Manchmal kurz nach Neujahr oder kurz davor schaue ich zurück. So wie auch schon 2010 und 2009. Das Jahr war durchwachsen, ein ganzes Jahr von der Sorte April, eines, von dem man weiß, dass hinter der nächsten Ecke ein neuer Zustand wartet und es oft nicht um den Zustand an sich geht sondern das Durchhalten, das einmal gemacht haben, das Einsammeln. Während außen herum eine Geschwindigkeitsversammlung stattfand, setzte sich innen drin vieles, was lange ziellos herumflog. Meine Bestandteile und ich haben viel gelernt und sind ruhiger geworden. Wir finden das gut so.
Januar

Ich stehe auf einem Berg inmitten von Schneehaufen, als das neue Jahr beginnt. Wir rodeln und sehen den bunten Lichtern auf schwarzem Grund zu. Wir halten einander an den Händen und nach Hause geht es bergab. Ich mache mit einer Schulklasse via Skype ein Interview zu meinem Buch, kaufe meinem Opa ein Namensschild, sehe Giardini di Miro live und besuche Hamburg. Dann passiert etwas, das ich niemandem wünsche.
Februar 2011

Meinen kleinen Glauben sammle ich mir dann vom Boden zusammen. Ich sehe William Fitzsimmons live und weiß, er hat jetzt das Buch, das er zu schreiben geholfen hat. Er bedankt sich auf wunderbare Art und Weise. Ich sehe Rocko Schamoni und wir räumen ein Zimmer einmal aus und dann wieder ein. Wir hören Gotti im NBI lesen und ich stolpere über eine Begegnung mit früher. Das Konzert von The National betrachten wir von schräg oben, am Ende passiert einer der schönsten Konzertmomente überhaupt.
März 2011

Ich höre Those Dancing Days und weiß, dieser Monat wird einer mit Abschieden. Der erste folgt schon bald, der von einer Zeit, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ich arbeite mit einem Blick über die Spree, tanze zwischen gelben Luftballons und schließe die Augen bei I Blame Coco. Für einen kleinen Werbespot trommle ich auf einem Schlagzeug herum, feiere eine Party in einer Badewanne, wir räumen eine Wohnung in meiner ehemaligen Nachbarschaft aus und am Ende, als alles leer ist, zähle ich den zweiten Abschied von etwas Gutem, das es so nicht mehr gibt. Am Ende des Monats fahre ich für eine Performance nach Köln.
April 2011

In Köln treffe ich Freunde, in Berlin liest Michel Houellebecq mir vor. Ich schenke meiner Mama Jamiroquai und leihe nach einer langen Nacht jemandem meinen Schal, der bis heute dort liegt. Zwei der besten Frauen auf der Welt kommen mich besuchen, wir hüpfen und tanzen und trinken Koalakaffee. Text spielt für uns ein leises wunderschönes Wohnzimmerkonzert. Für den besten Nachbarn der Welt dekorieren wir nachts einen Motorroller mit Kuscheltieren. Jemand Gutes kommt in mein Leben und wir pflücken die ersten Gänseblümchen gemeinsam. Ich fahre mit dem Fahrrad durch Kirschblütenwind und sehe Pantha du Prince sowie Bodi Bill live. Auf einem Balkon holen wir uns unseren ersten Sonnenbrand und feiern im Park einen wichtigen Geburtstag.
Mai 2011

Ich bin in der Page zu lesen, verbringe die Mittagsstunden oft an der Spree, werde krank und mache später eine Bootsfahrt durch Berlin. Zwei Marienkäfern zeige ich Berlin, jemand kocht für viel für mich, ein paar Tage verbringen die Kollegen und ich auf dem Land mit einem Kalb und einem Esel. Sir Simon Battle spielt ein kleines Akkustikkonzert im Ramones Museum und ich trinke die erste Wassermelonensaftschorle meines Lebens.
Juni 2011

Ich sehe Bodi Bill und Sir Simon Battle noch einmal für ein paar Lieder live, esse Kirschen und versichere mich einer Entscheidung. Dann fliehe ich für eine Woche in die spanische Luft, bade im Meer und lese viel. Ich höre auf mein Bauchgefühl und mache einen Schritt zurück. Wir sehen William Fitzsimmons zweimal und Death Cab For Cutie einmal live und ich kaufe mir einen Bodyguard, der seitdem auf meinem Fensterbrett sitzt. Meine Herzhälfte kommt aus New York zurück und wir feiern unser Wiedersehen gebührend. Ich kaufe mein erstes Stück Kunst und treffe den Grüffelo auf der Straße.
Juli 2011

Wir machen Picknick auf Friedrichshainer und Tempelhofer Parkflächen und werden von Gewittern überquert. Ich schreibe mitten im Sommer eine Weihnachtsgeschichte, bin in Frankfurt und Bremen und halte eine Hand. Wir sitzen viel im San Remo und in der 8MM Bar und schauen, wie die Stadt an uns vorbeirauscht. Besuch aus Hamburg kommt, wir halten große Reden zwischen Wodkagläsern und ich lasse mir ein Stück Familie auf den Arm tätowieren. Ich fahre nach Hamburg und sehe Menschen dabei zu, wie sie großartige elektronische Musik, ihre Arbeit und ein paar Fehler machen.
August 2011

Ich schüttele mir kurz ein paar Dinge von den Schultern, wandere die Landungsbrücken ab, treffe jemanden, der immer gut tut, und fahre dann zurück nach Berlin. Zu viert setzen wir uns in ein Auto und fahren aufs Land, um Konzerte zu hören und Seifenblasen durch die Luft fliegen zu sehen. Ich sitze während Sommerregen im San Remo und schlafe ein paar Nächte ohne Kopfkissen bei offenem Fenster. Ich sehe The National im Michelberger und wir übernachten dort. Es ist eine dieser Nächte, die man nicht vergisst, weil alles ist, wie man schon einmal und noch nie gelesen hat. Wir ernennen den Moscow Mule im Friedrichshain zu einer Institution und ich stehe in der C/O mit Woodkid auf den Ohren, während ich Gregory Crewdsons Bilder anschaue. Mir rollt dabei eine Träne die Wange herunter. Ich finde ein Vogelnest auf der Straße.
September 2011

Wir picknicken abends auf Stralau, liegen tagsüber an verschiedenen Stellen an der Spree im Schatten von Bäumen. Ich sehe Einar Stray im Michelberger und im Roten Salon. Unsere Familie wird ein bisschen kleiner, wir erfahren das, als gerade ein Gewitter aufzieht. Wir verbringen einen Tag am weißen See und einen Tag ganz in Schwarz. Ich träume, dass mir eine Hand amputiert wird und gehe wählen. Nach Hause bekomme ich weiße Lilien geschickt und baue mir eine Höhle.
Oktober 2011

Wir feiern meinen Geburtstag, Besuch kommt extra angereist, wir stehen bei Woodkid in der dritten Reihe und einen Tag später fliege ich nach Island, sehe Geysire und den schönsten Wasserfall meines Lebens bisher. Ich atme durch, nirgendwo scheint das besser zu gehen als hier. Zurück in Berlin spielen Fredrik im Michelberger und ich verbringe zwei Tage mit den Gedanken bei jemandem im Krankenhaus. Ich spüre, dass der Automatismus als Rettungsboot immer noch funktioniert. Dann besuche ich Hamburg und werde krank.
November 2011

Die Krankheit zieht sich, 4 Tage verbringe ich im Krankenhaus. Ich schalte alles aus und ab und beheize die Höhle. Jemand schenkt mir Blumen, ich besuche den neuen Verlag. Wir verschenken ein Fahrrad zum Geburtstag und trinken neben einem Bücherregal Wein bis spät in die Nacht. Wir applaudieren Scott Matthew im Heimathafen und gucken uns eine Wohnung an, die wir unbedingt haben wollen. Zwischendurch wissen: Wenn ich mal alt bin und diese Tage vorbei, werde ich denken: Mit ihr habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht.
Dezember 2011

Wir bekommen von Sonja Heiss vorgelesen und trinken Glühwein. Man schenkt mir Rieseknallfolie und ich besuche München und Hamburg. Wir verkaufen einen Tag lang unsere alten Sachen und feiern mit den Kollegen bis morgens um 7. Ich sehe Apparat und William Fitzsimmons, kaufe mir Handschuhe mit Schnur, feiere Weihnachten mit der Familie und lege mir hier und da eine Hand auf mein Herz. Der Schnee bleibt nicht liegen, aber wir brauchten das.