
Hundreds - I Love My Harbour by Small Panthers by Sinnbus
In zwei Tagen ist Herbst, was in meinem Kopf als Assoziation Oktober meint, aber noch nicht ist, gerade so noch nicht. Im Herbst verschwimmen meine Prioritäten, ich kleide mich innen drin mit Flanell aus, damit die Dinge, die herunter fallen, kein lautes Geräusch machen. Herbst hat nichts mit Härte zu tun, kein bisschen, die Dinge passieren langsam und genüsslich, man kann sich verabschieden, aufräumen, anfangen und später an einem Ufer sitzen mit dem Gesicht in der Sonne, die ist immer noch warm so wie die Farben und Socken und wie es ist, wenn jemand, den man mag, nur drei Zentimeter entfernt sitzt. Im November kommt ein Album heraus, das schon jetzt passen würde, “Variations”. Verschiedene Künstler bearbeiten, verändern und covern hier Hundreds Songs und ich werde dem Hausmeister sagen, dass er das Licht unten an der Haustür reparieren muss, weil es flackert, die ganze Nacht flackert es, und das passt nicht zum Rhythmus, den gerade alles hat. An den hellen Tagen straucheln Sonnenbrillen immer noch in unseren Frisuren, an den dunklen Tagen legen wir die Bettdecken nicht ab, wenn wir zum Bäcker gehen. Die Raketen fliegen wie Vögel fort, nur nicht in Schwärmen.
(Foto: Katinka)

Der erste Tag mit dem dicken Schal war der Tag, an dem wir an der Ecke die ersten Kastanien fanden. Alle mit einer flachen Seite, alle gefallen, als hätten sie nicht genug Zeit gehabt, sich gleichmäßig auszubeulen, alle frisch und glänzend und braun. Was man sieht, ist, dass meistens nur Kinder und Frauen sich nach den Kugeln bücken, Männer schieben die Reste meist mit dem Fuß beiseite und wagen oft nicht einmal einen Blick. Der Tag, an dem wir die ersten Kastanien fanden, war der Tag, an dem der Regen kälter wurde und die Pappeln bog. Der Tag, an dem wir die Pappeln sahen und dachten, das habe nichts mehr mit Sommer zu tun, war der Tag, an dem Einar Stray im Michelberger Hotel spielten, wir die Augen schlossen und dann wieder aufmachten und die Pappeln immer noch bebten hinter der U-Bahn. Später saßen wir mit zu wenig um die Schultern im Hof um eine karierte Tischdecke und dachten: Jetzt geht es los, jetzt ist er da, der Herbst. Eine Decke genügt uns, ein Kissen reicht.




Es könnte überall sein, das Gefühl in den Knien, die Gänsehaut auf dem Kopf, wir könnten überall sein. Ich könnte jedermann sein, mein Gesicht geht auf, bei den ersten Tönen ist es, als könne jeder durch mich hindurch sehen, als würde sich auflösen, was mich zu mir macht, und was übrig bleibt, ist der Moment zwischen Sekt und dem letzten Lied, was übrig bleibt ist das, was du am Morgen danach noch in der Faust hast. Und am besten wird es immer, wenn die Konnotation flöten geht, wenn es keine Bedingung aus der Vergangenheit für bestimmte Zeilen gibt und keinen Stau in der Aorta beim Refrain, wenn sich das Lied aus sich selbst heraus rechtfertigt und nicht aus einer Umgebung, in die es zufällig irgendwann einmal hineingestellt wurde. Wenn man etwas behält, nicht weil es zu einer bestimmten Zeit gehört, die längst vorbei ist, nicht weil sich eine Erinnerung an ihm festgebissen hat, sondern weil es lange schon da ist, weil es egal ist, seit wann genau, und weil es von nun an immer da sein wird.

Anfang diesen Jahres irgendwann, im Frühling, in all diesen Übergängen, habe ich sie zum ersten Mal gehört, die beiden jungen Frauen aus Schweden, und im ersten Moment wusste ich die Stimme nicht zuzuordnen, ob Mann ob Frau und es war so egal, manchmal hat Musik einfach nichts mit Personen dahinter zu tun sondern lässt jeden Raum nur für dich und dein Leben, weil sie keinen Rahmen schafft sondern nur eine Fläche und du kannst dich hinlegen oder drübergehen oder einfach nur gucken, ob sich etwas von dir darin spiegelt. Und so rutschten Palpitation in mein Leben, die nun gerade ihre neue Single verschenken. Und ich finde, man sollte sie mal probieren, man sollte mal versuchen sich zu nähern. Mir ist das gut gelungen, für uns hat es gepasst, ich stehe dort und alles wird ganz klar.
“I still believe in saviors but I know that we are all made out of shipwrecks, every single board washed and bound like crooked teeth on these rocky shores so come on and let’s wash each other with tears of joy and tears of grief and fold our lives like crashing waves and run up on this beach, come on and sew us together, tattered rags stained forever, we only have what we remember.”
Den ganzen Text dieses großartigen Stückes gibt es hier.
So ist das auch ein bisschen, wenn man Veränderungen macht. Wenn sie nicht einfach passieren, sondern man sich hinstellt und die Augenbrauen zusammenzieht und sagt: Ich habe Angst, aber ich mach das jetzt, ich habe Angst, aber das muss sein, ich habe Angst, aber irgendwann werde ich keine Angst mehr haben. Dann macht man auch die Tür zu und lässt den Motor an und fummelt sich zurecht, weil man noch Sitze einstellen muss und Musik aussuchen und sich ein bisschen anfreunden mit dem Brummeln und überhaupt muss man natürlich gucken, wo man hin will, wo es da eigentlich lang geht, wie die Strecke verläuft und welche Teile man mit dem Bauchgefühl bestreiten kann und wo man sich dann doch besser an die Karte hält. Eine kleine Zeitabschätzung und den Proviant in Armlänge zurecht legen, damit man nicht anhalten muss, weil man Hunger hat sondern nur wenn man gucken will. Wenn man dann sitzt und merkt, dass man noch nicht Tschüß gesagt hat, ist es auch blöd wieder auszusteigen und dann herumzustehen, und wenn man winkt, weiß man ja auch nicht, ob das jemand sieht, das Fenster herunterkurbeln und den Arm rausstrecken, es ist ja auch nicht sicher, ob man das schon packt, einhändig fahren, und überhaupt. Manchmal ist einfach losfahren das Beste, erst einmal wirklich los, sich nicht mehr umdrehen, erst einmal nicht, und sich damit auch nicht die Frage beantworten, ob einem hinterher gesehen wurde, sie sich nicht einmal stellen, weil es keinen Unterschied macht.
Von unterwegs dann Postkarten schreiben, echte Postkarten mit Briefmarken und Stempeln und Handschrift und ein paar Schlieren vom Handrücken, echte Postkarten mit umgeknickten Ecken, solche, die ein bisschen brauchen und nicht sofort ankommen, von unterwegs dann, das ist wie sich umdrehen, aber mit Bedacht.