Nicht wissen, wie spät es wirklich ist. Noch die letzten Manchegokrümel mit der Fingerkuppe vom Teller in den Mund schieben. Bücher für wenig Geld kaufen. Sich in eine Milchkanne mit orangefarbenen Punkten verlieben. Sie kaufen. Die Jacke offen lassen. Sich darüber freuen, dass der Mann mit der schlimmen Marionette wenigstens mal ein neues Lied gelernt hat. Enttäuscht sein, dass es von Coldplay ist. Jemandem hinterher fluchen. Sich im Schaufenster beim Vorübergehen nicht erkennen. Tief einatmen. Nicht wissen, was dieses komische Gefühl im Bauch zu bedeuten hat dort, wo die Rippenbögen aufhören, in der Mitte noch über dem Magen, wie der Beginn von Sodbrennen, nur ohne Sodbrennen. Wie der Anfang von Übelkeit nur ohne Übelkeit. Wie eine Ahnung. Nicht wissen, wie spät es wirklich ist.
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. März 2008 um genau 14:28
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Ich weiß nicht, wo ihr sie herhabt, diese Geschichte von der Berliner Unfreundlichkeit. Ich weiß nicht, mit wem ihr redet, sprecht, wen ihr seht oder trefft, wer euch eine gelangt hat oder verlassen. Aber es ist mir ein Rätsel, wo ihr das her nehmt.
Vielleicht sind die alten Frauen in den Bäckereien rabiater als woanders, aber von denen gibt es eh nicht mehr viele, jetzt haben wir die Ketten wie Bäckerei 2000, in denen die Bedienungen die Augen zusammenkneifen und ihr gebrochenes Deutsch bis an die Ohrläppchen herausgrinsen und die Croissants nur aufgebacken sind. (Hast du jemals eine dieser guten Berliner Schrippen mit dickem, zähen Innenfutter gegessen?) Vielleicht sind die alten Männer, die im Erdgeschoss ihre Ellbogen auf ein Fensterbrettkissen stützen, ein bisschen mauliger als woanders, aber von denen gibt es eh nicht mehr viele dort, wo ihr euch rumtreibt, die haben jetzt Angst, die ziehen sich zurück in ihre Schrebergärten zwischen den S-Bahn-Gleisen und in die Eckkneipen.
Angeblich wird Berlin älter, aber meiner Beobachtung nach nur am Rand. Mit den Jahren rutscht man immer weiter in den Fahrkartenbereich B oder C, A ist was für die jungen, für die, die die Stadt repräsentieren sollen, weil das ja wichtig ist für die, die sie verkaufen müssen. Zugezogen und kreativ, nicht zu spießig, aber trotzdem mit Anhang. So hätte man sie gerne, die Stadt. Ein bisschen überpudert mit dem Glamour alter Tage, ein bisschen Exklusivität und die Flecken schnürt man gewaltig uncharmant zu Ornamenten zurecht. Und ich frage mich, wo ihr sie denn trefft, diese achso unfreundlichen Menschen? Wo es doch nur so wimmelt von touristischen Wahlberlinern auf der Durchreise, von Praktikanten, Studenten, Junior Irgendwas, weil sie so laut reden und lachen, dass man den Rest nur hört, wenn man ihn hören will. Und die alle ja immer so freundlich sind und aufgeschlossen mit ihrem global thinking, die dir ihren Lebenslauf in zwei Minuten erzählen, auch wenn du sie nicht danach fragst.
Wo sind sie denn noch, die mit den Geschichten, die die Stadt noch kennen aus den Zeiten, aus denen die Häuser sind, in denen die Zugezogenen das Parkett loben? Wo trefft ihr sie denn, die Kernbevölkerung, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe irgendwo, weil sie flüchtet vor dem neonfarbenen Mob? Ich fänd ein bisschen weniger Make Up ja eigentlich ganz gut.
(Zudem stellt sich mir im zweiten Atemzug die Frage, was denn so schlimm daran ist, wenn jemand einen nicht gleich mit seiner Freundlichkeit anspringt, sobald man ihn vielleicht nach dem Weg fragt? Was ist so schlimm daran, wenn man ein bisschen von der Stimmung spürt und der Wut und dem Groll, die sich auch in anderen Leuten regt und oft nicht ohne Grund?)
Liz hat es verfasst, und zwar am 27. März 2008 um genau 11:52
Kategorie : Berlin | 7 Kommentare
Wenn man im Treptower Park den Weg am Wasser nimmt, an der Insel vorbei und am still gelegten Vergnügungspark, vorbei an den liegenden Dinosauriern, den großen Schwänen, die da nun ohne Wasser mitten im Wald stehen, vorbei an den Marienkäfern und der rostigen Wasserbahn mit dem Wagen noch oben an der Schwelle zum Abhang, wenn man den Weg nimmt und dann noch ein bisschen weitergeht, an der kleinen, zerbeulten Achterbahn vorbei und der großen weißen Halle, kommt man zum Eierhäuschen. Der Backstein verfällt langsam, drumherum hat jemand lieblos einen Bauzaun gestellt, der Sturm hat ein paar Bäume umgeworfen, die Zeit ein paar Mauern. Aber man braucht nicht viel Phantasie, um sich die eingeworfenen Scheiben wieder glänzend und neu vorzustellen, den Müll von der Terrasse runter und ein paar weiße Stühle drauf, das Dach neben dem Turm wieder repariert und vielleicht noch ein bisschen nass vom morgendlichen Regen.

Es ist ganz einfach, wenn man die Augen ein bisschen zusammen kneift, Menschen auf der Treppe sitzen zu sehen und Licht im Turmfenster, den Duft von frisch gebackenen Mandelhörnchen zu riechen und das geschäftigte Treiben an der Hinterseite, weil dort Menschen sitzen könnten, die arbeiten und zur Pause die Füße in den Fluss hängen. Man könnte sich den Bärlauch für das Abendessen frisch pflücken, man könnte morgens mit dem Rad hinfahren und müsste während der Arbeit keinen Autolärm hören, nur Vögel und vielleicht in weiter Ferne ein bisschen Stadtatem. Und der Wintergarten wäre ein guter Platz für Konzerte, der besonderen Art, für gute Musik und einen Blick nach draußen ins schwarze Nichts der Nacht, vielleicht auch ein Platz für stille Winternachmittage, an denen die Rehe vor dem Fenster vorbei huschen und Spuren in den Schnee machen. Es wäre ein guter Ort mit vielen Möglichkeiten, würde sich die Stadt darum kümmern. Aber sie wartet viel zu lange und mit jedem Tag rückt das Haus weiter weg von der Möglichkeit der Instandsetzung. Berlin ist voll von solchen Orten, kleine Oasen mittendrin, die einfach übersehen werden und irgendwann verschwinden.
(Sollte jemand einen Haufen Geld haben, mit dem er junge Leute fördern und sich selbst einen Namen machen will, sollte er das Haus kaufen und sich dann bei mir melden. Der Business-Plan liegt schon bereit, das Konzept ist sehr super, der Ort sowieso.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 15. März 2008 um genau 18:17
Kategorie : Berlin | 36 Kommentare

Noch hat sie mich nicht erreicht, die Wintermüdigkeit, die allgemeine Depression, das Motzen und Meckern der Menschen mit den nassen Fußspitzen. Noch hege ich keine inneren Aggressionen beim morgendlichen Blick aus dem Fenster, noch kann ich meinen Wintermantel sehen ohne zu kotzen, noch kuschel ich mit meinem Schal. Zwar wird meine Stimme auch gleich eine Oktave höher, sobald sich die Sonne zeigt, und ich rupfe sofort ein bisschen Stoff aus dem Regal und renne nach draußen, aber noch kann ich meinen Kopf versonnen auf die Hand stützen, aus dem Fenster sehen und denken: Ach Winter. Ohne Boshaftigkeit. Vielleicht hat es mich dieses Jahr nicht so sehr erwischt, weil sich alles so hinzog, weil es so mild vor sich hin schluffte, weil es keine lang anhaltende Kältestarre gab, kein Einschneien, kein Statement. Es kleckerte so und klotzte nicht, der Zwischenzustand lag sogar im Wetter. Und deswegen bin ich ja eigentlich froh, wenn es sich mal ein bisschen aufbäumt und stürmt. Wenn uns der Wind beim Laufen am Fluss die Tränen in die Augen treibt und die Röte auf die Wangen, wenn der Regen sich nasskalt durch die Klamotten frisst und wir dann trotzdem oben auf der Brücke stehen und noch eine Runde machen und sich die Finger später unter der Dusche anfühlen wie gerade erst wieder mit dem Blutkreislauf verbunden. Das ist dann wenigstens mal eine Aussage, das merkt man.
Und wer zuhause bleibt, alle Bücher schon gelesen hat und was zum Lachen oder Aufregen braucht, kann hier mal schauen, was ich in meinem Nebenfach an der Uni so produziere.
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. März 2008 um genau 10:57
Kategorie : Berlin, Lektüre | 0 Kommentare
Nun gut. Ab Montag ist Berlin also lahmgelegt. Halbwegs vollständig. Ich meckere nicht, ich nehme das so hin, ich kann es in Grundstrukturen nachvollziehen, nur das Timing finde ich etwas ungünstig. Mich fragt aber eh keiner. Da ich jedoch über die Mails, die per Verteiler meiner Hochschule geschickt wurden, feststellen musste, dass anscheinend ziemlich viele Studierende nicht in der Lage sind, sich den Notfallfahrplan aus dem Netz zu ziehen, senke ich nun mein Haupt, atme tief ein und aus, um mich nicht lauthals über dieses sonst ach so intelligentintellektuelleheititeiwirsindsoexzellent-Gelaber aufzuregen, und winke freundlich aber bestimmt zum Einsatzplan der S-Bahn sowie dem der BVG. Damit jetzt endlich mal Ruhe ist im Karton, diese Heulerei ist nicht zum Aushalten. Die Magnetfelder innerhalb der U-Bahn sind eh ungesund (150 bis 350 μT, sagt das Forum Elektrosmog), Fahrradfahren hingegen strafft schlaffe Hintern, Laufen kühlt erhitzte Gemüter herab und wie man spontante Fahrgemeinschaften bildet, kann euch Britta ja erklären. Alles wird gut. Aber der Berliner braucht ja bekanntlich eh immer was zum Meckern. Ich kenn das.
Liz hat es verfasst, und zwar am 8. März 2008 um genau 19:39
Kategorie : Berlin | 3 Kommentare
Man geht einmal durch die ganze Wohnung, öffnet hier und da ein paar Fenster und schiebt dabei den Staub vor den Füßen her, der sich in der letzten Woche gesammelt und gesetzt hat. Der Rest klebt dann an den Knien, am Bauch und im Gesicht. Man schüttelt den Kopf über das Wetter beim Blick in den Hof und denkt daran, was diese Geste in einem anderen Haus in einer anderen Stadt noch einen Tag zuvor alles versprach. Man sieht den schwarzen Koffer im Flur stehen, den Mantel achtlos daneben geworfen. Dann hängt man ihn auf, legt den Koffer auf´s Bett. Nach zehn Minuten macht man die erste Waschmaschine an und während diese gemütlich vor sich hin brummelt, so wie es draußen auch nur gemütlich vor sich hin zu brummeln scheint und die Sirenen ausbleiben, sitzt man in dem kleinen Haufen aus Papier, streicht mit dem Finger die Falten glatt, seufzt, setzt Kaffee auf und fragt sich, was wohl so passiert ist in einer Woche. Hier.
Im dunklen Ankommen sieht man nur, dass sie am Ostkreuz die eine Treppe fertig haben. Und dass die Müllabfuhr hier noch kommt. Und dass der Verlag seinen Vertrieb nun wieder im Griff hat. Man kann am Hängewinkel der Pflanzenblätter abschätzen, wie lange man weg war und meint, mit dem Plätschern des Wassers in den Blumentopfunterteller auch gleich einen aufatmenden Laut zu hören. Und zwischen den vielen kleinen Zetteln liegt auch eine To-Do-Liste aus der unruhigen Langeweile am Flughafen, die man zwischen den Städten hat. Geschrieben als Verortung im Nachher. Jetzt aber schiebt man die Liste noch einmal ganz nach unten in den Stapel und macht Kaffee, dessen Duft sich langsam in der leeren Wohnung verteilt. Ankommen braucht Zeit.
Liz hat es verfasst, und zwar am 4. März 2008 um genau 9:21
Kategorie : Berlin, Moi | 0 Kommentare

Sich mit einem Knie auf dem Boden aufstützen, das andere unter dem Kinn, damit man die Schuhe auch sieht, die man bindet, und den Bodenbelag. Mit der Fußspitze einen Kiesel wegschubsen, über die Kälte in Gedanken leise stöhnen und sie doch so vermisst haben, weil es einem schlagartig klar wird im Kopf, wenn man aus der Tür tritt, den Kragen hochklappt, die Hände verstaut. Und das Knacken in den Knien, auch das beim Laufen nur, erinnert an die alten Tage. Die Narben sind mehr geworden, und wenn man mit einer Nadel in die Umgebung piekt, merkt man gar nichts mehr. Auch wenn man das am Anfang nicht glaubt. Ist das einmal richtig gut verheilt, die Nähte einwandfrei, die Fäden gezogen, die Schwellung zurückgegangen, die Haut gut verwachsen, dann spürst du nichts mehr. Kein Haar verirrt sich dorthin, alles wunderbar Brachland. Die Schraube kannst du spüren, wenn du mit dem Finger langsam am unteren Rand der Kniescheibe entlang fährst. In der kleinen Mulde das Harte, damit haben sie es festgezurrt. Da rutscht nichts, das hält.
Sich mit dem Kinn auf der Hand aufstützen, die andere an der Stirn. Es liegt kein Schnee, aber blendet trotzdem. Manchmal ist es nur Gewohnheit, selbst im Dunkeln. Man sieht dadurch nichts besser, aber es fällt dir wenigstens nichts auf die Wimpern, das ist doch auch mal was, wir sind doch Optimisten, wir gucken brav geradeaus. Der Rückspiegel reicht und geht man nach Hause, wird der ebenso brav nach innen geklappt. Die Treppen hinauf, mit der Hand in der Tasche schon den Schlüssel gesucht, wir verschwenden keine Zeit, nur Namen. Mit einem großem Schwung haben sie die Stadt leer gefegt und zurück bleiben alte Damen in Pelzmänteln und ein paar Verirrte, die Mützen tief in der Stirn. In dieser Zeit schneit es hier selten, das war schon immer so. Man klopft sich die Hose ab, wenn man wieder aufsteht und die Schuhe richtig sitzen, ich hätte mir auch mit lautem Geräusch die Klettverschlüsse auf- und zukleben können. Doch du drehst den Kopf plötzlich hin zum Wasser und bewegst dich nicht mehr. Die Enten können schon drauf stehen, schieben ihre Fettbrüste mit Schwung auf die dünnen Platten. Das Kind nimmt Anlauf für nichts. Und die ganze Zeit klirrt es an den Schiffsbäuchen, dem Steinufer, eingewachsenen Bäumen. Unaufhörlich ein leises Zischen, fast ein Zwitschern von zu dünnem Eis.
Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Dezember 2007 um genau 0:49
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Kurz innehalten, einen Gang runterschalten, die Hände aus den Hosentaschen nehmen, sich ansehen. Blinzeln, leise lachen. Den Kopf in den Nacken legen und in den grauen Himmel sehen, die Enten denken, sie kriegen Brot. Aber es sind nur wir mit leeren Taschen, leeren Händen, es ist kalt und die machen einen Kopfsprung. Auf der Fähre ist kein Passagier, die Wasserschutzpolizei steht am Ufer im Laub und raucht. Die Jogger interessieren sich nicht für uns, vor uns liegen links und rechts abgefallene Blätter, rechts schimmert noch ein bisschen Fluss, links irgendwo dahinten die Waldschule. Am Russendenkmal steigen wir wieder aus, ich ziehe dir die Kapuze ans Kinn, du legst sie wieder dorthin zurück, wo sie herkam, und schüttelst den Kopf.
Die Steine sind kalt, man spürt es durch die Schuhe. Ein Gärtner hängt an einer Trauerbirke, wir stellen uns unter eine andere. Die Zweige schneiden den Himmel in schmale Fetzen, grau schwarz. “Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt”, sagst du. Der Wind pfeift und du hast schon eine rote Nase, so waren wir noch nie. Irgendwo draußen, ohne vier Wände, ohne Schlusslicht, ohne Alarmanlage, einfach nur beieinander. Niemand hört uns, ich trete nicht auf die Linien, du stehst eine Stufe höher, meine Wange deine Wange. Und wir haben keine Worte, wir sind so, wir haben keine andere Wahl. Wir finden uns damit und mit den Umständen, die Steinfiguren schauen uns zu, während wir sie umrunden. Einer fällt auf die Knie und wir lachen über ihn.
Später hauchen wir die Scheiben an, malen dumme Gesichter, ich wische mit dem Ärmel darüber. Sich ansehen. Den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Das ist dein Atem und das ist mein Atem. Das sind nur wir mit leeren Taschen und leeren Händen. Du malst eine Linie auf meine Finger ohne ein Ende und einen Anfang. Ich weiß, du hättest keine Erklärung, wenn jemand fragte. Auf dem Balkon ist kein Nachbar, auf dem Stuhl sitzt kein Vogel. Du nickst. Sich auf die Augen küssen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 19. Dezember 2007 um genau 9:22
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Ich habe etwas schönes gefunden, etwas, das genau zu dem passt, für den es sein soll. Es sieht schön aus, es fühlt sich gut an und ich möchte es bezahlen. Hinter der Theke steht ein Verkäufer. Den Hüftschwung kann er gut, er säuselt und schwebt dabei durch den Laden. Ich lege das Etwas auf den Ladentisch und gebe ihm meine Geldkarte. Er wird ganz aufgeregt und stopft sie mit roher Gewalt oben in die Öffnung seines Kartenlesegerätes. Weil diese zarte Karte solch blinde Aggression jedoch nicht verträgt, zerbricht sie mit einem lauten Knack, als der Mann mit der Faust drauf haut, damit sie ins Gerät rutscht. „Ach Gottchen“, näselt der Verkäufer, „na, wenn die nicht einmal eine starke Hand aushält.. tztztz…“ und gibt mir meine Karte in zwei Hälften zurück. „Da kann unsereiner ja auch nix mehr machen!“. Ich nehme die zwei Teile, lasse das Etwas auf der Theke liegen, atme tief ein und verlasse wortlos den Laden. Er fragt noch: „Nicht bar zahlen?“. Ich schließe die Tür hinter mir und schaue gen Himmel. An der Tür der Sparkasse, wo ich eine neue Karte beantragen möchte, stehen die Öffnungszeiten. Freitag 9-15 Uhr. Es ist drei nach drei, die Lichter sind aus.
Mit Schimpfworten versetzte Stoßgebete murmelnd gehe ich in Richtung Straßenbahn. An der Station steht auch eine Bahn. Vor dem Fahrerfenster jedoch steht ebenfalls ein Mann, der die Fahrerin wüst beschimpft. „Sie können doch nicht schon VOR der Station die Türen öffnen!“. Die Straßenbahnfahrerin schüttelt den Kopf und wackelt mit der einen Hand vor seinem Gesicht herum. Eine andere Frau möchte ebenfalls noch einsteigen, während die beiden streiten, aber die Tür geht nicht mehr auf. Auch eine Omi wackelt wieder zurück auf den Bürgersteig, weil alles verrammelt ist. Die Straßenbahnfahrerin zeigt auf die Ampel, es ist grün. Doch der Mann bewegt sich nicht weg und schimpft weiter. „HIER ist die Station, da wo ich stehe. Und nicht da vorne!“. Mit dem Finger zeigt er auf die Laterne drei Meter weiter. Die Bahn bimmelt und setzt sich dann langsam in Bewegung, den zeternden Mann anstubsend. Dieser muss sich, um nicht doch ganz mitgeschleift oder überrollt zu werden, mit einem Hechtsprung zur Seite retten. Die Omi schüttelt den Kopf, die Bahn fährt über Grün, der Mann brüllt: „Das werde ich mir merken“. Die nächste kommt in nichtmal einer Minute, ich kann sie schon sehen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Dezember 2007 um genau 18:29
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Fremde Schuppen auf fremden Schultern. Einkaufstüten aus Plastik und Papier, alles knistert. Schwarze Mäntel, beige Mäntel, braune Jacken, grüne Jacken, gestreifte Pullover und überall Schals bis zu den Knien. Beim Anziehen nicht bedacht, dass die Bahn so voll wird und die Fahrt so lang, wickeln wickeln, entwirren. Lichter flackern. Es riecht nach Kaffee und Döner und Brötchentüten. Wenn die Schuppen von den Schultern fallen, liegen sie neben den Krümeln. Feinstrumpfhosen, Jeansbeine, Cordhosenumschläge, Wollsockenstreifen, Stützstrumpfenden. Dischdischmusik neben orientalischen Gesängen, hallo Gitarrenmann. Im Gang stehen und lesen. Auf dem Sitz sitzen und gucken. Manteltaschen, Ratgeber, Klettverschlüsse und Krimis. Parfums heben sich nicht gegenseitig auf. Schmatzen, schniefen, husten, kleckern, fallen, halten, die Stirn in Falten legen.
“Wir brauchen alle ein bisschen mehr Smoovität“.
Liz hat es verfasst, und zwar am 15. November 2007 um genau 18:16
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