Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

How to fall in love with glaciers

Hand

Ich glaube, es ist nicht so leicht den Glauben in die Menschheit zu verlieren, vielleicht meine ich auch gar nicht “die Menschheit”, die bekommt man ja eh nicht zu fassen, ich meine eher “in den Menschen” und damit vor allem denjenigen, der einem nahesteht in diesem oder einem anderen Moment, der Rest ist einem ja relativ egal, wenn es darum geht, etwas persönliches zu verlieren, da braucht es schon eine gewisse Verbindung. Und ich glaube, da muss wirklich einiges passieren, aber wenn dann einiges passiert ist, das soll ja vorkommen, dann steht man da und so nackt man sich fühlt ohne Urvertrauen, so leicht ist man auch für den Moment, beinahe so, als würde man abheben, deswegen empfehle ich, sich bei Verlust des Glaubens in diesen einen Menschen, wer auch immer das sein mag, auf den Boden zu legen und oben drauf noch 17 Kissen.

Ich empfehle das Aufdrehen der Heizung, die Platzierung der Füße an jener, vor allen Dingen Füße hoch, damit das Blut in den Kopf und das Herz zurückkommt, man muss ihm schon dabei helfen manchmal und den Glauben zu verlieren, das reicht doch, dann sollte man nicht noch den Puls vertreiben, deswegen Füße hoch und Kissen drauf und vorher eine Decke unterlegen, sonst wird der Po kalt und sowieso hilft es, die körperlichen Enden wie Nase und Zehen und Fingerspitzen in Bewegung zu halten, auch wenn einem so wirklich gar nicht danach ist, glauben Sie mir, Sie sollten aktiv zittern und nicht passiv, das aktive Zittern ermöglicht Ihnen zumindest einen Eindruck von Kontrolle, also zittern Sie bitte mit Anlauf, stellen Sie sich vor, Sie würden tanzen, nur zu einem wirklich beschissenen Lied (und damit meine ich kein peinliches, sondern ein wirklich richtig schlechtes, eines, bei dem Sie sonst auf jeden Fall ohne Zögern den Raum verlassen würden), Sie haben ja keine Wahl, deswegen könnten Sie so gut zu sich sein und Ihrem Körper zuvorkommen. Zittern Sie sich alles weg und schluchzen Sie einmal, auch wenn Sie das Gefühl haben, ein Schluchzer würde nicht reichen, manchmal ist so ein ordentlich platzierter Schluchzer in der Lage, eine ganze Menge mitzunehmen.

Und wenn Sie da so liegen, dann werden Sie eventuell lachen müssen, weil Ihnen dann der Gedanke kommt, wie das wohl aussehen möge, ich sage Ihnen, wie das aussieht, dann müssen Sie sich darüber keine Gedanken machen, Sie werden aussehen wie ein wackelnder Kissenhaufen mit zitternden Armen und Beinen und es wird klingen, als hätte Ihnen jemand mit voller Wucht auf den Solarplexus geschlagen, aber glauben Sie mir, Sie können nicht fallen, denn Sie haben sich ja hingelegt. Und das hat was mit Selbstschutz zu tun und wenn Sie das einmal raushaben, also auch sich kurz auf das Zittern einzulassen, damit es sich nicht dann auf Sie legt, wenn Sie es überhaupt nicht gebrauchen können, dann, sage ich Ihnen, kommt vielleicht ein Galerist vorbei und stellt Sie aus und Menschen werden murmeln: “Da hat sich aber jemand wat bei jedacht”. Und Sie werden sagen: Jawohl. (Auch wenn man Sie unter den Kissen nicht hören wird, darum geht es aber auch nicht. Jawohl, werden Sie sagen. Und dann werden Sie aufhören dürfen zu zittern, vielleicht bleiben Sie noch ein bisschen liegen, aber mit dem Zittern ist es dann vorbei, das haben Sie ja selbst in der Hand. Und im Fuß, ich vergaß.)

Patellarsehnenreflex.

In the middle of the bed

I know what it’s like. When you lose someone who is your home, you know, your only home in the world. When that happens, you think: Oh fuck! I should’ve had a backup home. Another person, a place, a thing, something to make me feel safe and I don’t have that. And now I’m lost.

Charlie Countryman sitzt auf der Stufe eines Restaurants, während er das sagt und ich wüsste wirklich gern, wie er das hinbekommt, diese Formulierung, nach all den Strapazen und Verlusten, die ihm in den 36 Stunden zuvor passiert sind. Ich weiß jedenfalls nicht mehr, was genau er gesagt hat, aber es ist wichtig, worum es geht, nämlich um das letzte Bild, das Bild, was du mitnimmst, wenn jemand geht, und darum, dass das letzte Bild oft ein schlimmes ist, das sich in deinem Kehlkopf festbeißt, sodass du nichts mehr sagen und nicht einmal mehr schlucken kannst, dieses Bild, das du spürst und siehst, auch wenn du schläfst und vielleicht gerade dann, das sich in jeder U-Bahn-Scheibe spiegelt und im Supermarkt im Regal sitzt, das Bild, das du mitnimmst, weil es das letzte war, was du gesehen und gehört und gespürt hast, vielleicht nicht einmal das letzte, aber das größte, weil danach nichts kam, das einen Gegenwert geboten hat, deswegen nimmst du das Bild mit, deswegen spuckst du es nicht aus, weil du gar nicht weißt, wofür und wohin.

Die Kunst besteht darin, und auch die Notwendigkeit, dieses letzte Bild abzuschütteln irgendwann, die Kraft aufzubringen, sich loszumachen, es sich vom Hals zu reißen, auch wenn man in genau dem Moment noch nicht weiß, ob das wirklich funktioniert, weil es strampelt und einen quält und irgendeine magnetische Superkraft hat, die macht, dass es auf allem klebt, was danach passiert, und alles einfärbt. Und es braucht dringend mehr innere Petitionen, jeder eigene Zentimeter Haut muss mitmachen und aufbegehren, dieses Bild loszuwerden, nicht zu vergessen, aber von der Wand zu nehmen und in den Keller zu bringen, wo es warten kann, bis es nichts mehr bedeutet, wo es warten muss, bis es nicht mehr mit einem spricht jedes Mal, wenn man daran vorbei ins Bad läuft, wo es zu warten hat, weil es verdammt nochmal sein muss, dass es den Mund hält, weil man so nicht leben kann, wenn einen die Vergangenheit ständig schräg von der Seite anquatscht, weil man nicht leben kann, wenn man nicht loslässt, was sowieso nicht bleiben will, weil man sonst nämlich verheddert in den Seilen hängt und keinen aufrechten Gang hinbekommt, weil man sich sonst immer wieder in Dingen verstolpert, die nichts mit dem Weg zu tun haben, die aus dem Hauseingang gesprungen kommen, nur weil sie’s können und nicht weil sie etwas wollen oder eine Ahnung geschweige denn einen Plan haben. Hüpfen schön und gut, aber nicht auf meinen Fuß.

Das Wegziehen im richtigen Moment, ist der Reflex, den es zu üben gilt. Nicht die Deckung von Anfang an, aber die Achtsamkeit zu wissen, wann genug ist. Und welches Bild es wert ist, in der Tasche herumgetragen zu werden. Die guten Dinge von dem, was war, irgendwo behalten in einer kleinen Schachtel und die verbummeln, erst einmal nicht wiederfinden, aber wissen, sie wird schon irgendwo sein, alles andere auf die Straße stellen, vielleicht nimmt es jemand mit.

I have a feeling about this. And I don’t get a lot of feelings. Not clear ones anyway so when I do get a feeling like this one, I try to trust it.” (Charlie Countryman)

No, technically, no elves.

Hay

Weißt du, wir könnten dorthin fahren, wo die Menschen noch nicht ihren Sommer verbringen, ins Tal der ahnungslosen Lurche vielleicht, wir könnten hinfahren und einen Schritt ins Gebüsch machen, wir könnten uns die Schienbeine aufratschen und das erst am nächsten Morgen am Blut auf den Laken bemerken. Und wir könnten ja einfach unsere Sachen packen, es müssen ja gar nicht mal sieben sein, denn am Ende ist es sowieso egal, wie viel, am Ende hast du immer das Falsche dabei, denn irgendwo muss es ja anfangen, dass der Tag dann anders ist, dass wir uns neue Gedanken machen und nicht die, die wir schon hundertmal gedacht haben. Irgendwo müssen wir doch anfangen uns zu schütteln, als würde niemand hinsehen, warum nicht also dort, wo wirklich niemand hinsieht außer dir und mir, das reicht wahrhaftig aus, das Lineal lässt du hier und die Waage auch und am Ende verlassen wir uns auch dort endlich mal wieder auf unser Gefühl und die Fähigkeit unserer Hände und Füße. Und stell dir mal vor, wir gingen wirklich dorthin, wo am Morgen die Linien auf den Beinen noch brennen, aber ich weiß hier, wie schnell das vorbeigeht, und du weißt hier, wie schnell das vorbeigeht und dann laufen wir später noch einmal ins Dickicht, nur um wirklich alles gesehen zu haben, wir könnten doch einfach mal wieder Erkundungen machen und einander kartographieren, am Ende beiße ich vielleicht – wenn nicht heute, dann morgen – eine kleine Straße in deinen Arm, nicht so, dass es blutet, nicht ganz so sehr, aber ich weiß, dass die Lurche es sehen, wenn du im Gras liegst und einschläfst, die Arme soweit von dir gestreckt, dass wirklich alles und jeder einen Platz für sich findet an dir und dort, wo ich bleibe, dort kommt niemand hin, das hat niemand im Sinn.

Vom Altern

Hand

In der Zeit steht das wundervolle Protokoll eines Paares, das gemeinsam alt geworden ist, und ich lese und lächle und flippe wieder zwischen diesen Gedanken herum, die ich um meinen 30. Geburtstag eh hatte, vor allem weil man früher so viel darüber nachgedacht hat, also über den 30. und was dann sein soll oder eben nicht und wie man sich dann wohl fühlt, und jetzt, wo es soweit ist, da war es einfach so und ich habe nichts mehr hinterfragt, mich nur an dieses Bild erinnert, das ich mal hatte, das aber völlig zerlaufen und verwischt ist und das ich mittlerweile auch gar nicht mehr mag und deswegen weggelegt habe, aber ich erinnere mich an die Zeiten, in denen es mir eine Menge bedeutete, obwohl ich gar keine Ahnung hatte. Also von nix.

Und ich glaube schon, dass man mit mir gut alt werden kann, ich finde das ja schön und kann mir vorstellen, es auch später noch schön zu finden, das Sammeln von Erfahrungen, und Falten mag ich auch. Über die Gebrechen will ich mir noch keine Gedanken machen, das musste ich in meiner Jugend schon viel, und die Sache mit dem Sterben von anderen wird ja auch nicht einfacher, da kann aber auch das Alter nichts dafür, ich hoffe immer noch, dass man für vieles einen Umgang findet oder zumindest nie aufhört, nach einem zu suchen, das ist mir wichtig, dass ich nicht so eine Blumentopfoma werde, die irgendwann aussieht wie ihr Pflanzenkübel, ich meine, im Gesicht, weil sie nichts mehr will und nichts mehr mag, ich möchte mich da eher am Obenrum des Blumentopfes orientieren, also jetzt schon, vielleicht nehme ich meine Palme als Vorbild, da frage ich mich immer, wie die das wohl aushält, also dass ich oft weg bin und vergesse sie zu gießen, aber die wächst so vor sich hin und macht sich bemerkbar, wenn sie das Licht nicht mag, mit dem Rest hat sie sich angefreundet und plötzlich war sie drei Palmen, still und heimlich hat sie sich fortgepflanzt und ist größer geworden, jetz hab ich drei Pflanzen in einem Topf und damit hätte ja wohl niemand gerechnet, vor allem ohne großes Bohei, der Topf ist völlig wurscht, den tausche ich aus, wenn ich Zeit habe, aber vor allem ist die Palme immer noch die Palme und wird zwar langsam etwas schief, aber ich behalte sie, weil sie halt bleibt und wir uns verstehen und sich verstehen, das ist das Mindeste und das Wichtigste. Nicht mehr in Deckeln und Töpfen denken, lieber von innen heraus.

Okay ist ein weiter Begriff.

Following

30 ist eine gute Portion, 30 ist ein Drittel von 90 und das kann doch was, ich glaube, ich habe noch nie vorher gedacht, so alt wie jetzt wirklich zu sein, wäre okay, aber es ist ziemlich okay und ziemlich richtig und ich bin beruhigt, denn nichts wäre schlimmer, als mir neben allem anderen auch noch Sorgen über mein Alter machen zu müssen, denn die wirst du nicht los, da kannst du dich auf den Kopf stellen und es ändert nichts, ich glaube, mein Gesicht, das hat die kleinen Falten um die Augen fast gebraucht, um wirklich mein Gesicht zu sein, es vorher war noch nicht ganz fertig. Jetzt erkenne ich mich.

A little trust and your time.

Es gibt diese Konzerte, die einen auf den eigenen Kern zurückwerfen, die einem außen herum alles abziehen, die Haut und die Knochen und die Sehnen und jeden Muskel einzeln. Mit dem ersten Ton fällt der dichte, dunkelblaue Vorhang und du stehst in dir selbst, es gibt keine Ausrede und keine Winkel, es gibt kein Wegducken, nur ausbreiten, alles wächst, und später, wenn dein Skelett wieder zusammenkommt, spürst du, wie du größer geworden bist, wie du Räume ausfüllst, in denen sich vorher etwas verlaufen hat. Jetzt passt etwas, das vorher nicht gepasst hat, jetzt sitzt etwas, das vorher immer nervös herumstand, jetzt erreichen dich Licht und Ton und Wetter, jetzt erreichen dich wieder Blicke und Pläne und Geschwindigkeiten, Texturen und Geschmäcker, es gibt wieder Kapazitäten. Du wächst mit jeder Zeile zurück in ein Leben wie in einen neuen Anzug, der etwas umgenäht, angepasst und in Form gebracht wurde. Und vor dir liegt das große Versprechen, die noch größere Erleichterung darüber, dass auf dir noch immer keine Hornhaut wächst, dass du immer noch weißt, wie man losgeht, jetzt aber auch, wie man inne hält, wofür es sich lohnt, wofür sich wirklich alles lohnt, wer du im Kern bist und dass das okay ist, nichts war umsonst und noch immer liegt frei, was freiliegen und erreichbar sein soll, die Wunden sind sauber, it just takes time.

Looking for Alaska

Ich betrete den Blumenladen im anderen Bezirk, den, der von innen so anders ist als alle anderen, weil die Blumen durcheinander liegen und der, in dem sie im hinteren Raum auf einem Sofa liegt und fernsieht, vorne direkt hinter der Glastür warten die beiden Huskeys. Ich öffne die Tür langsam, sie treten aufmerksam beiseite, aber weichen nicht von mir, schauen und legen sich direkt vor meine Füße, als hätten sie nie etwas anderes getan, als wäre es der Plan, sich jetzt gemeinsam hier auf diesen Boden zu legen und für eine ganze Weile nicht aufzustehen. Ich schaue mich erst kurz um, sie sieht weiter fern, ich schaue und warte gar nicht richtig sondern bin sogar froh, dass sie nicht sofort aus dem Kabuff gesprungen kommt und mich fragt, was ich will, ich darf erst einmal gucken und mich orientieren, das passiert ja so selten, man wird immer gleich gefragt, was man will, und wenn jemand nicht fragt, verstehen das die meisten als Unhöflichkeit, ich empfinde es als ganz und gar richtig, wenn man jemanden erst einmal ankommen lässt, überall eigentlich. Es ist ja auch eine Kunst zu spüren, wann ein guter Moment für ein Wort ist und auf Kunst haben viele keinen Bock, das wissen wir bereits.

Irgendwann kommt sie dann doch, ich kann kaum ausmachen, welche Blumen schon durch sind und welche genau so aussehen sollen, also sage ich, ich hätte gern ein kleines Sträußchen, etwas mit Wiese, den Rest würde ich ihr überlassen, das findet sie gut. Das finden eh viele Menschen gut, wenn man versucht zu sagen, was man möchte und sich danach zurücklehnt und vertraut, das funktioniert beim Friseur und manchen Menschen gelingt das auch in der Liebe. Während sie bindet und schneidet und sucht, hocke ich mich auf den Boden neben die Hunde, wir könnten die Augen schließen und in Alaska sein, denn der Boden ist kühl, die Luft oben ist wärmer, aber wir bleiben liegen, denn unten ist mehr Sauerstoff, wenn Hunde schnurren könnten, sie würden das jetzt tun, aber sie können nicht schnurren, deswegen lassen sie einfach die Lider locker soweit rutschen, wie es angenehm ist und schauen auffordernd, sobald ich aufhöre zu kraulen. Vielleicht sollte ich zehn Sträuße bestellen, aber wohin damit, Vasen hätte ich genug, aber man kann ja auch nicht bei allen Sträußen, an so vielen Orten gleichzeitig sein, um ihnen beim Blühen zuzusehen. Eins nach dem anderen.

September, zweite Woche, noch so ein Tag.

Nach dem Büro auf der Bank in der Abendsonne noch mit Opa telefonieren und über Pfirsiche sprechen, über Bohnen, die er per Post geschickt hat, 4 Kilo, alle wohlbehalten, und dann während dem Gespräch sehen, wie das Licht sich verändert von Abendsonne in Gelbgrau, mich dann umdrehen und für einen Moment das Reden vergessen, weil die Wolken hinter den Hochhäusern still näherrücken. Zu weit noch, um von Wind begleitet zu werden. Zu nah, um sie zu übersehen. Dann aufs Fahrrad und an jeder Ampel eine Wette mit mir selbst abschließen, ob ich es noch schaffe, und mit jeder nächsten Ampel langsamer werden, weil ich es gar nicht schaffen will. Und dann einfach alles langsam machen, während alle rennen, manche sogar rufen, während die Autos plötzlich ihre Fahrweise ändern, weil ihre Fahrer nichts mehr sehen und obwohl sie im Trockenen sitzen noch schneller nach Hause wollen. Mich nicht unterstellen sondern weiterfahren, die eingezogenen Schultern zählen, einfach geradeaus, so muss man ja immer, einfach geradeaus und zuhause auswringen, was man hat, und Bohnen ins heiße Wasser werfen, Salz und Pfeffer und ein bisschen Knoblauch, beim Essen immer noch dem Regen zusehen, später noch einmal raus, im Herbst dampft der Boden nicht, alle machen noch schnell, was sie vorhin nicht machen konnten, als es so regnete, alle beeilen sich und stolpern über die wenigen, die sich nicht beeilen, ich spaziere noch einmal um den Block, nicht um etwas zu sehen sondern um heute gelaufen zu sein, es könnte ja sein, dass sich bei einem dieser Schritte etwas zurechtrückt, sich einpasst, an den richtigen Ort fällt.

Essen allein unter Frauen.

Ich sitze zum ersten Mal in einem Women Only Café, weil das Menü auf dem Straßenaufsteller so nett klang, und ich hätte nicht übel Lust jetzt zum Mittag schon ein Glas Wein zu trinken, allein unter Frauen, mein Leben ist ja sonst eher ein Gemischtwarenladen, aber gut, einfach machen. Mir wird ein bisschen schwindelig beim Blick auf die Wand vor mir, ein psychedelisches Geäst rankt sich über die gesamte Tapete, ich muss wieder auf die weißen Tischdecken schauen, sonst werde ich nichts essen können, die Bedienung begrüßt mich sehr nett und trägt eine Schürze. Aus irgendeinem Grund sind mir Menschen mit Schürzen immer erst einmal sympathisch, vielleicht bilde ich mir das aber auch ein, ich selbst habe noch nie eine Schürze besessen, weil ich glaube, ich würde sie immer vergessen zu benutzen.

Ich bekomme eine kleine Karte und setze mich auf die mit Leder überzogene Bank, die über die gesamte Raumlänge reicht, neben mir trinken zwei ältere Damen Cocktails mit bunten Strohhalmen aus bauchigen Gläsern, es ist halb zwei. Vor mir sitzt eine grauhaarig schöne Dame, isst einen Auflauf und liest Zeitung dabei, die Fahrstuhlmusik dudelt so vor sich hin und nervt dabei ein wenig, aber in auszuhaltendem Maße und auch nur für kurze Zeit, man dudelt sich ja selbst so hinein, wenn man erst einmal drinsteckt und nicht weg kann. Draußen laufen geschäftig Touristen und Menschen herum, die sicherlich etwas mit Mode oder Kunst oder Darstellungsthemen zu tun haben, hier drinnen sitzen ganz andere Menschen und ich lehne mich zurück. Vor mir auf dem Tisch steht ein kleiner Kaktus unter einer großen Glasvase, daneben ein Teelicht zwischen Kaffeebohnen.

Ich bestelle Zucchini-Nudeln und mein Hirn denkt sofort, das seien Nudeln aus Zucchini, aber selbst das ist hier unprätentiös gelöst, denn am Ende bekomme ich Nudeln mit Zucchini oben drauf auf einem Teller, der auf einem Unterteller steht. Ich kleckere das grüne Pesto sofort auf die Tischdecke, nichts absichtlich, aber alle in diesem Raum scheinen mit kurzen Vollkornspaghetti besser zurechtzukommen als ich. Das Schöne ist: Es interessiert hier niemanden. Die Bedienungen schauen diskret auf ihre Limonadenflaschen, die anderen Damen haben einfach mit sich selbst zu tun. Das Mutter-Tochter-Gespann trinkt Latte-Macchiato, das Freundinnen-Cocktail-Duo erzählt sich aus der letzten Woche, ich schweige, schaue und horche.

„Ernst ist jetzt zum zweiten Mal eine junge Frau ins Auto gefahren und der Trottel hat wieder nicht die Polizei gerufen, jedes Mal sag ich’s ihm wieder und er kriegt es dann nicht hin, ich weiß nicht, wie die das machen, das die ihn dann so überreden, aber die zweite, die natürlich auch Schuld war, die verklagt ihn jetzt und deswegen jammert er jeden Abend und ich sage, biste selbst schuld, jetzt haste den Salat, muss er halt lernen, nich? Findet er ja auch nich gut, dass wir hier sind, aber weißte, ich koch doch jetzt nicht jeden Tag für ihn, dann müsste ich ja völlig umplanen, der ist jetzt im Ruhestand, da hat er doch genug Zeit für sich zu kochen, ich hab auch meine Dinge zu tun, ich bitte dich.“

Ich möchte beinahe gar nicht mehr weg, der Tisch wackelt und ich sollte mir vielleicht Notizen machen, stelle aber zum Wohle des Moments fest, dass ich keinen Stift, dafür aber drei Röllchen Klebeband mit mir herumtrage, also keine Notizen sondern Nudeln auf die Gabel schaufeln, die Hälfte auf dem Weg zum Mund verlieren und noch einmal von vorn. Das Essen schmeckt, wie ich in letzter Zeit manchmal versuche zu kochen. Wenig Gewürz, denn wenn man es mal aushält, dass es nicht sofort knallt im Mund, folgt nach der kurzen Verwunderung das Hinschmecken und ich will wissen, was Lebensmittel so für sich allein können, ohne ständig noch daran herum zu optimieren und allerlei Zeug drauf oder dazu zu schütten. Pure Sahne, puren Joghurt, pure Nudeln, sanftes Pesto, manchmal etwas Pfeffer, kaum Salz. Nur um es zu wissen und mich dann noch einmal zu entscheiden.

An den Wänden hängen eingerahmte Urkunden, ich schaue nicht so genau hin, in einem Hinterraum stehen Sofas mit Decken und Kissen, wieder kommt eine ältere Dame herein, bestellt sofort eine große Apfelschorle und lässt sich in einen dieser Rundledersessel fallen, in die man gar nicht so richtig fallen kann, weil sie so steif sind, das spürt sie auch und guckt ganz verwundert und sitzt dann etwas gerade auf ihrem Sessel herum, während sie in der Karte blättert. Alle sprechen relativ leise, aber ungehemmt, sie sehen einander kaum an, die Bedienungen sind zurückhaltend, wirklich sehr freundlich, etwas unsicher vielleicht, aber sehr akkurat in der Körperhaltung, keine Bewegung zu viel, die Hände immer gefaltet und wenn man sie anlächelt, schauen sie verschmitzt zur Seite, aber lächeln auch, als wären sie das nicht gewöhnt.

Die Rechnung bekommt man auf einer kleinen Untertasse mit Serviette und Kaffeebonbon. Für eine ordentliche Portion Nudeln und eine große Apfelschorle bezahle ich 5,60 Euro, mir dudelt der Kopf, die Damen neben mir bestellen noch einmal Cocktails, ich kann durch eine Durchreiche in die Küche schauen, eine ältere Frau steht dort in weißer Arbeitskleidung und lacht, redet angeregt, aber lacht wieder, ich kann sie nicht hören, aber sehen, sowieso sehe ich sie hier alle gerne an, weil der Rest draußen so anders funktioniert, weil sich dort alle so abmühen und glatt gebügelt durch die Mittagspause staksen, hier drin stakst niemand, die drei, die einzeln das Café betreten, während ich esse, seufzen alle erst einmal nach dem Hinsetzen und schnaufen aus.

Zweite Woche, September.

Kreuzberg

Wir reden über Vulkane, weil es dieses eine Video gibt, in dem der Typ in einem Schutzanzug direkt vor dem Abgrund steht, aus dem es tieforange spuckt und spritzt, er wirft die Arme in die Luft und ich versuche mir vorzustellen, wie heiß ihm sein muss trotz seines Anzugs, ich meine, ihm das anzusehen, als er später wieder weiter weg steht, vielleicht kann man auch unter der Haut verbrennen, sich von innen verbrühen, wenn das Herz zu sehr erhitzt wird wie in der Mikrowelle, der sieht man ja von außen auch nichts an außer dass sie manchmal nervig piept, wenn man die Bedienungsanleitung nicht aufmerksam genug gelesen hat oder nicht schnell genug aufspringt, um die Tür zu öffnen, dann entweicht der Dampf und dem Essen sieht man trotzdem nichts an, wir haben ja auch nicht alle einen Löffel in der Brust, um Luft abzulassen, um schneller auszukühlen, wir suchen andere Wege und finden keine. Also reden wir danach über Halligen. Auf Halligen, so stelle ich es mir vor, kann man auf dem Sofa sitzen und, wenn man das Haus klug geplant hat, aus mehreren Fenstern gleichzeitig nur Meer sehen, wie auf einem Boot ohne Boot, wie auf einem Schiff ohne kotzen, man sitzt da und schaut und muss nicht einmal lesen und dann kommt die Nacht und bringt keine Laternen mit und vielleicht sitzt man erst und lässt dann den Oberkörper nach rechts kippen, vorher hat man die Fenster geöffnet und dann schläft man mitten im Meer einfach ein und am nächsten Morgen hat irgendjemand oder man selbst die Decke über die Füße gelegt, das ist das beste Gefühl, wenn du morgens merkst, da kam nochmal jemand und hat dich nicht geweckt, nur zugedeckt.