Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Lektüre

Zur Vermeidung von Irreführung des Lesers.

Kohlenquelle

Ich putzte mir gerade die Zähne, als die Nachrichten im Radio die Leipziger Buchmesse resümierten. Ein O-Ton, ich erinnere mich nicht an den Namen der Person, feierte die Rekordbesucherzahlen der Messe und meinte dann ungefähr in diesem Wortlaut: „Dies ist der Beweis dafür, dass das gedruckte Buch aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken und präsenter ist denn je.“ Weiter ging es mit dem Wetter, während ich mir die Zahnbürste beinahe in den Gaumen rammte.

Das machst es dir zu einfach, mein lieber Buchdruckmensch, der man dich dort interviewte und der du dir wahrscheinlich endlich einmal Luft machen konntest, endlich hattest du eine Zahl, eine tolle Zahl, zu der ich dir gratulieren möchte, denn mich freut das von Herzen und aufrichtig, aber mein lieber Verlags- oder Messenmensch, der du nun glaubst, dich auf deiner Besucherzahl ausruhen zu können, während „E-Books und Bildungsangebote“ als ebenfalls auf der Messe präsente Bereiche immer erst im zweiten Nebensatz genannt werden, du möchtest das so, stimmt’s nicht, das E-Book hat nichts mit deinem Geschäft zu tun, es bleibt nur dein Nebenprodukt, das man dir reingedrückt hat, die Leserschaft ist, solange sie zur Messe kommt, deiner Meinung nach immer noch ein Publikum, das Seiten blättert und die Seiten sind dein Produkt, daran musst du glauben, nicht wahr?!

Ich würde dir gern den Kopf tätscheln, ich würde gern sagen, dass nicht die Form sondern der Inhalt dein Produkt ist und dass du dich langsam daran gewöhnen solltest, aber vermutlich wüchse deine Angst ins Unermessliche, vermutlich würdest du zusammenzucken, dich wegducken und mit dem Finger das Blatt festhalten, das dir deine Sekretärin heute morgen ausgedruckt hat und auf dem die Zahlen stehen, die guten Zahlen, denen du zuschreibst, weil du musst, sie bezögen sich auf Papier und Buchdeckel und dein Modell, von dem du glaubst, es sei unantastbar, es käme zurück und der ganze andere unnötige Krempel, der würde sich schon selbst zerstören mit seinen Pixeln und viereckigen Augen und ach.

Ich würde dir gern zeigen, wie viele Fingerabdrücke auf deinem Modell zu sehen sind, weil dein Publikum, dein kauffreudiges, kommunikatives Publikum sich dein Modell zu eigen macht, es anfasst, es mitnehmen will und umgestalten, weil das mit vielen Dingen passiert jetzt, und du stehst dort mit deinem Papier und verschränkten Armen und wedelst dir selbst mit den Zahlen vor dem Gesicht herum, bis dir schwarz vor Augen wird. Bücher, E-Books und Bildungsangebote, so wird das Angebot der Buchmesse beschrieben, denn so existiert es in deinem Kopf, das ist deine Kategorisierung, die bröckelt und spuckt, die sickert und bröselt, weil die Darreichungsform längst du nur noch ein Serviervorschlag in unseren Köpfen ist, der mit der Geschichte nicht mitgeliefert wird.

Deine Zahlen sind kein Beweis und keine Prophezeiung, niemand hat sich vertan, so leid es mir tut, aber morgen sind wir immer noch da, wir wachsen nicht zurück, wir werden nicht sagen „Ihr hattet ja schon damals recht, die MP3 war eine dumme Erfindung“, wir werden weiterhin fragen, warum das E-Book mehr als die gedruckte Version kostet und dabei den Kopf schütteln, wir werden als Autoren erwarten, dass ihr ein Modell für mobile, nutzerzentrierte Lösungen sucht, wir Autoren und Leser werden nicht auf euch warten.

Willkommen am schimmernden Ende unserer Welt.

Coby County

“Ich kenne Wesley seit fast vierzehn Jahren, aber ich habe noch nie zu ihm gesagt, dass er aufhören soll, sich etwas vorzumachen. Eigentlich habe ich auch nicht vor, ihm das jemals zu sagen. Denn eigentlich habe ich nichts dagegen, wenn sich Leute etwas vormachen.” (S.14)

“Solche Sätze sagt Carla oft, sie werden aus ihrer großen Ruhe geboren, und meistens nehme ich diese Ruhe als eine Art Charakterstärke wahr. Nur an schlechten Tagen habe ich das Gefühl, dass mich diese Ruhe enorm träge macht, dass ich irgendwann neben Carla einschlafen und dann keinen Grund mehr sehen könnte, noch einmal aufzuwachen.” (S.35)

“Am häufigsten muss ich mich an Tagen nach ausgelassenen Festen übergeben, aber das finde ich nicht schlimm. Oft ahne ich es sofort nach dem Aufwachen und eigentlich herrscht dann sogar eine gewisse Vorfreude. Insgeheim empfinde ich das Übergeben als rebellische Geste, als eine Art Befreiung von den Zwängen, mit denen ich lebe und die ich ja alle selbst zu verantworten habe. Wenn ich vor der Toilette knie und würge, weil ich in der Nacht zuvor viel zu viel getrunken habe, dann erdet mich das auf plakative Art und Weise, dann bin ich irgendwie ganz bei mir und maximal ehrlich zu mir selbst.” (S.47)

“Mein Dad hatte immer eine hohe Stirn, aber das Bewußtsein, dass er eine hohe Stirn hatte, stellte sich bei mir keinesfalls vor vierzehn ein, eher später. Zuvor war es einfach die Stirn meines Dads und ich habe sie mit keiner anderen Stirn verglichen. Als Kind ist man ja in der Lage, die Welt als eine Ansammlung von Fakten zu sehen, das ist eine dieser Fähigkeiten, die man manchmal ganz gerne zurückgewinnen würde, aber meistens dann doch lieber nicht.” (S.48)

“Paare, die ihren Liebeszustand nicht als vorbelastet oder klischiert wahrnehmen: die gibt es gar nicht, denke ich, die wären ja auch kaum zu ertragen. Insofern waren Carla und ich, neutral betrachtet, vielleicht nie etwas Besonderes. Für mich war es das aber doch, weil ich vorher nie so lange mit einem Menschen, mit dem ich auch ins Bett ging, einen so engen Kontakt gepflegt hatte. Auch wenn wir uns mal einige Tage nicht sahen und keine E-Mails oder Shortmessages austauschten, wusste ich, dass es diese Carla gab, und das hat den Alltag durchaus stabilisiert, wie grauenvoll labil das auch klingen mag.” (S.95)

“Es ist davon auszugehen, dass auch diese Freiberufler ihren Alltag primär vor Laptops verbringen, still dasitzend und auf irgendeine Weise lesend. Im Grunde vergehen so vielleicht die allermeisten Tage, man sitzt vor Texten und Bildern, man redet und tippt. Hinzu kommen Schlaf und Ernährung und bei einigen noch Sport und Erotik, aber das bleibt ja auch beides eng an Texte und Bilder gekoppelt. Manchmal erstaunt es mich, dass mein vom Dasein und Lesen dominierter Alltag trotzdem ständig Risiken bereithält.” (S.113)

Schimmernder Dunst über Coby County” wurde von Leif Randt geschrieben und ist 2011 im Bloomsbury Verlag, Berlin erschienen.

Your letter filled the hole in my day like a key.

Emma Bowlcut

“One of my goals is not to ask questions as that implies that this has all happened before and I am merely asking you to tell me how things went. Which isn’t to say I don’t believe in destiny.”

“What happened to your heartbeat. Tell me soon as it’s not a good place to have a question mark.”

“I don’t want to destroy anything. But I want to know what I can destroy. I am possessed by the conviction that I need you like blood needs a vein to get from one place to another.”

“I stood without intention of moving and realized we see every punch coming in a boxing movie but in real life we miss a lot of them.”

“One of my favorite things of all time is when an animal keeps company with different species. It’s often a duck. Maybe you should get a duck for that library you work in. No one would complain. Ducks belong in libraries.”

“And i hope each morning you wake like a bird in a nest and fly without a thought.”

“We are always making choices and then we go to sleep. At separate times.”

“I learned that you can get bruises without external contact. Struck by something to get out from within.”

“You are the reason I get out of bed. To tell you that I have gotten out of bed. Yours are the only questions I want to answer. I live to pocket all your questions marks, as many as I can, in your life. To discard them secretly when you’re not looking.”

“How come naps are so much sweeter than regular sleep. Because it’s the type that you can’t resist, it just takes you.”

“Everything I have done today could have been done by a bear. The long seasoned sleep. The lumbering out of bed. Tearing a hard roll dipped into honey. And then sprawling lazily in the grass where the sun hit. I was going to take a bath but decided that would have been too much bear activity, so I showered.”

“There is a reason ice is slippery. Did anyone laught at you. I have an inhability to help anyone who has fallen. To witness injects me with a paralytic joy. If someone falls in front of me, you’ve never seen such a smile in your life. I’m tickled by the chance that they are learning something.”

(“Letters to Emma Bowlcut” was written by Bill Callahan and published by Drag City in 2010)

Was ich liebte

Ornamentik

“Er war einer jener Menschen, die bei den Ereignissen in ihrem Leben nie ganz präsent sind. Ein Teil von ihm war nicht da, und dieses Abwesende an seinem Vater sollte nie aufhören, Bill zu verfolgen - sogar noch nach dessen Tod.” (S.43)

“Ich nehme an, wir sind alle das Produkt der Freuden und Leiden unserer Eltern. Ihre Gefühle sind im gleichen Maße in uns eingeschrieben wie ihre Gene.” (S.45)

“Ich fand immer, Liebe gedeiht gut bei einer gewissen Distanz; sie verlangt ein ehrfürchtiges Getrenntsein, um zu bestehen. Ohne diesen nötigen Abstand werden die kleinsten körperlichen Äußerungen des anderen in der Vergrößerung abscheulich.” (S.59)

“Ich bin davon überzeugt, dass die Vermischung ein Schlüsselbegriff ist. Er funktioniert besser als Suggestion, die einseitig ist. Er erklärt das, worüber Menschen selten sprechen, weil wir uns als isoliert definieren, als geschlossene Körper, die aufeinander prallen, aber geschlossen bleiben. Descartes hatte Unrecht. Es muss nicht heißen: Ich denke, also bin ich. Es muss heißen: Ich bin, weil du bist. Das ist Hegel, na ja, die Kurzfassung.” (S.121)

“Lügen haben immer zwei Seiten: Was man sagt, existiert mit dem zusammen, was man nicht gesagt hat, aber hätte sagen können. Wenn man zu lügen aufhört, schließt sich die Kluft zwischen den eigenen Worten und dem, was man innerlich glaubt, und man versucht, seine gesprochenen Worte in Zukunft mit der Sprache der eigenen Gedanken in Einklang zu bringen, zumindest jener, die geeignet sind, von anderen gehört zu werden.” (S.283)

“Immer wenn ein Künstler stirbt, tritt das Werk langsam an die Stelle seines Körpers und wird ein leibhaftiger Ersatz für ihn in der Welt. Ich glaube, man kommt nicht dagegen an. Gebrauchsgegenständen wie Stühlen oder Tellern, von einer Generation an die nächste weitergegeben, mag kurzfristig etwas ihrer ehemaligen Besitzer anhaften, doch diese Eigenschaft verliert sich relativ schnell bei ihrem praktischen Gebrauch. Die Kunst, nutzlos, wie sie ist, widersteht der Einverleibung in den Alltag, und sofern sie irgendeine Kraft besitzt, scheint sie das Leben des Menschen, der sie geschaffen hat, zu atmen.” (S.332)

(Siri Hustvedt - Was ich liebte)

There you are.

Geburtstagsblumen

There is always the risk; something is good and good and good and good, and then all at once it gets awkward. All at once, she sees you looking at her, and then she doesn’t want to joke around with you anymore, because she doesn’t want to seem flirty, because she doesn’t want you to think she likes you. It’s such a disaster, whenever, in the course of human relationships, someone begins to chisel away at the wall of separation between friendship and kissing. Breaking down that wall is the kind of story that might have a happy middle —- oh, look, we broke down this wall, I’m going to look at you like a girl and you’re going to look at me like a boy and we’re going to play a fun game called Can I Put My Hand There What About There What About There. And sometimes that happy middle looks so great that you can convince yourself that it’s not the middle but will last forever.
(John Green, Let It Snow)

Die Jahre gingen, wie man so sagt, ins Land.

Nest

“Das ist brutal, wissen Sie, richtig brutal. Während die unbedeutendsten Tiergattungen Tausende, manchmal Millionen von Jahren existieren, ehe sie verschwinden, werden gewerbliche Erzeugnisse innerhalb weniger Tage vom Erdboden gefegt, man räumt ihnen nie eine zweite Chance ein, sie müssen ohnmächtig das unverantwortliche, faschistische Diktat von Produktmanagern ertragen, die natürlich besser als alle anderen wissen, was der Verbraucher will, und die behaupten, beim Verbraucher Lust auf Neues entdeckt zu haben, die in Wirklichkeit sein Leben in eine erschöpfende, verzweifelte Suche verwandelt, in ein endloses Umherirren zwischen ständig anders bestückten Regalen.” (S.164)

“Das Leben bietet einem manchmal eine Chance, sagt er sich, aber wenn man zu feige oder zu unentschlossen ist, um sie zu ergreifen, nimmt sie einem den Trumpf wieder aus der Hand. Es gibt einen geeigneten Moment, um Dinge zu tun und sich dem möglichen Glück zu stellen, dabei kann es sich um einen Zeitraum von ein paar Tagen, ein paar Wochen oder sogar ein paar Monaten handeln, aber diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal, und wenn man sie später erneut zu ergreifen versucht, ist das schlichtweg unmöglich, es ist kein Raum mehr da für Begeisterung, für Überzeugung, für Glaube, es bleibt nur sanfte Resignation, gegenseitige Betroffenheit und das nutzlose, wenn auch berechtigte Gefühl zurück, dass irgendetwas hätte geschehen können, man sich aber des Geschenks, das einem gemacht worden ist, unwürdig gezeigt hat.” (S.241)

“Man kann sich immer - so hatte Houellebecq gesagt, als er ihm von der Schriftstellerlaufbahn erzählt hatte - Notizen machen und versuchen, Sätze aneinanderzureihen; doch um wirklich mit der Niederschrift eines Romans zu beginnen, muss man warten, bis all das kompakt und unwiderlegbar wird, warten, bis ein harter Kern der Notwendigkeit auftaucht. Man trifft die Entscheidung, ein Buch zu schreiben, nie selbst, hatte er hinzugefügt, ein Buch sei wie ein Block aus Beton, der den Zeitpunkt des Abbindens selbst bestimme, und die Einwirkungsmöglichkeiten des Autors beschränkten sich ihm zufolge darauf, anwesend zu sein und bedrückt über die Untätigkeit darauf zu warten, dass der Prozess von selbst in Gang käme.” (S.244)

“Im Grunde, sagte sich Jed beim Zuklappen der Zeichenmappe traurig, hatte sein Vater nie den Wunsch aufgegeben, Schwalbennester zu bauen.” (S.394)

“Karte und Gebiet” wurde geschrieben von Michel Houellebecq.

I still believe in anchors.

I still believe in saviors but I know that we are all made out of shipwrecks, every single board washed and bound like crooked teeth on these rocky shores so come on and let’s wash each other with tears of joy and tears of grief and fold our lives like crashing waves and run up on this beach, come on and sew us together, tattered rags stained forever, we only have what we remember.

Den ganzen Text dieses großartigen Stückes gibt es hier.

Fireflies

Crewdson Cover

Am Samstag hatte ich in Hamburg ein Buch in der Hand, ich war schon Zug gefahren, ich hatte mich einmal kurz durchpusten lassen und ich machte eine kleine Pause, als mir das Buch auffiel im Regal direkt neben mir und ich wusste, dass ich diese Bilder schon auf Plakaten in Berlin gesehen hatte. Ich setzte mich kurz, ich legte es vor mir auf den großen Tisch und betrachtete die Bilder, von denen ein paar wie gesagt schon plakatiert wurden, die mit der Einsamkeit, die bei denen man im ersten Moment nicht zwischen Fotografie und Malerei zu unterscheiden vermag. Und ich blätterte an der Serie vorbei zu den schwarzweißen Stadtszenerien, vorbei an Bildern eines Abschieds, verlassener Orte und Geschichten, als ich dann wirklich hängen blieb.

Fireflies

Im Fotoband “In a Lonely Place” von Gregory Crewdson gibt es eine Serie, die mich wirklich rührte, die alles in mir bewegte aus unerfindlichen Gründen, vor der ich hätte Stunden sitzen können, für die ich ein Haus kaufen möchte mit riesigen, weißen Wänden, um dort diese Bilder betrachten zu können und dann rauszugehen und selbst zu schauen, ob sie wahrhaftig werden können auch in meinem Leben: “Fireflies“. Ich habe lange nicht so etwas Schönes gesehen.

Kaufen Sie dieses Buch, kaufen Sie besser noch die echten Bilder und schließen Sie sich weg damit. Damit und dem Lied von Woodkid. Es könnte Sie sehr glücklich machen.

Gutes Papier.

Naivpogo

Mal einen Spaziergang machen, einen Ort aufsuchen, stehenbleiben, kurz aufhören zu denken oder an Tempo zulegen, vielleicht ein paar Atemzüge um die Ecke schieben, mitnehmen, was man behalten kann.

// naivsuper Book & PogoBooks v03
// 16.07.11 – 23.07.11
// Ort: General Public, Schönhauser Allee 167c, Berlin
// Eröffnung 16. Juli, 19.00
// Öffnungszeiten: 14.00 - 19.00, montags geschlossen
// Filmabend 20. Juli, 20.00 Musikvideos und Kurzfilme des naivsuper Film Kollektiv
// Finissage 23. Juli, 19.00 mit einer audiovisuelle Performance von Yumiko und Boris Hegenbart-Matsui, sowie von Ansgar Wilken mit Cello und Pedalen

This is what my dad told me once.

(Mary Elizabeth Fry)