Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Santa Ponca

Santa Ponça II

Promenade

Auf den Bürgersteigen findet sich allerhand, das niemand mehr benutzt, diese Maschinen, auf denen kleine Kinder für fünf Minuten vor- und zurückgeschuckelt werden, Automaten in Formen, vor denen jeder Angst bekommt. Das Pferd mit den rosa Haaren, das hier steht und auf einen Reiter wartet, schielt ins Nirgendwo, das Blau seiner Hufe fällt in Fetzen herunter, jemand hat ihm einen Penis ins Maul gemalt. Abends wird es hineingerollt zu den zwei einarmigen Banditen, dem Roulette-Tisch, zu dem es niemanden gibt, der große Sprüche macht. Es gibt nur die kleine, untersetzte Frau mit der Dauerwelle, die nur Kleidung in Erdtönen trägt und einen zitronengelben Eimer. Jeden Abend wischt sie einen Boden, den niemand betreten hat.

Küstenlinien

Manchmal laufen tagsüber ein paar Frauengruppen herum, manche mit frisch geborenen Babies, die anderen mit den ersten grauen Haaren, vereinzelt Paare mit Peak Performance Kleidung, die Kinder in Jack Wolfskin Jacken gezwängt, sie wollen baden, aber dürfen nicht. Also bekommen sie ein Eis oder eines der neonfarbenen Gummitiere, die in durchsichtigen Plastikboxen in den Kiosken herumstehen, die geöffnet haben. Am Strand läuft niemand, weil es dort riecht manchmal, wenn der Wind ungünstig steht, die Algen räumen sie nicht fort, in den Restaurants sitzt niemand, weil man sich mitunter seltsam vorkommt als einziger Gast. Wenn man dann doch einmal mehr als zwei Menschen am Stück sieht, schaut man sofort interessiert, wenn sie sich unterhalten, noch interessierter, man könnte ja doch etwas verpasst haben, am Ende sind es dann doch nur Bingofreunde aus demselben Hotel. Man grüßt sich nicht. Vereinzelt findet man ein paar Männer mit schütterem Haar, die oft einen Laptop neben sich platziert haben, die nicht wissen, wo sie hinschauen sollen, denn das, was es gibt, haben sie gestern schon gesehen. Also falten sie Servietten und schieben die Erbsen und Möhren hin und her, sie bestellen sich noch ein Bier und warten nicht einmal mehr, denn warten kann man nur, wenn irgendetwas im Verborgenen liegt. Hier liegt nichts, die Dinge sind offensichtlich verlassen und das, was weg ist, kommt vor nächstem Sommer nicht wieder. Auch die, die hier wohnen, kommen vor nächstem Sommer nicht wieder, manchmal glaubt man, sie wollten nicht gesehen werden. Sie verschwinden hinter Gardinen und in Hauseingängen, sie senken den Blick, als sei es ihnen unangenehm, als hätten sie etwas damit zu tun, obwohl man ihnen sofort glaubt, dass sie ihre Hände nicht im Spiel haben. Niemand hat seine Hände im Spiel, alle haben ihre Hände in den Hosentaschen, die Schultern angezogen, denn der Wind weht frisch.

Locked Up

Ich frage nicht, wie das so ist, wie es sich anfühlt zu wissen, dass noch drei Monate vor einem liegen, in denen quasi niemand kommt. Ob es einen Tag gibt, an dem sie beschließen, den Laden nicht zu öffnen, ob sie das vielleicht nur für sich tun und die eigene Routine, um nicht irgendwann einfach auf dem Bett liegen zu bleiben und nicht mehr aufzustehen. Nie mehr. Ob sie den Laden als Grund sehen, sich einen Zopf zu binden und die Schürze anzuziehen, oder ob sie nicht mehr anders können, als jeden Morgen aufzusperren, die Schilder auf den ungefegten Gehweg zu schieben, auf denen noch der Müll des letzten Tages der Hauptsaison liegt, aber kein neuer. Das, was dort liegt, liegt schon länger, da kommt nur Staub und ein bisschen Wetter dazu, die Stürme werden stärker gegen Ende des Jahres, eine Woche vor unserer Ankunft hat der Südwesten eine Menge abbekommen. Ich kann sie nicht fragen, wo sie lieber leben würden, ob das nicht vielleicht sogar doch ihre Lieblingsjahreszeit ist, der Winter und all das, ob sie jetzt eventuell durchschnaufen, sich mal frei machen, die Schultern entspannen, froh sind der Ruhe wegen und dass sie überhaupt einmal gehen können ohne angerempelt zu werden oder laut gerufen. Ob sie morgens, wenn sie aufwachen, die Geräusche vermissen.

Blanket

Ich bin hier aufgewacht, alles stockduster, in der Stadt kannst du alles sehen, selbst wenn die Lichter aus sind, aber hier ist es einfach Nacht und wenn du Glück hast, findest du das Fenster, und wenn du dann noch ein bisschen mehr Glück hast, siehst du den Mond und hast eine Hilfe. Ich bin von der Stille aufgewacht, ich, das Mädchen mit den Elefantenohren. Es war so still, dass ich glaubte, jemand hätte die Verbindung gekappt, ich könne nur noch nach drinnen, aber nicht mehr nach draußen, es war so still, dass ich den Wasserhahn anmachte, um mich zu vergewissern und sicher zu gehen, mein Herz pochte nicht schneller, nur lauter, alles in Ordnung. In der anderen Nacht vermute ich jemanden hinter dem Duschvorhang, es ist jedoch nur das kleine Fenster, das ich vergessen habe zu schließen, das ich öffnete, um während des Duschens etwas Kaltes im Gesicht zu haben, frische Luft. Auf dieser Insel ein unbändiges Bedürfnis nach Luft und Wind, ich weiß nicht so recht, wie ich jemals in die Stadt zurückkehren soll, wo es stinkt und staubt und wo einem nicht morgens die Haare von ganz allein während des Gangs zum Frühstück trocknen. Man macht es ja doch einfach dann, wenn es so weit ist, man fährt los und zurück. Aber ich habe aus der Dusche heraus die Berge gesehen.

Walls

Santa Ponça I

Beach Life

Die Engländer sitzen und rauchen. Sie sind nicht wie die Deutschen, sie haben keine Arena. Sie sitzen dort und starren auf den Pool, dessen Wasseroberfläche sich nicht bewegt. Ein Publikum ohne Show, unter ihrem Blick liegt nur der Ort, abends in Rosa, morgens in Nebel. Der kleine Hafen in der Bucht völlig unbewegt. Und wo sich tagsüber hin und wieder einige Menschen über den Platz treiben lassen, findet sich abends niemand mehr. Aus dem für Touristen gebauten Städtchen wird am Abend eine Kulisse, deren Wohnungen leer stehen (Se vende!), deren Lädchen beinahe allesamt verrammelt und verriegelt sind, dazwischen sitzen ein paar Männer in wenig beleuchteten Kneipen. Schon abends um acht meint man, es sei Mitternacht. Die Lichter der umliegenden Dörfer wie kleine, müde Augen.

Gelateria

Die Bauarbeiten schieben sie auf den Winter, eigentlich schieben sie alles umher, das Aufräumen auf den Sommer, am Hafen stapeln sich übel riechende Algen neben Sandhaufen, als habe man den Strand neu aufschütten wollen und dann sei etwas dazwischen gekommen, ein Fußballspiel, ein Mittagsschlaf, ein Anruf, aber eigentlich ist es dann doch nur der Winter, in dem sie alle in eine Starre verfallen oder fortgehen. Die ganze Zeit sehen sie so aus, als habe man sie gerade aufgeweckt, bei irgendetwas gestört, was sie lieber täten, als hier hinter einem Tresen zu stehen und auf jemanden zu warten, der nicht kommt. Wenn dann doch einer kommt, lächeln sie erst einmal nicht, ich vermute, dass sie glauben, dass man eh weitergeht aus Unbehagen, zurück in die eigene Ferienanlage, wo man alles schon kennt, den Kellner und den Tisch, an dem man am Abend sitzen wird. Man kennt die Speisen, die meisten zumindest, und die Tischnachbarn. Sie reisen morgen ab? Jaja. Achso. Guten Appetit. Bis morgen.

Entre

Sie nehmen auch Pfund in den meisten Läden, sie baden den ganzen Sommer im Klischee und im Winter wissen sie nicht, was sie tun sollen, die, die zurückbleiben, blicken auf leere Straßen, auf angefangene Baustellen, leer stehende Ruinen, nicht benutzte Telefonzellen, auf all die sich auflösenden Plakate, die Parties ankündigen und das günstigste, beste Essen des Ortes, alles aus der Heimat, nichts Einheimisches, bloß nicht zu viele Vokabeln, die fremd klingen könnten. Es scheint, als schrecke das die Menschen, die vorbeikommen, ab, also Spanisches. Die, die bleiben, blicken auf Pflaster, das sie im Sommer kaum sehen, weil nur Badelatschen und bunter Stretchstoff zu sehen sind, nackte Haut und rote Gesichter, so stelle ich es mir vor, ich war noch nie im Sommer da, aber man kennt die Reportagen, man gruselt sich und das, was hier übrig geblieben ist, sieht aus, als wäre alles wahr. Als sei das noch nicht einmal alles gewesen.

Liebe und so

Ich kann mir vorstellen, wie sie in den Büschen des kleinen Parkes liegen, der mit aufgeschütteten Hügeln und abgezäunten Wegen einen Zweck der Nettigkeit erfüllt, eine Aufgabe der Seriösität. „Picknick verboten“ steht auf einem Schild, niemand wird hier picknicken, nicht einmal ansatzweise, ich denke, diese Sorge ist unbegründet. Ich kann sie mir vorstellen zwischen den Bäumen, die Paare und Nichtpaare, die Kurzzeitverliebten und Bekanntschaften, die sich aus Versehen Begegneten, der Rasen wächst nur mühsam nach, er freut sich auf den Winter, und die Vögel, die in ihren großen Nestern in den Wipfeln einen Höllenlärm machen. Wenn man darunter steht, merkt man es erst nicht, doch nach kurzer Zeit tun einem die Ohren weh, und dann erst legt man den Kopf in den Nacken und sieht das Zittern in den Ästen, meint, gleich stürze einer von ihnen herab, danach alle anderen. Man geht dann lieber weiter, ein bisschen unheimlich ist es schon, ein bisschen schön. Auch wie die anderen schauen, wenn man so angewurzelt steht, eine Gänsehaut im Nacken. Die meisten bewegen sich hier dann doch von einem Ort zum anderen, vom Hotel zum Restaurant, vom Restaurant zum Strand, vielleicht verirrt sich einer noch zum Mirador, dem Aussichtspunkt am anderen Ende des Ortes, einem Gedenkstein, der an die Eroberung erinnern soll. Am Ufer darunter fischen einheimische Familien an Sonntagen, sie stehen in Gummistiefeln auf den spitzen Steinen zwischen Fischschuppen und Zigarettenstummeln, die in kleinen Pfützen liegengelassen wurden.

Pool Life

Wenn das Licht gut fällt, sieht das Wasser aus, als habe es jemand in Alufolie eingewickelt. Und niemand macht sich die Mühe, sie mit der Fingerkuppe glatt zu streichen wie wir damals die Verpackungen der Überraschungseier.