Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Blicke

Tisch und Boden

Ich habe Gameboy gespielt bei dir auf dem Sofa und ich weiß nicht mehr genau, warum, aber du bist aus der Küche gekommen, hast gesagt, ich soll mal kurz Pause machen, ich hab aufgesehen, und du hattest diesen Ton drauf, hinter dem eine Stille stand, die ich nicht einordnen konnte. Und dann hab ich mit den nackten Beinen auf dem Sofa gesessen und gemerkt, wie kalt meine Füße eigentlich sind und du hast dich auf den Tisch vor mir gesetzt und gesagt, ich brauche keine Angst haben. Da ging das Licht im Hof an und jemadn schloss sein Fahrrad an der Regenrinne ab. Du hast gesagt, ich solle mir keine Gedanken machen und ich war verwirrt, weil ich bis dato nicht auf den Gedanken gekommen war, mir Gedanken zu machen, für mich waren die Dinge ganz klar. Du und ich und das Sofa und der Gameboy und die Pizza und das Wochenende und dann wieder nach Hause, Mitte der Woche anrufen, nach Kino fragen oder einem neuen Rekord, eine Zeit festlegen, auf die Flikflak schauen, Datum im Kopf einstellen und dann wieder du und ich und das Sofa und der Gameboy und der Park um die Ecke. Manchmal war eine Frau dabei, aber das hat nichts geändert und jetzt plötzlich musstest du dich auf den Tisch setzen und mir sowas sagen, sonst war der Boden genug. Du hast dann weiter gespielt und ich hab ferngesehen und später wurde ich abgeholt und alles war vergessen, beiseite. Vielleicht hätte ein bisschen Angst gar nicht geschadet, ein kleines Unbehagen, vielleicht hätten wir uns dann noch öfter gesehen. Ein zwei Mal.

Mir ist es wieder eingefallen letzten Sommer am See, wo deine Eltern gewohnt haben. Ich war dort um zu lesen und zu schwimmen, auf dem Nachhauseweg hab ich gemerkt, dass ich da war, um mich zu erinnern.

Schmelzwärme.

Weißt du noch, es war so leise, als ich kam. Ich habe mich selbst fast vergessen, so leise war es, nicht verloren. Alle Autos haben ihre äußeren Lichter ausgeschaltet, nur die Autoradios blieben an, knisternd ohne Ton. Aber so, dass sie die Karosserien von innen beleuchteten, sodass man nicht genau wusste, ist das ein Glühwurm oder die Reflektion des Mondes, des Weckers, man wusste es nicht. Weißt du noch, es war so kalt, als ich kam. Ich hab dich beinahe nicht gespürt, so wenig warm war, nicht weniger beachtet. Die Bäume hatten angefangen sich abzufinden, das Heben gegen die Gehwegplatten aufzugeben, die Rillen verschwanden ins Nimmerland und zurück blieb flaches Eis und Stein, fest genug die Spatzen und Möwen und Tauben zu tragen. Von weitem ein Eissee, etwas zerklüftet zwischen den Bordsteinkanten, fjordartig gespalten von Stadtreinigungseimern und Laternenpfählen, wie tief die noch reichten, man wusste es nicht.

Wie gut wir es nun haben hinter all dem Glas, wer hätte das gedacht. “You know I dreamed about you for 29 years before I saw you.”

Nur leichte Irritationen.

Hold ourselves together with our arms around the stereo for hours. While it sings to itself or whatever it does when it sings to itself of its long lost loves. I’m getting tied, I’m forgetting why. Tired and wired we ruin too easy, we sleep in our clothes and wait for winter to leave. But I’ll be with you behind the couch when they come on a different day just like this one. (…) So worry not. All things are well. We’ll be alright. We have our looks and perfume.

(The National - Apartment Story)

Und während draußen Schnee liegt und gestern abend schon die ersten Väter ihren Kindern gezeigt haben, wie bunt Schneegestöber sein kann, verkrieche ich mich bis zum letzten Moment in einem grauen Kapuzenpullover. Dann geht es raus, viele werden wie ich einen kurzen Rock tragen, viele werden frieren und lachen und wir alle werden ein bisschen seltsam aussehen, staksend im Schnee, den Pony verwirbelt und die Erinnerungen des alten Jahres immer noch wie einen viel zu schweren Mantel auf den Schultern. Vielleicht werden wir uns zwischendurch in der Straßenbahn heimlich an der Hand nehmen, also in Gedanken - so wie manche vor dem Essen immer sagen “Jeder esse, was er kann, nur nicht seinen Nebenmann” - vielleicht sollte man sich ein bisschen essen manchmal, zumindest in die Augen schauen nachher, weil wenn der andere im richtigen Winkel zum Fenster steht, dann wird man das Feuerwerk trotzdem sehen können. Vielleicht wird sich morgens jemand am anderen anlehnen in der Straßenbahn oder beim Warten darauf, sich anlehnen, obwohl er ihn nicht kennt, und etwas träumen, das er sich nicht merken wird. Und vielleicht schneit es die Nacht über so sehr, dass man morgen die Spuren nicht mehr richtig sehen kann, nur noch leichte Irritationen auf einem großen, weißen Teppich. Vielleicht wird das dann auch ein bisschen so mit dem neuen Jahr.

Habt es schön.

Something about airplanes.

You might not think that I’m in town. But I’m around.

Stage fright.

Wir bauen Luftschlösser. Wir basteln uns Orte, die wir nie erreichen werden. Da passiert dann immer viel, da ist eine Menge los, da ist es einfach. Wir können das sehen, uns erreicht das Echo jeder Bewegung dort wie eine kleine Gänsehaut. Aber die ernsthafte Berührung, das wäre eine andere Geschichte, davon spricht man nicht. Denn vielleicht hat sie kein Happy End. Wir schreiben ein Stück, wir feilen an jedem Dialog, radieren, schieben herum, streichen durch und schreiben an den Rand. Unzählige Versionen drucken wir aus. Und am Ende legen wir die mit den wenigsten Korrekturen in die Schublade und schließen ab und hängen den Schlüssel ans Schlüsselbretten neben den für den Keller.

Vielleicht findet jemand das Stück irgendwann neben der Mülltonne, wenn wir umziehen, irgendwoandershin. Wenn wir nicht mehr daran denken, weil die Zeit sich so beeilt. Weil wir keine Bühne gefunden haben, zuviel Lampenfieber hatten oder das Interesse verloren. Vielleicht gefällt es dem Finder. Vielleicht wird er neben den Mülltonnen ein zwei Zeilen rezitieren, eine Handbewegung machen, die dazu passt, das Gesicht verziehen oder kurz lächeln. VIelleicht wird er den Stapel Papier mitnehmen und ihn abends im Bett seiner Frau vorlesen. Vielleicht werden sie ihn in die Schublade ihres Nachtschränkchens legen und sich darüber freuen, jeden Abend ganz kurz. Vielleicht werden sie merken, dass ein zwei Seiten aus der Mitte fehlen. Vielleicht werden sie es nicht schlimm finden, weil sie nicht wissen, dass das die besten Stellen, die einprägsamsten Dialoge sind. Vielleicht weißt du, wer die ein zwei Seiten hat.

Das hat auch nichts mit einem Happy End zu tun, das Happy End hat keine tragende Rolle.

Wofür man das macht.

Um es sich selbst zu beweisen. Für den Blick am Morgen, der noch kein Morgen ist, aber sich schon wie einer anfühlt. Für das Tauwasser, wenn man irgendwann auf der Heizung sitzt und schaut und denkt, so könnte Schlaf sein, wenn Schlaf nicht wäre, wie Schlaf nun mal ist. Auf eine schwarze Stadt zu sehen, bis alles vor den Augen verschwimmt. Mit einem Rauschen, das nichts übrig lässt außer sich selbst. Und mit der Gewissheit, dass es irgendwann vorbeigeht. Man macht das alles für die Sicht auf die leuchtenden, wie in Flammen stehenden Kräne, den Wind an den Knien, der sagt, dass das hier zwar Herbst heißt, aber nicht wie Herbst aussieht. Man macht’s am Ende, weil das Herz in diesem Sinne nicht aus einem heraus kann. Die einzelnen Bestandteile können sich voneinander trennen, Klappen und Zuläufe, Sehne und Muskel, Aufhängung und Blutgefäß, aber es ist trotzdem noch da, es ist ja auch so, dass Menschen nicht keine Familie mehr sind, nur weil sie beschlossen haben, nicht mehr beieinander zu wohnen. Das ist wie die Sache mit dem Photo, bei dem man immer weiß, wie alles ausgesehen hat um den Bildausschnitt herum, bis ins Kleinste könnte man jede Linie weiterzeichnen, aber das Gezeichnete nie wieder mit der Realität abgleichen, nie wieder prüfen. So ist das eben.

Man macht’s, weil man’s aushalten kann.

Geodäsie am lebenden Objekt.

(Video (c) “You and Me and Everyone we know” by Miranda July)

Sich selbst ein Ort sein. Das lernt man nicht von gestern auf heute. Und auf morgen vielleicht auch noch nicht. Die Sache mit dem Aushalten und dem inneren Juchzen, das nicht gehört werden muss und dennoch genügt. Das große Fressen, das Menschen hin und wieder miteinander veranstalten, und hier und da einen Finger mitgehen lassen, eine Hand, einen Arm, und mit dem Arm vielleicht ein Stück Herz. Solche Geschichten enden immer mit Resten, es ist selten so, dass du dir den vollgefressenen Bauch streichelst, während du den Abwasch machst, und alles sofort in Ordnung bringst. Das Stehenlassen der Dinge über Nacht, das muss man lernen. Und dass man nachts aufwacht und jeder Zentimeter um einen herum kühler ist als man selbst. In mehreren Orten gleichzeitig zu sein, an einem gewissen Platz nicht mehr stattzufinden, dich manchmal unsichtbar zu machen, das begreifst du nicht am ersten Tag. Am zweiten auch nicht. Aber vielleicht am sechzehnten. Vielleicht hast du ein paar Jahre lang nicht richtig in den Spiegel geschaut und es fällt dir erst auf, wenn er einen Sprung hat genau dort, wo deine Narbe sonst ist.

Nothing to write home about.

Zum Nachdenken kommst du an den Abenden nicht, weil du einschläfst, bevor du merken kannst, wie kalt es ist. Weil du im nächsten Lied bist, um nicht auf den Text vom letzten zu achten, dir keine Zeile zu merken, nicht in die Verlegenheit zu kommen, am Ende doch das eine oder andere Wort mitzusingen, vielleicht nur den Nachhall, den Takt mit dem Daumen an der Hose zu klopfen. Zum Nachdenken kommst du an den Morgen nicht, weil du stehst, bevor du merkst, wie kalt es ist, weil du den Schal bis an die Nase ziehst, bevor du deine Atemwolke siehst, weil du das Haus verlassen hast, bevor du hörst, wie leer es ist. Zum Nachdenken kommst du, wenn du in der Müdigkeit vergessen hast, einen Vorhang zu schließen und mitten in der Nacht von einem Mond geweckt wirst, der dich anguckt, sodass es nichts bringt, die Augen zu schließen und sich umzudrehen, weil er so schaut, dass du ihn im Nacken spüren kannst. Der dich noch anschaut, wenn der Wecker klingelt, wenn auch nicht mehr so offensichtlich, aber immer noch so, dass du beim Anziehen besser den Blick senkst.

Dann legst du den Finger an die Scheibe wie ein Hallo, wie zu Beginn einer Annäherung, aber der Mond hat keine Hände.

4 m per sec

Sometimes you meet people you don’t know. Sometimes sometimes is in an elevator. Some of these people might be neighbors. Some of them you’ll never see again. While spending time with these people in an elevator you might get some of the most basic information about these people you can get:

1. How they breath.
2. The volume of their speech.
3. Where they look at when there’s nothing to look at.
4. Their shoes.
5. The content of their shopping bags.
6. Type A pushes the button immediately, Type B asks if you wanna do that first, Type C asks where you have to go and then pushes the button for you.
7. Their kids.
8. Their goodbyes.

Re’em

Unicorns are about myths and they’re not seen very often. They have the power to neutralize poison and their tear drops may solve petrification problems. Sometimes they’re able to turn deserts into prosperous gardens. They don’t need magic wands, it’s just that they are where they are - and that’s enough. Sometimes they dance at your kitchen table and you watch them and get happy while doing so.

Sometimes when I am staring at some peoples foreheads, they ask: “What are you looking for?” Mostly I stay quiet and smile or point at the sky just to make them forget their question. There are no adequate words to say that they remind me of unicorns and that I am still looking for their single horn because I am sure that there has to be something like that. Those people are not seen very often. They don’t need magic spells. You just watch them and get happy.