Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Mitternachtskäsebrot

Das Flüstern am Fenster über die Leerstellen im Leben, auf die man Acht gibt, die man beinahe einzäunt, zumindest absperrt. Die Absperrung später durch einen Glaskasten ersetzt, manche Leute schaffen es, die Leerstellen einfach so im Raum zu lassen ohne sie zu markieren und die Besucher treten trotzdem nicht drauf. Da mal hinwollen, das irgendwann können. Umwege nicht mehr als solche zu begreifen.

Beim Karneval läuft nach dem Gewitter das Wasser an der riesigen Hüpfburg hinab, im Rinnstein schwimmt eine Honigmelone davon. Zwei Morgen danach fahren die Autos plötzlich nicht mehr, die Kreuzung ist gesperrt, überall stehen Last- und Kranwagen, es riecht nach Teer. Und während die einen die oberste Schicht von der Straße abtragen, um eine neue draufzulegen, beschneiden die anderen die Bäume. Alles auf einmal, die Kreuzung sieht aus, als würde man sie operieren.

Gegenüber wohnen die zwei, die immer am Fenster rauchen. Vielleicht haben sie keinen Kühlschrank, oder einen zu kleinen. Aber viele Lebensmittel hoben sie bis vor kurzem in einem selbstgebauten Kasten auf dem Fensterbrett auf. Fünfter Stock. Manchmal lassen sie einander den Schlüssel zur Haustür in einem roten Beutel an einem Seil herab. Manchmal lehnen sie sich beim Rauchen zu sehr auf das Holz, es könnte sein, dass irgendwann jemand von Joghurt, Margarine und Milch erschlagen wird. Aber nicht jetzt, nicht im Sommer.

Als ich morgens am Kanal nach Hause laufe nach den Liedern und den Reimen auf dem Balkon ist das Licht schon da, ohne da zu sein, und niemand sonst; für einen Augenblick das Gefühl, allein zu sein in der Stadt, so als habe jemand für ein paar Minuten einen anderen Filter eingestellt. Die Schwäne schwimmen brav in Zweierreihen, und weiter hinten sitzen dann doch noch zwei Menschen am Ufer vor dem Krankenhaus, die Köpfe aneinander gelehnt, immer wieder wild knutschend, sie bemerken nicht, dass zwölf Schwäne sie umringen, sie ansehen, nur einer schläft, die anderen betrachten das Paar, platzieren sich um sie herum, kreisen sie ein.

Auf dem Feld schließen wir eine Wette ab ohne Gewinn, ob der große Streifen Wolken an uns vorüberzieht, ob das Gewitter wirklich kommt, ob es Blitz und Donner geben wird. Am Ende kommt nur der Wind und schiebt alles weiter, auch den großen Mann ganz in Schwarz, mit dem gefärbten Undercut, der immer nur ein bisschen hin und her rollt auf seinen Skates, als traue er sich noch nicht, als würde er darauf warten, es gleich zu können, aber immerhin ein Versuch am Rand der Bahn, während hinter ihm die beiden Mädchen beinahe Pirouetten drehen. Der Regen kommt später dann doch noch, aber aus dem Hinterhalt und ganz ohne Pathos, als wären wir nur eine Erledigung auf seinem Weg.

Eigentlich müsste man genau jetzt beschließen, den Sommer woanders zu verbringen. Damit die Gerüche, die man schon kennt aus dem letzten Jahr, abgelöst werden nicht nur von ihresgleichen, sondern von allem, weil sich die Eindrücke ja dann so ineinander schieben, dass man abends im Bett, wenn das Herz klopft, weil man nicht weiß, woran man zuerst denken soll, in dieses Rauschen fällt. „Alle Knöpfe gleichzeitig drücken ist Neustart“, hat J. immer gesagt. Das alte Lied hören, das wir damals zusammen aufgenommen haben, sofort wieder gewusst von dieser Wohnung am anderen Ende der Stadt, noch nicht einmal 20 war ich damals, der Weg dorthin beinahe schon eine Reise, in jedem Fall aufregend, einer dieser Orte, an denen du weißt, das hier wird was, das hier werden Tage, an die du dich immer erinnern können wirst, an das helle Holz vom Regal, die Salatschleuder, den Unterschied zwischen der Lautstärke in der Wohnung und der großen Straße draußen, daran, wie wir nicht genau wussten, wohin das eigentlich gehen soll, und uns trotzdem immer wieder trafen. Das wird weniger im Alter. Dass man die Sachen laufen lässt, einfach nur, um zu sehen, was passiert, dass man das Zaudern aushält ohne Exit-Strategie. „Komm, wir treffen uns“ war damals immer ein Versprechen, den Nachmittag miteinander zu sein, ohne Plan, vielleicht essen, vielleicht sitzen, vielleicht lesen oder irgendwohin gehen, maximale Momentorientierung, manchmal haben wir auch einfach nur rumgelegen auf dem großen Bett, die Sonne war schief und J. machte Töne auf der Gitarre oder spielte mir Lieder vor von anderen, die ich noch nicht kannte, ich kannte eigentlich fast gar nichts, aber in dem Moment dachte ich, jetzt fängt das Leben an, so wird es später immer sein, so ruhig und dass man sich keine Sorgen macht, jedenfalls nicht solche, über die man kein Lied schreiben könnte, ich musste mich auch erst einmal daran gewöhnen, dass man bei J. da sein durfte. „Ich bin heute nicht so gut drauf“ ließ er als Absage nicht gelten, auch Krankheit nicht, dann kam er eben in die andere Hälfte der Stadt, J. war der erste Mensch in meinem Alter damals, bei dem es okay war, immer alles zu sein, was man ist.

Nuancen als Maßband

Die Mohnblüten sind größer als meine Hand. Sie stehen in einem der Vorgärten, die die bunten Blumen nach vorne raus pflanzen, damit es für jene gut aussieht, die den Weg entlang gehen. Den Weg benutzen die wenigsten, jedenfalls zu Fuß. Man fährt den Weg bis zu seinem Grundstück, dann steigt man aus und geht über zurechtgelegte Bodenplatten zu einer streng gefegten Terrasse, auf der man erst eine Weile sitzen und später die Ränder sauber zupfen wird. Unkraut mögen sie nicht. Auch wenn sie gar nicht genau wissen, was das ist, das Unkraut. Bei Opa wächst alles ineinander. Später sitzt er stöhnend zwischen den Kürbispflanzen, um zu kontrollieren, ob ich die Pflanzen in der richtigen Höhe in die Erde gesetzt, die Klammern auch sicher an die Pflanzen geklemmt und die Erde richtig festgedrückt habe. Ich schneide ihm die Haare und er sagt, er bekäme dabei so ein komisches Gefühl im Arm, als würde er einschlafen; und dann lasse ich mir mehr Zeit, als ich bräuchte. Sein Arm schläft nicht ein, er wird einfach nicht mehr so häufig berührt. Auf der Rückfahrt schauen zwei Katzen und ein Marder direkt ins Licht. Es gibt diese Stelle an der Straße, an der so viele leuchtende Fahrbahnbegrenzungen angebracht sind, dass es aussieht wie ein Bonuslevel bei Grand Theft Auto. Oder eine Landebahn. Wir müssen öfter wiederkommen, ich will sehen, wie hoch der Fingerhut es schafft.

Ich halte das Glas Gin Tonic über das Geländer und es ist einer dieser Momente, in denen man sieht, was passieren könnte, eine Sekunde in zweien. Und sich dann fühlt, als habe man alles im Griff, weil man das Glas eben nicht fallen lässt, sondern fest umschließt, nicht wegsieht, obwohl es so blendet, nichts sagt, obwohl man könnte, sich einfach nicht bewegt, obwohl es von allen Seiten zieht, die Häuser nicht zählt und den Weg nach Hause ein bisschen langsamer fährt.

Die Vögel im Hof sind zurück. Man sieht sie nicht, aber wenn man morgens aufwacht und das Fenster sowie die Tür zum Bad offen lässt, kann ich sie hören. Manchmal wache ich von ihnen auf. Die Geräusche werden sich verschieben, wenn die Ampel kommt. Sie steht schon, aber es hat sie noch niemand angeschaltet.

Wir fahren unter das Dach der Tankstelle, hinter uns fährt ein dunkelgrüner Oldtimer, aus dem Jugendliche steigen, die aussehen wie aus einem Werbespot mit diesen Barbiefrisuren, die immer sitzen, egal wie sehr sich die Menschen darunter bewegen, es bewegt sich kein einziges Haar. Nichts schwingt mit. Bis der Wind kommt und den Schwarm an Pollen aufwirbelt, die plötzlich überall sind, als würden sie sich sekündlich verdoppeln, irgendwann ist alles weiß und der eine Junge, es ist der, der fahren darf, neben seinem Wagen steht und aussieht, als sei er grau geworden, weil sich die Sporen an seinem klebrigen Haar festsetzen. Man ahnt plötzlich, wie er aussehen wird in zehn oder zwanzig Jahren. Am See fällt die Sonne in Fetzen an den Blättern vorbei auf den Boden, als müsse sie jemand einsammeln und zusammensetzen, und direkt über uns in dem blauen Stück kreuzen sich die Spuren von zwei Flugzeugen.

„Ich darf ja nichts sagen, ich gehe schließlich jetzt nach Hause und halte mich beim Schlafen an einer Glühbirne fest.“ Wenn sie alt ist, werde ich ihr noch einmal davon erzählen, obwohl sie es nicht vergessen haben wird, mir zuliebe wird sie dennoch so lächeln, als wisse sie es nicht mehr ganz so genau. Sie weiß immer.

Man kann nur neben manchen Menschen wirklich gut sitzen. Und dann ist plötzlich Juni.

La Gomera #8

An der Stadtmauer von Alojera stirbt eine kleine Katze vor sich hin. Die Schale mit Wasser rührt sie nicht mehr an, wir gehen weiter dorthin, wo das Meer mit voller Wucht gegen den Strand und die Kaimauer knallt, von der nicht mehr so viel, aber genug übrig ist, man sieht, wie das Meer an den Kanten nagt, das Ufer hat aufgegeben. Eine richtige Abfahrt mit Haltepunkt gibt es nicht mehr, wir parken dort, wo auf großen Schildern in allen erdenklichen Sprachen vor Steinschlag gewarnt wird. Hier lebt kaum noch jemand. Außer vielleicht der Frau Mitte Vierzig und ihrer Mutter, die in der einzigen Kneipe zwischen den eng stehenden Häusern steht und so tut, als kämen sie gleich. Also die, die man gerade nicht sehen kann und die vermutlich nicht mehr kommen werden, als wären sie nur kurz ausgeflogen. Im Fernseher in der hinteren Ecke läuft ein Western, in der Kühltruhe liegen Eissorten bereit. Hinter der Bar hängt ein Blatt Papier in einer Plastikfolie an Reißzwecken: „Bück dich vor niemandem“ steht in Spanisch darauf. Die dürren Katzen unter den Tischen draußen sehen erst auf den zweiten Blick so aus, als lägen sie auch bald neben der Mauer. Bis dahin zerfleischen sie abwechselnd einen zuckenden Salamander mit Blick auf das Boot, das auf den Treppen zum Strand hin angebunden wurde. Die Häuser sind nicht verfallen, manche scheinen frisch gestrichen, frisch verriegelt, die Gardinen haben noch keinen Gilb angesetzt, aber die ersten Spinnweben klettern langsam an den Balken hinauf. Auf dem Tresen des zerfallenen Motels steht noch das Welcome-Schild, sodass der Blick direkt drauf fällt, wenn man durchs Fenster sieht. Da steht noch ein Sofa, das man nur mit dem Blick einfach kurz zurechtrücken müsste, im Raum ein bisschen fegen, die blaue und grüne Farbe an den Fensterläden erneuern. Der Tischtennisplatte auf dem Dach die andere Hälfte zurückgeben. All die guten, bunten Häuser stehen leer, es gibt kein Geräusch außer dem Meer, außer dem Wind, und man merkt erst eine Sekunde zu spät, wie seltsam das klingt. Man sieht die Einsamkeit in den Löchern unter den Treppen vor der Eingangstür, die Einsamkeit, die sich einstellt, wenn jemand gegangen und weggeblieben ist ohne Bescheid zu sagen.

Zurück daheim dem Knistern der Palmenblätter zuhören und dem Rauschen, das vom Berg herkommt, weil dort der Wind durch die Bäume fährt. Wäre ich ein Kind, das Leben hier würde sich allein an den handtellergroßen Maracujablüten bemessen, die aussehen wie Ufos, an dem Winseln der Katze, die immer viel mehr essen will als sie essen kann, an den wütenden Kohlmeisen, die in den knisternen Wedeln sitzen und sich in einem Singsang aufregen, den sie sich eventuell von den Menschen abgeschaut haben. Es ginge nur darum, passgenaue und biegsame Stöcker zu finden, die sich zu einem Kreis binden lassen. Es ginge darum, den Moment der Fähre nicht zu verpassen, Ama oder Fred Olsen, und dann auf das Geländer zu steigen und „Amerika!“ zu rufen, obwohl es nur Teneriffa ist, was sich an der Horizontlinie türmt. Es ginge nur darum, solange zu bleiben, bis die Fährspuren sich wieder mit dem Meer verwoben haben, darum auszuhalten, dass es eine Weile dauert, nur darum, den Blick auf die Spuren im Blau zu legen, vor dem Verschwinden nicht loszulassen.

La Gomera #7

Vor der Wanderung ins Tal liegt oben an der Kurve dieser Hund unter der Leitplanke. Man weiß nicht, ob er schläft oder schon so tot ist, ich nähere mich langsam, dann bewegt er die Augen doch und die Pfote und den Schwanz und nach einigen langen Sekunden rappelt er sich langsam und behäbig auf, schief, als täte ihm die Hüfte weh, er schaut nicht genervt, aber zumindest so, als hätte er all das schon mehr als einmal erlebt, die bereits heiße Morgensonne, den Staub an meinen Füßen, meine ausgestreckte Hand. Aber dann setzt er sich doch neben mein Bein und lehnt sich an, er bewegt sich nur langsam, trinken will er nicht, aber sich anlehnen findet er gut, wir machen das eine Weile, bis die Sonne immer höher steigt und wir los müssen. Er humpelt zur kleinen Treppe am Eckhäuschen und legt sich dahinter. Die Strecke an der Wand hinter Arure scheint auf den ersten Blick so, als würde man sich nach der Hälfte langweilen, man steigt steil hinab ins Tal, mal geht es sanft bergab, mal nehme ich alle Hände und Füße zu Hilfe. Auch hier kommt das Gefühl nach einigen Höhenmetern zurück, obwohl es ja bergab geht, das sich damals in Bad Gastein am zweiten Tag einstellte, das Gefühl von, ich kann’s ja doch noch, das Kriechen und Krauchen, den eigenen Körper mit den eigenen Knien hinauf drücken und runtertragen, schleppen und voranbringen. Und wieder will ich den Ärzten, die sagten „Davon werden Sie sich vermutlich für immer verabschieden müssen“, zumindest eine Postkarte schicken. Keine Langeweile, nur dieser Fokus, das Körperliche und dazwischen schauen und atmen und sich an den Pflanzen und den Dornen, dem kleinen Bach vorbeidrücken, den richtigen Abzweig suchen, einfach laufen. Unten im Dorf warten drei aggressive, winzige Köter neben großen Kakteen auf uns, die Taverna hat zu, in ihrem Schatten unter dem Balkon essen wir Pistazien und Äpfel und hoffen, dass das Wasser für den Aufstieg reicht. Und am rechten Talhang schieben wir uns zurück hinauf, zwischen den Kiefern entlang, unter denen es angenehm kühl ist, noch ein Stückchen weiter hinauf bis in die Wolken zurück, die aus den Wellen aufzusteigen scheinen, bis zu den Ziegen zurück und dem Wind und es nimmt mir noch immer jedes Mal den Atem dort oben, weil die Geschichten, die Opa früher immer von den Bergen erzählte, nun anders klingen. Ich verstehe sie jetzt. Und die anderen haben sich alle geirrt. Er hebt nur kurz die Pfote im Schatten des Autos, als wir wieder an ihm vorbeilaufen, dieses Mal langsamer, er kennt uns ja jetzt.

La Gomera #6

Am Sonntag verstecken sich die Menschen in Agulo, falls es überhaupt mehr Menschen gibt als jene, die uns vereinzelt über den Weg laufen; eher huschen als laufen. Der ältere Herr, der die etwas jüngere Dame fragt, wo sie herkomme. „Von den Blumen!“, ruft sie und winkt ihm lachend zu, er humpelt ihr mit seinem Stock entgegen, das Geräusch des Stockes rollt die schmalen Gassen entlang, in denen man im Schatten läuft, weil es in der Sonne zu warm ist und weil man im Schatten besser schauen kann, besser erkennt. Später die zwei Männer mit den sich unter quietschbunten T-Shirts wölbenden Bäuchen, sie tragen Plastiktüten über den schmalen Weg zwischen Bananenplantage und Ortsgrenze, unterhalten sich laut und rufen am Ende des Weges laut den Autos entgegen, die sich vor der roten Wand die Serpentinen hinunter schlängeln, den Autos, die der Berg aus dem Tunnel spuckt. Es sind nicht viele diesen Sonntag. Wir essen neben einem französischen Wanderpaar, die sich das Wasser aus den gewöhnlichen Flaschen in grüne, bauchige Dreiviertelliterflaschen umfüllen am Tisch. Er studiert die Karte und lächelt sie unentwegt an. Sie diskutiert mit dem Kellner und steht später hinter ihrem Partner, als sie gemeinsam auf die Karte schauen, ihr Blick fällt dabei auf seinen Hinterkopf und irgendetwas gefällt ihr daran nicht, sagt ihr Blick, sie hebt die Hand, als wolle sie hineingreifen in seinen Igelschnitt, aber kurz davor zieht sie doch die Hand zurück, lässt sie sinken, hebt nur die Augenbrauen. Er merkt davon nichts, er schaut nur nach vorn und studiert die Strecke, die heute noch zu gehen ist. Der Mann mit dem großen Tattoo hängt auf dem Dach die Wäsche auf und sein Sohn hilft ihm dabei. Ein anderer kommt telefonierend aus dem Haus, mehr Menschen sehen wir nicht.

Oben auf dem Berg mit der roten Erde stehen plötzlich sehr viele Menschen und fotografieren von oben auf den Ort, sie stehen vor der Glasabsperrung, als markiere nur diese eine Sensation. Der Himmel zieht sich zu. Auf dem kleinen Skywalk steht ein älteres Paar, die Kinder führen sie bis nach vorne ans Ende, wo man sich fühlen würde, als stünde man im Nichts, wären da nicht die Schlieren auf dem Boden, vielleicht eher im Nebel stehen. Der ältere Herr mit Hut wankt dort, voller Ehrfurcht und schaut und winkt ab, als sein Sohn ein Foto von ihm machen will, vielleicht braucht er das nicht mehr. Dafür verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und senkt den Kopf. In der Ecke telefoniert der Kellner und poliert Gläser. Die Festtagsgesellschaft wird mit dem Bus ankommen, in der Zeit kann man nicht nach unten fahren, weil die Straße nicht breit genug ist. Der rote Staub fällt noch Tage später aus den Schuhen.

K. kann uns nicht sagen, was das Schwimmbecken neben vier riesigen Säulen früher mal gewesen ist. Man klettert erst über die Absperrung, läuft dann den staubigen Weg nach unten, das Meer wirft sich an die Klippen daneben, überall kleben Schilder, man solle aufpassen auf den Steinschlag, die großen Brocken liegen überall. Und man will gar nicht nachlesen, was das früher einmal war, was sich dann vor einem auftut, eine zerfallene Terrasse mit kleinen bunten Häuschen, in denen niemand mehr sitzt und aufs Meer schaut oder Eis verkauft, man könnte aus ihnen heraus sehr gut Eis verkaufen, das Orange und das Rosa und das Blau hängen hin großen Fetzen herab, aber strahlen noch immer, wie sich das mal jemand ausgedacht hat. Damals, als die Dächer dem Steinschlag noch nicht nachgegeben hatten. Dahinter dann die Treppe nach unten und der Blick auf die sanften Übergänge zwischen Meer und Schwimmbecken. Das eiskalte, stille Wasser geht einem nur bis zum Hals. Beim Schwimmen habe ich trotzdem das Gefühl unter mir geht die Tiefe endlos weiter, als würde ich in einem aufgegossenen Hochhaus schwimmen, neben mir die Fische. Zwei, drei Seeigel wohnen in den Ecken, der Rest ist mit weichem Algenteppich bedeckt, und man kann ohne Probleme stundenlang sitzen und dabei zusehen, wie sich das Wasser über die Felsen, über den Beton rollt, wie es sich selbst auffüllt, als brauche es nichts und niemanden sonst. Auch so ein Ort, wo man ganz genau sieht, was man eigentlich nicht sehen kann und nie sehen wird, und wo man okay ist damit. Die eigene Unzulänglichkeit zu den anderen werfen und einfach warten, was passiert.

An Sonntagabenden gehen K., C. und die Kinder hoch an die letzte Kurve der Straße, die nirgendwohin führt. Sie schreien dann ins Tal, alle zusammen, die Kinder am lautesten. Irgendwohin gehen und die Welt in regelmäßigen Abständen anbrüllen, sodass es niemand abbekommt und dann nichts mehr mit hinunter nach Hause nehmen. Ich habe selten ein schöneres Ritual gesehen. In der Nacht randaliert die Maus im Abwasch und findet nicht hinaus.

La Gomera #5

Im Weiterleben wird man besser irgendwann, für manche wie mich bleibt es immer eine Aufgabe. Diese Abende werden nicht verschwinden, an denen diese riesige Ungerechtigkeit wie ein Abendlicht im Rückspiegel herumliegt. Grell, blendend, so schön, dass einem die Spucke wegbleibt, und gleichzeitig zum Heulen. Im zweiten Haus stehen überall Bücher. K. und ihr Mann wohnen schon lange hier, haben alles selbst gebaut, die Ställe neu verputzt, neue Türen eingezogen, andere geschlossen und verstellt, die alten Wände wieder bewohnbar gemacht. Das Wasser damals aus dem Fluss geholt, den es heute nicht mehr gibt, für all den Zement, so oft am Tag sei sie gegangen, hinunter und hinauf mit Kanistern. Jetzt kommt das Wasser aus dem gelben Rohr neben der Schotterpiste, das von kleinen Ventilkästen unterbrochen wird immer wieder. Wenn man nachts an ihm vorbeifährt und das Autolicht an ihm entlang flackert, scheint es wie eine Begrenzung, dahinter ist es schwarz und tief und man fiele weit, würde man fallen. K. sagt, auf den Serpentinen schnalle sie sich manchmal ab in der Hoffnung, im Falle eines Unfalls aus dem Wagen zu fliegen, man sei gearscht, wenn man im Wagen gefangen sei, ich senke den Blick, wir lachen trotzdem alle. Angeblich geht das Rohr wie ein Faden um die ganze Insel. Es gibt eine Henne namens Pirouetta, wir haben sie nie gesehen, K. und ihre Familie haben sie geschenkt bekommen, das Tier lebe frei, manchmal käme sie eben vorbei, manchmal wochenlang nicht. Ein Besucherpaar habe sich sehr in die Henne verliebt, seitdem sähe man sie nicht mehr so häufig. Nachts krabbeln Eidechsen durch das Bad, die Frösche quaken vom Tal hinauf. Im einzigen Nieselregen dieser Wochen sitzen und sich nicht bedecken, weil er so leicht ist, dass man manchmal nachspüren muss, ob er denn wirklich auch da war. Unter der dicken Regenbogendecke wegnicken mit den Wolken im Rücken und beim Aufwachen denken, jetzt nochmal auf den Berg. Die verzettelten Biografien von Unterleuten genießen, immer mit Blick zwischen den Palmen hindurch, O. schreit immer, wenn die Fähre sich durch das kleine Dreieck zwischen den Bergen schiebt. Er klettert dann auf das Geländer und zeigt so lange mit dem Finger auf das Schiff, bis es verschwunden ist. Er ruft ihm meistens noch zwei, drei Mal nach. Wie die Hand, die man auf den Serpentinen dann doch aus dem Fenster hält, weil nur dann alles zusammenpasst, das Lied und der Wind und das Licht und wie sich alles am Straßenrand bricht.

La Gomera #4

Tom & Nina fertig und vor allem gern gelesen, wie sie sich im Buch immer wieder ausloten und vermessen, körperlich und vom Radius her. Dessen, was man aushalten kann, sehen will und wo man sich zuhause fühlt oder tatsächlich ist. Eines der besten Geräusche in diesen Tagen sind die runden, vom Meer hin und her geschobenen Steine, die mit Poltern und dumpfen Schlägen unterm Wasser übereinander rollen, sich noch runder scheuern, einander die Kanten abschleifen. Einer der besten Momente jeden Sommer ist der Halbschlaf am Strand, in dem man immer wieder kurz in die eigenen Tiefen rutscht und dann, wenn man wieder heraufkommt, draußen im echten Wind und auf diesem Handtuch alles dreimal lauter hört als vorher. Nicht nur weil man noch nicht gucken kann, weil alles hell und grell und bunt ist, sondern weil man wie an einem Seil zurück in den Wachzustand klettert, in dem alles andere einfach weitergemacht hat. Niemand merkt, wenn du schläfst. Wenn du Pause machst. Niemand wartet, nur weil du nicht hinsiehst. Zeit haben, lange aufs Wasser zu sehen und über das Blau nachzudenken, darüber, welche Nuancen mich an wen erinnern. Vielleicht wohne ich gerade einen Zentimeter unter der Horizontlinie hinten links. Am nächsten Morgen mitten im Wetter aufwachen, mit nackten Füßen auf den von der Nacht kalten Steinen stehen, nicht weiter sehen können als fünf Meter, hinter der Agave ist Schluss. Auch ganz beruhigend. Meine Liebe zu den Übergängen und Überhängen wiederentdeckt, zu dem, was man so gern abschneiden will, weil es unbequem ist oder rauh, weil es sich nicht einordnen, wegverräumen lässt, zu dem Nebel im Lorbeerwald, der alle paar Meter woanders steht, zu dem Licht, das sich nicht entscheidet, weil es sich nicht entscheiden kann, an den unsauberen Kanten passiert immer am meisten, an denen bleibt man wach. Daneben der Wunsch, niemals ohne Anfänge zu sein.

La Gomera #3

Am besten geht man auf den Berg, bevor sich der Tag eine Stimmung ausgesucht hat, noch müde und mit Bananen vielleicht die ersten Schritte machen, bevor es in die Höhe geht, und dann einfach hoch, mit dem Wind und am Wind vorbei, mit kurzen Hosen, auch wenn die eigentlich zu wenig sind, und dann oben stehen und wissen, hier haben sich die Ureinwohner früher verschanzt. Zu allen Seiten nur Wolken. Hin und wieder reißt der Wind das Weiß auf, frisst Löcher hinein, dann kann man Farbe sehen und Miniaturen und sehr weit hinten das Meer. Und den Schwindel aushalten, der kommt, wenn man sich auf den Rücken legt, den Schwindel aushalten und das Wegkippen des Bildes, denn es dauert nur kurz und danach wird es gut, weil nichts mehr dazwischen ist, also zwischen dir und dem Wetter, aber mehr als sonst zwischen dir und dem Rest. Später auf dem Weg zum Wasserfall schaltet der Kopf in diesen Stand-By-Modus, den ich zum ersten Mal in Bad Gastein gelernt habe. Irgendwas zwischen Meditation und Konzentration. Man setzt die Schritte und irgendwann weiß der Körper, wie es geht, und macht’s von allein und der Kopf bleibt prüfend dabei, aber nur im Hintergrund, im Rest der Zeit schaut er sich die Gedanken an, die so vorbeikommen und überredet keinen einzigen zum Bleiben. Am Abend am Meer stehen und verstehen, dass es seit acht Monaten etwas anderes ist zwischen dem Wasser und mir und einen Schritt zurück machen, als die erste Welle kommt. Wir sehen uns ja zum ersten Mal seitdem. Am nächsten Tag den blauen Stein im schwarzen Sand finden und ihn liegen lassen, weil man ja nun aus dem Alter raus ist, in der Anhäufung sich in Artefakten zeigt, jedenfalls nicht mehr als Beweis, aus dem Alter raus, in dem man Dinge aus dem Urlaub mitbringt, also solche, die sich nicht verzehren lassen und die einstauben und die man sich nicht traut wegzuwerfen, weil einem das irgendwann mal jemand beigebracht hat aus Versehen (wir ahmen ja immer nach), aber nun in dem Alter drin, in dem man weiß, der blaue Stein sähe nirgendwo so gut aus wie hier. Ein kleiner Junge steht an der Wellenkante und brüllt: „Das Einstürzen gehört uns ganz allein!“

La Gomera #2

Ich weiß noch, wie wir in Thailand auf der kleinen Insel vor der kleinen Hütte auf großen Handtüchern saßen und in dem Moment, in dem die Lampen in der Dämmerung angingen, dieses Geräusch ertönte, das Surren, von dem ich dachte, es gehöre zu den dicken Stromleitungen, bis ich ein paar Minuten zu spät begriff, dass das die Tiere waren, die nun, da die Sonne sich verabschiedete, endlich genug Luft zum Tiersein und Krachmachen hatten. So ähnlich ist es hier. Das Surren der Bienen ist so laut, dass man im ersten Moment auf die Idee kommen kann, man hätte sich einen Tinnitus eingepackt. An den Straßenrändern blüht alles, entgegen meiner Erwartung. Unzählbar viele Blumen hängen über rostende Geländer wie schweres Bettzeug. Weiter oben ist das Wetter hinter jeder Kurve anders, plötzlich fährt unser Auto mitten in der Wolke, mitten im Regen, mitten im Urwald. Mir könnte ungehindert eine Fliege in den Mund sausen und dort Urlaub machen. Wir essen in Vueltas, die Sonne brennt. Am Nebentisch unterhalten sich zwei ältere Pärchen auf Englisch, die einen sind Deutsche, die anderen kommen aus den Niederlanden, im Englischen sind beide nicht zuhause, so versteht man sich. Von unserem Platz aus kann man das Schild des Deutschen Metzgers sehen. Endlich wieder Mojo schmecken und Papas Arrugadas, das Salz und die Schärfe wie als Beweis für irgendwas. Der Geschmack mancher Sommer, die schon lange vorbei sind. Und wenn die Sonne da ist, weiß man sofort wieder alles, während man im Winter ja nur glaubt zu wissen. Wie sich das anfühlt. Man glaubt genau zu wissen, was man vermisst und merkt in der ersten Minute im Sommer, dass man sich selbst betrogen hat mit diesem Bild, das im Winter war nicht die richtige Erinnerung, das war nicht einmal eine Ahnung. Aber mit dem ersten Brennen, dem Einziehen, dem Öffnen der Poren ist alles wieder da. Im Schatten des Bootshauses spielen die Männer mit der festen, in Falten liegenden Haut Domino. Sie sitzen zu viert an einem Tisch, während die Frauen dahinter auf einer Bank warten, die Frauen sagen nichts, die Männer streiten laut, aber nicht das entzweiende Streiten, sondern das verbindende, das sich eigentlich einig sein, aber auf die eigene Formulierung bestehende Meckern. Auf der Terrasse in den Bergen dann dem Wetter beim Entstehen und Vergehen zusehen, Rotwein trinken und versuchen, den Tafelberg zu lesen, der im Sekundentakt auftaucht und wieder zwischen Wolken verschwindet. Im Tal sieht man die Sonne noch, hier oben ist es schon kalt.

La Gomera #1

Der Gelb-Weiß-Verlauf auf den Gepäckfächern erinnert mich sofort an Bottermelk-Fresh-Eis. Daneben der Geruch vom Frischkäse auf dem Marché-Brötchen. Immer derselbe. Immer nur hier am Flughafen. Immer in diesen an den Sichtflächen seltsam gekörnten Tüten, von denen man dann nicht weiß, wohin damit, sobald das Brötchen weg ist. Daneben die akurate Faltung der Halstücher der Flugbegleiterinnen. Eine von ihnen heißt Ima. Oskar ist der Pilot. Das Kind im Gang ist eine Stunde damit beschäftigt, seine Haare durch Reiben am Kabinenteppich statisch aufzuladen. Ich glaube, Urlaub beginnt, wenn man die Wellen vom Flugzeug aus sehen kann. Das andere Kind heult beim Landeanflug und schreit irgendwann schluchzend: „Ich hab Hunger auf Wurst!“ Auf Teneriffa gibt es mehr Seniorenfahrzeuge als Autos. Sie stehen überall. In den Lobbys, auf den Bürgersteigen und vor den Handtuchverkaufsläden. Sie unterscheiden sich in Sitzkissenbezug und Radkappenlackierung. Auf dem einen steht: Seniorbrumm. Das Wasser im Pool ist badewannenwarm, Chlor mischt sich sofort in den eigenen Hautgeruch (später wird man Sonnencreme hinzufügen, dann erst riecht sie so, wie sie im Urlaub riechen muss), die Sonne fällt so durch die Palmenblätter, wie man es immer auf den bearbeiteten Fotos sieht. Die älteren Herrschaften sitzen bereits herausgeputzt vor dem Fußballfernseher oder trinken ihren Aperitif. Wenn ich stillhalte, kommt die Oberflächenspannung zurück, wie Frischhaltefolie sieht das Wasser aus. Die Hippies wohnen jetzt im verlassenen Einkaufszentrum an der Promenade, nur Bauzäune trennen ihre Wohnungen vom Bürgersteig, dahinter bemalte Blumentöpfe, knarrender Punk und später vor allem Dunkelheit, denn den Strom hat man ihnen abgestellt. Davor wackelt eine große, etwas ältere Dame auf High Heels über die Gehwegplatten, vielleicht trägt sie die Stirnlampe, damit sie nicht umknickt. Im Bett weiß ich, wenn ich alt bin, will ich die triumphierende Oma auf der Minigolfbahn sein, die vor Freude über ihren Treffer den eigenen Schläger über den Kopf schwingt und so laut lacht, dass alle mitlachen müssen.