Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Too much pretense here

Abends als ich nach Mitternacht über die leere Wilhelmstraße unter dem vollen Grießbreimond nach Hause fahre, der Sommer ist da, er legt sich mit schwitzenden Armen auf unsere Schultern, als ich da fahre, wünsche ich mir wieder, ich wäre besser, disziplinierter im Auswendiglernen, denn dieses Lied von Kate Tempest ist eines der wenigen Lieder seit langen, das mich jedes Mal beim Hören, also dem richtigen Hören, in dem man nicht viel anderes tut, in dem die Worte und das Klavier der Motor sind und man sich fahren lässt, es ist also eines der wenigen Lieder, das mich zu Tränen rührt. Das Klavier ist gleichzeitig schwer und tragend, fordernd ohne zu drängelnd, selbstbewusst mit genug Raum für die Worte und es legt sich nicht wie der Sommer auf mich drauf, sondern unter mich, unter die Füße, unter die langsamen Schritte, unter das Vorderrad, unter meine Hände, die alles tun, was sie können derzeit, unter meine Augenlider ohne mir Licht zu klauen, ohne die Nacht zu stören, dieses Lied ist alles, was dieser Sommer ist, nicht das, was er sein könnte. Wann hast du das letzte Mal gedacht und in den Handgelenken gespürt, dass das hier unangenehm ist, aber nötig, dass hier anstrengend ist, aber ein dich dehnender Schritt, eine so dringliche Veränderung, die du wahrscheinlich irgendwann, aber erst einmal nicht vergessen wirst, weil sie sich in deine Fasern setzt und nur langsam abgebaut wird? Dieser Sommer will viel und er wird es bekommen, dieser Sommer knarzt, aber so, dass man sich ihm erneut und immer wieder zuwendet, er macht einen Punkt und ich interessiere mich für die Person, die ich sein werde, wenn er vorüber ist. „The days are not days but strange symptoms“.

Something in that tenderness

Auf dem Land früh aufwachen und nur in Latschen runter zum See gehen, bis zu den Knien nass werden vom Tau, die Frösche hören und die Vögel und nichts verstehen, nur die Ruhe, nur die Ruhe, einatmen ausatmen, mich an diesen Tag vor einem Jahr erinnern und wie anders alles war. Man kann sich häuten, man muss sogar vielleicht.

Der Herr hinter mir fragt zum dritten Mal in sein Telefon: „Can you save some dinner?“, die Frau neben ihm schaut ihn still und wütend an, sie erinnert mich an Cate Blanchett. Neben mir komponiert ein Mann ein LinkedIn-Posting wie einen Marsch auf dem Klavier, er löscht jedes zweite Wort, tippt es erneut, leicht verändert, seine Finger hüpfen auf und ab und hin und her, sein Handgelenk spielt eine wesentliche Rolle dabei. Nach einer Weile setzt er ans Ende des Textes ein Herz-Emoji und veröffentlicht ihn. Er schnäuzt sich, ich möchte glauben, zufrieden.

Als ich in der Badewanne lag, ist das große Handtuch dazu gerutscht, untergetaucht, hat sich verteilt zwischen Wasser und Haut, es wurde so schwer wie manche Tage, ich wäre beinahe liegengeblieben, aber das Wasser wurde kalt.

Irgendjemand sagte neulich im Bus zum Bahnhof etwas von einem verstauchten Knöchel, zwei jugendliche Jungs in einem Gespräch und ich dachte mir, das ist auch eine Art von Privileg. Also artikulieren zu können, wo der Schmerzt sitzt, wo er herkommt, zu wissen, wen man fragen kann, damit sich was daran ändert, zu wissen, dass sich höchstwahrscheinlich etwas daran ändern wird, nicht hysterisch zu werden. Und als ich dann am Zürisee herumlief mit J. und wir über den Zweifel sprachen, der sich eingeschlichen hat mit den Jahren und unserem Alter, der Zweifel darüber, ob unsere Geschichten aus weißen, privilegierten Haushalten überhaupt noch erzählenswert sind (denn erzählbar sind sie ja immer, das ist ein Unterschied), als wir von dem Zweifel sprechen und der Scham, die auch mitschwingt und noch etwas anderes ist als das Impostersyndrom, da fiel mir wieder ein, was ich vor fünf, sechs Jahren schon mal dachte, nämlich, dass man sich rantrauen muss an den Schmerz, um ihn aufschreiben zu können, unabhängig davon, was dann mit dem Geschriebenem passiert, die Herausforderung bestand für mich immer darin, hinauszugehen und all dem ins Gesicht zu sehen, was man sich ausdenken kann, man muss sich diesen Kampf ja liefern, auch mit dem, was man sich nicht ausdenken muss, bei dem auch permanent die Frage im Raum steht, wer zuerst wegschaut. Und man muss diesen Kampf gewinnen (so sehr ich kriegerische Metaphern auch hasse, das Wort Kampf ist mir noch immer zuwider). Und Juli Zeh sagte neulich in einem Interview, der Text sei ihr egal, es gehe ihr um das Schreiben, und der J. sagte auch, es gehe ihm um den Prozess, während ich auf die Masten der kleinen Segelboote schaute und verneinte. Das Schreiben sei furchtbar, geschrieben haben sei besser. Dann bestellte J. Mohnkuchen und jetzt weiß ich, ich hatte Unrecht. Ich hatte das gesagt, weil es die Antwort ist, die ich früher gegeben hätte. Ergebnisbezogen. Das hat sich verändert. So wie ich streiten gehasst habe früher und jetzt weiß, ohne geht es nicht (also gar nicht, meine ich, und so viel mehr als das). Ich weiß jetzt: Wenn ich streite, dann ist das eine Art Kompliment. Wenn ich schreibe, diskutiere ich permanent mit mir selbst ohne sprechen zu müssen. (Ein zärtlicher Kampf, ich hätte nie gedacht, das so sagen zu können.)

Am Morgen nieselt es, ich ziehe die Vorhänge beiseite, öffne die große Glastür und es klingt, als würden sehr viele kleine Käfer Trampolin springen. Ich stehe da eine Weile, bis die Katze sich beschwert und die Kirchturmglocken läuten.

Mit S. erst die Wahlergebnisse und dann „Wish I was here“ geschaut und festgestellt, ich habe mich selbst noch nie mit einer Perücke gesehen. Jedenfalls nicht im Alter von größer fünf. Vielleicht hat das etwas mit der Unlust am Verkleiden zu tun. Auch 24 Stunden später wechseln sich Frustration, Ratlosigkeit und Hoffnung in zufälliger Weise in mir ab, C. fragt, ob wir nicht ein Crowdfunding für Buslinien in Brandenburg aufsetzen sollen als Spenden für die Kommunen, man muss doch irgendwas tun, und ich versuche mich zu erinnern an die Zeit vor dem Mauerfall, ich versuche mich zu erinnern an das dumpfe Gefühl und die Sprachlosigkeit und es ist nur noch eine Ahnung, und auch an dieser Stelle flattern Erleichterung und Entsetzen. (Wie lang wird das anhalten?)

Ich glaube, ich werde „Hold Your Own“ von Kate Tempest mit auf die Reise nehmen.

(…) Give her a face that is kind, that belongs
To a woman you know
Who is strong
And believes in the rightness of doing things wrong.

Give her a body that breathes deep at night
That is warm and unending; as total as light.

Let her live.

(Tiresias – Kate Tempest)

Flugmodus

Unser Flugzeug fährt langsam an gefrorenem Gras vorbei. An hellgrauen Fasern vor Schwarz. Dazwischen ein wenig besprenkeltes Beige der Start- und Landebahn, oder dem Zubringer. Ich glaube, wir sind noch auf dem Zubringer, wie der korrekt heißt, weiß ich nicht, aber ich halte Ausschau nach kleinen Mäuseaugen. Ich höre immer dasselbe Lied, seitdem ich wieder fliegen kann. Zum Start und zur Landung. Manchmal, wenn das Lied zufällig gespielt wird und ich mich nicht in einem Flugzeug befinde, bilde ich mir ein die Vibration zu spüren, den Druck hinter der Stirn. Fake Empire von The National. Als die Panik noch da war, versuchte ich, mich mit dem Nachahmen des Klaviers abzulenken. Es ist ja so, dass 55% der Passagiere angeblich während eines Flugs stärkere Gefühle erleben als außerhalb eines Flugzeugs. So sagt es zumindest die Auswertung einer Studie von United Airlines. Die eine Begründung liegt im verminderten Sauerstoffgehalt in der Luft, damit schwinde das Urteilsvermögen. Die anderen sagen, es habe mit der Flughöhe, dem begrenzten Raum und den darin befindlichen fremden Menschen zu tun.

Bei Fake Empire spielt jede Hand einen anderen Takt, Dreiviertel gegen Vierviertel. Aber auch ohne Panik und mit wenig Übung wird man davon auf Dauer verrückt und wenn jemand im Flugzeug neben einem sitzt und sieht, wie man sich selbst auf den Oberschenkeln herum drückt, während man seltsam atmet, wird Panik mitunter ansteckend und Panik in Startsituationen bei mehr als einer anwesenden Person kann niemand gebrauchen. Ich fliege gern, seitdem die Panik weg ist. Am liebsten nachts. Auch wenn es immer ein bisschen zu warm ist. Wenn der Horizont sich schief legt, setzt das Schlagzeug ein, unter uns die Glühwürmchenstadt, ein paar Raketen fliegen schon, den Rest brennen sie in zwei Stunden ab, ich fliege so früh, wie ich muss und so spät, wie ich kann. We’re half awake in a fake empire.

Mittlerweile kann ich in der Luft sehr gut schreiben: Abhandlungen, Vorträge, Gebrauchsanleitungen für Dinge, die keine Gebrauchsanleitung haben, Packungsbeilagen, Liebesbriefe, Randnotizen. Es ist ganz gleich, was man mir aufträgt, hier oben, nachts, da geht’s, in diesem verdrehten Licht, in dem die Menschen sich halbwegs leise ihre Aufregung weg- und die roten Wangen antrinken. Es ist der 31. Dezember. Die meisten hier haben Pläne, da ist der Weg nur der Weg und kein Ziel. Die beste Zeit ist, wenn sie dann irgendwann schlafen, das flugbegleitende Personal schnauft durch, schaut sich mit entspannteren Blicken an, legt sich selbst und die Gesten kurz ab. Man kommt meistens nicht drumherum den Menschen hier oben beim Schlafen zuzusehen, dennoch versuche ich, den Blick zu senken, niemand wird gern im Schlaf beobachtet, das ist auch so eine unrealistische Sache aus Filmen, da schauen die einen den anderen beim Schlafen zu und beide finden das meistens super, die Zuschauenden lächeln debil, diejenigen, die beobachtet werden, wachen auf und finden es nicht seltsam angestarrt zu werden, selten erschrickt jemand, die im Film Schlafenden wachen meistens sanft auf, niemand schreckt hoch, sie schauen wenig verdrießlich in die Welt und das Gesicht ihres Bettnachbarn hinein.

Ich schlafe außerhalb des Flugzeugs gern auf dem Bauch, das macht es schwerer beobachtet zu werden, der Welt den Rücken kehren und dann mit Kopfkissenstreifen im Gesicht aufwachen, es dauert meist ein paar Stunden, bis die Haut sich in den ursprünglichen Zustand zurückgeplustert hat. Die Kopfkissenstreifen auf der Wange sind auch im Flugzeug sehr kleidsam, ich mag, wenn man Menschen ansieht, dass sie sich gerade erst entfaltet haben. Als würde der Tag sich langsam in den Wangen ausbreiten, sich den Platz verschaffen, den er in der Nacht nicht gebraucht hat.

Nachts, wenn hier oben alle schlafen und einander nur anexistieren, bin ich neben einem Büro auch eine sehr gute Beraterin für alle Lebenslagen, ich beantworte im Stillen alle Fragen, die nicht gestellt werden, ich stehe mit Rat und Tat denen zur Seite, die mich nicht brauchen, ich habe keine Aufgabe, ich weiß hier oben wirklich alles, wissen Sie, was ich nicht wirklich wissen muss. Hier oben kann ich jede sein und niemand, es gibt keinen Abgleich, nur vorgegebene Prozedere, geübte Sätze und ein bisschen Überbrückungszeit. Das Flugzeug ist ein guter Ort, um von einem Jahr ins nächste zu kommen, es gibt keine Knaller oder Raketen, sondern nur ein paar nette Worte vom Menschen, der das Flugzeug fliegt, oder dem Menschen daneben. Einer von beiden sagt dann, dass sie alles im Griff haben, das ist ein schöner Satz vor einem neuen Jahr, ein schöner Satz, um sich zu verabschieden, es gibt einen Sekt aufs Haus und fünf Minuten später ist wieder Ruhe.

Niemand sucht ein Taxi, niemand ist enttäuscht, weil irgendjemand nicht pünktlich war oder keine SMS geschrieben hat, oder doch eine SMS geschrieben hat, aber mit den falschen Worten, niemand klaut heimlich die Weintrauben von den Käsespießen, niemand hat zu spät auf den Auslöser gedrückt, niemand kleckert auf den Teppich, niemand reißt sich zusammen aus Komplex, sondern vor allem weil alles andere nicht angemessen wäre. Hier oben fragt niemand, ob man noch was mitbringen soll, wo denn Tina und Martin bleiben, ob es noch ein +1 gibt, ob wir dann jetzt bald mal spielen, ob wir runtergehen oder das Feuerwerk vom Balkon aus anschauen, wo der Handfeger ist. Hier will niemand Drogen kaufen, nur selten sitzt jemand kotzend im Gang, und wenn doch, ist sehr schnell eine Tüte zur Stelle, niemand gießt Blei und erkennt nichts darin, niemand sagt, Wachs sei das neue Blei, niemand hört mit dem Rauchen auf, weil eh keiner rauchen darf, niemand ist um zwölf alleiner als die anderen, niemand kämpft mit den Wunderkerzen und niemand hat Angst, die Kuchenform zu vergessen. Niemand fragt, ob man nicht doch noch was trinken wolle, nur ein Gläschen, ach komm. Niemand tanzt. Niemand bleibt in der Ecke stehen, weil er sich nicht traut zu tanzen. Niemand probiert durchzukommen, niemand schreit ins Telefon, niemand legt auf, auch nicht zu früh.

Das Essen und die Getränke werden in winzigen Gefäßen gereicht, niemand fällt ins Buffet und wenn doch, dann bekommt es niemand mit. Alles hier oben wird auf seine elementare Winzigkeit herunter komprimiert, der Komfort, die Berührungen, die Kommunikation, die Ansprüche. Sitz, Tasche, Fenster, Ablage, alles ist kipp-, verschließ- und klappbar. Die Bibliothek besteht aus einer Anleitung zum Überleben. Es werden Chipstüten mit 15 Gramm Inhalt gereicht, vorne drauf ist das Foto eines Piloten zu sehen, der auch eine Pilotin sein könnte, das ist das Gute am Dämmerlicht, außerdem zu sehen sind ein Hund und ein Segelflugzeug. Irgendwann in ein paar Jahren werden sie die Kartoffelscheiben einzeln laminieren, weil sich irgendjemand nicht die Finger schmutzig machen will an frittiertem Gemüse irgendwo über dem Ozean.

J. erklärte mir neulich, dass wir einander oder die Dinge um uns herum nie berühren, das, was wir spüren, sei nur die Abstoßungskraft der Atome. Die Atome selbst kämen nie in direkten Kontakt. Das macht Sinn, denke ich, und erklärt einiges. Zwischen uns und allem in der Welt ist immer noch Platz, wir können uns nah sein, aber mehr wirklich nie. Ob das den Sekunden und Minuten genauso geht? Dreiundzwanzig Uhr neunundfünfzig. Null Uhr. Null Uhr eins. Unter uns leuchtender Plankton. Alles wie immer.


Dieser Text ist eine neue, längere Version dieses Textes hier. Und ich durfte ihn am 23.04.2019 in der Buchbox in Berlin bei der Buchpräsentation und Lesung von Sophia Hembeck vorlesen, für deren Einladung ich mich auch hier noch einmal sehr herzlich bedanke. Andere Autorinnen neben sich selbst auf eine Bühne zu holen, ist nicht selbstverständlich, aber wunderschön.

Saltdean

Kennen Sie das? Sie sind in einer Stadt, in der mal jemand gelebt hat, den Sie gut kannten, aber er ist nicht mit Ihnen dort und am Ende sehen Sie alles beziehungsweise vieles nicht durch seine Augen, aber eventuell durch so etwas wie seine Sonnenbrille oder mit seiner Kapuze. Ich steige aus dem Flugzeug, die Luft riecht nach Frühling, London wartet irgendwo weiter hinten, die Sonne geht gerade unter und das Schild sagt, man solle ich auf der Rolltreppe am Geländer festhalten, die Rolltreppe fährt hier viel schneller, habe ich den Eindruck, vor allem aber fährt meine Rolltreppe viel schneller als die daneben, und M. fällt hinter mir zurück. Unten angekommen drehe ich mich um, aber er fährt noch. In dieser Stadt, durch die man mit der anderen Kapuze läuft, hält der Frühling Einzug, das Licht fällt wie nicht bestellt, aber aufmerksam hingelegt ins Zimmer des Hotels, wo einen in jeder Ecke etwas anschaut, ein Gemälde, eine Lampe in Menschenform, Dekorationsartikel mit Tiergesichtern, aber der Teppich macht, dass man nicht trampeln kann, selbst wenn man wollen würde und das Bett macht, dass man sich ausruht, selbst wenn man nicht schläft. In dem Gebäude gegenüber läuft nachts jemand in leeren Räumen mit einer Taschenlampe Patrouille. Tagsüber auf der Straße schaut man wegen des umgedrehten Verkehrs in alle Richtungen, so sehr, dass einem fast schwindelig wird, irgendwann laufen wir einfach, das wird schon. London riecht nach Chilli, Fett und Motorenöl. Das Verstehen der anderen Sprache lässt sich glücklicherweise je nach Gemütszustand einschalten und auch wieder ausfaden. Und so ist das Spazieren gut möglich, weil man verstehen kann, aber nicht muss, weil die innere Übersetzungsmaschine Pause macht, wenn sie soll und manche Sätze sieben oder acht Schritte brauchen, um in ihrer Bedeutung durchzusickern. Und nach einem Tag schon kann man sich, wenn man denn will, wieder in die Sprache legen, auch Schottisch verstehen. Wie mit Menschen, an die man sich erst wieder einen Moment gewöhnen muss, obwohl man sich mag, aber lange nicht gesehen hat, Jahre vielleicht. Man könnte sich anlehnen, aber man tut es nicht, obwohl man weiß, dass es geht. Die Kapuze ist aus schwerem Stoff, aber sie wärmt, als wir nachts auf der Millennium Bridge stehen und in die Lichter starren (ich summe leise „England“ von The National, diese Sorte Pathos fragt nicht nach Erlaubnis).

Die Sache mit den frühen Zügen am Morgen ist die, dass man allein einsteigt, aber nicht allein rausgeht. Die Menschen kleckern nach und nach dazu, von Station zu Station wird es heller, erst dunkelblau, dann graublaugrün, dann die kleine graue Phase und dann kommt das Rosa auf den Dächern. Als das erste Grün vorbeifliegt, ist es Tag und ich hätte gern den Mut, sitzen zu bleiben und einfach durch bis nach Brighton zu fahren, nichts zu erfinden, sondern die Wahrheit zu sagen: „Entschuldigt bitte, ich kann heute noch nicht zurückkommen, ich muss noch etwas erledigen, ich muss das noch sehen, und dann ist vielleicht Ruhe.“ Wir werden es erst wissen, wenn es soweit ist. (Put an ocean and a river between everything, yourself and home.)

Light Years

Am Abend einen Einfall spüren, der innerhalb von kürzester Zeit immer größer wird, nicht mehr weg zu ignorieren. Und am Bauchgefühl merken, dass das ein guter Einfall ist. Am Morgen beantrage ich den Urlaub, am Abend buche ich den Zug. „Irgendwann hab ich angefangen, damit aufzuhören“, vielleicht höre ich jetzt auf damit Sachen eher aufzuschieben oder zu denken, das sei etwas für später. Und dann fallen mir die Flaming Lips wieder ein, die M. damals in mein Leben brachte neben dem Fotoautomaten am anderen Ende der Stadt. Komisch, nicht wahr, wenn man gerade mit der einen Körperhälfte lernt abzuwarten, und im gleichen Moment mit der anderen lernt, loszugehen. Vielleicht hat das auch nichts mit Körperhälften, sondern eher Körperteilen zu tun. Head over heart. Heart over pelvis.

Der Nachbar gegenüber mit den langen Haaren spielt jetzt wieder bei offenem Fenster Klavier, und das auch sehr ausladend. Er beugt sich und kämpft, man könnt meinen mit den Tasten. Aber man hört ihn nicht. Man hört wirklich gar nichts, ich habe es eine Weile versucht, dann wurde es kalt und ich musste mein Fenster schließen. Was, denke ich, wenn ihm ein totes Wiesel auf den Saiten liegt oder ein verbummelter Schlafsack und er weiß das gar nicht, vielleicht ist das schon immer so.

Am Abend nach dem Essen, es ist dunkel, aber mild, komme ich an diesem Magnolienbusch (oder ist es ein Baum?) vorbei und die Blüten leuchten, auch um diese Uhrzeit noch, als hätte jemand Glühbirnchen in ihnen versteckt. Dass ich stehengeblieben bin, um zu gucken, merke ich erst, als sich die zwei Frauen an mir vorbei drücken und mich verwundert ansehen.

Da vor dem Weinladen ist der einzige Platz, an den am Abend noch Sonne fällt. Auf der kleinen Bank vor dem Baum sitzen zwei ältere Herren mit Hut und betrachten den Wein in ihren Gläsern mit ausgestreckten Armen im Gegenlicht. Sie grinsen und murmeln, man versteht sie nicht. Der Verkäufer erkennt mich wieder, ich sehe das an seinen Augenbrauen, es ist eine ganze Weile her, aber mittlerweile kann ich behaupten, ich komme seit Jahren. Drumherum holen die Menschen ihre Kinder von irgendetwas ab, bringen sie irgendwohin, einer in der Konstellation zieht immer den anderen, zu meinen Füßen liegen Beutel, die Blumen werden diese zwanzig Minuten aushalten. Eigentlich fand ich es immer gut, Gesprächen von Fremden zu lauschen, mich nur kurz in Gedanken einzumischen, aber meinem Gesicht nichts anmerken zu lassen. Dieser Tage ist es besser zu schweigen, Musik zu hören, alles sieht dabei aus wie ein deutsche Fernsehfilm, der Boden ist vielleicht ein bisschen zu dreckig für einen deutschen Fernsehfilm und der Soundtrack zu gut. Ein Film ohne Gespräche, aber mit Abläufen, Gesten, einem Lächeln hier und da. Man wird auch beäugt, wenn man nur so sitzt und auf niemanden wartet.

„Mit Zynismus konnte Jetti nicht umgehen. Nach Zynismus musste sie Musik hören, um wieder dorthin zurückzukehren, wo der Mensch anfängt.“ (Michael Köhlmeier, Bruder und Schwester Lenobel)

Geophyten

In der Bahn nach Hause riecht heute jemand nach gerösteter Reiswaffel, aber ich kann nicht ausmachen, wer genau (der innere Kritiker fragt sofort, warum ich schon wieder einen Text mit Gerüchen beginne, ich glaube, andere haben Hobbys, ich habe Schnupfen). Ich lese die ersten Seiten von Sašas „Herkunft“, schon bis Seite 9 kann ich nicht so viele Seiten umknicken, wie ich mir Sätze merken möchte. Berlin schwappt zwischen der hysterischen Sanftheit des Frühlings und dem ADHS des Winters herum, vieles verschwimmt, auch die Gesichtsausdrücke, Aliengefühle. Die Menschen wickeln sich so oft die Schals um den Hals und wieder ab, manchmal bekommen sie Muskelkater davon, nicht nur in den Armen, sondern auch im Gehirn. Wir tapern uns räuspernd langsam durch den Tiergarten, eben hat der Himmel noch in allen Farben krakelt und dann ist’s doch wieder einfach nur dunkel, die guten Dinge funktionieren saisonunabhängig, einander auf dem Heimweg nochmal kurz festzuhalten zum Beispiel, weil man sich den kleinen, ungeplanten Umweg wert ist. An den guten Tagen ist man zwar so müde, dass man kaum noch geradeaus schauen kann, aber merkt es nicht. An den schlechten schleppt man sich vorsichtig an den Rand, um nicht aufzufallen, dort gehen die Leute etwas langsamer.

Wir trinken die erste Weißweinschorle des Jahres ohne Jacke und in der Sonne und ich erinnere mich, ich habe das noch nicht so oft erlebt, dass Menschen Auseinandersetzung und Streit auch als Kompliment verstehen, als Hinwendung und sanften Wind, der ein bisschen was wegräumt. Ich verstehe die angezogenen Schultern, ich verstehe die Verteidigungshaltung, ich weiß, woher das kommt, aber wer Sprachlosigkeit erlebt hat, weiß die Wärme von Reibung zu schätzen, die Geste des direkten Blicks. Man braucht keine Einigung, um einander etwas wert zu sein. Und in Skepsis liegen auch Großzügigkeit und Tastsinn, insofern sie jemanden mitdenkt und nicht ausschließlich aus Reflex besteht. Wir sammeln einander also Flusen von den Pullovern und das Jahr ist schon wieder zu einem Viertel vorüber, wir pflücken auch Erkenntnisse und ernten nach lautem Lachen böse Blicke im Ruheabteil. In einem Einzelhotelbett kann man nicht so gut schlafen, stelle ich fest, weil es an allen Stellen viel zu schnell zu Ende ist. Wann hast du eigentlich das letzte Mal eine eigentlich unnötige, aber warme Geste geschenkt, die ohne Zweifel und genau so gemeint war? Schau, am Halleschen Tor blühen jetzt die ersten Büsche, manche bemerken das auch und ihr Blick wird ganz weich.

So when the ‚cause ain’t dead on arrival and you couldn’t shouldn’t wouldn’t for free, do not hang your cause on revival, cause now looking is bringing you grief. So when the cause is dead on arrival and you coulda shoulda woulda for free. I wouldn’t have forced it on the minute. It’s a very hard thing to have grief. Ah, give it a minute. We’re dancing in it.“ (Big Red Machine)

„Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“

Der späte Februar und der beginnende März waren schon letztes Jahr eine Zeit, in der man abends kurz nach sieben noch tippend am geöffneten Fenster sitzen konnte ohne zu frieren, jedenfalls für ein paar Minuten, ein paar mehr. Eine Zeit, in der der Wind eine Atempause macht, die Tage so zukunftsgewandt, dass man bei der Vergangenheit wieder rauskommt. Der kleine Pathos, wenn es abends schon nach Sonne riecht und die Nacht nur langsam drüber klettert, wenn man Fahrradfahren kann, ohne dass einem die Wangen zerrupft werden von der Eisluft oder die Finger abfallen. Wenn die Haut sich schon windet, weil sie weiß, was kommen wird, aber noch nicht da ist, und auch diese Ahnung funktioniert ja nur im Abgleich, die funktioniert nur, weil wir das schon einmal erlebt haben (nicht nur einmal, die meisten von uns mehrfach), und weil wir die Bilder kennen. Wir können uns ja selten angemessen nach etwas sehnen, was wir noch nie gehabt haben, in diesen Fällen ist es relativ wahrscheinlich, dass die Vorstellung, an der die Sehnsucht hängt, schlenkert und an der Realität vorbei schrammt. Marion Brasch sagt im Interview, ihr Bruder Thomas sei einer von diesen liebens- und hassenswerten Menschen gewesen, „das macht eben solche Charaktere auch aus, dass sie nicht nur die Menschen auf ihre Seite ziehen, weil sie so toll sind, sondern auch weil sie sie absorbieren, er war so jemand, der auch Menschen getrunken hat“.

Mehr ein- als ausatmen. Der Frühling ist der erste Herbst des Jahres. Er riecht nach Pfannkuchen.

C’est par ici.

In den jungen, rauschenden Jahren denkt man bei jedem großen Verlust, mitunter bei jedem Tod, der einem begegnet: „Das erlebe nur ich“. Eine Dekade später fragt man sich: Wie kann denn jemand das noch nie erlebt haben? Nun werden die Unversehrten zur Ausnahme. Was sich darin spiegelt: ihre Einsamkeit. Und direkt daneben der Trost einer gemeinsamen Schmerzerfahrung, die zwar nicht gemeinsam erlebt, aber dennoch gemeinsam erinnert und verarbeitet wurde, der Trost, den man sich früher nicht hatte vorstellen können, im Leben nicht. Diejenigen mit den Brüchen erkennen einander. Man begreift sich in den ersten Minuten einer Begegnung.

Der Wendepunkt jedoch, der von hier zu da, von Abgrenzung zu Umarmung, von deiner zu unserer Biografie ist nur schwer auszumachen. Es könnte sein, dass es ihn gar nicht gibt und man unterwegs in den Kurven nur den Split von der Straße fegt, der sich unten im Tal zu einem Hügel zusammenrollt. Niemand weiß, wer das war und wann und mit wem. Aber das Grundstück ist schon verkauft, deswegen interessiert es niemanden mehr und die zukünftigen Besitzer werden es nicht besser gewusst haben, die kennen kein früher, und wenn, dann nur eines von vergilbtem Papier oder Dateien ohne Namen. Die Lebhaftigkeit von Interesse und Vorstellungskraft, wenn einem jemand so etwas zeigt (meist auch mit sichtbarer Erwartung in den Augenbrauen), hält sich in Grenzen.

In diesem Alter dann, wenn man das erste oder zweite Mal darüber nachdenkt, ob es eine realistische Option wäre, eine Immobilie zu erwerben, versteht man auch, dass es nur sehr selten im Leben um einen Abschluss geht, um ein wirkliches Hintersichlassen (man wird auch in diesem Alter die korrekte Schreibweise des Ausdrucks noch nicht kennen), sondern dass es in den meisten Fällen um ein Weitermachen trotz aller Umstände geht. Als wir durch den Wald am Wannsee spazieren gehen, es ist Sonntag, sagt P.: „Nichts ist sicher. Das war noch nie der Fall. Man vergisst das nur ab und an.“ Das mit dem Vergessen kann also passieren. In den meisten Fällen tauchen die Dinge, Erinnertes, die wichtigen Sätze dann irgendwann an anderer Stelle wieder auf (ob man sie wiedererkennt, wird hier offengelassen). Das Erlebte zu internalisieren, einen Ort dafür zu finden, der einem nicht zu nahe liegt, also trotz allem, und dann weiterzumachen, immer noch und wieder, das ist die Aufgabe. Nicht Auflösung. Erlebtes verdunstet nicht oder zerfällt.

Rollwende

Wenn der Januar so ist, dass es danach nur noch besser werden kann, dann lohnt es sich vielleicht doch den Atem anzuhalten, um irgendwo anders wieder aufzutauchen und erst dort Luft zu holen für den weiteren Weg. Irgendwann später. Bis dahin kraulen. Sie sagen, Kraulen sei eine der einfachen Schwimmtechniken und eine der schnellsten, was beides praktisch ist, wenn man bedenkt, dass nicht sicher ist, ob im Falle des Januars nur eine Überbrückung von Zeit oder eben doch Strecke oder gar beidem von Nöten ist.

“Das Gesicht des Schwimmers weist zum Grund des Gewässers”, sagen sie. „Das ist machbar“, denke ich und senke den Kopf. Was sie einem nicht sagen, ist, ob man die Augen dabei geschlossen oder doch auf halten soll, und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass das jeder für sich selbst entscheiden müsse, ich bin Anfängerin, ich brauche Geländer, könnten Sie mir bitte einfach sagen, was sich eignet? Irgendjemand erzählte auch etwas von ununterbrochenem Antrieb bei dieser Schwimmtechnik, „das ist vermutlich etwas Gutes“, denke ich und schaue mir selbst sehr viel auf die Füße. Wir stehen, es glitzert. Ich lüge. Es glitzert nicht, es wabert nur. Glitzern würde es, wenn hier Sonne hinein fiele, aber gerade lugt nur das Grau sehr neugierig aus der Dusche. Nein, es glitzert nicht. Und dieser Januar ist nicht glamourös.

Im nächsten Schritt geht es um die Atmung. Nur seitlich aus dem Wasser drehen, „der Kopf kommt nicht ganz raus“, sagen sie, das ist schon schwieriger, weil man ja dann hochguckt und den Beckenrand sieht, insofern die Schwimmbrille gut sitzt und man sich für die geöffneten Augen entschieden hat (was ich empfehle, wenn man nicht gerade angstfrei im offenen Ozean unterwegs ist). Alle zwei bis fünf Züge soll man also den Kopf hochdrehen und atmen, sonst macht man das ja automatisch mit dem Luftholen, jetzt soll ich zählen oder mich zumindest anders auf die innere Uhr verlassen, also Atmen nach Ansage, man könnte dabei durcheinander kommen, schließlich müsse man noch auf andere Dinge achten, sagen sie. Würde meine innere Uhr funktionieren, also so wie es in sehr klugen Romanen steht, von denen ich mir wünsche, dass sie etwas mit der Realität zu tun hätten, damit wir nicht hoffnungslos verloren sind, würde meine innere Uhr so funktionieren, wie es da geschrieben steht, dann wäre ich jetzt nicht hier und müsste diesen Unsinn nicht machen. Es ist nass, es ist kalt, man kann diesen Januar nicht einmal sarkastisch durch die Pfütze ziehen, denn die Pfütze ist zu flach und der Januar ein Arschloch. Und sowieso sagen alle etwas anderes, also was die Technik des Durchtauchens angeht, Nase zu, Augen auf, Augen zu, nicht atmen, später atmen, vorher atmen, springen, gleiten, koordinieren. Nur in einer Sache sind sie sich einig. In der Richtung. „Was sie nicht bedenken“, sage ich leise eher zu mir selbst als zum Publikum, „ist, dass auch vorn immer davon abhängt, wo man gerade steht.“

37,5 Tage

In diesem Jahr sind bereits 1800 flüchtende Menschen im Mittelmeer ertrunken. Es kämen weniger in Europa an, sagt die Stimme im Radio, aber man hätte eben diese hohe Sterberate. Ich steige aus der Dusche und bleibe sitzen für zehn Minuten und an jeder Ampel auf dem Weg ins Büro frage ich mich, ob nicht einmal jemand die Gesichter fotografieren könnte, die Gesichter der Leute, die diese Meldung morgens in der Dusche hören. Und ob diese Gesichter mehr Mitgefühl auslösen würden als die konkrete Zahl im Satz, die die Minderheit zu bewegen scheint. Die Europäer sind sich ja dann doch gern selbst die nächsten, ich hab das in der Schule mal anders gelernt und in meiner Familie, was erzählt man den Kindern in der Schule eigentlich gerade, wie erklärt man das, was dort passiert? Es genügt ja schon, einen Text oder ein Hörstück mit Seenotrettern zu twittern, zu posten, und schon hat man jene am Hals, die von sich sagen: „Nein, also ein Nazi bin ich nicht, aber dabei, da haben sie schon recht, also das kann man ja nicht auf sich sitzen lassen, das bezahlen wir ja alle.“ Und eine Frage, von den vielen, die ich habe, ist dabei ja auch immer, ob sie zu Hause sitzen mit Taschenrechnern und sich jeden Abend in den Schlaf kalkulieren, ob man überhaupt schlafen kann mit so einem Gemüt, und ob die Leute wirklich darauf warten, dass eine Agentur kommt und sagt, heute machen wir mal eine Kampagne fürs Menschenrecht, heute schreiben wir das mal auf Plakate und machen Instagram-Anzeigen, vielleicht bekleben wir die Wassermelonen im Lidl mit so kleinen Stickern „Ich bin so schwer wie dein Gewissen #heulsmiley“. Da würde doch bestimmt jemand eine Instastory machen, witziger Aufkleber haha 264 Likes, kurz trending, wer weiß. Da kommt halt keine Agentur, nicht einmal eine Agentur, sowieso keine Agentur, erst recht keine Agentur, da kommt gerade keiner. Und stell dir vor, wir würden die Strände sperren am Mittelmeer, was da los wäre. Strand geschlossen wegen Trauer. Heute keine Wurst. Heute keine Fanta. Ob morgen, das wissen wir noch nicht, vielleicht, wir schauen mal, wie viel über Nacht losfahren, wie viele es schaffen, wie viele nicht, wir entscheiden das morgen, Eis am Stiel, wenn keiner mehr abgewiesen wird, Beschwerden, ja mei, was sollen wir machen. Stell dir vor, wenn alle Schwarz tragen würden, also nicht wie in Berlin, sondern so richtig, mit dem Gesicht dazu, stellt euch vor, ganz Europa trauernd in Schwarz und schweigend, alle legten ihre Arbeit nieder, denn wenn man 1800 Trauerfeiern abhalten würde, und wir rechnen hier nur mit einer Standardfeier, dieser halbstündigen, das sind die kleinen, die arme Leute kriegen, wenn überhaupt, dann wären wir 900 Stunden in Trauer, das sind 37,5 Tage, das ist mehr als ein Monat. Keine Fanta, Europa, hm?

Und was, wenn wir alle diesen Text kopieren? Und dann noch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, und ihn morgens in der U-Bahn murmeln statt rumzutippen, wenn wir sie all unseren Nachbarinnen und Nachbarn in den Briefkasten stecken, wenn wir beides im Hausflur summen und an unsere Abschiedsformeln dranhängen, einfach immer einen Satz, und erst würden sich alle wundern, aber dann würde wenigstens das andere Gemurmel übertönt, das Zischen, dieses nervöse Gezappel, diese vergifteten Blicke, irgendwo müssen wir ja anfangen, einen neuen Ton anzuschlagen, den jetzigen hält ja niemand mehr aus, der tötet jeden Tag.