Hypnagog

Ich wachte auf und hatte zehn Hände am Hals mit jeweils zehn Fingern. An jedem Finger zehn Ringe, übereinander gesteckt, man konnte die Haut nur in kleinen Streifen sehen, Gliedmaßen wie Maschinen. Mit den Wimpern konnte ich sie berühren, zwei Hände lagen über meinem Mund, ich atmete ruhig durch die Nase. Ich hatte keinen Schnupfen. Das Silber der Ringe war kalt, meine Lippen spürten faltige Haut, Risse, ein paar Schwielen. Mit rauem Seil haben sie mich festgebunden, Faser für Faser neben den Haaren auf meinen Armen und rotspurig. Die Knöchel an den Füßen rieben übereinander, knackten im Innern, niemand machte ein Geräusch, ich atmete ruhig. Das Weiß in ihren Augen leuchtete gegen den blauen Morgen der Stadt, der Boden knarrte nicht wie sonst. Sie öffneten das Fenster, acht Hände fassten unter mich, man stellte mich auf und an die Fensterbank. Zwei Hände stets geschlossen über meinem Mund, das kalte Metall kehrte zurück unter mein Kinn, ich atmete ruhig. Das Holz unter meinen Fußsohlen, der Lastwagen der Müllabfuhr hielt vor unserem Haus, zwei Männer mit Latzhosen sprangen heraus. Eine Tür fiel ins Schloss. Mir wehte es Haare in die Stirn, vor die Augen, ich sah nach unten, es brauchte neue Erde in den Blumenkästen, der Winter klebte unter den Nägeln, ich konnte ihn sehen, ich atmete ruhig. Ein leichter Druck legte sich um meine Hüfte und dort, wo die zwei Punkte sind am Ende des Rückens, stemmte sich etwas dagegen. Und ich hielt mich nicht auf, ich hielt sie nicht auf, ich ließ mich schieben. Meine Kniescheiben knallten gegen die Heizung, der Bauch drückte gegen das Fensterbrett, mein Körper beugte sich. Die Füße wurden neben die Blumenkästen gestellt, ich atmete ruhig, zehn Handflächen auf mir mit jeweils zehn Fingern. Meine Haut an den Schienbeinen war weiß, das Metall war kalt unter meinen Füßen, ich hatte keinen Schnupfen. Heute Nacht bin ich erstickt und auf die Straße gefallen. Und die beiden Männer in den Latzhosen taten mir leid.

Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Mai 2008 um genau 0:19 Uhr.
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 Rudeltiere

Eigentlich ist das Datum egal, wir werden immer in diesem Auto sitzen, wir werden uns immer ein bisschen seltsam fühlen beim Gedanken daran, uns in die Zeitleiste einer Familie hinein zu malen, die so weit weg lebt von uns - nur 200km und doch irgendwie mehr. Es werden auch immer Windräder an uns vorbeifliegen, wenn die Gespräche aufkommen darüber. Wir brauchen nicht einmal reden. Im Kopf spulen sich die institutionalisierten Neurosen ab - immer erst, wenn man geht - und wer sich wie verändert hat, wir gehen Mensch für Mensch durch und ordnen ihn neu ein. Und wir, die wegfahren, halten die Stimmung wie einen Sonnenstich - den Druck im Kopf und dass man erst abends merkt, wie es in den Schläfen pocht. Und auch, wenn man alle Anwesenden über Jahre nicht gesehen hat (vier Jahre habe ich gefehlt), man trägt sie immer noch so wie die weißen Stellen am Abend auf der gebräunten Haut vor dem Spiegel. Das sind immer noch wir, das Aufwachsen, die Verästelung nach oben und die Wurzel nach unten, der Hintergrund. Aber wir fahren wieder in die große Stadt, die sich uns zu eigen gemacht hat, die uns festhält, weil wir es nicht anders kennen - dort, wo die Familie Idylle hat und einen Rapsfeldausblick jeden Abend, schreit es “Ferien!” in uns. Wir halten die Hände über den Mund und atmen tief ein und aus, wenn es niemand sieht. Setzen Sonnenbrillen auf.

Eigentlich ist das Datum egal. Es fühlt sich immer seltsam an, die Ankunft und die Abfahrt, der Abgleich und die Fremdheit, die neuen Gesichter und die älteren - das ist uns alles angeboren. Und wenn man uns nach Berlin fragt, nach den Dingen und dem dazugehörigen Fluss, müssen wir immer erst einen Moment überlegen - was erzählen wir, was passt hierher? Und immer werden uns auf der Autobahn Sätze einfallen, die wir nicht gesagt haben, die noch in der Luft stehen. Wir werden den Funkturm von weitem im Dunkeln blinken sehen und ihn hinter uns lassen, den Schlüssel suchen, am Haus hinaufschauen und seufzen. Unwissend, warum. Aber man kämpft ja mittlerweile schon prophylaktisch. Auch daran wird sich nichts ändern.

Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Mai 2008 um genau 18:41 Uhr.
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 I want I want

Manchmal muss man sich den Kopf wegpusten lassen und die Augen zumachen, um sie zwischendurch kurz wieder aufzumachen, in flackerndes Stroboskoplicht zu schauen, während man den Boden unter den Füßen verliert, alles tanzt, alles wirft Hände und Füße in die Luft, und macht die Augen wieder zu, das breite Grinsen muss man nicht immer zwingend sehen. Wir sind nur da, um alles abzugeben, abzulegen irgendwohin und nichts mehr wiederzufinden. Um eine Ahnung für den Sommer zu bekommen, das wieder zu schmecken, denn wir wollen doch mehr davon, von laut und Beat und tanzen und Schweiß. Und Stromausfall ist auch egal, wir machen einfach weiter.

Wenn wir dann nachts auf den Brücken dieser Stadt stehen und nichts mehr erkennen, nicht einmal mehr die Umrisse, passt auch “Precipice” von Leander. Das halten wir fest, damit gehen wir ins Bett. So schnell schläft hier niemand ein, noch nicht. Wegen des Lichts am Morgen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 8. Mai 2008 um genau 13:44 Uhr.
Kategorie : Ton | 0 Kommentare

 Robinsonaden

Der Entschluss, die Koffer zu packen, ist meistens einer von der schnellen Sorte. Man lässt sich schnell von der eigenen blassen Haut locken, vom eben mal wieder frech aufjuchzenden Sinn für Abenteuer, es geht ruckzuck, die Brücken einzutreten, die Schere aus der Schublade zu nehmen und hinter sich alles abzuschneiden. Das passiert hin und wieder auch mal im Affekt, in einer lauten Laune oder stiller Aggression, das fungiert als Warnung, Demonstration und Beweis der eigenen Beweglichkeit. Sieh, was ich mir erhalten habe, ich lasse mich nicht lähmen und schon gar nicht von dir. Das Realitätsprinzip nehme ich jetzt mal in die Hand.

Und im Aufbruch fühlt es sich gut an, man blickt sich nicht um, lenkt die Triebe dann doch wieder ins Innere und überspringt die eigene Grenzhaftigkeit für einen Moment. Ich packe meine Koffer und nehme mich mit. Und in diesem notwendigen Rückzugsgefecht hält man nicht inne, denn allein das wäre schon Projektions- und Angriffsfläche. Eine weiße weiße Wand und ich gebe dir die Stifte in die Hand. Im Aufbruch reißt man alle Wände ein, lässt nichts mehr stehen und keinen Platz für Dinge, nur Unebenheiten. Man fährt dann mit der Hand darüber und es soll rauh sein, splittern, sich zersetzen. Bleibe bloß nichts, wie es war, denn ich gehe jetzt. Wir verdrängen die Ängste und das Unbehagen stammt allein vom Schuldgefühl. Wir schultern alles und ziehen den Nippel durch die Lasche, zurren fest bis zu den roten Striemen. Wir fassen nicht nach.

Das Schwere ist eigentlich, auch weg zu bleiben. Nicht mehr zurückzugehen. Sich einzurichten in einer anderen Umgebung und daraus ein Zuhause zu machen, ein neues. Was anderes anzufangen, voran auch, die richtigen Dinge zu behalten. Es schaffen, sich zu lösen. Und sich anzufreunden damit. Denn eigentlich schwimmen die meisten zurück, ans Ufer, in die Stadt, in das Land, in den Alltag und die Arme. Die Kunst ist, nicht neurotisch zu werden dabei. Und die Langfristigkeit des abgewendeten Blickes ist am Ende das, was am schwersten ist und was man am meisten spürt. Weil die Luft schneller windet, wenn nichts im Weg steht und das sausende Geräusch der Leere schon recht laut brüllt, wenn man wirklich weg ist. Tinituswise.

Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Mai 2008 um genau 11:03 Uhr.
Kategorie : Blicke | 5 Kommentare

 Se(a)dated

Manchmal fühlt es sich an wie ein Gerinsel im Kopf, das leise Vergessen, das sich verflüchtigende Gefühl der Wahrnehmung, wenn die Ränder verschwimmen, die scharfen Konturen einfach immer weicher gezeichnet werden, um sich irgendwann komplett mit dem Rest zu vermischen. Manchmal fühlt es sich an wie ein Nagel im Kopf, der dort eingeschlagen wurde, wo man das Kreuz gemacht hat, haargenau quasi. Der ein bisschen zu tief ging allerdings, ein bisschen zu weit im tiefen Schwung, ein bisschen zu fest.

Und wenn man dann den Kopf unter die große Maschine legt, unter die tägliche Betrachtung von allen Seiten. Wenn man dann Experten fragt und die schütteln mit dem Kopf, dann ist es Zeit mit den Händen zu knacken, obwohl das noch nie funktioniert hat, dann kannst du auf der kleinen Papierserviette eine Zeichnung mit Kugelschreiber anfertigen, kannst dir selbst beim An-der-Kreuzung-stehen zugucken, vielleicht mit einem abgerutschten Fuß, denn der Tisch ist glatt. Du kannst dir die Pfeile über die Serviette hinaus auf das braune Plastik malen, die Linie immer weiter bis zur Kante. Manchmal muss man noch fester auf den Punkt drücken, damit er nicht mehr weh tut.

Wenn dich dann alle ansehen, aber niemand mehr etwas sagt, wenn der Punkt im Kopf hämmert, dann ist es Zeit zu gehen, die Konturen des Herzens wieder zu schärfen, indem man es einmal mehr einem Abschied aussetzt, um nicht jegliche Form zu verlieren, nicht jeden Sinn für all das. Und ich weiß, dass sie aufatmen werden und ein Häkchen machen auf einem Klemmbrett. Ich weiß, dass sie mich stolz ansehen werden, wenn ich das nächste Mal komme wegen eines Schnupfens und mir auf die Schulter klopfen. Ich bin froh, dass sie das tun, denn ich selbst kann das noch nicht, gut sein im Gehen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 4. Mai 2008 um genau 17:20 Uhr.
Kategorie : Moi | 0 Kommentare

 Take care and me back home.

(Noch in Jahren werd ich wissen, wie du gerochen hast beim Vorübergehen.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. April 2008 um genau 20:56 Uhr.
Kategorie : Taiwan | 3 Kommentare

 Dim lights on the dash

Mein Leben macht sich gerade einen Spaß draus, mit allem auf einmal und unheimlich laut daherzukommen. Ich halte dazu nur die Füße still und höre zu, bin einfach da, mache mit, wenn es glücklich macht, wenn es hilft, natürlich hab ich Angst, natürlich drückt der Schuh, aber das ist doch immer so. Und wenn man hier aus dem Fenster guckt und dem Regen zuhört, der in unglaublichen Wellen die Runde macht, von einem Ende der Stadt zum anderen und wieder zurück, der dabei einen Atem hinterlässt, der sich dir schwer auf die Schultern und Lungenflügel legt, wenn im Hintergrund Geoff Farina von den kleinen Feuern singt, dann weiß man, dass das alles schon ganz richtig ist. Und wenn man hin und wieder die Arme heben muss, weil der Oberkörper schwer wiegt auf dem Marmor und den Ellenbogen, wenn wieder das brüllende Müllauto kommt und der Moment in den Gulli rutscht, dann behält man dennoch den Geruch in den Kleidern. Das kleine Aufflackern der Lichter, wenn man morgen abend schon wieder Zuhause ist und vom Balkon schaut. Man hat sich ja selbst doch ganz gut beisammen, auch wenn man sich nicht immer sofort finden kann.

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. April 2008 um genau 12:18 Uhr.
Kategorie : Taiwan | 0 Kommentare

 “No Service. Thank You.”

Main Station in Taipeh. Dort, wo in Deutschland ein Bahnhofsmanagerhäuschen stehen würde, gibt es hier einen kleinen, komplett blau verkachelten Bereich, auf den vier Kameras zeigen. Daneben hängt ein Schild, das die Target Group erklärt. Die Bluebox ist für Frauen bestimmt, die sich nachts (also bis Mitternacht, denn danach fährt die Bahn nicht mehr) in der Station aufhalten. Man kann sich hinstellen, warten und sicher sein, dass irgendein Wachmann es sieht, wenn man eventuell überfallen wird. Man kann sich aber auch beobachtet fühlen.

Man braucht nicht viel über Verbote nachdenken, wenn man sich in der Nähe von Maschinen oder öffentlichen Einrichtungen aufhält, denn alles, was verboten ist, steht auf Schildern: Geh nicht zu nah an den Bahnschachtrand - Lehn dich nicht gegen die Tür - Pass auf deine Finger auf, wenn sie zugeht - Biete deinen Platz bedürftigen Menschen an - Halt dich immer an den Haltegriffen fest - Iss nicht in der Bahn - Renn nicht in der Station - Drängel nicht - Halt dich am Rolltreppengeländer fest - Pass auf, dass deine Schnürsenkel sich nicht in der Rolltreppe verheddern - Lass dein Kind nicht zwischen die Stufen rutschen - Trag nicht zu weite Hosen, damit du dich nicht in den Rolltreppenstufen verfängst - Lauf langsam, wenn der Boden nass ist - Rauch nicht - Geh nicht über die gelbe Linie - Komm nicht zu nah - Setz dir einen Helm auf - Verzeih die Störung - Nimm kein Hühnchen mit in die Station wegen Vogelgrippe - Mach keine Wahlwerbung in der Bahn - Kletter nicht über das Geländer - Kletter nicht die Wand hoch - Überfall keine Fahrkartenautomaten - Nicht mit Vögeln in den Bus - … (to be continued)

Wenn man nach Taiwan fährt, muss man sich auf Extreme einstellen. Das eine ist die Sache mit den Massen. Man glaubt, man würde überrannt, aber eigentlich gilt das nur für die Rush Hour und den Night Market. Tagsüber sind die Straßen unglaublich leer, nachts auf. Drei Schritte und du landest vom größten Gewimmel in totaler Stille, drei Meter und aus unglaublichem Lärm wird leises Zirpen.

Man baut sich seine eigenen kleinen Welten und Zentren. Der Night Market ist eine davon. Hier stehen Fake-Schuhe eingeschweißt in den Regalen, Markennamen werden mal eben hübsch kopiert und stolz belächelt. Der Geruch von Stinky Tofu liegt in der Luft direkt neben kandierten Cocktail-Tomaten und Erdbeeren. Und hier brüllen die Leute auch mal. Verkäufer schreien mit und ohne Mikrofon ihre Massageangebote, ihre günstigen Preise oder ihr tolles Essen heraus, als gelte es das Leben. Guaven schwimmen in braunem Glibber und werden in Becher mit Strohhalm abgefüllt. Unter Drogen gesetzt Bonsaihunde vegetieren in gläsernen Boxen vor sich hin, Automaten hupen um ihr Taschengeld. Der alte Mann sammelt die herunter gefallene Pappe ein, Hot Dogs werden am Stiel verkauft, getrocknete Tintenfische auch. Der Waffenladen mit riesigen Maschinengewehren an der Wand hat auch noch geöffnet, daneben steckt sich der Vierjährige ein Stück der stacheligen Frucht in den Mund, deren Namen ich nicht kenne. Jeder Essensstand hat seinen eigenen Gulli und die Reste fließen in den Untergrund, die Schläuche spucken permanent Wasser und die Frau mit den blauen Augen gähnt. Ihre dreifingerige Hand steckt sie sich danach in die Armschlinge, darunter noch den Armschutz gegen die Kälte beim Mofafahren. Der Stoff ist mit kleinen grünen Teddybären bedruckt.

Man versteht ihn schlecht, den kleinen, zahnlosen Mann mit der braunen, ledrigen Haut. Ich schnappe nur ein paar Fetzen auf, er erzählt was von seinem Studium in Deutschland, auch dass er Englisch studiert hat. In seinen Augen funkelt es, als er von seinen Reisen erzählt, vielleicht sind es gar keine Reisen, aber er erwähnt Indonesien und Australien, Deutschland und Frankreich. Zwischendurch verschwindet er kurz in der kleinen Nebenstraße, holt eine Plastiktüte und daraus einen Zeitungsausschnitt hervor, ordentlich zusammengefaltet, die Bilder nach innen. Und er zeigt uns den Strand mit pink farbenem Himmel auf der Seite, seine langen Fingernägel tippen auf die Haustür der Villa, wir sollen dorthin fahren, das Meer sehen. Und mit der anderen Hand weist er uns die Richtung zum Bahnhof, dort würde der Zug direkt ins Paradies fahren. Er möchte uns willkommen heißen, sagt er.

Das abgefüllte Wasser der lokalen Firmen schmeckt nach Zeit, ein bisschen abgestanden, nach Metall und irgendwie süßer. Und man steckt die Flasche schnell ein, wenn man in der Reihe vor den U-Bahn-Türen steht, die mit weißen Linien auf dem Boden vorgezeichnet ist. Trink nicht in der Bahn. Dankeschön.

Liz hat es verfasst, und zwar am 29. April 2008 um genau 4:45 Uhr.
Kategorie : Taiwan | 0 Kommentare

 Lunch Break

Die meditative Wirkung des Essens hier ist unglaublich. Man fitzelt sich die Stäbchen in die Finger, balanciert, stochert herum, wurschtelt sich durch, guckt sich exakt von vorne und hinten und oben und unten und von der Seite an, was da auf dem Teller oder in der Pappbox liegt. Man schmatzt, schlürft, kaut, piekt, schiebt und schaufelt, man krümelt und tunkt die ganze Zeit, dass es eine nur so eine Freude ist. Nie habe ich beim Essen mehr meine Umwelt vergessen als hier, wo man sich immer lediglich auf das Stapeln des nächsten Happens konzentriert, auf den Transport in Richtung Mund, auf die Motorik der Finger, die mit den Stäbchen eine Symbiose eingehen sollen, jedenfalls in der Theorie. Die unbekannten, gruseligen, glibbrigen Teilchen werden aussortiert, an den Rand geschubst, übersehen. Und ansonsten ist man eins mit sich, ruht vor dem Teller, macht so sein Ding, die Entspannung setzt nicht unmittelbar ein, aber ach. Ich ess hier so gern, nur der Sache wegen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. April 2008 um genau 6:41 Uhr.
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 Find a loop and add effects



Man muss aufpassen, dass einem nichts durchrutscht. Ich finde mich auch ständig in einem Gefühl der Überforderung. Aber einfach weitermachen ist gar nicht so schwierig, wie man meinen könnte. Aufnehmen, “aufsaugen wie ein Schwamm”, hat Martin gesagt. Ich weiß nur noch nicht, wann dieser Moment kommt, in dem jemand seine Hand um meinen Bauch schließt und zudrückt und ich dann überlaufe, mich vielleicht an den eigenen Eindrücken verschlucke. Aber an dem Punkt sind wir noch nicht, wir stehen noch an der Stelle, wo einem die Augenlider aufgehalten werden und die Ohren kann man von Natur aus nicht schließen. Wir sind noch da, wo alles rattert und schrummelt, still im Takt, einfach mitmachen, während sich im Hintergrund der Zweifel sammelt und dreimal am Tag fragt: “Was mache ich hier eigentlich?”

Vielleicht ist es eine Übung, etwas gegen das schlechte Gewissen, das man für einen Moment betäuben kann, wenn man nämlich an die Sache glaubt, an die Langfristigkeit, und dennoch Geduld demonstriert. Vielleicht glaubt man ebenso, kurz eine Rolle zu spielen, etwas beizutragen, indem man darüber schreibt, davon berichtet, denen zuhört, die soviel Zeit damit verbringen, sich dieses riesige Gewusel aus Projekten und Technik, Open Source Software und den Möglichkeiten von Open Hardware zu erschließen. Der Moment ist aber schnell vorbei und dann kommt man zurück an den Anfang, an dem man nicht wusste, warum man das macht, es aber einfach trotzdem tut. Dorthin, wo man aus einem Bauchgefühl heraus JA gesagt hat, ohne einen Grund dafür zu kennen. Und dennoch: Auf das Bauchgefühl sollte man vielleicht in Zukunft öfter hören. Man muss ja nicht immer bis zum Scheitel drinstehen, für die Kontrastierung des eigenen Horizonts reichen manchmal auch Fragmente.

Meine Euphorie wird wahrscheinlich nie dieselbe sein, aber jetzt habe ich wenigstens eine Ahnung, mehr als einen Schatten, ein paar Stifte hingelegt bekommen, mit denen ich selber die Übergänge malen kann, die Linien nachzeichnen. Manchmal genügt das schon, um dem Bauchgefühl zu zeigen, dass man es nicht ignoriert.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. April 2008 um genau 11:24 Uhr.
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