Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Partielle Synonymie

Das Licht zwischen 19 und 20 Uhr an einem Apriltag ist das Licht, in dem ich mich verneige. Ich könnte das jetzt auf Englisch schreiben, dann wäre es direkt ein Lied oder zumindest ein Beginn, irgendwas, aus dem man noch was machen kann. Auf Deutsch klingt es wie eingequetscht zwischen Klopapier- und Schwammregal in der Drogerie am Platz. Aber es stimmt ja dann doch. Das Licht zwischen 19 und 20 Uhr an einem Tag in der Mitte vom April ist nun einmal das Licht, in dem ich mich verneige. An der Ampel zum Beispiel, so, dass es niemand anders sieht. Und vielleicht ist die Verbeugung auch nur ein ausladenderes Synonym für: „Ich habe dich wiedererkannt“. Ein Synonym für ein Zwinkern, die Bewegung der Mundwinkel, die da draußen keiner sehen kann, aber die bis in die Füße reicht. Das Licht an einem Apriltag so zwischen 19 und 20 Uhr ist ja auch das Licht, in dem sich alle ein bisschen verneigen. Vor dem Tag und dem, was davon noch übrig ist, und vor dem, was man geschafft hat, und was man nicht gesagt hat, obwohl man hätte können, vor dem eigenen Zusammenriss und der Nonchalance eines Atemzuges. Das ist genau das Licht, was man braucht nach diesem Winter, das Licht, in dem man sich pathetische Liebeserklärungen ausdenken kann, die man niemandem sagt, aber sich vornimmt, es zu tun, wann auch immer, das funktioniert auch zwischen Klopapier- und Wischlappenregal, man weiß das nicht, bis es einem passiert und dann kommt man raus, sehr beladen mit Dingen, die man auf Vorrat kauft, und stolpert ohne Grazie in das Licht hinein und oben am Himmel hinterlässt ein reguläres Flugzeug Düsenjägerspuren, die keine Düsenjägerspuren sind, aber so heißen, weil es kaum ein schöneres Wort dafür gibt und schöne Worte gehören auch in dieses Licht. Genau wie Überwindungen und aufplatzende Oberflächen und Knospen und dass man jedes Jahr wieder denkt, dass man sich früher aus Natur ja eigentlich nichts gemacht hat, aber plötzlich blinkert sich jedes kleine Fitzelchen Grün in den eigenen Weg. Das Licht jedenfalls an einem Apriltag zwischen 19 und 20 Uhr, das ist das Licht, in dem ich mich verneige, so wenig, dass es niemand sehen kann, mit acht Rollen Klopapier im Arm und drei Schwämmen im praktischen Kombipack und dann schaltet die Ampel auf Grün und allen, die über die Straße gehen, rutscht das Licht ins Gesicht für einen Moment, so lange nämlich wie eine Häuserlücke breit ist, und man kann dann ahnen, was alles sein kann. Man kann dann auch wissen, was alles schon ist.

Blutorangen

Ich sitze auf der Treppe und warte auf Achim. Es ist das zweite Mal in drei Wochen und ich glaube, Achim hat mich am Telefon wiedererkannt, schließlich habe ich nach ihm gefragt, nachdem ich erst in meinem Telefon nach der Nummer gesucht habe, letzte Anrufe, vor drei Wochen, die Liste ist lang, Mama nicht, Papa nicht, die 0800er-Nummer auch nicht, vom Datum her passte nur die eine und ich kam direkt durch. Aber dass Achim nicht am Telefon war, erkannte ich sofort, aber der Typ sagte was mit Schlüsseldienst und ich fragte nach Achim, denn Achim hatte das vor drei Wochen sehr gut gemacht, nicht nur das mit der Tür, sondern auch das mit mir. Er hatte das im Hausflur herumliegende Obst ignoriert, das ich noch nicht wieder eingesammelt hatte, als er kam, obwohl ich mir das kurz nach dem Toben fest vorgenommen hatte. Ich wollte nur kurz ausruhen, man muss sich ausruhen, wenn man sich sehr feste aufgeregt hat mit Haut und Haaren und Füßen und allem, was man so dabei hat, außer dem Schlüssel halt, dem ganzen anderen Scheiß, der Tasche, dem Obst, dem Joghurt, den habe ich nicht geworfen, aber der Tag war halt scheiße gewesen und dann war der Schlüssel am Ende weg und ich dachte erst und dann rief ich es auch, das kann doch jetzt nicht wahr sein. War aber wahr. Wenn ich eine Definition von wahrhaftig aufschreiben müsste, das wäre sie gewesen, wahrhaftige Scheiße, aber so poetisch denkt in so einem Moment ja kein Mensch. Oder nur sehr komische Menschen, Menschen, die so reden, wie ich in Aufsätzen schreibe, wenn ich meiner Lehrerin gefallen will, sind mir unheimlich, so unheimlich, dass ich ihnen aus dem Weg gehe, wenn ich kann, weil ich sie jedes Mal schütteln will, wenn sie den Mund aufmachen, weil ich glaube, dass das nicht sein kann, dass alle Gedanken so aus einem herauskommen, als hätte sie ein kleines Männlein oder Fräulein im Kopf noch einmal in seine oder ihre warmen Hände genommen und in Form geknetet wie so eine hässliche Tonfigur, die man im Kindergarten stolz auf das Brett gelegt, ein bisschen darauf herumgedrückt und dann „Fertig!“ gesagt hat, freudestrahlend natürlich. Und dann kam jemand, der schon erwachsen war und hat „hier noch mal die Nase ein bisschen weiter raus“ oder „guck mal, ein Lächeln für den Drachen“ hinein modelliert und dann sah es plötzlich wirklich aus wie etwas und nicht nur wie eine Ahnung davon oder halt mehrere Dinge auf einmal. Mich gruseln diese Menschen, die so reden, obwohl ich gar nicht weiß, ob sie ein kleines Menschlein im Kopf oder einfach nur einen an der Waffel haben, jedenfalls war Achim nicht so ein Mensch und das beruhigte mich ungemein, als ich unter den Briefkästen neben einer Blutorange saß und den Tag hasste und meine Blödheit, ja eigentlich vor allem meine Blödheit, denn mein Kopf, der schafft es selten, alles beieinander zu behalten, die Schule und das Einkaufen und die Hausaufgaben und das Putzen und das Bescheidgeben und das Ausfüllen des Haushaltsbuches und vor allem das, was dazu geführt hat, dass ich das jetzt machen muss, vor allem das. Aber das sagt man ja nicht, wenn jemand nach dem Grund für irgendwas fragt, „Bist du scheiße drauf?“, dann nennt man eben eines der Dinge aus der Liste und dann wird nicht weiter gestochert und das ist gut, besser jedenfalls als wenn die Fragen weitergehen würden, und Achim, der kam einfach direkt, nachdem ich angerufen hatte, als wäre der auf der Stelle losgefahren, um mir aufzumachen, wahrscheinlich hat er es genauso gemacht, aber das Sprechen im Konjunktiv sichert einen ab, das Denken im Konjunktiv noch viel mehr, falls man sich irrt, das wirkt dann so, als habe man es bereits vorher gewusst. Dass die Möglichkeit eines Irrtums besteht. Davon kriegt man keine Blasen. Achim hatte das Obst bemerkt, das hab ich gesehen, das fällt ja auch auf bei den weißen Fliesen unten im Hausflur, es liegt auch selten einfach Obst herum, das man sich nehmen kann, es sei denn, man sitzt in diesen Räumen bei der Familienberatung, da steht immer Obst auf dem Tisch und Saft in sehr kleinen Flaschen, die keiner anrührt, weil es keinen Öffner gibt und für das Öffnen mit den Zähnen ist eigentlich niemand cool genug. Jedenfalls hat Achim zu dem Obst nichts gesagt und das fand ich nett. „Wo müssen wa’n hin?“, hat er gefragt, kein Hallo, das war fast so, als würden wir uns schon kennen, kannten wir ja auch ein bisschen vom Telefon, aber es war wohl ziemlich offensichtlich, dass ich diejenige war, die angerufen hatte, und auch das gefiel mir. Mir gefällt, wenn was passt. Ich hab den Staub in der Luft gesehen, als ich Achim die Haustür öffnete, damit er rein konnte in den Flur, weil das Licht mit ihm hineinkam, „wie in so nem Film“ hab ich gedacht, aber dann fiel die Tür wieder zu und der Staub war nur noch unsichtbar wie sonst auch immer. „Wie bist’n hier reingekommen?“, fragte Achim dann doch noch, als er hinter mir her die Treppe hinaufging, aber irgendwie so, als müsse ich gar nicht antworten, wir waren ja schon drinnen, jetzt war’s auch egal. „Nachbarin“, sagte ich und versuchte, nicht zu schnaufen, das Obst hatte ich einfach liegengelassen, ich wollte so schnell wie möglich einfach rein, die Orangen konnte ich später aufsammeln, erst mal hoch und die Tür aufmachen, erst mal nicht mehr heulen, obwohl ich schon gar nicht mehr heulte, als Achim kam, aber ich fühlte mich so und ich sah auch so aus, da war ich mir sicher. Mein T-Shirt klebte mir an der Haut, das konnte er nicht sehen, Schweiß rann mir an der Wirbelsäule herab, aber nicht so wie im Badeurlaub, wenn man schwitzt, weil man auf dem Bauch in der Sonne eingeschlafen ist, sondern der kalte piekende Schweiß, der kommt, wenn das Leben gerade kein Badeurlaub ist, sondern aus der Form geraten. Ich hatte auf meine Tür gezeigt und Achim hatte gefragt: „Woher weiß ick denn, dass dit auch deine is?“, und ich wurschtelte mein Portmonee heraus, den Perso hatte ich nicht dabei, aber die Krankenkassenkarte und Achim schaute auf meine Hand mit der Karte, als hätte ich ihm gerade ein seltenes Tier gezeigt, und dann guckte er aufs Klingelschild, wie man eben auf ein Klingelschild guckt und mich irritierte das, aber dann stellte er sein Köfferchen ab, kniete sich hin, holte was raus und ungefähr 30 Sekunden später stand er in dem kleinen Flur, in meinem kleinen Flur, und es war mir nicht unangenehm, das fiel mir erst später auf, aber er meinte, das mache jetzt 150 Euro und ich war neidisch auf diese Kalkulation, ich wusste, ich muss mir einen Beruf suchen, wo ich das auch mal sagen werden kann, „das macht dann 150 Euro“, das klingt angemessen und ernsthaft, als habe man etwas verrichtet, das genau so viel wert ist, als habe man diese Aufgabe erfolgreich bestanden, als hätte man das wirklich verdient. „Ich hab nix hier“, sagte ich zu Achim und Achim seufzte, aber verdrehte nicht die Augen, obwohl das sehr gut gepasst hätte, so ein Augenrollen, ich hätte auch mit den Augen gerollt, wenn ich Achim wäre, aber Achim war anscheinend ein anderer Achim als der, der ich wäre, wenn ich Achim wäre. Er rollte nicht mit den Augen, sondern sagte: „Na dann jehn wa jetzt Jeld holn“ und ich nickte und suchte meinen Schlüssel und als ich ihn gefunden hatte, da klimperte ich damit in der Luft wie in einem schrecklichen Werbespot, „Hallihallo“ wäre so ein Wort, das zu dieser Geste passt, aber auch hier war Achim zauberhaft und schaute mich nur mit erhobenen Augenbrauen an, als würde er sagen „Wird’s bald?“, aber sagte es nicht und ich schob ihn aus der Tür und schloss ab und fühlte beim Runtergehen noch zweimal nach, ob ich den Schlüssel auch wirklich nicht vergessen hatte, und dann gingen wir vorbei an den vier Blutorangen und zwei Äpfeln, die am nächsten Tag braune Stellen hatten, raus auf die Straße und Achim hob wieder die Augenbrauen und ich erschrak fast und dann fiel es mir ein, „ach ja, da lang“. Ich hielt den Schlüssel den ganzen Weg in der Faust in der Tasche meiner Jeansjacke und in der anderen Hand das Portmonee und ich fragte mich, ob Mama das bezahlen würde, oder Papa, aber eigentlich, dachte ich, müssen die das bezahlen, sonst kann ich nix essen die nächsten drei Wochen, das machen die schon, und als Achim und ich vor der Bank angekommen waren, ging ich rein und hielt Achim die Tür auf, aber der wartete draußen mit seinem Köfferchen und murmelte nur „nee nee“. Ich ging also rein und holte Geld und kurz nachdem der Automat meine Karte verschluckt hatte, da dauert es immer einen Moment zu lange, ich frag mich jedes Mal, was der Automat in der Zeit eigentlich macht, guckte ich raus und sah Achim mit seiner blauen Wollmütze und dachte „Der sieht so glatt aus“, aber nicht komisch glatt, sondern so glatt, wie Leute es sind, denen irgendwas passendes in die Lücke gefallen ist, und dann schloss ich die Augen, als mein Kontostand angezeigt wurde und steckte die Scheine nicht ein, sondern nahm sie in die Faust mit dem Schlüssel, schob die Tür mit der Schulter auf und hielt Achim erst nur meine Faust entgegen, bevor ich bemerkte, dass man das nicht so macht. Man zählt ja das Geld im besten Falle dem anderen direkt in die Hand, nicht wahr, damit der sieht, dass das die richtige Summe ist, dass man ihn nicht bescheißen will, also fing ich an, Achim mein Geld entgegen zu zählen und er winkte ab und sagte: „Dit passt schon, brauchste ne Quittung?“. Quittungen sind gut, das sagt mein Vater immer, „Quittungen sind ein Beweis, lass dir immer alles unterschreiben“, also sagte ich „ja“ und nahm die Faust mit dem Geld wieder zurück in meine Tasche, während Achim einen Quittungsblock hervorzog und auf seinem Oberschenkel ausfüllte. Der Zettel flatterte im Wind, als er ihn mir entgegen hielt und Achim grinste und dann grinste ich auch und das war vielleicht das erste Mal an diesem Tag, so fühlte es sich an, vielleicht war es aber auch einfach nur sehr kalt oder meine Durchblutung angeregt von der Wärme in der stinkenden Bank, jedenfalls war es gut und ich verabschiedete mich mit „Tschüß und danke“ und ging los und dann ging Achim aber noch ein paar Schritte neben mir her. Wahrscheinlich guckte ich ihn so an, dass er meinte, beinahe verteidigend sagen zu müssen „Mein Auto steht in deiner Straße“. Also gingen wir nebeneinander den Weg zurück und sagten nichts und das war eigentlich das Schönste daran und auch, dass ich den Schlüssel noch in der Faust hatte, und ich dachte „Mensch, Ulli, wie so Erwachsene, da passiert was und dann ruft man jemanden an und bezahlt ihn dafür, dass er das regelt“, aber fühlte es eher, als es wirklich zu denken, und als wir an meinem Haus angekommen waren, blieb ich stehen und sammelte den Schlüssel aus meinen schwitzenden Fingern. Achim ging weiter und sagte noch „Mach’s jut“ und ich sagte „Du auch“ und dann stand ich wieder im Hausflur und das Obst war noch immer dort, wo es vorher hingerollt war. Heute kommt Achim spät, er müsste längst da sein.

Fiskislóð

Schnappatmung ist eine dieser Gefährtinnen, denen man eine Beschäftigung geben oder sie einmal ordentlich anbrüllen muss, damit sie für eine Weile die Klappe halten. Oder man legt ihr etwas vor die Nase, bei dem sie gar nicht anders kann als still zu sein und zu starren. So funktioniert das in Island. Da setzt man mich hinein und ich habe keine Angst mehr, vor nichts. Ich habe auch keine Wut mehr. Ich habe auch nicht diese Euphorie, die einem gefährlich werden kann, weil sie einem aus dem Hals springt, wenn man die Lippen nicht mit aller Kraft aufeinander presst. Ich habe nichts davon, aber eine Ruhe, die sich wie eine Wärmflasche in meinen Hinterkopf legt und leise plätschert. Ich lese nicht, wenn ich in Island bin. Ich summe nicht. Aber ich gucke die ganze Zeit und existiere einfach vor mich hin. Ich kann mir nicht vorstellen, das für den Rest meines Lebens zu tun, aber in Ausschnitten. Man verliert auch die Neugier, wenn man ein paar Kurven existiert, man klebt nicht mehr an der Scheibe, sondern lehnt sich zurück und alle Farben rieseln so nach und nach hinein. Erst in den Fußraum, dann in das kleine Fach neben der Gangschaltung, später zwischen die Finger und in die Löcher der Kopfstützen. Irgendjemand hat hinten neben den Strommasten einen riesigen Penis in den Schnee gemalt. Hier kommen nicht viele vorbei, aber ich frage mich, was für ein Hirn das sein muss, das hier im Nirgendwo einem Menschen befiehlt, den Umriss eines Geschlechtsteils in den Schnee zu kratzen, damit sich der nächste Schneefuchs doch bitte daran erinnere. Weiter hinten, das nächste Haus steht in 20 Minuten Autofahrt entfernt, steht auch noch das Wort „tits“ im Schnee geschrieben. Die Raben plärren in das Tal hinein, als hätte ihnen jemand einen Wecker gestellt.

Ich rede nicht viel, wenn ich in Island bin. Weil’s da ja nichts zu reden gibt, wenn sich die Landschaft um einen herumlegt wie eine riesige Hand. Weil’s am Ufer der Meerenge keine Erklärungen braucht. Weil man nichts beschreiben muss, wenn jeder alles sehen kann. Weil man nicht reden muss, wenn. Die Schollen knistern zurück, ich habe gar nichts gefragt. Der Schnee weht von den Bergspitzen auf das riesige weiße Laken. Der Wind macht jedes Wort unhörbar, sobald man die Tür öffnet, und schiebt den Schnee über die Fahrbahn wie ein Déjà-vu. Unter den Dächern hängen angefrorene Schneekissen, die jeden Moment ohne Plan jemanden erschlagen könnten. Ein Hund schlittert übers Eis. Das Blau zwischen dem Weiß der Wolken und dem Weiß des Schnees, der auf dem zugefrorenen See liegt, greift direkt in einen hinein, sodass man sich beim Spurenlesen verzettelt. Als wir das Fenster öffnen da draußen zwischen den Tannen hören wir alles, vor allem aber hören wir nichts.

Antrag auf Verlängerung

„Dieses Gefühl ist bei uns nicht gemeldet.“
– „Ich weiß, aber es verschwindet nicht und ich dachte, ich frage mal, ob Sie vielleicht wissen…“
„Ich? Woher soll ich das denn wissen? Aber warten Sie, lassen Sie mich mal nachschauen.“
– „Was schauen Sie denn?“
„Na, wie wir das kategorisieren können. Sonst gibt’s keinen Antrag.“
– „Antrag?“
„Na auf Einbürgerung.“
– „Äh.“
„Oder isset nur auf Urlaub?“
– „Ich weiß nicht so recht. Gerade sieht es nicht so aus. Es hat schon seine Sachen ausgepackt, die liegen überall rum.“
„Ah ja, dit hilft ja schon mal. Sonst habense keine weiteren Hintergrundinformationen?“
– „Nicht so wirklich.
„Glaubense, dit is Wut?“
– „Manchmal.“
„Manchmal manchmal, ’n Formular für manchmal ham wa leider nich.“
– „Entschuldigung. Vielleicht gehen wir dann doch einfach besser wieder.“
„Nee nee, jetzt hauense ma nich ab, das Gefühl bleibt hier schön sitzen, wir haben uns das ja noch gar nicht genau angesehen.“
– „Okay.“
„Hat auch wat von Traurigkeit. Guckense ma.“
– „Schon.“
„Jetzt guckense halt hin.“
– „ICH GUCK DOCH, ICH MACHE NICHTS ANDERES DEN GANZEN TAG.“
„Nun werdense ma nich frech. Ich glaube, dat is Gefühl 47b.“
– „Kann das was?“
„Na sagen wa ma so. Wenn dat übermorgen noch da is, müssense nochmal kommen. Ansonsten erledigt sich das von selbst.“
– „Aber wieso sollte es gerade jetzt verschw-“
„Ich würde mal sagen, ich schicke Sie jetzt damit zu meiner Kollegin, die kann Ihnen bestimmt helfen, 47b ist nun wirklich nicht meine Abteilung, dafür bin ich nicht zuständig. Alles Changierende machen Sie bitte mit meiner Kollegin aus.“
– „Aber die hat mich doch zu Ihnen gesch-“
„Die Nächste bitte.“

Was man in Trauer lernt: Gefühlsbürokratie aushalten.

Cabin Service

Das Flugzeug fährt langsam an gefrorenem Gras vorbei, hellgraue Fasern vor Schwarz, dazwischen ein wenig besprenkeltes Beige der Start- und Landebahn. Am Tage lief eine Maus zwischen den Cafétischbeinen umher und die Menschen, die sie bemerkten, die quiekten nicht, wie sie es in den Filmen immer tun, die schauten nur und streckten sich unter die Tische, um sie besser betrachten zu können, ein älterer Herr winkte ihr freundlich zu. Da tobte draußen gerade der Winter und bog die Äste und pustete feuchten Schnee auf die Fensterbretter. Die Lichter der Stadt sind schon weit entfernt, man kann nur die Scheinwerfer des Flugzeugs erkennen, die den Weg leuchten. Ich halte Ausschau nach kleinen Mäuseaugen. Dann folgen die Vibration, der schiefe Horizont, der Druck hinter der Stirn, und dann kann man die Lichter doch wieder sehen. Ich flieg ja so gern, seitdem die Panik weg ist. Am liebsten nachts. Auch wenn es immer ein bisschen zu warm ist. Glühwürmchenstädte. Das sanfte flackernde Schwarz. Das Brummen, an das man sich nach ein paar Minuten schon gewöhnt hat. Hier oben kann ich auf der Stelle schreiben. Briefe, Verträge, Abhandlungen, es ist ganz gleich, was du mir aufträgst, aber hier oben, nachts, da geht’s. In diesem verdrehten Licht, in dem die Menschen schlafen. Ich versuche, ihnen nicht zuzusehen dabei, es sei denn, es sind Babies, die wissen nämlich von nichts, also noch. Ich selbst lasse mir auch nicht gern beim Schlafen zusehen, deswegen drehe ich mich, wenn ich die Möglichkeit habe, auf den Bauch, der Welt den Rücken kehren, man kann sehr viele Texte über die Bauchlage schreiben, gerade nachts in Flugzeugen, wenn einen niemand anniest oder anspricht oder anexistiert. Es kann passieren, dass man mit Kopfkissenstreifen im Gesicht aufwacht, also nach der Bauchlage, seltener nach dem Flugzeug, dann braucht das Gesicht meistens eine halbe bis Stunde, um sich in seine ursprüngliche Form zurück zu plustern. Also würde der Tag sich langsam darin ausbreiten, sich Platz verschaffen, den er in der Nacht nicht brauchte. Nachts im Flugzeug bin ich eine sehr gute Beraterin für alle Lebenslagen und Fragen, die eventuell aufkommen, ich stehe jedem zur Seite, der hier oben nicht fragt, es liegt ja auch alles ausgebreitet unter uns herum. Nur das Essen und die Getränke werden in zu kleinen Gefäßen gereicht, die bei ein paar Turbulenzen schon aufgeben und ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Der Rest wird auf die wesentliche Winzigkeit herunter komprimiert. Sitz, Tasche, Fenster, Ablage. Alles ist kipp- und verschließbar und die Literatur besteht aus einer Anleitung zum Überleben. Du kannst mich alles fragen hier oben und ich finde eine passende Antwort, denn wir hier oben haben nichts zu verlieren. Die Leute irren sich gewöhnlich in der Annahme, es sei gefährlich nachts im Flugzeug. Wir hier oben sehen, wie die Welt zugrunde geht. Es werden Chipstüten mit 15 Gramm Inhalt gereicht. Vorne drauf das Foto eines Piloten, der auch eine Pilotin sein könnte, das ist das Gute am Dämmerlicht, außerdem zu sehen sind ein kleiner Hund und ein Segelflugzeug. Irgendwann werden sie die Kartoffelscheiben einzeln laminieren, weil sich irgendjemand nicht die Finger schmutzig machen will an frittiertem Gemüse irgendwo über dem Ozean.

Schmiege

Die eigene Vermessung mit dem Maßband, das mit dem Laufe der Zeit kein Maßband bleibt, das wäre ja ganz gut, wenn der Maßstab derselbe bliebe, die Entfernungen genau so, wie man sie in Erinnerung hatte in den frühen Tagen, wenn man sich auf das Augenmaß verlassen könnte. Aber das Augenmaß wächst mit. Und das Maßband ist nicht genau, das hatte Großvater schon immer gesagt und es dennoch mitgebracht, wenn es etwas zu tun gab. Meiner Meinung nach brachte er es nur mit, um es neben den Zollstock legen und sagen zu können: „Das Maßband ist nicht genau, das Plastik verformt sich mit der Zeit, das Holz ist viel besser, viel viel besser.“ Ich stellte seine Aussage jedes Mal in Frage, das habe ich ihm nie gesagt, das hätte die Situation nicht vorangebracht, das Messen nicht und das Aufschreiben der Zahlen nicht, wir hätten jede einzelne Einheit nachprüfen müssen, um etwas zu beweisen, das vielleicht gar nicht zu beweisen war. Jedenfalls brachte er das Band immer nur mit, um den Meterstab aufzuwerten. Das machen ja viele so, sich etwas zur Seite holen, um größer zu wirken oder klüger oder all das, meistens etwas, das in ihren Augen an das Eigene nicht heranreicht, obwohl klar ist, dass die Argumentation so einfach ja nun nicht funktioniert, wenn man genau bleiben will, und damit hat die Begründung ja meistens zu tun. Choose your battles, choose your metrics. Und vielleicht sind bewegliche Einheiten gar nicht so schlecht, vielleicht werden die Kurven so sanfter und die Umfänge und die Ansprüche. Ich habe mich eh in den letzen Jahren, vor allem an ihren Enden gefragt, ob man sich wirklich vermessen muss, um sich verorten zu können. Mit den Spiegeln habe ich ja schon aufgehört seit ein paar Jahren, das ist jetzt keine gewaltsame Einheit mehr, ich habe die Richtung der Rechnung umgedreht, das hat funktioniert, jedenfalls im Groben. Aber auch die Listen, die die Menschen führen, geschafft und nicht geschafft, erreicht und nicht erreicht, bewerten Sie auf einer Skala von eins bis zehn die Fähigkeit dieses Menschen, sich einzupassen/zusammenzureißen/durchzusetzen/bemerkbar zu machen, legen Sie die Ereignisse des letzten Jahres in eine sinnvolle Reihenfolge, dabei hat ja auch Sinn seine natürlichen Grenzen. Der Mensch will immer noch was, oder das bereits Bestehende polieren. Ich denk ja immer: einfach so behalten wäre schon schön. Was so anstrengend ist, ist die Genauigkeit, ich spüre, wie mich Präzision ermüdet und es doch nichts Schöneres gibt, wenn man sie angemessen findet, am schönsten ist Präzision, wenn man gar nicht merkt, dass man präzise ist, weil man ja meistens präzise ist, wenn man richtig liegt, dann ist es auch nicht anstrengend, also auf dem Bauch, ein Bein angewinkelt, die Hände im Kaktus. Kakteen sind ausdauernde Sträucher. Jeden Dorn einzeln mit dem Lineal. Sieben Zentimeter, fünf Zentimeter, acht Komma fünf Zentimeter. Augenmaß und Bleistift. Alle anderen morgen.

Mikrostrabismus

Früher erzählte man uns, dass, wenn man schielt und einen dann jemand erschreckt, die Augen so stehen bleiben. Und ich dachte immer, das ist doch gar nicht so schlimm. Weil ich seit meiner Geburt ein Auge habe, das ein wenig träge ist und ganz von allein in die erschrockene Position rutscht, wenn es müde wird. Man kann es also gar nicht mehr erschrecken. Jedenfalls nicht so, dass es etwas ändern würde. So ging der Sommer vorbei. Mit einem Schreck. Wenn etwas passiert und man deswegen aufstampft oder stolpert oder irgendwo dagegen rennt, dann zittert einem nicht nur die Augenhaut, sondern alle Dinge im Umkreis von ungefähr einem Meter. Die springen minimal in die Luft, nur einen Millimeter. Manche von ihnen landen dann an genau jenem Ort, an dem sie vorher standen. Andere tun das nicht. Wenn man sich beruhigt hat und dann noch genug Kapazität, dann kann man das mit etwas Mühe sehen, auch mit einem trägen Auge. Dass manches nicht mehr da steht, wo es mal stand. Häufig ist es einem dann ein bisschen egal, ob das nun gut aussieht oder nicht. Häufig stellt man sich nicht einmal diese Frage, weil man sehr damit beschäftigt ist, Bescheid zu sagen, Anträge auszufüllen, sich das Zwerchfell zu bügeln, jemanden ins Bett zu bringen, Essen zu machen, die Fassung zu suchen, weil die wichtig ist für die Beleuchtung der ganzen Sache, (man sieht ja sonst nix), Listen zu schreiben. Man merkt erst später, was alles anders ist. Es kann sein, dass man zwischendurch aber ein wenig Zeit findet, um sich zu wundern. Zum Beispiel über Menschen, die einem sagen, man hätte sich gar nicht verändert, und einen gar nicht anschauen dabei und das Besteck die ganze Zeit nicht aus der Hand legen. Besteck ist schön, aber meistens keine Hilfe. Besteck ist bei Umarmungen wirklich häufig im Weg.

Apoplex

Wir rechnen jetzt in guten und in schlechten Tagen, wir drehen die Kalenderblätter um und beschriften sie neu. Wir schreiben auf, wie man Kaffee macht, und hängen den Zettel neben die Maschine. Eigentlich schreiben wir auf, wie man alles macht, und wenn nicht auf Zettel, dann eben von innen an den Kopf. Wir zerlegen den Alltag in kleine Happen und schauen, was reingeht und was eben nicht. Wir nehmen alles in die Hand, sehen es an, legen es wieder weg und machen genau diesen Handgriff erneut. Gemeinsam laufen wir mehrfach in der Wohnung auf und ab, er sagt: „Ich muss ja sehen, was ich habe. Was es so gibt. Um mich zu orientieren.“ An den guten Tagen lesen sich die Schilder flüssig. So halbwegs. An den schlechten Tagen bringen die Buchstaben nichts. Dann steht er da und der Alltag fällt auseinander, all die Happen überall, das verwirrt ihn. Er bleibt dann sitzen. Verläuft sich. Wartet ab. Hört auf zu probieren. Sein Gesicht ist kleiner geworden, sein Radius geschrumpft. An den schlechten Tagen sind die Buchstaben zu viel, und die Geräusche von draußen und die Luft, vor allem die kalte Luft. An den schlechten Tagen machen wir die Fenster zu und holen alle Decken raus. Dann sitzen wir und erzählen ein bisschen, aber nur von den Dingen, über die man sich nicht ärgern kann: Vögel und Rosenkohl. Spatzen kann man nie böse sein. „Alles sieht sieht immer wieder ganz anders aus“, sagt er.

Nicht weniger als das

Auf dem Weg zum Wahllokal muss ich erst am Berlin-Marathon vorbei. Die Menschen sind nass, irgendwas zwischen Regen und Schweiß, die Luft ist feucht. Am Rand stehen ein paar Zuschauer. Und wie jedes Mal versuche ich auf dem Weg zum Wahllokal alles wahrzunehmen, den Moment zu nutzen, um nicht nur nebenbei oder routiniert über Privilegien und Errungenschaften nachzudenken, darüber, wie ich mir die Zukunft wünsche, und mit mir wünschen meine ich vor allem, wie ich sie mir vorstelle, eben nicht nur für mich. Und dann warte ich am Straßenrand, während die Menschen vorbei japsen, und man könnte auch das jetzt noch einmal von schräg oben betrachten und direkt ein Symbol daraus machen, aber es ist nicht das Schlechteste, kurz vor dem Wählen noch einmal ein paar Menschen zu sehen, ganz unterschiedliche, und wie sie miteinander vorwärts laufen, während andere am Rand stehen und ihnen Getränke hinhalten, sie umarmen oder anfeuern. Der Rest von Kreuzberg liegt verschlafen in der Gegend herum, das kleine Hinweisschild vor dem Wahllokal ist voller Matsch. Im Hinterhof dann Holzstufen, die nach unten ins Souterrain führen, ein Mensch vom polnischen Radio fängt jene ab, die schon gewählt haben und fragt sie, warum das ein besonderer Tag für Deutschland ist. Daneben warten zwei, Kinder springen herum, man lächelt einander an. Der ältere Herr vor mir beobachtet ganz genau, wer so kommt, und freut sich, tippelt ungeduldig vom einen Bein aufs andere, beginnt Gespräche mit den Wartenden. „Es ist doch so toll, dass wir wählen können“, sagt er und ich wehre mich nicht gegen Gänsehaut. Er bedankt sich auch bei den Wahlhelfern, bei jedem einzelnen, für die Unterstützung. Über dem Eingang zum Wahllokal hängt eine tropfende Girlande aus Wimpeln, eher aus Versehen, drinnen die Berlin-, Deutschland- und Europaflagge.

Am Morgen schickte mir meine Mutter ein Foto, ich bin ungefähr 3 Jahre alt, sie müsste demnach auf dem Bild 21 Jahre alt sein. Und sie hätte dieses Bild von uns beiden an keinem besseren Tag als heute schicken können, weil wir uns nicht nur an Wahltagen beieinander bedanken, fürs Dasein, fürs Durchhalten, aber dann eben auch. Meine Familie lebte in der DDR, ich glücklicherweise nur fünf Jahre lang, eingeschult wurde ich erst nach der Wende. Aber die Repression und Gewalt dieses Staates hatten einen großen Einfluss auf unser Leben, manche Traumata aus dieser Zeit halten bis heute. Ich wünsche uns eine Zukunft, in der Demokratie und Freiheit, Solidarität und Diversität, Respekt, Unterstützung und Solidarität eine große Rolle spielen, eine Zukunft, in der wir anerkennen, was wir haben, und es mit denen teilen, die nicht so privilegiert sind, eine Gesellschaft, in der jeder lieben und leben darf, wen und wie er oder sie will, in der wir integrieren statt auszusortieren, in der wir mit Unterstützung agieren statt Ängste zu schüren, in der wir Kompromisse finden statt zynisch und hart zu werden. Ich wünsche uns eine Gesellschaft, in der wir – statt unsere Hornhaut zu trainieren – weich miteinander bleiben.

Está de esperanças

Im Dunkeln losfliegen und im Dunkeln ankommen ist, als würde man Fahrstuhl fahren. Oder Rohrpost. Sich einfach in einen Karton setzen und dann fliegen ein paar Lichter vorbei und man kommt ganz woanders wieder raus. Dort, wo die Luft sofort feuchter ist, der Wind legt einem sofort diesen Film ins Haar, der sagt, du bist hier nicht zu Hause, aber manchmal wärst du es gern, man könnte ja mal überlegen, aber jetzt schau erst einmal. In einem ganz fremden Städten ankommen ist auch, als verließe man nach einem Film das Kino, weil man plötzlich wieder hinsieht. Als hätte jeder Schritt eine Bedeutung. Dabei sind die Farben ja auch nur dieselben an einem neuen Ort. Fahrtkartenautomaten finden, Bahnen finden und in der Bahn dann irgendwann die Musik von den Ohren nehmen, um hinzuhören. Portugiesisch klingt immer so, als könne nichts passieren. Bolhao aussteigen und den Weg gleich finden, aber langsam gehen, an dem blau gekachelten Eckhaus und den vielen dunklen Schaufenstern vorbei, die in den nächsten Tagen zur Gewohnheit gehören werden. Man sucht sich ja schnell seine Fixpunkte, wenn man neu ist. Das ist der Bäcker, das ist der Eingang zu U-Bahn, das ist das Parkhaus, hier muss ich abbiegen. Und am nächsten Tag erkennt man alles wieder. Am dritten Tag denkt man schon nicht mehr drüber nach und wenn doch, dann nur als „Kenn ich, kenn ich, kenn ich“. Die Schienen scheinen hier in höheren Tönen zu quietschen, die Schrift trägt Akzente. Über dem Abendessen schweben Fledermäuse. Das Licht ist ständig orange.

Am Hafen auf der anderen Seite sitzen, Portwein trinken und dann spielt der Mann mit der Trompete leider Despacito.

Am letzten Tag des Augusts steigen wir ins Auto und fahren in den Süden. Beim Aussteigen sieht man nur Sand, ein paar Sonnenhüte und ein, zwei aufgestellte Mülleimer, sonst nichts. Dem Rauschen entgegen rennen und dann stehen bleiben und einatmen und genau wissen, dass es das ist, was man öfter haben sollte. Den Wind, und das Blau und dass es sonst nicht viel gibt. Außer einem leisen Hallo seit dem letzten Jahr und einer Träne. Das Meer ist kein anderes, aber wir sind es. Später im Wind schlafen.

Es gibt manche Sachen, die sind allein schöner. Und manche, die macht man besser zu zweit.

Am Stadtstrand stehen die Möwen auf dem Sand wie eine Armee, eine durcheinander gewürfelte. Sie stehen und schauen und irgendwann kommt der kleine Junge und will sie erschrecken, rennt mitten hinein, aber die wenigsten fliegen auf, die meisten machen nur ein, zwei Schritte zur Seite. Da muss schon was Größeres kommen.

„Wer nie wütend wird, kann sich nicht aktualisieren“, sagt Dr. Maschke in „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Das Buch mit Blick aufs Meer lesen, also ganz zu Ende, und immer laut lachen und später weinen und es sofort auf Papier vorbestellen, weil es eines dieser Bücher ist, die man besitzen möchte, um immer wieder nachzusehen, sich zu vergewissern, es anderen zu zeigen oder vorzulesen, wenn es wichtig wird.

In der Casa de Música von Antonín Dvorák überrollt werden, fast wie vom Meer und nicht selbst hindurch tauchen, sondern sich untertauchen lassen. Einfach nichts tun und warten, was passiert. Der ältere, englische Herr neben mir schläft nach ein paar Takten ein, die Hände ordentlich auf der Anzughose abgelegt, aber später dann wacht er wieder auf und seine Unterarme zucken mit. Manch einer würde tanzen, ihn ergreift es so sehr, dass er nicht still sitzen kann, doch seine Miene verzieht sich nicht eine Sekunde.

Es sind die kleinen Rotunden aus buntem Glas, die auf manchen zerfallenen, zumindest alten Häusern sitzen wie verloren gegangene Hüte. Die einen überraschen, weil sie wie aus einer anderen Zeit gefallen immer noch dort herumliegen. Als würde gleich jemand mit großem Namen oder zumindest einer Aufgabe, mit einem Thema im Hirn darin herumlaufen oder zumindest so stehen, dass sein Kopf durch das bunte Glas zu sehen ist. Denn wer eine Aufgabe hat, der muss in die Ferne sehen, manchmal nur für einen Moment, auf jeden Fall tut ein Ausblick gut, wenn man noch etwas vorhat mit sich und der Welt, man kommt so der Lösung häufig näher.

Das Grinsen des alten Mannes, der nicht etwa die Welt, sondern vor allem sich selbst in der Scheibe des Bäckers ansieht. Wie die Menschen an beiden Ampeln an der Kreuzung immer den Knopf suchen, der sich aber etwas weiter weg hinter der Laterne versteckt, und aus Ungeduld dann immer bei Rot gehen, weil er ihnen zu weit weg ist. Wie die Wolken in Streifen die Dächer verbinden wie Wäscheleinen. Das Knattern der Flugzeuge, die gerade Kunststücke über dem Douro fliegen. Der Singsang der Dame, die am Nebentisch über die Handymusik ihres Sitznachbarn einfach hinweg trompetet.

Die großen Wahrheiten im Halbschatten erörtern. Was uns umgibt, ist weiches Gebrüll. Seit wir da sind, liegt diese traurige Banane auf der Mauer neben dem Apartment, auch noch am letzten Tag.