Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Die einundzwanzigste Woche Jahr

Brandenburg

Der Zug aus Berlin hinaus ist voll. Das Paar neben uns diskutiert den Umbau ihrer Küche, er weiß, wie sie das machen soll, er teilt ihr die Planung mit, sie ist sich nicht sicher, aber nickt. Beide sitzen barfuß auf ihren Plätzen, bis andere Leute kommen und sich dazusetzen. Die obligatorische Gruppe Betrunkener ist auch anwesend, manchmal meldet sich einer von ihnen zu Wort, immer derselbe. Es scheint, als würden alle Gedanken einfach direkt nach Produktion aus ihm herausfallen. Wo das Bundesland Brandenburg beginnt, sieht man Deutschlandfahnen in den Vorgärten, nicht einmal nur auf den Schreberflächen, sondern auch dort, wo Menschen dauerhaft wohnen. Sie hängen aus dem Fenster, bekommen einen eigenen Mast, sind Accessoire und Aushängeschild zugleich. Erkennungszeichen einer Zone. Brandenburgs Bahnhofsvorplatz wurde ordentlich renoviert, es gibt einen Laden für Hauschka-Kosmetik, einen Biomarkt, einen Bäcker, einen Imbiss mit Metallstühlen und Sonnenschirmen. Aber kaum Menschen. Die, die es gibt, sind alle auf dem Weg irgendwohin. Brötchenholen, Hund ausführen, wegfahren. Niemand verweilt auf den eigens dafür angelegten Sitzflächen. Hier war ein Sitzflächenprofi am Werk. Mit und ohne Lehne, aus Stein, aus Holz, ergonomisch geformt oder einfach nur viereckig, für angelehnten Stand oder die eindeutige Sitzposition. Niemand sitzt. Außer uns uns den beiden, die Pommes essen und Bier trinken. Hier ihnen stehen zwei Mülltonnen. Eine für Pappe, eine für Plaste. Wir laufen zum Kanal, dort liegen die Boote. Auf dem Weg begegnen wir einem Paar, sie lächeln schüchtern, sprechen nicht. Sonst treffen wir lange niemanden. Die meisten Gardinen sind zugezogen, Rollläden gibt es, als habe man sich verbarrikadiert vor etwas, das nicht kommt. An einer Hauseinfahrt steht “Hey, na”. Will man sagen, aber wem? Grundstücke und Häuser kann man kaufen, alles günstig. Wir sehen das alte Rathaus, eine Familie stolpert aus einer Gaststätte, wir fragen jemandem nach einem Geldautomaten, es dauert. Der Zahnarzt heißt Deichsel. Wir lachen beide über den Witz, den niemand aussprechen muss. Die Häuser am Bahnhof haben moderne Fassaden, das Gesundheitshaus sogar einen Dachgarten. Architektur gegen Fremdenfeindlichkeit? Uns kommt ein Motorradfahrer mit Totenkopfhelm entgegen. Auf dem Rückweg stehen die Menschen Schlange am Fahrkartenautomaten und regen sich auf, der Himmel färbt sich rosa.
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Opa erzählt von der Reha. Er schaut sich die Leute meistens nur an, redet weniger mit ihnen, aber über sie. Aber das Paar, das mit ihm isst manchmal, das sei nett, sagt er, sie seien beide über achtzig, er begleite sie auf Reha. “Er ist so lieb zu seiner Frau”, erzählt er am Telefon. Dass ihm das auffällt.
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Die Blitze kommen beim Einschlafen. Ich stehe noch einmal auf und öffne beide Fenster. Draußen schreit jemand “Juchhu”.
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Right now, Katherine is still looking down. “See this girl,” she says, “she gets so many likes on her pictures because she’s posted over nine pictures saying, ‘Like all my pictures for a tbh, comment when done.’ So everyone will like her pictures, and she’ll just give them a simple tbh.” A tbh is a compliment. It stands for “to be heard” or “to be honest.” Katherine tosses her long brown hair behind her shoulder and ignores her black lab, Lucy, who is barking to be let out. “It kind of, almost, promotes you as a good person. If someone says, ‘tbh you’re nice and pretty,’ that kind of like, validates you in the comments. Then people can look at it and say ‘Oh, she’s nice and pretty.’” – Jessica Contrera für die Washington Post über ein Mädchen namens Katherine und darüber, wie es ist, 13 Jahre alt und online zu sein.
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Die zwanzigste Woche Jahr

Neukölln

Ich vergesse es wieder und wieder. Aber plötzlich versucht ein Mechaniker direkt um die Ecke, die Schwenkbraterei in Gang zu bringen, während sich zwei andere Monteure über einem Generator in die nicht vorhandenen Haare kriegen. Die Autofahrer, die aus irgendwelchen Gründen, durch genau diese Gegend fahren müssen, hupen sich in regenbogenfarbene Rage, den Stau interessiert das allerdings herzlich wenig. Es scheint eher, als gefiele er sich in der Rolle des aufgebrachten Orchesters, und verweilt noch etwas. Das Karussell heißt “Kindertaumler”, ich wünsche mir leise, dass der Mechaniker nicht nur bei der Schwenkbraterei, sondern auch hier mal einen Gang hochschaltet. Vor der Bibliothek stehen bunte Zelte, dazwischen sitzt ein sehr traurig aussehender Mann, und es besteht eine reelle Chance, dass wir uns beide gerade dasselbe fragen. Zwei Tage später hüpft die frierende, aber tanzende Meute mit roten Sparkassen-Ballons über die Gneisenaustraße. “Gut” steht in weißer Schrift darauf. Das genügt den meisten schon. Sie trinken gegen die Kälte und die seltsame Stimmung, manchmal drängelt sich ein Krankenwagen mit Sirene hindurch. “Willst du was?” grinst uns ein junges Mädchen an und quietscht ein bisschen zu laut. “Was denn?”, fragen wir. “Kein MDMA. Nur Aphrodisiakum!” Wir lehnen dankend ab, aber fragen, ob’s schon wirkt. “Ich bin ein rolliger Rollmops”, brüllt sie und hüpft dem Metal-Karaoke-Wagen hinterher. Aus der Wohnung über der Apotheke wummert der Beat, die Tanzenden werfen Konfetti nach unten, die, die nicht mehr hinein passen, warten unten und frieren und gucken oder knutschen oder müssen irgendwohin oder rufen Standorte in Mobiltelefone. Im Späti tragen die Verkäufer Headsets, um sich über die Bassbox hinweg verständigen zu können, die Becher mit den Redbull-Dosen sind schon vorbereitet, die Preise wurden mit Edding draufgeschrieben. Man will nicht zuviel reden müssen. Im Bulli schläft ein Polizist. Am nächsten Morgen sehen die Bürgersteige aus, als wäre dreimal Silvester gewesen. Der junge Mann im Bananenoutfit schafft es nicht, von der einen Seite des Klettergerüsts auf die andere zu springen, aber das macht nichts.
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Ich kannte das kleine Stück Wiese nicht im hinteren Neukölln. Und auch den Hof mit der alten Zapfsäule nicht. Steht man drin, ist die Stadt ganz weit weg. Die Wege sind ein bisschen zu gerade und zu sauber, um den guten Willen zu vergessen, aber vielleicht muss man das gar nicht, hier wächst ganz schön viel Zeug auf ziemlich wenig Platz. Und die, deren Balkon hier rüber zeigt, benutzen ihn auch. Nur über den Zaun klettern ist verboten, das dürfen nur Kinder, die bekommen auch eine Trittleiter, wir sind jetzt erwachsen, wir müssen außen herumgehen, das ist schon in Ordnung. Man putzt hier ja schließlich noch eigenhändig das Graffiti von den Wänden.
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In a strange turn of events, texting has evolved to become almost as awkward as the phone calls it made obsolete“, schreibtJenna Wortham darüber, wie Text das Telefonat ablöste und nun durch Apps wie Snapchat wieder nicht-schriftlicher Ausdruck von Emotion in digitale Konversation Einzug hält. Dieser Text ist auch so schön, weil er einordnet, anstatt sich augenrollend abzuwenden. Ich muss immer lachen, wenn Erwachsene ihre Überheblichkeit gegenüber jugendlichen Lebensstils an Apps wie Snapchat abarbeiten. Als müsse irgendetwas in dieser Lebensphase Sinn machen. Als hätten sie damals nicht von Albernheit, Momentum und zu süßen Limonaden gelebt. Als würde man in diesen Jahren irgendetwas anderes atmen als die Luft zwischen “Alles ist möglich” und “Ich bin nur ein Atom”. Als hätte niemand früher die eigene Wirkung in Mikrozirkeln ausprobiert, Selbstdarstellung geübt, Lautstärken moduliert. Schön auch auf der Schiene daneben der Text von Nils Markwardt: “Bisweilen wirkt es so, als ob die Kulturkritik sich derart in Reflexen eingerichtet hat, dass sie sich für jene gesellschaftlichen Mikrokosmen, die sie zu beschreiben versucht, eigentlich nicht mehr wirklich interessiert. Würde sie das tun, müsste sie nämlich eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen anerkennen, also akzeptieren, dass ihre Gegenstände ambivalent sein können, dass nicht hinter jeder Abseitigkeit gleich ein „falsches Bewusstsein“ lauert“.
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Wir sitzen in Neukölln auf einer dieser selbstgebauten Baumbeetumrandungen aus Holz, wir lachen laut und drücken uns die Nase an Peppis Schaufenster platt. Mäuse in einem Käsegeschäft ist auch beinahe zu comic-esk, um wahr zu sein. Aber wir sehen sie flitzen und sitzen gerade wieder, als es neben uns knallt. Erst vermuten wir, jemand habe die kleine Cointreau-Flasche geworfen, die neben uns im Rinnstein liegt, doch die hätte den Sturz nicht überlebt. Als wir aufstehen, um zu gehen, sehen wir das zerklatschte Ei auf dem Autodach.
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Geoff Farina spielt in dem Zimmer in einem Haus irgendwo im Wedding. Die blaue Stunde zieht vorbei und während Mock als Vorband spielen, betrachte ich noch das Publikum. Jeden zweiten davon könnte man vor zehn Jahren schon einmal gesehen haben, wir sind alle mitgewachsen. Die T-Shirts leicht verblichen, wir tragen auch alle immer noch dieselben Schuhe. Als würden wir in den Sommern immer noch in Scheunen fahren auf dem Land, um in Ruhe im Feld zu sitzen oder Musik zu machen, als könnte das jederzeit wieder passieren, dass wir uns Hals über Kopf in das Wasser werfen, von dem uns die Temperatur egal ist, einfach um nachher zittern zu können, weil wir doch in dem Alter waren, in dem wir alles zumindest einmal gefühlt haben wollten. Geoff singt jetzt Melodien, die nicht mehr zögern, sondern sich eingerichtet haben, unter uns gibt es Fans. Manch andere sind nur da, weil sie ihn noch mal sehen wollten, der alten Zeiten wegen.
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Die neunzehnte Woche Jahr

Sommer vorm Balkon

Was mit Berlin passiert, wenn das Licht herauskommt. Die Menschen am Kanal wie eine Demonstration der halb angezogenen Lebensfreude, darüber die Fledermäuse. Wir spielen endlich wieder draußen Backgammon, essen Melone am Ufer. Und alle müssen sich erst noch an die neue Beleuchtung gewöhnen, man meint, die Menschen ständig gegen ihren inneren Winter anblinzeln zu sehen, keiner will den mehr, aber überall klebt er noch. So holt man sich Schnupfen, während die Dampfer leer in die eine Richtung fahren. Der Kellner im Bauch mit den getönten Scheiben räumt die letzten Teller ab. “Wir haben noch das ganze Leben” von Eshkol Nevo ist ein gutes Buch für diese Zeit.
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Der kleine Junge läuft da, wo er nicht laufen soll. Er hat etwas ins Wasser geworfen. Was genau, kann ich nicht sehen. Aber er läuft seitwärts, die Hände am Geländer hinter sich, er davor am Wasser, wo niemand hin soll, dafür gibt es ja das Geländer, der Streifen davor ist schmal, aber er genügt ihm. Die Mutter guckt, der Junge ruft ihr zu, während er ins Wasser starrt: “Ich verfolge nur, was passiert! …Und es geht immer weiter! …Ich schaue! …Da sind Wellen!” Am Ende des Geländers klettert er hindurch und läuft zurück, das Etwas treibt währenddessen in Richtung Schöneberg.

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Me & My Drummer in der Kirche gesehen, irgendwie wussten viele nicht so richtig, wohin mit sich. Aber ich mochte den zuckenden Schatten an der Wand, und dass manche Menschen doch auch im Sitzen tanzen. You’re a runner. Danach fielen alle auf den Rasen und die Stufen davor, ein bisschen verwirrt, dass auch dann die Temperatur immer noch hielt, was sie letzten Sommer schon versprach, man erkennt auch den Geruch jedes Jahr wieder. Als bliebe immer ein bisschen vom Vorjahr zurück, kleine Partikel aus allen Jahrzehnten. Auf der Bank vor dem Späti sitzen und den Leuten zusehen, wie sie sich permanent wundern, aber versuchen, das zu verbergen.

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Durch Straßen laufen, in denen man früher gewohnt hat. Kaum tritt man aus der Straßenbahn flimmert die Zeit wieder auf, das hängt ja bis ewig in so einem Pflaster. Über das hier liefen wir vor und nach Konzerten, an den sehr frühen Morgen, manchmal singend, manchmal ganz still, wir trugen einander über die Schienen und nach Hause und manchmal an Orte, von denen wir wollten, dass sie Zuhause werden. Wir kannten damals jeden Hauseingang, die Öffnungszeiten der Bäcker auf dem Weg, die Besitzer der Fahrräder an den Laternen und dass uns niemand was konnte, also so richtig.

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Erlebt, wie wichtig es ist, einzuschreiten, wenn jemand dem anderen Gewalt antut. Wenn eine Frau sich gegen die Gewalt eines Mannes, den sie anscheinend persönlich und gut kennt, nicht wehren kann. Über die Straße brüllen und hingehen, weil sie das nicht kann in der Situation, in der sie gerade steckt. Für sie stellvertretend den Mann zur Rede stellen, ihr eine Möglichkeit geben zu fliehen, ihm keine, sich herauszureden, solange warten, bis er ins Haus geht und sie nicht die Straße hinunter verfolgt. Warten und das pochende Herz ignorieren und spüren, dass es gut tut, laut zu sein, wenn Scheiße passiert, zu zeigen, dass er mit seiner Gewalt nicht durchkommt, zumindest nicht jetzt und nicht hier. Wie wichtig es ist, dass man hinsieht und sich nicht wegdreht. Inständig hoffen, dass sie nicht zu ihm zurückgeht.

Die achtzehnte Woche Jahr

Warnemünde

Wir fahren ans Meer. Wir spielen das Spiel: Wer einen Hochsitzt sieht, muss trinken. Die Biere kommen schneller zu einem Ende als die Hochsitze, mir ist das vorher noch nie aufgefallen. Aber das Wetter macht mit und die Kinder daneben schlafen schnell ein und am Ende hatten viele, also wirklich sehr viele die Idee am Samstag nach Warnemünde zu fahren. Auf dem Pier ist es voll, viele Menschen in beiger Kleidung, die Akzente vermischen sich, das Beige ist bei allen gleich. Oder hellblau. Am Strand findet irgendein Fest statt, die Eisschwimmer beenden ihre Saison und gehen ins Meer, das uns noch beinahe unter den Nägeln gefriert. Sie haben einen schwimmenden Grill mitgenommen, es gibt einen älteren, leicht eingeschrumpelten Neptun mit langen grauen Haaren und einem Dreizack, seiner Frau ist das Wasser zu kalt, sie wartet an Land und reicht ihm später ein Handtuch. Von unserem Fenster aus können wir den orangenen aufgepusteten Papagei beobachten, der für Stunden in der Luft schwebt. Von der Sauna mit den großen Fenstern aus kann man den Sonnenuntergang sehen, der eigentlich nur ein blutroter Streifen zwischen zwei dunkelblauen Streifen ist. Es regnet erst, als wir schon drinnen sitzen und Negroni trinken. Ich träume von dem Bild, das im Zimmer hängt, zwei Mädchen fliegen in flatterigen Kleidern über einen Strand. Am nächsten Tag laufen wir den Waldweg einmal hin und einmal zurück. Im Zug höre ich eine Stimme berlinern: “Also son Profiler könnte dir aus dem Müll, den die dahin schmeißen, ‘ne Charakteranalyse machen. Kann ick och: Dit sind Idioten.” Mit dem Auto in Berlin einfahren, ist immer schöner, ich weiß gar nicht, warum, man hat Zeit und eine Knautschzone bis vor die Haustür, der Zug spuckt einen meistens schon viel zu früh raus und der Rest wird dann anstrengend. Ich öffne alle Fenster und höre den Mai. Wie die Haare quietschen, wenn man den ganzen Tag durch Seewind gelaufen ist.

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“Um nicht weiter aufzufallen, machen wir ab jetzt die ernsten Augen, so wie wir es geübt haben.” – ”Ernste Augen und dazu einen heiteren, aber nicht zu heiteren Mund.” (Saša Stanišić, Fallensteller, S.40)

Saša liest. Und diejenigen, die gekommen sind und nicht Fußball schauen, lachen auch. Saša liest immer so, als wäre da noch etwas anderes, nicht nur das Buch und das, was er vor einer Weile schrieb, sondern jedes Mal etwas Neues, von dem Tag, der gerade war, davon, wie er sich fühlt, von den Leuten, die da sind. Und Saša schreibt so, dass ich mich auf die Sätze legen will wie der Hund in der Bahn, der noch etwas jünger nicht genau weiß, wie er sich auf dem Rucksack positionieren soll, der neben der Bank steht, jede Haltung scheint unangemessen, aber loslassen will er den Rucksack nicht, eine Pfote oder die Schnauze oder gar der halbe Hund berühren den Rucksack die ganze Zeit von Station zu Station, und am Ende, weil junge Hunde mit einem Auge ja immer schauen müssen, was gerade passiert, und der junge Hund weiß das, am Ende legt er sich mit dem Gesicht zur Wand unter der Bank auf den Rucksack drauf, alle Viere von sich gestreckt, damit er nicht mehr abgelenkt wird und endlich nur noch bei dem Rucksack sein kann.
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Manchmal fühlt es sich in diesem Zimmer an morgens, als sei die Welt stehengeblieben, weil sich erst etwas bewegt, wenn ich in die Küche gehe und der Spatz im Blumentopf sitzt, manchmal ist es auch die Amsel. Mittlerweile springen sie nicht mehr bei der kleinsten Regung ins Nichts, sondern bleiben manchmal zumindest regungslos sitzen. Und gucken. Und fliegen dann erst. Wieder gesehen, wie das ist mit einem Baum vor dem Fenster, dessen Schatten an den Vorhängen zuppelt. Als klopfe jemand, um zu sagen, dass er da ist, aber kein “Herein” hören will. Als lautloses “Ich bin hier drüben, du kannst weiterschlafen, danach bin ich immer noch da”.

Die siebzehnte Woche Jahr

Katze

Dass Tage selten enden, wie sie beginnen, ist etwas Gutes. Dieser eine endet in der Weinbar am Platz, in der ich letztes Jahr zweimal saß und während beiden Malen dachte, das machen wir jetzt öfter, denn hier fällt genau diese Abendsonne hin, die man manchmal braucht, die den Tag hebt, obwohl er bald vorbei ist, die nichts von einem will. Jetzt saßen wir dort wieder und sagten wieder diesen Satz und in den Tagen danach kamen der Hagel und der Regen, aber wir haben jetzt angefangen, dort zu sein und zufällig die Nachbarn zu treffen, und wir hören erst einmal nicht auf damit. Nicht dieses Jahr.
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In der Bahn sitzen zwei neben mir und die eine sagt zur anderen sehr laut: “Do you know that feeling when you’re watching a movie, i mean, really watching and the character is doing something terrible and makes the wrong decision, really wrong, and you think: Why can’t you see?” Die andere sagt nichts und schaut nur geradeaus. Und jene, die zu ihr sprach, murmelt aufgrund einer nicht erfolgten Antwort in sich hinein: “Why can’t you see?”. Als wären sie beide von der Leinwand gefallen.
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Mal wieder Platten gehört, direkt davor sitzend. Ich kann immer gar nicht weggehen, wenn eine Platte auf dem Teller liegt, weil ich immer denke, gleich passiert etwas in der Mechanik, gleich muss ich eventuell einschreiten, gleich gleich gleich. Passiert aber nie etwas. Das Schöne daran ist, dass man sitzend einfach horcht, nichts tut nebenbei außer eventuell auf die Stelle unter der Heizung oder aus dem Fenster zu sehen.
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Erst kam ich mit dem Rad in diesen weißkrümeligen Regen und nach dem Tropfen und Aufwärmen und Essen und Trinken standen wir noch an dieser Kreuzung. Neben uns versuchten zwei junge Frauen eine Kleiderstange und sich selbst auf einem Fahrrad zu transportieren. Als sie sich schräg über die Straße in Schlangenlinien entfernten, umarmte ich die Litfaßsäule. Man weiß ja nie.
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S. sagt, man könne der Sprache immer anlesen, wenn sie übersetzt sei. Ich sage, man kann der Sprache immer anlesen, wenn sie missverstanden wurde.
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Es gibt diese Menschen, die das hintere Siebzehntel des Lebens noch einmal dazu verwenden, um etwas zu probieren. Oder sich in das fallen zu lassen, was sie über Jahre hinweg lieben gelernt haben. Die tun, was okay ist. Weil sie mittlerweile wissen, dass es okay ist. Es gibt diese Menschen, die auch im hinteren Siebzehntel des Lebens noch ihre eigenen Hände benutzen, sich nicht scheuen, eventuell einen Fehler zu machen, aber immer noch darauf achtgeben, nach vorne zu sehen, auch wenn das Zurückschauen eventuell mehr Weite verspricht. Es gibt die, die wissen, das hier ist auch noch Zeit, die sich zwar von selbst verbringt, aber schöner wird, wenn man mitmacht. Und dann gibt es noch die anderen. Denen auf dem Weg etwas einzementiert wurde und ich kann gar nicht so genau sagen, was es denn nun ist, aber auf jeden Fall war es wichtig für die Beweglichkeit, den inneren Radius, weil der äußere nicht das einzige ist, was zählt. Jene, bei denen der Lichtschalter kaputt ist und die, wenn der Handwerker anruft, ihn nur fragen, warum er sie denn jetzt gestört habe. Manchmal hat man Glück und sie finden im Vorratsschrank noch ein paar Kerzen. Und manchmal hat man eben kein Glück.

Die sechzehnte Woche Jahr

Fassade

An der Wand des Restaurants hängen Rennräder und damit verbindet man ja immer schnell so eine sich festsetzende Jugendlichkeit, die nicht merkt, wenn ihr Träger älter wird, wie Mascara, die über den Tag ein wenig verrutscht und irgendwann nicht mehr über, sondern unter dem Auge liegt. Jedenfalls hingen da diese Räder und ich musste grinsen und dann stand J. vor mir und für einen kurzen Moment passte er zu den Rädern, wir kannten uns von früher aus den Zeiten, in denen wir jeden Tag in der Woche ausgingen oder zumindest jeden zweiten und der Schlafmangel keinen Einfluss hatte auf die Restverfassung, das leichte Schwanken wurde eingebaut in den Tag, die anderen dachten, wir tänzeln. Jetzt ist er Vater, jetzt trägt er eine Schürze und kocht und ich trinke Rosé und merke, jetzt ist der Punkt, an dem wir beginnen zu sagen “Weißt du noch, vor zehn Jahren” und damit nicht meinen, dass wir noch Kinder waren.
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Es hat den ganzen Tag geregnet, am Morgen kurz nicht, Kreuzberg wieder leer, nur Jogger und Menschen mit Kindern streunern über die Bürgersteige, immer wieder leichter Niesel, der Wind rüttelt am Kanalwasser. Ich sitze mit A. an der Kreuzung, er drückt sich einen Sesamring quer in den kleinen Mund, ich habe Kopfschmerzen, aber das sage ich ihm nicht, er erzählt, auf der Straße habe es früher eine Grenze gegeben, und ich frage mich, wie man mit dreieinhalb eine Vergangenheit definiert, ich kann mich nämlich nicht mehr erinnern, jedenfalls habe es hier eine Grenze gegeben und die habe man dann eingekauft und nun sei keine Grenze mehr da und man könne die Straße überqueren, das ist der Teil, den ich verstanden habe. Wir zählen Motorräder, schauen zu, wie der Markt aufgebaut wird, dann kommt N. und wir spazieren zum Spielplatz. Keine Kinder, aber nasser Sand, dann Regen. Zu Hause rolle ich mich auf dem Sofa zusammen, weil man daran die ganze Woche denkt und es nicht tun kann, und dann am Wochenende muss Zeit dafür sein und dann nach einem kurzen Schlaf kommt doch die Sonne noch raus einfach so und ich öffne alle Fenster und setze mich auf das Fensterbrett und warte, bis die nächste große Wolke kommt. Dann wieder Regen.
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Die Intensivstation erkennt man auch durchs Telefon. Ich bin erleichtert über diese nette Schwester, die mir jede Frage geduldig beantwortet, im Hintergrund piepst es, sie schaut extra noch einmal nach ihm und nimmt den Hörer mit. Allein durch zwei Minuten erklären beruhigt sie den Tag.
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An unserem Tisch sitzen noch zwei junge Frauen, die ununterbrochen lästern, sie benutzen Vokabeln, bei denen A. und ich uns erschrocken in Augen sehen. So laut sprechen, dass wir sie nicht mehr hören, können wir nicht, aber noch einen Rosé bestellen und dann die Räder durch die Nacht schieben. Manchmal möchte man dort wohnen, wo dieses Schieben an einem großen Wasser endet. Die Schlachtfelder besprechen und sich dann hinlegen. Wir fahren an den See.
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Mit der S-Bahn kurz vor dem Bahnhof Schönholz. Die riesigen Wolken und die Aprilsonne und dann fliegt ein Flugzeug hindurch auf Tegel zu. In Frohnau stehen zwei Männer, die sich nicht kennen, im gleichen Moment von ihren Sitzen auf. Beide ziehen sich eine wetterfeste Jacke an und klappen ihr High-Tech-Klappfahrrad auseinander. Sie sind sehr beschäftigt und sehen nicht, welcher Doppelgänger da neben ihnen steht.
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Das Krankenhaus ist immer noch genau so trostlos wie früher. Sagt man nicht sofort am Empfang seinen Namen und zu wem man möchte, wird man angemault, das war damals schon so, aber sie haben neue Stühle, neue Tische in der Cafeteria, jemand kümmert sich um den Garten jetzt, also so, dass man es auch bemerkt. Man hört und sieht nicht viel von Menschen in den beigen Gängen, den Geruch hatte ich schon wieder vergessen und auch das Geräusch von den Desinfektionsmittelspendern. Wir hören ihn von draußen schon schimpfen. Als wir reingehen, begrüße ich ihn, dann öffne ich das Fenster, jetzt hört man die Vögel. Er hört sie auch.
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Es wird ein Hörbuch geben.

Die fünfzehnte Woche Jahr

Murkudis

Am Abend durch den anders erleuchteten Westen der Stadt spazieren, wir haben die Temperatur überschätzt, aber irgendwann fängt man ja immer an mit den Getränken vor der Tür und den Strohhalmen und den roten Wangen. Ist dann auch egal, wann. Es ist nun soweit, und wir spazieren langsam und sanft zitternd an den orangefarbenen Häusern vom Potsdamer Platz vorbei. Der ist immer noch der entrückte Teil meiner Stadt, jedes Mal ausgeschnitten, entzerrt, zerlegt, ich werde mit der nachträglich ausgedachten Urbanität noch nicht warm. Auch dass man Wiesen über Hügel rollt wie Teppiche bleibt mir fremd. Eine Ente fliegt tief über die Wasseroberfläche direkt neben uns, man spürt den Wind, den ihre Flügel machen.
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Eine Datei mit dem Namen alles.zip.
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Regnet es kalt an einem Sonntag, kommt niemand heraus, am Ufer ist man beinahe allein, und dieser piekende Regen hat sich ein wenig vertan, wir dachten, seine Zeit sei längst vorbei. Am Urbanhafen liegt ein Schiff namens Noir, die Türen zu seinem Innern sind offen, der Besitzer faltet Segel auf dem Dach, drinnen liegt ein kleiner Hund auf einer Jacke, daneben dampft es aus einer Tasse. Man fährt schlechter Rad, wenn man die Hände nicht mehr spürt.
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So früh aufstehen, wie es angeblich viele andere machen, von denen man aber niemanden sieht kurz nach Sonnenaufgang auf den Straßen, alles ist schöner, wenn es so ist, zumindest an diesem Tag, als hätte jemand die Stadt geschüttelt und alles sei in die Fugen gerutscht, kurz ist da nur der Himmel und dass der eine Strauch schon rosa ist, das Gespräch vom letzten Abend auch, und das zweite Bier spürt man nach ein paar Metern nicht mehr. Vielleicht geht es im Sommer, das öfter zu tun.
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“Ich ärgere mich gegen die Menschlichkeit”, sagt L. mit diesem umwerfenden französischen Akzent und ich weiß genau, wie sie es meint.
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Wir sitzen in dieser Bar, ich betrachte den Tresen, frage mich, ob er den Platz einnehmen könnte des Tresens, den ich noch immer vermisse an den Abenden, an denen wir uns früher nur ein kurzes “Ja, bis gleich dort” zuwarfen und wussten, man kommt, wann man kommt, zumindest ungefähr, die Nächte, in denen klar war, dass wir uns nicht wegbewegen, weil alles gut ist. Der Tresen hier wird es nicht, aber die Kerzen hängen hoch genug an der Wand und die Musik ist so gut, dass F. alle zehn Minuten kurz im Sitzen tanzt. An früher kommt es nicht ran, aber das kommt ja selten etwas, weil Verklärung ihren Job gut macht. Und selbst wenn sie das nicht tut, manchmal war es einfach so, wie es nicht mehr wird. Das ist schon okay. Und wir fragen uns leise, wie das wohl wäre, mit einem Banana Boat über den Landwehrkanal zu fahren.

Die vierzehnte Woche Jahr

Spring

“Wenn ihr nicht aufhört zu sprechen, wenn nicht alle aufhören zu reden, verschwinde ich”, ruft er und rennt um die Ecke dorthin, wo die Steine nicht so warm sind und der Blick nicht hin reicht. Wenn das neben uns ein Kirschbaum ist, sollten wir bald wiederkommen.
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Wir essen in einem Café zwischen Waschmaschinen, so funktioniert Verkaufen jetzt. Man stellt Tische zwischen seine Produkte, und Stühle auch, und dann schaut man, ob sich die Menschen daran gewöhnen. Ob sie mit anderen Menschen kommen, denen sie so wenig zu sagen haben, dass sie über die sie umgebenden Produkte reden. Die Produkte werden dafür auch in die Speisekarte eingebaut, damit man sie zumindest im Kopf ausspricht. Ein Produkt-Drink. “Achso, jaja. Das ist Quatsch, aber jetzt habe ich den Gedanken ja schon gedacht. Ein Steak, bitte.”
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Bei At the Drive-In ist es ein bisschen wie Klassentreffen und Schlagerfest. Aber auch das kann man ja schätzen für das, was es ist. Miteinander an früher denken. Und noch immer fühlt sich jeder gemeint, obwohl niemand gemeint ist. Das ist schon okay, man kann die Texte noch und sieht sich nicht um, “das gehört alles noch immer uns”, “- also so sehr, wie es uns nie gehört hat”.
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Kommt ’sorgfältig’ eigentlich von Sorgenfalten?
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Über den Stühlen im Pianosalon sind verschiedene Klavierpedale aufgereiht und Notenständer. Vorne begrüßen einen auf die Seite gelegte Klangkörper, überall ist Staub, den Wein gießt man sich selbst ein. Das ist gut, denn dann haben die Hände in der Pause etwas zu tun, wenn man nicht weiß, wohin mit sich, dann kann man ein Glas in die Hand nehmen und schauen, ob es zittert, also im Takt natürlich. Ich hatte vergessen, wo man die Violine hört. Anders als so ein Klavier auf der Haut ist die Geige ja eher ein Thorax-Instrument.
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“Richtig ist der Sommer erst, wenn man nicht mehr übers Wetter redet.”
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Die dreizehnte Woche Jahr

Buckow

Als wir auf dem Steg sitzen, kommt ein älteres Ehepaar angeschlichen. Sie setzen die Schritte bedacht, beide haben wetterfeste Jacken an, obwohl die Sonne scheint und den ganzen Tag nicht damit aufhört, einer von ihnen hat die Hände immer auf dem Rücken gefaltet, der andere tut mit seinen etwas nützliches. Wir sitzen auf der Bank, neben uns ein Bier, schauen noch und wissen nicht, wohin mit uns, während sie sich umsehen, erst über den See und ans andere Ufer, dann nach unten aufs Wasser, sie legen die Hände auf das Holz und plötzlich hört man ein leises Klatschen. “Oh”, sagt er und zwirbelt sich den Bart. Sie fragt: “Was ist denn?” – ”Meine Uhr ist eben ins Wasser gefallen”, sagt er und sieht ihr noch hinterher. “Das ist mal wieder typisch. Immer wenn man wirklich mal wissen muss, wie spät es ist, passiert sowas”, regt sie sich auf, “Jetzt können wir den ganzen Tag nicht mehr auf die Uhr sehen”. Eine Ente schwimmt vorbei und die beiden entfernen sich kopfschüttelnd.
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Am Abend ist niemand mehr in B. Das Dorf mit den Pflastersteinen liegt still. Als wären alle Menschen am Abend fortgelaufen und hätten beschlossen, nicht zurückzukehren. Die meisten Fenster sind dunkel, die Autos parken vor den Häusern, keine Ausreißer, keine Ausrutscher, keine Spur von Leben außer hier und da einer Schaufensterbeleuchtung. Es gibt einen Polsterer. Er verkauft auch Gardinen. Die letzte Ausbildung zum Innenausstatter hat er laut Zertifikat 2008 gemacht. Die Handtücher mit den Hunden drauf kosten nur drei Euro. Jedes Handtuch hat ein eigenes orangenes Preisschild. Irgendwas muss man ja tun den ganzen Tag. Die Dinge bepreisen. Am Marktplatz hat ein neues Café eröffnet. Nach zwanzig Uhr sitzt niemand mehr darin, über dem Tresen hängt ein aus Holz geschlungenes Herz, das Licht ist kalt, irgendwoher klingt Rihanna, weiter hinten am Wald leuchtet etwas. Doch noch Menschen da. Über die Straße läuft eine Katze, nicht einmal die Bäume bewegen sich. Im Fernsehen läuft eine Sendung über Blockhüttenbauer. Im Anschluss noch eine über jene Leute, die die zuvor gebauten Blockhütten später verzieren. Danach schalten wir ab. Am Abend und am Morgen auch noch liegt Nebel über dem See. Es gibt einen Schlossberg, aber kein Schloss mehr. Im Bus bitte keine Pommes. Die Plastikostereier in den Büschen gibt es in den Standardfarben, Naturfarben und Batik. Um halb neun am Abend wird die Espressomaschine gereinigt. “Möchten Sie noch einen?” Hinter dem Hügel stehen weichfellige, weiße Kühe, irgendein Großvater ruft in den Ostersonntag “Kalt, kalt, wärmer… Ja, wärmer!”. Das suchende Kind dazu sieht man nicht.
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Ein ehrliches Vielleicht ist Arbeit. Es gab mal eine Zeit, da war Vielleicht keine Ausrede. Jede Antwort ist eine Entscheidung.
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Wann haben Sie einander das letzte Mal gerührt? Ich meine so, dass Ihnen das Herz in der Brust bis in den Bauch geschmolzen ist, weil da Menschen waren, die alle wussten, warum sie nebeneinander stehen in genau diesem Moment, denen das genügt hat, die nichts anderes wollten, die einfach geblieben sind ohne eine Abmachung oder einen Termin, wann haben Sie sich das letzte Mal so sicher gefühlt, dass Sie vergessen haben, aufzupassen, wo die Tasse mit dem Kaffee steht, wann haben Sie das letzte Mal gedacht, als Sie einen Teppich zusammenrollten, da ist alles drin von denen, die etwas bedeuten, den kann ich nicht wegschmeißen, den werde ich vielleicht nie wegschmeißen können, jeder DNA-Tester fände helle Freude und totalen Wahnsinn darin, wann saßen Sie das letzte Mal wie Kinder auf dem Fensterbrett, die sich immer ein bisschen zu weit beugen, ein bisschen zu laut rufen, ein bisschen zu sehr vergessen, was alles nicht geht, wann? Wissen Sie noch, wie dieser Tag geschah und wie er begann und wie er endete und warum genau Sie danach nicht schlafen konnten?
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“Niemand ist immer, wie man ihn haben will.”

Die zwölfte Woche Jahr

Grunewald

Im Grunewald liegt Nico neben ihrer Mutter begraben. Irgendwo hinter ein paar Steinmauern zwischen all den orangefarbenen Bäumen. Man muss eine Weile laufen, und von dort weg fährt noch ein alter Doppelstockbus jede Stunde. Das Licht fällt zaghaft. Irgendjemand hat einen Steinengel dorthin geschleppt, in dessen Schoß Briefe liegen und Fotos, auf seinem Kopf lila Kopfhörer.
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Das Publikum sitzt auf vier Seiten des Bühnenquadrats, in der Mitte marschieren sie in Polizeiuniformen, als gäbe es etwas dabei zu gewinnen, sie tanzen mir zu wenig, sie erzählen die Geschichte mit ihren Körpern nur an, aber nicht zu Ende. Und dass man sich immer ausziehen muss, um zu zeigen, dass jemand erniedrigt und entblößt wurde, verstehe ich auch immer noch nicht. Ist dies das einzige Bild dafür, das es im Theater gibt? Genügt das oder wird auch nach anderen gesucht? Gut aber wieder einmal zu bemerken, wie flüchtig Nacktheit dann wieder ist. Nach drei Minuten Betrachtung wird der nackte Körper auf der Bühne normal, reiht sich ein, man sieht mehr Anatomie und weniger Mensch, die Identifikation zieht sich zurück und dann ist es ja doch wieder nur ein Körper, wie wir ihn alle haben, der stampft und schlenkert und sich manchmal anspannt und sich rötet. Alles wie immer.
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Dann Brüssel. Und nichts können als schweigen. L. ist irgendwo dazwischen, wir schicken einander Sprachnachrichten. Sie ist okay. Sie arbeitet. Sie fährt durch die Stadt. Und wir hier in Berlin haben schon einen Code für jede Situation, einen Ablauf, irgendeine Ablenkung parat. Sich immer wieder fragen, ob das angemessen ist, nichts angemessenes zu finden und genau darin dann doch etwas haben, das sich so anfühlt, als müsse es so sein. Nicht aufhören zu hadern mit sich und allem, mit dem Gesprochenen und Geschriebenen und Gefühlten. Was geht und was nicht, muss immer wieder neu ausgelotet werden.
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“Wir können eben nicht anders, als das zu lieben, was um uns herum ist, selbst wenn es die Anhänglichkeit und das Festklammern an Dinge ist, die eigentlich nicht wichtig sind.” (Siri Hustvedt, Die gleißende Welt)