rausschmeißen würde bedeuten, dass die Ecke wieder leer und die Tage wieder lauter sind und es ist nicht immer etwas Schlechtes zu zaudern. An Weihnachten erzähle Opa davon, wie er jedes Jahr den großen Baum der Familie bis in den Sommer stehen ließ. Mein Onkel berichtete später, das sei ein einziges Mal passiert, die Nadeln seien im Februar schon komplett runter gewesen, aber den Baum habe Opa stehenlassen, direkt vor dem großen Ofen wie ein Skelett beim Arzt. Heute sagt er, das sei Absicht gewesen, mehr wissen wir nicht. Den Kindern war es peinlich.
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Nachts am Kanal hoppeln zwei Häschen über den unberührten Schnee, die Lichter der Notaufnahme des Urban-Krankenhauses spiegeln sich blau und grün auf dem dünnen Eis, alles ist ganz still, man hört nur das Schnurpsen der Schuhe im Schnee, die Hasen hört man nicht.
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Vor dem Café steht ein Häuschen aus Holz und auf Rädern und wirklich jeder zweite Mensch schaut durch das schmale Fenster ins Innere hinein. Am Fenster klebt ein Zettel mit den Zeiten für Besichtigungen und einer E-Mail-Adresse, die Menschen, die an so einem Sonntag im Schnee am Kanal unterwegs sind scheinen ein Interesse für Häuser auf Rädern zu teilen, sie kommen miteinander ins Gespräch, sie lachen, machen Fotos vom Haus und von sich und von sich mit dem Haus. Es steht da seit dem Sommer, ein dünnes schwarzes Kabel verbindet es mit dem Wohnhaus daneben, 100 Euro Miete würde es kosten, steht auch noch auf dem Zettel.
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R. fragt, ob das die eigene Wahrnehmung sei, dass nun ständig etwas passiere. Nicht einmal das Politische weiter weg, sondern vor allem Krankheit und Tod so nah an einem dran. Oder ob das schon immer so war. Vermutlich spielt genau das gar keine Rolle. Wir leben seit ein paar Jahren damit und finden es immer noch genauso scheiße.

Lynx

Weiss

Am ersten Tag des neuen Jahres sitzen wir im Gasthaus des kleinen Ortes direkt neben der Fleischerei. Oben auf dem Vordach der Fleischerei steht ein Plastikschwein, darunter ein Weihnachtsmann, zwei drei Tafeln davor, die Angebote werden nicht weniger. Wir sind die ersten Gäste im Gasthof, an den auch ein kleines Hotel angeschlossen ist. Die Bedienung sieht müde aus, aber ihre Nägel glitzern noch golden. Alle Tische sind gedeckt, die Tischkärtchen sagen, es gibt Sauerbraten. Es läuft der lokale Radiosender, draußen steht die Sonne tief über der Elbe, darüber ein Raureifschimmer. Im Ort auf dem kleinen Platz steht einer von diesen kleinen Kästen, in denen normalerweise sakrale Gegenstände vor dem Wetter geschützt und ausgestellt werden. Hier wartet stattdessen eine kleine, einäugige Plastikkatze hinter Glas. Wir essen hausgemachten Apfelstrudel, der Cappuccino kommt nicht mehr aus der Tüte und der zweite Gastraum füllt sich langsam. Am Tisch in der Mitte sitzt nun ein älteres Paar, beide tragen rote Pullover in der Farbe der Tischdecke und Servietten, sie mit Fönfrisur und einem Blick, als würde sie am liebsten alles und jeden hier kurz und klein schlagen, er vergnügt mit einem Hauch von Hans Guck-in-die-Luft, manchmal pfeift er zur Musik, sie sprechen nicht miteinander. Ihre Beschäftigung besteht aus dem beständigen Herumschauen und dem Wühlen in einem der zwei Rucksäcke. Das andere Paar, das nun in unserem Raum in der Ecke mit zwei Hunden Platz genommen hat, spricht immer erst mit der Bedienung, wenn sie direkt am Tisch steht, obwohl sie sich nur einen Meter weiter an der Kasse aufhält. „Könnten Sie mal kommen?“, fragen Sie jedes Mal, erst dann fragen sie nach der Karte, geben ihre Bestellung auf oder verlangen die Rechnung.

Ich steige gerade die Treppen hinauf, der Schnee ist frisch gefallen, da sehe ich ihn neben mir sitzen. Auf seinem Häuschen im Gehege. Einem Gehege, zu dem man nur mit einem alten Fahrstuhl kommt. Auch am zweiten Tag des Jahres steht in diesem Fahrstuhl ein älterer Herr im Wollpullover mit einer Brille und kassiert. Die Fahrkarte für den Fahrstuhl kauft man in der Fahrerkabine, er sammelt die Münzen mit zittrigen Händen aus der Münzhaltevorrichtung, im Aufzug ist es warm. Der Motor wurde Anfang der 2000er Jahre errichtet. Als wir oben sind, können wir nur den Anfang der Elbe erkennen, der Rest verschwimmt im Schnee. Jedenfalls steige ich diese Treppen hinauf, der Schnee knirscht und dann kotzt sich der erste Luchs meines Lebens die Seele aus dem Leib.

In der kleinen Bäckerei, die uns auch immer die Brötchen in den Briefkasten geworfen hat morgens, sitzt ein Paar mit Kind, beide schon etwas älter, das Kind vielleicht sieben Jahre alt. Die Mutter trinkt ihre dritte heiße Schokolade mit Eierlikör, währenddessen schaut sie mit dem Kind einen Flyer mit Kunstfiguren an. Gemeinsam zählen sie die Hände der aus Stein gemeißelten Frauen. Sobald sie alle Hände gefunden haben, beginnen sie von vorn. Der Vater bestellt sich nach einem Stück Kuchen noch mit Käse überbackene Kroketten, dann fragt die Mutter das Mädchen, ob sie nicht heute mal beim Vater schlafen wolle, sie würde dann ins Kinderbett ziehen. „Nein, das geht nicht“, sagt er, „ich brauche dich zum Einschlafen.“ Die Diskussion ist beendet, eine Lampe des Schwippbogens ist kaputt.

Auf dem Weg zur Autobahn fahren wir an einem Schild vorbei. Wildvogelschutzgebiet. Jemand hat es in Pink groß mit dem Wort “Lüge“ übersprüht.