Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

September, zweite Woche, noch so ein Tag.

Nach dem Büro auf der Bank in der Abendsonne noch mit Opa telefonieren und über Pfirsiche sprechen, über Bohnen, die er per Post geschickt hat, 4 Kilo, alle wohlbehalten, und dann während dem Gespräch sehen, wie das Licht sich verändert von Abendsonne in Gelbgrau, mich dann umdrehen und für einen Moment das Reden vergessen, weil die Wolken hinter den Hochhäusern still näherrücken. Zu weit noch, um von Wind begleitet zu werden. Zu nah, um sie zu übersehen. Dann aufs Fahrrad und an jeder Ampel eine Wette mit mir selbst abschließen, ob ich es noch schaffe, und mit jeder nächsten Ampel langsamer werden, weil ich es gar nicht schaffen will. Und dann einfach alles langsam machen, während alle rennen, manche sogar rufen, während die Autos plötzlich ihre Fahrweise ändern, weil ihre Fahrer nichts mehr sehen und obwohl sie im Trockenen sitzen noch schneller nach Hause wollen. Mich nicht unterstellen sondern weiterfahren, die eingezogenen Schultern zählen, einfach geradeaus, so muss man ja immer, einfach geradeaus und zuhause auswringen, was man hat, und Bohnen ins heiße Wasser werfen, Salz und Pfeffer und ein bisschen Knoblauch, beim Essen immer noch dem Regen zusehen, später noch einmal raus, im Herbst dampft der Boden nicht, alle machen noch schnell, was sie vorhin nicht machen konnten, als es so regnete, alle beeilen sich und stolpern über die wenigen, die sich nicht beeilen, ich spaziere noch einmal um den Block, nicht um etwas zu sehen sondern um heute gelaufen zu sein, es könnte ja sein, dass sich bei einem dieser Schritte etwas zurechtrückt, sich einpasst, an den richtigen Ort fällt.

Essen allein unter Frauen.

Ich sitze zum ersten Mal in einem Women Only Café, weil das Menü auf dem Straßenaufsteller so nett klang, und ich hätte nicht übel Lust jetzt zum Mittag schon ein Glas Wein zu trinken, allein unter Frauen, mein Leben ist ja sonst eher ein Gemischtwarenladen, aber gut, einfach machen. Mir wird ein bisschen schwindelig beim Blick auf die Wand vor mir, ein psychedelisches Geäst rankt sich über die gesamte Tapete, ich muss wieder auf die weißen Tischdecken schauen, sonst werde ich nichts essen können, die Bedienung begrüßt mich sehr nett und trägt eine Schürze. Aus irgendeinem Grund sind mir Menschen mit Schürzen immer erst einmal sympathisch, vielleicht bilde ich mir das aber auch ein, ich selbst habe noch nie eine Schürze besessen, weil ich glaube, ich würde sie immer vergessen zu benutzen.

Ich bekomme eine kleine Karte und setze mich auf die mit Leder überzogene Bank, die über die gesamte Raumlänge reicht, neben mir trinken zwei ältere Damen Cocktails mit bunten Strohhalmen aus bauchigen Gläsern, es ist halb zwei. Vor mir sitzt eine grauhaarig schöne Dame, isst einen Auflauf und liest Zeitung dabei, die Fahrstuhlmusik dudelt so vor sich hin und nervt dabei ein wenig, aber in auszuhaltendem Maße und auch nur für kurze Zeit, man dudelt sich ja selbst so hinein, wenn man erst einmal drinsteckt und nicht weg kann. Draußen laufen geschäftig Touristen und Menschen herum, die sicherlich etwas mit Mode oder Kunst oder Darstellungsthemen zu tun haben, hier drinnen sitzen ganz andere Menschen und ich lehne mich zurück. Vor mir auf dem Tisch steht ein kleiner Kaktus unter einer großen Glasvase, daneben ein Teelicht zwischen Kaffeebohnen.

Ich bestelle Zucchini-Nudeln und mein Hirn denkt sofort, das seien Nudeln aus Zucchini, aber selbst das ist hier unprätentiös gelöst, denn am Ende bekomme ich Nudeln mit Zucchini oben drauf auf einem Teller, der auf einem Unterteller steht. Ich kleckere das grüne Pesto sofort auf die Tischdecke, nichts absichtlich, aber alle in diesem Raum scheinen mit kurzen Vollkornspaghetti besser zurechtzukommen als ich. Das Schöne ist: Es interessiert hier niemanden. Die Bedienungen schauen diskret auf ihre Limonadenflaschen, die anderen Damen haben einfach mit sich selbst zu tun. Das Mutter-Tochter-Gespann trinkt Latte-Macchiato, das Freundinnen-Cocktail-Duo erzählt sich aus der letzten Woche, ich schweige, schaue und horche.

„Ernst ist jetzt zum zweiten Mal eine junge Frau ins Auto gefahren und der Trottel hat wieder nicht die Polizei gerufen, jedes Mal sag ich’s ihm wieder und er kriegt es dann nicht hin, ich weiß nicht, wie die das machen, das die ihn dann so überreden, aber die zweite, die natürlich auch Schuld war, die verklagt ihn jetzt und deswegen jammert er jeden Abend und ich sage, biste selbst schuld, jetzt haste den Salat, muss er halt lernen, nich? Findet er ja auch nich gut, dass wir hier sind, aber weißte, ich koch doch jetzt nicht jeden Tag für ihn, dann müsste ich ja völlig umplanen, der ist jetzt im Ruhestand, da hat er doch genug Zeit für sich zu kochen, ich hab auch meine Dinge zu tun, ich bitte dich.“

Ich möchte beinahe gar nicht mehr weg, der Tisch wackelt und ich sollte mir vielleicht Notizen machen, stelle aber zum Wohle des Moments fest, dass ich keinen Stift, dafür aber drei Röllchen Klebeband mit mir herumtrage, also keine Notizen sondern Nudeln auf die Gabel schaufeln, die Hälfte auf dem Weg zum Mund verlieren und noch einmal von vorn. Das Essen schmeckt, wie ich in letzter Zeit manchmal versuche zu kochen. Wenig Gewürz, denn wenn man es mal aushält, dass es nicht sofort knallt im Mund, folgt nach der kurzen Verwunderung das Hinschmecken und ich will wissen, was Lebensmittel so für sich allein können, ohne ständig noch daran herum zu optimieren und allerlei Zeug drauf oder dazu zu schütten. Pure Sahne, puren Joghurt, pure Nudeln, sanftes Pesto, manchmal etwas Pfeffer, kaum Salz. Nur um es zu wissen und mich dann noch einmal zu entscheiden.

An den Wänden hängen eingerahmte Urkunden, ich schaue nicht so genau hin, in einem Hinterraum stehen Sofas mit Decken und Kissen, wieder kommt eine ältere Dame herein, bestellt sofort eine große Apfelschorle und lässt sich in einen dieser Rundledersessel fallen, in die man gar nicht so richtig fallen kann, weil sie so steif sind, das spürt sie auch und guckt ganz verwundert und sitzt dann etwas gerade auf ihrem Sessel herum, während sie in der Karte blättert. Alle sprechen relativ leise, aber ungehemmt, sie sehen einander kaum an, die Bedienungen sind zurückhaltend, wirklich sehr freundlich, etwas unsicher vielleicht, aber sehr akkurat in der Körperhaltung, keine Bewegung zu viel, die Hände immer gefaltet und wenn man sie anlächelt, schauen sie verschmitzt zur Seite, aber lächeln auch, als wären sie das nicht gewöhnt.

Die Rechnung bekommt man auf einer kleinen Untertasse mit Serviette und Kaffeebonbon. Für eine ordentliche Portion Nudeln und eine große Apfelschorle bezahle ich 5,60 Euro, mir dudelt der Kopf, die Damen neben mir bestellen noch einmal Cocktails, ich kann durch eine Durchreiche in die Küche schauen, eine ältere Frau steht dort in weißer Arbeitskleidung und lacht, redet angeregt, aber lacht wieder, ich kann sie nicht hören, aber sehen, sowieso sehe ich sie hier alle gerne an, weil der Rest draußen so anders funktioniert, weil sich dort alle so abmühen und glatt gebügelt durch die Mittagspause staksen, hier drin stakst niemand, die drei, die einzeln das Café betreten, während ich esse, seufzen alle erst einmal nach dem Hinsetzen und schnaufen aus.

Zweite Woche, September.

Kreuzberg

Wir reden über Vulkane, weil es dieses eine Video gibt, in dem der Typ in einem Schutzanzug direkt vor dem Abgrund steht, aus dem es tieforange spuckt und spritzt, er wirft die Arme in die Luft und ich versuche mir vorzustellen, wie heiß ihm sein muss trotz seines Anzugs, ich meine, ihm das anzusehen, als er später wieder weiter weg steht, vielleicht kann man auch unter der Haut verbrennen, sich von innen verbrühen, wenn das Herz zu sehr erhitzt wird wie in der Mikrowelle, der sieht man ja von außen auch nichts an außer dass sie manchmal nervig piept, wenn man die Bedienungsanleitung nicht aufmerksam genug gelesen hat oder nicht schnell genug aufspringt, um die Tür zu öffnen, dann entweicht der Dampf und dem Essen sieht man trotzdem nichts an, wir haben ja auch nicht alle einen Löffel in der Brust, um Luft abzulassen, um schneller auszukühlen, wir suchen andere Wege und finden keine. Also reden wir danach über Halligen. Auf Halligen, so stelle ich es mir vor, kann man auf dem Sofa sitzen und, wenn man das Haus klug geplant hat, aus mehreren Fenstern gleichzeitig nur Meer sehen, wie auf einem Boot ohne Boot, wie auf einem Schiff ohne kotzen, man sitzt da und schaut und muss nicht einmal lesen und dann kommt die Nacht und bringt keine Laternen mit und vielleicht sitzt man erst und lässt dann den Oberkörper nach rechts kippen, vorher hat man die Fenster geöffnet und dann schläft man mitten im Meer einfach ein und am nächsten Morgen hat irgendjemand oder man selbst die Decke über die Füße gelegt, das ist das beste Gefühl, wenn du morgens merkst, da kam nochmal jemand und hat dich nicht geweckt, nur zugedeckt.

September.

Ufer

Dieser Herbst schlägt dem Fass keinen Boden aus, er ist der Regen, der hineinfällt und es füllt. Ich schreibe den vermutlich traurigsten Brief meines Lebens, ich halte den Hund an der Leine, ich wasche mir jeden Morgen und jeden Abend das Gesicht, ich zerknülle Papier und lege das Handy weg, manchmal stundenlang, ich lege es beiseite wie etwas, das man vergräbt und dann kommt der Wind und trägt den Sand ab und dann liegt es dort wieder, blank gerieben wie Schienbeinhaut nach dem Urlaub, als wäre nichts passiert. Dieser Herbst weiß, wann er kommen muss, um mich nicht zu erschrecken, ein bisschen zu früh, aber leise, Zentimeter für Zentimeter mit dem Arm voller bunter Äste und etwas, das er mir an die Brust drückt, ohne mich zu fragen, und das zittert wie das Laub auf den Straßen, wenn es nicht geregnet hat und alle nach Hause gehen.

Missing Person Report.

Der Atem in der Schläfe. Erst einmal die Strecke in Gedanken abfahren, dann in Maps eingeben, die Strecke betrachten, die Krankenhäuser um die Strecke herum orten, alle Adressen aufschreiben, sowieso Daten aufschreiben auf das Blatt vor dir, falls jemand danach fragt. Geburtsdatum, Nummer, Meldeadresse. Nicht den Notruf anrufen, aber die Bürgernummer und fragen, wie man das macht, wenn jemand nicht nach Hause kommt, was man dann tun kann, wenn jemand nicht nach Hause kommt, ob sie jemanden kennen, der wüsste, wie man denn vorgeht, wenn jemand nicht nach Hause kommt. Ein Anruf als Entscheidung, ruhig zu bleiben, den Rest herunterschlucken, das Provisorium spüren, aber schlucken, soviel und soweit es geht. Es geht. Weiterreden, der ruhigen Stimme zuhören. Den Atem im Bauch, während die Stimme am anderen Ende die Unfallliste der Großstadt durchgeht, 66 Unfälle heute, keine Radfahrerin dabei. Nach einem Prozedere fragen, das Prozedere notieren, weil man dem eigenen klaren Denken nicht traut, nicht jetzt, also Notizen, dann bedanken, dann auflegen. Dann die Krankenhäuser. Eins, zwei, drei. Den Zettel mit den Daten neben dem Knie. Nein, da ist niemand mit dem Namen und dem Geburtsdatum. Auflegen. Nummer zwei. Da ist auch niemand, der auf die Beschreibung passt. Nummer drei. Niemand. Den Atem aussperren. “Das ist etwas Gutes” denken und sich an den Vorsatz erinnern, ruhig zu bleiben. Wieder schlucken. Noch einmal die Strecke betrachten. Die Strecke mit dem Fahrrad abfahren? Mit dem Taxi? Jemanden fragen? Die Zeit vergeht beim Schlucken, dabei ist kaum noch Spucke da. Das Vakuum ist ewig und man spürt sein Ende erst, wenn es Entwarnung gibt. Keine Vermisstenmeldung. Keine Verletzten. Dann auch mit der Entwarnung kommt der Durst, das Wasser, sich auf den Boden setzen, atmen atmen atmen, alles ist okay, alles ist gut gegangen, Hände noch da, Füße noch da, Familie noch da und das Herz wach, so wach, so wild. Jetzt hat man es einmal gemacht. Man wird sich erinnern, vielleicht.

My word for it.

Home

Und dann machst du an diesem Montag das neue Angus & Julia Stone Album an und musst es fast, aber nur fast wieder ausmachen, weil es dir beinahe, aber nur beinahe die eh zur Zeit im Bauch sitzende Sprache verschlägt, nicht einmal die Töne an sich sondern wie alles zusammen kommt und passt, also diese Lieder zu diesem Sommer, in meinem Ohr klingen sie, als würden sie versuchen, etwas abzuschütteln, einen Fuß vom Boden zu bekommen (und nicht drauf, so wie die meisten, es geht ja immer um Bodenhaftung, aber manchmal, das muss ich euch sagen, da geht es vor allem darum, hoch zu kommen, mit der Wange vom Boden hoch und mit der Hüfte vom Boden hoch und mit dem Fußrücken vom Boden hoch, weil sich das Parkett sonst eindrückt, also jahrelang und wenn man gar kein Tattoo haben will, also wenn man seine Haut, wie sie ist, eigentlich gerne mag, dann ist das nichts Gutes, dort über Monate zu liegen, und dann hängt das eigene Überleben davon ab, nicht mehr liegen zu bleiben, den Rücken rund zu machen, damit der Stein hinunter rollt und zwar über die Seite und nicht in die Kniekehle, denn die Kniekehle hat eh schon genug mitgemacht, der reicht es langsam, die gilt es zu schonen, ist auch mal gut jetzt, deswegen über die Seite und dann hoch, irgendwie aufstehen, das ist die Rettung, nicht irgendeine sondern deine, jeder darf heulen dabei, jederzeit).

Und dann stehst du zur blauen Stunde am offenen Fenster, das man heute zum ersten Mal seit Tagen wirklich wieder öffnen kann, weil es kühler und nicht noch wärmer wird dadurch im Zimmer, und es läuft ‘Wherever you are’ und du legst dir selbst die eine Hand auf die andere, weil es sein muss, dass man sich hält, meine ich, das darf nichts Fremdes sein, man darf sich nichts Fremdes sein, jedenfalls nicht zu lange, jedenfalls nicht zu oft.

Hauptsache etwas spüren, anti-cool sein, anti-abgefucked, also nicht tot. Sich jeden Tag für Leben entscheiden“. Nicht genug Angst haben, um damit aufzuhören; viel zu viel Angst haben, damit aufzuhören.

Faro VI

Garden

Töchter sprechen über ihre Mütter, Jüngere sprechen über die Älteren und in beiden Konstellationen kommt irgendwann der Punkt im Leben, den man mit diesem Blick begleitet, dem Blick schräg nach unten und an der Person vorbei, mit der man eigentlich gerade spricht, der Blick, in den bereits jedes Gewicht gelegt wird, das man später auf den Schultern hat, wenn sich umkehrt, was man nie als umkehrbar erachtete, eben diese Konstellation, dass jünger sein mal bedeutet agiler zu sein, sich mehr beieinander zu haben, dass Tochter sein mal bedeutet, die Ruhe zu geben und nicht zu nehmen, sich auszukennen, dass es soweit kommen kann und muss und dass auch schon immer so war, aber von den Ewigkeiten haben wir alle bis heute ja gar keine Ahnung. T. erzählt von ihrer Mutter, die sie holen muss, da sie dement ist, und die Schwester von T. in die Ferien fährt, sonst obliegt die Obhut der Mutter nämlich ihr.

Und nach diesem Gespräch nehme ich den Gedanken noch mit in den Tag, in einen der letzten, und ich frage mich, ob es an den ebenerdigeren Wohnungen, am Klima oder nur an meinem verschobenen Fokus liegt, dass ich hier mehr ältere Leute auf den Straßen sehe, vor den Häusern, in den Cafés. Auch sind sie meist in Gruppen anzutreffen und nicht so allein wie in deutschen Großstadtstraßen, die sich sich in völliger Isolation hinunter schleppen, obwohl um sie herum das Leben tobt. Did you order pastéis de nata? No, we didn’t, antwortet N. Oh! Die Bedienung ist beinahe entsetzt. Cause there are only three left. Do you want two? I guess, you want two. Yes, we do.

Wir fliegen am Abend. Der Tag gehört der Stadt, die hinter dem repräsentativen Viertel liegt, der Stadt mit den Hochhäusern und den vielen Balkonen, den Mülltonnen an der Straße und dem Pflaster mit den Schlieren. Aber auch hier immer wieder feststellen, das die Portugiesen in jeder Hektik weniger hektisch sind als Menschen anderswo und auch weniger laut. Im Botschaftsviertel treffen wir auf keinen einzigen Menschen, nur auf einen das leere Haus beschützenden Hund, der sich die Seele aus dem Leib bellt, während die großen, pinkfarbenen Blüten im Wind zittern.

Wir trinken Tee und Kaffee im Café King, spielen Backgammon dabei und der Wind will nochmal zeigen, was er kann, weht beinahe das Spiel davon und auch den großen Schirm, N. stößt sich am Tisch vor Schreck, aber der Italiener nebenan packt seine großen Sprüche aus. Er beschütze uns, wir brauchen uns keine Sorgen machen, sein Begleiter lacht verschämt. Und immer wieder klingelt sein Telefon. Sophia ist dran, er möchte mit Sophia einen Termin ausmachen, ja, er käme gleich vorbei. Dann zwei Minuten später klingelt es erneut. Er hebt ab. “Sophia! How beautiful. You are a stupid person.” Wir bezahlen drei Euro und ziehen weiter zum Hafen, um noch einmal Fisch zu essen. Wichtig ist, so stellen wir fest, wenn der Tisch nicht wackelt, ist es kein gutes Restaurant.

Zum ersten mal läuft nicht Rihanna oder Shakira sondern portugiesische Musik. Der Wind ist wirklich überall, das Segeltuch über unseren Köpfen flattert so laut, und wir müssen auch hier die Teller auf das Backgammonspiel stellen, dessen Spielfläche aus einrollbarem Leder besteht und nicht aus Holz, damit es nicht davon fliegt. Ich bestelle Suppe und Salat, der Begriff ‘Salat’ ist sehr dehnbar. Mal bekommt man Dosengemüse, mal Tomate mit Zwiebel, mal Tomate mit Gurke, heute Tomate ohne Gurke und manchmal bekommt man mit etwas Glück auch grünen Salat. Wir lassen uns Zeit, ich schließe die Augen, ich will noch nicht gehen.

Später im Flugzeug tobt auf meiner Fensterseite irgendwo über Frankreich ein Gewitter, die Wolken stehen wie dunkle Berge, dazwischen zucken Blitze. So nah, als müsste ich nur den Arm ausstrecken, um mich aufzuladen, um etwas zu spüren.

Nonhardening.

Groß Glienicker See

An den Sommer denken, den ich dieses Jahr schon hatte, denn er zieht sich und macht auch mal Pause und er und ich, wir mögen uns wirklich, er und ich und diese Regenschauer und heißen Tage, die vielen Gewitter und dann auch die Kopfschmerzen davor, von denen man weiß, wann sie vorbeigehen, der Sommer scheint beinahe zu sagen: “Schau hin, so bin ich eben und das ist nicht einmal unbeständig oder unzuverlässig, so war ich schon immer, du hast nur zum ersten Mal seit langem wieder Zeit, es wirklich merken”. An den Sommer denken, während er sich kurz ausruht und unruhig schläft. Man sagt, Tiere spüren, wenn es Menschen nicht gut geht. A. spürt das auch und nimmt meine Hand. 10 Grad besser. Von den Eisbechern sammle ich die Physalis herunter, weil ich dieses Obst und seine Verwendung noch nie verstanden habe, es bleibt immer körnig und weiter hinten etwas bitter. Unter den Bäumen der Stadt liegen und warten, bis der Kaffee abkühlt, Falten ins Hemd machen und dann das Wort “wundernehmen” aus einer SMS klauben und mir schon denken, was es bedeutet, es aber sicherheitshalber noch einmal nachschlagen, es dann den ganzen Tag und Abend noch mit mir herumtragen wie die erste Kastanie des Herbstes. In den Seen schwimmen, die diese Stadt umgeben und immer wieder unterbrechen, schwimmen und vor allem mehr tauchen als die Jahre zuvor, feststellen dabei, dass das schönste Gefühl mitunter das Durchbrechen der Wasseroberfläche mit der Stirn ist, weil man weiß, gleich gibt es Luft, weil man sieht, gleich gibt es Licht, weil man spürt, gleich hat man’s geschafft, das ist der Beweis. Jetzt, genau jetzt. Zum ersten Mal seit langem nichts, aber auch wirklich gar nichts vom Sommer erwartet und alles bekommen.

Arteria poplitea.

Fraenkelufer

Ich werde mich erinnern an dieses Jahr als das Jahr, in dem ich lernte, wie meine wirklich guten Freunde unter ihrer Haut aussehen, in all ihren Winkeln und Ecken, mit all ihrem Blut und Sehnen und Knochen, mit all dem, für das es keinen angemessenen Namen gibt und das man vor allem einfach halten muss, obwohl man nicht genau weiß, wo es liegt, aber wenn man es hat, dann spürt man, dort muss die Hand jetzt einfach einmal bleiben, dort darf man sich nicht rühren, dort muss man verharren, damit dem anderen nichts passiert, dort wird man stehen, solange es nötig ist, und nötig ist länger als notwendig, nötig ist vor allem über den nächsten Atemzug hinaus, wirklich nötig dauert über das Defizit hinaus, über ein Auffüllen hinweg, nötig ist immer bis zu einem sicheren Vorrat, vorher geh ich nicht, keinen Schritt, und wirklich, ich habe eine Karte gemalt, um nichts zu vergessen und ich werde mich erinnern an dieses Jahr als das Jahr, in dem ich sagte “Wir bekommen das hin” und wusste, es stimmt.

Im Anzug den Müll raus.

Berninger Brothers

Ich schrieb einmal über The National, sie wären mit keiner Geschichte verknüpft, eine von den Bands, die immer gehen, zu allem passen, vor denen ich keine Angst habe. Das stimmt nicht. Es stimmt nicht mehr. An Tagen mit aufgeschürfter Brust gehe ich ihnen mittlerweile aus dem Weg. Sie würden einfach in mich hineingreifen und ich hätte vermutlich nicht für örtliche Betäubung gesorgt, mir ist noch nie der Bauch, noch nie das Herz eingeschlafen, ich würde alles spüren.

Und bei der Premiere von “Mistaken For Strangers” heute Abend erinnere ich mich wieder, warum ich Matt Berninger als Projektionsfläche so schätze, die Band mit ihrer Kunst. Denn ich mag Berninger nicht als Mann, ich könnte ihn vermutlich nicht ertragen, ach wer weiß das schon, ich kenne ihn einfach nur als Figur und diese Figur spielt auf der Bühne mein wütendes Herz. Mit jedem Stolpern und Krächzen und Schreien führt er den Abgrund auf, den man dann nicht mehr leben oder tragen muss, Berninger übernimmt den Drecksjob, er bringt den Müll raus, den wir vorher noch sorgsam im Zimmer verteilt haben, und er trägt einen Anzug dabei.

Ich schaffe es, den ganzen Film nicht zu heulen. Später nach dem Q&A sitzen wir beinahe allein im Kino, da kommt plötzlich ein Mädchen in unsere Reihe und sagt: “Hallo Lisa, ich wollte dir nur schnell sagen, ich mag deine Bücher und Texte so sehr. Dankeschön!” Sie flitzt sofort wieder weg, noch bevor ich wirklich etwas sagen kann, danach ist mein Vorsatz im Eimer. Auf dem Heimweg flippe ich mit dem Fuß aus Versehen einen nassen, halben Toast übers Pflaster, der Mond leuchtet beinahe voll aus einer Seitenstraße heraus. Leave your home. Change your name. Live alone. Eat your cake.