Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Wahre Liebe, voll optimiert.

Tinder

Mit Kati Krause habe ich einen Text über die Erwartung an Dating-Apps, die Suche nach der großen Liebe und Missverständnisse in der Kommunikation für WIRED Germany geschrieben. Das Heft gibt es noch bis zum 27. April am Kiosk. Online gibt es den Text hier.

What you see is what you see.

Hearts

Morgens stand ich vor dem Spiegel, vorher kein besonderer Tag, und ich könnte nun nachschauen im Buch, weil ich ihn danach im Kalender markierte, aber das war ein Morgen wie immer, danach auch noch und trotz Markierung, und dann sah ich das weiße Haar. Ich bin jetzt 30 und dies ist mein erstes. Es war relativ kurz und richtete sich manchmal auf und um es mir genauer anzusehen, rupfte ich es aus. Vielleicht auch einfach aus Reflex, weil man das so beigebracht bekommt, jedenfalls bereute ich es ein paar Sekunden später schon wieder, als es auf meiner Handfläche lag und ich nicht wusste, wohin damit. Schmeißt man weg, so ein graues Haar, aber auch das erste? Die Babyhaare heben wir auf. Ich jedoch eigentlich nicht, weil sich in mir irgendetwas gegen das Sammeln und Verpacken in Boxen von Körperextensionen wehrt. Schon die Aufbewahrung der Milchzähne war nur so mittel meins, was ich merkte, als mir einer davon mal in der Hand zerfiel und damit auch jegliche Vorstellung seiner Beschaffenheit. (Für Konsistenz hat man immer wenig Gefühl, bis man sie am eigenen Leib spürt, die Vorstellung von Konsistenz ist meistens so vage, dass es möglich ist, sie an den Rand des Schlimmstmöglichen zu treiben.) Am Ende lag der Zahn zerfallen auf meiner Lebenslinie, viele Jahre später spürte ich noch einmal einen Milchzahn direkt in meinem Mund brechen. Auch so ein Konsistenzmoment, den man nicht mehr vergisst. Aber das hier war nur ein Haar, ein schneeweißes, ein paar Zentimeter langes Haar. Ich warf es weg. Notgedrungen. Fingernägel hebe ich auch nicht auf. Aber dieses Haar hätte ich dann doch lieber einfach dort gelassen, wo es gewachsen war. Auf der rechten Scheitelseite, vordere Mitte.

Ich dachte auf dem Weg in die Arbeit darüber nach, über meinen Reflex, das Haar auszureißen, das Gefühl, von dem ich immer eine Vorstellung hatte, über körperliche Veränderung und was man eigentlich erwartet. Ich bin aufgewachsen mit dem Grundgefühl einer Angst vor dem Älterwerden, ich begegnete in Gesprächen und in Magazinen Cellulite und Anti-Falten-Cremes lange bevor ich mich als Zielgruppe dafür eingestuft hätte. Und welche Chance haben wir denn? Über körperliche Veränderung zu reden, wie sie nicht passiert? Ich spüre jetzt, wie groß dieses mediengewordene Unbehagen war, bevor ich es am eigenen Leib erfuhr, wie man reingeredet wird in diese Komplexe, in das Hinterfragen des eigenen Fleisches und ob es die richtige Form und Temperatur hat, wie man nicht bestärkt, sondern vor allem verängstigt wird von Medien, Umfeld und Gesellschaft. Doch nun (ist mir neulich aufgefallen) und mittlerweile vor allem scheine ich von mir als Person ein anderes Bild zu haben als alle Spiegel dieser Welt. Dazu muss man sagen: ich besitze keinen Ganzkörperspiegel. Das war zum einen eine architektonische, zum anderen eine Körpergefühlsentscheidung. Ich wollte mich nicht mehr jeden Tag im Spiegel sehen. Nicht, weil ich den Anblick so schrecklich fand, sondern weil ich mich lieber wieder mehr spüren wollte. Was fühlt sich für mich gut an? Was möchte ich tragen? Und wie egal ist es eigentlich, wie das im Spiegel aussieht? Was daraus geworden ist: der Wunsch, keinen Ganzkörperspiegel mehr zu besitzen, also nie wieder. Und manchmal sehe ich mich in Schaufenstern und erkenne mich nicht. Da steht eine Frau, die, so glaube ich, so alt aussieht, wie sie ist. Eine Frau, die Falten um die Augen hat und Cellulite am Hintern (so sagen die selten besuchten Spiegel in Umkleidekabinen von Klamottenläden, nicht weil ich mich nicht sehen will, sondern weil ich mich von diesem Bild nicht mehr so abhängig machen möchte), eine Frau, die mittlerweile zwei Größen größer kauft als noch vor drei Jahren. Eine Frau, die nicht ganz so aussieht, wie die Frau in meinem Kopf. Sie sieht älter aus. Sie hat mehr Falten. Anscheinend hat sie auch demnächst ein paar graue Haare. Aber sie grinst.

(Und deswegen werde ich immer fragen „Wieso nicht?”, wenn jemand beschämt wegsieht und murmelt. dass er oder sie nicht über sein erstes graues Haar reden möchte. Ich werde es respektieren, aber vielleicht werde ich einfach von meinem erzählen und dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Vielleicht ist es sogar irgendwann einfach normal.)

The blue sky will smother us, believe me.

Oben

Der Rotwein im Flugzeug setzt sich sofort in die Beine, sinkt langsam herab bis zu den Knöcheln und steht dann dort wankend herum, ich spüre, wie er sich von innen gegen meine Haut lehnt. Walk off von The National, während draußen nur kleine Punkte zu sehen sind, wenn ich meine Stirn an das kühle Fensterplastik presse. Wie viele haben das heute schon einmal getan? Ich habe die Reihe nur für mich. Auf dem Bildschirm oben fliegt das Flugzeug über Grün hinweg, in echt fliegt es durch Schwarz hindurch. In Flugzeugen spüre ich immer alles gleichzeitig, was ist, vielleicht weil der Luftaustausch so begrenzt ist, früher hab ich Panikattacken davon bekommen, mittlerweile schaffe ich es, eher belustigt in mich hineinzusehen. Es gibt Leute, die sagen, in Zeiten von gleichzeitigen Zuständen, die man sonst sicherlich nicht nebeneinander einsortieren würde, sei das Wichtigste Milde und Geduld und Reflexion, vor allem sei das Wichtigste, sagen die Menschen, sich immer wieder zu schütteln und sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden zu geben, weil das Leben eben so nicht ist, so simpel, das Leben nicht und eben keiner von den Köpfen, kein einziger, es gibt zwar nur eine Antwort, die gilt, aber nie nur einen Grund. (Milde ist das Schwerste beinahe, stimmt’s? Weil es dann kein Ausweichgefühl mehr gibt, sage ich den Leuten, deswegen ist das am Schwersten. Mit sich milde zu sein. Total surrender, das ist die Extended Child’s Pose als Gefühl. Practice forgiveness as a way to keep moving forward.) Walk off and drink from the river. Als würde man beim Landeanflug mal schlucken und plötzlich hört man wieder was. Tut weh, ist zu laut, aber so ist’s normal, also wie nach dem Schlucken, man hatte das nur vergessen, sehr schnell sogar. Zwischen uns und der Stadt liegt Nebel, den man jetzt erst sieht, kurz vorm Boden.

And away with the minutes

The Room

Wir gehen spontan und ein bisschen zufällig dann doch hin und dann gibt es diesen großen Raum mit den Notenblättern an der Wand, meinen Lieblingsraum, ich könnte ewig dort stehen und gucken, wie die Leute gucken, und irgendwas zwischen diesen Notenblättern macht mich ruhig, das nichts mit dem Klavier im Raum zu tun hat, das Klavier ist mir schon beinahe wieder zuviel, aber neben den ganzen Schaukästen, in denen die anderen Exponate stehen, neben den Anordnungen und der Bemühung, allem Raum zu geben, gefällt mir hier, dass einfach alles voll ist mit Noten, aufgeschriebener Musik, kleinen Akzenten, alles sortiert, aufgehängt, fertig, da bleib ich. Im Keller bellen die Hunde, auch noch so ein Kontrast, den ich mag, das Bellen, angeblich 24 Stunden lang aufgenommen, und an der Wand auf den Leisten dann die Kontaktabzüge, winzig und mühsam anzusehen, auch das unruhige Braun der Leisten macht es nicht besser, aber genau so hat es auch was von Zwinger, von der Gegenwart der Hunde, man muss sich anstrengen, man spürt, was es braucht, dabei zu bleiben und nicht abzubrechen, auch weil es so abgetrennt ist vom Rest. Und dann The Room With My Soul Left Out, The Room That Does Not Care. Bekommt mich so sehr, dass ich gar nicht sprechen kann, es ist vermutlich auch mehr der Titel, der mich so rührt, als der Ort an sich. Aber der Titel, meine Güte, alles andere als Gerümpel und ich muss das Exponat, den Raum, die Turnhalle, den Zufall nach kurzer Zeit wieder verlassen, weil Rührung in einer fremden Menschenmasse mir noch nicht bekommt, (aber das wird schon). - „Wenn Ihnen etwas zu nahe kommt, konzentrieren Sie sich auf die Frisuren, Sie werden viel zu tun haben für mehrere Minuten, das macht es leichter, probieren Sie es mal aus, Scheitel, Koteletten und sorgsam geflochtene Zöpfe, aus denen jemand mit höchster Anstrengung Strähnen so gezupft hat, dass es aussieht wie ein Versehen. Reines Seelenheil, dem zuzusehen, wenn es dem Zwerchfell pressiert.“

20. März 2015 - Lesung & Konzert

Lesung

Am 20. März machen Lars und ich, was wir gern einmal im Jahr tun: Lars singt, ich lese. Da dieses Jahr kein neues Buch erscheint, weil man sich ja irgendwann auch mal um sein Leben und den ganzen Rest kümmern muss, lese ich aus den Büchern, die es schon gibt, und aus diesem Notizbuch hier. Lars wird ein paar neue und vielleicht auch alte Lieder spielen. Los geht es um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

„Wann ist das alles nur passiert?“

Unter den Linden

Nach dem Theater laufe ich mit dieser riesigen Brezel in der Tasche nach Hause, diesem wuchtigen Gebäckstück, dessen Kauf man unmittelbar nach Bezahlung bereut, mir fiel auch auf, dass der Verkäufer nicht die oberste, sondern die dritte Brezel von oben nahm und sie mir reichte, sofort fragte sich mein Käuferkopf, warum denn das, kalt sei es doch schließlich von allen Seiten hier draußen, denn der Verkäufer stand ja vor dem Theater und nicht darin, dann dachte ich mir, habe es vielleicht auf die obersten zwei Brezeln schon drauf geregnet oder drauf gespuckt, das sei ja sehr nett, dass er die untere nähme, erst dachte ich das und dann bedankte ich mich mit leichter Verzögerung, denn auch Denken kostet Zeit, was ihn wiederum so überraschte, also mein Dank und nicht das Denken, vermute ich, dass er mir beinahe freudig erregt, in jedem Falle ein bisschen laut, sodass sich die Umstehenden umdrehten, einen schönen Abend wünschte, ich ihm dann auch, und in Gedanken dachte ich noch einmal dazu, dass es ja wirklich kalt sei von allen Seiten hier draußen, ihm und den Brezeln sicherlich auch. Ich habe jedenfalls die Brezel nicht gegessen, sondern so ein kleines Baguette, denn das lag neben den anderen so nett in der Auslage der Theaterbewirtschaftung, auf einem silbernen Tablett, beim Essen war nach jedem Bissen so ein bisschen Lippenstift auf dem Baguette zu sehen. Kussecht, jaja. Das Baguette war jedenfalls gut, den Sekt musste ich stürzen, denn ich war so sehr mit Essen beschäftigt und dachte nebenbei kurz wirklich unangenehm berührt an die riesige, einmal angebissene Brezel, die schon jetzt in meiner Tasche vorwurfsvoll vor sich hin trocknete, jedenfalls stürzte ich den Sekt und schaute nebenbei noch die Gesellschaft an, die sich in Theatereingangsbereichen so aufhält, wenn eine Veranstaltung ansteht, das interessiert mich schon immer, wer da so hingeht, im Theater seltsamerweise viel mehr als im Kino, ich will dann immer herausbekommen, wer zum Establishment gehört, wem das Establishment egal ist, wer sich hierhin verirrt hat und wer so ist wie ich. Komisch, dass mich das nur im Theater interessiert. Ich habe also nur das Baguette gegessen, dass da so friedlich neben den Bouletten lag, für die extra Gabeln aufrecht stehend in einem Glas aufbewahrt wurden, über dem bei jeder Bestellung bedrohlich das Handgelenk der Bedienung schwankte, und beim Nachhauseweg durch die polierte Tristesse von Berlin Mitte denke ich an das Handgelenk und ob sie sich schon mal aus Versehen aufgespießt hat, die Bedienung, und frage mich bei jedem zweiten Haus, ob darin wirklich Menschen wohnen oder doch nur Ferienwohnungsschonbezüge. An der Unibibliothek vorbei, aus der auch kurz nach zehn immer noch Menschen kommen, wie so ein leuchtender Klops liegt sie da neben dem Harald-Glöckler-Geschäft. In der U-Bahn Richtung Kreuzberg läuft Flüssigkeit durch den Waggon, einmal von vorne bis nach ganz hinten durch und keiner weiß, wo sie herkommt, aber alle schauen interessiert, halb angeekelt, halb stolz, weil sie nicht reingetreten sind. Und derjenige, der die Idee hatte mit dieser verschiedenfarbigen Fernsehturmbeleuchtung, denke ich, der hätte lieber etwas anderes tun sollen, man muss ja nicht alles ernstnehmen, was einem so einfällt. Von der Decke im Theater fielen Federn auf Berg und Ulmen, aber keine einzige verfing sich in einer Frisur, das habe ich mir gemerkt. Nachts um halb elf ist der Februarwind in Kreuzberg genau so, wie man ihn sich vorstellt. Der Sichelmond auch. Brainy brainy brainy.

Nach oben hin abschließen

Linienstraße

Man muss Glück haben und ein bisschen die Augen offen halten, man muss vor allem den Blick mal heben, um überhaupt wahrnehmen zu können, was passiert, was vorbeifliegt, wie stark der Wind weht, was man aushält, was nicht, wie man sich hineinstellt und was man nicht schaffen kann. Mit Mut hat auch zu tun, sich nicht auf dem Boden einzurollen und dort abzuwarten, weil jedes Gewitter irgendwann vorbeigeht, vorausgesetzt es ist ein Gewitter und kein Ozean und man hat sich irgendwo vertan, aber nicht nur mit Mut, sondern auch mit Verantwortung hat zu tun, sich selbst langsam aufzurichten, auch wenn’s einem in den Kragen und die Ärmel und den Stiefelschaft und die Nase (ja, manchmal regnet es sogar von unten) und sowieso überall hinein regnet, wo man nicht gut aufgepasst hat oder wo man gar nicht aufpassen kann, mit Verantwortung, weil niemand kommen wird, der das für einen macht, also das Aufrollen, meine ich, das Losgehen, den Blick zu heben, da kann keiner kommen und dich ziehen (denn man kann sehr wohl mit gesenktem Blick gezogen werden, aber dann hat man den Sinn dieser Bewegung verpasst), also kommen schon und es vormachen auch, aber die Sache an sich wird erst wirksam, wenn du dich selbst Wirbel für Wirbel wieder hinstellst oder zumindest hinsetzt, hinsetzen ist auch gut, um nicht umzufallen, wenn einem schwindelig ist, hinsetzen ist super, aber gucken musst du selbst und wenn du jetzt nicht gucken kannst, dann musst du dich zum Teufel nochmal im Sitzen ausschlafen, das ist in Ordnung, manchmal bietet man im Sitzen auch weniger Angriffsfläche, auch eine gute Strategie zumindest für den Übergang, aber irgendwann wirst du dich unterstellen, du wirst dich an die Hauswand drücken und dort in Richtung Tür laufen, du wirst die Schultern hochziehen und so lange laufen, bis die Tür kommt, scheiß auf den Regen und den Sturm und die herunterfliegenden Blumentöpfe, naja, vielleicht scheiß nicht drauf, aber schau halt hin, nur dann kannst du ausweichen, und die Tür kommt, ich versprech’s dir. Die Tür kommt. Und du musst sie nur noch selbst aufmachen und auch wieder schließen. Bedachung ist so ein gutes Wort.

afmæli

Warnemünde

Es gibt jetzt Seminare, in denen man lernen soll, auf sein Leben zurückzublicken. In denen man seine eigene Trauerrede schreiben soll, um lernen wertzuschätzen, was man hat und die eigenen Prioritäten zu überprüfen, Führungskräfte bekommen diese Seminare bezahlt, Kurse, Workshops, Coachings, da soll man dann rausgehen mit einem inneren Post-it. Vielleicht würde ich besser werden in diesen Tagen vor deinem Geburtstag, wenn ich so ein Seminar einmal besuchen würde, vielleicht könnte ich dann deinen Geburtstag, den du nicht mehr erlebst, würdevoller verbringen, vielleicht würde ich dann diesen Text auch tippen, ohne mir zu überlegen, ob da draußen jemand sitzt und verächtlich schaut beim Lesen dieses Textes und denkt „Oh Gott, jetzt schreibt sie das auch noch ins Internet, soll sie doch in ein Coping Coaching gehen“ und dann zum nächsten Blog schlurft, um wieder verächtlich zu schauen und trotzdem weiter zu lesen (ich brauche übrigens kein Coping Coaching, ist lieb, aber grundsätzlich ist hier alles in Ordnung, wirklich, trotz Blog und Trauertag, kaum zu glauben, hm?), vielleicht könnte ich dann irgendwie gerader einen Text über den Abschied schreiben, so wie ich es jedes Jahr mache, aber eben nicht wirklich gerade, weil ich glaube, dass das schon Sinn macht, sich nicht einzugraben mit Trauer und Abschied und dem, was man eigentlich so fühlt, wenn wieder der Tag im Kalender kommt, an dem jemand geboren wurde, der nicht mehr lebt, ich könnte vielleicht einen besseren Text schreiben, einen euphorischeren Text, aber wo ist denn die Euphorie an dem Tag, ich weiß, ich stelle mir diese Frage jedes Jahr kurz vorher („Wo ist die Euphorie?“), es ist kaum ein Jahr vergangen, in dem ich das mal vergessen habe, wo ist denn nur diese scheiß Euphorie, die die Menschen in den Filmen immer milde lächeln lässt und Kerzen anzünden und dann ohne zu zittern oder noch einmal von vorne anfangen zu müssen weise Worte sagen, (wo ist sie denn bitte?), und ich meine gar nicht das laute Juchzen und Schreien, das man so im Kopf hat, wenn man an Euphorie denkt, ich meine die leise, kleine Euphorie vom Berggipfel, genau die suche ich jedes Jahr in den Tagen davor wie ein Staubsauger, der auf das rumpelige Geräusch im Rohr wartet, aber es rumpelt nichts, es bleibt einfach ganz still. Und dann frage ich mich auch in den Tagen vor deinem Geburtstag, wo der Abstand ist, mein schöner, sorgfältig gekachelter Abstand, meine Distanz aus mittlerweile 30 Jahren hier herumstehen, wo ist der ganze Krempel denn, wenn man ihn braucht, jedes Jahr wieder ist in den Tagen vor deinem Geburtstag alles leer gefegt, nichts steht herum, nicht einmal ich, es gibt keinen Boden und keine Türklinken und ich glaube, dieses Jahr habe ich zum ersten Mal begriffen, dass es so ist, wenn sich alles zusammenreißt, also wortwörtlich. Sich in sich zusammen faltet, um Platz zu machen, denn die Frage nach der Euphorie ist ja eigentlich nur eine nach einem Geländer, an dem man sich festhalten will, die Frage nach dem Abstand ist ja eigentlich nur der Wunsch nach sicherer Entfernung, aus der heraus man einen Überblick bekommt, und was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass der Platz ja was gutes ist. Es ist gut, dass es kein Ersatzgefühl gibt für dich. Dass ich spüre, dass es nichts alltägliches ist, dass ich jetzt älter bin, als du jemals werden durftest. Dass ich mich frage, wie du gewesen und geworden wärst. Es ist gut, dass alle Kommoden und Einrichtungsgegenstände, die man sich so antrainiert, noch flexibel sind und wegrutschen, damit ich Platz habe und damit du Platz hast, weil das eben Platz braucht, meine Güte. Es gehört dazu, jedes Jahr, so ein Text, so ein Text für dich und für mich und für die, die da sitzen und genau wissen, wovon ich schreibe, also nicht für die mit den verächtlichen Stirnfalten (die dürfen eh gerne gehen, da vorne ist die Tür, ja, gleich an dem Platz da vorbei, bitte zumachen, vielen Dank), sondern die, die hier lesen und wissen und nicken und dann den Browser schließen und ihr Bett zurechtrücken, weil sich das auch bei ihnen mindestens einmal im Jahr ein Stückchen zur Seite schiebt ganz von allein. Es ist nun einmal ein trauriger Umstand mit so vielen Fragen, die man in den Wald hineinbrüllen könnte, wenn es auch nur irgendeinen Sinn machen würde, und mittlerweile weiß ich aber, dass an deinem Geburtstag meistens etwas Gutes passiert, das hat sich so eingebürgert, zumindest der Blick auf die Dinge an dem Tag, dass ich auch erkenne, was gut ist, also immer noch und ohne dich hier vor Ort und vielleicht ist es auch das, was sie in den Filmen eigentlich immer zeigen wollen, aber nicht hinkriegen, weil man rennt ja trotzdem nicht den ganzen Tag grinsend durch die Welt, das ist ja Käse, aber der Platz, den die Tage vorher um einen herum geschaffen haben, der kriecht dann durch das Mittelohr nach innen, tief hinein und wenn man irgendwann weiß, was das ist, das Gefühl davon, wenn man sich drauf vorbereitet, dann kann man sich zwischendurch auch freuen dann, nicht euphorisch und so seltsam friedlebend beglückt (weil in dem Umstand, dass du nicht mehr da bist, einfach kein Glück steckt, das ist nun mal so, vermissen ist scheiße), aber wissend, dass du da warst. Das ist etwas Gutes.

Measuring your worth in weekends

A27

Im ersten Moment verwechsle ich den Mond neben der Kirche mit einer Laterne, pathetic shit, movie quote, aber es ist wirklich so und ich muss lachen, weil es so albern ist, wirklich lachen, irgendwo da zwischen Bahnhof und Kirche, nur kurz, nicht laut, aber mehr als Lächeln, (reicht das?), auch movie quote, am Tag hat jemand geräumt, also den Weg meine ich. Mit jedem Schritt sinkt der Mond tiefer in den Baum, die Obeliskfenster leuchten abends orange und Trauer liegt grünblau an den Schläfen. „Alchemillas, or something that smells nice.“ Eine Lissabonkarte von 1898 in der Tasche, den Eingang zum Kino vergesse ich immer wieder, würde man mir nicht helfen, käme ich zu spät, würde ich drei Runden um den Block laufen, die Augen an jedes Neonschild geklebt, nur weil ich hier nicht so oft bin, die andere Ecke Neukölln, die Augen auch auf alle Schuhspitzen geklebt, Wackelaugen. Manchmal bekommt man die letzte Kinokarte, das letzte Bier, den letzten Platz. Licht aus, Birdman: „You’re doing this because you’re scared to death, like the rest of us, that you don’t matter. And you know what? You’re right.“ – (No movie quote, but still: „See, how light that feels.“)

It kind of just looks like standing

Ist da wer

Der Security-Mann am Eingang der Drogerie sieht aus, als gäbe es keinen schlimmeren Job für ihn. Nicht weil er schmächtig ist, das ist er nicht, er ist nicht riesig, aber schmächtig ist er nicht, er faltet die Hände vor seinem Schritt, vielleicht lernt man das so in der Ausbildung, aber jedes Mal, wenn sich die Automatiktür des Eingangs öffnet und wieder schließt, erschrickt er beinahe, schaut mit leicht nach unten geneigtem Kopf, ob jemand kommt oder ob nur mal wieder einer zu nah vorbeigelaufen ist, er traut sich kaum hinzusehen, tut es aber doch bei jeder Bewegung der Tür, seine Finger verschiebt er nervös immer wieder ineinander, er sieht aus, als hätte er schon eine Weile nicht gut geschlafen, als gäbe es auch einen guten Grund dafür, als wäre er wirklich lieber woanders, als wolle er nach Hause, als habe er Angst und als jemand einen Metallkorb krachend in den Turm aus vielen anderen Metallkörben fallenlässt, dreht er sich kurz um, mit dem Rücken zur Beobachtungszone, vermutlich darf er das nicht, denn er tut es nur ganz kurz und sieht aus, als lehne er seinen Kopf an eine imaginäre Wand, er schließt die Augen, beugt sich leicht nach vorne, lässt kurz die Schultern entspannt nach unten fallen, die Hände ebenfalls und zieht sie dann nach drei Sekunden wieder nach oben, der Kopf rollt zurück in seine vorläufige Parkposition, die Augen wie Blinker auf irgendetwas gerichtet, das heute den Laden hoffentlich nicht mehr betritt.