
Ich gebe zu, ich war etwas befangen. Ich dachte, das wird wieder so eine Geschichte, wie wir sie kennen, von denen, die erst lustig und froh auf den Zug aufgesprungen sind und wenn der Rest dann da ist, dann haben sie keine Lust mehr und springen wieder ab, weil es wichtiger ist, der erste zu sein, der etwas tut, als die Sache an sich. Ich dachte wirklich, das kann doch nicht sein, dass der gute Koch sowas.. Bitte nicht. Und dann bin ich zur Lesung gegangen, hatte das Buch nicht gelesen und guckte skeptisch ein bisschen herum, weil überall im Dunkeln kleine Displays leuchteten, überall wurde gemurmelt und getippt, so macht man das ja auf diesen Veranstaltungen, Eröffnungen, Lesungen mit all den Vernissagevisagen. Ich habe auch getippt, kleine Notizen, weil mein echtes Notizbuch im Dunkeln nicht leuchtet. Ein paar Redakteursgesichter standen herum, ein paar Blogger saßen hier und da, dazwischen das Zitty-Publikum und Freunde, ich hielt mich am Rand und schaute und dann begann Christoph Koch zu erzählen von seinen 40 Tagen ohne Mobiltelefon und Internet. Und alles war ganz anders als gedacht.
Anders als dieses gewohnte Geschrei von “Internet macht doof” und “Du bist ja nur online, weil du offline nichts auf die Reihe bekommst” ist “Ich bin dann mal offline: Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy”
die Geschichte des Versuchs, es einfach zu lassen, warum auch immer. Sich eingeschossen zu haben auf eine bestimmte Mechanik im eigenen Leben, die Bequemlichkeit angenommen zu haben, immer und überall auf Informationen und damit auch Menschen zugreifen zu können, die längst vollzogene Unverbindlichkeit bei Verabredungen und der ständige Blick auf Status-Updates oder E-Mail-Konten - das ist der Status in unserem Umkreis, so kommunizieren und leben wir, so finden wir neue Jobs und alte Bekannte. So vergrößern wir unseren eigenen Dunstkreis, der zwar weiterhin Dunst, aber wenigstens partiell zu fassen bleibt, denn was in Buchstaben gefasst und mit Bildern unterlegt wird, sieht zumindest auf den ersten Blick mehr aus als eine blasse Erinnerung.
Christoph Koch hat es probiert - und er hat dabei nicht einfach Tagebuch geschrieben, wofür ich ihm sehr dankbar bin, denn genau das hatte ich befürchtet. Nein, er hat die freie Zeit genutzt, um sich mit Menschen auseinander zu setzen, mit ihnen zu reden und das Thema “Offline, Online und was wir damit machen” aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und zu betrachten. Und das macht dieses Buch eben zu mehr als einem persönlichen Eindruck oder einer individuellen, kleinen Suchtgeschichte, weil es anstößt und nicht einfach beschreibt, weil es erklärt und aufzeigt und nicht einfach nur berichtet. Christoph Koch stellt nicht nur sich selbst Fragen sondern anderen und findet nicht eine generelle sondern eine Hand voll Antworten, die jeder mit nach Hause nehmen und sich unter das Kopfkissen legen und eine Nacht drüber schlafen kann.

(Wie lange sind die Intervalle zwischen deinen Blicken aufs Handy? Ist das Internet non-stop angeschaltet bei dir zuhause? Und kommst du wirklich pünktlich, wenn du sagst, dass du kommst? Wann hast du das letzte Mal per Sms abgesagt und wer ist wirklich Freund bei Facebook? Schreibst du Tweets für dich oder für andere? Und wessen Telefonnummer kannst du auswendig? Ist der Rechner am Morgen das Erste, was du wirklich ansiehst? Und warum packst du auf einer Party dein Handy aus? Denkst du bei einer lustigen Begebenheit gleich an Twitter? Und wann hattest du das letzte Mal eine echte Zeitung in der Hand? Und vergisst du dein Handy auch mal? Wie wären Ferien ohne Mobiltelefon und Computer für dich?)
Einen Moment innehalten und sich selbst hinterfragen. Am Ende ein kleine Zölibat einplanen, weil ich glaube, dass es gesund sein kann, wenn man sich zumindest zeitweise mal vom Internet löst - und dass man wirklich bewusster hinschaut, nachdem man das Buch gelesen oder Christoph Kochs Geschichte gehört hat, sobald jemand während eines Gesprächs das Handy auspackt, im Urlaub vom Meer twittert oder auf einer Party mit dem Telefon in der Ecke steht. Versteht mich nicht falsch, ich liebe das Internet, es hat mein Leben verändert und ganz viele kleine Ausrufezeichen hinein gemalt, ohne das Netz hätte sich vieles in meinem Leben nicht so grandios entwickelt, wie es das getan hat. Aber die Geschichte ist auch hier wieder ein bisschen wie mit der Liebe, so pathetisch und kitschig das klingt (das muss übrigens so sein), dass man, wenn es nicht mehr ohne geht, sich kurz seine eigene Unabhängigkeit zurück erobern sollte, das eigene Schritttempo, das nicht diktiert sondern selbst bestimmt wird, und dies nicht in Bezug auf Informationsbeschaffung sondern in Bezug auf Körperlichkeit im Sinne von Echtheit. Die Freiheit, auszuschalten, wegzulassen, Pause zu machen, zur Ruhe zu kommen. Die Unabdingbarkeit, sich auch von Technologie mal wieder zu lösen, um sie später wieder schätzen zu können. Das reflektierende Moment, dass man etwas, das immer da ist, nicht einfach ungefragt hinnimmt, sondern bewusst tut. Bewusst nutzt - und nicht wie selbstverständlich in jeden Bereich eindringen lässt.
Sich einmal vor Augen halten, was noch Geheimnis bleibt. Und überhaupt: Geheimnisse haben, die kein Kabel kennen und keine Tastatur, keine Community. Ein Bild besitzen, das immer in dieser Schublade bleiben wird, weil das so sein soll. Weil es nicht weniger wert ist dadurch, dass nur du und nicht deine gesamte Freundesliste es kennt. Einen Brief besitzen, dem man seinen Weg ansieht. Dinge nicht sofort wissen und nachschlagen müssen, weil es eigentlich egal ist, weil der kurze Blick auf den Bildschirm nichts verändert. Eine Gewohnheit dispositionieren, weil man es kann, weil man die Dinge rumschieben muss, damit sie nicht einstauben. Weil es dazu gehören sollte, Sachen nicht nur auf eine einzige Art und Weise zu tun, um das Umfeld zu kennen und die Möglichkeiten. Das Internet ausschalten, um es mal getan zu haben. Den Wert von Haptik nicht zu vergessen. Das Buch von Christoph Koch ist kein Pamphlet dafür sondern ein Angebot.
(Ich trage seitdem wieder ein Notizbuch mit mir herum, und ich vergesse ab und an mein Handy. Es tut nicht weh, kein bisschen.)