Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Berlin

Senefelder Platz.

Berlin rechnet nicht in Jahreszeiten.

(♥)

Nichts von einer kleinen Melancholie.

Ich habe schon öfter Texte über’s das Zuhausegefühl geschrieben, das Wiederkommen aus dem Urlaub, die Rückkehr von innerer geistiger Abwesenheit. Das hat alles zugenommen, die Sicht auf dieses Gefühl, sie hat ihren Horizont verbreitert, weil ich jetzt woanders lebe, den Wohnort gewechselt habe und ein bisschen wechselt man ja auch das Drumherum, weil man schaut, wer da so wohnt, und das Alte mehr und einen anderen Aufwand bedeutet als früher.

Und dann sitze ich im Zug, bekomme im Großraumabteil kostenlos einmal Röntgen und Grippeimpfung ohne Pieken, denke eine Sekunde an die, die ich in den nächsten Tagen treffen werde, und spüre den Faden, der mich mit dieser Stadt verbindet, wie eine Brandwunde. Berlin ist die Tätowierung, mit der ich schon geboren wurde, und ich werde sie nie bereuen. Und das Gefühl jetzt hat nichts mit einer kleinen Melancholie zu tun, das ist das breite Grinsen, wenn man weiß, dass man sich nicht verliert. Egal, was und wie viel und wer kommt. Mir genügen schon Bruchstücke an Erinnerung und alles baut sich wieder auf, die alten Fassaden, das Klirren der Saftflaschen, die hohe Stufe vor dem Konsum, ich weiß, wo ich eine halbe Stunde mit der Gitarre stand, weil ich wissen wollte, wie das ist für all die Straßensänger. Und ich weiß, wie das Haus gegenüber aussah, als ich verkündete, jetzt aufzuhören, weil man Kindern ja eh nichts geben würde, da könne ich nichts dafür, das wäre eine Einstellungssache von Erwachsenen. Ich kann dir sagen, wie viele Supermärkte schon auf der Ecke standen, an der du jetzt dein Büro vermutest. Ich weiß noch von dem Geruch des ersten Spielzeugladens meines Lebens, der war im Westen, ich weiß den Weg zum Spielplatz mit dem Trampolin aus dem Kopf, auch wenn es ihn nicht mehr gibt, den Weg, meine ich. Auch wenn die Stadt den Mauerstreifen an Hotelbauer verkauft, auch wenn irgendwann der Fernsehturm umfällt. Ich weiß ihn noch, und die Farben der Eiskugeln im Café, das sich dreht. Wo man klingeln musste, wenn man zu spät nach Hause kam, das Geräusch vom Parkett, der Stein, an dem ich mir das Nasenbein angebrochen habe, wurde längst verbaut, aber ich seh ihn jedes Mal in grauem Schimmer auf dem Weg zur Autobahn. Das geht nicht weg.

Du und deine vielen Fenster.

Zur neuen Ausgabe von OPAK gibt es Veranstaltungen in Hamburg und Berlin. Wäre ich nicht in Wien, wäre ich dort.

Berlin 22.01. West Germany, Skalitzer Strasse 133
Hamburg 23.01. Karo Ecke /Marktstr. 92

This is why I care.

Fundamentally you don’t change. And you’ve got my heart with you. Wherever you go, wherever I am. Wallet-sized. But you’ve got it with you. It’s been years since I bought that pencil. It’s been a while since I wadded that chit of paper, threw it away and left. You took it with you, triply folded. And this is why I love you. When you find something that doesn’t affect you directly but maybe someone else, you keep it. Just in case. You don’t talk about that, you just keep an eye on it. And I know that you keep it, so I don’t have to worry. My heart’s in a safe place.

Die Sache mit den Unterschieden.

Im Norden braucht nur ein Hundertstel der Zeit auf dem Amt, die man in Berlin braucht, um sich umzumelden oder irgendwas zu beantragen. In Hamburger Ämtern gibt es freundliche Sachbearbeiterinnen und Paternoster. Dazu liegt in Hamburger Amtswartezimmern die Gala rum, in Berlin nur Werbezettel für Staubsaugerfachgechäfte. In Berlin beschäftigt man die Wartenden mit Flachbildschirmen, auf denen Seniorenwohnung in schlechter Rechtschreibung angepriesen werden. In Hamburg bekommt man beim Photographen Bonbons geschenkt, wenn man Bilder für den Ausweis von sich machen lässt.

Hier in Hamburg stapelt die grauhaarige Aushilfe im Bioladen Kekspackungen übereinander, während der Spielwarenverkäufer um die Ecke unter Verfolgungswahn leidet.

Berlin // Hamburg

# Man nimmt sich vor sich selbst und alle anderen beim Abschied ein bisschen zusammen zu reißen, aber wenn sie dann da versammelt in dem leeren Zimmer stehen, und Nachbar Horst beinahe im selben Moment noch mal auf den Balkon kommt ohne eine Ahnung, dann rutscht die Fassung in die Rillen zwischen den Dielen und man kann das alles gar nicht begreifen. Woran man sich erinnert, ist der Moment auf dem Bürgersteig, Arm in Arm alle und hüpfend. Lachend und heulend zugleich.

# Und wenn man an der roten Ampel steht, legt man leise die Finger an den Mund oder an die Scheibe, um Auf Wiedersehen zu sagen. Nicht Tschüß.

# Wenn man mit dem Umzugsauto aus der Heimatstadt wegfährt, einschläft vor Erschöpfung und dann beim Aufwachen gerade Chris Martin „Nobody said it was easy“ singt, also wirklich direkt in diesem Moment, dann möchte man die Realität doch schon mal ohrfeigen.

# Dann in der neuen Stadt stehen Menschen im Nachthemd auf dem Flur. Im Fahrstuhl welche, die das Haus als Gummizelle bezeichnen. Welche mit Hunden und mit Kindern, mit vollgestellten Rollwägelchen und Wäschekörben, mit gesenkten Blicken und seltsamen Gerüchen, mit Gesprächsdrang und Zweifeln.

# Der Himmel hätte sich keine bessere Begrüßung ausdenken können.

# Ich denke immer, es ist ein Vogel oder ein überdimensionierter Schmetterling, aber es ist nur die Tüte, in der ein riesiger Blumentopf steht. Auf dem Balkon.

# Wenn man aufwacht und der ganze Blick ist blau, könnte das hinter der Brüstung auch ein Meer sein, eine Wüste, ein Alpenvorland.

# In der Bahn erzählt eine Frau davon, wie sie ihre Papiere in Polen gelassen hat, dann neulich bei diesem Mann im Hotel schlief, der dann am Morgen gestorben sei, und dass sie nicht wusste, was sie der Polizei daraufhin erzählen sollte.

# Der Penny auf der Reeperbahn ist gar kein Penny sondern ein Filmset.

# Doppelseitiges Klebeband ist nicht Gott. Aber Skype ist Gott.

# Von Mecklenburger Apfelsaft und Brausebonbons wird man gesund.

# Meine Haustiere sind ein Elefant und eine Wolke.

And where in the world are you now?

Ein Meer aus Regenschirmen und irgendwie das konfuse Gefühl, dass da jemand beim Aufstellen der Leinwände nicht so richtig nachgedacht hat, immer wieder Ellbogen und erstaunlich wenig sich in ihren Regenmänteln umarmende oder gar lächelnde Menschen. Mehr Stirnfalten, Dialekte und sprachliche Vielfalt, eher schimpfend als feiernd, ab und an Sektkorken in einer Pfütze. Das Schieben und Recken und Strecken, Absperrungen und kein Tanz, auch nicht in den kleinen Seen. Es hätte auch ein Weihnachtsmarkt sein können, ein Jahrmarkt, eine gewöhnliche Event-Sause. Manchmal blinkte hier und da ein bemalter Dominomauerstein auf, das ZDF hat extra Jacken bedrucken lassen (”Mauerfall 2009″) und der Rest wollte gucken, nur gucken, aber irgendwie hat sich niemand angeguckt sondern alle immer nur nach vorn oder irgendwohin, wo vorn sein sollte, aber eben nichts gesehen. Wenn man sich im Getümmel dann mal andersrum dreht und den Leuten in die bekapuzten Gesichter schaut - das ist dann der Hauch von Gänsehaut, eine Ahnung vom Gefühl, das ich damals verschlafen hab.

Wie sie da so rumstanden, aneinander relativ uninteressiert und wahrscheinlich auch froh, wenn der eine oder andere nicht da gewesen wäre, um besser sehen zu können, also die Lichter und den Staatsbesuch, der da immer so allein an seinem Rednerpult stand und außen rum soviel Platz, wo sonst nirgendwo entspannt Platz war. Und das Wahrzeichen durfte man auch nur von Weitem angucken, das haben Wahrzeichen so an sich. Lieber nicht anfassen, sonst platzt es vermutlich oder fällt in sich zusammen.

Warum das eigentlich kein Feiertag sei, hat H. gefragt. Und ich hab an die Reichspogromnacht gedacht und war etwas erleichtert, dass der Regierende Bürgermeister das in seiner Rede nicht unter den Tisch fallen ließ. Und wenn man nicht aufpasste, wurde man ganz schnell neben die Rodelbahn geschoben und vor den Lautsprecher mit den Apres-Ski-Hits. Darüber zwei Ladies in Abendgarderobe für H&M, ein bisschen Glitzer Glitzer. Dahinter eine Meute und Regenschirme und kaum Gesichter und irgendwie ein befremdliches Gefühl mit der Frage, was so ein Fest haben sollte. Was es braucht und was nicht.

Und in der Nacht dann die Dokumentationen im Fernsehen, der Abgleich von Früher mit Heute, die Distanz, das Gefühl von knapp daneben und die gleichzeitige Erleichterung, dass man bei der Wende erst fünf Jahre alt war. Aber die hier und da beklemmende Ahnung, dass da noch etwas schlummert, dass man auch mit der Lasershow den Nagel nicht auf den Kopf getroffen hat, bleibt bis zum Morgen. Alle fragen, wo man damals war. Und ich frag mich, wo ihr jetzt alle seid. Angekommen, weitergelaufen, stehengeblieben.

Vor den Leinwänden legten so viele den Kopf in den Nacken. Und ich war mir sicher: “Schleudertrauma. Ganz klar.”

(Und ob sich die Herkunft am Regenschirmmuster erkennen lässt.)

“Du fühlst dich an wie Abschied.”

Man kann nicht einfach umziehen. Man muss aussortieren, polieren, ummelden, Tschüß sagen, nochmal rumlaufen, verschenken, entwurzeln, erinnern, kündigen, winken, einatmen und nicht wieder aus, ignorieren, dalassen, den Countdown vergessen, sich freuen und traurig sein, man muss das Hallen im leeren Zimmer ignorieren, Adressen aufschreiben, Dinge in den Hof stellen, umarmen und auswählen, wen man noch sehen will in den letzten Sekunden und Stunden, bevor der Ausblick jeden Morgen ein anderer ist. Man muss die Stadt bedacht in fremde Hände geben.

Aus dem Müll deiner Nachbarn, die so laut sind nebenan, strickst du dir eine Geschichte und erzählst sie irgendwann. Doch wer erzählt deine? Wer erzählt deine?” (ClickClickDecker)

What I’m gonna miss #5

Man merkt nicht, dass man die Stadt im Rücken hat. Das Wasser liegt still, als bereite es sich schon auf die Winterstarre vor, die Wohnanlagen im Hintergrund verschwinden in den dichten Nebelschwaden. Die Scheiben des Rohbaus vorne an der Straße, wo man noch die Treptowers und das Ostkreuz sehen kann, sind tiefblau heute, die ersten Büsche kahl, die anderen brüllen in Farben. Viele Jalousien wurden noch nicht einmal hochgezogen, das Haus am Wasser, in dessen Bauch wir ein Leben träumten, hat Gänsehaut aus Raureif. Darüber liegt eine Sigur Rós Melodie, das unsichtbare Kraftwerk erwacht langsam, die Maschinen kommen in Gang wie der Magen eines Monsters, das seinen Morgenhusten geradeso übersteht.

Dann der Steg, auf dem wir im Sommer Beeren und Sonne gegessen haben, den die Boote immer ansteuern und dann im letzten Moment kehrtmachen, weil die Kapitäne dann doch nicht wissen, was sie sagen sollten, uns mit den Zöpfen und Sonnenbrillen. Dahinter die Hecken der Kleingärtner, die wie Lawinen über den Zäunen hängen. Das Asphaltstück, mit den Pollern zum Anlegen der Schiffe, trägt einen gelben Teppich aus herzförmigen Blättern, die kein Stück Teer durchschimmern lassen, keinen Zentimeter. Man muss sich bemühen, sich nicht einfach fallenzulassen und liegen zu bleiben. Hinter der Kurve wird der Angler stehen, das Fahrrad an die Laterne gelehnt, bis die anderen kommen, die es nicht geschafft haben, so früh aufzustehen. Er geht dann immer nach Hause mit einem Eimer, aus dem es leise platscht.

Die schwarzen Kiesel als Passepartout der bunten Tupfer in allen Formen und Farben. Das kleinste Blatt ist doppelt so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers, manche sind schneeweiß. Und vorn an der Stirnkante bläst der Wind alle durcheinander und den Nebel dazwischen, ein paar auf den dunkelbraunen Tanker, der aussieht, als würde er nie wieder ablegen. Das andere Ufer ist nur eine Ahnung.

Stralau, my love.