Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Kultur

An important letter by Lauren Mayberry

„At the time, it felt like things changed slowly, like I woke up one day in a relationship and a reality that I did not recognize, but I“™m sure the signs were there the whole time. When we met, he seemed charming. He was smart, passionate, creative, and caring. But after the first few months, he became increasingly paranoid, insecure, jealous, and depressed. Everything became my fault. I was careless. I was stupid. I was selfish. I was not trustworthy. I was a weak person who would fail at anything she tried so I shouldn“™t bother. He hated me, but then he loved me and I was the best person in the world “” until I wasn“™t anymore.

Whenever I would wake from my naïve stupor to challenge any of his assertions, he would apologize, saying that he was afraid to lose me or afraid for me and was, in fact, protecting me from everyone else “” they were really the problem. Or he would deny point blank that anything was wrong. He would say that I was overreacting. That I was making it all up in my head. That I couldn“™t trust the people who were expressing concern for me because they were the ones who were trying to manipulate me.

Hindsight is always 20/20. I now see each of these small incidents as an attempt to intimidate me into doing what he wanted, and they worsened every time I tried to get out, his need to control me becoming even more important in order to keep me close and “safe“ in the toxic world we had created. We broke up, we got back together “” lather, rinse, repeat.

I must have known on some level that the situation wasn“™t right. I deliberately hid a lot of the details from people close to me, discreetly covering up the cracks in the hopes that it was “just a phase“ or with the misguided notion that I had somehow got myself into this mess and it was my job to get out of it. I told little white lies to hide his passive aggression (or obvious and outright aggression) from the outside world. “He didn“™t come tonight because he“™s busy“ meant “He didn“™t come tonight because he stormed out of my house earlier and has been sending me an abusive string of text messages since.“ “What he means is “¦“ became the standard beginning to far too many sentences used to excuse his actions.

Maybe I was an enabler who, out of fear or a twisted sense of loyalty, continued to avoid reality. To this day, I don“™t think I have given a full account of everything that happened to anyone I know. After being immersed in that situation for so long, I began to question my own competence and distrust my own opinions, and my physical and mental health deteriorated to a point that caused friends and family to intervene.

(…) In the end, after several failed attempts, I walked away. The cycle had to stop. I cut off all contact and changed the locks to my flat, just in case. I used to feel guilty about the way I left and how long it took me to get there, but I don“™t anymore “” because everyone“™s health and happiness is precious, and anyone who doesn“™t play by those rules doesn“™t get to be a part of your life.

(…)I know that the boundaries I create deserve to be respected. That self-care is not the same as selfishness. That this is my life, my voice, my body, my rules, and that no one gets to determine my narrative apart from me.“

You can read the whole article by Lauren Mayberry in the Lenny Letter (October 27, 2015).

In der unmöglichen achten Faltung

Der Dieb in der Nacht

Es gibt einen Punkt im Leben (interessant wird es, wenn man sich wie ich vertippt ((oder verliest)) und das t im Punkt vergisst, and sometimes it’s funny cause it’s true), vielleicht sogar manchmal mehrere, da kapiert man plötzlich, wovor man die ganze Zeit Angst hatte. Meistens liegt dieser Punkt dort, wo die Angst unwiderruflich vorbei ist. Diese zähe Angst, die sich nicht zerkauen und runterschlucken lässt, die zu groß ist, um sie verschwinden zu lassen und zu diffus, um sie zu fassen, die einhergeht mit einem schlechten Geschmack im Mund und einer randalierenden Faust im Bauch, diese Angst, die sich in den Kiefer setzt und ihn zum Knirschen bringt und vor der man solche Ehrfurcht hat, weil sie macht, dass man vergisst, wie es ist, ohne sie zu sein. Und ja, irgendwann ist man so weichgeklopft, dass man mitunter sogar denkt: Lieber diese Angst als gar nichts. Wenn man Glück hat, fällt genau in diesem Moment ein Klavier vom Himmel und man erschreckt sich so sehr, dass man die Angst einfach ausspuckt. Wenn man sie dann plötzlich von außen anschauen, umrunden, der Witterung aussetzen, von oben sehen und in Relation setzen kann, ändert sich alles, das Gefühl im Zahnfleisch, die Fähigkeit sich klar zu artikulieren, der Blick aus dem Fenster, der Schlaf. Als hätte jemand nachts ohne zu fragen die Fenster geputzt und man kann plötzlich wieder sehen und jemand anders fragt an der Haltestelle, ob alles okay ist, weil man erst so gehustet hat und dann so geschaut, und man sagt ohne darüber nachzudenken „Ja, es ist alles okay“ und erst später merkt man, wie ernst das eigentlich gemeint war, wie sehr es stimmt. Und ein paar Tage später wird man mit dem Bus noch einmal an der Stelle vorbeifahren, sich immer noch sicher, in Gedanken mit Bleistift umranden, wo man stand, wo man noch einmal auf die Uhr gesehen hat, an welcher Stelle man noch nicht wusste, was gleich passieren würde, aber man wird nicht den Stein markieren, an dem der Rest von der Faust klebt, denn man weiß, er wird in ein paar Tagen ohnehin den Dreck der Stadt angenommen haben und die Temperatur der Jahreszeit und vor allen Dingen wird er sich festtreten und irgendwann einfach keinen Unterschied mehr machen, irgendjemand wird über ihn drüber fahren, auf ihn kotzen, die Sonne wird scheinen und nach ein paar Stürmen wird er einfach vergangen sein. Denn „die Wahrheit ist, dass man eine Vorstellung (gleich wie groß sie ist) nur so und so oft falten kann, dafür gibt es ein physikalisches Gesetz, das hat etwas mit Dichte zu tun und Widerstand.“

Was mitunter passieren kann, ist, dass genau dann neben einem im Bus woandershin ein Buch liegt, das von der Ent-Täuschung, von Wahrnehmung und Parasiten erzählt, von der Angst und dem Sich-Davon-Losmachen, dem Ausspucken, dem Weggehen, und zwar so, dass es jeder versteht.

„Er war ein ““ ein zuversichtlicher Mensch. Ich meine nicht, dass er die Dinge leichtnahm. Er machte sich oft Sorgen, um mich, um Louise, auch um Paul. Aber er war zuversichtlich, und wenn man genug Zeit mit ihm verbrachte, dann wurde man es auch. Er war niemand, der glaubte, dass alles gut werden würde, aber er glaubte, dass immer etwas gut werden würde, ein Teil des Ganzen. Und plötzlich schien es nicht länger wichtig, dass der Rest vor die Hunde ging. Es war auszuhalten, wenn er da war, man glaubte daran, es aushalten zu können. Ich weiß nicht, von wem er das hatte, von mir nicht. Und auch nicht von seinem Vater.“ (…) „Habe ich jetzt genug erzählt?“ Als er sieht, dass sie Anstalten macht aufzustehen, schnellt sein Arm vor, seine Hand legt sich auf ihre. Anders als bei der letzten Berührung ist sie auffällig kalt und wächsern. Es fühlt sich an, als trüge er Einmalhandschuhe. „Nein, eins fehlt noch“, sagt er. „Das Wichtigste. Ich will verstehen, warum du dir so sicher bist. Warum du keine Angst hast, dich zu irren ““ in mir.“ Agnes presst die Lippen zusammen. Weil Sie nicht aussehen wie mein Sohn, will sie sagen. Weil Sie nicht sprechen wie mein Sohn, sich nicht bewegen wie mein Sohn, nicht riechen wie mein Sohn. „Weil ich hier mit Ihnen sitze und Ihnen zuhöre und Sie ansehe und mich nicht zuversichtlich fühle“, antwortet sie.

(Der Roman „Der Dieb in der Nacht“ von Katharina Hartwell, aus dem die kursiven Textstellen stammen und den ich hiermit ausdrücklich empfehle, erschien am 31.08. im Berlin Verlag)

A lot of sorrow

St. Agnes

In Wiederholung steckt immer ein gewisser Grad an Hinwendung. Zu einem Moment, einer Tätigkeit, einer Erinnerung, einem Prozess. Manchmal zu einer Gewohnheit. Nicht per se ist Wiederholung ein Ritual, aber sie kann es werden. Die Wiederholung einer Bewegung ohne Ende kann einem Sicherheit geben oder einen in schlimme Aussichten stürzen, die Wiederholung eines Schmerzes kann sich hineinfressen, die Wiederholung einer Erinnerung kann sich über alles legen, was es sonst noch gibt. In Wiederholung steckt meistens ein Stück Verfolgung, auch wenn diese nicht immer bewusst verübt wird, der Gegenwert reicht nicht zu einer Unterbrechung aus. Wiederholung hilft dazu, vom Zufall zu unterscheiden. Was sich wiederholt, dessen kann man sich sicherer sein ““ egal, ob es gut oder schlecht ist, die Wahrscheinlichkeit, dass es in diesem Zyklus noch einmal geschieht, ist relativ hoch. Und ist kein Ende in Sicht kann man sich entweder auf den Faden verlassen oder sollte sofort umdrehen, das hängt von der Qualität der Faser ab, von der Farbe, vom Anfang seiner Struktur und wie er gespannt ist. Aber in Fortführung gleicher Muster steckt trotz allem Energie, nichts vollführt sich ohne Antrieb, jedenfalls nicht vollständig. Und am Ende hängt es immer noch vom Menschen ab, in welcher Wiederholung er verharrt, welche Wiederholung zur wohltätigen Gewöhnung werden darf und an welcher Stelle es sich lohnt, sich einmal komplett durchzuschütteln.

Was Wiederholung noch sein kann, ist Durchwalkung. Wenn du das Gefühl siebenundzwanzig Mal durchlebst, den Song dreiundvierzig Mal hörst, das Bild fünfundsiebzig Mal ansiehst, macht das etwas mit dir. Du kannst dich entscheiden, voll zu sein, keinen Eindruck mehr aufzunehmen und trotzdem nicht aufzuhören oder du kannst dich entscheiden in der Wiederholung eine Erleichterung zu finden, mit jedem Mal ein Stück loszulassen, abzuwerfen, aufzutragen, fortzukommen, voran. Wiederholung eignet sich entgegen der Meinung vieler sehr gut als Liste, solange sie ein Ende besitzt, die Wiederholung wird nur zu guten Übung, wenn sie ein Ziel hat, ein Momentum, in dem sie sich selbst abschafft. Wiederholung, deren Ende absehbar ist, kann dich ins Jetzt zurückholen und danach freigeben. Wiederholung, deren Ende du selbst setzt, bevollmächtigt dich in Gänze.

Und so kommt es, dass sich in der Wiederholung eines Liedes in sechs Stunden andere Gefühle verstecken als in der Einzelversion von drei Minuten und fünfundzwanzig Sekunden, ein einziges Mal kann gar nicht leisten, was Wiederholung vermag. Deswegen brennt sich Chronisches ein, deswegen glaubt man jemandem mehr, der sich und seine Worte über eine Zeit hinweg einlöst, deswegen streicht man Menschen nicht nur einmal, sondern mehrfach über den Rücken, wenn es ihnen nicht gut geht, deswegen bleibt man zusammen. Sicher hat Einzigartigkeit, ein Moment seine Berechtigung, in ihm selbst steckt, was in der Abfolge nicht herauskommt, denn Anfang und Ende sind in ihm viel größer und stehen in einem anderen Verhältnis zum eigentlichen Ablauf.

Sitzt man vor The National und sie singen wortwörtlich a lot of sorrow, gibt es keinen Grund wegzulaufen, es gibt aber viele, um sitzen zu bleiben für diese sechs Stunden. Jeder Schmerz darf hier hinein, jede Menge, jede Erinnerung, alles darf stattfinden und auch mehrfach wiederholen, du darfst schwitzen und weinen und schweigen und wütend sein und enttäuscht und traurig und irgendwo, wo du nicht mehr sein willst, weil du weißt, gleich ist alles vorbei, dann musst du nichts davon mitnehmen, dann hast du es so oft gefühlt, dass du es nicht mehr fühlen brauchst.

Ragnar Kjartansson & The National
A Lot of Sorrow

Lesen & singen zum Vorlesetag

UPDATE: Wir müssen Lesung & Konzert leider aus unerwarteten Gründen absagen. Wir holen beides aber nach. Versprochen.

Am 21. November ist Vorlesetag. Deswegen tue ich genau das aus Büchern & meinem Blog. Um 19:30 Uhr im List in Neukölln. Zwischendurch wird Lars ein paar Lieder singen.

Lars & Lisa

A little trust and your time.

Es gibt diese Konzerte, die einen auf den eigenen Kern zurückwerfen, die einem außen herum alles abziehen, die Haut und die Knochen und die Sehnen und jeden Muskel einzeln. Mit dem ersten Ton fällt der dichte, dunkelblaue Vorhang und du stehst in dir selbst, es gibt keine Ausrede und keine Winkel, es gibt kein Wegducken, nur ausbreiten, alles wächst, und später, wenn dein Skelett wieder zusammenkommt, spürst du, wie du größer geworden bist, wie du Räume ausfüllst, in denen sich vorher etwas verlaufen hat. Jetzt passt etwas, das vorher nicht gepasst hat, jetzt sitzt etwas, das vorher immer nervös herumstand, jetzt erreichen dich Licht und Ton und Wetter, jetzt erreichen dich wieder Blicke und Pläne und Geschwindigkeiten, Texturen und Geschmäcker, es gibt wieder Kapazitäten. Du wächst mit jeder Zeile zurück in ein Leben wie in einen neuen Anzug, der etwas umgenäht, angepasst und in Form gebracht wurde. Und vor dir liegt das große Versprechen, die noch größere Erleichterung darüber, dass auf dir noch immer keine Hornhaut wächst.

My word for it.


Und dann machst du an diesem Montag das neue Angus & Julia Stone Album an und musst es fast, aber nur fast wieder ausmachen, weil es dir beinahe, aber nur beinahe die eh zur Zeit im Bauch sitzende Sprache verschlägt, nicht einmal die Töne an sich sondern wie alles zusammen kommt und passt, also diese Lieder zu diesem Sommer, in meinem Ohr klingen sie, als würden sie versuchen, etwas abzuschütteln, einen Fuß vom Boden zu bekommen (und nicht drauf, so wie die meisten, es geht ja immer um Bodenhaftung, aber manchmal, das muss ich euch sagen, da geht es vor allem darum, hoch zu kommen, mit der Wange vom Boden hoch und mit der Hüfte vom Boden hoch und mit dem Fußrücken vom Boden hoch, weil sich das Parkett sonst eindrückt, also jahrelang und wenn man gar kein Tattoo haben will, also wenn man seine Haut, wie sie ist, eigentlich gerne mag, dann ist das nichts Gutes, dort über Monate zu liegen, und dann hängt das eigene Überleben davon ab, nicht mehr liegen zu bleiben, den Rücken rund zu machen, damit der Stein hinunter rollt und zwar über die Seite und nicht in die Kniekehle, denn die Kniekehle hat eh schon genug mitgemacht, der reicht es langsam, die gilt es zu schonen, ist auch mal gut jetzt, deswegen über die Seite und dann hoch, irgendwie aufstehen, das ist die Rettung, nicht irgendeine sondern deine, jeder darf heulen dabei, jederzeit).

Und dann stehst du zur blauen Stunde am offenen Fenster, das man heute zum ersten Mal seit Tagen wirklich wieder öffnen kann, weil es kühler und nicht noch wärmer wird dadurch im Zimmer, und es läuft ‚Wherever you are‘ und du legst dir selbst die eine Hand auf die andere, weil es sein muss, dass man sich hält, meine ich, das darf nichts Fremdes sein, man darf sich nichts Fremdes sein, jedenfalls nicht zu lange, jedenfalls nicht zu oft.

Hauptsache etwas spüren, anti-cool sein, anti-abgefucked, also nicht tot. Sich jeden Tag für Leben entscheiden„. Nicht genug Angst haben, um damit aufzuhören; viel zu viel Angst haben, damit aufzuhören.

Im Anzug den Müll raus.

Berninger Brothers

Ich schrieb einmal über The National, sie wären mit keiner Geschichte verknüpft, eine von den Bands, die immer gehen, zu allem passen, vor denen ich keine Angst habe. Das stimmt nicht. Es stimmt nicht mehr. An Tagen mit aufgeschürfter Brust gehe ich ihnen mittlerweile aus dem Weg. Sie würden einfach in mich hineingreifen und ich hätte vermutlich nicht für örtliche Betäubung gesorgt, mir ist noch nie der Bauch, noch nie das Herz eingeschlafen, ich würde alles spüren.

Und bei der Premiere von „Mistaken For Strangers“ heute Abend erinnere ich mich wieder, warum ich Matt Berninger als Projektionsfläche so schätze, die Band mit ihrer Kunst. Denn ich mag Berninger nicht als Mann, ich könnte ihn vermutlich nicht ertragen, ach wer weiß das schon, ich kenne ihn einfach nur als Figur und diese Figur spielt auf der Bühne mein wütendes Herz. Mit jedem Stolpern und Krächzen und Schreien führt er den Abgrund auf, den man dann nicht mehr leben oder tragen muss, Berninger übernimmt den Drecksjob, er bringt den Müll raus, den wir vorher noch sorgsam im Zimmer verteilt haben, und er trägt einen Anzug dabei.

Ich schaffe es, den ganzen Film nicht zu heulen. Später nach dem Q&A sitzen wir beinahe allein im Kino, da kommt plötzlich ein Mädchen in unsere Reihe und sagt: „Hallo Lisa, ich wollte dir nur schnell sagen, ich mag deine Bücher und Texte so sehr. Dankeschön!“ Sie flitzt sofort wieder weg, noch bevor ich wirklich etwas sagen kann, danach ist mein Vorsatz im Eimer. Auf dem Heimweg flippe ich mit dem Fuß aus Versehen einen nassen, halben Toast übers Pflaster, der Mond leuchtet beinahe voll aus einer Seitenstraße heraus. Leave your home. Change your name. Live alone. Eat your cake.

Auf einen Kaffee mit Francesco Wilking.


Ich bekomme eine Nachricht: “Sorry, 10 Minuten“. Ich sitze und warte, der Kaffee und ich haben es warm, ich lese Max Frisch, da fühlt man sich eh immer ganz aus der Zeit gezogen. Francesco Wilking wollte sich im Haliflor in Mitte treffen, da kann man rauchen, ich weiß aber auch nicht, ob das der Grund war. Noch einmal 15 Minuten später ruft er an: “Sag mal, können wir uns auch in der Weinerei treffen? Meine Katze sitzt im Hof und will nicht reinkommen.“

Als ich in die Weinerei komme, steht Francesco neben dem großen Topf mit der Suppe, einen Rucksack auf dem Rücken, eine Schirmmütze auf dem Kopf. Wie ein kleiner Junge mit der Frisur von Helge Schneider. Meine erste Assoziation erschreckt mich, verfliegt aber mit der Zeit, er bestellt Espresso, ich Kaffee, wir setzen uns an einen Bartisch gegenüber. Und wo ist die Katze?

Francesco Wilking hat eine neue Band, sie heißt die höchste Eisenbahn und ich bin der Musik aufgrund des Namens aus dem Weg gegangen, bis meine Mutter anfing, von ihr zu schwärmen. Diese Sache mit den deutschen Texten ist eine schwierige für mich, die eigene Sprache in Musik zu finden, stellt mich immer wieder vor Herausforderungen. Aber auf dem Album “Schau in den Lauf, Hase“ der höchsten Eisenbahn wurde ich überrascht und war sogar von dieser Überraschung noch ganz durch den Wind. Jedenfalls sitzt da jetzt Francesco Wilking, der Rucksack liegt mittlerweile auf dem Barhocker neben ihm, und er klingt, wie man dem Klischee nach im Prenzlauer Berg irgendwie klingen muss. Es geht um die Schulsuche für die Kinder, das sei eine komplizierte Geschichte mit diesen Bewerbungen, Erstwünsche, Zweitwünsche. Ob es da Tricks gäbe, frage ich. “Naja, bestimmt. Aber stell dir vor, ich versuche einen Trick und dann funktioniert der nicht? Nein, das ist mir zu heikel“, sagt Francesco.

Die Katze sitzt im Hof und will nicht rein, er habe es eine halbe Stunde lang versucht. Sie würde ihn nur anmaunzen, aber nicht mitkommen. Ich sage, er müsse Desinteresse heucheln, dann klappe das schon, als er mitten im Gespräch noch einmal aufsteht, um nach der Katze zu sehen. Klappt. Siehste. Ich mag eigentlich keine Katzen, aber der Vater aus Mitte hat ein Katzenfoto auf dem Telefon und das Flauschtier guckt so eigenwillig, dass ich kleine Sympathien in meinem Kaffeeherzen spüre. Francesco sei eigentlich auch kein Katzentyp, aber die Kinder hätten sie nun einmal angeschleppt und “da kannste nix machen“. Die Katze ist vielleicht schwanger. Francesco googelt, woran man erkennt, dass eine Katze schwanger ist. “Scheiß Katzen“.

Wir reden wenig über die Musik, das kommt mir entgegen, ich spreche mit Musikern nicht gern über ihre Lieder, ich habe immer Angst sie zu langweilen und meine Fragen sind ja dann doch immer eher sehr persönlich gefärbter Natur, das interessiert niemanden, deswegen reden wir übers Schreiben, also das auf Papier und ohne Musik. Da kann ich mich reinfühlen. “Ich habe kein Vertrauen ins Schreiben. Ich hätte Lust ein Buch zu machen, aber diese Branche ist mir unheimlich. Wer da alles dann drin rummacht, also in deinem Manuskript, das ist gruselig. Geschriebene Sachen haben außerdem diese Halbwertszeit. Ich lese meine Sachen später und denke: Häh?“ Ob das mit Musik und Liedern nicht ähnlich sei, frage ich. “Nein, da entwickle ich eine Gelassenheit gegenüber dem Produkt. Manchmal ist es so, dass ich im Nachhinein, auch wenn die Platte schon fertig ist, noch etwas ändern möchte, aber das kann ich dann live manchmal umsetzen.“ Aber irgendwie müsse er ja auch zu den Sätzen in den Liedern kommen, schreibe er die nicht auch klassisch auf? “Vor allem singe ich sie. Ich singe nie Ladidabidubi. Ich singe immer Sätze.“

Francesco trägt eine Kette mit einem Jesus, der umgedreht aussieht wie ein Anker. Die habe er von seiner Mutter geschenkt bekommen. Er sei nicht wirklich gläubig. Ob er aus der Kirche ausgetreten sei? Nein, er glaube nicht. Das wisse er gar nicht so genau. Also auch nicht, wie man das überhaupt mache. Kirchensteuer? “Wo steht eigentlich, wie viel das ist?“ Dieser Mann schreibt mit Moritz Krämer kleine, tiefe Lieder über die große Liebe, Smartphonelächeln und verpasste Gelegenheiten. Francesco Wilking weiß, was ihm wichtig ist und was nicht, die anderen Sachen blendet er, wenn sie ihn nicht interessieren, einfach aus, so scheint es.

“Serien finde ich gut. Was aber nicht geht, ist dieses “˜alles auf einmal sehen“™. Man darf Serien nicht gucken, wenn man alle Folgen hat, das macht einen krank, es ist eh immer alles gleichzeitig, auch im normalen Leben, und am nächsten Morgen schreit man die Kinder an, weil man nicht genug geschlafen hat. Das möchte ich nicht“ sagt Francesco. Bei Mad Men und Breaking Bad war die Suchtgefahr zu groß. Ob er Kochsendungen schaue, frage ich, die harmlosen Geschwister der großen Serien, mit denen nie jemand spielt, die aber trotzdem ganz sympathisch sind, wenn man sich nur mal traut, sie anzusprechen. “Nein, ich komme ja nicht einmal mit Kochbüchern zurecht. Ich kann das nicht: Also erst lesen, was man alles braucht und das dann einkaufen und dann während des Kochens immer wieder lesen“¦ Nein. Aber so eine Echtzeitkochsendung, wo genau alles so lange dauert, wie es dauert, das wäre etwas für mich. Ich muss mitmachen können, dann schaue ich mir das auch an. Die Leute haben echt Nerven, weißt du. Ich verstehe nicht einmal, warum ich dieselben Nerven haben muss.“

Wir vergessen, ein Foto zu machen, aber laufen noch ein Stück in dieselbe Richtung, weil der Mittevater noch zum Lidl muss. Als wir dort ankommen, ist das Ladengeschäft fahl beleuchtet, keine Regale mehr, alles leer. “Samstag war ich hier doch noch einkaufen, die können mir doch nicht über Nacht den Lidl klauen!“ Es ist Montagabend, die Kinder sind im Urlaub. Er kommt noch mit bis zum REWE. Die zweite Katze wurde heute kastriert, deswegen muss er sich beeilen.

Ich les‘ ja gerne vor.

Lisa liest

Der Sommer ist da, ich glaube fest daran. Man kann rausgehen und wegfahren oder auch einfach in der Stadt bleiben und sich mal hinsetzen und mal zuhören. Damit es was zum Zuhören gibt, lese ich noch einmal in Berlin und Hamburg nächste Woche.

Am 18. Juli lese ich um 20 Uhr im Café Tasso, dem etwas anderen Antiquariat in Berlin. Wir nehmen keinen Eintritt, aber Spenden sind herzlich willkommen.

Am 20. Juli lese ich in Hamburg im Rahmen der „Feels like home“ Tour im Knust und am 21. Juli im Heimathafen Berlin. Mit dabei sind auch Steve Moakler und Echorev. Tickets gibt’s hier für Hamburg und hier für Berlin. Alle Einnahmen gehen an ein soziales Projekt.

Für die „Feels like home“ Tour könnt ihr nun 5×2 Gästelistenplätze für jede Stadt gewinnen. Gästeliste bedeutet hier ermäßigter Eintritt von 7 Euro, damit wir dennoch Spenden generieren. Um eine Chance auf einen der Plätze zu haben, schreibt einen Kommentar mit der Stadt, für die ihr gewinnen möchtet, und achtet dabei auf die Angabe einer gültigen E-Mail-Adresse (die nicht veröffentlicht wird). Zeit habt ihr dafür bis Dienstag, den 16. Juli, um 20 Uhr.

„Everything I love is on the table.“

The National

Er ist grau geworden, er trägt nur Schwarz. Er hat die Flasche Weißwein in der Hand, das Glas dazu, ein paar Texte auf Papier, es ist das neue Album, ich weiß nicht genau, wie tief es schon steckt, irgendwann später wird er den Textständer umwerfen und aus dem Hintergrund der Bühne wird panisch ein kleiner Mann hervor gesprungen kommen und ihn wieder hinstellen, den Ständer, nicht Matt Berninger, der steht heute, vielleicht friert er auch und dann schlägt der Alkohol nicht so vor die Stirn, aber er steht und singt und es ist so, dass ich für The National Alben sonst länger brauche, eine Atempause und Ruhe, das passiert mir sonst nicht mit Musik, aber dafür nehme ich mir Zeit, einen Raum, eine Straße, jedes Mal, ich weiß noch, wo ich die letzten beiden Alben zum ersten Mal gehört habe, wie es mir ging, was passierte und dass ich nie sofort vom Hocker gefallen bin.

„When you lose me I’m dead“, singt Berninger und ich muss an Manfred Krug und sein „Das wird so schlimm für mich, wenn du mich mal verlierst“ denken. Obwohl wir draußen stehen, bekomme ich keine kalten Füße, ich trage Schichten, den wärmsten Mantel, den ich habe, und das Gefühl im Bauch, dass das wieder so eine Platte wird. Eine, die sich reinfrisst und die eine Weile braucht, bis sie von den oberen Hautschichten nach dort gelangt, wo es weh tut. Eine, die man anfangs unterschätzt, um sich später zu wundern darüber, dass man nicht direkt in der ersten Sekunde vor Hingabe einfach explodiert ist.

Der Titel des Albums bringt es auf den Punkt: Trouble will find me. Man steht da nicht und das Ding setzt sich hin und sagt ordentlich guten Tag. Oder haut dir direkt eins in die Fresse. Das wird wieder eines dieser Alben, die sich ihre Menschen suchen, die kommen, wenn du sie nicht erwartest und die immer noch da sind, wenn du sie wirklich einmal brauchst. The National machen Soundtracks. Solche, die man während des Films nicht bemerkt, aber die trotzdem Gänsehaut machen, und an die man sich erinnert, wenn man dann auf die Straße tritt und die Nacht sich einem auf den Kragen setzt. Solche, die neben einem herlaufen bis nach Hause. Die man nicht fragen muss, ob sie noch mit hochkommen. Die bleiben, ohne etwas zu versuchen, was eh nicht passieren kann, wenn es jemand versucht, sondern die sich in die Ecke setzen und dir zusehen und sich ohne einen Aufstand, ohne Drama in deinen Alltag bauen, als gäbe es keine Alternative, als sei’s das Einfachste der Welt. Die dann da sind, als wären sie nie weg gewesen.