Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Complimentary room

Es soll ja Leute geben, die wohnen ihr ganzes Leben in dieser Hotelzimmerigkeit. Die wohnen das Leben so ab. Ziehen ihre Taschentücher aus den dafür gefertigen Designboxen, die irgendwann jemand auffüllt, den sie nicht kennen, dem sie manchmal begegnen, aber dem gegenüber das Gefühl so unangenehm ist, dass nicht einmal Smalltalk denkbar scheint, weil sie wissen, der Mensch, der die Designboxen auffüllt, der füllt auch den Kühlschrank, der füllt auch das Fach mit den Staubsaugerbeuteln (natürlich nur, damit genau er die später auch benutzen kann, und weil es ein extra Fach gibt, und wenn es ein Fach gibt, dann muss man da auch was reintun), der füllt auch die Zahnpasta nach, wenn die Tube halb leer ist, sodass niemals ein Notstand ausbricht an etwas, niemals ein Mangel. Und dieser Mensch, mit dem die Leute nicht einmal siebzehn Worte wechseln können, weil sie Angst haben, dass der Damm bricht und sie dann immer reden müssen, der wäscht auch die Sachen im Wäschesack oder bringt sie zumindest irgendwohin, wo wieder jemand anders sie reinigt, und der Mensch legt auch die Papiere zusammen, wenn durch ein offenes Fenster ein Wind kam, oder durch die Leute eine Emotion, in der man ja auch mal Papiere umher fegt, gerade wenn um einen herum alles nach Air Freshener riecht. Und der Mensch, der den Wäschesack auffüllt, der wird so tun, als habe er die Papiere nicht gelesen, als wisse er gar nichts davon, also von den Dingen, von denen er nichts wissen soll, selbst wenn er von ihnen weiß. Selbst wenn er sie sogar besser weiß als die Leute, denen die Papiere gehören und der Platz, über den die Papiere hinwegfegen, es ist ja häufig sehr viel Luft, wenn es nur einen Schreibtisch und ein Bett gibt und einen kleinen Kühlschrank, da liegen viele Zentimeter herum, auf denen die Leute selten herumspazieren. Nur in wenigen Fällen, so könnten es Wissenschaftler herausfinden, setzen sich diese Hotelzimmerleute in eine Ecke, die sie noch nicht kennen, sie legen sich nicht auf den Teppich, der täglich gesaugt wird, nur um mal zu wissen, wie das Zimmer eigentlich von unten aussieht, nur um mal die Zimmerdecke von weiter weg gesehen zu haben und die Bettfüße oder um dem Teppich hallo zu sagen, selbst Smalltalk mit dem Teppich wird vermieden. Diese Leute steigen morgens aus dem Bett und lassen alles so liegen, weil sie wissen, das wird wieder weg sein, wenn sie zurückkommen, von Zauberhand oder Murmeltierfäusten zurecht gerückt, von Heinzelmännchen oder Staubsaugerrobotern, irgendjemand wird sich gekümmert haben. Auch so ein Gefühl. Irgendjemand wird sich gekümmert haben, irgendjemand wird abheben, wenn sie nicht wissen, wen sie sonst anrufen sollen außer der Rezeption, jemand wird ihnen ein anderes Zimmer herrichten, wenn das Licht nicht stimmt oder der Sound oder die Klospülungswassertemperatur, irgendjemand wird sich stellvertretend für die Weltlage entschuldigen, falls ein falscher Alarm losgeht, irgendjemand wird ihnen Schokolade aufs Kopfkissen legen immer wieder, und es wird immer jemand daran arbeiten, dass die Leute sich auch gemeint fühlen, irgendjemand wird sich irgendetwas merken von den Leuten, also nicht nur aufschreiben oder eintippen, sondern wirklich merken, kaum zu glauben, und wird es ausspucken, wenn sie wiederkommen, und irgendjemand wird sich immer Mühe geben, weil es ja darum geht, sich Mühe zu geben, also einander, die Mühe, meine ich. (Oder nicht?)

Golgata

Ob sie auch mal etwas sagen dürfe, fragt sie, als wir da um den Tisch in dem kahlen Raum sitzen. Nur das Kreuz an der Wand und zwei, drei Bilder, ihnen genügt das, manchmal treffen sich hier die Anonymen Alkoholiker. Sie hat eine lederne Tasche über der Schulter, die nimmt sie die ganze Zeit nicht ab, als klebe sie an ihr, auch die Jacke zieht sie nicht aus, darunter trägt sei ein Blumenshirt aus Samt, das ihr die ganze Zeit über den Bauch rutscht, sie scheint das nicht zu bemerken, vielleicht aber doch, ich bin mir nicht sicher. Den Kaffee, der ihr angeboten wurde, den hat sie dankbar angenommen, eigentlich sei sie nur gekommen, um sich die Kirche anzuschauen, sie sei hier schon ein paar Mal vorbeigelaufen, im Wedding wohne sie, manchmal spaziere sie hier rüber nach Mitte. Wenn sie spricht, sieht man die Neuropathie und die Schmerzen, die sie macht, es ist, als sei eine Seite ihres Gesichtes einfach etwas schwächer als die andere. Es sei wirklich leicht rauszufallen, sagt sie leise und schaut dabei auf ihre Hände, die Finger ineinander verschränkt, die dunklen Haare fallen ihr ins Gesicht, eine Dauerwelle, die schon eine Weile her ist. Wenn sie die Kaffeetasse nimmt, zittert sie ganz leicht, verschüttet nichts, aber braucht einen Moment, um im richtigen Winkel anzusetzen. Wenn sie spricht, hört man den Alkohol, aber auch, dass es besser ist, wenn sie sich konzentriert und nicht unterbrochen wird, vor allem von sich selbst nicht. Immer wieder rutscht sie aus ihren Sätzen, schaut auf einen Gegenstand im Raum und kämpft sich irgendwann zurück, manchmal an eine andere Stelle in der Geschichte, an der wir anderen noch nicht angelangt sind. Sie habe in der Pflege gearbeitet, dann kam der erste Unfall, danach erst einmal arbeitsunfähig. „Jetzt kommen die Roboter“, sagt sie, „die werden unsere Arbeit machen und dann braucht man uns noch weniger.“ Die ehemalige Krankenschwester der Runde lacht, das sei doch unmöglich, Roboter, so ein Unsinn, jeder Hintern sei schließlich anders, das könnten Roboter gar nicht machen. Doch sie ist nicht abzubringen, und wer kurz hinhört und den Satz auf dem Tisch liegen lässt, der versteht, dass die Roboter in ihrem Kopf nur Angstvertreter sind, dass sie sich an ihnen abarbeitet, weil die Roboter nicht widersprechen. Das sei im Fernsehen gelaufen, das könnten wir ruhig glauben, sagt sie und schaut einem dann doch mal in die Augen, „ich glaube dir“, sage ich und meine vor allem das, was sie sich nicht traut zu sagen. „Die Computer verstehe ich nicht, dann ist man auch raus, heute läuft ja alles darüber, auch Anträge, wissen Sie, und wenn man dann nicht den richtigen Knopf findet oder was falsches drückt, das hat dann Auswirkungen darauf, was man am Ende rausbekommt“, sagt sie, es ist ihr unangenehm. Dass sie nicht mithalten kann mit dem Tempo, dass alles weitergeht, man hört ihre Scham und ihre Wut, auf wen genau, hört man nicht, aber es helfe nichts, sagt sie, wenn man denen, die vom Alkohol nicht loskommen, noch Restriktionen auferlege, und dann sagt sie noch: „Eine Hand bringt viel mehr, die einen einfach nicht loslässt, wissen Sie? Das ist was anderes als Briefe vom Amt.“ Dann verheddert sie sich wieder, erzählt von den zwei Ladenbesitzern, die sich hätten umbringen wollen, weil ihnen die Miete um 2500 Euro angehoben worden sie, sie hätte unten gestanden und nichts aufmunterndes sagen können, weil sie sie ja verstehen könne. Sie verabschiedet sich über zehnmal, und setzt immer wieder neu an, es klingt, als habe sie all diese Sachen so oft von links nach rechts getragen, dass sie nicht mehr weiß, was eigentlich wohin gehört. „Wir sind nicht alle gleich“, sagt sie, bevor sie dann doch aus der Tür geht.

I can’t remember, were you into Canada geese? Is it significant, these hundreds on the beach? Or were they just hungry for mid-migration seaweed?

A bit part

Auf der großen Treppe sitzen die Menschen mit den dunkelblauen Menschen, alle jung oder zumindest jung angezogen, in Berlin trägt man jetzt diese klassischen geraden Schnitte, die Materialien, die sich so gut voneinander abgrenzen lassen, Kaschmir an Kaschmir an Jeans, die Kontraste sieht man vor allem in den Gesichtern, wenn das Telefon klingelt. Das sie rausholt aus dem Blick auf den Gendarmenmarkt und hinein in irgendetwas anderes, ihr Blick senkt sich dann, es ist beinahe, als rollten die Pupillen über oben nach hinten ins Paralleluniversum, die Haut über den Wangen wird schlaffer, man sieht beinahe den Terminkalender durchrasseln, das Abgleichen hinterlässt Spuren im Momentgesicht, sie verlieren die Kontrolle, wenn sie nicht gerade laut sprechen und ihre Verabredung am Telefon direkt verkünden. Wenn sie mit der Stimme keine Performance machen, dann scheint es, als würden sie unsichtbar. Zwei, drei von ihnen bleiben zu sehen, sie scannen permanent alle Menschen, die vorbeigehen, als könnte ihnen auch nur einer entgehen, als hätten sie einen Auftraggeber am Ohr, der die Koordinaten durchgibt, nur leider etwas undeutlich. Der Dom spiegelt sich im neuen Gebäude gegenüber, wird in Quadrate zerkastelt, dem Licht macht das nicht viel, man muss kurz stehenbleiben, weil man sich sonst vertut in dem, was man gerade macht. Es ist ja selten so, dass man denkt: In diesem Licht kann ich besonders gut telefonieren oder Fahrradfahren, in diesem Licht schaut es sich besonders gut ins Schaufenster. Als tippe es einem auf die Schulter, ohne dass es einen kennt.

Als ich mich umdrehe später nach dem Konzert, die erste Zugabe ist gerade vorbei, das Publikum steht dem Raum angemessen vor Begeisterung auf, da sehe ich diesen Mann, dem die Tränen so wie im Film aus den Augenwinkeln laufen, nicht gerade über die Wange, sondern das Gesicht einrahmend, als hätte man ihnen Schienen ausgelegt. Der künstliche Nebel verteilt sich noch immer im Raum und hinterlässt diesen süßlichen Geruch. Als ich mich erneut umdrehe, ist der Mann fort. Dann die zweite Zugabe.

Die Friedrichstraße ist immer leer in der Nacht, ein paar Touristen stolpern an den hell erleuchteten Läden vorbei, in die Richtung irgendwelcher Hostels, sie verschwinden in Hauseingängen und Seitenstraßen, die Schaufensterpuppen starren dorthin, wo nichts ist um diese Uhrzeit. Erst am McDonalds wird es laut, Musik schallt heraus, eine Mutter nimmt ihre Tochter an der Hand und sagt „Besser als nichts“. An der Theke im Fenster sitzen zwei Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, neben ihnen die Tabletts mit dem zerknüllten Papier, sie haben die Köpfe auf ihren Armen abgelegt und starren hinaus ohne miteinander zu reden, dahinter bewerfen sich kleine Jungs mit Pommes. Drei Fahrräder liegen umgeworfen auf dem Bürgersteig, hinter der Kreuzung wird es wieder ruhig. Dann noch ein paar hundert Meter, eine große Kurve und dann kommen die Leuchtbuchstaben. Wenn sie hinter der U-Bahn-Brücke auftauchen, das ist der schönste Moment.

„Einen Drogentrip stelle ich mir vor wie Snapchatfilter“, sagt J., sie trägt das tolle blaue Kleid.

„But then the morning comes, and we turn back into pumpkins, right?“ (Celine in Before Sunrise)

Mood for a melody

Wir könnten so ein Serientrailer sein. Nicht der für Girls. Nicht der für Love. Nicht die Sopranos. Der für Please Like Me vielleicht. Auf einem anderen Kontinent. In einer anderen Zeit. Wir fünf pulen uns die Woche aus den Milchzahnlücken, irgendwo zwischen dem Pesto und der Dissertation ziehen wir noch eine der letzten Zigaretten aus der knisternden Schachtel und ignorieren das Horrorbild, schnippen die Schachtel vom Tisch, wischen aber dem Rotweinfleck hinterher, jetzt die Chips, ja nein vielleicht ach komm schon ist doch egal. Und dann hören wir die Lieder, die wir schrecklich finden müssten, weil in ihnen so viele alte Reste kleben, die aber trotzdem diese Heimeligkeit machen, weil man sie kennt ohne nachdenken zu müssen, weil wir wippen, wann auch immer sie laufen, ohne zu bemerken, dass wir wissen, welcher Reim folgt. Was in der nächsten Zeile kommt. Diese Heimeligkeit, nach der sich jede ironische Kleidungsauswahl zu sehnen scheint, wenn man die Haltung mal weglässt und alle siebzehn Ebenen, die darüber schimmern sollen, es geht ja doch immer um etwas, das längst nicht mehr ist, aber das mal war und vor einem existiert hat und genau deswegen hat es einem immer etwas voraus. Draußen schwirrt die Stadt, das Fenster ist gekippt, wir ziehen uns einander an wie Pullover, die man zwei Jahreszeiten später wieder rausholt, und die noch so riechen, wie wir es kennen, die nicht zerfressen, nicht zu klein, nicht zu groß, nicht ausgewaschen, sondern genau richtig sind. Wie etwas, das man trägt ohne zu merken, das man es schultert, weil es kostbar ist und nicht selbstverständlich und schon gar nicht unverwundbar. Erst ansehen, dann wissen, dann lächeln, sich dann zur Musik bewegen, aber in Slow Motion. Immer noch wissen.

„Genau jetzt darfst du dich freuen“, sagt J. an der Straßenecke vor dem Rossmann, „das ist jetzt der Zeitpunkt, da sollst du fahren und summen und an nichts anderes denken als das, was jetzt ist.“ Nicht am Faden ziehen, ihn auch nicht abschneiden, einfach achtgeben auf uns, damit sich nichts aufribbelt, „nicht zu oft waschen“ schrieb man früher auf Waschanweisungszettel.

It’s nine o’clock on a saturday. Regular crowd shuffles in. There’s an old man sittin‘ next to me. Makin‘ love to his tonic and gin. He says son can you play me a memory? I’m not really sure how it goes. But it’s sad and it’s sweet and I knew it complete when I wore a younger man’s clothes. (Billy Joel)

What if

Die Luft und das Gras rochen noch wie im letzten Herbst, selbst das Licht hatte etwas von damals, der kleine Weg an der Tankstelle vorbei, die flackernden Lichter, diese Menschen in der Bahn, die genau diese Bahn an einem anderen Tag nie genommen hätten, aber man sah ihnen an, dass sie sich nicht umsonst auf den Weg gemacht hatten. Irgendwas war da. Das Schiff, das Hertha heißt, lag auf Stelzen. Im Herbst war da noch kein Schiff gewesen, sondern nur was wir wollten von diesen Tagen und was alles genau deswegen anders lief und dass sich die Welt danach verschluckte und zwar so sehr, dass sie ganz rot geworden war und sich nicht mehr bewegte für einige Zeit und dass man nicht so genau wusste, ob man das hinbekommt. Also dass man es hinbekommt, das hatte man all die Jahre irgendwie verinnerlicht, aber wie genau, und welcher Schritt würde eigentlich der nächste sein? Ob überhaupt ein Schritt? Oder nicht gar ein Satz? Ein Rückrudern? Irgendeine Ausweichbewegung? Vielleicht sogar, auch wenn man nicht im Traum daran gedacht hätte, – nein.

Also trotzdem. Jetzt liefen wir über den Rasen, mit dem Wissen, dass der kalendarische Frühling schon begonnen hatte, mit dem Winter im Rücken und im Nacken und zwischen den Wirbeln, der Frühling riecht noch immer so wie immer, ach was, und wir saßen auf den Stufen im Sendesaal, scannten all die Gesichter, duckten uns weg, auch vor dem Licht. Es war die ganze Zeit halb elf, weil niemand an die Uhr gedacht hat. Halb elf, seit sie stehengeblieben ist. Immer halb elf.

Hauschka verdrosch dann drei Klaviere, man konnte die Reflexionen der Anschläge an der Saaldecke sehen, er klebte Gaffa auf die Saiten, und die Angst verprügelte er gleich mit. Neben dem Funkhaus waren mir die Worte weggerutscht und die Gesten und ich hatte genug damit zu tun, mich nicht im letzten Herbst zu verheddern und in der Erinnerung und diese mit dem Frühling nicht allzu sehr zu vermischen, aber auch nicht zu wenig. Also bestellten wir das Bier und auch den Wein in kleinen Flaschen und lachten, als jemand über den Stufen „Oh hiiiii, Susanne“ rief und alle nachmachten, wie er das sagte, und vor, wie man es tut. Also darüber zu lachen. Sich mit hinüber zu lachen. Auf die andere Seite, auf der man ja wieder eingezogen ist.

Auf dem Feld einen Tag später fuhr eine Frau mit dem Fahrrad, die sang so laut, wie ich singen würde, wenn ich es mich traute.

Heute lag dann plötzlich das Wort „Argwohn“ im Raum. Ein paar Stunden zuvor war jemand an mir vorbei geradelt, der brüllte in seine Kopfhörer und das Mikrofon an deren Kabel, als gelte es das Leben. Man weiß das ja nie so genau, vielleicht tut es genau das, er vergaß, den Arm rauszuhalten. Auch das ist am Ende nachvollziehbar, wenn man es sich genau überlegt. G. sang dann in meinen Kopfhörern dieses eine Lied, das abschirmt, wofür der Tag dann ein Wort fand, den Argwohn. Das eine Lied. Und die Blumen zuhause. Und dass wir bald wieder an einem See sitzen werden und wissen, wie er gerochen hat all die Jahre zuvor. Man erinnert sich irgendwie immer erst dann, wenn man muss. Man wird nichts überprüfen und vergessen zu denken und dem Morgen beim Ankommen zusehen. Es ist wahrscheinlich immer halb elf, man weiß das nie so genau.

Untersicht

In den Tagen zu Hause, in denen ich gehustet und gerotzt habe und das viel zu lange, kam ich irgendwann in diesen Status des sich Ergebens. Hätte ich mich besser bewegen können, hätte ich mich wahrscheinlich auf den Wohnzimmerboden neben den Sofatisch gelegt und wäre einfach da liegen geblieben. Zum einen weil die Yoga-Adriene das immer sagt, dass man sich hinlegen und ergeben soll und dass es doch schön sei, wenn einen der Boden stütze, nicht nur an einer Stelle, sondern an der ganzen Körperrückseite. Bis zu ihren Worten damals hatte ich Liegen noch nie so gesehen. Jedenfalls wäre ich da liegen geblieben und hätte von unten geguckt, weil ich glaube, dass das auch ganz heilsam sein kann, eigentlich für alle, sich einfach mal hinzulegen für eine Weile und aus einer anderen Höhe zu schauen. Auch draußen an der Bushaltestelle vielleicht, im Bus drinnen, wo immer alle nölen, oder beim Warten. Einfach im Liegen warten. Alle. Ich glaube, im Liegen würden alle weniger motzen und hupen. Vielleicht lernt man dabei wirklich was, wie im Schlaf, wo man es nur so schlecht spüren kann, weil man all die anderen Dinge spüren muss, die einem das Unterbewusstsein so hinwirft, weil es am Tag keine Zeit hat und sich um andere Dinge kümmern muss. So ein Tag, an dem alle liegen und höchstens mit Skateboards unter dem Bauch durch die Stadt rollen, wäre mir sehr recht. Man sieht den Himmel und man sieht den Staub und vielleicht vergisst man das nicht sofort wieder, wenn man sich aufrichtet, das ist ja alles immer irgendwann vorbei, deswegen brauchen Leute Erinnerungstage und Gedenktage und Besonderheitstage, weil man immer alles gleich wieder abschüttelt und einen jemand antippen muss, damit man es wieder spürt, wenn auch entfernt, aber wenigstens kurz. Jedenfalls gibt es ein paar Menschen, die gehören zu der Sorte, die den Staub immer im umgekrempelten Hosenbeinende mit sich herumtragen, die schleppen das den ganzen Tag mit sich, was sie gesehen haben, und das muss nicht immer nur schlimm sein, das kann auch ganz gut sein für die eigene Geschwindigkeit, die Gangart und wie man so spricht mit anderen, wie man sich so gibt mit anderen und was man so will von anderen. Und von sich selbst. Die leeren die Taschen nicht sofort aus, sondern behalten noch ein paar Wochen und Monate länger unsichtbar am Körper, was ihnen begegnet ist. Den Himmel halt auch.

It’s gonna feel like shit for a while and one day it’s gonna feel less shit.“ (Claire in „Please Like Me“, was ich nur angeschaut habe, weil Patricia es so empfohlen hat, und dann war es plötzlich das Bezauberndste auf dem Bildschirm seit langem)

Die Fragen #1

Poesie im Pool

Irgendwann habe ich angefangen, aus Fragen Texte zu machen und sie in hier diesem Blog zu veröffentlichen. Ihr habt diese Texte seither am meisten gelesen, es waren immer diese Texte, auf die ich die meisten Reaktionen und vor allem E-Mails bekam. Menschen fragten nach einem Buch, einer wöchentlichen Serie. Irgendwas scheint an diesen Fragen zu stimmen. Deswegen haben wir sie genommen und zwar noch kein Buch daraus gemacht, aber ein Plakat. Josephine Rank hat es gestaltet, der Text stammt von mir. Auf DaWanda könnt ihr diesen dreifarbigen Siebdruck in limitierter Auflage kaufen. Mehr wird kommen, irgendwann.

Was ist das Gute an der Angst?

Kanal

Noch einmal das Gespräch zwischen Christoph Schlingensief und Katrin Bauerfeind gehört. „Die Angst ist das, was einen fragt: Wer bist du? Angst ist eine Produktivkraft, weil sie zwingt einen ja permanent doch zu Reaktionen, die einem auch fremd sind, aber sie stellt die Frage im Kern, wovor hast du gerade so Angst, und wenn du über dich Bescheid wüsstest, dann hättest du das nicht“, sagte er.
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Als ich noch schnell ein Päckchen Kaffee kaufen gehe, bevor D. zu Besuch kommt, steht an der Ecke dieses Paar, es ist einer der ersten Tage im Jahr, in Berlin sind die meistens so kalt, dass allen die Finger einfrieren beim Schreiben ihrer Listen an Vorsätzen, jedenfalls tragen sie beide Wollmützen, die große Frau und der kleinere Mann und während man die Beobachtung so aufschreibt, fällt einem wieder auf, wie dämlich diese Zuschreibung ist, Paar, vielleicht waren sie gar kein Liebespaar, sondern ein Geschwisterpaar oder Freunde, jedenfalls standen diese beiden Menschen da in einer innigen Umarmung, sie größer, er kleiner, und sie weinte und er weinte, und sie hielten sich fest und eigentlich wollte man auf der Stelle stehenbleiben, um ihnen nicht zu nahe zu kommen, oder eben direkt hingehen und sie von außen umarmen, aber meistens sind die eigenen Arme dafür sowieso zu kurz, und meistens ist meistens gar nicht oft, sondern nur manchmal, aber diese manchen Male fühlt sich die eigene Unzulänglichkeit so riesig an, dass man denkt, diese Situationen gebe es ganz häufig. Ist nicht so. Manchmal weinen eben zwei fremde Leute an einer Straßenecke.
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Es ist schwierig den Tannenbaum rauszuwerfen, ich stelle es mir zumindest schwierig vor, denn noch habe ich das nicht gemacht, im letzten Jahr stand er auch bis in den Januar hinein, und auch der jetzige bleibt noch kurz, einfach weil es gut ist, so eine leuchtende und grüne Ecke im Zimmer zu haben, man stöpselt die Lichter ein und schon ist alles wieder ruhig wie diese Tage. Und den Baum rausschmeißen würde bedeuten, dass die Ecke wieder leer und die Tage wieder lauter sind und es ist nicht immer etwas Schlechtes zu zaudern. An Weihnachten erzähle Opa davon, wie er jedes Jahr den großen Baum der Familie bis in den Sommer stehen ließ. Mein Onkel berichtete später, das sei ein einziges Mal passiert, die Nadeln seien im Februar schon komplett runter gewesen, aber den Baum habe Opa stehenlassen, direkt vor dem großen Ofen wie ein Skelett beim Arzt. Heute sagt er, das sei Absicht gewesen, mehr wissen wir nicht. Den Kindern war es peinlich.
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Nachts am Kanal hoppeln zwei Häschen über den unberührten Schnee, die Lichter der Notaufnahme des Urban-Krankenhauses spiegeln sich blau und grün auf dem dünnen Eis, alles ist ganz still, man hört nur das Schnurpsen der Schuhe im Schnee, die Hasen hört man nicht.
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Vor dem Café steht ein Häuschen aus Holz und auf Rädern und wirklich jeder zweite Mensch schaut durch das schmale Fenster ins Innere hinein. Am Fenster klebt ein Zettel mit den Zeiten für Besichtigungen und einer E-Mail-Adresse, die Menschen, die an so einem Sonntag im Schnee am Kanal unterwegs sind scheinen ein Interesse für Häuser auf Rädern zu teilen, sie kommen miteinander ins Gespräch, sie lachen, machen Fotos vom Haus und von sich und von sich mit dem Haus. Es steht da seit dem Sommer, ein dünnes schwarzes Kabel verbindet es mit dem Wohnhaus daneben, 100 Euro Miete würde es kosten, steht auch noch auf dem Zettel.
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R. fragt, ob das die eigene Wahrnehmung sei, dass nun ständig etwas passiere. Nicht einmal das Politische weiter weg, sondern vor allem Krankheit und Tod so nah an einem dran. Oder ob das schon immer so war. Vermutlich spielt genau das gar keine Rolle. Wir leben seit ein paar Jahren damit und finden es immer noch genauso scheiße.

Lynx

Weiss

Am ersten Tag des neuen Jahres sitzen wir im Gasthaus des kleinen Ortes direkt neben der Fleischerei. Oben auf dem Vordach der Fleischerei steht ein Plastikschwein, darunter ein Weihnachtsmann, zwei drei Tafeln davor, die Angebote werden nicht weniger. Wir sind die ersten Gäste im Gasthof, an den auch ein kleines Hotel angeschlossen ist. Die Bedienung sieht müde aus, aber ihre Nägel glitzern noch golden. Alle Tische sind gedeckt, die Tischkärtchen sagen, es gibt Sauerbraten. Es läuft der lokale Radiosender, draußen steht die Sonne tief über der Elbe, darüber ein Raureifschimmer. Im Ort auf dem kleinen Platz steht einer von diesen kleinen Kästen, in denen normalerweise sakrale Gegenstände vor dem Wetter geschützt und ausgestellt werden. Hier wartet stattdessen eine kleine, einäugige Plastikkatze hinter Glas. Wir essen hausgemachten Apfelstrudel, der Cappuccino kommt nicht mehr aus der Tüte und der zweite Gastraum füllt sich langsam. Am Tisch in der Mitte sitzt nun ein älteres Paar, beide tragen rote Pullover in der Farbe der Tischdecke und Servietten, sie mit Fönfrisur und einem Blick, als würde sie am liebsten alles und jeden hier kurz und klein schlagen, er vergnügt mit einem Hauch von Hans Guck-in-die-Luft, manchmal pfeift er zur Musik, sie sprechen nicht miteinander. Ihre Beschäftigung besteht aus dem beständigen Herumschauen und dem Wühlen in einem der zwei Rucksäcke. Das andere Paar, das nun in unserem Raum in der Ecke mit zwei Hunden Platz genommen hat, spricht immer erst mit der Bedienung, wenn sie direkt am Tisch steht, obwohl sie sich nur einen Meter weiter an der Kasse aufhält. „Könnten Sie mal kommen?“, fragen Sie jedes Mal, erst dann fragen sie nach der Karte, geben ihre Bestellung auf oder verlangen die Rechnung.

Ich steige gerade die Treppen hinauf, der Schnee ist frisch gefallen, da sehe ich ihn neben mir sitzen. Auf seinem Häuschen im Gehege. Einem Gehege, zu dem man nur mit einem alten Fahrstuhl kommt. Auch am zweiten Tag des Jahres steht in diesem Fahrstuhl ein älterer Herr im Wollpullover mit einer Brille und kassiert. Die Fahrkarte für den Fahrstuhl kauft man in der Fahrerkabine, er sammelt die Münzen mit zittrigen Händen aus der Münzhaltevorrichtung, im Aufzug ist es warm. Der Motor wurde Anfang der 2000er Jahre errichtet. Als wir oben sind, können wir nur den Anfang der Elbe erkennen, der Rest verschwimmt im Schnee. Jedenfalls steige ich diese Treppen hinauf, der Schnee knirscht und dann kotzt sich der erste Luchs meines Lebens die Seele aus dem Leib.

In der kleinen Bäckerei, die uns auch immer die Brötchen in den Briefkasten geworfen hat morgens, sitzt ein Paar mit Kind, beide schon etwas älter, das Kind vielleicht sieben Jahre alt. Die Mutter trinkt ihre dritte heiße Schokolade mit Eierlikör, währenddessen schaut sie mit dem Kind einen Flyer mit Kunstfiguren an. Gemeinsam zählen sie die Hände der aus Stein gemeißelten Frauen. Sobald sie alle Hände gefunden haben, beginnen sie von vorn. Der Vater bestellt sich nach einem Stück Kuchen noch mit Käse überbackene Kroketten, dann fragt die Mutter das Mädchen, ob sie nicht heute mal beim Vater schlafen wolle, sie würde dann ins Kinderbett ziehen. „Nein, das geht nicht“, sagt er, „ich brauche dich zum Einschlafen.“ Die Diskussion ist beendet, eine Lampe des Schwippbogens ist kaputt.

Auf dem Weg zur Autobahn fahren wir an einem Schild vorbei. Wildvogelschutzgebiet. Jemand hat es in Pink groß mit dem Wort “Lüge“ übersprüht.

So viel von allem

Lichter

Wie hat das alte Jahr begonnen, weißt du das noch? Wer ist nicht mehr da? Wer kam hinzu? Wo bist du hergekommen ganz am Anfang? Was hast du geplant? Kannst du das schaffen? Wem hast du gut getan? Wo war es schön? Was hat geschmerzt? Wen hast du vergessen? Wen nicht? Wen ein bisschen? Was war das beste Gefühl? Kennst du deine Nachbarn? Den von gegenüber? Kannst du es ändern? Wirst du es versuchen? Was wirst du mitnehmen? Wie hast du geschlafen? Hast du geschrieben? Auch genug? Welche Umarmung vergisst du nicht mehr? Und welche Wut? Wie viele Tage warst du erschöpft? War das in Ordnung? Wann warst du ruhig? Wo hast du die Niederlagen hingetan? Und wo die Erfolge? Wischst du Staub? Also im nächsten Jahr dann? Hast du Fenster geputzt? Den Keller leer geräumt? Deinen Bauch poliert? Was ist mit den Knoten? Kann man dir helfen? Warst du beim Arzt? Wann gehst du? Was überwindest du nächstes Jahr? Und was wird nie geschehen? Wirst du nochmal fragen? Wird es kleiner, wenn man es weiß? Wird es größer, wenn man sich sicher ist? Wer bist du eigentlich? Bist du noch da? Kannst du auch ohne? Wann ist Ruhe? Schreist du mal? Also bald? Was machst du, damit sich etwas ändert? Was soll sich denn ändern? Wo wohnt der Zweifel? Zieht er demnächst um? Ist er angemeldet? Wo erwartet man dich? Kannst du dich lösen? Sagst du Bescheid dann? Hast du einen Brief geschrieben dieses Jahr? Eine Postkarte? Einen Notizzettel? Einen Antrag? Bewegst du dich, nach vorn, meine ich? Hast du alles gesagt? Was hängt da noch rum? Ist das okay so? Willst du nochmal? Kannst du es jetzt? Ist nun wirklich mal Schluss? Oder fängt was an? Was denn genau? Wer sollte denn? Weißt du das schon? Ist jetzt endlich Zeit? Was kommt? Wirst du’s sehen?