Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Blicke

Stricken

Ich bin jetzt sieben Jahre älter, als er je geworden ist. Sagt man, „hat Geburtstag“ oder „hatte Geburtstag“, wenn jemand gestorben ist, also danach? Es gibt keine Tradition mehr für diesen Tag. Früher hatte ich eine. Habe mich hingesetzt und Bilder angesehen, viele Gefühle durchgefühlt, manchmal sogar Menschen davon erzählt, aber eher selten, in mir drin lange Gespräche geführt, mit ihm und mir und uns, jetzt wird es leiser. Aber eine Frage, die nicht weggeht, ist: „Was würdest du sagen?“ Die hängt nicht mehr an diesem Tag, die begleitet mich immer und immer wieder, kommt hervorgekrochen in Zeiten der Anspannung, wenn mich etwas herausfordert oder wenn ich sehr sehr müde bin vom Erwachsensein, dann möchte ich fragen „Was würdest du sagen?“ und mich anlehnen oder nur sitzen und Gameboy spielen, während er ein Rösti brät. Es gibt keine Vorstellung von ihm in meinem Alter oder von ihm in noch späteren Jahren, davon, wie wir wohl geworden wären. Manchmal sehe ich Pullover, von denen ich glaube, sie hätten ihm gefallen. Vielleicht hätten wir einander Playlists gebaut, vielleicht hätten wir aber auch alles einfach so gelassen, wie es war, und am Abend Frisbee gespielt auf dem sandigen Weg vom See nach Hause.

S. und ich stehen mittags im Supermarkt um Humus zu kaufen, es ist für meine Vorstellung ungewöhnlich voll, alle schieben sich nervös herum, suchen, beeilen sich, es ist Mittagspausenzeit. S. betrachtet die Antipastiauswahl, während sich ein Junge, ich vermute, so zwischen 13 und 15 Jahre alt, durch den Gang schiebt, hinter ihm ein deutlich älterer Mann mit kinnlangen, grau melierten Haaren. Der Junge fragt ihn, ohne ihn anzusehen: „Was willst’n du jetzt?“. „Ach“, murmelt der Mann, als er auf meiner Höhe ist, neben mir stehend, „inneren Frieden vielleicht.“

A. und ich laufen über das Tempelhofer Feld. Vor uns über dem Rasen schweben ein Astronaut im orangefarbenen Anzug und das blaue Monster aus einem dieser Animationsfilme. Es ist Februar und die ersten sitzen mit Decken auf der Wiese, fahren Fahrrad mit kurzen Hosen immer im Kreis. Der Wurstmann ruft, ob wir denn jetzt nicht mal langsam was kaufen wollen, wo wir ihn doch endlich gefunden hätten. Wir verneinen, grinsen, er winkt. Am Nebenstand hängt ein Schild: „Schwarzkümmel hilft gegen alles, nur nicht gegen den Tod.“ Die Tulpen warten im Auto.

Der Wind ist am Samstag so stark, dass Opa sich auf der Frankfurter Allee umdrehen muss, um voranzukommen. Er hat sich geweigert, feste Schuhe zu tragen, denn der Wind sei nur stark, nicht kalt, und die Sandalen mit den Socken darin, die wären bequemer. Aber Handschuhe wollte er mitnehmen. Er lehnt sich also gegen den Wind, bei mir eingehakt, und dann gehen wir in das italienische Restaurant, weil er wirklich nicht weiterlaufen kann, der Wind drückt ihm die Augen zu und er muss sich schräg dagegen stellen, um nicht umzufallen. Wir trinken also Kaffee im Windschutz neben vier jungen Damen, die nur Sprudelwasser bestellen und über alle lachen, die draußen mit verwehten Haaren kämpfen. Opa erzählt von seinem Großvater, der Zugchef war auf der Strecke von Hof bis Leipzig. Hin und her sei der gefahren und habe für Ordnung gesorgt. Wieder im Heim zeit er mir seinen Rollater: „Das ist mein neues Auto, ich habe sogar Bremsen.“ Vor dem Fenster spielt der Himmel sich auf.

„Wenn es darum geht, etwas haben zu wollen, dann würde es mir reichen, wenn ich ein Haus habe“, sagt der Taxifahrer, „aber eines, das schon abbezahlt ist, weißt du? Das kann auch eine Art Bungalow sein, Hauptsache ein eigenes Grundstück. Mit ’ner kleinen Auffahrt, wo ich mein Auto drauf parken könnte. Das wäre der größte Wunsch meines Lebens. Hinten mit einem kleinen Garten. Vielleicht mit einem kleinen Minipool oder sowas. Das würde mir schon vollkommen reichen, ich wäre der glücklichste Mensch auf der Welt.“

Als wir aus dem Kino treten, vergessen wir, diesen kleinen gelben Kasten an der Ampel zu berühren, von dem ich nicht einmal weiß, wie er heißt und ob er überhaupt einen Namen hat. Man muss entweder die Rundung berühren oder einen kleinen Knopf an der Unterseite finden. An der Rundung kann man die Berührungsfläche besser einschätzen, ich teile Menschen ein in ihre Paranoia vor Keimen an öffentlichen Orten, aber mit dem Pulloverrand zwischen Haut und der Rundung funktioniert das Signal nicht, dann erkennt der gelbe Kasten nicht, dass er berührt wird. Die Menschen, die den Kasten wirklich nicht berühren wollen, wickeln sich die Jacken- oder Pulloverärmel um den Finger und drücken den Knopf unten drunter, was weniger Berührungsfläche bedeutet, aber auch Ungewissheit, denn wer weiß, wie viele Kaugummis da schon kleben, die man von oben nicht sieht. Wir stehen also da und reden und gucken auf die Kreuzung und vergessen, dass sich das ohne unser Zutun vermutlich eine ganze Weile nicht ändern wird. Aber es ist kalt und am Ende drückt P. den Knopf.

And your hair to the left

Mit dem Fahrrad durch den Nieselregen fahren am Ufer entlang, den Pfützen ausweichend und dann noch über das glatte Kopfsteinpflaster balancieren, ein paar stehen vor den Restaurants und rauchen, die Mäntel nur über die Schultern gelegt, die Schals darüber, von einem Bein aufs andere tretend, ich fahre langsam und denke an ein Lied von J., „als wir in großen Buchstaben auf die Wagen schrieben“, das ist nun vielleicht fünfzehn Jahre her, dass wir das Lied zusammen gesungen haben, klingt kürzer, als es sich anfühlt. An der Kreuzung kurz einen Blick die Straße hinunter werfen, dort hinten wurde vor zwei Tagen wieder eine Frau überfahren, am nächsten Tag fand die Mahnwache statt. C. schrieb mir, weil sie an der Unfallstelle vorbeikam, es ruckelt in uns jedes Mal wieder.

A. spielt die Melodie von Darth Vader auf der Gitarre und mit dem Blick auf sein Größerwerden fühlt es sich an, als wäre ich schon eine Ewigkeit da, ich kenne ihn, seit er geboren wurde und jetzt sagt er plötzlich Worte wie Gierschlund.

Am Morgen trete ich auf die Brücke, der Himmel kann sich noch nicht entscheiden, was er sein will, also ist er alles auf einmal, fährt vor mir eine Frau auf dem Fahrrad unter den U-Bahnbrücke hindurch und genau in diesem Moment kackt ihr eine Taube mitten auf den Fahrradhelm., Es klatscht, ein paar Menschen drehen sich um, die wenigsten wissen, woher das Geräusch kam.

Zeilen im Briefkasten aus Sevilla und eine Erinnerung der Krankenkasse daran, dass ich jetzt 35 bin, ein Alter der Vorsorge. Auch ein gutes Wort. Die Zeit vor der Sorge. Oder eine kleine Form der Beunruhigung. Auf Opas Balkon, von dem aus man über die Dächer sehen kann, weil der siebte Stock dafür hoch genug ist, könnte man Kürbisse ziehen. „Das ist eigentlich vorbei“, sagt er und wendet sich ab, „das sehen wir dann.“ Auf dem Flur im Erdgeschoss begegnen wir einem schwarzen Pudel im Regenpullover. Aus dem Zimmer der Ergotherapie riecht es nach Kuchen. Am Tisch sitzen neun alte Damen in pastellfarbenen Pullovern aller Nuancen. Gebacken wird nach den Rezepten ihrer Vergangenheit, sie geben den Ton an und die Mengenangaben. Manche schauen nur zu, andere schneiden die Äpfel in Stücke, feiner als der Nagel des kleinen Fingers. Die große Nährwerttabelle will Opa bei sich behalten, die sollen wir nicht mitnehmen, er schaue dort oft hinein. Wir falten Stützstrümpfe. Sie sind zu klein, aber auch sie sollen bleiben.

Als wir nach drei Stunden aus dem Theater kommen, riecht es nach Schnee. Am Morgen danach spüre ich den Wein, wache quer im Bett auf und suche den Monolog aus Crave von Sarah Kane, den ich vor zwölf Jahren mal auswendig konnte. „(…)And watch great films and watch terrible films and complain about the radio and take pictures of you when you’re sleeping and get up to fetch you coffee and bagels and Danish and go to Florent and drink coffee at midnight and have you steal my cigarettes and never be able to find a match and tell you about the the programme I saw the night before and take you to the eye hospital and not laugh at your jokes and want you in the morning but let you sleep for a while (…)“ Das Ende des Januars liegt herum wie der Teppich im Treppenhaus zum Rang, eine festgetackerte Decke, über die man nur ein bisschen langsamer als sonst hinweg gehen kann mit einem kurzen Blick in die langen Spiegel, in denen man nicht sich selbst, sondern die anderen sieht.

Axiomensystem

Über ein halbes Jahr ist die Reise nun her, mir kommt es länger vor, und damals passierte soviel gleichzeitig, dass ich vor allem damit beschäftigt war, den Überblick zu behalten. Nun setzt sich der Rest. Mein Atem im zweiten Flugzeug, nachdem das erste am Morgen gecancelt wurde, und das direkt darauf folgende Gähnen, das immer erst dann kommt, wenn man es sich leisten kann. Das Gefühl, die Drei am Flughafen stehen zu sehen in Zürich, und wie sich dieses Gefühl Platz gemacht hat in mir nach dem Horrortag, weil ich mit vielem, aber nicht damit gerechnet hatte. Erschöpfung war das, draußen die Dämmerung, kurz vor zehn am Abend, das debile Grinsen und Heulen und Schweigen, weil ich für gerade Worte dann doch zu müde war, und die Freude darüber, dort zu sein, wo ich mich ein bisschen auskenne, aber mich nicht einmal auskennen muss, weil das andere für mich übernehmen. Als wir ins Wohnzimmer kommen, stehen dort noch ihre Teller, halbvoll, weil sie so überstürzt aufgebrochen waren, um mich abzuholen.

Ich denke an die Seestraße in Como, die Promenadenmenschen, an das sehr freundliche ältere Paar aus Oregon, die mir ein Bier ausgaben und dass oben in der Ecke der Trattoria eine Tuba hing. Ich erinnere die kleinen Zettel im Apartment, die vorherige Gäste in der ganzen Wohnung verteilt hatten, mit Grüßen und Liebesschwüren und Dankesreden in verschiedenen Sprachen. Ich weiß, wie müde ich dort war, wie das Licht morgens durch die Ritzen der Fensterläden fiel und ich nicht wusste, ob das nicht schon reicht. Das Licht zu betrachten, aber woanders.

Neulich träumte ich von Modena, auch jetzt erst, nicht von der Stadt, aber dem Hinterland. Vom Lesen und Liegen und dem kabellosen, herumflitzendenden Rasenmäher. Im Sommer letztes Jahr roch die Luft ständig nach Feuer. Von der Wiese hinter den Hecken kann man die umliegenden Ortschaften sehen. Die ersten Mücken kamen mittags und man muss Glück haben, ein bisschen Wind zu erwischen. Das Telefon wurde sehr schnell heiß in der Hand, alles wurde sehr schnell heiß in der Hand. Immer, wenn es wieder soweit war, ging ich schwimmen. Der Gedanke, jeden Moment ins Haus gehen zu können, um zu schreiben und Melone zu essen, hilft eigentlich bei allem, ich habe mir dort vorgenommen, das mindestens einmal im Jahr zu tun, irgendwo zu sein, wo ich schreiben kann und kaltes Obst essen, auf die Melone bestehe ich nicht, aber auf die Möglichkeit.

Der Brandgeruch in Verbindung mit Hitze erinnert mich noch immer an unseren Urlaub zu der Zeit, als Jugoslawien noch existierte und ich gerade lernte zu schwimmen mit den zerfallenden Stoffschuhen an den Füßen, weil meine Eltern der Meinung waren, die würden vor Seeigeln schützen, es waren keine Schwimmschuhe, im Wasser löste sich der Kleber, der Stoff umwirbelte meine Füße in Fransen und Fäden. Wir fuhren mit dem Auto durch die Flammen, wir Kinder saßen im Fußraum, ich weiß nicht, ob ich mich an meine Angst erinnere oder es nur das Gefühl ist, das sei eine Situation, in der man Angst gehabt haben müsste, als Kind erscheint Natur bedrohlich und unausweichlich zugleich. Du liebst die Wellen, aber du weißt auch, dass du sie nicht begreifst.

In Mailand las ich zwischen dicken Hummeln davon, dass die Kapitänin der SeaWatch verhaftet wurde. Neulich fand ich in meinem Portmonee ein Stück Papier aus dieser Zeit, auf dem steht: „Man soll sich sagen: Ich lasse mich nicht im Stich.“ In Bologna wurde ich langsam weicher, mein Nacken auch. Die Botanischen Gärten jeder Stadt wurden meine Zufluchtsorte in der Hitze. Schatten und viel pflanzliche Geometrie. An der einen Kreuzung begegnete ich einem, ich vermute, betrunkenen Mann, der mich, als ich an ihm vorüberging, in die Schulter boxte, mir hinterher brüllte auf Italienisch, so wie es einer Frau überall passieren kann. Niemand sagte etwas, auch ich nicht. Ich ging weiter, an der Ampel hatte sich das Herzklopfen wieder beruhigt, wir machen das so seit Jahren, und ich frage mich jedes Mal wieder, was wäre denn angemessen, was machbar?

Ich erinnere mich an die Trostlosigkeit von Formia, den Dreck, beides hat mich im ersten Moment erschreckt und im zweiten gerührt, weil die Menschen dort anderes zu tun hatten, als den Schein aufrecht zu erhalten. Die Mädchen lagen mit ihren Handys zu zweit auf einer Liege. Der Sonnenbrillenverkäufer machte eine Raucherpause im Schatten eines unbesetzten Sonnenschirms, die Brillen pinselte er mit einem Staubwedel ab. Kleine Fische schwammen im Meer neben Mikroplastikstückchen. Es roch nach Gras. Der Verlauf von Meerblau ist der schönste, den ich kenne.

„I think, I should travel and figure out who I am away from this place. And how to be attracted to people who are not insane. Last time I felt like I was running away. This time I feel like I am running towards something. I am just not sure what it is, yet.“ (Shawna in Tales of the City)

Silver Lining

Als ich kurz nach 12 auf dem Balkon stehe, denke ich kurz an das letzte Mal vor einem Jahr, dann daran, dass es so klingt, als würde dieses Mal weniger geknallt (was sich als Irrtum herausstellen wird, die Müllmenge ist wieder gestiegen, schreiben sie). Es gibt für mich nur noch wenige Abende, die von vornherein so aufgeladen sind wie Weihnachten und Silvester und selbst bei denen geht nach und nach die Luft raus. Ich meine das nicht negativ, sondern als würde die Erwartung leise pfeifen und kleiner werden und das ist etwas Schönes. Nicht, weil der Anspruch sinkt an einen Moment, sondern weil er sich aufteilt und sich nicht mehr nur an diesen einen Abend kettet, sondern eher an ein Grundgefühl, das einfacher aufrecht zu erhalten ist, weil es sich durch alles zieht, man kann es nicht so leicht erschüttern vielleicht. Als ich kurz nach 12 also zwischen meinen und anderen Menschen auf dem Balkon stehe, denke ich erst wie gesagt kurz an das letzte Mal vor einem Jahr, als ich zwischen fremden Menschen stand und mich fühlte, als hätte ich aus Versehen die Jacke von jemand anderem angezogen, und dann in diesem Jahr zur gleichen Zeit denke ich nicht mehr an viel, die Erinnerung verpufft und das ist ein bisschen wie in den Filmen, wenn jemand die Musik laut dreht und man nicht mehr versteht, worüber die Menschen sprechen, man sieht nur noch, wie die Münder sich bewegen, Hände Gläser schwenken, Gesichter lachen und weinen und starren und küssen und aufeinander reagieren. Und man zoomt raus und gleichzeitig in sich hinein und nichts soll anders sein.

Sie sitzen zu sechst im Aufenthaltsraum an einem großen runden Tisch, der aus eckigen Versatzstücken zusammengebaut wurde. Auf jedem Einzelstück stehen drei Wasserflaschen aus Glas, zwei Medium, eine Natur. Daneben jeweils drei Wassergläser. Darunter ein Untersetzdeckchen aus Papier. Viele Dinge sind beschriftet. Im Bücherregal stehen Biografien und Geographie-Bildbände, ein paar CDs, ein Abspielgerät für die CDs. Man hat den Raum weihnachtlich geschmückt. Während wir dort sitzen, kommt eine Pflegerin und schneidet leise Paprika, Tomaten und Gurke für das Abendbrot. Das Gemüse deckt sie mit Plastikfolie ab, ist für später. Der Müll wird sorgsam getrennt. Die eine Frau links von mir sagt: „Da beim Zionskirchplatz haben Sie damals den Ersten aufgehängt. Direkt am Platz. Der hatte sich ergeben, indem er eine weiße Fahne aus dem Fenster gehängt hat. Die Nazis haben ihn hängenlassen, tagelang. Wenn wir da vorbeigekommen sind, wir waren ja noch klein, konnten wir nicht wegschauen. Sie haben ihn erst nach einer ganzen Weile runtergeholt.“ Die anderen nicken und schauen auf die Wasserflaschen, alle Blicke im Raum wenden sich nach innen, nicht einander zu. Sie waren alle dabei.

Der Mann, der neben mir an der Ampel steht, wartet erst, bis es Grün wird, dann geht er schnurstracks und in einer sehr geraden Linie, aber mit bedachten Schritten über die Ampel. Sobald er den gegenüberliegenden Bordstein erreicht hat, fängt er an zu rennen, den ganzen Bürgersteig hinunter. Erst an der nächsten Ecke hält er an, stützt sich mit den Händen auf den Knien ab und atmet.

Man kann sich nur häuten, wenn die Haut sich wirklich gelöst hat. Erst dann kann man aus ihr herauskriechen mit allem, was man hat, vorher fällt sie nicht ab, vorher fällt gar nichts, und wie lange das dauert, bis es soweit ist, das kann keiner sagen, das wüssten wir auch gern.

Vor seinem Fenster in der Kurzzeitpflege ist ein langer Balkon. Die Balkontüren sind jedoch aus Sicherheitsgründen den ganzen Tag verschlossen. Wenn man raustreten möchte, muss man fragen. Von hier kann man den Hühnerstall sehen, in dem fünf, sechs Hühner herumstaksen und picken. Davor sitzt auch jemand auf der Bank mit einer roten Mütze und guckt ihnen zu. Opa sagt: „Was soll ich denn mit Hühnern?“

An der Notizfunktion im Telefon erkennen, wann ich gut funktioniert habe, wann nicht, wann ich mir Dinge merken konnte, wann ich Platz hatte für mehr als Notwendigkeiten, wann etwas gefehlt hat, wann ich Besorgungen machen musste, was auch ein lustiges Wort ist, Besorgungen, als würde man sich etwas aufbürden, das einem Kopfzerbrechen bereitet, Besorgung, ich besorge mich, hör auf mich zu besorgen, besorg dich nicht. Jemanden versorgen klingt auch, als würde man sich selbst dafür in kleine Zettel reißen und diese verstreuen, nicht zielgerichtet, aber sichtbar.

„It’s all good“ steht auf der Karte, die ich aus Cs Hand ziehe an dem Abend, ich sitze schon, denn ich habe genug gestanden, die Beine von mir gestreckt an der Wand auf dem Boden. A. hätte heute Geburtstag gefeiert. „Find that silver lining“ ist der vorletzte Satz.

I don’t have a leaving plan

Ich habe festgestellt, dass auf dem Dach der Hütte eine Bachstelze wohnt. Wenn man den Spiegel am Schuppen nicht abhängt, fängt sie an, gegen sich selbst zu kämpfen. Nicht einmal sehr erschöpft gibt sie auf. Mein nächster Comic heißt „Lisa und die Heckenschere“. Und auch die Romantik vom Schlafen draußen war früher eine andere. Vielleicht war ich früher zu beschwipst oder zu müde, um zu hören, was man nachts auf dem Land eben so hört, Fuchs und Hase hatte ich mir leiser vorgestellt. Durch das Fliegengitter des Zeltes kann ich die Sterne sehen. Am Morgen sitze ich mit dem Kaffee unter dem großen Kirschbaum mit der Schrotschusskrankheit, da landet eine Kohlmeise auf meinem Knie, guckt mich an und fliegt dann weiter. Ich binde Stockrosen zusammen, die sind nur einjährig, lerne ich, aber mein Gott, es lohnt sich ja immer. Der See ist ozeangrün. Ein Paar fährt in einem Kanu mit kleinem Motor vorbei, sie sitzt vorne und hat den Kopf in die Hände gestützt, er sitzt hinten und raucht, ich tauche. Auf die weiße Wand des verlassenen Hauses im Ort kurz vor dem Kreisverkehr hat jemand in blauer Schrift geschrieben: „Du bist mir so wichtig.“

Behalten wir das Haus, verkleiden wir es neu, wer macht das Dach, wer baut mir eine Küche, woher kommt diese Müdigkeit, geht die jemals wieder weg, ist das noch von früher oder was anderes, gibt man Panik einen zweiten Namen oder verklärt das, was behalten wir, was fahren wir zum Wertstoffhof, wirklich nichts bereuen? Was immer stimmt, ist: Man muss nicht alles sofort entscheiden.

Zwei Jahre braucht angeblich eine Leber, um sich zu erneuern, zehn Jahre das Skelett, ich hab eher das Gefühl, da wachsen Sachen nicht neu, sondern um. Das Herz, sagen sie, erneuere sich im Laufe unseres gesamten Lebens nur um max. 40 Prozent. Als ich mich Anfang des Jahres fühlte, als hätte mich soeben ein Lastwagen von der Seite umgemäht, sagte B.: „Man merkt, dass du gern am Leben bist.“ Es ist eines der schönsten Komplimente, die man mir jemals gemacht hat.

(Wenn ein neues Bon-Iver-Album raus ist, weißt du, jetzt beginnt wieder was.)

Light Years

Am Abend einen Einfall spüren, der innerhalb von kürzester Zeit immer größer wird, nicht mehr weg zu ignorieren. Und am Bauchgefühl merken, dass das ein guter Einfall ist. Am Morgen beantrage ich den Urlaub, am Abend buche ich den Zug. „Irgendwann hab ich angefangen, damit aufzuhören“, vielleicht höre ich jetzt auf damit Sachen eher aufzuschieben oder zu denken, das sei etwas für später. Und dann fallen mir die Flaming Lips wieder ein, die M. damals in mein Leben brachte neben dem Fotoautomaten am anderen Ende der Stadt. Komisch, nicht wahr, wenn man gerade mit der einen Körperhälfte lernt abzuwarten, und im gleichen Moment mit der anderen lernt, loszugehen. Vielleicht hat das auch nichts mit Körperhälften, sondern eher Körperteilen zu tun. Head over heart. Heart over pelvis.

Der Nachbar gegenüber mit den langen Haaren spielt jetzt wieder bei offenem Fenster Klavier, und das auch sehr ausladend. Er beugt sich und kämpft, man könnt meinen mit den Tasten. Aber man hört ihn nicht. Man hört wirklich gar nichts, ich habe es eine Weile versucht, dann wurde es kalt und ich musste mein Fenster schließen. Was, denke ich, wenn ihm ein totes Wiesel auf den Saiten liegt oder ein verbummelter Schlafsack und er weiß das gar nicht, vielleicht ist das schon immer so.

Am Abend nach dem Essen, es ist dunkel, aber mild, komme ich an diesem Magnolienbusch (oder ist es ein Baum?) vorbei und die Blüten leuchten, auch um diese Uhrzeit noch, als hätte jemand Glühbirnchen in ihnen versteckt. Dass ich stehengeblieben bin, um zu gucken, merke ich erst, als sich die zwei Frauen an mir vorbei drücken und mich verwundert ansehen.

Da vor dem Weinladen ist der einzige Platz, an den am Abend noch Sonne fällt. Auf der kleinen Bank vor dem Baum sitzen zwei ältere Herren mit Hut und betrachten den Wein in ihren Gläsern mit ausgestreckten Armen im Gegenlicht. Sie grinsen und murmeln, man versteht sie nicht. Der Verkäufer erkennt mich wieder, ich sehe das an seinen Augenbrauen, es ist eine ganze Weile her, aber mittlerweile kann ich behaupten, ich komme seit Jahren. Drumherum holen die Menschen ihre Kinder von irgendetwas ab, bringen sie irgendwohin, einer in der Konstellation zieht immer den anderen, zu meinen Füßen liegen Beutel, die Blumen werden diese zwanzig Minuten aushalten. Eigentlich fand ich es immer gut, Gesprächen von Fremden zu lauschen, mich nur kurz in Gedanken einzumischen, aber meinem Gesicht nichts anmerken zu lassen. Dieser Tage ist es besser zu schweigen, Musik zu hören, alles sieht dabei aus wie ein deutsche Fernsehfilm, der Boden ist vielleicht ein bisschen zu dreckig für einen deutschen Fernsehfilm und der Soundtrack zu gut. Ein Film ohne Gespräche, aber mit Abläufen, Gesten, einem Lächeln hier und da. Man wird auch beäugt, wenn man nur so sitzt und auf niemanden wartet.

„Mit Zynismus konnte Jetti nicht umgehen. Nach Zynismus musste sie Musik hören, um wieder dorthin zurückzukehren, wo der Mensch anfängt.“ (Michael Köhlmeier, Bruder und Schwester Lenobel)

„Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“

Der späte Februar und der beginnende März waren schon letztes Jahr eine Zeit, in der man abends kurz nach sieben noch tippend am geöffneten Fenster sitzen konnte ohne zu frieren, jedenfalls für ein paar Minuten, ein paar mehr. Eine Zeit, in der der Wind eine Atempause macht, die Tage so zukunftsgewandt, dass man bei der Vergangenheit wieder rauskommt. Der kleine Pathos, wenn es abends schon nach Sonne riecht und die Nacht nur langsam drüber klettert, wenn man Fahrradfahren kann, ohne dass einem die Wangen zerrupft werden von der Eisluft oder die Finger abfallen. Wenn die Haut sich schon windet, weil sie weiß, was kommen wird, aber noch nicht da ist, und auch diese Ahnung funktioniert ja nur im Abgleich, die funktioniert nur, weil wir das schon einmal erlebt haben (nicht nur einmal, die meisten von uns mehrfach), und weil wir die Bilder kennen. Wir können uns ja selten angemessen nach etwas sehnen, was wir noch nie gehabt haben, in diesen Fällen ist es relativ wahrscheinlich, dass die Vorstellung, an der die Sehnsucht hängt, schlenkert und an der Realität vorbei schrammt. Marion Brasch sagt im Interview, ihr Bruder Thomas sei einer von diesen liebens- und hassenswerten Menschen gewesen, „das macht eben solche Charaktere auch aus, dass sie nicht nur die Menschen auf ihre Seite ziehen, weil sie so toll sind, sondern auch weil sie sie absorbieren, er war so jemand, der auch Menschen getrunken hat“.

Mehr ein- als ausatmen. Der Frühling ist der erste Herbst des Jahres. Er riecht nach Pfannkuchen.

C’est par ici.

In den jungen, rauschenden Jahren denkt man bei jedem großen Verlust, mitunter bei jedem Tod, der einem begegnet: „Das erlebe nur ich“. Eine Dekade später fragt man sich: Wie kann denn jemand das noch nie erlebt haben? Nun werden die Unversehrten zur Ausnahme. Was sich darin spiegelt: ihre Einsamkeit. Und direkt daneben der Trost einer gemeinsamen Schmerzerfahrung, die zwar nicht gemeinsam erlebt, aber dennoch gemeinsam erinnert und verarbeitet wurde, der Trost, den man sich früher nicht hatte vorstellen können, im Leben nicht. Diejenigen mit den Brüchen erkennen einander. Man begreift sich in den ersten Minuten einer Begegnung.

Der Wendepunkt jedoch, der von hier zu da, von Abgrenzung zu Umarmung, von deiner zu unserer Biografie ist nur schwer auszumachen. Es könnte sein, dass es ihn gar nicht gibt und man unterwegs in den Kurven nur den Split von der Straße fegt, der sich unten im Tal zu einem Hügel zusammenrollt. Niemand weiß, wer das war und wann und mit wem. Aber das Grundstück ist schon verkauft, deswegen interessiert es niemanden mehr und die zukünftigen Besitzer werden es nicht besser gewusst haben, die kennen kein früher, und wenn, dann nur eines von vergilbtem Papier oder Dateien ohne Namen. Die Lebhaftigkeit von Interesse und Vorstellungskraft, wenn einem jemand so etwas zeigt (meist auch mit sichtbarer Erwartung in den Augenbrauen), hält sich in Grenzen.

In diesem Alter dann, wenn man das erste oder zweite Mal darüber nachdenkt, ob es eine realistische Option wäre, eine Immobilie zu erwerben, versteht man auch, dass es nur sehr selten im Leben um einen Abschluss geht, um ein wirkliches Hintersichlassen (man wird auch in diesem Alter die korrekte Schreibweise des Ausdrucks noch nicht kennen), sondern dass es in den meisten Fällen um ein Weitermachen trotz aller Umstände geht. Als wir durch den Wald am Wannsee spazieren gehen, es ist Sonntag, sagt P.: „Nichts ist sicher. Das war noch nie der Fall. Man vergisst das nur ab und an.“ Das mit dem Vergessen kann also passieren. In den meisten Fällen tauchen die Dinge, Erinnertes, die wichtigen Sätze dann irgendwann an anderer Stelle wieder auf (ob man sie wiedererkennt, wird hier offengelassen). Das Erlebte zu internalisieren, einen Ort dafür zu finden, der einem nicht zu nahe liegt, also trotz allem, und dann weiterzumachen, immer noch und wieder, das ist die Aufgabe. Nicht Auflösung. Erlebtes verdunstet nicht oder zerfällt.

Molaren

Die Stadt bekommt eine Gänsehaut. Das Licht zieht sich langsam in seinen Bau zurück, hinterlässt aber noch ein bisschen Glanz in den Wipfeln der Bäume, die so nah an die Balkone reichen, dass man hineingreifen kann. Wir sitzen unten auf einer Bank vor dem Laden, von dem J. sagt, er sei einmal eine der wenigen letzten Zufluchten ohne mattverschalte Hängelampen und Messingbecher gewesen, nun kann man dort viele verschiedene Sorten Bier kaufen und alles ist ein bisschen zu groß für diese Art von Straßenecke, die Bar im Inneren ist ein wenig zu lang, die Tische zu hoch, wir wählen die lange Bank. Zwischen uns steht eine Schale Erdnüsse, die Woche hat sich auf meinen Schoß gelegt mit ihrer Körperlichkeit und ihrem verrutschten Takt und es scheint, als käme sie nun langsam zur Ruhe, während ein Dackel die abgestellten Fahrräder inspiziert. Gegenüber gießt jemand die Blumen ein bisschen zu euphorisch. Wir erzählen einander die Geschichten unserer Toten, manche haben wir gemeinsam. Und als wir uns verabschieden, sitzt in jeder Straßenlaterne die Aufmerksamkeit eines Schluckaufs, all die Ampeln blinken so selbstbewusst in die Nacht, wie sie es nur tun, wenn man gerade verliebt ist oder aus dem Theater kommt, aus dem Kino oder eben aus einer Erzählung, einem Gespräch, einer Erinnerung.

J. sagt, dass wir Menschen uns füreinander die Beine ausreißen und die Haare zu Berge stehen lassen, das sei doch der Sinn von allem. Nicht die totale Kontrolle, nicht die Planung, nicht die Konvention. Sondern das Zucken, es schon hinzubekommen, egal wie laut es ist, wie schlimm, wie zehrend, dabei zu bleiben, denn mehr kann man nicht gefühlt haben, einander aus der Plastikfolie rollen und jeden Fitzel von der Haut klauben. Wir raten einander nicht zur Unvorsichtigkeit, sondern zum Luftholen. Und ich sage „Nimm das Handy mit“, korrigiere mich aber sofort, er sagt, dass er auf einem stillgelegten Flughafen übernachten will, vielleicht kommen ja Wölfe. Vor Tieren haben wir keine Angst mehr, vor Menschen noch immer, aber das macht uns nichts mehr aus. Wir nehmen die Furcht und legen sie zwischen die hintersten Backenzähne, dann spannen sich die Muskeln am Hals und wir sehen aus, als hätten wir jahrelang trainiert. „Haben wir auch“.

Cabin Service

Das Flugzeug fährt langsam an gefrorenem Gras vorbei, hellgraue Fasern vor Schwarz, dazwischen ein wenig besprenkeltes Beige der Start- und Landebahn. Am Tage lief eine Maus zwischen den Cafétischbeinen umher und die Menschen, die sie bemerkten, die quiekten nicht, wie sie es in den Filmen immer tun, die schauten nur und streckten sich unter die Tische, um sie besser betrachten zu können, ein älterer Herr winkte ihr freundlich zu. Da tobte draußen gerade der Winter und bog die Äste und pustete feuchten Schnee auf die Fensterbretter. Die Lichter der Stadt sind schon weit entfernt, man kann nur die Scheinwerfer des Flugzeugs erkennen, die den Weg leuchten. Ich halte Ausschau nach kleinen Mäuseaugen. Dann folgen die Vibration, der schiefe Horizont, der Druck hinter der Stirn, und dann kann man die Lichter doch wieder sehen. Ich flieg ja so gern, seitdem die Panik weg ist. Am liebsten nachts. Auch wenn es immer ein bisschen zu warm ist. Glühwürmchenstädte. Das sanfte flackernde Schwarz. Das Brummen, an das man sich nach ein paar Minuten schon gewöhnt hat. Hier oben kann ich auf der Stelle schreiben. Briefe, Verträge, Abhandlungen, es ist ganz gleich, was du mir aufträgst, aber hier oben, nachts, da geht’s. In diesem verdrehten Licht, in dem die Menschen schlafen. Ich versuche, ihnen nicht zuzusehen dabei, es sei denn, es sind Babies, die wissen nämlich von nichts, also noch. Ich selbst lasse mir auch nicht gern beim Schlafen zusehen, deswegen drehe ich mich, wenn ich die Möglichkeit habe, auf den Bauch, der Welt den Rücken kehren, man kann sehr viele Texte über die Bauchlage schreiben, gerade nachts in Flugzeugen, wenn einen niemand anniest oder anspricht oder anexistiert. Es kann passieren, dass man mit Kopfkissenstreifen im Gesicht aufwacht, also nach der Bauchlage, seltener nach dem Flugzeug, dann braucht das Gesicht meistens eine halbe bis Stunde, um sich in seine ursprüngliche Form zurück zu plustern. Also würde der Tag sich langsam darin ausbreiten, sich Platz verschaffen, den er in der Nacht nicht brauchte. Nachts im Flugzeug bin ich eine sehr gute Beraterin für alle Lebenslagen und Fragen, die eventuell aufkommen, ich stehe jedem zur Seite, der hier oben nicht fragt, es liegt ja auch alles ausgebreitet unter uns herum. Nur das Essen und die Getränke werden in zu kleinen Gefäßen gereicht, die bei ein paar Turbulenzen schon aufgeben und ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Der Rest wird auf die wesentliche Winzigkeit herunter komprimiert. Sitz, Tasche, Fenster, Ablage. Alles ist kipp- und verschließbar und die Literatur besteht aus einer Anleitung zum Überleben. Du kannst mich alles fragen hier oben und ich finde eine passende Antwort, denn wir hier oben haben nichts zu verlieren. Die Leute irren sich gewöhnlich in der Annahme, es sei gefährlich nachts im Flugzeug. Wir hier oben sehen, wie die Welt zugrunde geht. Es werden Chipstüten mit 15 Gramm Inhalt gereicht. Vorne drauf das Foto eines Piloten, der auch eine Pilotin sein könnte, das ist das Gute am Dämmerlicht, außerdem zu sehen sind ein kleiner Hund und ein Segelflugzeug. Irgendwann werden sie die Kartoffelscheiben einzeln laminieren, weil sich irgendjemand nicht die Finger schmutzig machen will an frittiertem Gemüse irgendwo über dem Ozean.