Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Chappuis Absorption

Pluto

Die Welt hat heute Pluto zum ersten Mal von Nahem gesehen. Und mir regnet es auf den Kopf, während ich auf dem Mittelstreifen der Urbanstraße stehe, kaum ein Auto vor oder hinter mir, aber oben zwischen den Baumschatten siebzig Grade von Blau, ich versuche das Lied zu vergessen, das mir seit Tagen im Kopf klebt und mich weich macht an Stellen, an denen ich das nicht gebrauchen kann. Jetzt, das ist neben der halben Stunde am Morgen das beste Licht, wenn man sich draußen aufhält (ist man drinnen, kann gleißender Sonnenschein ganz wundervoll aussehen, also wenn man ein Dach hat und eine Ecke, an der es vorbei fällt). Das Licht ist es, wenn die Menschen über den Himmel reden und das Blau wie noch nie, denke ich und warte noch länger und erinnere mich wieder an den Einfallswinkel des Lichts, denn der macht die Farbe, also doch keine Poesie, nur Ozon und wie das Licht damit umgeht. Ich schließe die Augen, ich warte, vielleicht bin ich ein Zwergplanet. Ich habe ein hydrostatisches Gleichgewicht, aber keiner kommt dran.

„In der blauen Stunde entfällt das direkte Sonnenlicht; übrig bleibt das Himmelsblau.“

Commotio cerebri.

Felden

Ein Jahr wie ein Leben, die Hälfte ist jetzt rum, von nun an ist einem alles egaler, sagen sie. Das ist die beste Zeit, sagen sie. Und ich halte meinen schwitzenden Kopf unter eine Pumpe, deren Schwengel mir auf den Kopf knallt. Eine Situation wie aus einem Comic mit Plonk und Sternchen und weil es so absurd ist, auch mit einem verirrten Lachen hinterher, einmal kurz nicht achtsam gewesen und schon hallt das Geräusch von Metall auf Knochen noch nächtelang nach, als hätte der Sommer mir eine gescheuert, aber keine Schlägerei, kein mit Bedacht gesetzter Schlag, sondern ein Schwächeln, ein Nachgeben des Wetters, zuviel Gravitation und dann auch noch mein Schwung, „das kann nicht gut enden“, sagen sie später in meinen Halbträumen, „das war ja klar“. „Akute, vorübergehende Funktionsstörung“, könnte man auch gut finden, wäre man in der Lage seinen Körper unfallfrei zu verlassen und die Dinge geordnet und klar von oben zu betrachten, kann man aber nicht, deswegen die Befindlichkeit nur mittelgut, als der Sommer sich danach in sich selbst übergibt, „etwas übertreibt“, ich beschwere mich nicht, ich liege in der Nacht, schwitze Laken durch, kann den Weg zum Kühlschrank im Halbschlaf (vermutlich schon immer), versuche, den Kopf ins Tiefkühlfach zu stecken, aber der Kühlschrank ist klein und der Kopf im Verhältnis (aber nur im Verhältnis) etwas zu groß, (kennst du das, wenn man meint zu spüren, wie das Gehirn an den Schädel klatscht?), und dann liegt man und merkt das Gepumpe von Blut und dem sonstigen Gelumpe, das durch einen hindurch muss, die Maschine läuft weiter, das kann sie ganz gut, das Jahr läuft auch weiter, das fragt man ja eh nicht, von nun an ist uns alles egal, „anterogade Amnesie wäre auch was für die Zeit nach Trennungen“, meinte L. neulich, „da könnte mal jemand ein Konzept für schreiben“, meinte sie noch hinterher und spuckte den Eiswürfel ins Gebüsch, „das hält man ja im Gaumen nicht aus“.

Dass wir vergessen und uns wieder wie selbstverständlich verlieren. In all den freundlichen Kleinigkeiten, die am Ende zählen werden. Essen und TV-Serien und Freunde, ein Kaffee auf dem Balkon, und der Hund, der nett schaut. Wir haben für Sekunden in die Hölle geblickt und sind gerade noch einmal davon gekommen.Es ist jetzt Juli, ein Jahr wie ein Leben, zur Hälfte vorbei, wir hecheln uns durch die Hundstage, wir beschweren uns nicht im gesprochenen Sinne, vom wortwörtlichen jedoch haben wir noch nicht genug Abstand, manchmal müssen wir uns vor Schaufenstern schütteln und wieder gerade hinstellen, man merkt das ja kaum noch, wenn man nur so geht. Ich habe dann wieder die Stimme der Ärztin im Ohr: „Vermeiden Sie ruckartige Bewegungen”. Okay, denke ich und lege mich sanft in die Kurve, so sanft und langsam, wie ich nur kann, das ist beinahe wie Einschlafen, aber auch das weiß man als Kind ja nie zu schätzen (wir sind jetzt erwachsen, auch wenn es nicht so aussieht), deswegen immer den Schildern nach, sanft in der Kurve, keine Eile, „das ist die beste Zeit“, sagen sie, „von hier aus kann man alles sehen“. Was war und was kommt und die seltsamen Menschen auf der Überholspur und das Getier am Wegesrand und man müsste doch ein Unmensch sein, würde einem nicht zumindest kurz schwindelig davon. Glaub mir, das Gewitter kommt bald und dann Fenster auf, Licht aus und warten.

Aneignung

Gans

Die Angst des älteren Kindes vor den Narben, das ungläubige Fingern um die Stellen herum, wo es schon schmerzt, aber noch aushaltbar, das Berühren der neuen Haut, das Ansehen, immer wieder Ansehen, das Pulen am Prozess der Wunde, so wie man kaum glauben kann, dass sich Schorf darauf legt, wenn das Loch nicht zu groß, nicht zu tief ist, die Akribie des älteren Kindes in der Beobachtung jeden Tag, die Begutachtung des eigenen Körpers in seiner Arbeit, in seinem Ausgleich eines Vorfalls, Biologie am wachsenden Subjekt betrachten. Im späteren Leben verlernen wir häufig das Befühlen der Wunde, geben das Urteil über den Zustand an Experten ab, und ich habe vergessen aus den Gründen auszuwählen, vermutlich macht es manchen Angst in das eigene Fleisch hineinzusehen, dem Verfall guten Tag zu sagen, wir lehnen uns zurück und lassen die Experten den Verband wechseln, anstatt mit großen Augen dazusitzen und zu sehen, was man da selbst über Nacht für einen Fortschritt gemacht hat, das ist ja auch mit den anderen Wunden so, wenn wir älter werden, wir warten ab und auf das Rezept und später starren wir ungläubig auf die neue Haut, die heller ist als das Drumherum, die faseriger ist als ihre Umgebung, die sich nicht schert um das, was war, sondern halt einfach ist, da erschrecken wir uns und niemand käme je auf die Idee zu sagen: Schau mal, Blödkopf, hab ich gemacht. Einfach nur durch essen und liegen und abwarten und Geduld. Die wenigsten berühren im ersten Reflex ihre neue Haut, sondern beäugen nur, ziehen die Augenbrauen hoch und begutachten, was nun daraus geworden ist von selbst. Die Identifikation mit der Wunde findet nicht statt, wir machen uns die eigene Veränderung nicht mehr zu eigen, sondern stehen außerhalb und sehen uns dabei zu. Und viele Jahre später wundern wir uns über das, was aus uns geworden ist. Die Rückeroberung des eigenen Körpers und der Entwicklung ist, was man uns dann neu beibringen muss (auch wieder für Geld), das Niederschmettern der verrückten Distanz zwischen uns und den Körpern und allem, was darin passiert, A, B oder C. Kreuz alles an, ist alles deins, hast du alles gedacht, gemacht, erwachsen. Als sprieße man aus sich hinaus. Dabei fallen wir so oft doch einfach nur in uns hinein. Es gibt nun einmal rekursiv aufzählbare Mengen, die nicht entscheidbar sind, mein Kind.

(Vorschlag in Vorsorge: Vielleicht hätten zwei, drei Fingerbreit jeden Tag schon genügt.)

Schwebeteilchen

Morgen

Es ist selten, dass man in der kurzen Zeit aufwacht, in der hier keine Autos fahren, es gibt diese halbe Stunde vielleicht, die zwischen den Tagen liegt, kalendarisch schon einzuordnen im nächsten ist diese halbe Stunde doch aber erst dieser Rinnstein, der die beiden Tage trennt, obwohl der neue, wenn man es genau nimmt, schon ein paar Stunden alt ist. Es kommt selten vor, dass man den eigenen Tag in dieser vielleicht halben Stunde beginnt, dass man genau dann aufsteht, wenn das Alte verfliegt und die Stadt steht, aber die Tiere nicht, wenn die Fenster ruhen, die Luft sich aber vor ihren Augen umzieht, und ich vermute, dass eigentlich das, was als Morgenstunden bezeichnet wird, eigentlich nur dreißig Minuten sind. Diese kurze Zeit hat der Nebel, um sichtbar zu werden, in diesen dreißig Minuten ist nichts vorhanden außer ein Schnarchen hier und da, manchmal taumeln noch ein paar Ausgespuckte, aber selbst die scheinen sich in dieser halben Stunde hinzusetzen und zu warten, es gibt keine Flugzeuge, keine Fahrräder, nur den Fuchs, der nach den Kaninchen in den Büschen neben der Bibliothek schaut. Es ist selten, dass man spürt, wie klar der Morgen eigentlich ist, er hat einen Anfang und ein Ende, alles, was darüber hinausgeht, hat schon nichts mehr mit ihm zu tun, es hat sich noch niemand die Mühe gemacht, dafür einen angemessenen Namen zu finden, aber der Morgen wohnt in dieser halben Stunde, da bin ich mir sicher, den Rest der Zeit spaziert er im Garten umher und bekommt nasse Socken.

Mithilfe von Luft

Markt

In der Stapferstraße wohnt eine Frau, die sehr gut pfeifen kann. Irgendwo hat sie ihr Fenster offen gelassen und pfeift, und keine Tonfolgen, sondern richtige Melodien, manchmal singt sie dazwischen oder summt, und dann pfeift sie weiter und immer wenn sie aufhört, (denn sie pfeift eher morgens) weiß man, jetzt muss man anfangen, irgendetwas zu tun, jetzt ist die Zeit vorbei, in der man liegt und horcht und noch nicht richtig begonnen hat, also mit nichts, jetzt muss begonnen werden und wieder angefangen, jetzt hat sie aufgehört zu pfeifen und den Staffelstab abgegeben, man weiß nicht, an wen, vermutlich an jeden.

bārāṇḍā

Veranda

Wenn die Jahreszeit es zulässt, kann man sich langsam wieder an die Luft gewöhnen, daran, draußen Dinge zu tun, die man nun viele Monate drinnen tat, man kann, wenn es genug Raum gibt, um draußen die Beine lang zu machen und man nirgendwo anstößt, beinahe wie ein Raupentier die Fühler und Armhaare ausstrecken und sich befreunden mit den Molekülen, alle Körperseiten können sich nach und nach der Sonne entgegen recken und den Wolken und dem Baum, den man haben könnte (und wenn man ihn hätte, würde man sagen: glücklicherweise). Nach zwei Stunden lesen im Freien, lesen vor dem eigenen Wohnzimmer, nicht lesen auf einem Ausflug, sondern dort wo man sich zuhause fühlt oder zumindest temporär zuhause ist, wenn man dort zwei Stunden liest und nicht bei jedem Wind sofort wieder aufs Sofa umzieht, sondern kurz wartet und wirklich erst beim richtigen Regen wieder ins überdachte Wohnzimmer geht, um von dort aus dem Wetter zuzusehen, nach zwei Stunden lesen dort, fängt der Körper an, friedlich eine Sommerkonsistenz zu finden, sich einzurichten im neuen Luftdruck, nach drei Stunden lacht man beinahe schon über die Haarsträhnen, die etwas hysterisch ständig hin und her fliegen nur wegen ein bisschen Wind, nach vier Stunden spielt man mit dem Gedanken, man könnte das später eigentlich häufig tun, man könnte jetzt Wege einschlagen, um so ein additionales Zimmer zu haben, eines ohne Dach, aber mit Stühlen, eines zum Lesen und Kräuter zupfen, eines für die Limonadengläser und Tische, die quietschen, eines, in dem man die kürzlich gefundenen, wirklich guten Kurzgeschichten noch ein zweites Mal liest und ein drittes Mal, eines zum Wetter sehen und anerkennen, eines zum Messen der Zeitverfluggeschwindigkeit. Oh man könnte, man könnte.

Die Unverletzlichkeit von Briefen

Zürich Hof

Nach den ersten Schritten sieht es beinahe so aus, als hätte der leichte Wind, der aber immer noch stärker ist als sonst, alle Menschen aus der Stadt geweht, als hätte er sie wie Blätter erst in den Rinnstein und später an den Rand der Kellertür getragen, wo sie sich übereinander zusammenfalten und liegen bleiben, denn verkeilt ist nun einmal verkeilt, das funktioniert auch mit minderer Textur. Als wir das Haus verlassen, fährt keines von den Kindern auf den Skateboards vorbei, die in diesen Tagen zu kurze Hosen tragen, um angemessen würdevoll mit dem Hintern auf dem Asphalt zu bremsen, alle sind auf einmal verschwunden, als hätte jemand die Stadt geschüttelt und jedes Teilchen hätte sich an einen anderen Ort gesetzt als wir.

„Hier singen die Bauarbeiter manchmal“, sagt K., als wir durch die Straße mit den schönen Häusern laufen, in Zürich muss man das betonen, da ist vieles schön dem Eindruck nach, aber diese Häuser sind nicht von gebügelter Schönheit, die Pflanzen haben sich über die Jahre um die Balkone geschlängelt, die Menschen, die dort leben, sind nicht gerade erst eingezogen, die wissen, wem sie vertrauen, wem nicht und wann sie Fenster beruhigt offen stehen lassen können, wo die Bobby-Cars gut aufgehoben sind. Die Straße wird neu gemacht, der Rest wird so gelassen, wir laufen durch ein Tor und dann steht da ein Turm neben uns, in dem Turbinen getestet werden. D. weiß es nicht genau, aber das mit dem Turbinen-Test-Turm klingt so schön und wir recherchieren nicht nach. Wirft man oben eine Möhre hinein, kommt unten ein Möhrensalat heraus. Vorne bei der Tram begegnen wir zum ersten Mal seit ein paar Minuten wieder einigen Menschen und je tiefer wir spazieren, umso mehr werden es. Vielleicht sind auch heute alle nur kraftlos den Berg hinab gerollt und am See ist die tiefste Stelle.

Dort sind alle, nicht nur ein paar, wirklich alle. Alle Künstler und Bankangestellten, alle Kinder, und Halbkinder und solche, die keine Kinder mehr sein wollen. Wir haben die andere Seite des Sees irgendwie verpasst, also lassen wir uns durch diese Menschen treiben, deren Stimmen sich auf mich setzen, als würden sie mich anfassen. Zu viele, zu nah, aber weiter. Und dann steht dieses Paar auf von der Bank, in dem Moment, als ich hinsehe, und wir setzen uns und wenn Geräusche einem nur noch im Rücken Theater machen, dann ist es einfacher sie wegzuschieben. Wir schauen auf die ruhige Seite und meine Beine werden immer länger und reichen irgendwann bis zum Springbrunnen drüben. Ein lang gezogener Ton bedeutet, wir bleiben auf Kurs.

Später, wir haben uns zu Starbucks verirrt und finden kaum heraus. „Das ist wie ein Disko“, sagt D. und sieht müde aus, wovon jetzt genau, weiß man nicht, weil Starbucks in der Einflugschneise zu liegen scheint, die Landebahn für den Rest, und auch hier muss man diesen Regeln folgen, die alle kennen, obwohl sie nirgendwo aufgeschrieben stehen. Dort holst du dir deinen Becher, dann malt jemand Kürzel darauf, dann bezahlst du, dort hinten wird gewartet und erst dann erhältst du dein Getränk, vorher wird noch einmal laut durch den Raum gebrüllt, weil alle es tun und wenn man es dann wieder raus geschafft hat ohne umzufallen oder einfach die Schnauze voll zu haben, dann steht man am Limmatquai, und drüben in der Frauen-Badi schwimmen schon die ersten. In der Bahn nach Hause liest die alte Dame mit der roten Bluse einen handgeschriebenen Brief, er wurde zweimal gefaltet, sie packt ihn auf den Knien aus, die Schrift ist ordentlich, als habe jemand vorher mit dem Lineal unsichtbare Linien gezogen, sie liest ihn einmal und noch einmal und dann steigen wir aus, wir haben dieselbe Haarlänge (und ich wünsche mir, ich werde später, wenn ich so aussehe, noch Briefe auseinander falten und lesen und wieder zusammen falten und in ihr Kuvert zurücklegen, ich wünsche mir, dann einen Ort für sie zu haben, eine Schatulle, und diese nicht umsonst zu besitzen, sondern sie immer mal wieder öffnen zu können).

Libelle

Zürich

Es gibt Menschen, die schalten an anderen Orten sofort Musik an, ich kenne nicht viele von ihnen, aber ich kenne ein paar. Sie setzen sich, sobald sie gelandet sind, Kopfhörer auf und folgen nur noch Buchstaben, die ihnen den Weg zeigen. Ich glaube häufig, mir würde das schwerfallen. Als würde ich die Fremde negieren, indem ich Vertrautes auflege, etwas drüber decke. Allein das Aufsetzen der Kopfhörer würde mir simulieren, ich hätte eine Ahnung, alles sei wie immer oder es bliebe zumindest ein Rest davon, als wüsste ich, wo ich bin oder wäre hier schon einmal gewesen. Und selbst wenn das stimmt, scheint mein Körper einige Minuten zu brauchen, um sich einzustellen auf den neuen Pegel, als hieße es, mich neu zu kalibrieren, neue Stimmfarben, andere Luft, verschobenes Grundrauschen. Ich brauche das sogar, wenn ich nur in Potsdam aussteige, manchmal genügt sogar ein anderer Bezirk. Als gehöre das zur Rüstung, die sich zurechtschiebt, sobald ich einen neuen U-Bahnhof verlasse. In Zügen, Bahnen, Bussen ist das anders, aber sobald der Raum weit ist und ohne Türen, sobald ich selbst gehen muss, sperrt mein Körper alle Poren auf, lässt das Neue hinein und richtet sich dann aus. Dieser Vorgang kann ein paar Minuten dauern, bitte brechen Sie ihn nicht ab.

Segeln gehen

Kaffee

„Gibst du mir mal die Milch?”, fragt K. und ich reiche ihr den kleinen Krug. „Ich mag es, wenn die Milch im Kaffee flockt“, sagt sie einige Zeit später, als ich gerade das Ei auf dem Brot in viele kleine Stücke zerteile, wobei es nicht auf dem Brot bleibt, obwohl genau das der Plan gewesen war. „Die meisten Leute können das nicht aushalten“, sagt K. und ich denke wieder, ich hätte nicht genau zugehört, einen Satz davor verpasst, vielleicht zwei, also sage ich gar nichts und schaue sie an, sie sieht über die Veranda hinaus bis hinter den Zaun, wo das andere Gras beginnt, das breitere, das mit dem Wind geht und nicht nur verloren darin herumsteht. Sie rührt in ihrem Kaffee und schaut in die Tasse und ich habe schon den ganzen Morgen das Gefühl, vielleicht kommt ein Sturm, vielleicht kommt wirklich einer, aber die Wetterstation sagt nichts und vielleicht brauchen wir mehr davon für Wetter und Witterung und die Dinge dazwischen. „Zumindest schauen die Leute meistens angewidert weg“, sagt K. und schaut von der Tasse auf, die sie in beide Hände nimmt jetzt. „Ausflockung habe ich immer als neues Universum gesehen, schon als Kind. Ich saß davor und habe beobachtet, wie sich die Stückchen erst verteilen, dann schwimmen und sich dann irgendwann doch mit dem Kaffee verbinden, als bräuchten sie für alles ein bisschen länger. Mein Großvater ermahnte mich stets.“ – „Warum“, frage ich. Am Horizont tauchen die ersten dunkleren Schlieren auf. „Vielleicht hatte er Angst, ich würde sein Getränk mit bloßen Blicken verschütten, dabei habe ich nur zugesehen und biss vor Spannung beinahe in die Tischkante. Ich konnte es ja auch nicht erklären, also was ich sah und was ich damit wollte, was ich zu entdecken versuchte, ich versuchte es eben und die Erwachsenen rührten meistens viel zu schnell um.“

April in Schöneberg.

Blüten

Du bist zu früh dran, will ich dem Jahr sagen, ich bin noch nicht so weit, will ich der Ampel sagen, ich mag deine Stimme nicht, will ich der Karten-App sagen, als mein Blick auf die Manufactum-Lampe fällt, die auch in jeder zweiten Altbauwohnung hier hängt, auch in Mitte, alle haben dieselbe Manufactum-Lampe und abends noch das große Licht an. Frag ich mich auch immer, wer so macht, abends das große Licht an, „aus aus aus“, sagt A. auch immer, wenn es zu hell ist (nur morgens nicht, da ruft er „Essen essen essen“), da sind wir uns einig (in beidem). Neulich stand er vor einer Galerie, das war nicht in Schöneberg, aber die Fenster waren auf seiner Höhe, noch passiert das selten, und dann steht er und schaut und in dem Moment rief er: „Bilder! Laden! Bilderladen!“, und ich dachte, dass das in unserem Kapitalismus wahrscheinlich so funktioniert, dass die Kinder lernen, dass dort, wo die großen, offenen Fenster sind, gekauft wird. Alle anderen ziehen die Gardinen zu.

Überm Spielsalon hängt keine Manufactum-Lampe, da sprießt etwas unter der Decke entlang, das aussieht wie Efeu. Ich habe gelesen, Efeu stünde für das Ewige und ich frag mich, ob man das im Wohnzimmer haben will, also immer über einem drüber, wenn man Tee trinkt zum Beispiel oder die Füße hochlegt oder sich wieder einmal an irgendetwas verhebt. Als ich um die Ecke fahre, steht da plötzlich das Gasometer, irgendwo zwischen Gleisen, Zaun und Gebüsch kifft jemand, das Licht legt sich langsam hin, man kann zusehen, wie es immer tiefer rutscht und irgendwann weg döst. S. sagt, die Menschen hier hätten schon Bock auf Bürgerlichkeit, „aber die faken das nicht und ziehen ihren Kindern keine Band-T-Shirts an“.

Irgendwo zwischen Rosé und Kräutertee taucht dann auch noch ein Regenbogen auf, und man möchte eigentlich sofort aufs Gasometer klettern. Vorn an der Ecke sitzt eine Frau mit pinkem Haargummi und raucht die Ampel an. Sie wartet auf niemanden, ich glaube, sie denkt nicht einmal irgendwas, sie sitzt nur da und raucht und die blaue Stunde kriecht an ihren nackten Schienbeinen hinauf, ohne sich in ihren Schnürsenkeln zu verheddern, weiter vorne hat jemand verschiedenfarbige Flaschen auf dem Bürgersteig zerdeppert und es sieht aus, als wäre ein Stück aus dem Regenbogen gebrochen und runtergekracht, keine Verletzten. Langsam wanken die letzten aus dem Park am Gleisdreieck, vor dem die neuen roten Absperrungen stehen wie zu groß geratene Zähne, hier kommst du nicht durch, jedenfalls nicht mit derselben Geschwindigkeit, dahinter kommt durchs Halbdunkel ein Skateboarder gerollt, alle sehen aus, als würden sie jetzt wirklich nach Hause fahren (oder das zumindest für in Ordnung halten).

An Sonntagabenden muss man nicht viel sagen, alle summen lautlos, „du weißt, ich würde sterben für dich, um dir ein gutes Leben zu garantieren“. Die Schaufenster der Likörfabrik sind so beleuchtet, als gäbe es ein Morgen und als wäre es ratsam, sich deswegen zu betrinken. „Wir kennen die Stellen, an denen Sachen geschahen, und wir kennen die Gerüche und wir kennen die Gegenstände. Und wir können spüren, wie sie die Form verlieren. Fahr, fahr.“