Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Berlin

Temporäres

Boulangerie

Wir betraten den Laden in Mitte, vor dessen Tür Teppich verlegt und knödelige Absperrseile aufgehängt wurden, um Eindruck zu schinden dort, wo eigentlich jeder einen eigenen Teppich vor sich herträgt und an jeder Ampel ausrollt, um ihn bei Gelb wieder umständlich zusammenzufalten. Wir betraten den Laden, der einen eigenen Sicherheitsmann auf dem Teppich vor der Tür stehen hatte, denn wir leben in Tagen, da braucht ein Laden mit französischem Namen einen Sicherheitsmann oder zumindest das Gefühl, es gäbe einen. Vielleicht war auch der Sicherheitsmann ähnlich wie der ältere Herr in Schürze nur ein gecasteter Schauspieler. Der ältere Herr mit gräulichem Haar kam sofort hinter der Theke hervor gehuscht, glättete sich mit den braun gebrannten Händen erst die Schürze und dann erklärte er das Konzept des Ladens, der eigentlich kein Laden war, sondern eine Kampagne. Ein Modell, in der Agentur hatte man diesen Laden wohl eine Idee genannt und dann wortwörtlich umgesetzt. Es ist jedoch nicht so einfach einen Gedanken umzutopfen und manchmal braucht man mehr dafür als einen Kachelboden aus PVC, mehr als holzvertäfelte Wände und Menschen mit Schürzen und Trockenblumen in Flaschenvasen und mehr als grob geschnittenes Brot, das die Biokette hergestellt hat, und mehr als Marmelade mit Schnaps darin, um den es in der sogenannten Idee eigentlich gehen sollte.

Wir standen also verloren in dem Laden, der eigentlich kein Laden war, wir hatten doch eine Bäckerei erwartet und irgendetwas anderes, draußen wehten dem Sicherheitsmann die Haare ins Gesicht, (der Sturm heißt „Heini“, habe ich gelesen) und man reichte uns kleine, bedruckte Tüten mit zwei Baguettestücken und einem Gläschen Marmelade darin, Kaffee gab es nicht, aber die Marmelade hätte man in Gläsern einer Größe kaufen können, dass sie für drei Jahre genügt. Wasser gab es in wohlgeformten Gläsern neben den Trockenblumen, neben der in der Agentur sicherlich als Vintagekasse bezeichneten Bezahlapparatur, die aber keinen Job hatte und vermutlich auch nicht mehr funktioniert. Und wir standen also darin und betrachteten die Stühle und Tische, an die sich niemand setzen wollte, weil man sich ja nicht in eine Idee setzt, in einen Laden vielleicht, aber nicht in den Plastikblumentopf einer Idee, und wir lächelten verlegen und wollten das Baguette natürlich dennoch probieren und flüsterten gerade, als ein Mann den Laden betrat, ebenfalls älter, mit schnellem Schritt und etwas außer Atem: „Oh“, sagt er, „oh!“

Und der gecastete Herr setzte wieder zu seinem Vortrag an, der keine Varianten, sondern nur einen einzigen vorgegebenen Ablauf hatte, aber er kam gar nicht dazu, ihn vorzutragen (zu sagen, er würde ihn abspulen, wäre gemein), denn der eingetretene Mann, ich vermute, er wohnte in der Gegend, fing sofort an zu fragen: „Das bleibt doch hier, oder? Was kann ich kaufen? Das ist gutes Brot, das Getreide kenne ich! Wie lange haben Sie geöffnet? Oh wie schön, oh wie schön, sowas brauchen wir“ und er betrachtete die Wände mit großen Augen und die Wandmalerei mit dem Markennamen des Schnapses auch und er wusste gar nichts damit anzufangen, er war einfach davon ausgegangen, das hier sei ein neuer, ganz normaler Laden, er wusste nichts von der Idee irgendeiner Agentur, nichts von Viralität oder Pop-Up-Store-Konzepten, er hatte einfach keine Ahnung, ihm gefiel die neue Farbe des Erdgeschosses, ihm gefiel der zumindest gekachelt wirkende Boden, er wollte sprechen, also sprach er: „Ich komme nächste Woche wieder!“, und als der gecastete Herr mit seiner Schürze und seinen Artikulationshänden antwortete „Das geht aber nicht, wir sind nur bis Freitag hier, das ist ein-“, da verstand er ihn nicht, da wusste er einfach nicht, was das soll und sagte noch einmal: „Ich komme nächste Woche wieder, das ist doch prima, dass sie da sind!“, er wollte nichts wissen von nur vier Tagen Öffnungszeit, wie soll man auch eine Idee von einem Wunsch unterscheiden, wie soll man all die Risse auch sehen?

April in Schöneberg.

Blüten

Du bist zu früh dran, will ich dem Jahr sagen, ich bin noch nicht so weit, will ich der Ampel sagen, ich mag deine Stimme nicht, will ich der Karten-App sagen, als mein Blick auf die Manufactum-Lampe fällt, die auch in jeder zweiten Altbauwohnung hier hängt, auch in Mitte, alle haben dieselbe Manufactum-Lampe und abends noch das große Licht an. Frag ich mich auch immer, wer so macht, abends das große Licht an, „aus aus aus“, sagt A. auch immer, wenn es zu hell ist (nur morgens nicht, da ruft er „Essen essen essen“), da sind wir uns einig (in beidem). Neulich stand er vor einer Galerie, das war nicht in Schöneberg, aber die Fenster waren auf seiner Höhe, noch passiert das selten, und dann steht er und schaut und in dem Moment rief er: „Bilder! Laden! Bilderladen!“, und ich dachte, dass das in unserem Kapitalismus wahrscheinlich so funktioniert, dass die Kinder lernen, dass dort, wo die großen, offenen Fenster sind, gekauft wird. Alle anderen ziehen die Gardinen zu.

Überm Spielsalon hängt keine Manufactum-Lampe, da sprießt etwas unter der Decke entlang, das aussieht wie Efeu. Ich habe gelesen, Efeu stünde für das Ewige und ich frag mich, ob man das im Wohnzimmer haben will, also immer über einem drüber, wenn man Tee trinkt zum Beispiel oder die Füße hochlegt oder sich wieder einmal an irgendetwas verhebt. Als ich um die Ecke fahre, steht da plötzlich das Gasometer, irgendwo zwischen Gleisen, Zaun und Gebüsch kifft jemand, das Licht legt sich langsam hin, man kann zusehen, wie es immer tiefer rutscht und irgendwann weg döst. S. sagt, die Menschen hier hätten schon Bock auf Bürgerlichkeit, „aber die faken das nicht und ziehen ihren Kindern keine Band-T-Shirts an“.

Irgendwo zwischen Rosé und Kräutertee taucht dann auch noch ein Regenbogen auf, und man möchte eigentlich sofort aufs Gasometer klettern. Vorn an der Ecke sitzt eine Frau mit pinkem Haargummi und raucht die Ampel an. Sie wartet auf niemanden, ich glaube, sie denkt nicht einmal irgendwas, sie sitzt nur da und raucht und die blaue Stunde kriecht an ihren nackten Schienbeinen hinauf, ohne sich in ihren Schnürsenkeln zu verheddern, weiter vorne hat jemand verschiedenfarbige Flaschen auf dem Bürgersteig zerdeppert und es sieht aus, als wäre ein Stück aus dem Regenbogen gebrochen und runtergekracht, keine Verletzten. Langsam wanken die letzten aus dem Park am Gleisdreieck, vor dem die neuen roten Absperrungen stehen wie zu groß geratene Zähne, hier kommst du nicht durch, jedenfalls nicht mit derselben Geschwindigkeit, dahinter kommt durchs Halbdunkel ein Skateboarder gerollt, alle sehen aus, als würden sie jetzt wirklich nach Hause fahren (oder das zumindest für in Ordnung halten).

An Sonntagabenden muss man nicht viel sagen, alle summen lautlos, „du weißt, ich würde sterben für dich, um dir ein gutes Leben zu garantieren“. Die Schaufenster der Likörfabrik sind so beleuchtet, als gäbe es ein Morgen und als wäre es ratsam, sich deswegen zu betrinken. „Wir kennen die Stellen, an denen Sachen geschahen, und wir kennen die Gerüche und wir kennen die Gegenstände. Und wir können spüren, wie sie die Form verlieren. Fahr, fahr.“

And away with the minutes

The Room

Wir gehen spontan und ein bisschen zufällig dann doch hin und dann gibt es diesen großen Raum mit den Notenblättern an der Wand, meinen Lieblingsraum, ich könnte ewig dort stehen und gucken, wie die Leute gucken, und irgendwas zwischen diesen Notenblättern macht mich ruhig, das nichts mit dem Klavier im Raum zu tun hat, das Klavier ist mir schon beinahe wieder zuviel, aber neben den ganzen Schaukästen, in denen die anderen Exponate stehen, neben den Anordnungen und der Bemühung, allem Raum zu geben, gefällt mir hier, dass einfach alles voll ist mit Noten, aufgeschriebener Musik, kleinen Akzenten, alles sortiert, aufgehängt, fertig, da bleib ich. Im Keller bellen die Hunde, auch noch so ein Kontrast, den ich mag, das Bellen, angeblich 24 Stunden lang aufgenommen, und an der Wand auf den Leisten dann die Kontaktabzüge, winzig und mühsam anzusehen, auch das unruhige Braun der Leisten macht es nicht besser, aber genau so hat es auch was von Zwinger, von der Gegenwart der Hunde, man muss sich anstrengen, man spürt, was es braucht, dabei zu bleiben und nicht abzubrechen, auch weil es so abgetrennt ist vom Rest. Und dann The Room With My Soul Left Out, The Room That Does Not Care. Bekommt mich so sehr, dass ich gar nicht sprechen kann, es ist vermutlich auch mehr der Titel, der mich so rührt, als der Ort an sich. Aber der Titel, meine Güte, alles andere als Gerümpel und ich muss das Exponat, den Raum, die Turnhalle, den Zufall nach kurzer Zeit wieder verlassen, weil Rührung in einer fremden Menschenmasse mir noch nicht bekommt, (aber das wird schon). - „Wenn Ihnen etwas zu nahe kommt, konzentrieren Sie sich auf die Frisuren, Sie werden viel zu tun haben für mehrere Minuten, das macht es leichter, probieren Sie es mal aus, Scheitel, Koteletten und sorgsam geflochtene Zöpfe, aus denen jemand mit höchster Anstrengung Strähnen so gezupft hat, dass es aussieht wie ein Versehen. Reines Seelenheil, dem zuzusehen, wenn es dem Zwerchfell pressiert.“

20. März 2015 – Lesung & Konzert

Lesung

Am 20. März machen Lars und ich, was wir gern einmal im Jahr tun: Lars singt, ich lese. Da dieses Jahr kein neues Buch erscheint, weil man sich ja irgendwann auch mal um sein Leben und den ganzen Rest kümmern muss, lese ich aus den Büchern, die es schon gibt, und aus diesem Notizbuch hier. Lars wird ein paar neue und vielleicht auch alte Lieder spielen. Los geht es um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

„Wann ist das alles nur passiert?“

Unter den Linden

Nach dem Theater laufe ich mit dieser riesigen Brezel in der Tasche nach Hause, diesem wuchtigen Gebäckstück, dessen Kauf man unmittelbar nach Bezahlung bereut, mir fiel auch auf, dass der Verkäufer nicht die oberste, sondern die dritte Brezel von oben nahm und sie mir reichte, sofort fragte sich mein Käuferkopf, warum denn das, kalt sei es doch schließlich von allen Seiten hier draußen, denn der Verkäufer stand ja vor dem Theater und nicht darin, dann dachte ich mir, habe es vielleicht auf die obersten zwei Brezeln schon drauf geregnet oder drauf gespuckt, das sei ja sehr nett, dass er die untere nähme, erst dachte ich das und dann bedankte ich mich mit leichter Verzögerung, denn auch Denken kostet Zeit, was ihn wiederum so überraschte, also mein Dank und nicht das Denken, vermute ich, dass er mir beinahe freudig erregt, in jedem Falle ein bisschen laut, sodass sich die Umstehenden umdrehten, einen schönen Abend wünschte, ich ihm dann auch, und in Gedanken dachte ich noch einmal dazu, dass es ja wirklich kalt sei von allen Seiten hier draußen, ihm und den Brezeln sicherlich auch. Ich habe jedenfalls die Brezel nicht gegessen, sondern so ein kleines Baguette, denn das lag neben den anderen so nett in der Auslage der Theaterbewirtschaftung, auf einem silbernen Tablett, beim Essen war nach jedem Bissen so ein bisschen Lippenstift auf dem Baguette zu sehen. Kussecht, jaja. Das Baguette war jedenfalls gut, den Sekt musste ich stürzen, denn ich war so sehr mit Essen beschäftigt und dachte nebenbei kurz wirklich unangenehm berührt an die riesige, einmal angebissene Brezel, die schon jetzt in meiner Tasche vorwurfsvoll vor sich hin trocknete, jedenfalls stürzte ich den Sekt und schaute nebenbei noch die Gesellschaft an, die sich in Theatereingangsbereichen so aufhält, wenn eine Veranstaltung ansteht, das interessiert mich schon immer, wer da so hingeht, im Theater seltsamerweise viel mehr als im Kino, ich will dann immer herausbekommen, wer zum Establishment gehört, wem das Establishment egal ist, wer sich hierhin verirrt hat und wer so ist wie ich. Komisch, dass mich das nur im Theater interessiert. Ich habe also nur das Baguette gegessen, dass da so friedlich neben den Bouletten lag, für die extra Gabeln aufrecht stehend in einem Glas aufbewahrt wurden, über dem bei jeder Bestellung bedrohlich das Handgelenk der Bedienung schwankte, und beim Nachhauseweg durch die polierte Tristesse von Berlin Mitte denke ich an das Handgelenk und ob sie sich schon mal aus Versehen aufgespießt hat, die Bedienung, und frage mich bei jedem zweiten Haus, ob darin wirklich Menschen wohnen oder doch nur Ferienwohnungsschonbezüge. An der Unibibliothek vorbei, aus der auch kurz nach zehn immer noch Menschen kommen, wie so ein leuchtender Klops liegt sie da neben dem Harald-Glöckler-Geschäft. In der U-Bahn Richtung Kreuzberg läuft Flüssigkeit durch den Waggon, einmal von vorne bis nach ganz hinten durch und keiner weiß, wo sie herkommt, aber alle schauen interessiert, halb angeekelt, halb stolz, weil sie nicht reingetreten sind. Und derjenige, der die Idee hatte mit dieser verschiedenfarbigen Fernsehturmbeleuchtung, denke ich, der hätte lieber etwas anderes tun sollen, man muss ja nicht alles ernstnehmen, was einem so einfällt. Von der Decke im Theater fielen Federn auf Berg und Ulmen, aber keine einzige verfing sich in einer Frisur, das habe ich mir gemerkt. Nachts um halb elf ist der Februarwind in Kreuzberg genau so, wie man ihn sich vorstellt. Der Sichelmond auch. Brainy brainy brainy.

Measuring your worth in weekends

A27

Im ersten Moment verwechsle ich den Mond neben der Kirche mit einer Laterne, pathetic shit, movie quote, aber es ist wirklich so und ich muss lachen, weil es so albern ist, wirklich lachen, irgendwo da zwischen Bahnhof und Kirche, nur kurz, nicht laut, aber mehr als Lächeln, (reicht das?), auch movie quote, am Tag hat jemand geräumt, also den Weg meine ich. Mit jedem Schritt sinkt der Mond tiefer in den Baum, die Obeliskfenster leuchten abends orange und Trauer liegt grünblau an den Schläfen. „Alchemillas, or something that smells nice.“ Eine Lissabonkarte von 1898 in der Tasche, den Eingang zum Kino vergesse ich immer wieder, würde man mir nicht helfen, käme ich zu spät, würde ich drei Runden um den Block laufen, die Augen an jedes Neonschild geklebt, nur weil ich hier nicht so oft bin, die andere Ecke Neukölln, die Augen auch auf alle Schuhspitzen geklebt, Wackelaugen. Manchmal bekommt man die letzte Kinokarte, das letzte Bier, den letzten Platz. Licht aus, Birdman: „You’re doing this because you’re scared to death, like the rest of us, that you don’t matter. And you know what? You’re right.“ ““ (No movie quote, but still: „See, how light that feels.“)

It kind of just looks like standing

Ist da wer

Der Security-Mann am Eingang der Drogerie sieht aus, als gäbe es keinen schlimmeren Job für ihn. Nicht weil er schmächtig ist, das ist er nicht, er ist nicht riesig, aber schmächtig ist er nicht, er faltet die Hände vor seinem Schritt, vielleicht lernt man das so in der Ausbildung, aber jedes Mal, wenn sich die Automatiktür des Eingangs öffnet und wieder schließt, erschrickt er beinahe, schaut mit leicht nach unten geneigtem Kopf, ob jemand kommt oder ob nur mal wieder einer zu nah vorbeigelaufen ist, er traut sich kaum hinzusehen, tut es aber doch bei jeder Bewegung der Tür, seine Finger verschiebt er nervös immer wieder ineinander, er sieht aus, als hätte er schon eine Weile nicht gut geschlafen, als gäbe es auch einen guten Grund dafür, als wäre er wirklich lieber woanders, als wolle er nach Hause, als habe er Angst und als jemand einen Metallkorb krachend in den Turm aus vielen anderen Metallkörben fallenlässt, dreht er sich kurz um, mit dem Rücken zur Beobachtungszone, vermutlich darf er das nicht, denn er tut es nur ganz kurz und sieht aus, als lehne er seinen Kopf an eine imaginäre Wand, er schließt die Augen, beugt sich leicht nach vorne, lässt kurz die Schultern entspannt nach unten fallen, die Hände ebenfalls und zieht sie dann nach drei Sekunden wieder nach oben, der Kopf rollt zurück in seine vorläufige Parkposition, die Augen wie Blinker auf irgendetwas gerichtet, das heute den Laden hoffentlich nicht mehr betritt.

Zweiter Januar, Wolken in Eile

Unarmed

Gerade fliegen sie über die Stadt hinweg, als hätten sie ehrlich etwas zu tun, als wäre ernsthaft Eile geboten, als müssten sie dieses eine Mal nun wirklich pünktlich sein und als gäbe es keine andere Möglichkeit, also wirklich keine einzige andere, keinen Ausweg als diesen und nach vorn und während des Rennens noch sortieren sie sich jeden Meter neu, als gelte es, die perfekte Position zu finden ohne anzuhalten. Und weil man nicht merkt, wie es aussieht, wenn man rennt, weil man so viel mit dem Rennen zu tun hat, sehen sie dort oben nicht, dass die dort unten stehenbleiben, die eine Frau sogar mitten auf der Straße in einer Hand noch die Plastiktüte vom Kaisers, dass die unten also stehenbleiben und gucken, weil so eine Bewegung am Himmel seit Tagen nicht war, denn die Raketen zählen nicht, auch Nacht zählt nicht, nun aber wechselt am Himmel plötzlich Blau mit Grau mit Orange in so einer Geschwindigkeit, dass man unten beinahe das Laufen vergisst oder zumindest das Aufpassen auf den Weg und alle starren, auch auf den kleinen Zipfel Licht, der manchmal zu sehen ist am oberen Ende des Weißgrau, hinter der dunkelsten Stelle über dem gelben Haus am Ende der Straße, alle schauen hin und oben gibt es etwas zu tun, von dem niemand eine Ahnung hat.

Looking for Alaska

Ich betrete den Blumenladen im anderen Bezirk, den, der von innen so anders ist als alle anderen, weil die Blumen durcheinander liegen und der, in dem sie im hinteren Raum auf einem Sofa liegt und fernsieht, vorne direkt hinter der Glastür warten die beiden Huskeys. Ich öffne die Tür langsam, sie treten aufmerksam beiseite, aber weichen nicht von mir, schauen und legen sich direkt vor meine Füße, als hätten sie nie etwas anderes getan, als wäre es der Plan, sich jetzt gemeinsam hier auf diesen Boden zu legen und für eine ganze Weile nicht aufzustehen. Ich schaue mich erst kurz um, sie sieht weiter fern, ich schaue und warte gar nicht richtig sondern bin sogar froh, dass sie nicht sofort aus dem Kabuff gesprungen kommt und mich fragt, was ich will, ich darf erst einmal gucken und mich orientieren, das passiert ja so selten, man wird immer gleich gefragt, was man will, und wenn jemand nicht fragt, verstehen das die meisten als Unhöflichkeit, ich empfinde es als ganz und gar richtig, wenn man jemanden erst einmal ankommen lässt, überall eigentlich. Es ist ja auch eine Kunst zu spüren, wann ein guter Moment für ein Wort ist und auf Kunst haben viele keinen Bock, das wissen wir bereits.

Irgendwann kommt sie dann doch, ich kann kaum ausmachen, welche Blumen schon durch sind und welche genau so aussehen sollen, also sage ich, ich hätte gern ein kleines Sträußchen, etwas mit Wiese, den Rest würde ich ihr überlassen, das findet sie gut. Das finden eh viele Menschen gut, wenn man versucht zu sagen, was man möchte und sich danach zurücklehnt und vertraut, das funktioniert beim Friseur und manchen Menschen gelingt das auch in der Liebe. Während sie bindet und schneidet und sucht, hocke ich mich auf den Boden neben die Hunde, wir könnten die Augen schließen und in Alaska sein, denn der Boden ist kühl, die Luft oben ist wärmer, aber wir bleiben liegen, denn unten ist mehr Sauerstoff, wenn Hunde schnurren könnten, sie würden das jetzt tun, aber sie können nicht schnurren, deswegen lassen sie einfach die Lider locker soweit rutschen, wie es angenehm ist und schauen auffordernd, sobald ich aufhöre zu kraulen. Vielleicht sollte ich zehn Sträuße bestellen, aber wohin damit, Vasen hätte ich genug, aber man kann ja auch nicht bei allen Sträußen, an so vielen Orten gleichzeitig sein, um ihnen beim Blühen zuzusehen. Eins nach dem anderen.

September, zweite Woche, noch so ein Tag.

Nach dem Büro auf der Bank in der Abendsonne noch mit Opa telefonieren und über Pfirsiche sprechen, über Bohnen, die er per Post geschickt hat, 4 Kilo, alle wohlbehalten, und dann während dem Gespräch sehen, wie das Licht sich verändert von Abendsonne in Gelbgrau, mich dann umdrehen und für einen Moment das Reden vergessen, weil die Wolken hinter den Hochhäusern still näherrücken. Zu weit noch, um von Wind begleitet zu werden. Zu nah, um sie zu übersehen. Dann aufs Fahrrad und an jeder Ampel eine Wette mit mir selbst abschließen, ob ich es noch schaffe, und mit jeder nächsten Ampel langsamer werden, weil ich es gar nicht schaffen will. Und dann einfach alles langsam machen, während alle rennen, manche sogar rufen, während die Autos plötzlich ihre Fahrweise ändern, weil ihre Fahrer nichts mehr sehen und obwohl sie im Trockenen sitzen noch schneller nach Hause wollen. Mich nicht unterstellen sondern weiterfahren, die eingezogenen Schultern zählen, einfach geradeaus, so muss man ja immer, einfach geradeaus und zuhause auswringen, was man hat, und Bohnen ins heiße Wasser werfen, Salz und Pfeffer und ein bisschen Knoblauch, beim Essen immer noch dem Regen zusehen, später noch einmal raus, im Herbst dampft der Boden nicht, alle machen noch schnell, was sie vorhin nicht machen konnten, als es so regnete, alle beeilen sich und stolpern über die wenigen, die sich nicht beeilen, ich spaziere noch einmal um den Block, nicht um etwas zu sehen sondern um heute gelaufen zu sein, es könnte ja sein, dass sich bei einem dieser Schritte etwas zurechtrückt, sich einpasst, an den richtigen Ort fällt.