Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Missing Person Report.

Der Atem in der Schläfe. Erst einmal die Strecke in Gedanken abfahren, dann in Maps eingeben, die Strecke betrachten, die Krankenhäuser um die Strecke herum orten, alle Adressen aufschreiben, sowieso Daten aufschreiben auf das Blatt vor dir, falls jemand danach fragt. Geburtsdatum, Nummer, Meldeadresse. Nicht den Notruf anrufen, aber die Bürgernummer und fragen, wie man das macht, wenn jemand nicht nach Hause kommt, was man dann tun kann, wenn jemand nicht nach Hause kommt, ob sie jemanden kennen, der wüsste, wie man denn vorgeht, wenn jemand nicht nach Hause kommt. Ein Anruf als Entscheidung, ruhig zu bleiben, den Rest herunterschlucken, das Provisorium spüren, aber schlucken, soviel und soweit es geht. Es geht. Weiterreden, der ruhigen Stimme zuhören. Den Atem im Bauch, während die Stimme am anderen Ende die Unfallliste der Großstadt durchgeht, 66 Unfälle heute, keine Radfahrerin dabei. Nach einem Prozedere fragen, das Prozedere notieren, weil man dem eigenen klaren Denken nicht traut, nicht jetzt, also Notizen, dann bedanken, dann auflegen. Dann die Krankenhäuser. Eins, zwei, drei. Den Zettel mit den Daten neben dem Knie. Nein, da ist niemand mit dem Namen und dem Geburtsdatum. Auflegen. Nummer zwei. Da ist auch niemand, der auf die Beschreibung passt. Nummer drei. Niemand. Den Atem aussperren. “Das ist etwas Gutes” denken und sich an den Vorsatz erinnern, ruhig zu bleiben. Wieder schlucken. Noch einmal die Strecke betrachten. Die Strecke mit dem Fahrrad abfahren? Mit dem Taxi? Jemanden fragen? Die Zeit vergeht beim Schlucken, dabei ist kaum noch Spucke da. Das Vakuum ist ewig und man spürt sein Ende erst, wenn es Entwarnung gibt. Keine Vermisstenmeldung. Keine Verletzten. Dann auch mit der Entwarnung kommt der Durst, das Wasser, sich auf den Boden setzen, atmen atmen atmen, alles ist okay, alles ist gut gegangen, Hände noch da, Füße noch da, Familie noch da und das Herz wach, so wach, so wild. Jetzt hat man es einmal gemacht. Man wird sich erinnern, vielleicht.

My word for it.

Home

Und dann machst du an diesem Montag das neue Angus & Julia Stone Album an und musst es fast, aber nur fast wieder ausmachen, weil es dir beinahe, aber nur beinahe die eh zur Zeit im Bauch sitzende Sprache verschlägt, nicht einmal die Töne an sich sondern wie alles zusammen kommt und passt, also diese Lieder zu diesem Sommer, in meinem Ohr klingen sie, als würden sie versuchen, etwas abzuschütteln, einen Fuß vom Boden zu bekommen (und nicht drauf, so wie die meisten, es geht ja immer um Bodenhaftung, aber manchmal, das muss ich euch sagen, da geht es vor allem darum, hoch zu kommen, mit der Wange vom Boden hoch und mit der Hüfte vom Boden hoch und mit dem Fußrücken vom Boden hoch, weil sich das Parkett sonst eindrückt, also jahrelang und wenn man gar kein Tattoo haben will, also wenn man seine Haut, wie sie ist, eigentlich gerne mag, dann ist das nichts Gutes, dort über Monate zu liegen, und dann hängt das eigene Überleben davon ab, nicht mehr liegen zu bleiben, den Rücken rund zu machen, damit der Stein hinunter rollt und zwar über die Seite und nicht in die Kniekehle, denn die Kniekehle hat eh schon genug mitgemacht, der reicht es langsam, die gilt es zu schonen, ist auch mal gut jetzt, deswegen über die Seite und dann hoch, irgendwie aufstehen, das ist die Rettung, nicht irgendeine sondern deine, jeder darf heulen dabei, jederzeit).

Und dann stehst du zur blauen Stunde am offenen Fenster, das man heute zum ersten Mal seit Tagen wirklich wieder öffnen kann, weil es kühler und nicht noch wärmer wird dadurch im Zimmer, und es läuft ‘Wherever you are’ und du legst dir selbst die eine Hand auf die andere, weil es sein muss, dass man sich hält, meine ich, das darf nichts Fremdes sein, man darf sich nichts Fremdes sein, jedenfalls nicht zu lange, jedenfalls nicht zu oft.

Hauptsache etwas spüren, anti-cool sein, anti-abgefucked, also nicht tot. Sich jeden Tag für Leben entscheiden“. Nicht genug Angst haben, um damit aufzuhören; viel zu viel Angst haben, damit aufzuhören.

Faro VI

Garden

Töchter sprechen über ihre Mütter, Jüngere sprechen über die Älteren und in beiden Konstellationen kommt irgendwann der Punkt im Leben, den man mit diesem Blick begleitet, dem Blick schräg nach unten und an der Person vorbei, mit der man eigentlich gerade spricht, der Blick, in den bereits jedes Gewicht gelegt wird, das man später auf den Schultern hat, wenn sich umkehrt, was man nie als umkehrbar erachtete, eben diese Konstellation, dass jünger sein mal bedeutet agiler zu sein, sich mehr beieinander zu haben, dass Tochter sein mal bedeutet, die Ruhe zu geben und nicht zu nehmen, sich auszukennen, dass es soweit kommen kann und muss und dass auch schon immer so war, aber von den Ewigkeiten haben wir alle bis heute ja gar keine Ahnung. T. erzählt von ihrer Mutter, die sie holen muss, da sie dement ist, und die Schwester von T. in die Ferien fährt, sonst obliegt die Obhut der Mutter nämlich ihr.

Und nach diesem Gespräch nehme ich den Gedanken noch mit in den Tag, in einen der letzten, und ich frage mich, ob es an den ebenerdigeren Wohnungen, am Klima oder nur an meinem verschobenen Fokus liegt, dass ich hier mehr ältere Leute auf den Straßen sehe, vor den Häusern, in den Cafés. Auch sind sie meist in Gruppen anzutreffen und nicht so allein wie in deutschen Großstadtstraßen, die sich sich in völliger Isolation hinunter schleppen, obwohl um sie herum das Leben tobt. Did you order pastéis de nata? No, we didn’t, antwortet N. Oh! Die Bedienung ist beinahe entsetzt. Cause there are only three left. Do you want two? I guess, you want two. Yes, we do.

Wir fliegen am Abend. Der Tag gehört der Stadt, die hinter dem repräsentativen Viertel liegt, der Stadt mit den Hochhäusern und den vielen Balkonen, den Mülltonnen an der Straße und dem Pflaster mit den Schlieren. Aber auch hier immer wieder feststellen, das die Portugiesen in jeder Hektik weniger hektisch sind als Menschen anderswo und auch weniger laut. Im Botschaftsviertel treffen wir auf keinen einzigen Menschen, nur auf einen das leere Haus beschützenden Hund, der sich die Seele aus dem Leib bellt, während die großen, pinkfarbenen Blüten im Wind zittern.

Wir trinken Tee und Kaffee im Café King, spielen Backgammon dabei und der Wind will nochmal zeigen, was er kann, weht beinahe das Spiel davon und auch den großen Schirm, N. stößt sich am Tisch vor Schreck, aber der Italiener nebenan packt seine großen Sprüche aus. Er beschütze uns, wir brauchen uns keine Sorgen machen, sein Begleiter lacht verschämt. Und immer wieder klingelt sein Telefon. Sophia ist dran, er möchte mit Sophia einen Termin ausmachen, ja, er käme gleich vorbei. Dann zwei Minuten später klingelt es erneut. Er hebt ab. “Sophia! How beautiful. You are a stupid person.” Wir bezahlen drei Euro und ziehen weiter zum Hafen, um noch einmal Fisch zu essen. Wichtig ist, so stellen wir fest, wenn der Tisch nicht wackelt, ist es kein gutes Restaurant.

Zum ersten mal läuft nicht Rihanna oder Shakira sondern portugiesische Musik. Der Wind ist wirklich überall, das Segeltuch über unseren Köpfen flattert so laut, und wir müssen auch hier die Teller auf das Backgammonspiel stellen, dessen Spielfläche aus einrollbarem Leder besteht und nicht aus Holz, damit es nicht davon fliegt. Ich bestelle Suppe und Salat, der Begriff ‘Salat’ ist sehr dehnbar. Mal bekommt man Dosengemüse, mal Tomate mit Zwiebel, mal Tomate mit Gurke, heute Tomate ohne Gurke und manchmal bekommt man mit etwas Glück auch grünen Salat. Wir lassen uns Zeit, ich schließe die Augen, ich will noch nicht gehen.

Später im Flugzeug tobt auf meiner Fensterseite irgendwo über Frankreich ein Gewitter, die Wolken stehen wie dunkle Berge, dazwischen zucken Blitze. So nah, als müsste ich nur den Arm ausstrecken, um mich aufzuladen, um etwas zu spüren.

Nonhardening.

Groß Glienicker See

An den Sommer denken, den ich dieses Jahr schon hatte, denn er zieht sich und macht auch mal Pause und er und ich, wir mögen uns wirklich, er und ich und diese Regenschauer und heißen Tage, die vielen Gewitter und dann auch die Kopfschmerzen davor, von denen man weiß, wann sie vorbeigehen, der Sommer scheint beinahe zu sagen: “Schau hin, so bin ich eben und das ist nicht einmal unbeständig oder unzuverlässig, so war ich schon immer, du hast nur zum ersten Mal seit langem wieder Zeit, es wirklich merken”. An den Sommer denken, während er sich kurz ausruht und unruhig schläft. Man sagt, Tiere spüren, wenn es Menschen nicht gut geht. A. spürt das auch und nimmt meine Hand. 10 Grad besser. Von den Eisbechern sammle ich die Physalis herunter, weil ich dieses Obst und seine Verwendung noch nie verstanden habe, es bleibt immer körnig und weiter hinten etwas bitter. Unter den Bäumen der Stadt liegen und warten, bis der Kaffee abkühlt, Falten ins Hemd machen und dann das Wort “wundernehmen” aus einer SMS klauben und mir schon denken, was es bedeutet, es aber sicherheitshalber noch einmal nachschlagen, es dann den ganzen Tag und Abend noch mit mir herumtragen wie die erste Kastanie des Herbstes. In den Seen schwimmen, die diese Stadt umgeben und immer wieder unterbrechen, schwimmen und vor allem mehr tauchen als die Jahre zuvor, feststellen dabei, dass das schönste Gefühl mitunter das Durchbrechen der Wasseroberfläche mit der Stirn ist, weil man weiß, gleich gibt es Luft, weil man sieht, gleich gibt es Licht, weil man spürt, gleich hat man’s geschafft, das ist der Beweis. Jetzt, genau jetzt. Zum ersten Mal seit langem nichts, aber auch wirklich gar nichts vom Sommer erwartet und alles bekommen.

Arteria poplitea.

Fraenkelufer

Ich werde mich erinnern an dieses Jahr als das Jahr, in dem ich lernte, wie meine wirklich guten Freunde unter ihrer Haut aussehen, in all ihren Winkeln und Ecken, mit all ihrem Blut und Sehnen und Knochen, mit all dem, für das es keinen angemessenen Namen gibt und das man vor allem einfach halten muss, obwohl man nicht genau weiß, wo es liegt, aber wenn man es hat, dann spürt man, dort muss die Hand jetzt einfach einmal bleiben, dort darf man sich nicht rühren, dort muss man verharren, damit dem anderen nichts passiert, dort wird man stehen, solange es nötig ist, und nötig ist länger als notwendig, nötig ist vor allem über den nächsten Atemzug hinaus, wirklich nötig dauert über das Defizit hinaus, über ein Auffüllen hinweg, nötig ist immer bis zu einem sicheren Vorrat, vorher geh ich nicht, keinen Schritt, und wirklich, ich habe eine Karte gemalt, um nichts zu vergessen und ich werde mich erinnern an dieses Jahr als das Jahr, in dem ich sagte “Wir bekommen das hin” und wusste, es stimmt.

Im Anzug den Müll raus.

Berninger Brothers

Ich schrieb einmal über The National, sie wären mit keiner Geschichte verknüpft, eine von den Bands, die immer gehen, zu allem passen, vor denen ich keine Angst habe. Das stimmt nicht. Es stimmt nicht mehr. An Tagen mit aufgeschürfter Brust gehe ich ihnen mittlerweile aus dem Weg. Sie würden einfach in mich hineingreifen und ich hätte vermutlich nicht für örtliche Betäubung gesorgt, mir ist noch nie der Bauch, noch nie das Herz eingeschlafen, ich würde alles spüren.

Und bei der Premiere von “Mistaken For Strangers” heute Abend erinnere ich mich wieder, warum ich Matt Berninger als Projektionsfläche so schätze, die Band mit ihrer Kunst. Denn ich mag Berninger nicht als Mann, ich könnte ihn vermutlich nicht ertragen, ach wer weiß das schon, ich kenne ihn einfach nur als Figur und diese Figur spielt auf der Bühne mein wütendes Herz. Mit jedem Stolpern und Krächzen und Schreien führt er den Abgrund auf, den man dann nicht mehr leben oder tragen muss, Berninger übernimmt den Drecksjob, er bringt den Müll raus, den wir vorher noch sorgsam im Zimmer verteilt haben, und er trägt einen Anzug dabei.

Ich schaffe es, den ganzen Film nicht zu heulen. Später nach dem Q&A sitzen wir beinahe allein im Kino, da kommt plötzlich ein Mädchen in unsere Reihe und sagt: “Hallo Lisa, ich wollte dir nur schnell sagen, ich mag deine Bücher und Texte so sehr. Dankeschön!” Sie flitzt sofort wieder weg, noch bevor ich wirklich etwas sagen kann, danach ist mein Vorsatz im Eimer. Auf dem Heimweg flippe ich mit dem Fuß aus Versehen einen nassen, halben Toast übers Pflaster, der Mond leuchtet beinahe voll aus einer Seitenstraße heraus. Leave your home. Change your name. Live alone. Eat your cake.

Faro V

door

Die kleinen Dinge, die man wiederholt, machen ein fremdes Land weniger fremd. Man kennt und erkennt plötzlich etwas. Auch wenn es nur die Speisekarte einer Snackbar ist. Im Bus zum Strand sitzt vor uns die alte Dame, ihre schwarzen Haare hat sie sich über die bereits grauen gelegt und mit Haarspray und kleinen Spangen fixiert. Vor dem Aussteigen richtet sie die Gardine und nickt. Der Strand ist wieder leer, das Wochenende vorbei, in den Zwischenströmen von Insel und Festland arbeiten die Fischer und kontrollieren die Reusen. Ihre Autos stehen vor der kleinen Brücke direkt neben der Strasse, nicht auf dem Parkplatz dort, wo die Strandbesucher ihre Wagen abstellen. Weiter hinten ein kleines, zerfallenes Holzhaus. Neulich bei Ebbe watete daneben ein Mann nur in Unterhose in kniehohem Wasser und wusch sich darin. Woher plötzlich mein Bedürfnis nach Farbe und einer Leinwand kommt, weiß ich nicht. Viel Blau und Rotbraun, dazwischen kleine weiße Sprenkel. Ich hab das seit Jahren nicht gefühlt. Wenn das Wasser hoch steht, ist der Wind stärker.

Das Forum Algarve, ein riesiges Einkaufszentrum in Terrakotta. Die Dekoration davor und um das Haus herum ist für Menschen in Autos gemacht, hier kommt man direkt von der Autobahn, um in die Stadt zu fahren oder hinaus. Als Fußgänger daneben auf dem schmalen Gehsteig sieht man nur Steinmauern, laufen ist hier nicht vorgesehen. Nach dem zweiten Fußballspiel verlassen die paar Gäste ihre Sitze, die Algarve Big Band spielt auf einem leeren Platz. Morgens hört man aus dem Zimmer von T. als erstes Schniefen und Husten, danach das Piepsen des Laptops. Dann ist sie wach. Im Hof plötzlich aufgeregtes Gackern von Hühnern, aber kein Tier zu sehen. Es klingt, als säßen hunderte unter dem Tisch.

Vielleicht gibt es kaum etwas besseres als Schlafen im Zug. Ich meine, sicherlich gibt es besseres, zuhauf, aber an manchen Tagen eben nicht. Das flackernde Licht und wie die Geräusche mit dem Schließen der Augen anfangs lauter und dann erst später wieder leiser werden. Das leichte Ruckeln, die Stimmen und die Gedanken, die kommen, wenn man sie kommen lässt - stellvertretend für alles Vorbeifliegende, das man gerade nicht sehen kann. Manchmal kurz die Augen öffnen, sich vergewissern, weiterschlafen und irgendwo anders wieder aufwachen.

Am Bahnhof treffen wir S., wir kennen ihn von Weitem vom Strand und aus der Stadt. Hier lachen wir einander an und als der Zug einfährt, kommen wir ins Gespräch. Er ist aus Mailand angereist, arbeitet eigentlich als Radiologe. Es ist unser erster Tag mit grauweißen Wolken am Himmel. Später malt S. eine Schnecke in sein Notizbuch, weil ihm das englische Wort dafür nicht einfällt, gestern hatte er welche als Abendbrot. Wir verabschieden ihn in Lagos irgendwo zwischen den Touristenmassen, die einem den Weg nehmen, den man zumindest in Faro einfach spürt und nicht einmal auf der Karte suchen muss. Es scheint, als habe dieser zerwürfelte Ort alles auf Zugereiste ausgelegt, jedes Geschäft, jeden Putzlappen, jedes Wort. Man kann beobachten, wenn man es schafft ruhig zu bleiben, irgendwo im Schatten eines Balkons vielleicht: Kaufentscheidungen, Familienleben, Ehekrisen, Liebesgeschichten und wie sich Menschen etwas zu eigen machen wollen, das ihnen fremd ist, in dem sie alles dafür tun, ihr Zuhause mitzubringen, auch wenn sie genau davon wegfahren. Sie müssen auch immer alles anfassen, jeden Zaun, das 15. Kleid, das auf einem Bügel baumelt, einander. Der Strip Club heißt Aplauso.

Auf der Heimfahrt kommen plötzlich die Farben heraus. Alles, was auf dem Hinweg noch grau und vernebelt schien, ist jetzt in sattes Braun, Rot und Grün gefallen, so geht Leuchten. Zwischen den Plantagenbäumen immer wieder ältere Herren mit ihren Hunden, sie sehen dem Zug nach, die Hunde neben oder hinter sich, dann stapfen sie langsam weiter. Mittendrin steht ein graues Pferd auf einem Hügel mit aufrechtem Kopf, es bewegt sich keinen Zentimeter, zuckt nicht einmal. Als habe es all seine Sinne verloren. Und ich hab all meine wieder.

Juli, U2.

Cemetery

Vinetastraße. Sie sind zu dritt, zwei setzen sich auf die Plätze gegenüber, eine neben mich. “Haha, jetzt wo ich weiß, dass du den nicht heiratest, finde ich den cool. Das war bei B. auch so, als sie den hatte, da fand ich den nicht gut, so - ich kann’s gar nicht erklären - vielleicht unzuverlässig? Er hat ständig alles verpeilt, nix hat der hinbekommen, obwohl der eigentlich ganz okay war, also so zum Labern, völlig okay eigentlich, aber für meine Freundin, da wollte ich was anderes, die hätte ja alles machen müssen, so’n ganzes Leben, also nee echt nicht. Aber als sie sich dann getrennt hat, hab ich mit dem geredet und so und der war echt lustig, ich mein, der ist eigentlich voll okay. Aber B. wirklich, neulich da hat sie einen Chickenburger bestellt und meinte noch: Keine Currysauce, wirklich, also echt nich, keine Currysauce. Und dann sitzen wir im Auto, packen das aus und dann is da natürlich Currysauce drauf. Ruft die wirklich im Laden an und sagt: Ich will mich beschweren, ich hab gesagt, ohne Currysauce. Die hat da echt angerufen und denen das gesagt ausm Auto, als wir das gegessen haben.”

An der Schönhauser Allee eine Klassenfahrtsgruppe. Es sind so viele, es ist so eng, es ist laut und riecht nach Pubertät. Um schmale Hälse hängen riesige Digitalkameras mit Extra-Akku. “Hier kann man ja gar kein Selfie machen, geh mal kurz weg, is mir egal, wohin, aber ey, kann ich hier ein Selfie machen? Geht, oder? Warte.. Ja, geht. Willste sehen? Warte, ich mach noch eins. Moment. So. Geht. Ey, hier kann man Selfies machen!”

Alexanderplatz, die Klasse steigt aus, Studenten ein, sie sind zu fünft. Am Arm trägt sie drei Festivalbändchen und etwas mit Perlen: “Ich verstehe das nicht. M. hat immer gesagt, pass auf. Aber echt. ich hasse Geld. Ich hasse Geld wirklich. Scheiß Kapital! Nächsten Monat möchte ich mich endlich wieder vollkommen fühlen, das macht mir so ein Loch im Gehirn. Scheiß Geld. Wer hat die Fahrkarten? D.? Okay.”

Zuhause das Os zygomaticum am Waschbeckenrand, irgendetwas zwischen Empathie und Resonanz. An J. denken und wie mein Bauch heute nachgespürt hat, ob er im Schlaf noch atmet auf mir. Augenblickliche Fühler, J. ist vier Wochen alt. Sein Zeh ist so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers.

Faro IV

Waves

Am Morgen vor dem Öffnen der Augen die Rollkoffergeräusche vor dem Fenster hören und nicht wissen, wo man ist. Aber die Wärme spüren und dann erst Sekunde für Sekunde kriecht das Wissen um den eigenen Aufenthaltsort zurück in sein Haus. Später auch das Gefühl für Zeit verlieren, es zählt nur müde sein und wach sein und worauf man Lust hat. Auf dem Boot dann die Hand in den Fahrtwind halten und denken, das mit dem Fühlen ist manchmal so ähnlich, das hinein Fassen und wie es einem entwischt, Gefühle zerzausen einem auch die Frisur. Nur an diesen bestimmten Sonntagen, da hat man manchmal Glück und einen Zipfel vom Laken, und wenn man dann in die richtige Richtung steht, bekommt man eine ungefähre Ahnung davon, welches Volumen so ein Herz doch hat, man kann’s dann sogar (be)greifen für einen Moment.

Pastéis de Nata sind ausverkauft, Sonntag ist Tag der Einheimischen, heute machen sie Pause, sie sitzen und reden weniger laut, als man erwarten würde, aber sie bestellen viele Tassen Kaffee und schauen und verschränken die Hände über dem Bauch. Ich entdecke ein neues Muttermal an meiner Wade. Entstehen die irgendwann? Habe ich es vergessen? War der Winter so lang? Ich lege meine Hand darauf und versuche mir vorzustellen, es sei gar nicht da. Und schon geht das nicht mehr. N. sagt, es gibt von jedem Menschen zwei auf der Welt. Planets calling for each other.

Oma sitzt auf dem Handtuch und soll mit dem iPhone ihre Enkelin fotografieren. Stehend, im Sand liegend, im Wasser stehend, in den Wellen liegend. Die junge Frau öffnet das Programm und gibt das Handy dann ihrer Großmutter, das Telefon steckt in so einer Klapphülle, weiß mit Strass verziert. Oma hält es mit zwei Fingern, mit dem Zeigefinger der rechten Hand drückt sie auf den Auslöser. Dabei schaut sie jedes Mal sehr angestrengt, die Enkelin hingegen grinst, sie grinst solange, bis Oma den Button gefunden hat, das dauert manchmal und die Miene der jungen Frau verzieht sich nicht, sie grinst und steht und das einzige, was sich bewegt, sind ihre Haare im Wind oder das Wasser. Nach dem Auslösergeräusch löst sich ihr Gesicht und sie überprüft sofort das Bild. Jetzt lächelt Oma, aber nicht nur mit dem Mund.

Auf den Fliesen der Snackbar hüpfen bunte Delfine über gestreifte Wellen. Gezeiten sind etwas Gutes. Man liegt so herum und schläft und plötzlich, wenn man sich aufrappelt nach einigen Stunden, ist das Wasser viel näher gerückt, und genau das ist es ja eigentlich, was man sich manchmal nach dem Aufwachen wünscht, in der Stadt, meine ich, also dass das Meer direkt neben dem eigenen Kissen beginnt. In der Halbzeitpause zwischen den Spielen läuft jedes Mal Shakira. Keine Schwalben heute, dafür ein kreisender Storch. Eine ältere Dame springt beim Tor von Holland so von ihrem Platz, als wolle sie fliegen.

Faro III

50 shades of blue

C. ist 40, oder Anfang 40. Ihre Haut sieht aus wie ein frisch gegossener Teller. Sie ist klein und schmal und ihre Haare, von denen man nicht weiß, welche grau und welche blond sind, weil sie so gut zueinander passen, liegen auf ihrem Kopf wie zu einem Schläfchen. “Derzeit habe ich keine Wohnung, ich lebe als Nomadin” sagt sie und N. und ich sind so perplex, dass wir vergessen, die richtigen, anschließenden Fragen zu stellen. Sie benutzt Begriffe wie “here and there” and “back then”, sie besucht ihre Mutter und wir werden nicht herausfinden, wie genau sie ihren Tag verbringt, nur dass sie manchmal auch abends, wenn wir am großen Tisch sitzen und auf den Telefonen lesen und schreiben, still neben uns steht und dasselbe tut. Das einzige Mal, dass ich sie sitzen sehe, ist an diesem Abend auf der weißen Treppe, die vom Hof in die zweite Etage führt. Sie sagt etwas, das ich mir merken will und dennoch vergesse, aber ich erinnere mich genau an das Gefühl danach, in dem ich dachte: Irgendwas hat sie, irgendeinen Knick, und ich wüsste gern, woher der kommt. Einmal steht sie im Hof neben der großen Palme und wischt mit einem gelben Lappen die Drähte des Wäscheständers ab.

Der Grünstreifen vor dem ‘N Coisas’ wird jeden Morgen von denselben Hunden besucht. N. sagt, R. könne das besonders gut, die Gedanken von Hunden lesen. Manchmal übersetze er für sie, wenn sie in Berlin einem Hund begegnen. Wir können das nicht, aber jeden Morgen kommt der kleine graue mit der lockigen Frisur und schnüffelt um den pinkfarbenen Strauch herum, danach besucht uns der schmale, dünne, der nur oben auf dem Kopf ein Büschel Haare hat und setzt ebenfalls eine Marke. So geht das mehrmals hintereinander. Jede Snackbar hat ihren eigenen, struppigen Bewacher. Ich verliebe mich alle zehn Meter neu.

Quiosque ist mein Lieblingswort. Handgeschrieben sieht es wunderschön aus, ausgesprochen auch. Später sehe ich vom Bus aus dieses riesige Plakat: Rent an emotion. Autovermietungswerbung. Auf dem Kreisverkehr kurz vor dem Flughafen stehen weiße, kastige Figuren. Mehrere Personen, die in die Luft schauen. Vielleicht aus Stein geschlagen, vielleicht aus Holz. Ihre Körperhaltungen sind so authentisch und echt, dass ich aussteigen und mich dazwischen legen möchte, ihre Blicken rühren mich so, dass ich schlucken muss, dabei haben sie nicht einmal richtige Augen.

Am Strand dann 50 shades of blue. Ich erinnere mich wieder, warum Blau meine Lieblingsfarbe geworden ist, früher war es Grün, vielleicht wird Blau es bleiben. N. sagt, in der chinesischen Medizin habe man sogar Deutungen für die Farbe von Kleidung, die man in bestimmten Zeiträumen kauft. Letztes Jahr vor allem Dunkelblau. Dieses Jahr Schwarz. Ich weiß nicht, ob ich diese Deutungen kenne möchte und bleibe innerlich lieber bei meiner ausgestreckten Hand. Manchmal, wenn ich länger in die Sonne schaue, flimmert es danach in blauen Blitzen in meinem Blickfeld, ich genieße jedes einzelne Mal. Sowieso sauge ich das Licht hier auf, als hätte ich jahrelang keines bekommen. Hinlegen, warten, warten, warten, warten, spüren, wie Schweiß sich bildet, warten, warten, warten, wie er austritt, warten, warten, wie er rinnt. In diesem Moment gibt es kaum Schöneres. Dagegen das Wasser. Strömung spüren, Wellen spüren, tauchen, nicht zu tief, aber tauchen, durch die Wellen hindurch und dazwischen. Anfangs direkt hineingehen, obwohl es arschkalt ist, einfach weiterlaufen, nicht zögern, keinen Moment, einfach laufen, das hält man schon aus, die Kälte, die Wucht. Wenn man sich nicht umdreht, ist überall Horizont.

Wenn man Regener und Cole parallel liest, vermischen sich New York und Bremen zu einem wunderlichen Brei, in dem kleine Klumpen schwimmen. Zweimal erschrecke ich über Parallelen. Die eine zum Wehrdienst und dass Verweigerer wohl zum Dilemma des Pazifisten gefragt werden, was sie täten, wenn jemand ihre Eltern mit einer Waffe bedrohen würde und sie selbst eine in der Hand hätten. Und in beiden Büchern werden Protagonisten zu gutmütigen Kümmersachen, zu Charity-Arbeit, überredet von Menschen, die ihnen irgendwie nahe stehen. Dabei haben sie dann Begegnungen, an die sie sich später erinnern. V allein kommen sie nicht auf die Idee, sich zu engagieren, das Drängen dazu übernehmen die Randfiguren für sie.

Wir essen frischen Fisch mit Zitrone und viel Knoblauch, die Sonne steht tief. Als wir zum Bus gehen, steht hinter der Brücke ein alter Fischer allein in seinen Gummischuhen, er fängt nichts, die Strömung ist schnell. Im Bus dann Halbstarke. Der eine hängt sich ein Handtuch über den Kopf, während er ganz laut über sein Handy Guns N’ Roses hört. Runterkommen mit Axl Rose. Ich erkläre N. den Unterschied zwischen ‘Trottel’ und ‘Tollpatsch’. Der erste vergeigt’s mit dem Kopf, der zweite mit dem Körper. Im Quiosque kaufen wir Schokolade, spielen dann Backgammon im Hof. Die Wangen glühen nach.