Schräg gegenüber.

Sie schreit. Sie schreit manchmal stundenlang. Sie ist die Frau in der Wohnung, die über dem Müllraum liegt. Der Müllraum hat eine grüne Tür und keine Fenster, darüber ist eine Wohnung und wer darin wohnt, hört jedes Mal, wenn jemand die grüne Tür zufallen lässt. Es riecht nicht gut im Müllraum und wer in der Wohnung über dem Müllraum wohnt, wird es merken. Sie, die schreit, hat ihr Fenster immer einen Spalt weit offen. Drei Pflanzen stehen auf ihrem Fensterbrett in weißen Töpfen, alle Pflanzen nur grün, keine Blüten. Sie, die schreit, hat keinen Vorhang sondern nur Fäden, die in einer Reihe angebracht sind, weiße Fäden, weiße Töpfe. Man sieht nicht, was innen drin vor sich geht, man sieht nur weiße Streifen und unbewegtes Grünzeug, selten Licht. Aber wenn sie brüllt, geht es einem durch Mark und Bein, aber die Fäden wackeln auch dann nicht, die stehen still, obwohl sie klingt, als würde ihr jemand den Bauch aufschneiden, als würde sie sich selbst den Bauch aufschneiden, als käme etwas aus ihr heraus, als gäbe es etwas, das aus ihr heraus muss und das Herauskommen tut weh, es muss sehr weh tun, stundenlang. Nur selten schreit sie Worte, meistens ist es nur ein langer Ton.
Manchmal schauen auch andere aus dem Fenster in den Hof, sie schauen einander an, am Baum mit den ersten Blättern vorbei, manchmal treffen sie sich im Hof und beraten, manchmal rufen sie die Polizei, die dann mit vier Mann und einem Krankenwagen anrückt. Nach zwanzig Minuten laufen die vier Männer wieder über den Hof, auch der Krankenwagen fährt wieder, ohne dass die Sanitäter ausgestiegen sind. Dann ist es ruhig, für ein zwei Tage. Dann schreit sie wieder. Man bekommt Gänsehaut davon. Manchmal möchte ich ihr einen Zettel vor die Tür legen und sie fragen, ob es weh tut und seit wann schon. Woher es kommt und ob sie glaubt, dass sie damit alleine zurechtkommt. Ich weiß nicht, ob sie antworten könnte, ob sie einen Zettel hat und einen Stift und überhaupt eine Antwort. Sie schreit immer nur tagsüber, nie nachts. Vielleicht kaufe ich ihr Blumen.
















