Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Saltdean

Kennen Sie das? Sie sind in einer Stadt, in der mal jemand gelebt hat, den Sie gut kannten, aber er ist nicht mit Ihnen dort und am Ende sehen Sie alles beziehungsweise vieles nicht durch seine Augen, aber eventuell durch so etwas wie seine Sonnenbrille oder mit seiner Kapuze. Ich steige aus dem Flugzeug, die Luft riecht nach Frühling, London wartet irgendwo weiter hinten, die Sonne geht gerade unter und das Schild sagt, man solle ich auf der Rolltreppe am Geländer festhalten, die Rolltreppe fährt hier viel schneller, habe ich den Eindruck, vor allem aber fährt meine Rolltreppe viel schneller als die daneben, und M. fällt hinter mir zurück. Unten angekommen drehe ich mich um, aber er fährt noch. In dieser Stadt, durch die man mit der anderen Kapuze läuft, hält der Frühling Einzug, das Licht fällt wie nicht bestellt, aber aufmerksam hingelegt ins Zimmer des Hotels, wo einen in jeder Ecke etwas anschaut, ein Gemälde, eine Lampe in Menschenform, Dekorationsartikel mit Tiergesichtern, aber der Teppich macht, dass man nicht trampeln kann, selbst wenn man wollen würde und das Bett macht, dass man sich ausruht, selbst wenn man nicht schläft. In dem Gebäude gegenüber läuft nachts jemand in leeren Räumen mit einer Taschenlampe Patrouille. Tagsüber auf der Straße schaut man wegen des umgedrehten Verkehrs in alle Richtungen, so sehr, dass einem fast schwindelig wird, irgendwann laufen wir einfach, das wird schon. London riecht nach Chilli, Fett und Motorenöl. Das Verstehen der anderen Sprache lässt sich glücklicherweise je nach Gemütszustand einschalten und auch wieder ausfaden. Und so ist das Spazieren gut möglich, weil man verstehen kann, aber nicht muss, weil die innere Übersetzungsmaschine Pause macht, wenn sie soll und manche Sätze sieben oder acht Schritte brauchen, um in ihrer Bedeutung durchzusickern. Und nach einem Tag schon kann man sich, wenn man denn will, wieder in die Sprache legen, auch Schottisch verstehen. Wie mit Menschen, an die man sich erst wieder einen Moment gewöhnen muss, obwohl man sich mag, aber lange nicht gesehen hat, Jahre vielleicht. Man könnte sich anlehnen, aber man tut es nicht, obwohl man weiß, dass es geht. Die Kapuze ist aus schwerem Stoff, aber sie wärmt, als wir nachts auf der Millennium Bridge stehen und in die Lichter starren (ich summe leise „England“ von The National, diese Sorte Pathos fragt nicht nach Erlaubnis).

Die Sache mit den frühen Zügen am Morgen ist die, dass man allein einsteigt, aber nicht allein rausgeht. Die Menschen kleckern nach und nach dazu, von Station zu Station wird es heller, erst dunkelblau, dann graublaugrün, dann die kleine graue Phase und dann kommt das Rosa auf den Dächern. Als das erste Grün vorbeifliegt, ist es Tag und ich hätte gern den Mut, sitzen zu bleiben und einfach durch bis nach Brighton zu fahren, nichts zu erfinden, sondern die Wahrheit zu sagen: „Entschuldigt bitte, ich kann heute noch nicht zurückkommen, ich muss noch etwas erledigen, ich muss das noch sehen, und dann ist vielleicht Ruhe.“ Wir werden es erst wissen, wenn es soweit ist. (Put an ocean and a river between everything, yourself and home.)

Light Years

Am Abend einen Einfall spüren, der innerhalb von kürzester Zeit immer größer wird, nicht mehr weg zu ignorieren. Und am Bauchgefühl merken, dass das ein guter Einfall ist. Am Morgen beantrage ich den Urlaub, am Abend buche ich den Zug. „Irgendwann hab ich angefangen, damit aufzuhören“, vielleicht höre ich jetzt auf damit Sachen eher aufzuschieben oder zu denken, das sei etwas für später. Und dann fallen mir die Flaming Lips wieder ein, die M. damals in mein Leben brachte neben dem Fotoautomaten am anderen Ende der Stadt. Komisch, nicht wahr, wenn man gerade mit der einen Körperhälfte lernt abzuwarten, und im gleichen Moment mit der anderen lernt, loszugehen. Vielleicht hat das auch nichts mit Körperhälften, sondern eher Körperteilen zu tun. Head over heart. Heart over pelvis.

Der Nachbar gegenüber mit den langen Haaren spielt jetzt wieder bei offenem Fenster Klavier, und das auch sehr ausladend. Er beugt sich und kämpft, man könnt meinen mit den Tasten. Aber man hört ihn nicht. Man hört wirklich gar nichts, ich habe es eine Weile versucht, dann wurde es kalt und ich musste mein Fenster schließen. Was, denke ich, wenn ihm ein totes Wiesel auf den Saiten liegt oder ein verbummelter Schlafsack und er weiß das gar nicht, vielleicht ist das schon immer so.

Am Abend nach dem Essen, es ist dunkel, aber mild, komme ich an diesem Magnolienbusch (oder ist es ein Baum?) vorbei und die Blüten leuchten, auch um diese Uhrzeit noch, als hätte jemand Glühbirnchen in ihnen versteckt. Dass ich stehengeblieben bin, um zu gucken, merke ich erst, als sich die zwei Frauen an mir vorbei drücken und mich verwundert ansehen.

Da vor dem Weinladen ist der einzige Platz, an den am Abend noch Sonne fällt. Auf der kleinen Bank vor dem Baum sitzen zwei ältere Herren mit Hut und betrachten den Wein in ihren Gläsern mit ausgestreckten Armen im Gegenlicht. Sie grinsen und murmeln, man versteht sie nicht. Der Verkäufer erkennt mich wieder, ich sehe das an seinen Augenbrauen, es ist eine ganze Weile her, aber mittlerweile kann ich behaupten, ich komme seit Jahren. Drumherum holen die Menschen ihre Kinder von irgendetwas ab, bringen sie irgendwohin, einer in der Konstellation zieht immer den anderen, zu meinen Füßen liegen Beutel, die Blumen werden diese zwanzig Minuten aushalten. Eigentlich fand ich es immer gut, Gesprächen von Fremden zu lauschen, mich nur kurz in Gedanken einzumischen, aber meinem Gesicht nichts anmerken zu lassen. Dieser Tage ist es besser zu schweigen, Musik zu hören, alles sieht dabei aus wie ein deutsche Fernsehfilm, der Boden ist vielleicht ein bisschen zu dreckig für einen deutschen Fernsehfilm und der Soundtrack zu gut. Ein Film ohne Gespräche, aber mit Abläufen, Gesten, einem Lächeln hier und da. Man wird auch beäugt, wenn man nur so sitzt und auf niemanden wartet.

„Mit Zynismus konnte Jetti nicht umgehen. Nach Zynismus musste sie Musik hören, um wieder dorthin zurückzukehren, wo der Mensch anfängt.“ (Michael Köhlmeier, Bruder und Schwester Lenobel)

Geophyten

In der Bahn nach Hause riecht heute jemand nach gerösteter Reiswaffel, aber ich kann nicht ausmachen, wer genau (der innere Kritiker fragt sofort, warum ich schon wieder einen Text mit Gerüchen beginne, ich glaube, andere haben Hobbys, ich habe Schnupfen). Ich lese die ersten Seiten von Sašas „Herkunft“, schon bis Seite 9 kann ich nicht so viele Seiten umknicken, wie ich mir Sätze merken möchte. Berlin schwappt zwischen der hysterischen Sanftheit des Frühlings und dem ADHS des Winters herum, vieles verschwimmt, auch die Gesichtsausdrücke, Aliengefühle. Die Menschen wickeln sich so oft die Schals um den Hals und wieder ab, manchmal bekommen sie Muskelkater davon, nicht nur in den Armen, sondern auch im Gehirn. Wir tapern uns räuspernd langsam durch den Tiergarten, eben hat der Himmel noch in allen Farben krakelt und dann ist’s doch wieder einfach nur dunkel, die guten Dinge funktionieren saisonunabhängig, einander auf dem Heimweg nochmal kurz festzuhalten zum Beispiel, weil man sich den kleinen, ungeplanten Umweg wert ist. An den guten Tagen ist man zwar so müde, dass man kaum noch geradeaus schauen kann, aber merkt es nicht. An den schlechten schleppt man sich vorsichtig an den Rand, um nicht aufzufallen, dort gehen die Leute etwas langsamer.

Wir trinken die erste Weißweinschorle des Jahres ohne Jacke und in der Sonne und ich erinnere mich, ich habe das noch nicht so oft erlebt, dass Menschen Auseinandersetzung und Streit auch als Kompliment verstehen, als Hinwendung und sanften Wind, der ein bisschen was wegräumt. Ich verstehe die angezogenen Schultern, ich verstehe die Verteidigungshaltung, ich weiß, woher das kommt, aber wer Sprachlosigkeit erlebt hat, weiß die Wärme von Reibung zu schätzen, die Geste des direkten Blicks. Man braucht keine Einigung, um einander etwas wert zu sein. Und in Skepsis liegen auch Großzügigkeit und Tastsinn, insofern sie jemanden mitdenkt und nicht ausschließlich aus Reflex besteht. Wir sammeln einander also Flusen von den Pullovern und das Jahr ist schon wieder zu einem Viertel vorüber, wir pflücken auch Erkenntnisse und ernten nach lautem Lachen böse Blicke im Ruheabteil. In einem Einzelhotelbett kann man nicht so gut schlafen, stelle ich fest, weil es an allen Stellen viel zu schnell zu Ende ist. Wann hast du eigentlich das letzte Mal eine eigentlich unnötige, aber warme Geste geschenkt, die ohne Zweifel und genau so gemeint war? Schau, am Halleschen Tor blühen jetzt die ersten Büsche, manche bemerken das auch und ihr Blick wird ganz weich.

So when the ‚cause ain’t dead on arrival and you couldn’t shouldn’t wouldn’t for free, do not hang your cause on revival, cause now looking is bringing you grief. So when the cause is dead on arrival and you coulda shoulda woulda for free. I wouldn’t have forced it on the minute. It’s a very hard thing to have grief. Ah, give it a minute. We’re dancing in it.“ (Big Red Machine)

„Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“

Der späte Februar und der beginnende März waren schon letztes Jahr eine Zeit, in der man abends kurz nach sieben noch tippend am geöffneten Fenster sitzen konnte ohne zu frieren, jedenfalls für ein paar Minuten, ein paar mehr. Eine Zeit, in der der Wind eine Atempause macht, die Tage so zukunftsgewandt, dass man bei der Vergangenheit wieder rauskommt. Der kleine Pathos, wenn es abends schon nach Sonne riecht und die Nacht nur langsam drüber klettert, wenn man Fahrradfahren kann, ohne dass einem die Wangen zerrupft werden von der Eisluft oder die Finger abfallen. Wenn die Haut sich schon windet, weil sie weiß, was kommen wird, aber noch nicht da ist, und auch diese Ahnung funktioniert ja nur im Abgleich, die funktioniert nur, weil wir das schon einmal erlebt haben (nicht nur einmal, die meisten von uns mehrfach), und weil wir die Bilder kennen. Wir können uns ja selten angemessen nach etwas sehnen, was wir noch nie gehabt haben, in diesen Fällen ist es relativ wahrscheinlich, dass die Vorstellung, an der die Sehnsucht hängt, schlenkert und an der Realität vorbei schrammt. Marion Brasch sagt im Interview, ihr Bruder Thomas sei einer von diesen liebens- und hassenswerten Menschen gewesen, „das macht eben solche Charaktere auch aus, dass sie nicht nur die Menschen auf ihre Seite ziehen, weil sie so toll sind, sondern auch weil sie sie absorbieren, er war so jemand, der auch Menschen getrunken hat“.

Mehr ein- als ausatmen. Der Frühling ist der erste Herbst des Jahres. Er riecht nach Pfannkuchen.

C’est par ici.

In den jungen, rauschenden Jahren denkt man bei jedem großen Verlust, mitunter bei jedem Tod, der einem begegnet: „Das erlebe nur ich“. Eine Dekade später fragt man sich: Wie kann denn jemand das noch nie erlebt haben? Nun werden die Unversehrten zur Ausnahme. Was sich darin spiegelt: ihre Einsamkeit. Und direkt daneben der Trost einer gemeinsamen Schmerzerfahrung, die zwar nicht gemeinsam erlebt, aber dennoch gemeinsam erinnert und verarbeitet wurde, der Trost, den man sich früher nicht hatte vorstellen können, im Leben nicht. Diejenigen mit den Brüchen erkennen einander. Man begreift sich in den ersten Minuten einer Begegnung.

Der Wendepunkt jedoch, der von hier zu da, von Abgrenzung zu Umarmung, von deiner zu unserer Biografie ist nur schwer auszumachen. Es könnte sein, dass es ihn gar nicht gibt und man unterwegs in den Kurven nur den Split von der Straße fegt, der sich unten im Tal zu einem Hügel zusammenrollt. Niemand weiß, wer das war und wann und mit wem. Aber das Grundstück ist schon verkauft, deswegen interessiert es niemanden mehr und die zukünftigen Besitzer werden es nicht besser gewusst haben, die kennen kein früher, und wenn, dann nur eines von vergilbtem Papier oder Dateien ohne Namen. Die Lebhaftigkeit von Interesse und Vorstellungskraft, wenn einem jemand so etwas zeigt (meist auch mit sichtbarer Erwartung in den Augenbrauen), hält sich in Grenzen.

In diesem Alter dann, wenn man das erste oder zweite Mal darüber nachdenkt, ob es eine realistische Option wäre, eine Immobilie zu erwerben, versteht man auch, dass es nur sehr selten im Leben um einen Abschluss geht, um ein wirkliches Hintersichlassen (man wird auch in diesem Alter die korrekte Schreibweise des Ausdrucks noch nicht kennen), sondern dass es in den meisten Fällen um ein Weitermachen trotz aller Umstände geht. Als wir durch den Wald am Wannsee spazieren gehen, es ist Sonntag, sagt P.: „Nichts ist sicher. Das war noch nie der Fall. Man vergisst das nur ab und an.“ Das mit dem Vergessen kann also passieren. In den meisten Fällen tauchen die Dinge, Erinnertes, die wichtigen Sätze dann irgendwann an anderer Stelle wieder auf (ob man sie wiedererkennt, wird hier offengelassen). Das Erlebte zu internalisieren, einen Ort dafür zu finden, der einem nicht zu nahe liegt, also trotz allem, und dann weiterzumachen, immer noch und wieder, das ist die Aufgabe. Nicht Auflösung. Erlebtes verdunstet nicht oder zerfällt.

Rollwende

Wenn der Januar so ist, dass es danach nur noch besser werden kann, dann lohnt es sich vielleicht doch den Atem anzuhalten, um irgendwo anders wieder aufzutauchen und erst dort Luft zu holen für den weiteren Weg. Irgendwann später. Bis dahin kraulen. Sie sagen, Kraulen sei eine der einfachen Schwimmtechniken und eine der schnellsten, was beides praktisch ist, wenn man bedenkt, dass nicht sicher ist, ob im Falle des Januars nur eine Überbrückung von Zeit oder eben doch Strecke oder gar beidem von Nöten ist.

“Das Gesicht des Schwimmers weist zum Grund des Gewässers”, sagen sie. „Das ist machbar“, denke ich und senke den Kopf. Was sie einem nicht sagen, ist, ob man die Augen dabei geschlossen oder doch auf halten soll, und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass das jeder für sich selbst entscheiden müsse, ich bin Anfängerin, ich brauche Geländer, könnten Sie mir bitte einfach sagen, was sich eignet? Irgendjemand erzählte auch etwas von ununterbrochenem Antrieb bei dieser Schwimmtechnik, „das ist vermutlich etwas Gutes“, denke ich und schaue mir selbst sehr viel auf die Füße. Wir stehen, es glitzert. Ich lüge. Es glitzert nicht, es wabert nur. Glitzern würde es, wenn hier Sonne hinein fiele, aber gerade lugt nur das Grau sehr neugierig aus der Dusche. Nein, es glitzert nicht. Und dieser Januar ist nicht glamourös.

Im nächsten Schritt geht es um die Atmung. Nur seitlich aus dem Wasser drehen, „der Kopf kommt nicht ganz raus“, sagen sie, das ist schon schwieriger, weil man ja dann hochguckt und den Beckenrand sieht, insofern die Schwimmbrille gut sitzt und man sich für die geöffneten Augen entschieden hat (was ich empfehle, wenn man nicht gerade angstfrei im offenen Ozean unterwegs ist). Alle zwei bis fünf Züge soll man also den Kopf hochdrehen und atmen, sonst macht man das ja automatisch mit dem Luftholen, jetzt soll ich zählen oder mich zumindest anders auf die innere Uhr verlassen, also Atmen nach Ansage, man könnte dabei durcheinander kommen, schließlich müsse man noch auf andere Dinge achten, sagen sie. Würde meine innere Uhr funktionieren, also so wie es in sehr klugen Romanen steht, von denen ich mir wünsche, dass sie etwas mit der Realität zu tun hätten, damit wir nicht hoffnungslos verloren sind, würde meine innere Uhr so funktionieren, wie es da geschrieben steht, dann wäre ich jetzt nicht hier und müsste diesen Unsinn nicht machen. Es ist nass, es ist kalt, man kann diesen Januar nicht einmal sarkastisch durch die Pfütze ziehen, denn die Pfütze ist zu flach und der Januar ein Arschloch. Und sowieso sagen alle etwas anderes, also was die Technik des Durchtauchens angeht, Nase zu, Augen auf, Augen zu, nicht atmen, später atmen, vorher atmen, springen, gleiten, koordinieren. Nur in einer Sache sind sie sich einig. In der Richtung. „Was sie nicht bedenken“, sage ich leise eher zu mir selbst als zum Publikum, „ist, dass auch vorn immer davon abhängt, wo man gerade steht.“

37,5 Tage

In diesem Jahr sind bereits 1800 flüchtende Menschen im Mittelmeer ertrunken. Es kämen weniger in Europa an, sagt die Stimme im Radio, aber man hätte eben diese hohe Sterberate. Ich steige aus der Dusche und bleibe sitzen für zehn Minuten und an jeder Ampel auf dem Weg ins Büro frage ich mich, ob nicht einmal jemand die Gesichter fotografieren könnte, die Gesichter der Leute, die diese Meldung morgens in der Dusche hören. Und ob diese Gesichter mehr Mitgefühl auslösen würden als die konkrete Zahl im Satz, die die Minderheit zu bewegen scheint. Die Europäer sind sich ja dann doch gern selbst die nächsten, ich hab das in der Schule mal anders gelernt und in meiner Familie, was erzählt man den Kindern in der Schule eigentlich gerade, wie erklärt man das, was dort passiert? Es genügt ja schon, einen Text oder ein Hörstück mit Seenotrettern zu twittern, zu posten, und schon hat man jene am Hals, die von sich sagen: „Nein, also ein Nazi bin ich nicht, aber dabei, da haben sie schon recht, also das kann man ja nicht auf sich sitzen lassen, das bezahlen wir ja alle.“ Und eine Frage, von den vielen, die ich habe, ist dabei ja auch immer, ob sie zu Hause sitzen mit Taschenrechnern und sich jeden Abend in den Schlaf kalkulieren, ob man überhaupt schlafen kann mit so einem Gemüt, und ob die Leute wirklich darauf warten, dass eine Agentur kommt und sagt, heute machen wir mal eine Kampagne fürs Menschenrecht, heute schreiben wir das mal auf Plakate und machen Instagram-Anzeigen, vielleicht bekleben wir die Wassermelonen im Lidl mit so kleinen Stickern „Ich bin so schwer wie dein Gewissen #heulsmiley“. Da würde doch bestimmt jemand eine Instastory machen, witziger Aufkleber haha 264 Likes, kurz trending, wer weiß. Da kommt halt keine Agentur, nicht einmal eine Agentur, sowieso keine Agentur, erst recht keine Agentur, da kommt gerade keiner. Und stell dir vor, wir würden die Strände sperren am Mittelmeer, was da los wäre. Strand geschlossen wegen Trauer. Heute keine Wurst. Heute keine Fanta. Ob morgen, das wissen wir noch nicht, vielleicht, wir schauen mal, wie viel über Nacht losfahren, wie viele es schaffen, wie viele nicht, wir entscheiden das morgen, Eis am Stiel, wenn keiner mehr abgewiesen wird, Beschwerden, ja mei, was sollen wir machen. Stell dir vor, wenn alle Schwarz tragen würden, also nicht wie in Berlin, sondern so richtig, mit dem Gesicht dazu, stellt euch vor, ganz Europa trauernd in Schwarz und schweigend, alle legten ihre Arbeit nieder, denn wenn man 1800 Trauerfeiern abhalten würde, und wir rechnen hier nur mit einer Standardfeier, dieser halbstündigen, das sind die kleinen, die arme Leute kriegen, wenn überhaupt, dann wären wir 900 Stunden in Trauer, das sind 37,5 Tage, das ist mehr als ein Monat. Keine Fanta, Europa, hm?

Und was, wenn wir alle diesen Text kopieren? Und dann noch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, und ihn morgens in der U-Bahn murmeln statt rumzutippen, wenn wir sie all unseren Nachbarinnen und Nachbarn in den Briefkasten stecken, wenn wir beides im Hausflur summen und an unsere Abschiedsformeln dranhängen, einfach immer einen Satz, und erst würden sich alle wundern, aber dann würde wenigstens das andere Gemurmel übertönt, das Zischen, dieses nervöse Gezappel, diese vergifteten Blicke, irgendwo müssen wir ja anfangen, einen neuen Ton anzuschlagen, den jetzigen hält ja niemand mehr aus, der tötet jeden Tag.

Molaren

Die Stadt bekommt eine Gänsehaut. Das Licht zieht sich langsam in seinen Bau zurück, hinterlässt aber noch ein bisschen Glanz in den Wipfeln der Bäume, die so nah an die Balkone reichen, dass man hineingreifen kann. Wir sitzen unten auf einer Bank vor dem Laden, von dem J. sagt, er sei einmal eine der wenigen letzten Zufluchten ohne mattverschalte Hängelampen und Messingbecher gewesen, nun kann man dort viele verschiedene Sorten Bier kaufen und alles ist ein bisschen zu groß für diese Art von Straßenecke, die Bar im Inneren ist ein wenig zu lang, die Tische zu hoch, wir wählen die lange Bank. Zwischen uns steht eine Schale Erdnüsse, die Woche hat sich auf meinen Schoß gelegt mit ihrer Körperlichkeit und ihrem verrutschten Takt und es scheint, als käme sie nun langsam zur Ruhe, während ein Dackel die abgestellten Fahrräder inspiziert. Gegenüber gießt jemand die Blumen ein bisschen zu euphorisch. Wir erzählen einander die Geschichten unserer Toten, manche haben wir gemeinsam. Und als wir uns verabschieden, sitzt in jeder Straßenlaterne die Aufmerksamkeit eines Schluckaufs, all die Ampeln blinken so selbstbewusst in die Nacht, wie sie es nur tun, wenn man gerade verliebt ist oder aus dem Theater kommt, aus dem Kino oder eben aus einer Erzählung, einem Gespräch, einer Erinnerung.

J. sagt, dass wir Menschen uns füreinander die Beine ausreißen und die Haare zu Berge stehen lassen, das sei doch der Sinn von allem. Nicht die totale Kontrolle, nicht die Planung, nicht die Konvention. Sondern das Zucken, es schon hinzubekommen, egal wie laut es ist, wie schlimm, wie zehrend, dabei zu bleiben, denn mehr kann man nicht gefühlt haben, einander aus der Plastikfolie rollen und jeden Fitzel von der Haut klauben. Wir raten einander nicht zur Unvorsichtigkeit, sondern zum Luftholen. Und ich sage „Nimm das Handy mit“, korrigiere mich aber sofort, er sagt, dass er auf einem stillgelegten Flughafen übernachten will, vielleicht kommen ja Wölfe. Vor Tieren haben wir keine Angst mehr, vor Menschen noch immer, aber das macht uns nichts mehr aus. Wir nehmen die Furcht und legen sie zwischen die hintersten Backenzähne, dann spannen sich die Muskeln am Hals und wir sehen aus, als hätten wir jahrelang trainiert. „Haben wir auch“.

Anemogamie

Nun liegt eine dünne, hellgrüngelbe Schicht Staub auf der Tastatur. Das erste Drittel des Jahres ist rum. Sag das mal einer der blauen Stunde (aber wenn, dann nur leise). Sowas sagt man ja sonst eher im Fieber, also dieses ausschnaufende „Jetzt ist der April schon wieder vorbei, da steht der Mai“, wenn man hustet und schnupft und jedes Geräusch so laut an einem vorbeisaust, das man es nicht ignorieren kann, und erst wenn sie sich zusammentun, werden sie aushaltbar, Geräusche umarmen sich zu einem Rauschen, und Gefühle manchmal ja auch, obwohl es bei denen kein Wort dafür gibt.

Ich weiß noch, dass wir mit acht oder neun versuchten, unsere Ängste wie Hamster zu trainieren. Und Justus sagte: „Ich werfe nun diesen Blumentopf aus dem Fenster und hoffe, dass er niemanden trifft“ und dann nahm er Anlauf und dann knallte es laut und am Ende waren Scheibe und Topf entzwei, aber niemand gestorben. In diesem Viertel kam der Tod immer ohne Anlauf. Ohne Blumentöpfe. Ohne Fensterkrachen. Aber alle wurden getroffen. Und der Reststaub hat sich auf allem abgesetzt. Den Spülbeckenrändern. Den Sockenschubladen. Den Nasennebenhöhlen. Den Briefköpfen. Man erkennt einander daran. Die einen wischen das so weg, mit Staubtüchern, sehr gründlich. Die anderen halten die Hände rein. Fahren mit dem Finger darüber. Erinnern sich. Die wissen, das kommt immer wieder. Das geht nie ganz weg. Man braucht es gar nicht versuchen.

An Silhouetten gibt die Schwärze jedem Licht eine Chance.

Partielle Synonymie

Das Licht zwischen 19 und 20 Uhr an einem Apriltag ist das Licht, in dem ich mich verneige. Ich könnte das jetzt auf Englisch schreiben, dann wäre es direkt ein Lied oder zumindest ein Beginn, irgendwas, aus dem man noch was machen kann. Auf Deutsch klingt es wie eingequetscht zwischen Klopapier- und Schwammregal in der Drogerie am Platz. Aber es stimmt ja dann doch. Das Licht zwischen 19 und 20 Uhr an einem Tag in der Mitte vom April ist nun einmal das Licht, in dem ich mich verneige. An der Ampel zum Beispiel, so, dass es niemand anders sieht. Und vielleicht ist die Verbeugung auch nur ein ausladenderes Synonym für: „Ich habe dich wiedererkannt“. Ein Synonym für ein Zwinkern, die Bewegung der Mundwinkel, die da draußen keiner sehen kann, aber die bis in die Füße reicht. Das Licht an einem Apriltag so zwischen 19 und 20 Uhr ist ja auch das Licht, in dem sich alle ein bisschen verneigen. Vor dem Tag und dem, was davon noch übrig ist, und vor dem, was man geschafft hat, und was man nicht gesagt hat, obwohl man hätte können, vor dem eigenen Zusammenriss und der Nonchalance eines Atemzuges. Das ist genau das Licht, was man braucht nach diesem Winter, das Licht, in dem man sich pathetische Liebeserklärungen ausdenken kann, die man niemandem sagt, aber sich vornimmt, es zu tun, wann auch immer, das funktioniert auch zwischen Klopapier- und Wischlappenregal, man weiß das nicht, bis es einem passiert und dann kommt man raus, sehr beladen mit Dingen, die man auf Vorrat kauft, und stolpert ohne Grazie in das Licht hinein und oben am Himmel hinterlässt ein reguläres Flugzeug Düsenjägerspuren, die keine Düsenjägerspuren sind, aber so heißen, weil es kaum ein schöneres Wort dafür gibt und schöne Worte gehören auch in dieses Licht. Genau wie Überwindungen und aufplatzende Oberflächen und Knospen und dass man jedes Jahr wieder denkt, dass man sich früher aus Natur ja eigentlich nichts gemacht hat, aber plötzlich blinkert sich jedes kleine Fitzelchen Grün in den eigenen Weg. Das Licht jedenfalls an einem Apriltag zwischen 19 und 20 Uhr, das ist das Licht, in dem ich mich verneige, so wenig, dass es niemand sehen kann, mit acht Rollen Klopapier im Arm und drei Schwämmen im praktischen Kombipack und dann schaltet die Ampel auf Grün und allen, die über die Straße gehen, rutscht das Licht ins Gesicht für einen Moment, so lange nämlich wie eine Häuserlücke breit ist, und man kann dann ahnen, was alles sein kann. Man kann dann auch wissen, was alles schon ist.