Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Berlin

Nachbarn.

Kitchen View

Nach dem Joggen hängt er seine Schuhe raus. Er hängt sie nicht wirklich, sondern steckt sie in den kleinen Spalt zwischen Geländer und Rollo, das ist kein Balkon, das war noch nie einer. Und wenn er schaut, ob sie noch da sind, kann ihn jeder sehen, der aus dem Netto kommt. Wie er da steht in dem Unterhemd und raucht und schaut, ob seine Schuhe noch da sind. Und jeder, der aus dem Netto kommt, kann sich fragen, ob er jemanden hat, der ihn anruft und hört, dass er raucht, und auch hört, dass er gerade vom Laufen kommt, ob er jemanden hat, der ihm sagt, dass das nicht so gut ist für seine Krampfadern und all diese Dinge.

Er hat mein Paket angenommen. Erst wusste ich nicht, wo ich suchen sollte, dann habe ich herausgefunden, wo er wohnt und nach der Arbeit geklingelt, er wohnt gleich neben Netto und in seinem Hausflur riecht es nach Krankenhaus. Es sieht sogar nach Krankenhaus aus, denn der Fahrstuhl ist das Erste, was man sieht, wenn man unten ins Haus hineingeht. Man muss erst um zwei Ecken, um zur Treppe zu gelangen, es gibt keine Fenster, nur irgendwo oben unter dem Dach. Ich klingelte unten und wartete. Es dauerte eine Weile, bis er sich meldete und mir sagte, er wäre im ersten Stock rechts und dann ging ich hinein durch diesen Krankenhausflur und nahm nicht den Fahrstuhl sondern die versteckten Treppen und machte mich ein wenig auf alles gefasst. Er brauchte auch an der Tür eine Weile, denn er schob einen Rollator, aber er lachte, irgendjemand war noch in seiner Wohnung und er hielt sich nur mit einer Hand fest, als er mein Paket vom Boden nehmen wollte. Ich kniete mich hin, es standen fünf Pakete dort in seinem Weg, alle auf seinem Teppich vor seiner Wohnungstür, sodass er jedes Mal einen Umstand hatte, wenn er aus der Wohnung wollte. Aber er ist einer von denen, die immer da sind. Und wenn jemand klingelt und kommt, dann freut er sich. Er braucht eine Weile, aber er freut sich.

Er übt Keyboard und Gitarre. Wenn er Keyboard übt, macht er sich dazu einen von diesen voreingestellten Beats an und übt immer und immer wieder diese eine Melodiefolge. Auf der Gitarre klimpert er nur so herum, schronk schronk dängeldäng. Und manchmal nachts hört er die Toten Hosen bei offenem Fenster, in seinem Flur hängen Schals über einer Leiter, ganz viele Schals und wenn man ihn im Hausflur trifft, ist ihm das Bier in seiner Hand unangenehm, er lacht dann nicht, aber der Freund, den er dabei hat, der lacht. Der bleibt auch stehen und lässt einen vorbeigehen, während er nur den Blick senkt und das Bier hinter seiner Hose versteckt. “Lagwagon” oder “Leberwurst” - eines dieser Netzwerke ist bestimmt seines.

Hingehören.

Espresso On Ice
Not
Herzblätter
Limo

Wieder das Schnurren des Rades. Der Fernsehturm im Nebel. Die Unmöglichkeit des Berliner Verkehrs zum Feierabend und dass alle fahren, als säßen sie zum ersten Mal in einem Autoscooter. Der Espresso on Ice um die Ecke. Vermissen. Neue Schuhe. Die Beats des Keyboards des Nachbarn wieder erkennen. Tun tun tun. Neue Weichen stellen. Langsam zurückfinden. Himbeeren und Kirschen. Die Stille im Hof. Wieder vor Ort sein. New York Cheesecake. Blumen gießen. Spreeglitzer. Kopfhörer schrotten. Die Erleichterung, wenn das Heuschnupfenmedikament zu wirken beginnt. Sich manchmal nur an zwei Fingern festhalten. Ausschau halten. Das Richtige getan haben.

Durch damit.

Neck

Und dann geht man die Blogs durch, die man so liest oder anschaut, und manchmal auch die, die man normalerweise nicht liest, die von denen, die zugezogen sind, oft aus Schweden oder Frankreich, die haben einen Blick auf die Stadt, der mir gut tut, weil er mich nicht vergessen lässt, was davon nicht Heimat ist sondern Wandel, immer wiederkehrende Schleifen und Schlaufen in der Entwicklung dieser Steinklötze und dem Gewimmel dazwischen. Dann schaut man sich ihre Bilder an und erkennt die Ecken an den unscharfen Häusern im Hintergrund, an den Farben der Regenrinnen neben dem Stuhl, den sie besonders finden, weil er einfach so auf dem Bürgersteig steht, den man im Vorübergehen als jemand von hier oft übersieht, wenn man keine Kamera geschultert hat. Ein Stuhl eben. Ich weiß, wo sie ihre Bilder schießen, weil ich weiß, wie es dort aussieht, wenn es regnet oder schneit. Dass die Fassaden nur bröckeln können, weil sie irgendwann einmal nicht gebröckelt haben, diese Risse in den Menschen, die kommen ja auch nicht von irgendwoher, ich glaube manchmal, es gibt jemanden, der läuft mit Klingen durch die Stadt, mit unsichtbaren Klingen, und er wirft seine Arme herum wie ein großes Hurra, dabei trifft er so viele. Man sieht es ihnen an, aber den, der das tut, den sieht man nicht, den kann man nicht sehen, der steckt überall drin. Er ist schnell.

Manchmal kriegen sie ihn auf ein Bild, die, die hierher ziehen aus einem anderen Land oder einem Dorf. Manchmal ist seine Schuhspitze zu sehen in den dunklen Sonnenbrillen auf den Gesichtern, die breit grinsend über die Schaukeln der Bar 25 schauen und dabei photographiert werden. Man sieht an einer vagen Spur, wo er entlang läuft, an einem abgebrochenen Eckzahn, manchmal trifft er genau in diesem Moment jemanden, wo der Blitz zuckt, manchmal drückt jemand genau dann ab, man kann das ja nicht den richtigen Moment nennen, es ist eben einer. Und ich schaue diese Bilder an und weiß, dass sie ihn noch nicht entziffern können, dass sie ihn noch nicht ahnen und ihm manchmal direkt in die scharfen Arme laufen, so schnell und mit soviel Geschwindigkeit, da könnte man nicht einmal helfen, da müssen sie durch. Die meisten sind da schon hinein gelaufen und auch irgendwie herausgekommen, mit Strampeln und Winden und Schlagen vielleicht oder durch Konsequenz. Und ich denke manchmal, wenn ich ihre Bilder anschaue, die Bilder derjenigen, die zugezogen sind: Pass auf, sieh dich vor. Mach. Die. Augen. Auf. Ein. Stück. Nur. Nicht. Zu. Weit.

If everything was made of paper.

Seltsam, wie man alles noch einmal in die Hand nimmt, wenn man es auspackt aus den großen Kartons. Wie man es anschaut und sich fragt, ob man es wirklich mitnehmen musste, wie man einen neuen Platz sucht, an dem die Dinge dann liegen und stehen und bleiben und einstauben. Was einen daran hält. Ich packe aus, ich stampfe ein, ich entstaube und sortiere um. Ich werde Fenster putzen und neue Nachbarn haben. Nichts davon fühlt sich neu an, aber alles gut. Aus den Kartons baue ich einen Zoo, aus den Klebebandröllchen einen Wald dazu. Man sieht mir jede Ecke eines jeden Kartons an, aber das macht alles nichts, das macht alles nichts, weil der Rest, der riesige Rest (Ist ein Rest eigentlich noch ein Rest, wenn er eine bestimmte Größe überschritten hat?) so glänzt. Als hätte jemand in meiner Abwesenheit die Stadt in die Hand genommen, noch einmal angeschaut und behutsam poliert. Danach zurück gestellt, als wäre nie etwas gewesen.

(It’s the belly button you need to push when the chips are down. And if everything was made of paper, we’d sail the whole white world and leave some cracks where we sit down to rest.)

Finding home.

Eigentlich wollte ich schreiben, was ich vermissen werde, einige Photos hinzufügen, eine Art Roundup machen. Aber das geht nicht, das geht selten, vielleicht geht es in einiger Zeit, wenn man wieder angekommen ist. In so einem Zwischenraum flirrt es ja immer, als hätte man einen Ameisentermitenhummelkäfig im Kopf. Deswegen lasse ich William Fitzsimmons sagen, was ich nicht sagen kann. Weil ich ihn viel gehört habe, als ich das Buch schrieb, als ich umgezogen bin, auf dessen Konzert ich kurz vor meinem Umzug nach Hamburg war und dann in Hamburg gleich noch einmal. Ich lasse ihn erzählen, wie wichtig es ist, auf seinen Bauch zu hören und unterwegs zu sein, wiederzukommen, das Zuhause zu finden. This is it.

Bitte komprimieren Sie Ihren Besitz.

Heute in einer Woche werde ich wieder in Berlin ankommen. Nach einer Pause, einem Oho, einer Distanz, wie man sie manchmal so braucht nach langer Zeit. Ein bisschen dazu zu dem ganzen Gepolter und dem Wirrwarr dieser Rückkehr gehört es, dass ich einen Tag vorher, am Samstag, im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage lesen und danach an einem Gespräch teilnehmen werde, das sich um Zuhause und Heimat dreht. Ich werde dort sitzen in dieser großen Stadt und schmunzeln müssen, ich habe keine Ahnung, was man mich fragt, aber allein, dass diese Veranstaltung dort stattfindet, wo ich als Kind getanzt habe, also ganz in der Nähe, macht es so kurios.

All die Dinge, die ich besitze und habe, all die Kartons und Photos und Bücher und all dieser Stoff, werden in Hamburg stehen und warten, dass ich sie hole - was wäre, wenn ich sie einfach dort ließe, was würde passieren, was würde nicht passieren? Wenn man einfach so weitermachte ohne all diese Dinge, die man hinstellen und verlieren und kaputt machen und anschauen kann, was wäre dann? Vielleicht einfach nur ganz viel Platz? Was würde geschehen, wenn ich alles zerrupfen und als Puzzle auf dem Tankstellendach vor meinem Balkon verstreuen würde? Was bliebe, wenn all das da hinge in den Bäumen und ihren Zweigen und an den Scheiben des Altersheims um die Ecke, auf dem Nachbarbalkon und dem Weg zur U-Bahn? Wär’s so schlimm?

Vielleicht sollte ich beschließen, die Dinge nach und nach immer weniger werden zu lassen, von Mal zu Mal zu reduzieren, damit es einfacher wird, Entscheidungen zu treffen, die mit Bewegung zu tun haben - innen und außen. Aber vielleicht muss ich das auch noch gar nicht beschließen sondern es einfach nur machen. Die Dinge funktionieren, man glaubt ja immer, das klappt alles nicht, aber am Ende klappt es doch irgendwie - und irgendwie genügt völlig, denn irgendwie sind die Dinge am Ende dann gut, das liegt vielleicht am “ie”, das erfordert mitunter auch Anstrengung und dass man sich an manchen Abenden fühlt, als bekäme man das nicht hin, als würde man am liebsten kotzen und dann einfach gehen, aber irgendwie schläft man ein und irgendwie geht es und wenn das irgendwie nicht einmal mehr nötig ist, dann ist es gut und dann war es richtig und dann muss man sich nicht einmal mehr die letzte Silbe angucken, dann zählt nur noch, dass überhaupt.

(Auch wenn ich mir wünschte, ich hätte gerade so ein Luftentzugs-Dings, also eine umgedrehte Luftpumpe, die man an alle Kartons und Wäscheberge anschließen könnte und dann würde alles auf zwei mal zwei Zentimeter große Würfel zusammen schrumpfen und man könnte vielleicht noch damit jonglieren, in jedem Falle wäre es gut für die Haltung und das Zeitmanagement.)

Little Faith. Big Love.

Aus Aktualitäts- und Aufregungsgründen muss ich hier noch einmal auf die wohl mit großartigste Band auf diesem Planeten hinweisen, die ich am kommenden Sonntag endlich einmal wieder live sehen werde. Bin sehr gespannt, ob das Berliner Astra mit dem Dachauer Abendhimmel wird mithalten können. Stellen Sie sich mich derweil und bis dahin als wandelnden, euphorisierten Countdown vor. Bedanken Sie sich also nun bei Pitchfork.tv für diese schönen Aufnahmen.

(Auf meiner Bucket List steht übrigens immer noch ein Duett mit Herrn Berninger. Und das geht da auch nicht weg.)

Bitte oszillieren Sie.

Heute bekam ich den Prospekt zu einer lustigen Veranstaltungsreihe zugeschickt, an der auch ich teilnehmen werde. Es gibt jetzt einen Laden in Berlin-Mitte, der präsentiert meinen Verlag und dazu gibt es ein bisschen Zeit für Autoren, die sich dort in den xy Wänden ein bisschen austoben dürfen. Im Juni bin auch ich an der Reihe. Ich habe mein Programm noch nicht haargenau durchdacht, aber Sie dürfen mit Götterspeise, guter Musik und ein bisschen Rabatz rechnen, soviel steht schon einmal fest. Ich freue mich auf Besuch. Natürlich und wie immer.

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Die Sache mit dem Gegengewicht.

Die Sache ist ja die, dass ich oft hin und her gerissen bin. Das Schöne an der re:publica dieses Jahr war, dass es sich gelegt hat. Also mein Schwanken und das Kopfschütteln über manche Gepflogenheiten in diesen Internetkreisen. Das liegt zum Einen, glaube ich, daran, dass sich mein beruflicher Kontext verändert hat. Ich wohne nicht mehr in Berlin, ich habe plötzlich den ganzen Tag mit Menschen zu tun, denen das Internet noch nicht so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist wie meinem sonstigen Umfeld. In all diesen Veränderungen von Wohnort und Beruflichem in der letzten Zeit hab ich dann konzentriert in den letzten Tagen gemerkt, wie froh ich bin, dass es all diese Menschen gibt, die sich da treffen und rumspinnen und über Sachen reden, die man manchmal nur versteht, wenn man sich anstrengt, die sich auch manchmal verheddern in ihrem technischen Anspruch, in ihrem angestrengten Blick über die Schulter, der fragt, ob da nicht noch jemand steht, den man irgendwie kennt, von dem man weiß, wie er auf Twitter heißt oder sowas. Ich bin froh, dass es euch alle gibt, und dass ich mich manchmal wundern darf über euch und eure Macken, wichtiger ist, dass ich jetzt weiß, wofür. Wofür das gut ist, gut sein kann, gut sein muss. Das ist die Sache mit dem Gegengewicht. Und ich brauche das mehr denn je für meinen persönlichen Input, meine Inspiration und weil es immer wieder antreibt, wenn man sieht, was andere so hinkriegen, was andere machen ohne etwas dafür zu bekommen, einfach nur, weil sie es gut finden und verteidigen und können und wollen.

Ich bin immer noch dafür, dass man jemanden fragen sollte, bevor man ihm direkt ins Gesicht photographiert, und ich bin auch für Hallo und echte Namen. Aber ganz entschieden bin ich einverstanden, mit dem Ansatz dieser Veranstaltung und dass dort Elan und Motivation geballt durch die Gegend läuft, das sieht mitunter auch mal sehr lustig aus, aber das ist ja eigentlich umso besser. Ich möchte mich bedanken für das Klackergeräusch in meinem Kopf, das immer einsetzt, wenn sich innen drin etwas bewegt, und das hat diese Tage auch lauter und anstrengender gemacht, aber Geräusch zeugt ja grundsätzlich auch von Bewegung und Reibung und diese Dinge wiederum unterstütze ich entschieden.

Ich glaube, dass einer der wesentlichen Vorträge in diesem Jahr der Vortrag von Tessa war, und über den musste ich auch noch einmal im Umfeld meines Arbeitgebers schreiben, nicht weil ich den Auftrag hatte sondern weil es mir ein Anliegen war, in diesen Kreisen, in denen ich arbeite, diese Dinge zu sagen, das ist heutzutage und in dieser Branche nicht selbstverständlich, da wird man mitunter komisch angeschaut. Ich kann nicht jeden einzelnen Vortrag, den ich gesehen habe, auseinander pflücken, das haben andere schon viel besser gemacht als ich, und ich brauche auch noch Zeit, damit sich all das setzen und verteilen und umsortieren kann. Aber die Veranstaltung ist eine gute, wenn sie Peter Glaser an den Anfang setzt und Peter Glaser dann sagt: “Menschen interessieren sich nicht für Maschinen, Menschen interessieren sich für Menschen.

Das ist gut zu wissen, das wird mitunter vergessen. Und ja, ich weiß, das ist alles total pathetisch, aber mich überkommt das immer ein wenig später, dass ich mich bedanken will dafür, dass ihr mich so vollquatscht mit euren Projekten. Ich bin ganz hin und nicht mehr her gerissen.

Internetgemüse.

Es ist wieder Erntezeit! Und ich freu mich auf die folgenden drei Tage.

(Aber Ich frage mich, wann die ersten wohl fragen, wieso das WLAN noch nicht funktioniert und wer beziehungsweise was in diesem Jahr die Rolle der Pokenstöpsel übernimmt. Ich bin dafür, dass jeder seine Nummer mit Marmelade auf Pfannkuchen und die Mailadresse via Sprühsahne schreibt.)

(Und ich bin auch dafür, sich weniger zu verpassen.)