Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

C.

Ja

Zu sehen, was von dir in mir ist und was nach diesen über zwanzig Jahren, beinahe dreißig, von mir nun auch in dir steckt, hineingeflochten, antrainiert. Wir wissen, wie wir miteinander zu reden haben und wo unsere Augenhöhe ist, nicht wahr? Zu sehen und nicht zu wissen, was von deinem Gesicht in zwanzig Jahren auch in meinem Gesicht sein wird, zu ahnen, was bleibt und manchmal lachen müssen, wenn wir beide dasselbe denken, sagen, die Hand an dieselbe Stelle legen. Wie man Blumen abschneidet, wie man Menschen gehen lässt, wie man nicht aufhört zu schwimmen, wie man backt und wie man nur mit sich ist, ohne allein zu sein, wann man Fenster schließen sollte, dass Reden hilft, geduldiges Reden, und sowieso all meine Worte hab ich von dir, und den Umgang mit Büchern, dass man Sachen nicht immer nur für sich tun sollte, aber oft, das richtige Bauchgefühl, Intuition, Experimentieren, immer weitermachen, das hab ich von dir gelernt, das ist deins. Auch wie man es sich auf einem Quadratmeter gemütlich macht, im richtigen Moment die angelegten Wege zu verlassen, Karten weniger, dafür die Augen mehr zu benutzen, sowieso das Achten auf Kleinigkeiten, weil die großen Sachen einfach manchmal doch zu groß sind, das Lieben von Sekunden, runterkommen, das hast du mir beigebracht. Dass lachen wichtig ist und weinen auch, dass man sein Herz festhalten muss, also selbst, und das nicht von anderen erwarten kann, durchhalten, Ästhetisierung, besser essen, Körpergefühl, auch den Umgang mit sich, und dass man nicht immer muss, aber vieles darf, Vertrauen in mich selbst hab ich nur durch dich, das kam alles von dir, du hast das niemals in Frage gestellt, mich niemals in Frage gestellt, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der so war zu mir, der immer bedingungslos mit mir war und ist, kein Zweifel. Das als Familie begreifen, mich und dich und dass das auch genug ist, es war immer genug, und es wird keinen Tag geben, an dem das aufhört, keinen einzigen. Kein Zweifel.

Schräg gegenüber.

Back

Sie schreit. Sie schreit manchmal stundenlang. Sie ist die Frau in der Wohnung, die über dem Müllraum liegt. Der Müllraum hat eine grüne Tür und keine Fenster, darüber ist eine Wohnung und wer darin wohnt, hört jedes Mal, wenn jemand die grüne Tür zufallen lässt. Es riecht nicht gut im Müllraum und wer in der Wohnung über dem Müllraum wohnt, wird es merken. Sie, die schreit, hat ihr Fenster immer einen Spalt weit offen. Drei Pflanzen stehen auf ihrem Fensterbrett in weißen Töpfen, alle Pflanzen nur grün, keine Blüten. Sie, die schreit, hat keinen Vorhang sondern nur Fäden, die in einer Reihe angebracht sind, weiße Fäden, weiße Töpfe. Man sieht nicht, was innen drin vor sich geht, man sieht nur weiße Streifen und unbewegtes Grünzeug, selten Licht. Aber wenn sie brüllt, geht es einem durch Mark und Bein, aber die Fäden wackeln auch dann nicht, die stehen still, obwohl sie klingt, als würde ihr jemand den Bauch aufschneiden, als würde sie sich selbst den Bauch aufschneiden, als käme etwas aus ihr heraus, als gäbe es etwas, das aus ihr heraus muss und das Herauskommen tut weh, es muss sehr weh tun, stundenlang. Nur selten schreit sie Worte, meistens ist es nur ein langer Ton.

Manchmal schauen auch andere aus dem Fenster in den Hof, sie schauen einander an, am Baum mit den ersten Blättern vorbei, manchmal treffen sie sich im Hof und beraten, manchmal rufen sie die Polizei, die dann mit vier Mann und einem Krankenwagen anrückt. Nach zwanzig Minuten laufen die vier Männer wieder über den Hof, auch der Krankenwagen fährt wieder, ohne dass die Sanitäter ausgestiegen sind. Dann ist es ruhig, für ein zwei Tage. Dann schreit sie wieder. Man bekommt Gänsehaut davon. Manchmal möchte ich ihr einen Zettel vor die Tür legen und sie fragen, ob es weh tut und seit wann schon. Woher es kommt und ob sie glaubt, dass sie damit alleine zurechtkommt. Ich weiß nicht, ob sie antworten könnte, ob sie einen Zettel hat und einen Stift und überhaupt eine Antwort. Sie schreit immer nur tagsüber, nie nachts. Vielleicht kaufe ich ihr Blumen.

Cold hands / hold hands

Tulips

Die Angst ist weg und das Unbehagen, und was gekommen ist, fühlt sich trotzdem seltsam an, weil mit dem offenen Raum auch die Möglichkeit auf Richtungen kommt, mit dem sicheren Boden kommt die Frage, was man damit an- und am Ende auch draufstellt, mit den schalldichten Fenstern kommt das Besondere der kühlen Nächte zurück. Die Angst ist weg und das Unbehagen, und was gekommen ist, schwirrt wie Nebel über den Büchern, wie Staub auf den Platten, es knistert wie hauchdünnes Eis auf dem Fluss, weil du weißt, jetzt ist die Zeit, von der du nicht wusstest, ob du sie jemals erreichen würdest, jetzt ist das Alter, in dem immer früher nur die anderen waren, das sind die Menschen, die auf die Sätze aus den Reportagen passen, jetzt hast du all das und jetzt mach was damit, zum Teufel, fahr es nicht gegen die Wand. Die Angst ist weg und das Unbehagen, und was gekommen ist, könnte man vielleicht Respekt nennen und ein neues Bedenken, Angst ist etwas anderes als Sorge, in Sorge steckt kein selbst, in Angst hängst du immer mit drin, aber die Angst ist weg, weil du in der Mitte sitzt und keine Wand im Rücken hast, aber einen Boden, der hält. Es wird nichts passieren, weil schon soviel passiert ist, das Schlimmste war schon, die See ist so ruhig, man kann bis auf den Grund gucken. Die Angst ist weg und das Unbehagen, du schüttelst ab, was sich über Jahre in dich hinein gefressen hat, es ist so viel Platz, und die Kunst ist dabei immer, nicht sofort loszugehen. Unterscheiden lernen und dabei keine Angst vor der Antwort zu haben, keine Angst, die ist fort. Dir kann nichts mehr passieren, weil dir schon soviel passiert ist.

And every every day she would echo / echo / in every single way she should let go / let go.

Duplo

Wand

Du hast mal gesagt, du willst alles gefühlt haben, was geht. Und im ersten Moment dachte ich, du bist doch bescheuert, das geht doch so nicht, wer will denn das schon? Und im Moment nach dem ersten Moment habe ich verstanden, wieso und weshalb und dass nur das eigentlich das Ziel sein kann, sich als Mensch vollständig zu fühlen, zu wissen, das Gefühl ist dort und die andere Regung, die kommt von da drüben, wissen, wo oben und unten ist, also ganz genau und in jedem Zustand. Und wir beide haben uns gut verstanden im Schlaf, wir haben ein paar Zustände ausgelotet, wie es sich anfühlt, wenn man auf einem Parkplatz liegt zum Beispiel, wir würden uns in Jahren noch gut verstehen, auch im Schlaf. Den See und das Feuer und das Stockbrot mit den Oliven darin, das haben wir probiert, ohne Feuer wärst du nicht mitgekommen, das war ganz klar, aber ohne dich hätte ich nicht fahren können, weil ich nicht fahren kann, das wusstest du genau. Du willst alles gefühlt haben, was man fühlen kann, bist du denn bescheuert, das geht doch so nicht, am Ende ist dein Verschwinden auch der Versuch, deine Sammlung zu komplettieren, ich muss lachen dabei, weil es so sehr passt, du wirst alles gefühlt haben, was man fühlen kann, dann am Ende, es kann nicht anders sein und du wirst dich erinnern, vielleicht auch im Schlaf, an die Decke am See und die Mücken über dem Wasser und dich und mich, also nebeneinander. Manchmal sitzt dein Großvater auf einer Bank in meiner Straße gegenüber der Baustelle, die es jetzt gibt, er schaut auf den Kran und dann weiß ich, woher du das hast, diesen Blick nach oben und dein Glück, das du so umfasst, dass du aufpassen musst, dass es keine Druckstellen bekommt, du wirst alles gefühlt haben, das verspreche ich dir. Man muss es lieben, dich zu vermissen, du bist doch bescheuert.

Mosaik-Zyklus-Konzept

Trees

Wir werden ein Baumhaus bauen. Wir werden ein Haus bauen aus herunter gefallenen Ästen und alten Schrauben, wir werden nichts anstreichen, man wird es kaum sehen, und wir werden keine Karte brauchen, weil der Weg sich nicht verändert, Vegetation ist kein Hindernis und Witterung nicht, weil man auch einen Tag später, einen Tag nach dem großen Regen noch kommen kann und es wird immer noch stehen. Wir werden die Dinge hineinlegen, die hier keinen Platz haben, die wir uns nicht zu sagen trauen, was war und was wird, dort wird es wohnen, bis es soweit ist. Und wenn wir sonntags in den Wald fahren, werden wir vom Weg aus, dort wo niemand mehr ist, sagen können, wir wissen genau, es ist da. Etwas ist da.

Wirst du erwachsen, wenn du verlierst, oder kommst du zurück zu dem Kind, das du warst?

Malmö

Wenn jemand stirbt, sucht man meistens nach den richtigen Worten. Weil man denkt, immer wenn es Irritationen gibt, müsse man etwas sagen. Wir sind das gewöhnt, also dass man etwas sagen muss in den meisten Fällen. Wobei ich glaube, im Verlust ist es am wichtigsten, für einen Moment wortlos und einfach nur zu sein, zu spüren, was fehlt, zu sehen, dass es ein Loch gibt, einen Krater und Nebel. Wenn einem jemand davon stirbt, wenn jemand unwiderruflich geht, kann man oft nicht sprechen, wenn es einem selbst passiert, man kann nur schauen und fühlen und manchmal schreien, aber das sind keine Worte. Im Verlust steckt die ureigene Existenz, weil ja immer noch etwas übrig bleibt, nämlich man selbst, und manchmal auch noch etwas vom anderen, vor allem aber man selbst und nur das.

Und wenn man sieht, wie jemand verliert, einen Verlust durchmacht, denkt man immer, es gäbe etwas zu sagen, man spürt einen Druck und ein Pflichtgefühl, man denkt, es gäbe eine Hilfe, die per Wort zu geben wäre, ja, man hofft sogar, dass Worte etwas besser machen können, weil man in der Beobachtung so hilflos ist, weil man es so schlecht aushält, jemanden leiden zu sehen. Am Ende dient das Wort des Beobachters zuallererst auch der eigenen Erleichterung, denn die Schwierigkeit besteht im Grunde darin, zu schweigen. Auszuhalten, dass man sieht, wie sich jemand quält und leidet und vermisst und Schmerzen hat, auszuhalten, dass es keine Hilfe gibt außer da zu sein und abzuwarten und hier und da zu funktionieren ohne etwas in Frage zu stellen.

Im direkten Verlust gibt es keinen Verstand und keine Logik, es gibt keine Vorstellung davon, wie sich die nächste Minute anfühlen wird und die danach und die danach. Es gibt ein Entsetzen darüber, wie die Welt einfach weitermacht, wie der ganze Rest nichts vermutet von dem, was einem gerade passiert, und plötzlich gibt es ein Unvermögen teilzunehmen, wie man es vor dem Verlust getan hat. Dazu gibt es eine Ahnung davon, dass dies eines der Gefühle ist und diese Tage eine Zeit, an die man sich noch lange erinnern wird. Im unmittelbaren Verlust wird die Veränderung spürbar, denn mit einem passiert etwas, direkt danach weiß man, dass man von nun an Farben anders sieht und Musik anders hört und man bemerkt die klebrigen Erinnerungen, die von nun an grell flimmern.

Es wird eine Weile dauern, sich daran zu gewöhnen. Das Flackern wird nachlassen, aber das weiß man noch nicht.

Das Konzept Lebensabschnittsgefährte.

Birkenwald

Beieinander zu sein für eine Zeit. Und wenn Zeiten vorbeigehen, ist man meistens jemand anders, ist man oft auch woanders, man sieht anders aus von innen und außen, nicht vollständig in den meisten Fällen, aber dennoch signifikant, das hat Bewegung in sich, das passiert, wenn man nicht stehenbleibt. Beieinander zu sein und dann wirklich beieinander, weil der Umstand und die Zeit und die Bäuche das so wollen und einander dann gehen lassen, wenn die Zeiten sich ändern, der Lebensabschnitt impliziert immer einen Anfang und ein Ende, daher kommt das Schlingern im Kopf, wenn jemand den Begriff benutzt, unsere romantische Vorstellung schlägt uns dann auf den Hinterkopf und sagt, ein Ende, das dürfen wir nicht mitdenken, das passt nicht zu Heiraten, den Märchen und dem, was alle sagen, ja wirklich die meisten, und wenn sie nicht vom Heiraten sprechen, dann sprechen sie davon, gar nichts einzugehen und sich nicht zu binden, es gibt immer nur Schwarz oder Weiß und der Lebensabschnittsgefährte lebt genau dazwischen und impliziert das Wissen, dass es immer anders kommen kann, dass es meistens sogar anders kommt oder sich zumindest anfühlt, als man erwartete. Es tut immer weh, sich von einer Erziehung zu verabschieden, der Gedanke an ein Ende ist ungewohnt, das Annehmen von Endlichkeit. Der Lebensabschnittsgefährte weiß, dass es eine Kunst ist und eine Anstrengung, sich einen Abschnitt schön zu machen, reinzuspringen, auch wenn man weiß, es könnte aufhören, es kann, jedes Zaudern über Bord zu werfen und sich für das Jetzt und noch nicht für das Später zu entscheiden, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, die lauten könnte, du und ich, wir tun einander gut und wir wissen nicht, wie lange das hält, aber wir tun unser Bestes. Eine noch größere Kunst ist es, sich dann wieder gehen zu lassen, sich auf Augenhöhe zu verabschieden und zu sagen, mach es gut, pass auf dich auf, es war schön und ich bereue nichts. Die wenigsten bekommen es hin zu sagen, ich würde das jederzeit wieder tun. Die wenigsten machen solche Dinge. Der Lebensabschnittsgefährte ist erwachsen genug, um zu wissen, dass sich alles verändert. Und euphorisch genug, um es trotzdem zu tun. Ohne zu vergessen, dass der Abschnitt nur das Mittelwort ist, die Verbindung von beidem, und das Leben und der Gefährte den Anfang und das Ende ausmachen, den Rahmen, darum geht es. Man wird einander gekannt haben, das ist eine Menge. Wenn der Abschnitt dann wegfällt, und das ist immer eine Option, ist das die größte Kunst. Wenn man sich behält ohne es sich laut ins Gesicht brüllen zu müssen, dann hat man sich wirklich.

Ein neuer Ort fürs Wesentliche.

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Für Spiegel Online habe ich aufgeschrieben, was das Netz für mich mit Zuhause zu tun hat.

Tonus.

Peter Praschl

Ständig wird man mit todsicheren Sicherheiten konfrontiert, alle sind sich ihrer Sache so sehr gewiss, dass man sich fragt, ob man sich selbst möglicherweise irgendeinen frühkindlichen Urvertrauensdefekt eingefangen hat.” (Peter Praschl im SZ Magazin 30/2011)