Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Berlin

And then my heart will beat again.

Woods

Der erste Tag mit dem dicken Schal war der Tag, an dem wir an der Ecke die ersten Kastanien fanden. Alle mit einer flachen Seite, alle gefallen, als hätten sie nicht genug Zeit gehabt, sich gleichmäßig auszubeulen, alle frisch und glänzend und braun. Was man sieht, ist, dass meistens nur Kinder und Frauen sich nach den Kugeln bücken, Männer schieben die Reste meist mit dem Fuß beiseite und wagen oft nicht einmal einen Blick. Der Tag, an dem wir die ersten Kastanien fanden, war der Tag, an dem der Regen kälter wurde und die Pappeln bog. Der Tag, an dem wir die Pappeln sahen und dachten, das habe nichts mehr mit Sommer zu tun, war der Tag, an dem Einar Stray im Michelberger Hotel spielten, wir die Augen schlossen und dann wieder aufmachten und die Pappeln immer noch bebten hinter der U-Bahn. Später saßen wir mit zu wenig um die Schultern im Hof um eine karierte Tischdecke und dachten: Jetzt geht es los, jetzt ist er da, der Herbst. Eine Decke genügt uns, ein Kissen reicht.

Einar Stray

Dreams and teeth marks.

The National
Michelberger
Room 138

Es könnte überall sein, das Gefühl in den Knien, die Gänsehaut auf dem Kopf, wir könnten überall sein. Ich könnte jedermann sein, mein Gesicht geht auf, bei den ersten Tönen ist es, als könne jeder durch mich hindurch sehen, als würde sich auflösen, was mich zu mir macht, und was übrig bleibt, ist der Moment zwischen Sekt und dem letzten Lied, was übrig bleibt ist das, was du am Morgen danach noch in der Faust hast. Und am besten wird es immer, wenn die Konnotation flöten geht, wenn es keine Bedingung aus der Vergangenheit für bestimmte Zeilen gibt und keinen Stau in der Aorta beim Refrain, wenn sich das Lied aus sich selbst heraus rechtfertigt und nicht aus einer Umgebung, in die es zufällig irgendwann einmal hineingestellt wurde. Wenn man etwas behält, nicht weil es zu einer bestimmten Zeit gehört, die längst vorbei ist, nicht weil sich eine Erinnerung an ihm festgebissen hat, sondern weil es lange schon da ist, weil es egal ist, seit wann genau, und weil es von nun an immer da sein wird.

Contour

Es ist immer noch nicht vorüber, das Wundern, das große Gefühl, das sich setzt und breit macht wie Staub, nur eben nicht wie Staub sondern wie Wärme, für die du das erste Mal Zeit hast diesen Sommer, es ist noch immer nicht vorbei, dass es mich überwältigt, wie sehr Berlin mir Zuhause und Zuflucht ist, ohne anzulaufen, ohne zu bröckeln, es ist jedes Mal noch ein gutes Gefühl, dort an diesen Türmen zu stehen, während der Himmel sich aufbläst, es ist noch immer eine Entdeckung. Das ist das mit der Liebe, glaube ich, die Veränderung von Zustand und die Bewegung von Energie, dass du nicht niederlässt sondern austauschst, dass du nicht festklebst sondern dich reibst, dass du dir bewahrst dich zu wundern, dass du guten Gewissens zurückkommst, dass du weißt, was du hast, und dennoch dein Geheimnis nicht aufgibst, dass du weißt, was passiert, aber nicht alles siehst, nicht alles sehen willst, dass es okay ist, die Klappe zu halten, dass du dir auf den Sack gehst und weißt, das ist nicht von Bedeutung, dass du dich anschreist und weißt, wie laut es nicht werden wird, dass du lernst, auch nach dieser ganzen Zeit noch, und auch dass du nicht alles erklären kannst. Dass du nicht musst.

(Das Video ist von Katinka. Das Lied ist von Woodkid. Ihre Stadt ist New York.)

Ein Jahr lang zurück.

Zuhause

Vor einem Jahr war keine Zeit für Zögern, keine Zeit für einen Blick von oben, ein Durchatmen unter dem Bett, das ging alles gleich weiter, von Hamburg zurück nach Berlin, alles an einem Wochenende. Zurück auf die Straßen, die man kennt, zurück zu Menschen, die nicht aufgehört haben wichtig zu sein, und fort von Straßen, die man schneller losgelassen hat, als sie brauchten, um sich einzufädeln. Vor einem Jahr bin ich zurück gekommen in meine Heimatstadt Berlin nach sechs Monaten Elbe, nach einem Winter voller Schnee und Eiswind und kleinen Schneemännern, nach Kämpfen, durch die man sich behauptet und feststellt, was man möchte und was nicht. Und es war nicht Berlin, das ich unbedingt zurück wollte, sondern die Verantwortung für meine tägliche Arbeit, einen Spielraum und keinen Leinenzwang. Jetzt bin ich wieder hier und habe das kleine Jubiläum im Vorbeifahren nicht bemerkt, alles rennt, ein Jahr TLGG schon.

Ich weiß nun, warum alte Menschen einen in die Wangen kneifen, wenn sie einen lange nicht gesehen haben, ich würde das bei Hamburg jetzt genauso machen.

Strassmannstraße

Vertrauen

An Sonntagen.

Michelberger Hotel

Michelberger Hotel

Michelberger Hotel

Michelberger Hotel

Wir machen alles zu Pyjamas und stehen im richtigen Moment am Fenster, um den Schneesturm zu sehen. Wir warten, bis das Licht von selbst geht und halten bunte Glühwürmchen hinter der Gardine. Wir machen die Decke zu einem Himmel und heiße Schokolade zu einem Fluss. Wir sitzen und schauen und wissen, wir haben es warm. An Sonntagen wissen wir zu schätzen. Dass wir es nicht weit haben. Dass wir einander sind, was niemand sonst sein kann.

(Gehen Sie diesen Winter auch über Los, aber vorher noch ins Michelberger Hotel und trinken Sie Ingwertee. Hören Sie sich mindestens auf dem Weg dorthin Norman Palm an.)

This is the golden season and we are its leaves.

Himmel
Leave
Fassade
Tree

This is tonight. This is where you should be.

Kopf im Wetter.

Mit den kalten Fingern und kalten Knien und der Luft, wie es sie nur auf Brücken gibt, es ist ein Hamburgwetter, hier in der Stadt an der Spree, es ist so sehr Hamburgwetter, dass mich zum ersten Mal seit vier Monaten ein Vermissen ins Schienbein beißt, weil der Fernsehturm in Nebel gehört und dort hinter den goldorangenen Schimmer über den roten Dächern sollte man eigentlich ein paar Kräne sehen, das Hellblau, das man immer nur dort sehen kann, wo Wasser in der Nähe ist, es sollte knarren heute unter den Füßen und plärren darüber, so wenig ich Möwen sympathisch finde, so sehr vermisse ich sie heute und das Geräusch ihrer Flügel über meiner Mütze. Manchmal fehlt einem die Möglichkeit in der Hosentasche, ein großes Schiff sehen zu können. (Und deswegen muss man Herrn zu Knyphausen hören an solchen Tagen, denn auch, wenn er jetzt in Berlin wohnt, man kann ja wohnen, wo man will, das ist Hamburg, das ist immer noch so. Und Hamburg war nie graublauweißwässern, es war immer goldgelb.)

Irgendwo zu sein und etwas anderes zu vermissen meint den Luxus, dass es gut war unter’m Strich.

Dieses Wetter räumt mich auf. Auch wenn es nicht so scheint.

Rainy Day from PictureReport on Vimeo.