Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Berlin

If everything was made of paper.

Seltsam, wie man alles noch einmal in die Hand nimmt, wenn man es auspackt aus den großen Kartons. Wie man es anschaut und sich fragt, ob man es wirklich mitnehmen musste, wie man einen neuen Platz sucht, an dem die Dinge dann liegen und stehen und bleiben und einstauben. Was einen daran hält. Ich packe aus, ich stampfe ein, ich entstaube und sortiere um. Ich werde Fenster putzen und neue Nachbarn haben. Nichts davon fühlt sich neu an, aber alles gut. Aus den Kartons baue ich einen Zoo, aus den Klebebandröllchen einen Wald dazu. Man sieht mir jede Ecke eines jeden Kartons an, aber das macht alles nichts, das macht alles nichts, weil der Rest, der riesige Rest (Ist ein Rest eigentlich noch ein Rest, wenn er eine bestimmte Größe überschritten hat?) so glänzt. Als hätte jemand in meiner Abwesenheit die Stadt in die Hand genommen, noch einmal angeschaut und behutsam poliert. Danach zurück gestellt, als wäre nie etwas gewesen.

(It’s the belly button you need to push when the chips are down. And if everything was made of paper, we’d sail the whole white world and leave some cracks where we sit down to rest.)

Finding home.

Eigentlich wollte ich schreiben, was ich vermissen werde, einige Photos hinzufügen, eine Art Roundup machen. Aber das geht nicht, das geht selten, vielleicht geht es in einiger Zeit, wenn man wieder angekommen ist. In so einem Zwischenraum flirrt es ja immer, als hätte man einen Ameisentermitenhummelkäfig im Kopf. Deswegen lasse ich William Fitzsimmons sagen, was ich nicht sagen kann. Weil ich ihn viel gehört habe, als ich das Buch schrieb, als ich umgezogen bin, auf dessen Konzert ich kurz vor meinem Umzug nach Hamburg war und dann in Hamburg gleich noch einmal. Ich lasse ihn erzählen, wie wichtig es ist, auf seinen Bauch zu hören und unterwegs zu sein, wiederzukommen, das Zuhause zu finden. This is it.

Bitte komprimieren Sie Ihren Besitz.

Heute in einer Woche werde ich wieder in Berlin ankommen. Nach einer Pause, einem Oho, einer Distanz, wie man sie manchmal so braucht nach langer Zeit. Ein bisschen dazu zu dem ganzen Gepolter und dem Wirrwarr dieser Rückkehr gehört es, dass ich einen Tag vorher, am Samstag, im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage lesen und danach an einem Gespräch teilnehmen werde, das sich um Zuhause und Heimat dreht. Ich werde dort sitzen in dieser großen Stadt und schmunzeln müssen, ich habe keine Ahnung, was man mich fragt, aber allein, dass diese Veranstaltung dort stattfindet, wo ich als Kind getanzt habe, also ganz in der Nähe, macht es so kurios.

All die Dinge, die ich besitze und habe, all die Kartons und Photos und Bücher und all dieser Stoff, werden in Hamburg stehen und warten, dass ich sie hole - was wäre, wenn ich sie einfach dort ließe, was würde passieren, was würde nicht passieren? Wenn man einfach so weitermachte ohne all diese Dinge, die man hinstellen und verlieren und kaputt machen und anschauen kann, was wäre dann? Vielleicht einfach nur ganz viel Platz? Was würde geschehen, wenn ich alles zerrupfen und als Puzzle auf dem Tankstellendach vor meinem Balkon verstreuen würde? Was bliebe, wenn all das da hinge in den Bäumen und ihren Zweigen und an den Scheiben des Altersheims um die Ecke, auf dem Nachbarbalkon und dem Weg zur U-Bahn? Wär’s so schlimm?

Vielleicht sollte ich beschließen, die Dinge nach und nach immer weniger werden zu lassen, von Mal zu Mal zu reduzieren, damit es einfacher wird, Entscheidungen zu treffen, die mit Bewegung zu tun haben - innen und außen. Aber vielleicht muss ich das auch noch gar nicht beschließen sondern es einfach nur machen. Die Dinge funktionieren, man glaubt ja immer, das klappt alles nicht, aber am Ende klappt es doch irgendwie - und irgendwie genügt völlig, denn irgendwie sind die Dinge am Ende dann gut, das liegt vielleicht am “ie”, das erfordert mitunter auch Anstrengung und dass man sich an manchen Abenden fühlt, als bekäme man das nicht hin, als würde man am liebsten kotzen und dann einfach gehen, aber irgendwie schläft man ein und irgendwie geht es und wenn das irgendwie nicht einmal mehr nötig ist, dann ist es gut und dann war es richtig und dann muss man sich nicht einmal mehr die letzte Silbe angucken, dann zählt nur noch, dass überhaupt.

(Auch wenn ich mir wünschte, ich hätte gerade so ein Luftentzugs-Dings, also eine umgedrehte Luftpumpe, die man an alle Kartons und Wäscheberge anschließen könnte und dann würde alles auf zwei mal zwei Zentimeter große Würfel zusammen schrumpfen und man könnte vielleicht noch damit jonglieren, in jedem Falle wäre es gut für die Haltung und das Zeitmanagement.)

Little Faith. Big Love.

Aus Aktualitäts- und Aufregungsgründen muss ich hier noch einmal auf die wohl mit großartigste Band auf diesem Planeten hinweisen, die ich am kommenden Sonntag endlich einmal wieder live sehen werde. Bin sehr gespannt, ob das Berliner Astra mit dem Dachauer Abendhimmel wird mithalten können. Stellen Sie sich mich derweil und bis dahin als wandelnden, euphorisierten Countdown vor. Bedanken Sie sich also nun bei Pitchfork.tv für diese schönen Aufnahmen.

(Auf meiner Bucket List steht übrigens immer noch ein Duett mit Herrn Berninger. Und das geht da auch nicht weg.)

Bitte oszillieren Sie.

Heute bekam ich den Prospekt zu einer lustigen Veranstaltungsreihe zugeschickt, an der auch ich teilnehmen werde. Es gibt jetzt einen Laden in Berlin-Mitte, der präsentiert meinen Verlag und dazu gibt es ein bisschen Zeit für Autoren, die sich dort in den xy Wänden ein bisschen austoben dürfen. Im Juni bin auch ich an der Reihe. Ich habe mein Programm noch nicht haargenau durchdacht, aber Sie dürfen mit Götterspeise, guter Musik und ein bisschen Rabatz rechnen, soviel steht schon einmal fest. Ich freue mich auf Besuch. Natürlich und wie immer.

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Die Sache mit dem Gegengewicht.

Die Sache ist ja die, dass ich oft hin und her gerissen bin. Das Schöne an der re:publica dieses Jahr war, dass es sich gelegt hat. Also mein Schwanken und das Kopfschütteln über manche Gepflogenheiten in diesen Internetkreisen. Das liegt zum Einen, glaube ich, daran, dass sich mein beruflicher Kontext verändert hat. Ich wohne nicht mehr in Berlin, ich habe plötzlich den ganzen Tag mit Menschen zu tun, denen das Internet noch nicht so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist wie meinem sonstigen Umfeld. In all diesen Veränderungen von Wohnort und Beruflichem in der letzten Zeit hab ich dann konzentriert in den letzten Tagen gemerkt, wie froh ich bin, dass es all diese Menschen gibt, die sich da treffen und rumspinnen und über Sachen reden, die man manchmal nur versteht, wenn man sich anstrengt, die sich auch manchmal verheddern in ihrem technischen Anspruch, in ihrem angestrengten Blick über die Schulter, der fragt, ob da nicht noch jemand steht, den man irgendwie kennt, von dem man weiß, wie er auf Twitter heißt oder sowas. Ich bin froh, dass es euch alle gibt, und dass ich mich manchmal wundern darf über euch und eure Macken, wichtiger ist, dass ich jetzt weiß, wofür. Wofür das gut ist, gut sein kann, gut sein muss. Das ist die Sache mit dem Gegengewicht. Und ich brauche das mehr denn je für meinen persönlichen Input, meine Inspiration und weil es immer wieder antreibt, wenn man sieht, was andere so hinkriegen, was andere machen ohne etwas dafür zu bekommen, einfach nur, weil sie es gut finden und verteidigen und können und wollen.

Ich bin immer noch dafür, dass man jemanden fragen sollte, bevor man ihm direkt ins Gesicht photographiert, und ich bin auch für Hallo und echte Namen. Aber ganz entschieden bin ich einverstanden, mit dem Ansatz dieser Veranstaltung und dass dort Elan und Motivation geballt durch die Gegend läuft, das sieht mitunter auch mal sehr lustig aus, aber das ist ja eigentlich umso besser. Ich möchte mich bedanken für das Klackergeräusch in meinem Kopf, das immer einsetzt, wenn sich innen drin etwas bewegt, und das hat diese Tage auch lauter und anstrengender gemacht, aber Geräusch zeugt ja grundsätzlich auch von Bewegung und Reibung und diese Dinge wiederum unterstütze ich entschieden.

Ich glaube, dass einer der wesentlichen Vorträge in diesem Jahr der Vortrag von Tessa war, und über den musste ich auch noch einmal im Umfeld meines Arbeitgebers schreiben, nicht weil ich den Auftrag hatte sondern weil es mir ein Anliegen war, in diesen Kreisen, in denen ich arbeite, diese Dinge zu sagen, das ist heutzutage und in dieser Branche nicht selbstverständlich, da wird man mitunter komisch angeschaut. Ich kann nicht jeden einzelnen Vortrag, den ich gesehen habe, auseinander pflücken, das haben andere schon viel besser gemacht als ich, und ich brauche auch noch Zeit, damit sich all das setzen und verteilen und umsortieren kann. Aber die Veranstaltung ist eine gute, wenn sie Peter Glaser an den Anfang setzt und Peter Glaser dann sagt: “Menschen interessieren sich nicht für Maschinen, Menschen interessieren sich für Menschen.

Das ist gut zu wissen, das wird mitunter vergessen. Und ja, ich weiß, das ist alles total pathetisch, aber mich überkommt das immer ein wenig später, dass ich mich bedanken will dafür, dass ihr mich so vollquatscht mit euren Projekten. Ich bin ganz hin und nicht mehr her gerissen.

Internetgemüse.

Es ist wieder Erntezeit! Und ich freu mich auf die folgenden drei Tage.

(Aber Ich frage mich, wann die ersten wohl fragen, wieso das WLAN noch nicht funktioniert und wer beziehungsweise was in diesem Jahr die Rolle der Pokenstöpsel übernimmt. Ich bin dafür, dass jeder seine Nummer mit Marmelade auf Pfannkuchen und die Mailadresse via Sprühsahne schreibt.)

(Und ich bin auch dafür, sich weniger zu verpassen.)

Common versus common.

Wieder einmal in der Stadt mit ein bisschen Sonne und ein bisschen Zeit und dann durch Zufall in den Straßen, durch die ich fast 20 Jahre gelaufen bin. Und mit jedem größeren Baum poppt ein Fenster auf, eine Vergleichsgröße, in jedem Winkel steckt irgendein Jahr, ein Tag, manchmal auch nur eine Millisekunde, eine Verwackelung oder ein glasklares Schweigen oder alles zusammen, man kann die Dinge ja selten so trennen, wie sie das mittlerweile mit den Häuserritzen machen. Eine Dame steht mit einem Eimerchen vor der Wand und pult das Moos heraus, irgendwelche Verwachsungen, es gibt wirklich Leute, die kümmern sich um das Moos in den Rillen ihrer Außenfassade.

Ein paar Schritte weiter habe ich Tischtennis gespielt, an der Ecke war immer Wind, im Grunde war das Spiel an sich relativ unmöglich. Die Ecke jedoch war eine fabelhafte, weil man die Schule im Blick hatte und das Zuhause, die Schwimmhalle und den Supermarkt und am Ende sogar noch die Autovermietung. Einen Sommer lang gab es einen Eisladen auf der gegenüber liegenden Straßenseite, später saßen wir mit der Alibi-Gitarre dort. Der kleine Platz ist jetzt ein Neubauklopps mit Spiegelglas, die Autovermietung ist noch da, der Supermarkt auch, nur das Zuhause nicht und auch die Schule haben sie neu gestrichen.

Die alte Garage, früher war es sicherlich einmal die beste Garage in der ganzen Gegend, steht immer noch. Manchmal hab ich früher am Fenster zum Hinterhof gesessen und mit dem Finger durch die Scheibe hindurch die Wände angemalt, mir einen Balkon dran gebaut und Bäume gepflanzt. Der Hinterhof ist das Einzige, was sich nicht verändert hat, nicht die Reihenfolge der Mülltonnen, nicht die Kellertür, nicht das schwere Schloss am Gitter. Aber die Bewohner kleben ihre Restrebellion nun an die Haustür, damit es jeder sieht.

Ich habe hier nicht schwimmen gelernt. Ich hab meistens am Ufer gesessen und den dicken Müttern zugesehen, wie sie hektisch ihre Röcke und Kinder raffen, wobei die Kinder am Ende oft untergegangen und der Saum dann mit. Wir haben den Lack von den Metallstangen des Klettergerüstes gepult und als Ziegel auf die Dächer der Untertanenhäuser neben der Burg gelegt. Meine erste Narbe hab ich mir nur ein paar Meter weiter geholt.

Im Bäcker ist jetzt eine Galerie. In meinem Bäcker stellen sie jetzt Bilder aus. Kleine, bunte Bilder. Die Verkäuferin war immer alt und immer zu klein, um alles entspannt auf die Glastheke zu legen. Um die Tür zum Laden zu öffnen, musste ich mich dagegen werfen, aber ich weiß noch, wie stolz sie war auf ihren Kaffeeautomaten. Den hat sie extra so gestellt, dass jeder ihn sehen konnte, direkt vom Eingang aus. Mit Blumen hat sie ihn dekoriert, obwohl er noch höher war als die Theke. Da hängen jetzt Bilder drin, von Theken will man in solchen Räumen nichts wissen. Es gibt ja Espresso. Aber der Geruch an der Ecke vom Supermarkt, der ist noch immer so, ein bisschen Rasen und ein bisschen Öl von der Autovermietung gegenüber. Wie im Garten meines Großonkels.

Ich bin hier immer noch zuhause.

This mess is awesome.

Ich lade Sie recht herzlich dazu ein, mit uns heute einen netten Abend zu verbringen. Der Lars spielt schöne Lieder und dazwischen lese ich immer wieder vor, danach tanzen wir auf den Tischen oder sowas, hab ich mir gedacht. Ich freue mich.

Senefelder Platz.