Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Fiskislóð

Schnappatmung ist eine dieser Gefährtinnen, denen man eine Beschäftigung geben oder sie einmal ordentlich anbrüllen muss, damit sie für eine Weile die Klappe halten. Oder man legt ihr etwas vor die Nase, bei dem sie gar nicht anders kann als still zu sein und zu starren. So funktioniert das in Island. Da setzt man mich hinein und ich habe keine Angst mehr, vor nichts. Ich habe auch keine Wut mehr. Ich habe auch nicht diese Euphorie, die einem gefährlich werden kann, weil sie einem aus dem Hals springt, wenn man die Lippen nicht mit aller Kraft aufeinander presst. Ich habe nichts davon, aber eine Ruhe, die sich wie eine Wärmflasche in meinen Hinterkopf legt und leise plätschert. Ich lese nicht, wenn ich in Island bin. Ich summe nicht. Aber ich gucke die ganze Zeit und existiere einfach vor mich hin. Ich kann mir nicht vorstellen, das für den Rest meines Lebens zu tun, aber in Ausschnitten. Man verliert auch die Neugier, wenn man ein paar Kurven existiert, man klebt nicht mehr an der Scheibe, sondern lehnt sich zurück und alle Farben rieseln so nach und nach hinein. Erst in den Fußraum, dann in das kleine Fach neben der Gangschaltung, später zwischen die Finger und in die Löcher der Kopfstützen. Irgendjemand hat hinten neben den Strommasten einen riesigen Penis in den Schnee gemalt. Hier kommen nicht viele vorbei, aber ich frage mich, was für ein Hirn das sein muss, das hier im Nirgendwo einem Menschen befiehlt, den Umriss eines Geschlechtsteils in den Schnee zu kratzen, damit sich der nächste Schneefuchs doch bitte daran erinnere. Weiter hinten, das nächste Haus steht in 20 Minuten Autofahrt entfernt, steht auch noch das Wort „tits“ im Schnee geschrieben. Die Raben plärren in das Tal hinein, als hätte ihnen jemand einen Wecker gestellt.

Ich rede nicht viel, wenn ich in Island bin. Weil’s da ja nichts zu reden gibt, wenn sich die Landschaft um einen herumlegt wie eine riesige Hand. Weil’s am Ufer der Meerenge keine Erklärungen braucht. Weil man nichts beschreiben muss, wenn jeder alles sehen kann. Weil man nicht reden muss, wenn. Die Schollen knistern zurück, ich habe gar nichts gefragt. Der Schnee weht von den Bergspitzen auf das riesige weiße Laken. Der Wind macht jedes Wort unhörbar, sobald man die Tür öffnet, und schiebt den Schnee über die Fahrbahn wie ein Déjà-vu. Unter den Dächern hängen angefrorene Schneekissen, die jeden Moment ohne Plan jemanden erschlagen könnten. Ein Hund schlittert übers Eis. Das Blau zwischen dem Weiß der Wolken und dem Weiß des Schnees, der auf dem zugefrorenen See liegt, greift direkt in einen hinein, sodass man sich beim Spurenlesen verzettelt. Als wir das Fenster öffnen da draußen zwischen den Tannen hören wir alles, vor allem aber hören wir nichts.

Antrag auf Verlängerung

„Dieses Gefühl ist bei uns nicht gemeldet.“
– „Ich weiß, aber es verschwindet nicht und ich dachte, ich frage mal, ob Sie vielleicht wissen…“
„Ich? Woher soll ich das denn wissen? Aber warten Sie, lassen Sie mich mal nachschauen.“
– „Was schauen Sie denn?“
„Na, wie wir das kategorisieren können. Sonst gibt’s keinen Antrag.“
– „Antrag?“
„Na auf Einbürgerung.“
– „Äh.“
„Oder isset nur auf Urlaub?“
– „Ich weiß nicht so recht. Gerade sieht es nicht so aus. Es hat schon seine Sachen ausgepackt, die liegen überall rum.“
„Ah ja, dit hilft ja schon mal. Sonst habense keine weiteren Hintergrundinformationen?“
– „Nicht so wirklich.
„Glaubense, dit is Wut?“
– „Manchmal.“
„Manchmal manchmal, ’n Formular für manchmal ham wa leider nich.“
– „Entschuldigung. Vielleicht gehen wir dann doch einfach besser wieder.“
„Nee nee, jetzt hauense ma nich ab, das Gefühl bleibt hier schön sitzen, wir haben uns das ja noch gar nicht genau angesehen.“
– „Okay.“
„Hat auch wat von Traurigkeit. Guckense ma.“
– „Schon.“
„Jetzt guckense halt hin.“
– „ICH GUCK DOCH, ICH MACHE NICHTS ANDERES DEN GANZEN TAG.“
„Nun werdense ma nich frech. Ich glaube, dat is Gefühl 47b.“
– „Kann das was?“
„Na sagen wa ma so. Wenn dat übermorgen noch da is, müssense nochmal kommen. Ansonsten erledigt sich das von selbst.“
– „Aber wieso sollte es gerade jetzt verschw-“
„Ich würde mal sagen, ich schicke Sie jetzt damit zu meiner Kollegin, die kann Ihnen bestimmt helfen, 47b ist nun wirklich nicht meine Abteilung, dafür bin ich nicht zuständig. Alles Changierende machen Sie bitte mit meiner Kollegin aus.“
– „Aber die hat mich doch zu Ihnen gesch-“
„Die Nächste bitte.“

Was man in Trauer lernt: Gefühlsbürokratie aushalten.

Cabin Service

Das Flugzeug fährt langsam an gefrorenem Gras vorbei, hellgraue Fasern vor Schwarz, dazwischen ein wenig besprenkeltes Beige der Start- und Landebahn. Am Tage lief eine Maus zwischen den Cafétischbeinen umher und die Menschen, die sie bemerkten, die quiekten nicht, wie sie es in den Filmen immer tun, die schauten nur und streckten sich unter die Tische, um sie besser betrachten zu können, ein älterer Herr winkte ihr freundlich zu. Da tobte draußen gerade der Winter und bog die Äste und pustete feuchten Schnee auf die Fensterbretter. Die Lichter der Stadt sind schon weit entfernt, man kann nur die Scheinwerfer des Flugzeugs erkennen, die den Weg leuchten. Ich halte Ausschau nach kleinen Mäuseaugen. Dann folgen die Vibration, der schiefe Horizont, der Druck hinter der Stirn, und dann kann man die Lichter doch wieder sehen. Ich flieg ja so gern, seitdem die Panik weg ist. Am liebsten nachts. Auch wenn es immer ein bisschen zu warm ist. Glühwürmchenstädte. Das sanfte flackernde Schwarz. Das Brummen, an das man sich nach ein paar Minuten schon gewöhnt hat. Hier oben kann ich auf der Stelle schreiben. Briefe, Verträge, Abhandlungen, es ist ganz gleich, was du mir aufträgst, aber hier oben, nachts, da geht’s. In diesem verdrehten Licht, in dem die Menschen schlafen. Ich versuche, ihnen nicht zuzusehen dabei, es sei denn, es sind Babies, die wissen nämlich von nichts, also noch. Ich selbst lasse mir auch nicht gern beim Schlafen zusehen, deswegen drehe ich mich, wenn ich die Möglichkeit habe, auf den Bauch, der Welt den Rücken kehren, man kann sehr viele Texte über die Bauchlage schreiben, gerade nachts in Flugzeugen, wenn einen niemand anniest oder anspricht oder anexistiert. Es kann passieren, dass man mit Kopfkissenstreifen im Gesicht aufwacht, also nach der Bauchlage, seltener nach dem Flugzeug, dann braucht das Gesicht meistens eine halbe bis Stunde, um sich in seine ursprüngliche Form zurück zu plustern. Also würde der Tag sich langsam darin ausbreiten, sich Platz verschaffen, den er in der Nacht nicht brauchte. Nachts im Flugzeug bin ich eine sehr gute Beraterin für alle Lebenslagen und Fragen, die eventuell aufkommen, ich stehe jedem zur Seite, der hier oben nicht fragt, es liegt ja auch alles ausgebreitet unter uns herum. Nur das Essen und die Getränke werden in zu kleinen Gefäßen gereicht, die bei ein paar Turbulenzen schon aufgeben und ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Der Rest wird auf die wesentliche Winzigkeit herunter komprimiert. Sitz, Tasche, Fenster, Ablage. Alles ist kipp- und verschließbar und die Literatur besteht aus einer Anleitung zum Überleben. Du kannst mich alles fragen hier oben und ich finde eine passende Antwort, denn wir hier oben haben nichts zu verlieren. Die Leute irren sich gewöhnlich in der Annahme, es sei gefährlich nachts im Flugzeug. Wir hier oben sehen, wie die Welt zugrunde geht. Es werden Chipstüten mit 15 Gramm Inhalt gereicht. Vorne drauf das Foto eines Piloten, der auch eine Pilotin sein könnte, das ist das Gute am Dämmerlicht, außerdem zu sehen sind ein kleiner Hund und ein Segelflugzeug. Irgendwann werden sie die Kartoffelscheiben einzeln laminieren, weil sich irgendjemand nicht die Finger schmutzig machen will an frittiertem Gemüse irgendwo über dem Ozean.

Schmiege

Die eigene Vermessung mit dem Maßband, das mit dem Laufe der Zeit kein Maßband bleibt, das wäre ja ganz gut, wenn der Maßstab derselbe bliebe, die Entfernungen genau so, wie man sie in Erinnerung hatte in den frühen Tagen, wenn man sich auf das Augenmaß verlassen könnte. Aber das Augenmaß wächst mit. Und das Maßband ist nicht genau, das hatte Großvater schon immer gesagt und es dennoch mitgebracht, wenn es etwas zu tun gab. Meiner Meinung nach brachte er es nur mit, um es neben den Zollstock legen und sagen zu können: „Das Maßband ist nicht genau, das Plastik verformt sich mit der Zeit, das Holz ist viel besser, viel viel besser.“ Ich stellte seine Aussage jedes Mal in Frage, das habe ich ihm nie gesagt, das hätte die Situation nicht vorangebracht, das Messen nicht und das Aufschreiben der Zahlen nicht, wir hätten jede einzelne Einheit nachprüfen müssen, um etwas zu beweisen, das vielleicht gar nicht zu beweisen war. Jedenfalls brachte er das Band immer nur mit, um den Meterstab aufzuwerten. Das machen ja viele so, sich etwas zur Seite holen, um größer zu wirken oder klüger oder all das, meistens etwas, das in ihren Augen an das Eigene nicht heranreicht, obwohl klar ist, dass die Argumentation so einfach ja nun nicht funktioniert, wenn man genau bleiben will, und damit hat die Begründung ja meistens zu tun. Choose your battles, choose your metrics. Und vielleicht sind bewegliche Einheiten gar nicht so schlecht, vielleicht werden die Kurven so sanfter und die Umfänge und die Ansprüche. Ich habe mich eh in den letzen Jahren, vor allem an ihren Enden gefragt, ob man sich wirklich vermessen muss, um sich verorten zu können. Mit den Spiegeln habe ich ja schon aufgehört seit ein paar Jahren, das ist jetzt keine gewaltsame Einheit mehr, ich habe die Richtung der Rechnung umgedreht, das hat funktioniert, jedenfalls im Groben. Aber auch die Listen, die die Menschen führen, geschafft und nicht geschafft, erreicht und nicht erreicht, bewerten Sie auf einer Skala von eins bis zehn die Fähigkeit dieses Menschen, sich einzupassen/zusammenzureißen/durchzusetzen/bemerkbar zu machen, legen Sie die Ereignisse des letzten Jahres in eine sinnvolle Reihenfolge, dabei hat ja auch Sinn seine natürlichen Grenzen. Der Mensch will immer noch was, oder das bereits Bestehende polieren. Ich denk ja immer: einfach so behalten wäre schon schön. Was so anstrengend ist, ist die Genauigkeit, ich spüre, wie mich Präzision ermüdet und es doch nichts Schöneres gibt, wenn man sie angemessen findet, am schönsten ist Präzision, wenn man gar nicht merkt, dass man präzise ist, weil man ja meistens präzise ist, wenn man richtig liegt, dann ist es auch nicht anstrengend, also auf dem Bauch, ein Bein angewinkelt, die Hände im Kaktus. Kakteen sind ausdauernde Sträucher. Jeden Dorn einzeln mit dem Lineal. Sieben Zentimeter, fünf Zentimeter, acht Komma fünf Zentimeter. Augenmaß und Bleistift. Alle anderen morgen.

Mikrostrabismus

Früher erzählte man uns, dass, wenn man schielt und einen dann jemand erschreckt, die Augen so stehen bleiben. Und ich dachte immer, das ist doch gar nicht so schlimm. Weil ich seit meiner Geburt ein Auge habe, das ein wenig träge ist und ganz von allein in die erschrockene Position rutscht, wenn es müde wird. Man kann es also gar nicht mehr erschrecken. Jedenfalls nicht so, dass es etwas ändern würde. So ging der Sommer vorbei. Mit einem Schreck. Wenn etwas passiert und man deswegen aufstampft oder stolpert oder irgendwo dagegen rennt, dann zittert einem nicht nur die Augenhaut, sondern alle Dinge im Umkreis von ungefähr einem Meter. Die springen minimal in die Luft, nur einen Millimeter. Manche von ihnen landen dann an genau jenem Ort, an dem sie vorher standen. Andere tun das nicht. Wenn man sich beruhigt hat und dann noch genug Kapazität, dann kann man das mit etwas Mühe sehen, auch mit einem trägen Auge. Dass manches nicht mehr da steht, wo es mal stand. Häufig ist es einem dann ein bisschen egal, ob das nun gut aussieht oder nicht. Häufig stellt man sich nicht einmal diese Frage, weil man sehr damit beschäftigt ist, Bescheid zu sagen, Anträge auszufüllen, sich das Zwerchfell zu bügeln, jemanden ins Bett zu bringen, Essen zu machen, die Fassung zu suchen, weil die wichtig ist für die Beleuchtung der ganzen Sache, (man sieht ja sonst nix), Listen zu schreiben. Man merkt erst später, was alles anders ist. Es kann sein, dass man zwischendurch aber ein wenig Zeit findet, um sich zu wundern. Zum Beispiel über Menschen, die einem sagen, man hätte sich gar nicht verändert, und einen gar nicht anschauen dabei und das Besteck die ganze Zeit nicht aus der Hand legen. Besteck ist schön, aber meistens keine Hilfe. Besteck ist bei Umarmungen wirklich häufig im Weg.

Apoplex

Wir rechnen jetzt in guten und in schlechten Tagen, wir drehen die Kalenderblätter um und beschriften sie neu. Wir schreiben auf, wie man Kaffee macht, und hängen den Zettel neben die Maschine. Eigentlich schreiben wir auf, wie man alles macht, und wenn nicht auf Zettel, dann eben von innen an den Kopf. Wir zerlegen den Alltag in kleine Happen und schauen, was reingeht und was eben nicht. Wir nehmen alles in die Hand, sehen es an, legen es wieder weg und machen genau diesen Handgriff erneut. Gemeinsam laufen wir mehrfach in der Wohnung auf und ab, er sagt: „Ich muss ja sehen, was ich habe. Was es so gibt. Um mich zu orientieren.“ An den guten Tagen lesen sich die Schilder flüssig. So halbwegs. An den schlechten Tagen bringen die Buchstaben nichts. Dann steht er da und der Alltag fällt auseinander, all die Happen überall, das verwirrt ihn. Er bleibt dann sitzen. Verläuft sich. Wartet ab. Hört auf zu probieren. Sein Gesicht ist kleiner geworden, sein Radius geschrumpft. An den schlechten Tagen sind die Buchstaben zu viel, und die Geräusche von draußen und die Luft, vor allem die kalte Luft. An den schlechten Tagen machen wir die Fenster zu und holen alle Decken raus. Dann sitzen wir und erzählen ein bisschen, aber nur von den Dingen, über die man sich nicht ärgern kann: Vögel und Rosenkohl. Spatzen kann man nie böse sein. „Alles sieht sieht immer wieder ganz anders aus“, sagt er.

Nicht weniger als das

Auf dem Weg zum Wahllokal muss ich erst am Berlin-Marathon vorbei. Die Menschen sind nass, irgendwas zwischen Regen und Schweiß, die Luft ist feucht. Am Rand stehen ein paar Zuschauer. Und wie jedes Mal versuche ich auf dem Weg zum Wahllokal alles wahrzunehmen, den Moment zu nutzen, um nicht nur nebenbei oder routiniert über Privilegien und Errungenschaften nachzudenken, darüber, wie ich mir die Zukunft wünsche, und mit mir wünschen meine ich vor allem, wie ich sie mir vorstelle, eben nicht nur für mich. Und dann warte ich am Straßenrand, während die Menschen vorbei japsen, und man könnte auch das jetzt noch einmal von schräg oben betrachten und direkt ein Symbol daraus machen, aber es ist nicht das Schlechteste, kurz vor dem Wählen noch einmal ein paar Menschen zu sehen, ganz unterschiedliche, und wie sie miteinander vorwärts laufen, während andere am Rand stehen und ihnen Getränke hinhalten, sie umarmen oder anfeuern. Der Rest von Kreuzberg liegt verschlafen in der Gegend herum, das kleine Hinweisschild vor dem Wahllokal ist voller Matsch. Im Hinterhof dann Holzstufen, die nach unten ins Souterrain führen, ein Mensch vom polnischen Radio fängt jene ab, die schon gewählt haben und fragt sie, warum das ein besonderer Tag für Deutschland ist. Daneben warten zwei, Kinder springen herum, man lächelt einander an. Der ältere Herr vor mir beobachtet ganz genau, wer so kommt, und freut sich, tippelt ungeduldig vom einen Bein aufs andere, beginnt Gespräche mit den Wartenden. „Es ist doch so toll, dass wir wählen können“, sagt er und ich wehre mich nicht gegen Gänsehaut. Er bedankt sich auch bei den Wahlhelfern, bei jedem einzelnen, für die Unterstützung. Über dem Eingang zum Wahllokal hängt eine tropfende Girlande aus Wimpeln, eher aus Versehen, drinnen die Berlin-, Deutschland- und Europaflagge.

Am Morgen schickte mir meine Mutter ein Foto, ich bin ungefähr 3 Jahre alt, sie müsste demnach auf dem Bild 21 Jahre alt sein. Und sie hätte dieses Bild von uns beiden an keinem besseren Tag als heute schicken können, weil wir uns nicht nur an Wahltagen beieinander bedanken, fürs Dasein, fürs Durchhalten, aber dann eben auch. Meine Familie lebte in der DDR, ich glücklicherweise nur fünf Jahre lang, eingeschult wurde ich erst nach der Wende. Aber die Repression und Gewalt dieses Staates hatten einen großen Einfluss auf unser Leben, manche Traumata aus dieser Zeit halten bis heute. Ich wünsche uns eine Zukunft, in der Demokratie und Freiheit, Solidarität und Diversität, Respekt, Unterstützung und Solidarität eine große Rolle spielen, eine Zukunft, in der wir anerkennen, was wir haben, und es mit denen teilen, die nicht so privilegiert sind, eine Gesellschaft, in der jeder lieben und leben darf, wen und wie er oder sie will, in der wir integrieren statt auszusortieren, in der wir mit Unterstützung agieren statt Ängste zu schüren, in der wir Kompromisse finden statt zynisch und hart zu werden. Ich wünsche uns eine Gesellschaft, in der wir – statt unsere Hornhaut zu trainieren – weich miteinander bleiben.

Está de esperanças

Im Dunkeln losfliegen und im Dunkeln ankommen ist, als würde man Fahrstuhl fahren. Oder Rohrpost. Sich einfach in einen Karton setzen und dann fliegen ein paar Lichter vorbei und man kommt ganz woanders wieder raus. Dort, wo die Luft sofort feuchter ist, der Wind legt einem sofort diesen Film ins Haar, der sagt, du bist hier nicht zu Hause, aber manchmal wärst du es gern, man könnte ja mal überlegen, aber jetzt schau erst einmal. In einem ganz fremden Städten ankommen ist auch, als verließe man nach einem Film das Kino, weil man plötzlich wieder hinsieht. Als hätte jeder Schritt eine Bedeutung. Dabei sind die Farben ja auch nur dieselben an einem neuen Ort. Fahrtkartenautomaten finden, Bahnen finden und in der Bahn dann irgendwann die Musik von den Ohren nehmen, um hinzuhören. Portugiesisch klingt immer so, als könne nichts passieren. Bolhao aussteigen und den Weg gleich finden, aber langsam gehen, an dem blau gekachelten Eckhaus und den vielen dunklen Schaufenstern vorbei, die in den nächsten Tagen zur Gewohnheit gehören werden. Man sucht sich ja schnell seine Fixpunkte, wenn man neu ist. Das ist der Bäcker, das ist der Eingang zu U-Bahn, das ist das Parkhaus, hier muss ich abbiegen. Und am nächsten Tag erkennt man alles wieder. Am dritten Tag denkt man schon nicht mehr drüber nach und wenn doch, dann nur als „Kenn ich, kenn ich, kenn ich“. Die Schienen scheinen hier in höheren Tönen zu quietschen, die Schrift trägt Akzente. Über dem Abendessen schweben Fledermäuse. Das Licht ist ständig orange.

Am Hafen auf der anderen Seite sitzen, Portwein trinken und dann spielt der Mann mit der Trompete leider Despacito.

Am letzten Tag des Augusts steigen wir ins Auto und fahren in den Süden. Beim Aussteigen sieht man nur Sand, ein paar Sonnenhüte und ein, zwei aufgestellte Mülleimer, sonst nichts. Dem Rauschen entgegen rennen und dann stehen bleiben und einatmen und genau wissen, dass es das ist, was man öfter haben sollte. Den Wind, und das Blau und dass es sonst nicht viel gibt. Außer einem leisen Hallo seit dem letzten Jahr und einer Träne. Das Meer ist kein anderes, aber wir sind es. Später im Wind schlafen.

Es gibt manche Sachen, die sind allein schöner. Und manche, die macht man besser zu zweit.

Am Stadtstrand stehen die Möwen auf dem Sand wie eine Armee, eine durcheinander gewürfelte. Sie stehen und schauen und irgendwann kommt der kleine Junge und will sie erschrecken, rennt mitten hinein, aber die wenigsten fliegen auf, die meisten machen nur ein, zwei Schritte zur Seite. Da muss schon was Größeres kommen.

„Wer nie wütend wird, kann sich nicht aktualisieren“, sagt Dr. Maschke in „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Das Buch mit Blick aufs Meer lesen, also ganz zu Ende, und immer laut lachen und später weinen und es sofort auf Papier vorbestellen, weil es eines dieser Bücher ist, die man besitzen möchte, um immer wieder nachzusehen, sich zu vergewissern, es anderen zu zeigen oder vorzulesen, wenn es wichtig wird.

In der Casa de Música von Antonín Dvorák überrollt werden, fast wie vom Meer und nicht selbst hindurch tauchen, sondern sich untertauchen lassen. Einfach nichts tun und warten, was passiert. Der ältere, englische Herr neben mir schläft nach ein paar Takten ein, die Hände ordentlich auf der Anzughose abgelegt, aber später dann wacht er wieder auf und seine Unterarme zucken mit. Manch einer würde tanzen, ihn ergreift es so sehr, dass er nicht still sitzen kann, doch seine Miene verzieht sich nicht eine Sekunde.

Es sind die kleinen Rotunden aus buntem Glas, die auf manchen zerfallenen, zumindest alten Häusern sitzen wie verloren gegangene Hüte. Die einen überraschen, weil sie wie aus einer anderen Zeit gefallen immer noch dort herumliegen. Als würde gleich jemand mit großem Namen oder zumindest einer Aufgabe, mit einem Thema im Hirn darin herumlaufen oder zumindest so stehen, dass sein Kopf durch das bunte Glas zu sehen ist. Denn wer eine Aufgabe hat, der muss in die Ferne sehen, manchmal nur für einen Moment, auf jeden Fall tut ein Ausblick gut, wenn man noch etwas vorhat mit sich und der Welt, man kommt so der Lösung häufig näher.

Das Grinsen des alten Mannes, der nicht etwa die Welt, sondern vor allem sich selbst in der Scheibe des Bäckers ansieht. Wie die Menschen an beiden Ampeln an der Kreuzung immer den Knopf suchen, der sich aber etwas weiter weg hinter der Laterne versteckt, und aus Ungeduld dann immer bei Rot gehen, weil er ihnen zu weit weg ist. Wie die Wolken in Streifen die Dächer verbinden wie Wäscheleinen. Das Knattern der Flugzeuge, die gerade Kunststücke über dem Douro fliegen. Der Singsang der Dame, die am Nebentisch über die Handymusik ihres Sitznachbarn einfach hinweg trompetet.

Die großen Wahrheiten im Halbschatten erörtern. Was uns umgibt, ist weiches Gebrüll. Seit wir da sind, liegt diese traurige Banane auf der Mauer neben dem Apartment, auch noch am letzten Tag.

Weird fishes

„Die Dunkelheit im August ist die schönste aller Dunkelheiten. Sie ist nicht hell und offen wie die Dunkelheit im Juni, nicht so voller Möglichkeiten, aber auch nicht so verschlossen und abgeschottet wie die Dunkelheit im Herbst oder Winter. Das Vergangene, das Frühjahr und der Sommer, steht in der August-Dunkelheit noch immer offen, während man in das Künftige, den Herbst und den Winter, schon hineinsehen kann, und doch ist man noch kein Teil davon.“ (Karl Ove Knausgård)

Über zwanzig Jahre habe sie für ihn gearbeitet, sagt sie, während sie die Blumen einzeln aus dem Strauß im Eimer zupft und die Stiele in ihrer Hand neu arrangiert, er sei krank gewesen, die letzten zwei Jahre habe sie bei ihm gewohnt. Im Gästezimmer, gleich hier ein paar Straßen weiter. Nun sei er einfach gestorben. Eigentlich habe sie ja ihre kleine Wohnung in Marienfelde, die hat sie nicht aufgegeben, immer mal sei sie zurück zum Blumengießen. Aber sogar übernachtet habe sie hier, man habe ihn ja nicht mehr allein lassen können. Mittags habe sie den Blumenladen abgeschlossen, um ihm etwas zu kochen und abends natürlich. Bei ihr zu Hause sei es so still jetzt, sie müsse sich erst einmal wieder einleben. Wenigstens habe sie das Auto noch. Und der Kioskbesitzer, von dem habe sie sich eben Fotos vom Handy abfotografiert. Von ihr und ihrem Chef. Erst vor ein paar Tagen habe er die von den beiden gemacht, da hat er noch gelebt. Sie könne ja nicht einfach in seinen Schubladen wühlen da oben in der Wohnung, sowas mache sie nicht. Aber die Bilder seien schön, was zu haben, was man angucken kann, das sei ja wichtig. Andenken. Dass immer alle krank werden, sagt sie und seufzt. Auf das Papier für die Blumen sind Rosen gedruckt. Dann setzt sie sich wieder nach draußen, der Spätiverkäufer wartet auf einem der beiden Plastikstühle. Dort setzt sie sich wieder hin, winkt mir noch einmal. Den Verlust sieht man den wenigsten an.

Morgens kurz nach dem Aufstehen direkt ins Becken. Das sei der beste Moment, sagt R., mit dem Kopf unter Wasser, das mache alles leer, alles frei, alles verschwunden. Ein paar Bahnen später riecht man den frisch gebrühten Kaffee über der Stadt, in der Auslage Eibrötchen mit Petersilie.

Als wir mit dem Negroni draußen sitzen, kommt die kleine Frau mit dem roten Kopftuch und der Plastikmappe vorbei. Darin Folien mit ihren Zeichnungen und Bildern. Manche mit Buntstift, eins mit Tinte, manche mit Bleistift. Bei einem Laden in der Nähe würde sie die Drucke machen lassen, ob man ihr nicht eins abkaufen wolle. Nach dem Film sitzen wir ein paar Meter weiter, wieder draußen und eine jüngere Frau kommt vorbei, sie fragt nach Geld, neben uns auch die kleine Gruppe Menschen auf der nächsten Bank. Der eine mit den weißen Turnschuhen, die aussehen, als sei die Socke schon eingenäht, steht als einziger der Gruppe, die anderen sitzen. Als die junge Frau kommt und um eine Spende bittet, schaut er sie und fragt: „Na, kannste denn was?“ Sie lächelt verlegen, schaut auf den Boden, er fragt sie, woher sie kommt, sie murmelt. Am Ende gibt er ihr etwas, aber das Unbehagen ist ihr anzusehen.

Das Meckern sei nur seine Art des sich Wunderns, sagt Opi.

Auf dem Heimweg über den Mauerstreifen und die Friedrichstraße mit Absicht langsamer fahren, weil die Wolken sich türmen, so klar und gleichzeitig ungestüm, als wäre das Meer direkt um die Ecke, diese Tage sind die schönsten in der Stadt. Diejenigen, die auf der Brücke kurz anhalten und übers Wasser schauen, aufs Bodemuseum und den Fernsehturm, die wissen’s auch. Weiter hinten drehen sich Touristen um und schauen verwundert, denn die ganze Friedrichstraße riecht nach Pferdemist.

Everybody leaves if they get the chance.

Die Nacht auf links

In dieser einen Nacht in Brandenburg unterm Himmel sitzen, die Sterne angucken und relativ genau wissen, wo man sich befindet, die eigenen Koordinaten kennen, die Maße, den Standort. Näher als früher. Wieder denken: „Ich bin jetzt älter als er, als er starb. Was hat er damals schon gewusst, und vor allem, was nicht?“ C., N. und ich stapfen nachts über diese Landstraße, links und rechts und vorne und hinten kein Licht außer der Taschenlampe, der Wald macht Geräusche wie ein nervöses Tier, und auch hier taucht nochmal ein Satz auf, den ich mit K. vor ein paar Jahren in Mitte einmal sagte, als wir aus diesem Club stolperten, die Arme ineinander verhakt, die Füße stolpernd: „Es ist noch so weit bis geradeaus.“ Das war auch so eine Nacht damals, in der man das Licht des nächsten Tages schon ahnen konnte, die Musik noch mit sich herumschleppte und in der Stille dieser frühen Stunden alles nachhallte. Jetzt setzen wir die Schritte auf Asphalt und außer uns ist sonst niemand da. Nur wir drei und irgendwann die Bahnschienen und dann die ersten Häuser des nächsten Ortes. Als wir in den Jugendherbergsbetten liegen, wird es hell und es beginnt zu regnen.

„Nur die wenigsten Geschichten verkraften die Realität“, sagt F., „deswegen ist die Kunst nicht, die Geschichte im Nachhinein der Realität anzupassen, das geht meistens schief, sondern eine Geschichte zu schreiben, die von der Realität lebt, daraus erwächst.“

Die drei älteren Herren mit der Lederhaut, gebräunt in den Tagen, an denen es nicht regnete, der kleine Strand mit Blick auf den grünen Streifen ist ihr Vorgarten, vielleicht auch eher der hinterm Haus, wo man die Nachbarn vergisst, wenn man sich nicht gerade beschwert. Sie trinken Bier. Und der eine, ich nenne ihn sofort Wolfgang innen drin, trägt seine Angel auf und ab, versucht im Abendlicht noch eine gute Stelle zu finden, steht irgendwann nachdenklich am Ufer und schaut hinüber zu dem sich langsam in der Strömung drehenden Schiff, er kneift den Po ein bisschen zusammen, bekommt kleine ledrige Grübchen, er scheint so tagelang gestanden zu haben, es gibt keine weißen Streifen, keine Kleiderüberreste. Später watet er noch tiefer ins Wasser, die Arme in die Höhe gestreckt, als hebe ihn gleich jemand heraus. Am Ufer berlinert man über Krankschreibungen und Sanitätshäuser, Terminfindungsprobleme und Arbeitslosengeld. Das Hausboot, das vorbeifährt, liegt manchmal an der Warschauer Brücke in einer anderen Galaxie.

Wir steigen aus der U-Bahn da oben im Wedding und es ist, als kotze die Stadt in genau diesem Moment alles aus sich heraus, die Sirenen, die Spucke, der tiefliegende Sommer, die vom Schweiß an der Stirn klebenden Haare, die Halbsätze, die ins Telefon gebrüllt werden, weil man sonst nichts versteht und keine Hand frei hat zum Tippen und keine Zeit, um einfach die Klappe zu halten und abzuwarten. Die Stadt im Zustand der Überforderung, in dem sie sich eingerichtet hat, dass sie gar nicht mehr weiß, wie es ist, nicht immer einen halben Schritt zu weit zu gehen. Lautstärke als Beweis, aber für was eigentlich? Im Getränkemarkt stehen von jeder Sorte immer nur zwei Flaschen im Regal, dazwischen hat man Platz gelassen, die Gänge sehen aus wie die einer Ausstellung für Limonadengeschmack 2017. Die Stirn auf dem Kronkorken in einem der Kühlschränke ablegen. Kurz überlegen, dort einzuziehen. Bis die Kasse piepst und draußen wieder irgendjemand bellt. Dann doch lieber Hinterhof und den Hinterkopf auf die Stuhllehne, den Blick nach oben, wo die schwarzen Vögel im Schwarm ihre Kreise ziehen. Wir sind jetzt in dem Alter, da reden wir über Kinder, über die, die schon da sind, die, die vielleicht noch kommen, und die, die es vielleicht niemals geben wird.

In der Seitenlage durstig erweist sich Zeit als eine Chance, die Möglichkeit der Wende auf Kurs zur scheußlichen Balance.“

231 Schnecken hat Opa aus dem Beet gesammelt, das sagt er zumindest, wir vertrauen diesen Angaben je nach Tagesform. Salat gibt es deswegen dieses Jahr keinen, aber müden Mangold und Riesenzucchini. Die Überreste des Holzpferdes, das er letzten Jahr beerdigt hat, indem er es in Brand steckte, fand ich neulich in einer Schublade wieder, ordentlich in ein Schraubglas gefüllt und beschriftet, so ist er. Selbst nach dem Weltuntergang würde er kleine Aufkleber auf die Trümmer kleben, die erzählen, was das mal war und wohin es gehört. Vielleicht noch die Daten der wichtigsten Jahre mit Fineliner in verschiedenen Farben und Serifenschrift. Ein Garten wäre schön.