Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

„Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“

Der späte Februar und der beginnende März waren schon letztes Jahr eine Zeit, in der man abends kurz nach sieben noch tippend am geöffneten Fenster sitzen konnte ohne zu frieren, jedenfalls für ein paar Minuten, ein paar mehr. Eine Zeit, in der der Wind eine Atempause macht, die Tage so zukunftsgewandt, dass man bei der Vergangenheit wieder rauskommt. Der kleine Pathos, wenn es abends schon nach Sonne riecht und die Nacht nur langsam drüber klettert, wenn man Fahrradfahren kann, ohne dass einem die Wangen zerrupft werden von der Eisluft oder die Finger abfallen. Wenn die Haut sich schon windet, weil sie weiß, was kommen wird, aber noch nicht da ist, und auch diese Ahnung funktioniert ja nur im Abgleich, die funktioniert nur, weil wir das schon einmal erlebt haben (nicht nur einmal, die meisten von uns mehrfach), und weil wir die Bilder kennen. Wir können uns ja selten angemessen nach etwas sehnen, was wir noch nie gehabt haben, in diesen Fällen ist es relativ wahrscheinlich, dass die Vorstellung, an der die Sehnsucht hängt, schlenkert und an der Realität vorbei schrammt. Marion Brasch sagt im Interview, ihr Bruder Thomas sei einer von diesen liebens- und hassenswerten Menschen gewesen, „das macht eben solche Charaktere auch aus, dass sie nicht nur die Menschen auf ihre Seite ziehen, weil sie so toll sind, sondern auch weil sie sie absorbieren, er war so jemand, der auch Menschen getrunken hat“.

Mehr ein- als ausatmen. Der Frühling ist der erste Herbst des Jahres. Er riecht nach Pfannkuchen.

C’est par ici.

In den jungen, rauschenden Jahren denkt man bei jedem großen Verlust, mitunter bei jedem Tod, der einem begegnet: „Das erlebe nur ich“. Eine Dekade später fragt man sich: Wie kann denn jemand das noch nie erlebt haben? Nun werden die Unversehrten zur Ausnahme. Was sich darin spiegelt: ihre Einsamkeit. Und direkt daneben der Trost einer gemeinsamen Schmerzerfahrung, die zwar nicht gemeinsam erlebt, aber dennoch gemeinsam erinnert und verarbeitet wurde, der Trost, den man sich früher nicht hatte vorstellen können, im Leben nicht. Diejenigen mit den Brüchen erkennen einander. Man begreift sich in den ersten Minuten einer Begegnung.

Der Wendepunkt jedoch, der von hier zu da, von Abgrenzung zu Umarmung, von deiner zu unserer Biografie ist nur schwer auszumachen. Es könnte sein, dass es ihn gar nicht gibt und man unterwegs in den Kurven nur den Split von der Straße fegt, der sich unten im Tal zu einem Hügel zusammenrollt. Niemand weiß, wer das war und wann und mit wem. Aber das Grundstück ist schon verkauft, deswegen interessiert es niemanden mehr und die zukünftigen Besitzer werden es nicht besser gewusst haben, die kennen kein früher, und wenn, dann nur eines von vergilbtem Papier oder Dateien ohne Namen. Die Lebhaftigkeit von Interesse und Vorstellungskraft, wenn einem jemand so etwas zeigt (meist auch mit sichtbarer Erwartung in den Augenbrauen), hält sich in Grenzen.

In diesem Alter dann, wenn man das erste oder zweite Mal darüber nachdenkt, ob es eine realistische Option wäre, eine Immobilie zu erwerben, versteht man auch, dass es nur sehr selten im Leben um einen Abschluss geht, um ein wirkliches Hintersichlassen (man wird auch in diesem Alter die korrekte Schreibweise des Ausdrucks noch nicht kennen), sondern dass es in den meisten Fällen um ein Weitermachen trotz aller Umstände geht. Als wir durch den Wald am Wannsee spazieren gehen, es ist Sonntag, sagt P.: „Nichts ist sicher. Das war noch nie der Fall. Man vergisst das nur ab und an.“ Das mit dem Vergessen kann also passieren. In den meisten Fällen tauchen die Dinge, Erinnertes, die wichtigen Sätze dann irgendwann an anderer Stelle wieder auf (ob man sie wiedererkennt, wird hier offengelassen). Das Erlebte zu internalisieren, einen Ort dafür zu finden, der einem nicht zu nahe liegt, also trotz allem, und dann weiterzumachen, immer noch und wieder, das ist die Aufgabe. Nicht Auflösung. Erlebtes verdunstet nicht oder zerfällt.

Rollwende

Wenn der Januar so ist, dass es danach nur noch besser werden kann, dann lohnt es sich vielleicht doch den Atem anzuhalten, um irgendwo anders wieder aufzutauchen und erst dort Luft zu holen für den weiteren Weg. Irgendwann später. Bis dahin kraulen. Sie sagen, Kraulen sei eine der einfachen Schwimmtechniken und eine der schnellsten, was beides praktisch ist, wenn man bedenkt, dass nicht sicher ist, ob im Falle des Januars nur eine Überbrückung von Zeit oder eben doch Strecke oder gar beidem von Nöten ist.

“Das Gesicht des Schwimmers weist zum Grund des Gewässers”, sagen sie. „Das ist machbar“, denke ich und senke den Kopf. Was sie einem nicht sagen, ist, ob man die Augen dabei geschlossen oder doch auf halten soll, und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass das jeder für sich selbst entscheiden müsse, ich bin Anfängerin, ich brauche Geländer, könnten Sie mir bitte einfach sagen, was sich eignet? Irgendjemand erzählte auch etwas von ununterbrochenem Antrieb bei dieser Schwimmtechnik, „das ist vermutlich etwas Gutes“, denke ich und schaue mir selbst sehr viel auf die Füße. Wir stehen, es glitzert. Ich lüge. Es glitzert nicht, es wabert nur. Glitzern würde es, wenn hier Sonne hinein fiele, aber gerade lugt nur das Grau sehr neugierig aus der Dusche. Nein, es glitzert nicht. Und dieser Januar ist nicht glamourös.

Im nächsten Schritt geht es um die Atmung. Nur seitlich aus dem Wasser drehen, „der Kopf kommt nicht ganz raus“, sagen sie, das ist schon schwieriger, weil man ja dann hochguckt und den Beckenrand sieht, insofern die Schwimmbrille gut sitzt und man sich für die geöffneten Augen entschieden hat (was ich empfehle, wenn man nicht gerade angstfrei im offenen Ozean unterwegs ist). Alle zwei bis fünf Züge soll man also den Kopf hochdrehen und atmen, sonst macht man das ja automatisch mit dem Luftholen, jetzt soll ich zählen oder mich zumindest anders auf die innere Uhr verlassen, also Atmen nach Ansage, man könnte dabei durcheinander kommen, schließlich müsse man noch auf andere Dinge achten, sagen sie. Würde meine innere Uhr funktionieren, also so wie es in sehr klugen Romanen steht, von denen ich mir wünsche, dass sie etwas mit der Realität zu tun hätten, damit wir nicht hoffnungslos verloren sind, würde meine innere Uhr so funktionieren, wie es da geschrieben steht, dann wäre ich jetzt nicht hier und müsste diesen Unsinn nicht machen. Es ist nass, es ist kalt, man kann diesen Januar nicht einmal sarkastisch durch die Pfütze ziehen, denn die Pfütze ist zu flach und der Januar ein Arschloch. Und sowieso sagen alle etwas anderes, also was die Technik des Durchtauchens angeht, Nase zu, Augen auf, Augen zu, nicht atmen, später atmen, vorher atmen, springen, gleiten, koordinieren. Nur in einer Sache sind sie sich einig. In der Richtung. „Was sie nicht bedenken“, sage ich leise eher zu mir selbst als zum Publikum, „ist, dass auch vorn immer davon abhängt, wo man gerade steht.“

37,5 Tage

In diesem Jahr sind bereits 1800 flüchtende Menschen im Mittelmeer ertrunken. Es kämen weniger in Europa an, sagt die Stimme im Radio, aber man hätte eben diese hohe Sterberate. Ich steige aus der Dusche und bleibe sitzen für zehn Minuten und an jeder Ampel auf dem Weg ins Büro frage ich mich, ob nicht einmal jemand die Gesichter fotografieren könnte, die Gesichter der Leute, die diese Meldung morgens in der Dusche hören. Und ob diese Gesichter mehr Mitgefühl auslösen würden als die konkrete Zahl im Satz, die die Minderheit zu bewegen scheint. Die Europäer sind sich ja dann doch gern selbst die nächsten, ich hab das in der Schule mal anders gelernt und in meiner Familie, was erzählt man den Kindern in der Schule eigentlich gerade, wie erklärt man das, was dort passiert? Es genügt ja schon, einen Text oder ein Hörstück mit Seenotrettern zu twittern, zu posten, und schon hat man jene am Hals, die von sich sagen: „Nein, also ein Nazi bin ich nicht, aber dabei, da haben sie schon recht, also das kann man ja nicht auf sich sitzen lassen, das bezahlen wir ja alle.“ Und eine Frage, von den vielen, die ich habe, ist dabei ja auch immer, ob sie zu Hause sitzen mit Taschenrechnern und sich jeden Abend in den Schlaf kalkulieren, ob man überhaupt schlafen kann mit so einem Gemüt, und ob die Leute wirklich darauf warten, dass eine Agentur kommt und sagt, heute machen wir mal eine Kampagne fürs Menschenrecht, heute schreiben wir das mal auf Plakate und machen Instagram-Anzeigen, vielleicht bekleben wir die Wassermelonen im Lidl mit so kleinen Stickern „Ich bin so schwer wie dein Gewissen #heulsmiley“. Da würde doch bestimmt jemand eine Instastory machen, witziger Aufkleber haha 264 Likes, kurz trending, wer weiß. Da kommt halt keine Agentur, nicht einmal eine Agentur, sowieso keine Agentur, erst recht keine Agentur, da kommt gerade keiner. Und stell dir vor, wir würden die Strände sperren am Mittelmeer, was da los wäre. Strand geschlossen wegen Trauer. Heute keine Wurst. Heute keine Fanta. Ob morgen, das wissen wir noch nicht, vielleicht, wir schauen mal, wie viel über Nacht losfahren, wie viele es schaffen, wie viele nicht, wir entscheiden das morgen, Eis am Stiel, wenn keiner mehr abgewiesen wird, Beschwerden, ja mei, was sollen wir machen. Stell dir vor, wenn alle Schwarz tragen würden, also nicht wie in Berlin, sondern so richtig, mit dem Gesicht dazu, stellt euch vor, ganz Europa trauernd in Schwarz und schweigend, alle legten ihre Arbeit nieder, denn wenn man 1800 Trauerfeiern abhalten würde, und wir rechnen hier nur mit einer Standardfeier, dieser halbstündigen, das sind die kleinen, die arme Leute kriegen, wenn überhaupt, dann wären wir 900 Stunden in Trauer, das sind 37,5 Tage, das ist mehr als ein Monat. Keine Fanta, Europa, hm?

Und was, wenn wir alle diesen Text kopieren? Und dann noch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, und ihn morgens in der U-Bahn murmeln statt rumzutippen, wenn wir sie all unseren Nachbarinnen und Nachbarn in den Briefkasten stecken, wenn wir beides im Hausflur summen und an unsere Abschiedsformeln dranhängen, einfach immer einen Satz, und erst würden sich alle wundern, aber dann würde wenigstens das andere Gemurmel übertönt, das Zischen, dieses nervöse Gezappel, diese vergifteten Blicke, irgendwo müssen wir ja anfangen, einen neuen Ton anzuschlagen, den jetzigen hält ja niemand mehr aus, der tötet jeden Tag.

Molaren

Die Stadt bekommt eine Gänsehaut. Das Licht zieht sich langsam in seinen Bau zurück, hinterlässt aber noch ein bisschen Glanz in den Wipfeln der Bäume, die so nah an die Balkone reichen, dass man hineingreifen kann. Wir sitzen unten auf einer Bank vor dem Laden, von dem J. sagt, er sei einmal eine der wenigen letzten Zufluchten ohne mattverschalte Hängelampen und Messingbecher gewesen, nun kann man dort viele verschiedene Sorten Bier kaufen und alles ist ein bisschen zu groß für diese Art von Straßenecke, die Bar im Inneren ist ein wenig zu lang, die Tische zu hoch, wir wählen die lange Bank. Zwischen uns steht eine Schale Erdnüsse, die Woche hat sich auf meinen Schoß gelegt mit ihrer Körperlichkeit und ihrem verrutschten Takt und es scheint, als käme sie nun langsam zur Ruhe, während ein Dackel die abgestellten Fahrräder inspiziert. Gegenüber gießt jemand die Blumen ein bisschen zu euphorisch. Wir erzählen einander die Geschichten unserer Toten, manche haben wir gemeinsam. Und als wir uns verabschieden, sitzt in jeder Straßenlaterne die Aufmerksamkeit eines Schluckaufs, all die Ampeln blinken so selbstbewusst in die Nacht, wie sie es nur tun, wenn man gerade verliebt ist oder aus dem Theater kommt, aus dem Kino oder eben aus einer Erzählung, einem Gespräch, einer Erinnerung.

J. sagt, dass wir Menschen uns füreinander die Beine ausreißen und die Haare zu Berge stehen lassen, das sei doch der Sinn von allem. Nicht die totale Kontrolle, nicht die Planung, nicht die Konvention. Sondern das Zucken, es schon hinzubekommen, egal wie laut es ist, wie schlimm, wie zehrend, dabei zu bleiben, denn mehr kann man nicht gefühlt haben, einander aus der Plastikfolie rollen und jeden Fitzel von der Haut klauben. Wir raten einander nicht zur Unvorsichtigkeit, sondern zum Luftholen. Und ich sage „Nimm das Handy mit“, korrigiere mich aber sofort, er sagt, dass er auf einem stillgelegten Flughafen übernachten will, vielleicht kommen ja Wölfe. Vor Tieren haben wir keine Angst mehr, vor Menschen noch immer, aber das macht uns nichts mehr aus. Wir nehmen die Furcht und legen sie zwischen die hintersten Backenzähne, dann spannen sich die Muskeln am Hals und wir sehen aus, als hätten wir jahrelang trainiert. „Haben wir auch“.

Anemogamie

Nun liegt eine dünne, hellgrüngelbe Schicht Staub auf der Tastatur. Das erste Drittel des Jahres ist rum. Sag das mal einer der blauen Stunde (aber wenn, dann nur leise). Sowas sagt man ja sonst eher im Fieber, also dieses ausschnaufende „Jetzt ist der April schon wieder vorbei, da steht der Mai“, wenn man hustet und schnupft und jedes Geräusch so laut an einem vorbeisaust, das man es nicht ignorieren kann, und erst wenn sie sich zusammentun, werden sie aushaltbar, Geräusche umarmen sich zu einem Rauschen, und Gefühle manchmal ja auch, obwohl es bei denen kein Wort dafür gibt.

Ich weiß noch, dass wir mit acht oder neun versuchten, unsere Ängste wie Hamster zu trainieren. Und Justus sagte: „Ich werfe nun diesen Blumentopf aus dem Fenster und hoffe, dass er niemanden trifft“ und dann nahm er Anlauf und dann knallte es laut und am Ende waren Scheibe und Topf entzwei, aber niemand gestorben. In diesem Viertel kam der Tod immer ohne Anlauf. Ohne Blumentöpfe. Ohne Fensterkrachen. Aber alle wurden getroffen. Und der Reststaub hat sich auf allem abgesetzt. Den Spülbeckenrändern. Den Sockenschubladen. Den Nasennebenhöhlen. Den Briefköpfen. Man erkennt einander daran. Die einen wischen das so weg, mit Staubtüchern, sehr gründlich. Die anderen halten die Hände rein. Fahren mit dem Finger darüber. Erinnern sich. Die wissen, das kommt immer wieder. Das geht nie ganz weg. Man braucht es gar nicht versuchen.

An Silhouetten gibt die Schwärze jedem Licht eine Chance.

Partielle Synonymie

Das Licht zwischen 19 und 20 Uhr an einem Apriltag ist das Licht, in dem ich mich verneige. Ich könnte das jetzt auf Englisch schreiben, dann wäre es direkt ein Lied oder zumindest ein Beginn, irgendwas, aus dem man noch was machen kann. Auf Deutsch klingt es wie eingequetscht zwischen Klopapier- und Schwammregal in der Drogerie am Platz. Aber es stimmt ja dann doch. Das Licht zwischen 19 und 20 Uhr an einem Tag in der Mitte vom April ist nun einmal das Licht, in dem ich mich verneige. An der Ampel zum Beispiel, so, dass es niemand anders sieht. Und vielleicht ist die Verbeugung auch nur ein ausladenderes Synonym für: „Ich habe dich wiedererkannt“. Ein Synonym für ein Zwinkern, die Bewegung der Mundwinkel, die da draußen keiner sehen kann, aber die bis in die Füße reicht. Das Licht an einem Apriltag so zwischen 19 und 20 Uhr ist ja auch das Licht, in dem sich alle ein bisschen verneigen. Vor dem Tag und dem, was davon noch übrig ist, und vor dem, was man geschafft hat, und was man nicht gesagt hat, obwohl man hätte können, vor dem eigenen Zusammenriss und der Nonchalance eines Atemzuges. Das ist genau das Licht, was man braucht nach diesem Winter, das Licht, in dem man sich pathetische Liebeserklärungen ausdenken kann, die man niemandem sagt, aber sich vornimmt, es zu tun, wann auch immer, das funktioniert auch zwischen Klopapier- und Wischlappenregal, man weiß das nicht, bis es einem passiert und dann kommt man raus, sehr beladen mit Dingen, die man auf Vorrat kauft, und stolpert ohne Grazie in das Licht hinein und oben am Himmel hinterlässt ein reguläres Flugzeug Düsenjägerspuren, die keine Düsenjägerspuren sind, aber so heißen, weil es kaum ein schöneres Wort dafür gibt und schöne Worte gehören auch in dieses Licht. Genau wie Überwindungen und aufplatzende Oberflächen und Knospen und dass man jedes Jahr wieder denkt, dass man sich früher aus Natur ja eigentlich nichts gemacht hat, aber plötzlich blinkert sich jedes kleine Fitzelchen Grün in den eigenen Weg. Das Licht jedenfalls an einem Apriltag zwischen 19 und 20 Uhr, das ist das Licht, in dem ich mich verneige, so wenig, dass es niemand sehen kann, mit acht Rollen Klopapier im Arm und drei Schwämmen im praktischen Kombipack und dann schaltet die Ampel auf Grün und allen, die über die Straße gehen, rutscht das Licht ins Gesicht für einen Moment, so lange nämlich wie eine Häuserlücke breit ist, und man kann dann ahnen, was alles sein kann. Man kann dann auch wissen, was alles schon ist.

Blutorangen

Ich sitze auf der Treppe und warte auf Achim. Es ist das zweite Mal in drei Wochen und ich glaube, Achim hat mich am Telefon wiedererkannt, schließlich habe ich nach ihm gefragt, nachdem ich erst in meinem Telefon nach der Nummer gesucht habe, letzte Anrufe, vor drei Wochen, die Liste ist lang, Mama nicht, Papa nicht, die 0800er-Nummer auch nicht, vom Datum her passte nur die eine und ich kam direkt durch. Aber dass Achim nicht am Telefon war, erkannte ich sofort, aber der Typ sagte was mit Schlüsseldienst und ich fragte nach Achim, denn Achim hatte das vor drei Wochen sehr gut gemacht, nicht nur das mit der Tür, sondern auch das mit mir. Er hatte das im Hausflur herumliegende Obst ignoriert, das ich noch nicht wieder eingesammelt hatte, als er kam, obwohl ich mir das kurz nach dem Toben fest vorgenommen hatte. Ich wollte nur kurz ausruhen, man muss sich ausruhen, wenn man sich sehr feste aufgeregt hat mit Haut und Haaren und Füßen und allem, was man so dabei hat, außer dem Schlüssel halt, dem ganzen anderen Scheiß, der Tasche, dem Obst, dem Joghurt, den habe ich nicht geworfen, aber der Tag war halt scheiße gewesen und dann war der Schlüssel am Ende weg und ich dachte erst und dann rief ich es auch, das kann doch jetzt nicht wahr sein. War aber wahr. Wenn ich eine Definition von wahrhaftig aufschreiben müsste, das wäre sie gewesen, wahrhaftige Scheiße, aber so poetisch denkt in so einem Moment ja kein Mensch. Oder nur sehr komische Menschen, Menschen, die so reden, wie ich in Aufsätzen schreibe, wenn ich meiner Lehrerin gefallen will, sind mir unheimlich, so unheimlich, dass ich ihnen aus dem Weg gehe, wenn ich kann, weil ich sie jedes Mal schütteln will, wenn sie den Mund aufmachen, weil ich glaube, dass das nicht sein kann, dass alle Gedanken so aus einem herauskommen, als hätte sie ein kleines Männlein oder Fräulein im Kopf noch einmal in seine oder ihre warmen Hände genommen und in Form geknetet wie so eine hässliche Tonfigur, die man im Kindergarten stolz auf das Brett gelegt, ein bisschen darauf herumgedrückt und dann „Fertig!“ gesagt hat, freudestrahlend natürlich. Und dann kam jemand, der schon erwachsen war und hat „hier noch mal die Nase ein bisschen weiter raus“ oder „guck mal, ein Lächeln für den Drachen“ hinein modelliert und dann sah es plötzlich wirklich aus wie etwas und nicht nur wie eine Ahnung davon oder halt mehrere Dinge auf einmal. Mich gruseln diese Menschen, die so reden, obwohl ich gar nicht weiß, ob sie ein kleines Menschlein im Kopf oder einfach nur einen an der Waffel haben, jedenfalls war Achim nicht so ein Mensch und das beruhigte mich ungemein, als ich unter den Briefkästen neben einer Blutorange saß und den Tag hasste und meine Blödheit, ja eigentlich vor allem meine Blödheit, denn mein Kopf, der schafft es selten, alles beieinander zu behalten, die Schule und das Einkaufen und die Hausaufgaben und das Putzen und das Bescheidgeben und das Ausfüllen des Haushaltsbuches und vor allem das, was dazu geführt hat, dass ich das jetzt machen muss, vor allem das. Aber das sagt man ja nicht, wenn jemand nach dem Grund für irgendwas fragt, „Bist du scheiße drauf?“, dann nennt man eben eines der Dinge aus der Liste und dann wird nicht weiter gestochert und das ist gut, besser jedenfalls als wenn die Fragen weitergehen würden, und Achim, der kam einfach direkt, nachdem ich angerufen hatte, als wäre der auf der Stelle losgefahren, um mir aufzumachen, wahrscheinlich hat er es genauso gemacht, aber das Sprechen im Konjunktiv sichert einen ab, das Denken im Konjunktiv noch viel mehr, falls man sich irrt, das wirkt dann so, als habe man es bereits vorher gewusst. Dass die Möglichkeit eines Irrtums besteht. Davon kriegt man keine Blasen. Achim hatte das Obst bemerkt, das hab ich gesehen, das fällt ja auch auf bei den weißen Fliesen unten im Hausflur, es liegt auch selten einfach Obst herum, das man sich nehmen kann, es sei denn, man sitzt in diesen Räumen bei der Familienberatung, da steht immer Obst auf dem Tisch und Saft in sehr kleinen Flaschen, die keiner anrührt, weil es keinen Öffner gibt und für das Öffnen mit den Zähnen ist eigentlich niemand cool genug. Jedenfalls hat Achim zu dem Obst nichts gesagt und das fand ich nett. „Wo müssen wa’n hin?“, hat er gefragt, kein Hallo, das war fast so, als würden wir uns schon kennen, kannten wir ja auch ein bisschen vom Telefon, aber es war wohl ziemlich offensichtlich, dass ich diejenige war, die angerufen hatte, und auch das gefiel mir. Mir gefällt, wenn was passt. Ich hab den Staub in der Luft gesehen, als ich Achim die Haustür öffnete, damit er rein konnte in den Flur, weil das Licht mit ihm hineinkam, „wie in so nem Film“ hab ich gedacht, aber dann fiel die Tür wieder zu und der Staub war nur noch unsichtbar wie sonst auch immer. „Wie bist’n hier reingekommen?“, fragte Achim dann doch noch, als er hinter mir her die Treppe hinaufging, aber irgendwie so, als müsse ich gar nicht antworten, wir waren ja schon drinnen, jetzt war’s auch egal. „Nachbarin“, sagte ich und versuchte, nicht zu schnaufen, das Obst hatte ich einfach liegengelassen, ich wollte so schnell wie möglich einfach rein, die Orangen konnte ich später aufsammeln, erst mal hoch und die Tür aufmachen, erst mal nicht mehr heulen, obwohl ich schon gar nicht mehr heulte, als Achim kam, aber ich fühlte mich so und ich sah auch so aus, da war ich mir sicher. Mein T-Shirt klebte mir an der Haut, das konnte er nicht sehen, Schweiß rann mir an der Wirbelsäule herab, aber nicht so wie im Badeurlaub, wenn man schwitzt, weil man auf dem Bauch in der Sonne eingeschlafen ist, sondern der kalte piekende Schweiß, der kommt, wenn das Leben gerade kein Badeurlaub ist, sondern aus der Form geraten. Ich hatte auf meine Tür gezeigt und Achim hatte gefragt: „Woher weiß ick denn, dass dit auch deine is?“, und ich wurschtelte mein Portmonee heraus, den Perso hatte ich nicht dabei, aber die Krankenkassenkarte und Achim schaute auf meine Hand mit der Karte, als hätte ich ihm gerade ein seltenes Tier gezeigt, und dann guckte er aufs Klingelschild, wie man eben auf ein Klingelschild guckt und mich irritierte das, aber dann stellte er sein Köfferchen ab, kniete sich hin, holte was raus und ungefähr 30 Sekunden später stand er in dem kleinen Flur, in meinem kleinen Flur, und es war mir nicht unangenehm, das fiel mir erst später auf, aber er meinte, das mache jetzt 150 Euro und ich war neidisch auf diese Kalkulation, ich wusste, ich muss mir einen Beruf suchen, wo ich das auch mal sagen werden kann, „das macht dann 150 Euro“, das klingt angemessen und ernsthaft, als habe man etwas verrichtet, das genau so viel wert ist, als habe man diese Aufgabe erfolgreich bestanden, als hätte man das wirklich verdient. „Ich hab nix hier“, sagte ich zu Achim und Achim seufzte, aber verdrehte nicht die Augen, obwohl das sehr gut gepasst hätte, so ein Augenrollen, ich hätte auch mit den Augen gerollt, wenn ich Achim wäre, aber Achim war anscheinend ein anderer Achim als der, der ich wäre, wenn ich Achim wäre. Er rollte nicht mit den Augen, sondern sagte: „Na dann jehn wa jetzt Jeld holn“ und ich nickte und suchte meinen Schlüssel und als ich ihn gefunden hatte, da klimperte ich damit in der Luft wie in einem schrecklichen Werbespot, „Hallihallo“ wäre so ein Wort, das zu dieser Geste passt, aber auch hier war Achim zauberhaft und schaute mich nur mit erhobenen Augenbrauen an, als würde er sagen „Wird’s bald?“, aber sagte es nicht und ich schob ihn aus der Tür und schloss ab und fühlte beim Runtergehen noch zweimal nach, ob ich den Schlüssel auch wirklich nicht vergessen hatte, und dann gingen wir vorbei an den vier Blutorangen und zwei Äpfeln, die am nächsten Tag braune Stellen hatten, raus auf die Straße und Achim hob wieder die Augenbrauen und ich erschrak fast und dann fiel es mir ein, „ach ja, da lang“. Ich hielt den Schlüssel den ganzen Weg in der Faust in der Tasche meiner Jeansjacke und in der anderen Hand das Portmonee und ich fragte mich, ob Mama das bezahlen würde, oder Papa, aber eigentlich, dachte ich, müssen die das bezahlen, sonst kann ich nix essen die nächsten drei Wochen, das machen die schon, und als Achim und ich vor der Bank angekommen waren, ging ich rein und hielt Achim die Tür auf, aber der wartete draußen mit seinem Köfferchen und murmelte nur „nee nee“. Ich ging also rein und holte Geld und kurz nachdem der Automat meine Karte verschluckt hatte, da dauert es immer einen Moment zu lange, ich frag mich jedes Mal, was der Automat in der Zeit eigentlich macht, guckte ich raus und sah Achim mit seiner blauen Wollmütze und dachte „Der sieht so glatt aus“, aber nicht komisch glatt, sondern so glatt, wie Leute es sind, denen irgendwas passendes in die Lücke gefallen ist, und dann schloss ich die Augen, als mein Kontostand angezeigt wurde und steckte die Scheine nicht ein, sondern nahm sie in die Faust mit dem Schlüssel, schob die Tür mit der Schulter auf und hielt Achim erst nur meine Faust entgegen, bevor ich bemerkte, dass man das nicht so macht. Man zählt ja das Geld im besten Falle dem anderen direkt in die Hand, nicht wahr, damit der sieht, dass das die richtige Summe ist, dass man ihn nicht bescheißen will, also fing ich an, Achim mein Geld entgegen zu zählen und er winkte ab und sagte: „Dit passt schon, brauchste ne Quittung?“. Quittungen sind gut, das sagt mein Vater immer, „Quittungen sind ein Beweis, lass dir immer alles unterschreiben“, also sagte ich „ja“ und nahm die Faust mit dem Geld wieder zurück in meine Tasche, während Achim einen Quittungsblock hervorzog und auf seinem Oberschenkel ausfüllte. Der Zettel flatterte im Wind, als er ihn mir entgegen hielt und Achim grinste und dann grinste ich auch und das war vielleicht das erste Mal an diesem Tag, so fühlte es sich an, vielleicht war es aber auch einfach nur sehr kalt oder meine Durchblutung angeregt von der Wärme in der stinkenden Bank, jedenfalls war es gut und ich verabschiedete mich mit „Tschüß und danke“ und ging los und dann ging Achim aber noch ein paar Schritte neben mir her. Wahrscheinlich guckte ich ihn so an, dass er meinte, beinahe verteidigend sagen zu müssen „Mein Auto steht in deiner Straße“. Also gingen wir nebeneinander den Weg zurück und sagten nichts und das war eigentlich das Schönste daran und auch, dass ich den Schlüssel noch in der Faust hatte, und ich dachte „Mensch, Ulli, wie so Erwachsene, da passiert was und dann ruft man jemanden an und bezahlt ihn dafür, dass er das regelt“, aber fühlte es eher, als es wirklich zu denken, und als wir an meinem Haus angekommen waren, blieb ich stehen und sammelte den Schlüssel aus meinen schwitzenden Fingern. Achim ging weiter und sagte noch „Mach’s jut“ und ich sagte „Du auch“ und dann stand ich wieder im Hausflur und das Obst war noch immer dort, wo es vorher hingerollt war. Heute kommt Achim spät, er müsste längst da sein.

Fiskislóð

Schnappatmung ist eine dieser Gefährtinnen, denen man eine Beschäftigung geben oder sie einmal ordentlich anbrüllen muss, damit sie für eine Weile die Klappe halten. Oder man legt ihr etwas vor die Nase, bei dem sie gar nicht anders kann als still zu sein und zu starren. So funktioniert das in Island. Da setzt man mich hinein und ich habe keine Angst mehr, vor nichts. Ich habe auch keine Wut mehr. Ich habe auch nicht diese Euphorie, die einem gefährlich werden kann, weil sie einem aus dem Hals springt, wenn man die Lippen nicht mit aller Kraft aufeinander presst. Ich habe nichts davon, aber eine Ruhe, die sich wie eine Wärmflasche in meinen Hinterkopf legt und leise plätschert. Ich lese nicht, wenn ich in Island bin. Ich summe nicht. Aber ich gucke die ganze Zeit und existiere einfach vor mich hin. Ich kann mir nicht vorstellen, das für den Rest meines Lebens zu tun, aber in Ausschnitten. Man verliert auch die Neugier, wenn man ein paar Kurven existiert, man klebt nicht mehr an der Scheibe, sondern lehnt sich zurück und alle Farben rieseln so nach und nach hinein. Erst in den Fußraum, dann in das kleine Fach neben der Gangschaltung, später zwischen die Finger und in die Löcher der Kopfstützen. Irgendjemand hat hinten neben den Strommasten einen riesigen Penis in den Schnee gemalt. Hier kommen nicht viele vorbei, aber ich frage mich, was für ein Hirn das sein muss, das hier im Nirgendwo einem Menschen befiehlt, den Umriss eines Geschlechtsteils in den Schnee zu kratzen, damit sich der nächste Schneefuchs doch bitte daran erinnere. Weiter hinten, das nächste Haus steht in 20 Minuten Autofahrt entfernt, steht auch noch das Wort „tits“ im Schnee geschrieben. Die Raben plärren in das Tal hinein, als hätte ihnen jemand einen Wecker gestellt.

Ich rede nicht viel, wenn ich in Island bin. Weil’s da ja nichts zu reden gibt, wenn sich die Landschaft um einen herumlegt wie eine riesige Hand. Weil’s am Ufer der Meerenge keine Erklärungen braucht. Weil man nichts beschreiben muss, wenn jeder alles sehen kann. Weil man nicht reden muss, wenn. Die Schollen knistern zurück, ich habe gar nichts gefragt. Der Schnee weht von den Bergspitzen auf das riesige weiße Laken. Der Wind macht jedes Wort unhörbar, sobald man die Tür öffnet, und schiebt den Schnee über die Fahrbahn wie ein Déjà-vu. Unter den Dächern hängen angefrorene Schneekissen, die jeden Moment ohne Plan jemanden erschlagen könnten. Ein Hund schlittert übers Eis. Das Blau zwischen dem Weiß der Wolken und dem Weiß des Schnees, der auf dem zugefrorenen See liegt, greift direkt in einen hinein, sodass man sich beim Spurenlesen verzettelt. Als wir das Fenster öffnen da draußen zwischen den Tannen hören wir alles, vor allem aber hören wir nichts.

Antrag auf Verlängerung

„Dieses Gefühl ist bei uns nicht gemeldet.“
– „Ich weiß, aber es verschwindet nicht und ich dachte, ich frage mal, ob Sie vielleicht wissen…“
„Ich? Woher soll ich das denn wissen? Aber warten Sie, lassen Sie mich mal nachschauen.“
– „Was schauen Sie denn?“
„Na, wie wir das kategorisieren können. Sonst gibt’s keinen Antrag.“
– „Antrag?“
„Na auf Einbürgerung.“
– „Äh.“
„Oder isset nur auf Urlaub?“
– „Ich weiß nicht so recht. Gerade sieht es nicht so aus. Es hat schon seine Sachen ausgepackt, die liegen überall rum.“
„Ah ja, dit hilft ja schon mal. Sonst habense keine weiteren Hintergrundinformationen?“
– „Nicht so wirklich.
„Glaubense, dit is Wut?“
– „Manchmal.“
„Manchmal manchmal, ’n Formular für manchmal ham wa leider nich.“
– „Entschuldigung. Vielleicht gehen wir dann doch einfach besser wieder.“
„Nee nee, jetzt hauense ma nich ab, das Gefühl bleibt hier schön sitzen, wir haben uns das ja noch gar nicht genau angesehen.“
– „Okay.“
„Hat auch wat von Traurigkeit. Guckense ma.“
– „Schon.“
„Jetzt guckense halt hin.“
– „ICH GUCK DOCH, ICH MACHE NICHTS ANDERES DEN GANZEN TAG.“
„Nun werdense ma nich frech. Ich glaube, dat is Gefühl 47b.“
– „Kann das was?“
„Na sagen wa ma so. Wenn dat übermorgen noch da is, müssense nochmal kommen. Ansonsten erledigt sich das von selbst.“
– „Aber wieso sollte es gerade jetzt verschw-“
„Ich würde mal sagen, ich schicke Sie jetzt damit zu meiner Kollegin, die kann Ihnen bestimmt helfen, 47b ist nun wirklich nicht meine Abteilung, dafür bin ich nicht zuständig. Alles Changierende machen Sie bitte mit meiner Kollegin aus.“
– „Aber die hat mich doch zu Ihnen gesch-“
„Die Nächste bitte.“

Was man in Trauer lernt: Gefühlsbürokratie aushalten.