Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Berlin

Zweiter Januar, Wolken in Eile

Unarmed

Gerade fliegen sie über die Stadt hinweg, als hätten sie ehrlich etwas zu tun, als wäre ernsthaft Eile geboten, als müssten sie dieses eine Mal nun wirklich pünktlich sein und als gäbe es keine andere Möglichkeit, also wirklich keine einzige andere, keinen Ausweg als diesen und nach vorn und während des Rennens noch sortieren sie sich jeden Meter neu, als gelte es, die perfekte Position zu finden ohne anzuhalten. Und weil man nicht merkt, wie es aussieht, wenn man rennt, weil man so viel mit dem Rennen zu tun hat, sehen sie dort oben nicht, dass die dort unten stehenbleiben, die eine Frau sogar mitten auf der Straße in einer Hand noch die Plastiktüte vom Kaisers, dass die unten also stehenbleiben und gucken, weil so eine Bewegung am Himmel seit Tagen nicht war, denn die Raketen zählen nicht, auch Nacht zählt nicht, nun aber wechselt am Himmel plötzlich Blau mit Grau mit Orange in so einer Geschwindigkeit, dass man unten beinahe das Laufen vergisst oder zumindest das Aufpassen auf den Weg und alle starren, auch auf den kleinen Zipfel Licht, der manchmal zu sehen ist am oberen Ende des Weißgrau, hinter der dunkelsten Stelle über dem gelben Haus am Ende der Straße, alle schauen hin und oben gibt es etwas zu tun, von dem niemand eine Ahnung hat.

Looking for Alaska

Ich betrete den Blumenladen im anderen Bezirk, den, der von innen so anders ist als alle anderen, weil die Blumen durcheinander liegen und der, in dem sie im hinteren Raum auf einem Sofa liegt und fernsieht, vorne direkt hinter der Glastür warten die beiden Huskeys. Ich öffne die Tür langsam, sie treten aufmerksam beiseite, aber weichen nicht von mir, schauen und legen sich direkt vor meine Füße, als hätten sie nie etwas anderes getan, als wäre es der Plan, sich jetzt gemeinsam hier auf diesen Boden zu legen und für eine ganze Weile nicht aufzustehen. Ich schaue mich erst kurz um, sie sieht weiter fern, ich schaue und warte gar nicht richtig sondern bin sogar froh, dass sie nicht sofort aus dem Kabuff gesprungen kommt und mich fragt, was ich will, ich darf erst einmal gucken und mich orientieren, das passiert ja so selten, man wird immer gleich gefragt, was man will, und wenn jemand nicht fragt, verstehen das die meisten als Unhöflichkeit, ich empfinde es als ganz und gar richtig, wenn man jemanden erst einmal ankommen lässt, überall eigentlich. Es ist ja auch eine Kunst zu spüren, wann ein guter Moment für ein Wort ist und auf Kunst haben viele keinen Bock, das wissen wir bereits.

Irgendwann kommt sie dann doch, ich kann kaum ausmachen, welche Blumen schon durch sind und welche genau so aussehen sollen, also sage ich, ich hätte gern ein kleines Sträußchen, etwas mit Wiese, den Rest würde ich ihr überlassen, das findet sie gut. Das finden eh viele Menschen gut, wenn man versucht zu sagen, was man möchte und sich danach zurücklehnt und vertraut, das funktioniert beim Friseur und manchen Menschen gelingt das auch in der Liebe. Während sie bindet und schneidet und sucht, hocke ich mich auf den Boden neben die Hunde, wir könnten die Augen schließen und in Alaska sein, denn der Boden ist kühl, die Luft oben ist wärmer, aber wir bleiben liegen, denn unten ist mehr Sauerstoff, wenn Hunde schnurren könnten, sie würden das jetzt tun, aber sie können nicht schnurren, deswegen lassen sie einfach die Lider locker soweit rutschen, wie es angenehm ist und schauen auffordernd, sobald ich aufhöre zu kraulen. Vielleicht sollte ich zehn Sträuße bestellen, aber wohin damit, Vasen hätte ich genug, aber man kann ja auch nicht bei allen Sträußen, an so vielen Orten gleichzeitig sein, um ihnen beim Blühen zuzusehen. Eins nach dem anderen.

September, zweite Woche, noch so ein Tag.

Nach dem Büro auf der Bank in der Abendsonne noch mit Opa telefonieren und über Pfirsiche sprechen, über Bohnen, die er per Post geschickt hat, 4 Kilo, alle wohlbehalten, und dann während dem Gespräch sehen, wie das Licht sich verändert von Abendsonne in Gelbgrau, mich dann umdrehen und für einen Moment das Reden vergessen, weil die Wolken hinter den Hochhäusern still näherrücken. Zu weit noch, um von Wind begleitet zu werden. Zu nah, um sie zu übersehen. Dann aufs Fahrrad und an jeder Ampel eine Wette mit mir selbst abschließen, ob ich es noch schaffe, und mit jeder nächsten Ampel langsamer werden, weil ich es gar nicht schaffen will. Und dann einfach alles langsam machen, während alle rennen, manche sogar rufen, während die Autos plötzlich ihre Fahrweise ändern, weil ihre Fahrer nichts mehr sehen und obwohl sie im Trockenen sitzen noch schneller nach Hause wollen. Mich nicht unterstellen sondern weiterfahren, die eingezogenen Schultern zählen, einfach geradeaus, so muss man ja immer, einfach geradeaus und zuhause auswringen, was man hat, und Bohnen ins heiße Wasser werfen, Salz und Pfeffer und ein bisschen Knoblauch, beim Essen immer noch dem Regen zusehen, später noch einmal raus, im Herbst dampft der Boden nicht, alle machen noch schnell, was sie vorhin nicht machen konnten, als es so regnete, alle beeilen sich und stolpern über die wenigen, die sich nicht beeilen, ich spaziere noch einmal um den Block, nicht um etwas zu sehen sondern um heute gelaufen zu sein, es könnte ja sein, dass sich bei einem dieser Schritte etwas zurechtrückt, sich einpasst, an den richtigen Ort fällt.

September.

Ufer

Dieser Herbst schlägt dem Fass keinen Boden aus, er ist der Regen, der hineinfällt und es füllt. Ich schreibe den vermutlich traurigsten Brief meines Lebens, ich halte den Hund an der Leine, ich wasche mir jeden Morgen und jeden Abend das Gesicht, ich zerknülle Papier und lege das Handy weg, manchmal stundenlang, ich lege es beiseite wie etwas, das man vergräbt und dann kommt der Wind und trägt den Sand ab und dann liegt es dort wieder, blank gerieben wie Schienbeinhaut nach dem Urlaub, als wäre nichts passiert. Dieser Herbst weiß, wann er kommen muss, um mich nicht zu erschrecken, ein bisschen zu früh, aber leise, Zentimeter für Zentimeter mit dem Arm voller bunter Äste und etwas, das er mir an die Brust drückt, ohne mich zu fragen, und das zittert wie das Laub auf den Straßen, wenn es nicht geregnet hat und alle nach Hause gehen.

Nonhardening.

Groß Glienicker See

An den Sommer denken, den ich dieses Jahr schon hatte, denn er zieht sich und macht auch mal Pause und er und ich, wir mögen uns wirklich, er und ich und diese Regenschauer und heißen Tage, die vielen Gewitter und dann auch die Kopfschmerzen davor, von denen man weiß, wann sie vorbeigehen, der Sommer scheint beinahe zu sagen: „Schau hin, so bin ich eben und das ist nicht einmal unbeständig oder unzuverlässig, so war ich schon immer, du hast nur zum ersten Mal seit langem wieder Zeit, es wirklich merken“. An den Sommer denken, während er sich kurz ausruht und unruhig schläft. Man sagt, Tiere spüren, wenn es Menschen nicht gut geht. A. spürt das auch und nimmt meine Hand. 10 Grad besser. Von den Eisbechern sammle ich die Physalis herunter, weil ich dieses Obst und seine Verwendung noch nie verstanden habe, es bleibt immer körnig und weiter hinten etwas bitter. Unter den Bäumen der Stadt liegen und warten, bis der Kaffee abkühlt, Falten ins Hemd machen und dann das Wort „wundernehmen“ aus einer SMS klauben und mir schon denken, was es bedeutet, es aber sicherheitshalber noch einmal nachschlagen, es dann den ganzen Tag und Abend noch mit mir herumtragen wie die erste Kastanie des Herbstes. In den Seen schwimmen, die diese Stadt umgeben und immer wieder unterbrechen, schwimmen und vor allem mehr tauchen als die Jahre zuvor, feststellen dabei, dass das schönste Gefühl mitunter das Durchbrechen der Wasseroberfläche mit der Stirn ist, weil man weiß, gleich gibt es Luft, weil man sieht, gleich gibt es Licht, weil man spürt, gleich hat man’s geschafft, das ist der Beweis. Jetzt, genau jetzt. Zum ersten Mal seit langem nichts, aber auch wirklich gar nichts vom Sommer erwartet und alles bekommen.

Juli, U2.

Cemetery

Vinetastraße. Sie sind zu dritt, zwei setzen sich auf die Plätze gegenüber, eine neben mich. „Haha, jetzt wo ich weiß, dass du den nicht heiratest, finde ich den cool. Das war bei B. auch so, als sie den hatte, da fand ich den nicht gut, so – ich kann’s gar nicht erklären – vielleicht unzuverlässig? Er hat ständig alles verpeilt, nix hat der hinbekommen, obwohl der eigentlich ganz okay war, also so zum Labern, völlig okay eigentlich, aber für meine Freundin, da wollte ich was anderes, die hätte ja alles machen müssen, so’n ganzes Leben, also nee echt nicht. Aber als sie sich dann getrennt hat, hab ich mit dem geredet und so und der war echt lustig, ich mein, der ist eigentlich voll okay. Aber B. wirklich, neulich da hat sie einen Chickenburger bestellt und meinte noch: Keine Currysauce, wirklich, also echt nich, keine Currysauce. Und dann sitzen wir im Auto, packen das aus und dann is da natürlich Currysauce drauf. Ruft die wirklich im Laden an und sagt: Ich will mich beschweren, ich hab gesagt, ohne Currysauce. Die hat da echt angerufen und denen das gesagt ausm Auto, als wir das gegessen haben.“

An der Schönhauser Allee eine Klassenfahrtsgruppe. Es sind so viele, es ist so eng, es ist laut und riecht nach Pubertät. Um schmale Hälse hängen riesige Digitalkameras mit Extra-Akku. „Hier kann man ja gar kein Selfie machen, geh mal kurz weg, is mir egal, wohin, aber ey, kann ich hier ein Selfie machen? Geht, oder? Warte.. Ja, geht. Willste sehen? Warte, ich mach noch eins. Moment. So. Geht. Ey, hier kann man Selfies machen!“

Alexanderplatz, die Klasse steigt aus, Studenten ein, sie sind zu fünft. Am Arm trägt sie drei Festivalbändchen und etwas mit Perlen: „Ich verstehe das nicht. M. hat immer gesagt, pass auf. Aber echt. ich hasse Geld. Ich hasse Geld wirklich. Scheiß Kapital! Nächsten Monat möchte ich mich endlich wieder vollkommen fühlen, das macht mir so ein Loch im Gehirn. Scheiß Geld. Wer hat die Fahrkarten? D.? Okay.“

Zuhause das Os zygomaticum am Waschbeckenrand, irgendetwas zwischen Empathie und Resonanz. An J. denken und wie mein Bauch heute nachgespürt hat, ob er im Schlaf noch atmet auf mir. Augenblickliche Fühler, J. ist vier Wochen alt. Sein Zeh ist so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers.

Rollenware.

Wolken

An meinem Tisch sehe ich den ganzen Tag nur Füße, alle eingepackt, alle sorgsam verschnürt. Wenn die Sonne herauskommt und die Wetterberichtssprecherin gut geföhnt ist, dann kann ich sehen, wie sich morgens fünf Minuten mehr Zeit genommen wurde für den Bimsstein, man schrubbelt die Hornhaut weg, es gibt jetzt sogar elektrische Bimssteine. Sowas braucht der Großstadtmensch, er möchte sich mit dem Handgelenk keine Mühe machen, nicht schon morgens in der Dusche, deswegen kauft er Batterien für das Gerät, das leise an den Verhornungen kratzt, er kauft gleich die richtigen, da sind sich all diese Geräte ähnlich und der Großstadtmensch hat ein Auge dafür. Aber nicht auf mich, in Sichthöhe habe ich nun das Fenster abgeklebt. Wenn ich bequem sitze, sieht man nur meinen Scheitel. Wenn ich mich konzentriere, nur die Wand hinter mir, so ein Ladengeschäft wird man ja nicht los, wenn man es einmal hat, nicht einmal in der Großstadt, in die Fenster eines Ladengeschäfts schaut der vorbei eilende Großstadtmensch automatisch suchend hinein, auch etwas gelangweilt, aber niemals unvoreingenommen, niemals ohne Erwartung. So ein Schaufenster wird niemals ein Knopf sein, auf dem „Haltewunsch“ steht, den schaut niemand an, der wird nur benutzt, geschaut wird immer nur auf die Anzeigetafel, den Haltewunsch betätigt der Großstadtmensch ganz beiläufig, Hauptsache raus bald. Aber ein Ladengeschäft, da sieht er hinein, da hat er schon fünfzehn Satzanfänge für den Gedanken danach im Kopf, die von Beschwerde über Einkaufsliste bis hin zu Verwunderung reichen können, eine simple Feststellung passiert selten, die Meinung des Großstadtmenschen sitzt schon im Gedanken, bevor überhaupt gedacht wurde. Deswegen habe ich diese Folie gekauft und behutsam auf die Scheibe geklebt, bloß nicht stolpern im Auftrag, keine Rillen hinterlassen, keine Irritation, an den Rändern franst sie etwas, das macht nichts, der Rand liegt im Schatten der Hauswand. Wenn der Großstadtmensch nicht eilt sondern flaniert, sieht er nur meine Schienbeine, die Knöchel, die Füße, die Fußmatte, den Boden, den Papierkorb, die Tischbeine; die Tasche sieht er nicht, die steht auf dem Tisch, genau wie das Glas und der Stift und das Blatt und die Postkarte und die Lampe, die Lampe kann er erahnen, ich weiß, aber das macht nichts, mich ja auch. Mich kann man erahnen, aber zwischen da draußen und mir sind immer noch Staub und Glas und Folie und Luft, so viel Luft.

Á eftir vetrinum kemur vorið.

Frühling in Berlin

Man schimpft jetzt über das Wetter, das macht man ja immer so, das gehört dazu wie das Schimpfen über den öffentlichen Nahverkehr, das Schimpfen über Menschen, die zu langsam laufen, und Autos, die zu schnell fahren. Man schimpft eben über das Wetter, weil das Wetter es einem nicht recht machen kann. Dabei ist er nun einmal so, der Frühling. Er war ja nie anders. Er war immer unstet und kalt und warm und regnerisch und sonnig. Und wenn er nicht so war, dann war es nicht der Frühling. Sondern was anderes. Ein euphorischer Sommer, ein geduldiger Winter. Aber Frühling ist so, da kannst du dich auf den Kopf stellen, du wirst trotzdem nass. Frühling ist Übergang und darüber schimpft man eben, weil Übergang Unklarheit bedeutet und Überraschung und Unvorhergesehenes und Abschied und auch mal Enttäuschung, aber eben auch Anfang und Sortieren und Loslassen und Sähen und Putzen und nicht mehr so viele Pullover, jedenfalls nicht jeden Tag. Übergang ist immer herumwurschteln und aus dem Bett fallen und sich gewöhnen. Darüber schimpfen Menschen, aber der Frühling versucht nicht mehr, ihrem Wunschbild zu entsprechen, das kann er nicht einlösen. Er kommt einfach jedes Jahr wieder, er wird nicht aufhören damit. Vielleicht bleibt er nicht so lang, aber er kommt wieder. Man wird das Wie nicht ändern können, auch mit Tiraden nicht, das bestimmt nur er selbst. (Menschen glauben so oft, sie wüssten, wie es sein muss. Und vergessen dabei zu sehen, wie es einfach ist.)

Frühling und so.

Keep it green

Der Frühling kommt. Und Mary Scherpe hat aufgeschrieben, was viele von uns beobachten. Dass Grünflächen in Berlin meist nicht lange grün bleiben. Sie hat angefangen, den Hashtag #keepitgreen zu verwenden. Und mittlerweile gibt es eine Facebook-Gruppe, in der wir besprechen und planen wollen, ob man nicht aufräumen und mehr Menschen zu Achtsamkeit animieren kann. Feel free to join.

Pankow

Bäume

Ich schätze sie auf Mitte 30, sie sieht aus, wie sich Miranda July immer in ihren Filmen inszeniert. Mit diesen kinnlangen Locken und einem Pony dazu, der sich auch lockt, aber nicht so sehr wie die anderen Haare. Sie trägt diese bunten, kurzärmeligen Blusen in Knallfarben mit Motiven drauf, sie kauft immer Milch, wenn ich sie sehe, im Kiezmarkt kauft sie die. So heißt das Ding an der Ecke, da steht es in Orange-Gelb drüber, also Kiezmarkt. Ich fahre immer daran vorbei, wenn er gerade zumacht oder schon zu hat und sie kommt auch immer kurz vor Ladenschluss herausgehetzt, sie läuft selten in Ruhe sondern immer etwas nervös. So viele Milchkartons würden mich auch nervös machen, meistens sucht sie parallel auch noch irgendwas in ihrer Tasche, sodass sie umständlich die Kartons neben ihren Füßen abstellen und in der Tasche wühlen muss, sie trägt Umhängetaschen, meistens A4-formatig. Man möchte ihr immer irgendetwas abnehmen, aber irgendwie vermute ich, dass das nichts helfen würde, mit den Milchkartons und der Tasche kommt sie schon zurecht und das andere kann ich nicht sehen.

Der Hörgeräteakustiker sitzt immer vor der Tür seines Ladens und raucht, genauer gesagt sitzt er auf der Treppe. Beim ersten Mal dachte ich, er sei nur ein Jogger, der sich ausruht, in seinen schwarzen Shorts und mit den bunten Socken in den Turnschuhen, aber so geht er zur Arbeit, er ist immer bereit loszurennen. Ich habe noch nie jemanden im Laden gesehen, aber er sitzt immer dort und raucht und schaut die an der Bushaltestelle sitzenden Rentner von hinten an.

Auf dem Spielplatz sitzen Kinder, die nicht spielen sondern meistens einfach nur sitzen. Sie sitzen auf den Baumstümpfen, auf dem Dach des Spielplatzhäuschens, im Spielplatzhäuschen, auf der Rutsche, unter der Rutsche, neben der Rutsche. Sie brüllen einander Sachen zu, aber bewegen sich selten. Wer in den Penny Markt geht oder gerade herauskommt, kann sie sehen. „Hast du mich lieb?“ fragt das eine Mädchen das andere, als ich mein Fahrrad gerade abstelle. Eine Stimme aus dem Busch sagt: „Ich hab dich nicht lieb.“ Das andere Mädchen: „Aber du hast doch gesagt, du hast mich lieb.“ – „Nee, ich hab gesagt, ich BIN lieb“ sagt der Busch.

Die Frau mit dem Gebrauchtwarenhandel lässt jeden Tag etwas fallen, häufig liegen Scherben vor dem Geschäft, wenn sie die Auslagen vom Bürgersteig schon wieder herein geräumt hat, vielleicht ist es auch gar nicht sie, die das Geschirr fallenlässt, sondern es stoßen Passanten dagegen. Es ist aber so, dass die Zuckerdosen immer an derselben Stelle stehen, die Teller auch, die alten Wasserkocher, alles kommt jeden Tag dorthin, wo es auch am anderen Tag stand, manchmal kommt etwas dazu, das wird dann dazwischen gelegt oder darauf. Ich habe noch nie jemanden etwas kaufen sehen, nur die Scherben, so macht man auch Platz.

Die Croissant hier sehen aus wie Brötchen, denen ernsthaft etwas zugestoßen ist, sie schmecken auch ähnlich, es gibt keine Teigschichten sondern eher eine Masse, von der man vermuten könnte, sie wäre einmal gallertartig gewesen. Die Croissants hier sind vermutlich verunglückte Brötchen, irgendetwas passiert mit ihnen, was sonst oder woanders nicht passiert, man kann es nicht genau sagen, aber sie provozieren spürbar Mitleid. Das fühle ich auch bei den Blumentöpfen, denen irgendjemand Gesichter aufgemalt hat, der das nicht kann, der auch keine Freude an dieser Tätigkeit hatte, sie schauen jedes Mal, als wollten sie einfach bitte und zum Teufel noch einmal überhaupt nicht existieren, als wären sie ernsthaft sauer auf denjenigen, der da einen Kaktus und vertrocknete Orchideen in sie hineingesetzt hat, als wüssten sie gar nicht, wie es überhaupt dazu hat kommen können.

Und im Hof fallen erst die Birnen vom Baum, später dann Pflaumen.