Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

La Gomera #7

Vor der Wanderung ins Tal liegt oben an der Kurve dieser Hund unter der Leitplanke. Man weiß nicht, ob er schläft oder schon so tot ist, ich nähere mich langsam, dann bewegt er die Augen doch und die Pfote und den Schwanz und nach einigen langen Sekunden rappelt er sich langsam und behäbig auf, schief, als täte ihm die Hüfte weh, er schaut nicht genervt, aber zumindest so, als hätte er all das schon mehr als einmal erlebt, die bereits heiße Morgensonne, den Staub an meinen Füßen, meine ausgestreckte Hand. Aber dann setzt er sich doch neben mein Bein und lehnt sich an, er bewegt sich nur langsam, trinken will er nicht, aber sich anlehnen findet er gut, wir machen das eine Weile, bis die Sonne immer höher steigt und wir los müssen. Er humpelt zur kleinen Treppe am Eckhäuschen und legt sich dahinter. Die Strecke an der Wand hinter Arure scheint auf den ersten Blick so, als würde man sich nach der Hälfte langweilen, man steigt steil hinab ins Tal, mal geht es sanft bergab, mal nehme ich alle Hände und Füße zu Hilfe. Auch hier kommt das Gefühl nach einigen Höhenmetern zurück, obwohl es ja bergab geht, das sich damals in Bad Gastein am zweiten Tag einstellte, das Gefühl von, ich kann’s ja doch noch, das Kriechen und Krauchen, den eigenen Körper mit den eigenen Knien hinauf drücken und runtertragen, schleppen und voranbringen. Und wieder will ich den Ärzten, die sagten „Davon werden Sie sich vermutlich für immer verabschieden müssen“, zumindest eine Postkarte schicken. Keine Langeweile, nur dieser Fokus, das Körperliche und dazwischen schauen und atmen und sich an den Pflanzen und den Dornen, dem kleinen Bach vorbeidrücken, den richtigen Abzweig suchen, einfach laufen. Unten im Dorf warten drei aggressive, winzige Köter neben großen Kakteen auf uns, die Taverna hat zu, in ihrem Schatten unter dem Balkon essen wir Pistazien und Äpfel und hoffen, dass das Wasser für den Aufstieg reicht. Und am rechten Talhang schieben wir uns zurück hinauf, zwischen den Kiefern entlang, unter denen es angenehm kühl ist, noch ein Stückchen weiter hinauf bis in die Wolken zurück, die aus den Wellen aufzusteigen scheinen, bis zu den Ziegen zurück und dem Wind und es nimmt mir noch immer jedes Mal den Atem dort oben, weil die Geschichten, die Opa früher immer von den Bergen erzählte, nun anders klingen. Ich verstehe sie jetzt. Und die anderen haben sich alle geirrt. Er hebt nur kurz die Pfote im Schatten des Autos, als wir wieder an ihm vorbeilaufen, dieses Mal langsamer, er kennt uns ja jetzt.

La Gomera #6

Am Sonntag verstecken sich die Menschen in Agulo, falls es überhaupt mehr Menschen gibt als jene, die uns vereinzelt über den Weg laufen; eher huschen als laufen. Der ältere Herr, der die etwas jüngere Dame fragt, wo sie herkomme. „Von den Blumen!“, ruft sie und winkt ihm lachend zu, er humpelt ihr mit seinem Stock entgegen, das Geräusch des Stockes rollt die schmalen Gassen entlang, in denen man im Schatten läuft, weil es in der Sonne zu warm ist und weil man im Schatten besser schauen kann, besser erkennt. Später die zwei Männer mit den sich unter quietschbunten T-Shirts wölbenden Bäuchen, sie tragen Plastiktüten über den schmalen Weg zwischen Bananenplantage und Ortsgrenze, unterhalten sich laut und rufen am Ende des Weges laut den Autos entgegen, die sich vor der roten Wand die Serpentinen hinunter schlängeln, den Autos, die der Berg aus dem Tunnel spuckt. Es sind nicht viele diesen Sonntag. Wir essen neben einem französischen Wanderpaar, die sich das Wasser aus den gewöhnlichen Flaschen in grüne, bauchige Dreiviertelliterflaschen umfüllen am Tisch. Er studiert die Karte und lächelt sie unentwegt an. Sie diskutiert mit dem Kellner und steht später hinter ihrem Partner, als sie gemeinsam auf die Karte schauen, ihr Blick fällt dabei auf seinen Hinterkopf und irgendetwas gefällt ihr daran nicht, sagt ihr Blick, sie hebt die Hand, als wolle sie hineingreifen in seinen Igelschnitt, aber kurz davor zieht sie doch die Hand zurück, lässt sie sinken, hebt nur die Augenbrauen. Er merkt davon nichts, er schaut nur nach vorn und studiert die Strecke, die heute noch zu gehen ist. Der Mann mit dem großen Tattoo hängt auf dem Dach die Wäsche auf und sein Sohn hilft ihm dabei. Ein anderer kommt telefonierend aus dem Haus, mehr Menschen sehen wir nicht.

Oben auf dem Berg mit der roten Erde stehen plötzlich sehr viele Menschen und fotografieren von oben auf den Ort, sie stehen vor der Glasabsperrung, als markiere nur diese eine Sensation. Der Himmel zieht sich zu. Auf dem kleinen Skywalk steht ein älteres Paar, die Kinder führen sie bis nach vorne ans Ende, wo man sich fühlen würde, als stünde man im Nichts, wären da nicht die Schlieren auf dem Boden, vielleicht eher im Nebel stehen. Der ältere Herr mit Hut wankt dort, voller Ehrfurcht und schaut und winkt ab, als sein Sohn ein Foto von ihm machen will, vielleicht braucht er das nicht mehr. Dafür verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und senkt den Kopf. In der Ecke telefoniert der Kellner und poliert Gläser. Die Festtagsgesellschaft wird mit dem Bus ankommen, in der Zeit kann man nicht nach unten fahren, weil die Straße nicht breit genug ist. Der rote Staub fällt noch Tage später aus den Schuhen.

K. kann uns nicht sagen, was das Schwimmbecken neben vier riesigen Säulen früher mal gewesen ist. Man klettert erst über die Absperrung, läuft dann den staubigen Weg nach unten, das Meer wirft sich an die Klippen daneben, überall kleben Schilder, man solle aufpassen auf den Steinschlag, die großen Brocken liegen überall. Und man will gar nicht nachlesen, was das früher einmal war, was sich dann vor einem auftut, eine zerfallene Terrasse mit kleinen bunten Häuschen, in denen niemand mehr sitzt und aufs Meer schaut oder Eis verkauft, man könnte aus ihnen heraus sehr gut Eis verkaufen, das Orange und das Rosa und das Blau hängen hin großen Fetzen herab, aber strahlen noch immer, wie sich das mal jemand ausgedacht hat. Damals, als die Dächer dem Steinschlag noch nicht nachgegeben hatten. Dahinter dann die Treppe nach unten und der Blick auf die sanften Übergänge zwischen Meer und Schwimmbecken. Das eiskalte, stille Wasser geht einem nur bis zum Hals. Beim Schwimmen habe ich trotzdem das Gefühl unter mir geht die Tiefe endlos weiter, als würde ich in einem aufgegossenen Hochhaus schwimmen, neben mir die Fische. Zwei, drei Seeigel wohnen in den Ecken, der Rest ist mit weichem Algenteppich bedeckt, und man kann ohne Probleme stundenlang sitzen und dabei zusehen, wie sich das Wasser über die Felsen, über den Beton rollt, wie es sich selbst auffüllt, als brauche es nichts und niemanden sonst. Auch so ein Ort, wo man ganz genau sieht, was man eigentlich nicht sehen kann und nie sehen wird, und wo man okay ist damit. Die eigene Unzulänglichkeit zu den anderen werfen und einfach warten, was passiert.

An Sonntagabenden gehen K., C. und die Kinder hoch an die letzte Kurve der Straße, die nirgendwohin führt. Sie schreien dann ins Tal, alle zusammen, die Kinder am lautesten. Irgendwohin gehen und die Welt in regelmäßigen Abständen anbrüllen, sodass es niemand abbekommt und dann nichts mehr mit hinunter nach Hause nehmen. Ich habe selten ein schöneres Ritual gesehen. In der Nacht randaliert die Maus im Abwasch und findet nicht hinaus.

La Gomera #5

Im Weiterleben wird man besser irgendwann, für manche wie mich bleibt es immer eine Aufgabe. Diese Abende werden nicht verschwinden, an denen diese riesige Ungerechtigkeit wie ein Abendlicht im Rückspiegel herumliegt. Grell, blendend, so schön, dass einem die Spucke wegbleibt, und gleichzeitig zum Heulen. Im zweiten Haus stehen überall Bücher. K. und ihr Mann wohnen schon lange hier, haben alles selbst gebaut, die Ställe neu verputzt, neue Türen eingezogen, andere geschlossen und verstellt, die alten Wände wieder bewohnbar gemacht. Das Wasser damals aus dem Fluss geholt, den es heute nicht mehr gibt, für all den Zement, so oft am Tag sei sie gegangen, hinunter und hinauf mit Kanistern. Jetzt kommt das Wasser aus dem gelben Rohr neben der Schotterpiste, das von kleinen Ventilkästen unterbrochen wird immer wieder. Wenn man nachts an ihm vorbeifährt und das Autolicht an ihm entlang flackert, scheint es wie eine Begrenzung, dahinter ist es schwarz und tief und man fiele weit, würde man fallen. K. sagt, auf den Serpentinen schnalle sie sich manchmal ab in der Hoffnung, im Falle eines Unfalls aus dem Wagen zu fliegen, man sei gearscht, wenn man im Wagen gefangen sei, ich senke den Blick, wir lachen trotzdem alle. Angeblich geht das Rohr wie ein Faden um die ganze Insel. Es gibt eine Henne namens Pirouetta, wir haben sie nie gesehen, K. und ihre Familie haben sie geschenkt bekommen, das Tier lebe frei, manchmal käme sie eben vorbei, manchmal wochenlang nicht. Ein Besucherpaar habe sich sehr in die Henne verliebt, seitdem sähe man sie nicht mehr so häufig. Nachts krabbeln Eidechsen durch das Bad, die Frösche quaken vom Tal hinauf. Im einzigen Nieselregen dieser Wochen sitzen und sich nicht bedecken, weil er so leicht ist, dass man manchmal nachspüren muss, ob er denn wirklich auch da war. Unter der dicken Regenbogendecke wegnicken mit den Wolken im Rücken und beim Aufwachen denken, jetzt nochmal auf den Berg. Die verzettelten Biografien von Unterleuten genießen, immer mit Blick zwischen den Palmen hindurch, O. schreit immer, wenn die Fähre sich durch das kleine Dreieck zwischen den Bergen schiebt. Er klettert dann auf das Geländer und zeigt so lange mit dem Finger auf das Schiff, bis es verschwunden ist. Er ruft ihm meistens noch zwei, drei Mal nach. Wie die Hand, die man auf den Serpentinen dann doch aus dem Fenster hält, weil nur dann alles zusammenpasst, das Lied und der Wind und das Licht und wie sich alles am Straßenrand bricht.

La Gomera #4

Tom & Nina fertig und vor allem gern gelesen, wie sie sich im Buch immer wieder ausloten und vermessen, körperlich und vom Radius her. Dessen, was man aushalten kann, sehen will und wo man sich zuhause fühlt oder tatsächlich ist. Eines der besten Geräusche in diesen Tagen sind die runden, vom Meer hin und her geschobenen Steine, die mit Poltern und dumpfen Schlägen unterm Wasser übereinander rollen, sich noch runder scheuern, einander die Kanten abschleifen. Einer der besten Momente jeden Sommer ist der Halbschlaf am Strand, in dem man immer wieder kurz in die eigenen Tiefen rutscht und dann, wenn man wieder heraufkommt, draußen im echten Wind und auf diesem Handtuch alles dreimal lauter hört als vorher. Nicht nur weil man noch nicht gucken kann, weil alles hell und grell und bunt ist, sondern weil man wie an einem Seil zurück in den Wachzustand klettert, in dem alles andere einfach weitergemacht hat. Niemand merkt, wenn du schläfst. Wenn du Pause machst. Niemand wartet, nur weil du nicht hinsiehst. Zeit haben, lange aufs Wasser zu sehen und über das Blau nachzudenken, darüber, welche Nuancen mich an wen erinnern. Vielleicht wohne ich gerade einen Zentimeter unter der Horizontlinie hinten links. Am nächsten Morgen mitten im Wetter aufwachen, mit nackten Füßen auf den von der Nacht kalten Steinen stehen, nicht weiter sehen können als fünf Meter, hinter der Agave ist Schluss. Auch ganz beruhigend. Meine Liebe zu den Übergängen und Überhängen wiederentdeckt, zu dem, was man so gern abschneiden will, weil es unbequem ist oder rauh, weil es sich nicht einordnen, wegverräumen lässt, zu dem Nebel im Lorbeerwald, der alle paar Meter woanders steht, zu dem Licht, das sich nicht entscheidet, weil es sich nicht entscheiden kann, an den unsauberen Kanten passiert immer am meisten, an denen bleibt man wach. Daneben der Wunsch, niemals ohne Anfänge zu sein.

La Gomera #3

Am besten geht man auf den Berg, bevor sich der Tag eine Stimmung ausgesucht hat, noch müde und mit Bananen vielleicht die ersten Schritte machen, bevor es in die Höhe geht, und dann einfach hoch, mit dem Wind und am Wind vorbei, mit kurzen Hosen, auch wenn die eigentlich zu wenig sind, und dann oben stehen und wissen, hier haben sich die Ureinwohner früher verschanzt. Zu allen Seiten nur Wolken. Hin und wieder reißt der Wind das Weiß auf, frisst Löcher hinein, dann kann man Farbe sehen und Miniaturen und sehr weit hinten das Meer. Und den Schwindel aushalten, der kommt, wenn man sich auf den Rücken legt, den Schwindel aushalten und das Wegkippen des Bildes, denn es dauert nur kurz und danach wird es gut, weil nichts mehr dazwischen ist, also zwischen dir und dem Wetter, aber mehr als sonst zwischen dir und dem Rest. Später auf dem Weg zum Wasserfall schaltet der Kopf in diesen Stand-By-Modus, den ich zum ersten Mal in Bad Gastein gelernt habe. Irgendwas zwischen Meditation und Konzentration. Man setzt die Schritte und irgendwann weiß der Körper, wie es geht, und macht’s von allein und der Kopf bleibt prüfend dabei, aber nur im Hintergrund, im Rest der Zeit schaut er sich die Gedanken an, die so vorbeikommen und überredet keinen einzigen zum Bleiben. Am Abend am Meer stehen und verstehen, dass es seit acht Monaten etwas anderes ist zwischen dem Wasser und mir und einen Schritt zurück machen, als die erste Welle kommt. Wir sehen uns ja zum ersten Mal seitdem. Am nächsten Tag den blauen Stein im schwarzen Sand finden und ihn liegen lassen, weil man ja nun aus dem Alter raus ist, in der Anhäufung sich in Artefakten zeigt, jedenfalls nicht mehr als Beweis, aus dem Alter raus, in dem man Dinge aus dem Urlaub mitbringt, also solche, die sich nicht verzehren lassen und die einstauben und die man sich nicht traut wegzuwerfen, weil einem das irgendwann mal jemand beigebracht hat aus Versehen (wir ahmen ja immer nach), aber nun in dem Alter drin, in dem man weiß, der blaue Stein sähe nirgendwo so gut aus wie hier. Ein kleiner Junge steht an der Wellenkante und brüllt: „Das Einstürzen gehört uns ganz allein!“

La Gomera #2

Ich weiß noch, wie wir in Thailand auf der kleinen Insel vor der kleinen Hütte auf großen Handtüchern saßen und in dem Moment, in dem die Lampen in der Dämmerung angingen, dieses Geräusch ertönte, das Surren, von dem ich dachte, es gehöre zu den dicken Stromleitungen, bis ich ein paar Minuten zu spät begriff, dass das die Tiere waren, die nun, da die Sonne sich verabschiedete, endlich genug Luft zum Tiersein und Krachmachen hatten. So ähnlich ist es hier. Das Surren der Bienen ist so laut, dass man im ersten Moment auf die Idee kommen kann, man hätte sich einen Tinnitus eingepackt. An den Straßenrändern blüht alles, entgegen meiner Erwartung. Unzählbar viele Blumen hängen über rostende Geländer wie schweres Bettzeug. Weiter oben ist das Wetter hinter jeder Kurve anders, plötzlich fährt unser Auto mitten in der Wolke, mitten im Regen, mitten im Urwald. Mir könnte ungehindert eine Fliege in den Mund sausen und dort Urlaub machen. Wir essen in Vueltas, die Sonne brennt. Am Nebentisch unterhalten sich zwei ältere Pärchen auf Englisch, die einen sind Deutsche, die anderen kommen aus den Niederlanden, im Englischen sind beide nicht zuhause, so versteht man sich. Von unserem Platz aus kann man das Schild des Deutschen Metzgers sehen. Endlich wieder Mojo schmecken und Papas Arrugadas, das Salz und die Schärfe wie als Beweis für irgendwas. Der Geschmack mancher Sommer, die schon lange vorbei sind. Und wenn die Sonne da ist, weiß man sofort wieder alles, während man im Winter ja nur glaubt zu wissen. Wie sich das anfühlt. Man glaubt genau zu wissen, was man vermisst und merkt in der ersten Minute im Sommer, dass man sich selbst betrogen hat mit diesem Bild, das im Winter war nicht die richtige Erinnerung, das war nicht einmal eine Ahnung. Aber mit dem ersten Brennen, dem Einziehen, dem Öffnen der Poren ist alles wieder da. Im Schatten des Bootshauses spielen die Männer mit der festen, in Falten liegenden Haut Domino. Sie sitzen zu viert an einem Tisch, während die Frauen dahinter auf einer Bank warten, die Frauen sagen nichts, die Männer streiten laut, aber nicht das entzweiende Streiten, sondern das verbindende, das sich eigentlich einig sein, aber auf die eigene Formulierung bestehende Meckern. Auf der Terrasse in den Bergen dann dem Wetter beim Entstehen und Vergehen zusehen, Rotwein trinken und versuchen, den Tafelberg zu lesen, der im Sekundentakt auftaucht und wieder zwischen Wolken verschwindet. Im Tal sieht man die Sonne noch, hier oben ist es schon kalt.

La Gomera #1

Der Gelb-Weiß-Verlauf auf den Gepäckfächern erinnert mich sofort an Bottermelk-Fresh-Eis. Daneben der Geruch vom Frischkäse auf dem Marché-Brötchen. Immer derselbe. Immer nur hier am Flughafen. Immer in diesen an den Sichtflächen seltsam gekörnten Tüten, von denen man dann nicht weiß, wohin damit, sobald das Brötchen weg ist. Daneben die akurate Faltung der Halstücher der Flugbegleiterinnen. Eine von ihnen heißt Ima. Oskar ist der Pilot. Das Kind im Gang ist eine Stunde damit beschäftigt, seine Haare durch Reiben am Kabinenteppich statisch aufzuladen. Ich glaube, Urlaub beginnt, wenn man die Wellen vom Flugzeug aus sehen kann. Das andere Kind heult beim Landeanflug und schreit irgendwann schluchzend: „Ich hab Hunger auf Wurst!“ Auf Teneriffa gibt es mehr Seniorenfahrzeuge als Autos. Sie stehen überall. In den Lobbys, auf den Bürgersteigen und vor den Handtuchverkaufsläden. Sie unterscheiden sich in Sitzkissenbezug und Radkappenlackierung. Auf dem einen steht: Seniorbrumm. Das Wasser im Pool ist badewannenwarm, Chlor mischt sich sofort in den eigenen Hautgeruch (später wird man Sonnencreme hinzufügen, dann erst riecht sie so, wie sie im Urlaub riechen muss), die Sonne fällt so durch die Palmenblätter, wie man es immer auf den bearbeiteten Fotos sieht. Die älteren Herrschaften sitzen bereits herausgeputzt vor dem Fußballfernseher oder trinken ihren Aperitif. Wenn ich stillhalte, kommt die Oberflächenspannung zurück, wie Frischhaltefolie sieht das Wasser aus. Die Hippies wohnen jetzt im verlassenen Einkaufszentrum an der Promenade, nur Bauzäune trennen ihre Wohnungen vom Bürgersteig, dahinter bemalte Blumentöpfe, knarrender Punk und später vor allem Dunkelheit, denn den Strom hat man ihnen abgestellt. Davor wackelt eine große, etwas ältere Dame auf High Heels über die Gehwegplatten, vielleicht trägt sie die Stirnlampe, damit sie nicht umknickt. Im Bett weiß ich, wenn ich alt bin, will ich die triumphierende Oma auf der Minigolfbahn sein, die vor Freude über ihren Treffer den eigenen Schläger über den Kopf schwingt und so laut lacht, dass alle mitlachen müssen.

Complimentary room

Es soll ja Leute geben, die wohnen ihr ganzes Leben in dieser Hotelzimmerigkeit. Die wohnen das Leben so ab. Ziehen ihre Taschentücher aus den dafür gefertigen Designboxen, die irgendwann jemand auffüllt, den sie nicht kennen, dem sie manchmal begegnen, aber dem gegenüber das Gefühl so unangenehm ist, dass nicht einmal Smalltalk denkbar scheint, weil sie wissen, der Mensch, der die Designboxen auffüllt, der füllt auch den Kühlschrank, der füllt auch das Fach mit den Staubsaugerbeuteln (natürlich nur, damit genau er die später auch benutzen kann, und weil es ein extra Fach gibt, und wenn es ein Fach gibt, dann muss man da auch was reintun), der füllt auch die Zahnpasta nach, wenn die Tube halb leer ist, sodass niemals ein Notstand ausbricht an etwas, niemals ein Mangel. Und dieser Mensch, mit dem die Leute nicht einmal siebzehn Worte wechseln können, weil sie Angst haben, dass der Damm bricht und sie dann immer reden müssen, der wäscht auch die Sachen im Wäschesack oder bringt sie zumindest irgendwohin, wo wieder jemand anders sie reinigt, und der Mensch legt auch die Papiere zusammen, wenn durch ein offenes Fenster ein Wind kam, oder durch die Leute eine Emotion, in der man ja auch mal Papiere umher fegt, gerade wenn um einen herum alles nach Air Freshener riecht. Und der Mensch, der den Wäschesack auffüllt, der wird so tun, als habe er die Papiere nicht gelesen, als wisse er gar nichts davon, also von den Dingen, von denen er nichts wissen soll, selbst wenn er von ihnen weiß. Selbst wenn er sie sogar besser weiß als die Leute, denen die Papiere gehören und der Platz, über den die Papiere hinwegfegen, es ist ja häufig sehr viel Luft, wenn es nur einen Schreibtisch und ein Bett gibt und einen kleinen Kühlschrank, da liegen viele Zentimeter herum, auf denen die Leute selten herumspazieren. Nur in wenigen Fällen, so könnten es Wissenschaftler herausfinden, setzen sich diese Hotelzimmerleute in eine Ecke, die sie noch nicht kennen, sie legen sich nicht auf den Teppich, der täglich gesaugt wird, nur um mal zu wissen, wie das Zimmer eigentlich von unten aussieht, nur um mal die Zimmerdecke von weiter weg gesehen zu haben und die Bettfüße oder um dem Teppich hallo zu sagen, selbst Smalltalk mit dem Teppich wird vermieden. Diese Leute steigen morgens aus dem Bett und lassen alles so liegen, weil sie wissen, das wird wieder weg sein, wenn sie zurückkommen, von Zauberhand oder Murmeltierfäusten zurecht gerückt, von Heinzelmännchen oder Staubsaugerrobotern, irgendjemand wird sich gekümmert haben. Auch so ein Gefühl. Irgendjemand wird sich gekümmert haben, irgendjemand wird abheben, wenn sie nicht wissen, wen sie sonst anrufen sollen außer der Rezeption, jemand wird ihnen ein anderes Zimmer herrichten, wenn das Licht nicht stimmt oder der Sound oder die Klospülungswassertemperatur, irgendjemand wird sich stellvertretend für die Weltlage entschuldigen, falls ein falscher Alarm losgeht, irgendjemand wird ihnen Schokolade aufs Kopfkissen legen immer wieder, und es wird immer jemand daran arbeiten, dass die Leute sich auch gemeint fühlen, irgendjemand wird sich irgendetwas merken von den Leuten, also nicht nur aufschreiben oder eintippen, sondern wirklich merken, kaum zu glauben, und wird es ausspucken, wenn sie wiederkommen, und irgendjemand wird sich immer Mühe geben, weil es ja darum geht, sich Mühe zu geben, also einander, die Mühe, meine ich. (Oder nicht?)

Golgata

Ob sie auch mal etwas sagen dürfe, fragt sie, als wir da um den Tisch in dem kahlen Raum sitzen. Nur das Kreuz an der Wand und zwei, drei Bilder, ihnen genügt das, manchmal treffen sich hier die Anonymen Alkoholiker. Sie hat eine lederne Tasche über der Schulter, die nimmt sie die ganze Zeit nicht ab, als klebe sie an ihr, auch die Jacke zieht sie nicht aus, darunter trägt sei ein Blumenshirt aus Samt, das ihr die ganze Zeit über den Bauch rutscht, sie scheint das nicht zu bemerken, vielleicht aber doch, ich bin mir nicht sicher. Den Kaffee, der ihr angeboten wurde, den hat sie dankbar angenommen, eigentlich sei sie nur gekommen, um sich die Kirche anzuschauen, sie sei hier schon ein paar Mal vorbeigelaufen, im Wedding wohne sie, manchmal spaziere sie hier rüber nach Mitte. Wenn sie spricht, sieht man die Neuropathie und die Schmerzen, die sie macht, es ist, als sei eine Seite ihres Gesichtes einfach etwas schwächer als die andere. Es sei wirklich leicht rauszufallen, sagt sie leise und schaut dabei auf ihre Hände, die Finger ineinander verschränkt, die dunklen Haare fallen ihr ins Gesicht, eine Dauerwelle, die schon eine Weile her ist. Wenn sie die Kaffeetasse nimmt, zittert sie ganz leicht, verschüttet nichts, aber braucht einen Moment, um im richtigen Winkel anzusetzen. Wenn sie spricht, hört man den Alkohol, aber auch, dass es besser ist, wenn sie sich konzentriert und nicht unterbrochen wird, vor allem von sich selbst nicht. Immer wieder rutscht sie aus ihren Sätzen, schaut auf einen Gegenstand im Raum und kämpft sich irgendwann zurück, manchmal an eine andere Stelle in der Geschichte, an der wir anderen noch nicht angelangt sind. Sie habe in der Pflege gearbeitet, dann kam der erste Unfall, danach erst einmal arbeitsunfähig. „Jetzt kommen die Roboter“, sagt sie, „die werden unsere Arbeit machen und dann braucht man uns noch weniger.“ Die ehemalige Krankenschwester der Runde lacht, das sei doch unmöglich, Roboter, so ein Unsinn, jeder Hintern sei schließlich anders, das könnten Roboter gar nicht machen. Doch sie ist nicht abzubringen, und wer kurz hinhört und den Satz auf dem Tisch liegen lässt, der versteht, dass die Roboter in ihrem Kopf nur Angstvertreter sind, dass sie sich an ihnen abarbeitet, weil die Roboter nicht widersprechen. Das sei im Fernsehen gelaufen, das könnten wir ruhig glauben, sagt sie und schaut einem dann doch mal in die Augen, „ich glaube dir“, sage ich und meine vor allem das, was sie sich nicht traut zu sagen. „Die Computer verstehe ich nicht, dann ist man auch raus, heute läuft ja alles darüber, auch Anträge, wissen Sie, und wenn man dann nicht den richtigen Knopf findet oder was falsches drückt, das hat dann Auswirkungen darauf, was man am Ende rausbekommt“, sagt sie, es ist ihr unangenehm. Dass sie nicht mithalten kann mit dem Tempo, dass alles weitergeht, man hört ihre Scham und ihre Wut, auf wen genau, hört man nicht, aber es helfe nichts, sagt sie, wenn man denen, die vom Alkohol nicht loskommen, noch Restriktionen auferlege, und dann sagt sie noch: „Eine Hand bringt viel mehr, die einen einfach nicht loslässt, wissen Sie? Das ist was anderes als Briefe vom Amt.“ Dann verheddert sie sich wieder, erzählt von den zwei Ladenbesitzern, die sich hätten umbringen wollen, weil ihnen die Miete um 2500 Euro angehoben worden sie, sie hätte unten gestanden und nichts aufmunterndes sagen können, weil sie sie ja verstehen könne. Sie verabschiedet sich über zehnmal, und setzt immer wieder neu an, es klingt, als habe sie all diese Sachen so oft von links nach rechts getragen, dass sie nicht mehr weiß, was eigentlich wohin gehört. „Wir sind nicht alle gleich“, sagt sie, bevor sie dann doch aus der Tür geht.

I can’t remember, were you into Canada geese? Is it significant, these hundreds on the beach? Or were they just hungry for mid-migration seaweed?

A bit part

Auf der großen Treppe sitzen die Menschen mit den dunkelblauen Menschen, alle jung oder zumindest jung angezogen, in Berlin trägt man jetzt diese klassischen geraden Schnitte, die Materialien, die sich so gut voneinander abgrenzen lassen, Kaschmir an Kaschmir an Jeans, die Kontraste sieht man vor allem in den Gesichtern, wenn das Telefon klingelt. Das sie rausholt aus dem Blick auf den Gendarmenmarkt und hinein in irgendetwas anderes, ihr Blick senkt sich dann, es ist beinahe, als rollten die Pupillen über oben nach hinten ins Paralleluniversum, die Haut über den Wangen wird schlaffer, man sieht beinahe den Terminkalender durchrasseln, das Abgleichen hinterlässt Spuren im Momentgesicht, sie verlieren die Kontrolle, wenn sie nicht gerade laut sprechen und ihre Verabredung am Telefon direkt verkünden. Wenn sie mit der Stimme keine Performance machen, dann scheint es, als würden sie unsichtbar. Zwei, drei von ihnen bleiben zu sehen, sie scannen permanent alle Menschen, die vorbeigehen, als könnte ihnen auch nur einer entgehen, als hätten sie einen Auftraggeber am Ohr, der die Koordinaten durchgibt, nur leider etwas undeutlich. Der Dom spiegelt sich im neuen Gebäude gegenüber, wird in Quadrate zerkastelt, dem Licht macht das nicht viel, man muss kurz stehenbleiben, weil man sich sonst vertut in dem, was man gerade macht. Es ist ja selten so, dass man denkt: In diesem Licht kann ich besonders gut telefonieren oder Fahrradfahren, in diesem Licht schaut es sich besonders gut ins Schaufenster. Als tippe es einem auf die Schulter, ohne dass es einen kennt.

Als ich mich umdrehe später nach dem Konzert, die erste Zugabe ist gerade vorbei, das Publikum steht dem Raum angemessen vor Begeisterung auf, da sehe ich diesen Mann, dem die Tränen so wie im Film aus den Augenwinkeln laufen, nicht gerade über die Wange, sondern das Gesicht einrahmend, als hätte man ihnen Schienen ausgelegt. Der künstliche Nebel verteilt sich noch immer im Raum und hinterlässt diesen süßlichen Geruch. Als ich mich erneut umdrehe, ist der Mann fort. Dann die zweite Zugabe.

Die Friedrichstraße ist immer leer in der Nacht, ein paar Touristen stolpern an den hell erleuchteten Läden vorbei, in die Richtung irgendwelcher Hostels, sie verschwinden in Hauseingängen und Seitenstraßen, die Schaufensterpuppen starren dorthin, wo nichts ist um diese Uhrzeit. Erst am McDonalds wird es laut, Musik schallt heraus, eine Mutter nimmt ihre Tochter an der Hand und sagt „Besser als nichts“. An der Theke im Fenster sitzen zwei Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, neben ihnen die Tabletts mit dem zerknüllten Papier, sie haben die Köpfe auf ihren Armen abgelegt und starren hinaus ohne miteinander zu reden, dahinter bewerfen sich kleine Jungs mit Pommes. Drei Fahrräder liegen umgeworfen auf dem Bürgersteig, hinter der Kreuzung wird es wieder ruhig. Dann noch ein paar hundert Meter, eine große Kurve und dann kommen die Leuchtbuchstaben. Wenn sie hinter der U-Bahn-Brücke auftauchen, das ist der schönste Moment.

„Einen Drogentrip stelle ich mir vor wie Snapchatfilter“, sagt J., sie trägt das tolle blaue Kleid.

„But then the morning comes, and we turn back into pumpkins, right?“ (Celine in Before Sunrise)