Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Á eftir vetrinum kemur vorið.

Frühling in Berlin

Man schimpft jetzt über das Wetter, das macht man ja immer so, das gehört dazu wie das Schimpfen über den öffentlichen Nahverkehr, das Schimpfen über Menschen, die zu langsam laufen, und Autos, die zu schnell fahren. Man schimpft eben über das Wetter, weil das Wetter es einem nicht recht machen kann. Dabei ist er nun einmal so, der Frühling. Er war ja nie anders. Er war immer unstet und kalt und warm und regnerisch und sonnig. Und wenn er nicht so war, dann war es nicht der Frühling. Sondern was anderes. Ein euphorischer Sommer, ein geduldiger Winter. Aber Frühling ist so, da kannst du dich auf den Kopf stellen, du wirst trotzdem nass. Frühling ist Übergang und darüber schimpft man eben, weil Übergang Unklarheit bedeutet und Überraschung und Unvorhergesehenes und Abschied und auch mal Enttäuschung, aber eben auch Anfang und Sortieren und Loslassen und Sähen und Putzen und nicht mehr so viele Pullover, jedenfalls nicht jeden Tag. Übergang ist immer herumwurschteln und aus dem Bett fallen und sich gewöhnen. Darüber schimpfen Menschen, aber der Frühling versucht nicht mehr, ihrem Wunschbild zu entsprechen, das kann er nicht einlösen. Er kommt einfach jedes Jahr wieder, er wird nicht aufhören damit. Vielleicht bleibt er nicht so lang, aber er kommt wieder. Man wird das Wie nicht ändern können, auch mit Tiraden nicht, das bestimmt nur er selbst. (Menschen glauben so oft, sie wüssten, wie es sein muss. Und vergessen dabei zu sehen, wie es einfach ist.)

Scheitern als Magazin

Scheitern Magazin

Für das Scheitern Magazin habe ich einen Text über blaue Flecken geschrieben. Wir feiern das Erscheinen der Ausgabe am 16. April in der Bar Babette. Feel free to join.

Frühling und so.

Keep it green

Der Frühling kommt. Und Mary Scherpe hat aufgeschrieben, was viele von uns beobachten. Dass Grünflächen in Berlin meist nicht lange grün bleiben. Sie hat angefangen, den Hashtag #keepitgreen zu verwenden. Und mittlerweile gibt es eine Facebook-Gruppe, in der wir besprechen und planen wollen, ob man nicht aufräumen und mehr Menschen zu Achtsamkeit animieren kann. Feel free to join.

Lesung in Stuttgart am 16. Mai

Stuttgart

Am 16. Mai werde ich um 20 Uhr in Stuttgart lesen. Kommt vorbei und wir machen es uns gemütlich.

Unechoic chamber.

Baum

In toten Räumen hallt es nicht. In toten Räumen bekommt man Kopfschmerzen, weil das Gehirn es nicht versteht, dass dort nichts nachhallt. Und wenn nicht gleich Kopfschmerzen, so versteht das Gehirn zumindest, dass hier etwas nicht ist wie sonst und schaltet um auf Unwohlsein. Denn sonst im Rest der Zeit orientiert sich das Gehirn auch über Hall; und Hall meint nicht sofort Echo, Hall meint vor allen Dingen kontinuierliche Reflexion von Schallwellen in einem abgegrenzten Raum oder einem natürlich begrenzten Bereich, das kann ein Zimmer oder ein Leben sein, man vermag den Unterschied nicht genau zu benennen. In toten Räumen frisst die Mineralwolle alles auf, poröses Material dämpft optimal, in toten Räumen läuft man hier und da auf Drahtgeflechten, denn in toten Räumen wird auch auf den Boden geachtet, nicht nur auf die Wände und die Decke, die Räume sind nur dann tot, wenn alle Richtungen hungrig sind, nicht nur links und rechts und oben. Und in meinem Kopf atmet der Raum leise alle Luft aus sich selbst heraus, er entzieht das Geräusch dem Geräusch, dem Wasser den Pegel. Und während der Musiker sich nichts schöneres vorstellen kann vielleicht als die Reinheit des Erzeugnisses, bekomme ich Gänsehaut bei dem Gedanken an die Entsorgung des Schleifens, des Lebens, das sich stößt. Weil so läuft es ja nicht. Niemand geht ohne Staub, ohne Fettfilm, ohne Kondenswasser.

Zürich III

Zwei

In einer selbst gewählten Einsamkeit, die sich nicht so anfühlt, eben weil sie ausgesucht ist, dann wieder stärker den eigenen Körper spüren, nicht den Verfall, aber doch Stofflichkeit, Fleisch, Muskeln, Haut und was sich darin spiegelt. Wie man so rausgeworfen wird als Mensch in die Welt, wie man sich nichts davon aussucht, also ich meine, wenn man so hinein fällt in das eigene Leben. “Hallo, das sind deine Beine, das ist dein Bauch, das ist dein Hirn und das wird alles wachsen, friss halt, wie es eben geht, oder lass es bleiben.” Auf einem anderen Pflaster sich selbst bewusst werden, dass das erwachsen werden vor allem daraus besteht, mit den Dingen etwas anzufangen, obwohl man um ihre Herkunft, ihre Gebrechen, ihre Fragilität weiß. Dass es auch heißt, aus dem sich winden eine von Anfang bis Ende ausgeführte Bewegung zu machen, die nicht so sehr weh tut, die Windung beinahe zu institutionalisieren.

Um daraus dann wieder andere anzusehen, auch mit der Gelassenheit, die daraus erwächst, auch wenn man es nicht immer spürt. Dass man es irgendwie hinbekommen wird. Eine Richtung findet. Einen Umschlag. Eine Handschrift. Wie man plötzlich jene ansieht, von denen man denkt, sie wüssten darum nicht, um die Gratwanderung, das Zittern, jene, von denen man glaubt, sie hätten keinen Grund dafür, noch nichts erlebt, und sich selbst dann auf offener Straße ohrfeigt für diese überhebliche Naivität. You never know what’s behind. Und danach sorgsam die Gesichter wie Schaufenster betrachten, in denen die Mimik steht wie eine Schaufensterpuppe, die Jahre aber wie nicht geputzte Scheiben. So viel Wetter, da kommt man nie hinterher, das sieht man selbst irgendwann gar nicht mehr. (You’ll never know.)

Zürich II

Quaibrücke

Wie das klingt: Sich die Nacht um die Ohren schlagen. Wie einen kalten Lappen, ein Geräusch, das man noch nie zuvor gehört hat, plötzlich über einem, ohne dass man sehen kann, wo es herkommt, was es kann. In einer fremden Stadt das Fenster aufmachen, um den Regen zu hören, dastehen, den Kopf richtig rausstrecken, sodass das Fensterbrett den Rippenbogen spürt und zurück, du auch, selber, jaja. Warten, einfach warten, solange noch, bis das nächste Auto um die Ecke kommt und dann feststellen, dass die Einfahrt gesperrt ist. Leise Katzen. Die vielen Hügel hier machen einem die Langeweile schwer, ständig hat man etwas zu schauen oder zu beachten, all die Schilder, auf denen “Verbot!” und dann erst darunter in kleiner Schrift steht, was eigentlich genau man nicht darf. Die Pudel warten vor Chanel, der Maroni-Mann hat sich ein Kissen mit Strippe an den Stuhl gebunden. Ich komme vorbei am Institut für angewandte Altersfragen. An den Häusern hängen Schilder: Zum Napf, zur Geduld, Paradies.

Zürich I

Zürichsee

Oben in dem kleinen Park, wo die Bank am Geländer steht, auf der man sitzen und die Berge betrachten kann, wenn die Wolken es zulassen, klopft ein Specht, die Stadt hört man nur in der Ferne als Rauschen, manchmal sehe ich mich um, um mich zu vergewissern, dass es kein Wind ist. Weiter hinten an der kleinen Anhöhe ein Herr im schwarzen Mantel mit Hund, er sieht sich um, bevor er den Rasen betritt und setzt achtsam einen Fuß vor den anderen, als ginge er über Wasser. Das Wasser aber liegt in der Ferne und schweigt, der Herr steckt die Hände tief in die Taschen des geöffneten Mantels, so tief, dass der Stoff spannt, beinahe als würde er von innen versuchen ihn zu zerreißen, der Hund springt ihm nicht ganz genehm um die Beine herum, dem Hund ist das alles egal, der will jetzt springen, deswegen springt er. Die ganze Zeit.

Möwen

Man läuft dann ein paar Windungen nach unten, am Rand der Wege blühen erste Schneeglöckchen und plötzlich fängt es an zu regnen, als habe es jemand geschrieben, so plötzlich und so sehr, dass man gar nicht auf die Idee kommt, sich zu verstecken oder unterzustellen, weil man davon ausgeht, so schnell, wie es angefangen hat, müsse es auch wieder aufhören, eine andere Möglichkeit fällt einem gar nicht vor die Füße. Die gelben Zebrastreifen sind keine Dekoration, wenn man sich einem nur nähert, halten die Autos schon an, man könnte beinahe ein Spiel daraus machen, aber wir bringen hier niemanden an seine Grenzen, das tun wir nicht, alles ist so aufgeräumt, man fügt sich (ein). Vorne am Quai gehen die Anzüge der Stadt essen, putzen sich mit einem Taschentuch vorm Betreten des Lokals den Regen von den Schuhen. Löwen bewachen den See, die Enten die zerwindeten Frisuren.

Auf einen Kaffee mit Francesco Wilking.

Kaffee

Ich bekomme eine Nachricht: “Sorry, 10 Minuten”. Ich sitze und warte, der Kaffee und ich haben es warm, ich lese Max Frisch, da fühlt man sich eh immer ganz aus der Zeit gezogen. Francesco Wilking wollte sich im Haliflor in Mitte treffen, da kann man rauchen, ich weiß aber auch nicht, ob das der Grund war. Noch einmal 15 Minuten später ruft er an: “Sag mal, können wir uns auch in der Weinerei treffen? Meine Katze sitzt im Hof und will nicht reinkommen.”

Als ich in die Weinerei komme, steht Francesco neben dem großen Topf mit der Suppe, einen Rucksack auf dem Rücken, eine Schirmmütze auf dem Kopf. Wie ein kleiner Junge mit der Frisur von Helge Schneider. Meine erste Assoziation erschreckt mich, verfliegt aber mit der Zeit, er bestellt Espresso, ich Kaffee, wir setzen uns an einen Bartisch gegenüber. Und wo ist die Katze?

Francesco Wilking hat eine neue Band, sie heißt die höchste Eisenbahn und ich bin der Musik aufgrund des Namens aus dem Weg gegangen, bis meine Mutter anfing, von ihr zu schwärmen. Diese Sache mit den deutschen Texten ist eine schwierige für mich, die eigene Sprache in Musik zu finden, stellt mich immer wieder vor Herausforderungen. Aber auf dem Album “Schau in den Lauf, Hase” der höchsten Eisenbahn wurde ich überrascht und war sogar von dieser Überraschung noch ganz durch den Wind. Jedenfalls sitzt da jetzt Francesco Wilking, der Rucksack liegt mittlerweile auf dem Barhocker neben ihm, und er klingt, wie man dem Klischee nach im Prenzlauer Berg irgendwie klingen muss. Es geht um die Schulsuche für die Kinder, das sei eine komplizierte Geschichte mit diesen Bewerbungen, Erstwünsche, Zweitwünsche. Ob es da Tricks gäbe, frage ich. “Naja, bestimmt. Aber stell dir vor, ich versuche einen Trick und dann funktioniert der nicht? Nein, das ist mir zu heikel”, sagt Francesco.

Die Katze sitzt im Hof und will nicht rein, er habe es eine halbe Stunde lang versucht. Sie würde ihn nur anmaunzen, aber nicht mitkommen. Ich sage, er müsse Desinteresse heucheln, dann klappe das schon, als er mitten im Gespräch noch einmal aufsteht, um nach der Katze zu sehen. Klappt. Siehste. Ich mag eigentlich keine Katzen, aber der Vater aus Mitte hat ein Katzenfoto auf dem Telefon und das Flauschtier guckt so eigenwillig, dass ich kleine Sympathien in meinem Kaffeeherzen spüre. Francesco sei eigentlich auch kein Katzentyp, aber die Kinder hätten sie nun einmal angeschleppt und “da kannste nix machen”. Die Katze ist vielleicht schwanger. Francesco googelt, woran man erkennt, dass eine Katze schwanger ist. “Scheiß Katzen”.

Wir reden wenig über die Musik, das kommt mir entgegen, ich spreche mit Musikern nicht gern über ihre Lieder, ich habe immer Angst sie zu langweilen und meine Fragen sind ja dann doch immer eher sehr persönlich gefärbter Natur, das interessiert niemanden, deswegen reden wir übers Schreiben, also das auf Papier und ohne Musik. Da kann ich mich reinfühlen. “Ich habe kein Vertrauen ins Schreiben. Ich hätte Lust ein Buch zu machen, aber diese Branche ist mir unheimlich. Wer da alles dann drin rummacht, also in deinem Manuskript, das ist gruselig. Geschriebene Sachen haben außerdem diese Halbwertszeit. Ich lese meine Sachen später und denke: Häh?” Ob das mit Musik und Liedern nicht ähnlich sei, frage ich. “Nein, da entwickle ich eine Gelassenheit gegenüber dem Produkt. Manchmal ist es so, dass ich im Nachhinein, auch wenn die Platte schon fertig ist, noch etwas ändern möchte, aber das kann ich dann live manchmal umsetzen.” Aber irgendwie müsse er ja auch zu den Sätzen in den Liedern kommen, schreibe er die nicht auch klassisch auf? “Vor allem singe ich sie. Ich singe nie Ladidabidubi. Ich singe immer Sätze.”

Francesco trägt eine Kette mit einem Jesus, der umgedreht aussieht wie ein Anker. Die habe er von seiner Mutter geschenkt bekommen. Er sei nicht wirklich gläubig. Ob er aus der Kirche ausgetreten sei? Nein, er glaube nicht. Das wisse er gar nicht so genau. Also auch nicht, wie man das überhaupt mache. Kirchensteuer? “Wo steht eigentlich, wie viel das ist?” Dieser Mann schreibt mit Moritz Krämer kleine, tiefe Lieder über die große Liebe, Smartphonelächeln und verpasste Gelegenheiten. Francesco Wilking weiß, was ihm wichtig ist und was nicht, die anderen Sachen blendet er, wenn sie ihn nicht interessieren, einfach aus, so scheint es.

“Serien finde ich gut. Was aber nicht geht, ist dieses ‘alles auf einmal sehen’. Man darf Serien nicht gucken, wenn man alle Folgen hat, das macht einen krank, es ist eh immer alles gleichzeitig, auch im normalen Leben, und am nächsten Morgen schreit man die Kinder an, weil man nicht genug geschlafen hat. Das möchte ich nicht” sagt Francesco. Bei Mad Men und Breaking Bad war die Suchtgefahr zu groß. Ob er Kochsendungen schaue, frage ich, die harmlosen Geschwister der großen Serien, mit denen nie jemand spielt, die aber trotzdem ganz sympathisch sind, wenn man sich nur mal traut, sie anzusprechen. “Nein, ich komme ja nicht einmal mit Kochbüchern zurecht. Ich kann das nicht: Also erst lesen, was man alles braucht und das dann einkaufen und dann während des Kochens immer wieder lesen… Nein. Aber so eine Echtzeitkochsendung, wo genau alles so lange dauert, wie es dauert, das wäre etwas für mich. Ich muss mitmachen können, dann schaue ich mir das auch an. Die Leute haben echt Nerven, weißt du. Ich verstehe nicht einmal, warum ich dieselben Nerven haben muss.”

Wir vergessen, ein Foto zu machen, aber laufen noch ein Stück in dieselbe Richtung, weil der Mittevater noch zum Lidl muss. Als wir dort ankommen, ist das Ladengeschäft fahl beleuchtet, keine Regale mehr, alles leer. “Samstag war ich hier doch noch einkaufen, die können mir doch nicht über Nacht den Lidl klauen!” Es ist Montagabend, die Kinder sind im Urlaub. Er kommt noch mit bis zum REWE. Die zweite Katze wurde heute kastriert, deswegen muss er sich beeilen.

Arquière.

Opa (c) Rank

“Erker an Häusern gibt es nur, weil die Menschen so neugierig sind, weißt du. Die wollen immer wissen, wer kommt und wer geht und wohin. Deswegen brauchten sie etwas mit Glas drumherum. In Thüringen habe ich einmal ein Haus gesehen, das hatte ganz normale Fenster. Aber an einem Fenster war etwas besonders. Da hatten sie doch wirklich noch einen kleinen Glaskasten drangebaut, sodass gerade ein Kopf hineinpasst. Nur damit die Damen und Herren auf die Straße oder den Nachbarn auf den Balkon schauen können, ohne bei Regen nass zu werden. Das ist mir sonst nirgendwo mehr begegnet, wirklich nicht. Die Menschen denken immer, sie verpassen irgendwas.”