Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Die fünfte Woche Jahr

Park am Gleisdreieck

Wir sprachen über Niederlagen und ich blieb wieder am Wort hängen, und auch das finde ich nach längerer Betrachtung besser als davor, es heißt ja nicht Niederschleuderung, Niederwurf, Niedersturz, es heißt Niederlage und das klingt für einen Moment behutsam, würde man sich ihr ergeben. Weil das für den Moment die angemessene Körperhaltung ist, ob Bauch- oder Rückenlage ist jedem selbst überlassen, doch nur selten finden jene, die es aushalten müssen, dies als angemessen. Sich zusammenreißen ist ja auch so eine Schöpfung. Wenn man nicht aufhört damit, besteht man irgendwann nur noch aus einem Haufen Schnipsel, den man selbst oder eine befugte Person nach Abschluss des Vorgangs wieder zusammensetzen muss.
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Am Tag vor dem Februar den Weihnachtsbaum im Topf nach unten geschleppt und auf Barmherziges gehofft, schon nach einer Stunde hatte ihn jemand mitgenommen.
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Vielleicht sollte ich mir angewöhnen, an Sonntagen zu laufen, solange zu laufen, bis ich wirklich nicht mehr kann. Nicht das faule „Ich kann nicht mehr“, obwohl es eigentlich noch geht. Denn wenn man mal an einem Sonntag aus Versehen so lange gelaufen ist, bis man nicht mehr konnte, dann will man wirklich noch weiter, aber es geht nicht mehr, es geht dann wirklich nicht und dann tippt man im Sitzen eine Notiz ins Handy mit Orten, an denen keine Zäune sind und keine Wände und wenig Schilder, denn da will man dann hin und es ist eigentlich egal, wann genau, Hauptsache bald.
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Ein jedes Ding hat ein Muster oder einen Rhythmus, die sich bei genauem Hinsehen und Hinhören unterscheiden. Doch ob diese Muster auch außerhalb des menschlichen Geistes existieren, ist eine ungelöste Frage. Du und ich, wir haben nicht die gleichen Muster gesehen.“ (Die gleißende Welt, Siri Hustvedt)
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Wie man in jeder Beziehung auch immer wieder bereit sein muss, Schaden zu beheben. Es bringt häufig wenig, wenn man möchte, dass es weitergeht, alles vor die Tür zu stellen. Man muss zumindest eine Pfütze Willen in sich finden, im Callcenter anzurufen, auch wenn die Wartemelodie scheiße ist. Oder sich das Tutorial auf YouTube anzusehen. Adblocker sind selten Scheidungsgrund.
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Vor der C/O lag ein Mann, er hatte die Augen geschlossen, seine beiden Bekannten sprachen mit ihm, schoben immer mal einen Fuß gegen seinen Bauch, gingen dann und ließen ihn liegen, lachten dabei. Wir standen da, ich hielt das Telefon in der Manteltasche umklammert und fragte mich, ob er atmet. Wir schauten kurz weg, dann wieder hin, er atmete, man sortierte sich, hoffte auf andere, leichter Regen. Eine Frau neben uns fühlte daraufhin seinen Puls, rief einen Krankenwagen. Was nimmt man eigentlich zusammen, wenn nicht seinen Mut?
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Wir malten ein Haus an die Tapete und das dauert eine Stunde, wenn man noch nie zuvor ein Haus an eine Tapete in einem neuen Haus gemalt hat. Das bedeutet ja immer was. Nach getaner Arbeit machte der kranke Dinosaurier das Licht aus, versteckte sich im Zelt und trommelte.

Die vierte Woche Jahr

Urbanhafen

Langsam wird es echt. Als wäre jeder Januar so eine Art Bahnhof, alles läuft nur hindurch, niemand bleibt gern, manchmal verpasst man etwas, häufig muss man etwas bezahlen, hat Hunger, aber nichts schmeckt so richtig, meistens hat man zuviel Gepäck dabei, eigentlich immer sind zu viele Leute da, außer nachts und dann ist es gruselig, ständig fährt einem jemand über den Fuß, und obwohl man sich hier eigentlich gut auskennt, wundert man sich immer wieder, dass die Melancholie jedes Jahr eine andere ist, keine hysterische. Als hätte man im Dezember den Abschied nicht gut gemacht und müsse das im Januar nachholen, vermutlich sitzt Silvester eh viel zu nah an Weihnachten, da bleibt einem ja kaum Zeit mal zu überlegen und die Hässlichkeit des Januars ist ja auch irgendwie nie zu übersehen, durch den Januar muss man durch, vielleicht kurz winken und dann erst kann man sich in den Sitz fallen lassen.
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„Transparent“ geschaut und über Familie nachgedacht. Die einzelnen Figuren drehen sich so sehr um sich selbst, dass ich mich frage, wie sie es hinbekommen, sich dabei gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, sich so wenig zu wundern. Die ganze Zeit passieren tausend irre Sachen und niemand wundert sich. Wenn sie nichts mehr verstehen, brüllen sie sich an oder haben Sex oder springen in irgendeinen Pool, und plötzlich sitzen alle wieder nebeneinander und sind ganz kuschelig und ich frage mich, an welchen Stellen sie einander ab- und die Geschichten aufholen, wo ist dieser Autobahnparkplatz, an dem sie anhalten, um das alles reinzulassen in sich und einen Platz dafür zu finden und warum platzen die nicht permanent vor Kram?
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Auch das Eis schmilzt in Schichten, hier und da hält es die Schwäne noch und die auf ihm abgestellten Bücherregal, Bierkisten, abgerissenen Papierkörbe, Bierflaschen, an anderen Stellen sinkt die starre Kälte schon wieder auf den Grund des Kanals. Jetzt gibt es wieder Ostersüßigkeiten und die vertwitterten Frühlingswünsche werden mehr, die ersten Tulpen stehen in den Vasen, aber halten noch nicht lange. Es ist aber auch so, dass mir der Sommer nicht mehr so fern vorkommt, vielleicht vergesse ich weniger, vielleicht habe ich besser abgedichtet, wer weiß das schon, aber Fakt ist, dass ich mich neuerdings im Sommer an den Winter erinnern kann und umgekehrt, also so sehr erinnern, dass man beinahe spürt, was man denkt, es ist nicht mehr so abwegig, wie es früher schien zur selben Zeit, dass es bald wieder warm ist und ich dabei sein kann. Denken „Ich werde das erleben“ und noch ein Stück gehen.
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Der Friedhof ist lauter, wenn die Bäume keine Blätter haben.
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Nach einer Woche beinahe allein und viel drinnen genieße ich den Blick in fremde Gesichter, genieße ich es, wenn Leute reden oder vor mir straucheln, etwas in ihrer Tasche suchen, inne halten, telefonieren, ich verhalte mich ruhig, damit sie mich nicht bemerken und laufe einfach weiter geradeaus. Wie vielen man begegnet, wenn man es nicht darauf anlegt.
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Den Schrank im Büro ausräumen, den Rechner leeren, Menschen umarmen, auf Wiedersehen sagen, den Fahrstuhl nehmen und dann gehen, weil man sich dafür entschieden hat. Auch Abschiedsgefühle halten sich nicht an Terminvereinbarungen.

Die dritte Woche Jahr

Hasenheide

„Es ist niemandem zu trauen, der sein Brot komisch schmiert”, sagt D.
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Am richtigen Tag über das Zitat aus Naiv-Super gestolpert: „Lise beruhigt mich. Sie hat eine New-York-Theorie. Sie sagt, zweierlei kann dort passieren, und es liegt an mir, welche von beiden Möglichkeiten eintritt. Einmal kann ich alle Vorbehalte ablegen und einfach alles auf mich wirken lassen. Wie ein Kind. Oder aber ich halte einen gewissen Abstand und beobachte Kleinigkeiten, versuche, Bekanntes zu erkennen. Sortieren und vergleichen. Das Erste kann dazu führen, dass man überfordert wird oder auch einfach überwältigt. Das Zweite möglicherweise zu schönen Beobachtungen, Eindrücken und Spaß. Meint Lise. Außerdem meint sie, überwältigt sein kann auch sein Gutes haben.” (S.131)
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Dann das Fieber. Als hätte jemand einem eine VR-Brille aufgesetzt, und im Kino läuft das Innere eines Eimers. Ganz ohne Glitzer, sondern einfach schwarz und mit Echo und vor allen Dingen so, dass man die Orientierung verliert. Wie sich kurz vor 40° die Gedanken nicht mehr aneinander hängen, eigentlich ein ganz guter Zustand, in dem man dem Hirn beim Versuch des Denkens zusehen kann, alle Bilder kriechen heran, stellen sich vor und kriechen dann weiter. Völlig zusammenhangslos. Täte der Rest nicht so weh, es wäre völlig genießbar, wie einfach alles nur anwesend ist und dann wieder fortgeht, nur Farben und bröckeliger, gesprochener Unsinn, ich weiß noch von Bowie und dem Bücherregal, das ich auf einem Berg aufbaute, von zwei kleinen Dackeln und alten riesigen Teppichen, darunter verborgener Eiscreme und einem Tipi aus riesigen Mikadostäbchen, in dessen Inneren eine Treppe in den plötzlich goldenen Keller der alten Lieblingsbar führte. Auf einem Thron dort sitzend: ein lila Plüschbär. Keine weiteren Fragen.
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„Wie alles nur beliebig sein kann, wenn man aus Angst vor Misserfolgen nicht unterscheiden will.“ (Peter Breuer)
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Gegen halb vier sieht man das gute Licht und wie es Punkte auf der Fassade hinterlässt. Der Nachbar hustet durch die Wand mit, wir werden nicht dazu kommen, uns als Ensemble eintragen zu lassen, not in it for the money, just in it for the thrill.
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Der Großvater kommt vorbei, ich habe nichts zu erzählen, also halten wir einen Mittagsschlaf, er am Ende des Sofas aufrecht und blinzelnd, ich liegend am anderen Ende unter der Decke, er sagt, schlafen konnte er noch nie gut.
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Irgendwo dazwischen verabschiede ich mich von anderthalb Jahren, das ist ja nichts, das man tut und dann ist es vorbei, das trägt man mit sich herum wie eine kleine Melancholie oder Kastanie und irgendwann fällt es einem aus der Tasche, das merkt man aber in den seltensten Fällen direkt, weil es nicht fest genug ist für ein lautes Geräusch beim Aufprall.
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Die Straße zum Arzt sieht immer noch aus, als wäre gestern erst Silvester gewesen, die großen Batterien, das viele Streu, all die Scherben. Dabei ist das Jahr schon drei Wochen alt, die Nabelwunden sind verheilt, wenn wir Glück haben.

Die zweite Woche Jahr

Zürisee

Manche Dinge kann man nur in der Dämmerung aufschreiben, weil dann die Welt die Klappe hält, weil man selbst noch nicht so eingestellt ist wie sonst und vielleicht auch so früh am Morgen eher sagt, was man wirklich meint, also dort, wo man es nicht unter Kontrolle hat. Dann noch ein Schläfchen, mit der Decke über allem, was beschützt werden muss.
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Das erste Buch 2016 zu Ende gelesen. Auerhaus. Bov Bjerg erzählt darin, wie es ist, mit jemandem zu wohnen (nicht nur in einem Haus, sondern auch in einem Leben), der manchmal leben will und manchmal nicht und davon, wie man es nie ganz kapiert, wenn man selbst nicht weiß, wie es ist, gar nicht mehr leben zu wollen, und wie man sich dreht und wendet und manchmal hofft, im anderen wäre es vorbei gegangen, das mit dem nicht mehr wollen, und wie es dann doch nicht vorbei ist.
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Von der Kunst, Einflüsse als solche zuzulassen. Das etwas in dich hinein fließt, aber auch wieder raus kann, etwas, das nicht sofort dein eigenes Bauchgefühl aushebelt, aber auch die Möglichkeit hat, Spuren zu hinterlassen. Kommt vermutlich aber auch auf die Beschaffenheit des Bauchgefühls an. Dennoch: Semipermeabilität war schon immer eine große Aufgabe.
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Beobachtet: dieses Ringen um Meinungshoheit von Eltern(sorten). Jochen König darin als spannenden Neuentwurf gehört. Warum haben eigentlich nicht mehr Freunde Kinder miteinander?
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Feststellen, besser geworden zu sein im Wissen um den eigenen Radius. Also wie viel Luft es braucht und wie viel Platz und was darin stehen kann und was im Gefüge eher stört. Noch zaghaft, aber (und wäre wankelmütig hier ein passendes Wort, ich würde es verwenden, weil es eigentlich so schön klingt ((wenn man mutig ist und zwar wankt, aber ach)) es ja dann aber doch meistens sowas wie ‘mankelwütig’ meint im Sinne von irgendetwas mit Unbedachtheit und Wut und Unsinn) im Zentrum der Zaghaftigkeit dann aber spürbar bestimmter als früher, man muss sich ja manchmal erst einmal herantasten an neue Körper- und Lebensformen (die eigenen vor allem). Jedenfalls laufe ich die ganze Zeit mit dem Zollstock in mir selbst herum und denke „Oh“ und „Ah“ und „Achso“ und „Na hätten wir das mal früher gewusst“. Aber das haben wir ja nicht, deswegen vermessen wir erneut. Mit neuen Daten können wir arbeiten.
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Es schauten nur die Flugblätter der Windräder aus den Wolken heraus. Als seien sie wahnsinnig hoch und es gäbe sonst nichts außer mit ihnen zu schneidende Schlagsahne.
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Und dann sangen wir doch noch einmal „Starman“ mit Gänsehaut auf dem Kopf am Ende der Probe, als draußen schon der Barbetrieb losging. Wie so ein Plakat, das man aufhängt, wenn man eigentlich eine Postkarte schreiben will, aber nicht abschicken kann, weil alle Briefkästen der Stadt abgehängt wurden und die Türen unten zu sind.
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„Als Kind war ich klüger als jetzt“, sagte Opa und saß in seiner Sofaecke mit dem Kissen hinter dem Rücken, dessen Stoff er damals unter seinem Hintern nach Deutschland geschmuggelt hat aus Zell am See. „Ich wusste immer, ich lebe in einer wahnsinnigen Zeit und ich wollte alles wissen. Und wenn du einmal alles wissen willst, hörst du ja nicht mehr auf.“
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Das Dessert lag auf einem goldenen Pappteller in Zürich und ich könnte schwören, um meinen Kopf tanzte Lametta mit Armen und Beinen, als ich hinein biss.
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J. verabschiedet. Alles wird anders die ganze Zeit. Wir könnten uns jetzt auch mal dran gewöhnen.
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Die erste Woche Jahr

Baltic Sea

Das offene Fenster im Nebenzimmer vergessen und dann eintreten wie in eine andere Landschaft, in der kalte, feuchte Laken über den Feldern liegen, eigentlich ganz schön.
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Ich muss das Buch nicht sofort schreiben. Ich lege die Gedanken neben die Seiten in die Schublade und warte einfach ab. Das wollte ich eh schon immer mal machen. Etwas irgendwo vergessen und es dann beim Aufräumen finden und es behalten wollen, mich zugehörig fühlen zu den Gedanken und Worte, sie mir zuschreiben und nicht wie etwas ansehen, in das sich Motten gefressen haben und das man daraufhin in eine Plastiktüte quetscht, die man dann mit dem Müll runterbringt, weil man zu faul ist zum Stopfen, oder es nie gelernt hat.
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Gibt es ein Lexikon für Oberflächen, einen Thesaurus für Textur? Ich komme mir ständig vor, als hätte ich nicht richtig begriffen, wie sich Dinge anfühlen können/sollen/müssen, ich würde gern über Konsistenzen lesen, um mir selbst sagen zu können: „Ach das, das ist nur Abscheu, das muss sich so anfühlen, alles richtig, keine Sorge.“
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In einem Haus zwischen dichtem Nebel sitzen und froh sein, nichts zu sehen. Einfach nichts außer ein paar Baumspitzen und Reif auf den Gräsern und die Fettstreifen, die Nase und Stirn an der Scheibe hinterlassen. Bis zur Heizung ist, soweit die Füße tragen. Später sich wundern, dass Teleportation immer noch nicht erfunden wurde. Immer. Noch. Nicht. Wie fühlt es sich an, sich aneinander festzuhalten und sich kurz aufzulösen, um woanders wieder zusammengesetzt zu werden? Kann es sein, dass dabei ein Teilchen vertauscht wird? Und dann läuft man für immer mit diesem Teilchen des anderen herum, das anfängt, im eigenen Körper zu funktionieren und Aufgaben zu übernehmen und mitzumachen? Als würde man die Augenfarbe tauschen und vergessen, dass das passiert ist.
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In der Kälte fühlt sich Haut nicht mehr wie Haut an, sondern wie irgendwas anderes und für einen Moment ist das auch beruhigend. Also dass man selbst auch splittern kann, ohne sofort kaputt zu gehen.
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Sowieso: Ahnungen weniger Gewicht zuschreiben, und den Fokus auf Fakten drehen. Etwas krächzend, aber mit der Übung wird man besser darin. Und drei Kilo leichter. Weniger meinen, mehr wissen. Mehr weggehen oder sich in Ruhe daneben setzen und zuhören. Gefasel ist eh kein gutes Wort.
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Jemanden von hinten umarmen ist eine schönere Geste, als ich dachte. Denn der andere hat die Hände und die Augen frei und manchmal braucht man ja genau das und dennoch jemanden im Rücken.

Zwanzigfünfzehn

Skyfall

In sich Frieden machen, indem man erst ganz viel reinholt, eher ungewollt, vielleicht eher unachtsam, und dann wieder ausräumt, leer fegt, rausschmeißt, Gefühle und Entscheidungen selbst in die Hand nehmen, sich vor die Nase halten und bei Bedarf anbrüllen, sowieso auch mal brüllen, seit Jahren habe ich das nicht getan, dieses Jahr schon, wie erleichternd, dass das noch geht. Jedenfalls die Dinge in die Hand nehmen oder was auch immer ein Ding sein will, und einander in die Augen starren, ich habe gewonnen. Hinspüren auch, wo die Grenzen wirklich sind und nicht, wo man will, dass sie sind, weil das vielleicht hübscher aussieht oder sich so gehört oder einem das antrainiert wurde, wieder ein Gefühl für das Eigentliche entwickeln, vor allem in der zweiten Jahreshälfte, eigentlich wirklich erst dann, auch das mit der Freiheit. Die erste Hälfte war viel Übung und Nachwehen und Ankommen und auch das braucht Zeit. Sowieso auch: Zeit geben, mir selbst und anderen. Ebenfalls: Entscheidungen treffen. Und nicht darauf warten, dass das jemand anderen für einen macht. Die eigene Komfortzone verlassen, mutig sein, so ein Jahr war das. Sich selbst bewegen und nicht einfach nur passieren. Die wichtigste Anschaffung dieses Jahr waren die Wanderschuhe, die rührendsten Konzerte waren Die höchste Eisenbahn, Death Cab For Cutie und Oh Wonder, das wichtigste Album das neue von CHVRCHES, die wichtigsten Menschen rückten noch näher. Ein Jahr, in dem Energie freigesetzt wurde, endlich, ich mich von meiner Lieblingsbar verabschiedete, wir uns auf einen neuen Menschen freuen, wir einen anderen Menschen verloren haben, und gemacht und getan und still gehalten und viel geschaut und viel Kraft gebraucht, das habe ich. Ich bin stiller geworden, und klarer, als hätte jemand die Wogen gebügelt, anders, aber schön. Ich habe viel Ja und an ein paar sehr wichtigen Stellen Nein gesagt. 2015, auch ein Jahr der Berge, der Kaleidoskopbewegung. Und: I asked myself for peace and found a piece of me. Ziemlich okay ist ziemlich okay.

Lumen

Lumen

Ich stelle mich mit dieser Glühbirne an, als ginge es um was. Als bräuchte ich einen wirklich guten Moment, um die Leiter hervor zu hieven, drauf zu steigen, die Lampe abzuschrauben, die alte Birne rauszudrehen, runter zu steigen, die Leiter wieder zu verstauen, weil das Badezimmer mit aufgeklappter Leiter unbenutzbar wird, wenn man es erst einmal geschafft hat, die Leiter in diesem wohlgeformten Badezimmer überhaupt so aufzustellen, dass man sich selbst und die Einrichtung nicht kaputtmacht bei Besteigung. Jedenfalls stelle ich mich an und ich weiß wirklich nicht, wieso. Ich bin in der Lage, halbwegs komplexe Dinge zu tun den Tag über, ich sortiere und ordne, ich formuliere und erinnere, ich gebe durch und leite weiter, ich tausche aus und bastle um, ich denke und ich spreche und ich mache es so, dass irgendetwas dabei herauskommt, manchmal rette ich Menschen vor dem Ertrinken (ist das schon ein Talent?), aber ich bekomme es nicht hin, diese Glühbirne auszuwechseln.

Morgens habe ich sehr viel damit zu tun, mir eine Mahlzeit zuzubereiten, dem Wetter angemessene Kleidung auszuwählen und so an mir zu befestigen, dass sie nicht abfällt den Tag über. Ich denke jedes Mal, wenn ich morgens das provisorische Licht im Bad einschalte: „Jetzt könnte ich’s eigentlich machen“, das mit der Leiter. Aber meistens kommt eine Müdigkeit dazwischen, ein Einfall, häufig ein Gefühl, eine kleine Lethargie, die sich betonähnlich in mir ausbreitet, wenn ich den Kopf in den Nacken lege und an das Quietschen der Metallleiterstufen denke. Mittags bin ich nicht im Hause und wenn am Wochenende doch, passieren häufig so viele Dinge innen und außen, dass es mir unmöglich ist, diese Leiter für das zu benutzen, für das sie gedacht ist, oder gar einen Baumarkt zu besuchen, um das richtige Leuchtwerk auszuwählen, Essen kann ich einkaufen, gar kein Problem, manchmal sogar allerlei Unsinn oder beinahe praktische Dinge, nur die Glühbirne vergesse ich seit mittlerweile zwei Wochen. Und abends ist es sowieso immer zu spät für alles. Vermutlich werde ich die Birne erst auswechseln, wenn ich mir ob der mangelnden Helligkeit einen ernsten, körperlichen Schaden zugefügt habe, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, wenn es draußen noch dunkler und so wenig heimelig geworden ist, dass selbst im Bad die alte Ordnung hergestellt werden muss, um überlebensfähig zu bleiben, erst dann. Vielleicht. Es geht da um was. Ich spür’s.

Wieder

Rehberge

Das Herantasten funktioniert ja häufig am besten, wenn man es einfach tut, sich nähert, wieder notiert, egal ob von Belang oder nicht, es verändert den Blick und der Winter, der braucht das, das Kleine, Vernieselte, die Sätze aus dem Treppenhaus und der Etage, in der alle immer ihre Dinge ablegen, die sie nicht wegwerfen wollen oder sich nicht trauen, vielleicht aus einer Scham vor sich selbst, denn „das ist doch noch gut“, vielleicht aus dem ehrlichen Wunsch „jemand anders könne sich freuen“ anstatt der Hoffnung, jemand werfe es für einen weg. Das tun die wenigsten, etwas wegwerfen für andere, nachbarliches Erbarmen als Satzzeichen.

Kennen Sie das eigentlich? An manchen Tagen bin ich so klein, dass das Licht im Bürotoilettenraum mich nicht erkennt, ich muss dann hüpfen, um nicht im Dunkeln zu stehen. An anderen Tagen brauche ich nur zu atmen und der Sensor des Desinfektionsmittelspenders erkennt mich und tropft scharfe Flüssigkeit auf den Boden.

Kennen Sie das? Sich nicht nur am, sondern im Leben fühlen (wieder).

Und am Wochenende Schnee.

Temporäres

Boulangerie

Wir betraten den Laden in Mitte, vor dessen Tür Teppich verlegt und knödelige Absperrseile aufgehängt wurden, um Eindruck zu schinden dort, wo eigentlich jeder einen eigenen Teppich vor sich herträgt und an jeder Ampel ausrollt, um ihn bei Gelb wieder umständlich zusammenzufalten. Wir betraten den Laden, der einen eigenen Sicherheitsmann auf dem Teppich vor der Tür stehen hatte, denn wir leben in Tagen, da braucht ein Laden mit französischem Namen einen Sicherheitsmann oder zumindest das Gefühl, es gäbe einen. Vielleicht war auch der Sicherheitsmann ähnlich wie der ältere Herr in Schürze nur ein gecasteter Schauspieler. Der ältere Herr mit gräulichem Haar kam sofort hinter der Theke hervor gehuscht, glättete sich mit den braun gebrannten Händen erst die Schürze und dann erklärte er das Konzept des Ladens, der eigentlich kein Laden war, sondern eine Kampagne. Ein Modell, in der Agentur hatte man diesen Laden wohl eine Idee genannt und dann wortwörtlich umgesetzt. Es ist jedoch nicht so einfach einen Gedanken umzutopfen und manchmal braucht man mehr dafür als einen Kachelboden aus PVC, mehr als holzvertäfelte Wände und Menschen mit Schürzen und Trockenblumen in Flaschenvasen und mehr als grob geschnittenes Brot, das die Biokette hergestellt hat, und mehr als Marmelade mit Schnaps darin, um den es in der sogenannten Idee eigentlich gehen sollte.

Wir standen also verloren in dem Laden, der eigentlich kein Laden war, wir hatten doch eine Bäckerei erwartet und irgendetwas anderes, draußen wehten dem Sicherheitsmann die Haare ins Gesicht, (der Sturm heißt „Heini“, habe ich gelesen) und man reichte uns kleine, bedruckte Tüten mit zwei Baguettestücken und einem Gläschen Marmelade darin, Kaffee gab es nicht, aber die Marmelade hätte man in Gläsern einer Größe kaufen können, dass sie für drei Jahre genügt. Wasser gab es in wohlgeformten Gläsern neben den Trockenblumen, neben der in der Agentur sicherlich als Vintagekasse bezeichneten Bezahlapparatur, die aber keinen Job hatte und vermutlich auch nicht mehr funktioniert. Und wir standen also darin und betrachteten die Stühle und Tische, an die sich niemand setzen wollte, weil man sich ja nicht in eine Idee setzt, in einen Laden vielleicht, aber nicht in den Plastikblumentopf einer Idee, und wir lächelten verlegen und wollten das Baguette natürlich dennoch probieren und flüsterten gerade, als ein Mann den Laden betrat, ebenfalls älter, mit schnellem Schritt und etwas außer Atem: „Oh”, sagt er, „oh!“

Und der gecastete Herr setzte wieder zu seinem Vortrag an, der keine Varianten, sondern nur einen einzigen vorgegebenen Ablauf hatte, aber er kam gar nicht dazu, ihn vorzutragen (zu sagen, er würde ihn abspulen, wäre gemein), denn der eingetretene Mann, ich vermute, er wohnte in der Gegend, fing sofort an zu fragen: „Das bleibt doch hier, oder? Was kann ich kaufen? Das ist gutes Brot, das Getreide kenne ich! Wie lange haben Sie geöffnet? Oh wie schön, oh wie schön, sowas brauchen wir“ und er betrachtete die Wände mit großen Augen und die Wandmalerei mit dem Markennamen des Schnapses auch und er wusste gar nichts damit anzufangen, er war einfach davon ausgegangen, das hier sei ein neuer, ganz normaler Laden, er wusste nichts von der Idee irgendeiner Agentur, nichts von Viralität oder Pop-Up-Store-Konzepten, er hatte einfach keine Ahnung, ihm gefiel die neue Farbe des Erdgeschosses, ihm gefiel der zumindest gekachelt wirkende Boden, er wollte sprechen, also sprach er: „Ich komme nächste Woche wieder!”, und als der gecastete Herr mit seiner Schürze und seinen Artikulationshänden antwortete „Das geht aber nicht, wir sind nur bis Freitag hier, das ist ein-“, da verstand er ihn nicht, da wusste er einfach nicht, was das soll und sagte noch einmal: „Ich komme nächste Woche wieder, das ist doch prima, dass sie da sind!”, er wollte nichts wissen von nur vier Tagen Öffnungszeit, wie soll man auch eine Idee von einem Wunsch unterscheiden, wie soll man all die Risse auch sehen?

Daneben

Hand

(Wen anrufen?) Es sitzt dort, wo das Sodbrennen entsteht. (Wen sehen?) Es ist keine Angst, es ist eine Ahnung. (Wohin gehen?) Eine Annäherung an Orte, an denen man sonst nicht ist. (Wen festhalten?) Jemand hat an der Verbindung gezupft, zu denen, die man liebt. (Was tun?) Es ist die Skizze von etwas, das man selbst noch nicht erlebt hat. (Was fühlen?) Als habe man schon und noch nie davon gehört. (Wem zuhören?) Es schluckt Worte. (Was zulassen?) Es vervielfacht Schulterblicke. (Was zurückhalten?) Es flackert. (Was nachlesen?) Es verweigert sich. (Was fragen?) Plötzlich sehen wir mehr und weniger zugleich.