Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Aneignung

Gans

Die Angst des älteren Kindes vor den Narben, das ungläubige Fingern um die Stellen herum, wo es schon schmerzt, aber noch aushaltbar, das Berühren der neuen Haut, das Ansehen, immer wieder Ansehen, das Pulen am Prozess der Wunde, so wie man kaum glauben kann, dass sich Schorf darauf legt, wenn das Loch nicht zu groß, nicht zu tief ist, die Akribie des älteren Kindes in der Beobachtung jeden Tag, die Begutachtung des eigenen Körpers in seiner Arbeit, in seinem Ausgleich eines Vorfalls, Biologie am wachsenden Subjekt betrachten. Im späteren Leben verlernen wir häufig das Befühlen der Wunde, geben das Urteil über den Zustand an Experten ab, und ich habe vergessen aus den Gründen auszuwählen, vermutlich macht es manchen Angst in das eigene Fleisch hineinzusehen, dem Verfall guten Tag zu sagen, wir lehnen uns zurück und lassen die Experten den Verband wechseln, anstatt mit großen Augen dazusitzen und zu sehen, was man da selbst über Nacht für einen Fortschritt gemacht hat, das ist ja auch mit den anderen Wunden so, wenn wir älter werden, wir warten ab und auf das Rezept und später starren wir ungläubig auf die neue Haut, die heller ist als das Drumherum, die faseriger ist als ihre Umgebung, die sich nicht schert um das, was war, sondern halt einfach ist, da erschrecken wir uns und niemand käme je auf die Idee zu sagen: Schau mal, Blödkopf, hab ich gemacht. Einfach nur durch essen und liegen und abwarten und Geduld. Die wenigsten berühren im ersten Reflex ihre neue Haut, sondern beäugen nur, ziehen die Augenbrauen hoch und begutachten, was nun daraus geworden ist von selbst. Die Identifikation mit der Wunde findet nicht statt, wir machen uns die eigene Veränderung nicht mehr zu eigen, sondern stehen außerhalb und sehen uns dabei zu. Und viele Jahre später wundern wir uns über das, was aus uns geworden ist. Die Rückeroberung des eigenen Körpers und der Entwicklung ist, was man uns dann neu beibringen muss (auch wieder für Geld), das Niederschmettern der verrückten Distanz zwischen uns und den Körpern und allem, was darin passiert, A, B oder C. Kreuz alles an, ist alles deins, hast du alles gedacht, gemacht, erwachsen. Als sprieße man aus sich hinaus. Dabei fallen wir so oft doch einfach nur in uns hinein. Es gibt nun einmal rekursiv aufzählbare Mengen, die nicht entscheidbar sind, mein Kind.

(Vorschlag in Vorsorge: Vielleicht hätten zwei, drei Fingerbreit jeden Tag schon genügt.)

Schwebeteilchen

Morgen

Es ist selten, dass man in der kurzen Zeit aufwacht, in der hier keine Autos fahren, es gibt diese halbe Stunde vielleicht, die zwischen den Tagen liegt, kalendarisch schon einzuordnen im nächsten ist diese halbe Stunde doch aber erst dieser Rinnstein, der die beiden Tage trennt, obwohl der neue, wenn man es genau nimmt, schon ein paar Stunden alt ist. Es kommt selten vor, dass man den eigenen Tag in dieser vielleicht halben Stunde beginnt, dass man genau dann aufsteht, wenn das Alte verfliegt und die Stadt steht, aber die Tiere nicht, wenn die Fenster ruhen, die Luft sich aber vor ihren Augen umzieht, und ich vermute, dass eigentlich das, was als Morgenstunden bezeichnet wird, eigentlich nur dreißig Minuten sind. Diese kurze Zeit hat der Nebel, um sichtbar zu werden, in diesen dreißig Minuten ist nichts vorhanden außer ein Schnarchen hier und da, manchmal taumeln noch ein paar Ausgespuckte, aber selbst die scheinen sich in dieser halben Stunde hinzusetzen und zu warten, es gibt keine Flugzeuge, keine Fahrräder, nur den Fuchs, der nach den Kaninchen in den Büschen neben der Bibliothek schaut. Es ist selten, dass man spürt, wie klar der Morgen eigentlich ist, er hat einen Anfang und ein Ende, alles, was darüber hinausgeht, hat schon nichts mehr mit ihm zu tun, es hat sich noch niemand die Mühe gemacht, dafür einen angemessenen Namen zu finden, aber der Morgen wohnt in dieser halben Stunde, da bin ich mir sicher, den Rest der Zeit spaziert er im Garten umher und bekommt nasse Socken.

Mithilfe von Luft

Markt

In der Stapferstraße wohnt eine Frau, die sehr gut pfeifen kann. Irgendwo hat sie ihr Fenster offen gelassen und pfeift, und keine Tonfolgen, sondern richtige Melodien, manchmal singt sie dazwischen oder summt, und dann pfeift sie weiter und immer wenn sie aufhört, (denn sie pfeift eher morgens) weiß man, jetzt muss man anfangen, irgendetwas zu tun, jetzt ist die Zeit vorbei, in der man liegt und horcht und noch nicht richtig begonnen hat, also mit nichts, jetzt muss begonnen werden und wieder angefangen, jetzt hat sie aufgehört zu pfeifen und den Staffelstab abgegeben, man weiß nicht, an wen, vermutlich an jeden.

bārāṇḍā

Veranda

Wenn die Jahreszeit es zulässt, kann man sich langsam wieder an die Luft gewöhnen, daran, draußen Dinge zu tun, die man nun viele Monate drinnen tat, man kann, wenn es genug Raum gibt, um draußen die Beine lang zu machen und man nirgendwo anstößt, beinahe wie ein Raupentier die Fühler und Armhaare ausstrecken und sich befreunden mit den Molekülen, alle Körperseiten können sich nach und nach der Sonne entgegen recken und den Wolken und dem Baum, den man haben könnte (und wenn man ihn hätte, würde man sagen: glücklicherweise). Nach zwei Stunden lesen im Freien, lesen vor dem eigenen Wohnzimmer, nicht lesen auf einem Ausflug, sondern dort wo man sich zuhause fühlt oder zumindest temporär zuhause ist, wenn man dort zwei Stunden liest und nicht bei jedem Wind sofort wieder aufs Sofa umzieht, sondern kurz wartet und wirklich erst beim richtigen Regen wieder ins überdachte Wohnzimmer geht, um von dort aus dem Wetter zuzusehen, nach zwei Stunden lesen dort, fängt der Körper an, friedlich eine Sommerkonsistenz zu finden, sich einzurichten im neuen Luftdruck, nach drei Stunden lacht man beinahe schon über die Haarsträhnen, die etwas hysterisch ständig hin und her fliegen nur wegen ein bisschen Wind, nach vier Stunden spielt man mit dem Gedanken, man könnte das später eigentlich häufig tun, man könnte jetzt Wege einschlagen, um so ein additionales Zimmer zu haben, eines ohne Dach, aber mit Stühlen, eines zum Lesen und Kräuter zupfen, eines für die Limonadengläser und Tische, die quietschen, eines, in dem man die kürzlich gefundenen, wirklich guten Kurzgeschichten noch ein zweites Mal liest und ein drittes Mal, eines zum Wetter sehen und anerkennen, eines zum Messen der Zeitverfluggeschwindigkeit. Oh man könnte, man könnte.

Die Unverletzlichkeit von Briefen

Zürich Hof

Nach den ersten Schritten sieht es beinahe so aus, als hätte der leichte Wind, der aber immer noch stärker ist als sonst, alle Menschen aus der Stadt geweht, als hätte er sie wie Blätter erst in den Rinnstein und später an den Rand der Kellertür getragen, wo sie sich übereinander zusammenfalten und liegen bleiben, denn verkeilt ist nun einmal verkeilt, das funktioniert auch mit minderer Textur. Als wir das Haus verlassen, fährt keines von den Kindern auf den Skateboards vorbei, die in diesen Tagen zu kurze Hosen tragen, um angemessen würdevoll mit dem Hintern auf dem Asphalt zu bremsen, alle sind auf einmal verschwunden, als hätte jemand die Stadt geschüttelt und jedes Teilchen hätte sich an einen anderen Ort gesetzt als wir.

„Hier singen die Bauarbeiter manchmal“, sagt K., als wir durch die Straße mit den schönen Häusern laufen, in Zürich muss man das betonen, da ist vieles schön dem Eindruck nach, aber diese Häuser sind nicht von gebügelter Schönheit, die Pflanzen haben sich über die Jahre um die Balkone geschlängelt, die Menschen, die dort leben, sind nicht gerade erst eingezogen, die wissen, wem sie vertrauen, wem nicht und wann sie Fenster beruhigt offen stehen lassen können, wo die Bobby-Cars gut aufgehoben sind. Die Straße wird neu gemacht, der Rest wird so gelassen, wir laufen durch ein Tor und dann steht da ein Turm neben uns, in dem Turbinen getestet werden. D. weiß es nicht genau, aber das mit dem Turbinen-Test-Turm klingt so schön und wir recherchieren nicht nach. Wirft man oben eine Möhre hinein, kommt unten ein Möhrensalat heraus. Vorne bei der Tram begegnen wir zum ersten Mal seit ein paar Minuten wieder einigen Menschen und je tiefer wir spazieren, umso mehr werden es. Vielleicht sind auch heute alle nur kraftlos den Berg hinab gerollt und am See ist die tiefste Stelle.

Dort sind alle, nicht nur ein paar, wirklich alle. Alle Künstler und Bankangestellten, alle Kinder, und Halbkinder und solche, die keine Kinder mehr sein wollen. Wir haben die andere Seite des Sees irgendwie verpasst, also lassen wir uns durch diese Menschen treiben, deren Stimmen sich auf mich setzen, als würden sie mich anfassen. Zu viele, zu nah, aber weiter. Und dann steht dieses Paar auf von der Bank, in dem Moment, als ich hinsehe, und wir setzen uns und wenn Geräusche einem nur noch im Rücken Theater machen, dann ist es einfacher sie wegzuschieben. Wir schauen auf die ruhige Seite und meine Beine werden immer länger und reichen irgendwann bis zum Springbrunnen drüben. Ein lang gezogener Ton bedeutet, wir bleiben auf Kurs.

Später, wir haben uns zu Starbucks verirrt und finden kaum heraus. „Das ist wie ein Disko“, sagt D. und sieht müde aus, wovon jetzt genau, weiß man nicht, weil Starbucks in der Einflugschneise zu liegen scheint, die Landebahn für den Rest, und auch hier muss man diesen Regeln folgen, die alle kennen, obwohl sie nirgendwo aufgeschrieben stehen. Dort holst du dir deinen Becher, dann malt jemand Kürzel darauf, dann bezahlst du, dort hinten wird gewartet und erst dann erhältst du dein Getränk, vorher wird noch einmal laut durch den Raum gebrüllt, weil alle es tun und wenn man es dann wieder raus geschafft hat ohne umzufallen oder einfach die Schnauze voll zu haben, dann steht man am Limmatquai, und drüben in der Frauen-Badi schwimmen schon die ersten. In der Bahn nach Hause liest die alte Dame mit der roten Bluse einen handgeschriebenen Brief, er wurde zweimal gefaltet, sie packt ihn auf den Knien aus, die Schrift ist ordentlich, als habe jemand vorher mit dem Lineal unsichtbare Linien gezogen, sie liest ihn einmal und noch einmal und dann steigen wir aus, wir haben dieselbe Haarlänge (und ich wünsche mir, ich werde später, wenn ich so aussehe, noch Briefe auseinander falten und lesen und wieder zusammen falten und in ihr Kuvert zurücklegen, ich wünsche mir, dann einen Ort für sie zu haben, eine Schatulle, und diese nicht umsonst zu besitzen, sondern sie immer mal wieder öffnen zu können).

Libelle

Zürich

Es gibt Menschen, die schalten an anderen Orten sofort Musik an, ich kenne nicht viele von ihnen, aber ich kenne ein paar. Sie setzen sich, sobald sie gelandet sind, Kopfhörer auf und folgen nur noch Buchstaben, die ihnen den Weg zeigen. Ich glaube häufig, mir würde das schwerfallen. Als würde ich die Fremde negieren, indem ich Vertrautes auflege, etwas drüber decke. Allein das Aufsetzen der Kopfhörer würde mir simulieren, ich hätte eine Ahnung, alles sei wie immer oder es bliebe zumindest ein Rest davon, als wüsste ich, wo ich bin oder wäre hier schon einmal gewesen. Und selbst wenn das stimmt, scheint mein Körper einige Minuten zu brauchen, um sich einzustellen auf den neuen Pegel, als hieße es, mich neu zu kalibrieren, neue Stimmfarben, andere Luft, verschobenes Grundrauschen. Ich brauche das sogar, wenn ich nur in Potsdam aussteige, manchmal genügt sogar ein anderer Bezirk. Als gehöre das zur Rüstung, die sich zurechtschiebt, sobald ich einen neuen U-Bahnhof verlasse. In Zügen, Bahnen, Bussen ist das anders, aber sobald der Raum weit ist und ohne Türen, sobald ich selbst gehen muss, sperrt mein Körper alle Poren auf, lässt das Neue hinein und richtet sich dann aus. Dieser Vorgang kann ein paar Minuten dauern, bitte brechen Sie ihn nicht ab.

Segeln gehen

Kaffee

„Gibst du mir mal die Milch?”, fragt K. und ich reiche ihr den kleinen Krug. „Ich mag es, wenn die Milch im Kaffee flockt“, sagt sie einige Zeit später, als ich gerade das Ei auf dem Brot in viele kleine Stücke zerteile, wobei es nicht auf dem Brot bleibt, obwohl genau das der Plan gewesen war. „Die meisten Leute können das nicht aushalten“, sagt K. und ich denke wieder, ich hätte nicht genau zugehört, einen Satz davor verpasst, vielleicht zwei, also sage ich gar nichts und schaue sie an, sie sieht über die Veranda hinaus bis hinter den Zaun, wo das andere Gras beginnt, das breitere, das mit dem Wind geht und nicht nur verloren darin herumsteht. Sie rührt in ihrem Kaffee und schaut in die Tasse und ich habe schon den ganzen Morgen das Gefühl, vielleicht kommt ein Sturm, vielleicht kommt wirklich einer, aber die Wetterstation sagt nichts und vielleicht brauchen wir mehr davon für Wetter und Witterung und die Dinge dazwischen. „Zumindest schauen die Leute meistens angewidert weg“, sagt K. und schaut von der Tasse auf, die sie in beide Hände nimmt jetzt. „Ausflockung habe ich immer als neues Universum gesehen, schon als Kind. Ich saß davor und habe beobachtet, wie sich die Stückchen erst verteilen, dann schwimmen und sich dann irgendwann doch mit dem Kaffee verbinden, als bräuchten sie für alles ein bisschen länger. Mein Großvater ermahnte mich stets.“ – „Warum“, frage ich. Am Horizont tauchen die ersten dunkleren Schlieren auf. „Vielleicht hatte er Angst, ich würde sein Getränk mit bloßen Blicken verschütten, dabei habe ich nur zugesehen und biss vor Spannung beinahe in die Tischkante. Ich konnte es ja auch nicht erklären, also was ich sah und was ich damit wollte, was ich zu entdecken versuchte, ich versuchte es eben und die Erwachsenen rührten meistens viel zu schnell um.“

April in Schöneberg.

Blüten

Du bist zu früh dran, will ich dem Jahr sagen, ich bin noch nicht so weit, will ich der Ampel sagen, ich mag deine Stimme nicht, will ich der Karten-App sagen, als mein Blick auf die Manufactum-Lampe fällt, die auch in jeder zweiten Altbauwohnung hier hängt, auch in Mitte, alle haben dieselbe Manufactum-Lampe und abends noch das große Licht an. Frag ich mich auch immer, wer so macht, abends das große Licht an, „aus aus aus“, sagt A. auch immer, wenn es zu hell ist (nur morgens nicht, da ruft er „Essen essen essen“), da sind wir uns einig (in beidem). Neulich stand er vor einer Galerie, das war nicht in Schöneberg, aber die Fenster waren auf seiner Höhe, noch passiert das selten, und dann steht er und schaut und in dem Moment rief er: „Bilder! Laden! Bilderladen!“, und ich dachte, dass das in unserem Kapitalismus wahrscheinlich so funktioniert, dass die Kinder lernen, dass dort, wo die großen, offenen Fenster sind, gekauft wird. Alle anderen ziehen die Gardinen zu.

Überm Spielsalon hängt keine Manufactum-Lampe, da sprießt etwas unter der Decke entlang, das aussieht wie Efeu. Ich habe gelesen, Efeu stünde für das Ewige und ich frag mich, ob man das im Wohnzimmer haben will, also immer über einem drüber, wenn man Tee trinkt zum Beispiel oder die Füße hochlegt oder sich wieder einmal an irgendetwas verhebt. Als ich um die Ecke fahre, steht da plötzlich das Gasometer, irgendwo zwischen Gleisen, Zaun und Gebüsch kifft jemand, das Licht legt sich langsam hin, man kann zusehen, wie es immer tiefer rutscht und irgendwann weg döst. S. sagt, die Menschen hier hätten schon Bock auf Bürgerlichkeit, „aber die faken das nicht und ziehen ihren Kindern keine Band-T-Shirts an“.

Irgendwo zwischen Rosé und Kräutertee taucht dann auch noch ein Regenbogen auf, und man möchte eigentlich sofort aufs Gasometer klettern. Vorn an der Ecke sitzt eine Frau mit pinkem Haargummi und raucht die Ampel an. Sie wartet auf niemanden, ich glaube, sie denkt nicht einmal irgendwas, sie sitzt nur da und raucht und die blaue Stunde kriecht an ihren nackten Schienbeinen hinauf, ohne sich in ihren Schnürsenkeln zu verheddern, weiter vorne hat jemand verschiedenfarbige Flaschen auf dem Bürgersteig zerdeppert und es sieht aus, als wäre ein Stück aus dem Regenbogen gebrochen und runtergekracht, keine Verletzten. Langsam wanken die letzten aus dem Park am Gleisdreieck, vor dem die neuen roten Absperrungen stehen wie zu groß geratene Zähne, hier kommst du nicht durch, jedenfalls nicht mit derselben Geschwindigkeit, dahinter kommt durchs Halbdunkel ein Skateboarder gerollt, alle sehen aus, als würden sie jetzt wirklich nach Hause fahren (oder das zumindest für in Ordnung halten).

An Sonntagabenden muss man nicht viel sagen, alle summen lautlos, „du weißt, ich würde sterben für dich, um dir ein gutes Leben zu garantieren“. Die Schaufenster der Likörfabrik sind so beleuchtet, als gäbe es ein Morgen und als wäre es ratsam, sich deswegen zu betrinken. „Wir kennen die Stellen, an denen Sachen geschahen, und wir kennen die Gerüche und wir kennen die Gegenstände. Und wir können spüren, wie sie die Form verlieren. Fahr, fahr.“

Kiesbett

Strand

„Man kann sich nicht einfach umdrehen, weil es beim Menschen ja nicht einmal so ein richtiges Oben und Unten gibt, man kann sich nicht einfach andersherum legen, damit heraus läuft, was wie ein Steinchen in einem herumschwimmt, weil in einem vielleicht das Blut umzieht, aber das Blut nimmt auch nicht immer alles mit, nicht weit genug jedenfalls. Man kann sich nicht einfach umkrempeln, man wird auch nicht einfach so zu einem Grobstrickpullover, durch den alles fällt, Regen und Wind und Fluggeschwindigkeit und eben diese Steinchen, die nebeneinander so aussehen, als dürfe nie eine Welle kommen oder der Plastikeimer einer Urlaubsfamilie, ein Rentner mit einem besonderen Hobby oder einfach nur ein alter Hund. Wenn man sie einzeln findet später in Jackentaschen, nachdem sie durch das nicht mehr warme Jahr getragen wurden, wenn man sie dann findet, glänzen sie nicht mehr, die sind eher völlig stumpf dann, haben andere Farben und kleben einem unsouverän in der Handfalte, es ist nichts anders und eben doch alles, die wurden nicht einmal abgeschmirgelt, denn Taschentücher und Kaugummipapier und Schlüsselbänder sind relativ untalentiert, was das angeht, also die Schmirgelei von Strandgut, meine ich, und das Strandgut hat sich nicht verändert, aber wurde verkrümelt und diese Verkrümelung macht wirklich nur bei Teigwaren Sinn und dort ist sie zumindest meistens von wirklich kurzer Dauer. (…) Ich bin sogar noch einmal hingefahren, weißt du, ich habe versucht, alles zurückzubringen dorthin, wo alles richtig war, aber ich hab nichts mehr wiedergefunden, nur einen zerfledderten Zettel, eine Fahrkarte und eine Ahnung. Ich bin im Krebsgang über den scheiß Strand gerobbt und hab versucht, alles wiederzuerkennen, der Stein in der Tasche und der in der Faust sind nicht einmal beim Kopfstand an den richtigen Platz gefallen, obwohl ich reichlich dämlich mit den Beinen gestrampelt habe und mir Sand aus den Schuhen ins Nasenloch gerieselt ist, stundenlang hab ich da gestanden und mir lief das Meer in die unteren Wimpern hinein, oder halt das, was der Wind vom Meer rüberträgt, und später irgendwann klebten mir die getrockneten schwarzen Algen in den Hautrillen unter dem Knie. Es bringt halt auch nichts sich umzudrehen und zu schütteln, das habe ich ja kapiert jetzt, also auch, dass es ein Irrglaube ist, dorthin zurückzufinden, wo einen der Zufall ausgespuckt hat. Konnte der ja nicht wissen, dass das was bedeutet. Konnte der ja nicht wissen, dass ich doch noch einmal dorthin zurück will, haha, ich bin jedenfalls wirklich noch einmal hingefahren, aber ich hab die Stelle nicht gefunden, an der wir saßen, als alles richtig war, also habe ich mir den Kiesel in den Mund gesteckt, ich hab mich nicht getraut zu schlucken, aber ich wollte ihn aufbewahren, man soll sich ja auch aus Versehen oder mit Absicht abgeschnittene Finger in den Mund stecken, wenn man vorhat, sie wieder anzunähen oder annähen zu lassen, ich hab den Kiesel also unter der Zunge vergraben und dann war er irgendwann weg und ich hab gedacht, voll gut, einfach verschwunden, soll es ja geben, ist mir zwar noch nie passiert, aber soll es ja geben und selbst wenn man die Hoffnung an sowas schon aufgegeben hat, weiß man ja noch, wie sie aussah und schwups glaubt man wieder dran. Jedenfalls dachte ich erst: Soll es ja geben, der Stein ist weg! Aber er ist nur diffundiert, denn später als ich am Ufer saß, konnte ich ihn in meinem Ohrläppchen spüren, ich saß am Wasser, weißt du, und hab gedacht, das kann ja jetzt nicht sein, dass der einfach verschwunden ist, aber gut, manche Sachen will man ja auch gar nicht in Frage stellen und dann merkte ich, wie das warm wurde und fasste mit der Hand hin und da hab ich ihn gespürt und der ist nicht mehr weggegangen seitdem und jetzt steh ich da und bin die Frau mit dem Stein im Blut, der wandert in mir herum wie son Weißnichtwas und manchmal merke ich ihn besonders, wenn er in die Fingerkuppe rutscht, er reagiert nicht magnetisch, aber wenn ich ihn morgen zu nah an den Fön halte, den Finger, dann pulsiert die Kuppe mit dem Stein und das ist dann wie damals, ich weiß noch die Sonne und ich weiß, wie lächerlich es ist, wenn ich morgens zu spät komme wegen einem scheiß Fön, ich weiß, wie sehr mein Nachbar das hasst, ich weiß, er schläft lang, aber da muss er durch, der Nachbar, weißt du, manchmal spüre ich noch, wo der Stein ist, der schwimmt ja auch rum, und ich bin froh, wenn er im Finger sitzt, ich will den da am liebsten festketten, weil dann rutscht er mir nicht in die Lunge oder so, nicht unter die Fußsohle, ich will, dass der da bleibt, das sage ich ihm jedes Mal, wenn ich ihn erwische, aber er bleibt da nicht, er wandert rum, als würde er immer noch suchen – aber jetzt wo ich ihn verschluckt hab, immer mitnehme, ich werd den ja nicht mehr los, weißt du, jetzt muss wenigstens ich das nicht mehr.“

So einen Menschen hat jeder.

Oder auch: Warum niemand das Recht hat, mein Privatleben auseinander zu rupfen wie einen Blattsalat.

War is hell

Es gibt Texte, die schiebt man wochen- und manchmal monatelang vor sich her, bis man irgendwann das Gefühl hat, sie sitzen einem direkt hinter dem Weisheitszahn und man kann sich nicht unbedingt besser artikulieren, wenn man sie dort weiter sitzen lässt. Im Publikum eines Talks auf der re:publica heute und auch bei der Vorbereitung darauf wurde aus dem Text hinter dem Weisheitszahn ein Kloß im Hals, der raus will, obwohl ich, die ich ihn schon eine Weile mit mir herumtrage, Angst davor habe, ihn aufzuschreiben, ins rauszusetzen in das Netz, in dem ich mich einst mal sicher fühlte, weil ich mir zum einen keine Gedanken darum machte und auch nicht machen musste, was mir eigentlich passieren kann, wenn ich dort Dinge verhandle, wenn ich meine (von vielen als „literarisch“ beschriebenen) Texte dort veröffentliche und niemandem meine Gründe für diese Veröffentlichung verrate, wenn ich meine Sprache im Netz ausprobiere, meine Grenzen teste, kommuniziere. Und ich spüre schon jetzt in diesem ersten Absatz, wie ich sofort auslote, ob man einen Satz falsch verstehen könnte, ob ich wirklich artikulieren kann, was ich meine, ob ich das hier überhaupt schreiben darf.

Das ist hier mein Vortrag, den ich mich nicht trauen werde zu halten, weil mein Herz mir schon jetzt beim Schreiben beinahe aus der Brust springt. Das hier ist mein ungesprochener Talk zum Thema Hate Speech, und zwar zu gesprochenener und nicht geschriebener Hate Speech, in der die sogenannte Netzgemeinde jedoch genauso gut ist wie in der getippten. Und ich bewundere Menschen wie Anne Wizorek dafür, dass sie sich auf Bühnen stellen, um mit Menschen darüber zu sprechen, was geht und was nicht gehen darf, was respektlos ist und wie Anonymisierungssoftware funktioniert. Was ich hinzufügen möchte zu diesen ausdrücklich sehr guten, reflektierten, durchdachten Talks ist, dass viele Menschen, die sich als Teil dieser von den Medien betitelten „Netzgemeinde“ fühlen, Hate Speech nicht nur schriftlich, nicht nur anonymisiert, nicht immer nur direkt anwenden, sondern auch gesprochen. Die „Netzgemeinde“ ist selten gut in reflektierter, direkter und gleichzeitig sensibler Kritik. Was sie aber nach all meiner Erfahrung leider häufig gut kann, ist die hochgezogene Augenbraue, das Gemauschel, das Hintenrum, während Hände geschüttelt, Postings geliked und all diese Dinge getan werden, die die „Netzgemeinde“ nun einmal so tut. Und ich glaube, wir vergessen das häufig, wenn wir über Hate Speech sprechen, über Attacken und Anfeindungen im Netz, über Harassment und wo das eigentlich alles anfängt.

Ich habe über mehrere Jahre verschiedene Erfahrungen gemacht. Menschen, die meinen Blog und meine Texte täglich lasen, was man nachvollziehen kann mit diversen Appaturen und Messwerkzeugen, wenn man es muss, Menschen, die mir auch so im Leben öfter begegneten, haben sich ausgelassen von vorne bis hinten über mich, mein Leben, mein Blog und meinen Umgang mit Texten im Netz, ich wurde beschimpft, beleidigt, abgewertet, manchmal auch bedroht, es wurden Lügen verbreitet – in einzelnen Fällen direkt schriftlich, häufig aber mündlich. Meistens aber vor allem um sieben Ecken herum, dafür aber über Monate hinweg. Meine im Netz auftretende Person, aber auch das ganze Leben dahinter wurde durchgewalkt, auf Partys, Dark Twitter, in Foren und in Kneipen. Und das schreibe ich nicht, weil ich das super finde, sondern weil mir schlecht wird bei dem Gedanken daran. Die an der digitalen Persönlichkeit hängende Person, ich nämlich, wurde begrüßt, angesprochen und um Hilfe gebeten, gefragt, wie es ihr gehe und das Blog wurde weiter gelesen, dem Twitter-Account gefolgt, von manchen dieser Personen bis heute. Menschen haben sich ausführlichst über mein Privatleben echauffiert, mich analysiert, bis in alle denkbaren Details (ja, alle!). Manche dieser Menschen fragen ernsthaft noch immer, warum ich nicht mehr mit ihnen spreche oder auf E-Mails antworte, häufig mehrfach, manche seit Monaten. Ich kenne die meisten davon, diese gesprochenen Worte verschlüsselt niemand, das ist den wenigsten unangenehm, sondern für viele völlig normal.

Irgendwann letztes Jahr habe ich viele Texte meines Blogs offline genommen und meinen Instagram-Account gelöscht, unter Druck, aus Angst, und weil es einem im Netz selten erlaubt ist, Fehler zu machen, oder sich zu entwickeln. Das, was für Menschen ohne Blog, ohne Twitter-Account oder Flickr-Profil, normal ist, nämlich dass sie ihre Vergangenheit in jedem Schuh, mit jedem Schritt mit sich tragen, dass sie das, was ihnen passiert ist, die Entscheidungen, die sie getroffen haben, nicht abschütteln können, dass sie Sachen gesagt haben, die sie vielleicht irgendwann bereut haben, all das gilt für Menschen nicht, die online schreiben, publizieren, Fotos von sich veröffentlichen – vielleicht über Jahre hinweg. Deine Vergangenheit ist im Netz immer deine Gegenwart – und mit diesem großen Paradoxon hat sich mein Umgang mit dem Internet verändert. Ich habe plötzlich Angst bekommen vor einem Raum, der mir so vieles möglich und viele besondere Menschen beschert hat. Ich habe mich plötzlich auf meinem eigenen Blog, in meinem eigenen Bezirk nicht mehr sicher gefühlt, weil sich hinter dem flauschig weichen Berliner Internet plötzlich ein Loch auftat. Weil da Menschen sind, die darauf warten, dass jemand anderes kommt, mit dem sie sich beschäftigen können. Menschen, die manchmal vielleicht neidisch waren. Oder verletzt. Oder sauer. Oder gelangweilt. Oder einfach nur mit Lust an der Provokation. Die aber nie oder selten den Arsch in der Hose hatten, persönlich und angemessen mit mir über das zu sprechen, was sie umgetrieben hat. Oder einfach nicht mehr hinzusehen. Nicht mehr zu lesen, was ich schreibe. Nicht mehr zu beobachten, was ich tue. Niemand hat das Recht, intime Details von mir zu verbreiten, ob geschrieben oder mündlich, niemand hat das Recht mit einem Spaten durch mein Leben zu rennen und alles kurz und klein zu erzählen, nur weil derjenige weiß, wie meine Lieblingstasse aussieht oder „mich noch von früher kennt“.

Ich hätte diese Texte eigentlich nicht offline genommen, obwohl ich mich mit vielen von ihnen nicht mehr identifizieren kann. Aber das sind sie nun und das werden sie auch bleiben. Weil man nicht allem standhält. Aber so, wie ich Menschen, die ich schon über Jahre kenne (oder eben noch nicht lange, verrückt, oder?), nicht vorwerfe, welche Musik sie früher hörten oder dass sie mit dem und dem in der Disko geknutscht haben, wo es jeder, der für uns damals eine Rolle spielte, sehen konnte (oh Schreck!), welche Entscheidungen sie getroffen haben, wohin sie gezogen sind oder was sie beruflich mal ausprobierten, welche Frage sie mir einmal stellten, weil sie etwas nicht wussten, so wenig würde ich Menschen ihre Anfänge im Internet vorwerfen oder das, was davon noch da ist. Und ebenso möchte ich nicht, dass man mir meine Vergangenheit unangemessen vorwirft oder den Menschen, der ich mal war und der sich vielleicht verändert hat. Wir haben alle so einen Menschen in uns. Und niemand sollte sich seinen Schatten abschneiden müssen, um respektvoll behandelt zu werden.

Diese digitalen Dunstkreise, von denen ich früher einmal dachte, das ist doch das, was das Internet ausmacht, die Menschen, die sich tummeln und diese eine (und nur eine von vielen) Variante zu kommunizieren verstehen, die sich austauschen und unterstützen und irgendwie (und ja, das ist vermutlich die Naivität, die mir nun endgültig ausgetrieben wurde) auf ihre eigene Art und Weise für eine bessere Welt, Gemeinschaft, Gesellschaft, Umgebung kämpfen, schreiben, denken und sich ausdrücken, waren am Ende der Grund dafür, dass ich viele Texte offline genommen und es nicht geschafft habe, weiterhin zu ihnen und damit auch zu einer Form meines Ausdrucks zu stehen. Denn je mehr ich mich mit dem Thema Belästigung, Stalking und auch Harassment auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich verstanden. Wie früh Gewalt anfängt, wie früh Übergriffigkeit beginnt, wie schnell online und eben auch in der sich real gegenüber stehenden Netzgemeinde begonnen wird, sich zu behindern, aufzuhalten und fertig zu machen, weil jemandem irgendetwas am anderen oder seiner Art zu publizieren, sich friedlich zu verhalten, anderen Menschen zu begegnen, nicht passt. Und wie wenig einander im großen und im kleinen Kontext eigentlich beschützt (und ja, auch ich habe wundervolle Menschen im Netz kennengelernt, die ich bis heute wertschätze, lese und auf die ich mich verlassen kann, weil sie aufrichtig, ehrlich und vor allem aber sensibel mit anderen umgehen) und respektvoll gesprochen wird.

Und ich wünsche mir von jeder Netz-Konferenz mehr Augenhöhe und weniger persönliche Wertung, mehr Respekt, Offenheit und Toleranz, ich wünsche mir vor allem Sensibilität im Umgang miteinander, das Durchatmen vor Kommentaren, aber auch das Durchatmen vor Sätzen, die man anderen in der Kneipe bei einem Bier auf den Tisch legt, um sich selbst besser zu fühlen, um auch mal was Witziges zu sagen, um seine Wut auf die Welt abzulassen, um jemandem weh zu tun. Ich wünsche mir, dass sich niemand für den Weg schämen muss, den er aus bestimmten Gründen gegangen ist, die ihr manchmal nicht kennt und auch nicht kennen müsst. Ich wünsche mir, dass wir einander mehr lassen und wieder mehr respektvoll miteinander reden. Reden hilft. Hate Speech – ob analog oder digital – tut das nicht. Sie zerstört (und das ist jetzt kein Pathos, sondern Eindringlichkeit, die keinen Kitsch, sondern Unterstreichung verdient hat) jedes Mal ein Stück Persönlichkeit, sie macht Menschen klein, sie tut Menschen weh, sie schränkt Menschen ein, ist gewaltsam und bedrohlich, sie kann mitunter auch krank machen. Ich wünsche mir ein Internet und eine Gesellschaft, in der man offen sein darf, wenn man das will, sich zeigen, wie man ist, wenn man das möchte und sich für diesen Weg entschieden hat. Und in der man sich auch dagegen entscheiden darf irgendwann, auch wenn es mal anders war. Eine Gesellschaft und ein Netz, in denen man werden darf und nicht sofort sein muss. Ende. Abgang.