Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: En Känsla

Herzschlagschluckauf.

Ich habe mal geträumt, das wäre alles nicht so passiert sondern anders. Du warst nicht einfach weg, du hast das selbst entschieden. Du hast den Abschied selbst gewählt, deine Wohnung gekündigt und das Telefon abgemeldet, du bist ausgezogen und hast uns allen den Rücken gekehrt. Nicht gesagt, warum, sondern es einfach gemacht. Hinter Bäumen auf dem Bürgersteig hast du gestanden und uns beobachtet manchmal, dich schnell weggedreht, wenn wir deinen Jackenzipfel bemerkt haben. Ich wusste, dass du da bist, aber ich wusste nicht, wo. Es war okay, der Jackenzipfel hat gereicht. Oder das Gefühl, dass in der Schlange im Supermarkt zwei Personen hinter dir jemand steht, den du kennst, da brauchst du nicht nachschauen, dich nicht umdrehen, den merkst du sofort. Ich hab geträumt, dass ich dein Gesicht manchmal entdecke in einer Menschenmenge, beim Konzert vielleicht, für zwei drei Sekunden, wenn du gerade einen Schluck aus der Flasche nimmst oder dir die Schnürsenkel bindest, den Schweiß aus der Stirn wischst. Und mein Blick liefert einen Beweis, eine Spur, an die ich mich erinnern kann am nächsten Morgen.

So sehr, dass du manchmal an den echten Tagen dann in Menschenmengen stehst, dein Hinterkopf in die U-Bahn steigt, dich am Telefon räusperst. Das reicht kein Blinzeln lang, keine Zeit, die eine sichtbare Reaktion auslösen könnte. An den echten Tagen dann ist der Traum aus der Nacht nur noch der Bruchteil eines Wunsches vom Tag. Das ist alles so passiert, wir haben uns das nicht ausgesucht, du bist nicht da. Auch morgen nicht. Aber wenn es große Fenster gibt in den Räumen, in denen ich mich befinde, gucke ich trotzdem manchmal raus. Ob dort Bäume stehen, die groß genug sind, um als Versteck zu dienen. Auch morgen.

Lumineszenz.

Da denkt man jedes Jahr noch dran, wie das war in dem einen Winter, als man das Haus verlassen hat und nicht mehr wiederkam. Da denkt man jedes Jahr noch dran, auch weil es sich nicht mehr so anfühlt wie damals, und man nicht weiß, ob das ein Glück ist oder keins. Da denkt man jeden Winter noch dran, wie das Fenster geleuchtet hat und wie man’s nie wieder so hat leuchten sehen, weil’s immer anders leuchtet, wenn innen jemand steht und guckt, vielleicht auch nicht guckt, aber weiß. Also von dir jetzt. Da denkt man jedes Mal noch dran, wenn man über die Kreuzung geht, die damals voller Schnee war, so voll, dass er oben über den Turnschuhrand in den Turnschuh gefallen ist, dorthin, wo Platz war. Erst war es kalt und beim Laufen dann wurde es immer wärmer, nur trocken war’s noch nicht, als man zuhause ankam. Da denkt man bei jeder Bahn noch dran an der Haltestelle, die man von dem Fenster aus sehen kann, wenn man sich um die Ecke beugt, da steht man dann und kann den Blick nicht knicken und nicht in das Zimmer sehen, aber trotzdem weiß man, dass es dunkel bleibt, da braucht man keinen Schritt machen, das weiß man halt einfach.

Da denkt man jedes Jahr noch dran, wie das in dem einen Winter war, als man das Haus verlassen hat und im Sommer nochmal wiederkam und dann das Haus kurze Zeit später wieder verlassen hat und in einem anderen Winter erneut wiederkam, auch nur kurz, da kann man sich jeden Winter wieder dran erinnern, jeden Winter wieder neu, weil es einen Unterschied gemacht hat, und weil niemand was gelernt hat, auch nicht der Schnee. Denn der fällt immer noch so hoch, dass er oben in die Schuhe fällt, und der ist immer noch nass, wenn man nach Hause kommt, da denkt man jedes Jahr wieder dran, wenn man ihn sieht. Da denkt man jedes Mal dran, also dass manch einer nie aus den Sommern lernt, und man weiß nicht, ob das ein Glück ist oder keins.

Manche Sachen leuchten nur einmal, das lernt man mit der Zeit, wenigstens das, einmal und dann nie wieder, aber wenigstens wussten sie mal, wie es geht.

Nach Hause ohne Zuhause.

Dann wieder im Flieger zu sitzen nach ein paar Stunden außerhalb der Stadt, man kann es kaum Tage nennen, weil die Nächte zu kurz und die Eindrücke zu gestaucht war, um sie schon einzuteilen. Ich habe Cola getrunken und Wasser dann und gelesen, und dann sind die Wolken weg und man sieht den Mond nicht und unten auf dem Boden kringeln sich die Lichter in Reihen, und früher oder noch vor ein paar Monaten war das so, dass ich die Muster kannte. Und den Turm in der Ferne, und den Geruch der U-Bahn-Stationen. Und es war klar, wie lange es bis zur Haustür dauern würde, und dass man sich nicht umschaut, wenn man auf die Bahn wartet, sondern sich nach innen krempelt und dort wartet, bis man vom ratternden Geräusch der näher kommenden Waggons wieder nach außen und in die Mimik zurückgeholt wird. Dann stieg man für gewöhnlich ein und der Schalter sprang erneut zurück, der Blick auf die Schuhe, manchmal auf die Streifen, die die Bahnschächte machen, wenn irgendwann einmal etwas drangepinselt wurde, ganz sachte nur und für ein paar Sekundenbruchteile, aber das war alles nicht neu, das gehörte dazu und wenn man sich anstrengte, gelang es auch, die Erinnerungen an jeder Ecke nicht zu bemerken.

Ich warte jetzt anders. Das ist das Gefühl, nicht in die falsche Richtung fahren zu wollen und nicht zu weit, das Taxieren und dass man lieber dreimal schaut als einmal zuwenig. Und im Flieger beim Aussteigen lächelte ich leicht, etwas angestrengt, ich war müde, und die Dame wünschte mir einen guten Nachhauseweg. Es ist ein seltsames Ankommen in der Stadt, die dein Zuhause sein soll, aber dich noch nicht kennt. Die dasteht und wartet, bis du sie dir zu eigen machst, die du schütteln musst, damit sie ein bisschen aus der Form fällt und an Memoriam gewinnt, aber du musst das machen. Sie kommt nicht von allein. Sie geht nicht vor und wärmt das Bett an und lüftet schon einmal kurz und legt die Socken so zurecht, dass du eigentlich nichts weiter tun musst, als da zu sein. Hier musst du herumgehen und dich eine Stunde gedulden, einmal die Hand auf jede Oberfläche gelegt haben, um deine Anwesenheit zu demonstrieren, etwas zur Seite legen vielleicht, einmal durch die liegengebliebenen Klamotten fahren, etwas herunterwerfen, um auch ganz haptisch wieder hier zu sein. Hallo hallo. Jaja.

Bis die Hotelzimmerigkeit vorbeigeht, das dauert.

Punktestand.

Ich glaube an den Zufall. Manchmal ist er ein ziemlicher Arsch, dann ist er wieder sehr gut drauf. Und man muss einen der richtigen Momente abpassen, um ihn zu fragen, ob er nicht etwas für einen tun könnte.

It’s there.

Nicht du. Nicht jetzt.

Nicht du. Nicht jetzt. Das sind die ersten beiden Gedanken und danach kommt erst einmal lange gar nichts. Nach dem gar nichts kommt, dass man sich irgendwo festhält, irgendwas in die Hand nimmt. Weil man das Atmen am anderen Ende der Leitung schon kennt, und das Schlucken, bevor die Sprache rausrückt mit dem, das wir alle nicht wahrhaben wollen, du nicht, und ich nicht, und ich kenne auch sonst niemanden, der daran irgendeinen Gefallen hat. Das sind so Zahlen und medizinische Fachbegriffe, von denen man nichts versteht, von denen man noch nie etwas verstanden hat, weil man am Ende zwar damit um sich werfen, aber sich nicht selbst in den Mund zu stopfen, um nicht ganz so laut zu weinen. Das funktioniert meistens nicht. Das rattert im Kopf, während es in der Leitung leise knistert und knackt, weil einfach mal immer tausend Kilometer liegen zwischen dem, was passiert, wenn man nicht da ist, und einem selbst. Egal, ob es nur ein paar Straßen sind oder ein ganzes Meer. Ich denke meistens sofort an Flugzeuge und Schnellzüge.

Nicht du. Nicht jetzt. Du bist der erste Gedanke und dann kommt erst einmal eine Weile nichts. Nach dem gar nichts kommt dann, wenn man Glück hat, dass es nochmal gut gegangen ist, und die Finger drücken das Kissen trotzdem auf einen Milimeter zusammen, weil man nicht da sein kann, wo man manchmal einfach hingehört. Weil man nicht in diesem Moment an dem richtigen Krankenhausbett sitzen kann sondern nur auf dem eigenen - und das fühlt sich sehr selten so falsch an.

Watch your back so you’ll make sure I’m right behind you as before.

I love you, too. But what is love?

Ab inicio.

Den Fuß in die Tür stellen, den Arm nicht sofort wegziehen, ein bisschen zu lange zwinkern, sich nicht sofort wegdrehen, einfach noch bleiben, einfach schon losgehen. Die Station laufen, nicht warten, laut mitsingen, alle beisammen haben, jede Tasse aus dem Schrank zerdeppern, den Sicherungen beim Rausspringen zusehen, sich mal locker machen, das Weite suchen, sich Nähe trauen, der warme Schmerz in der Stirn auf dem Boden, voneinander ablassen, sich entscheiden zwei Zentimeter abzugeben, sich noch einmal umdrehen, aufschrecken und merken, dass es kein Traum war. Durch die Seiten gehen, die Nummern löschen, eine Erinnerung finden und merken, dass man sie nicht ohne Grund beiseite gelegt hat, denn beiseite steht ihr gut. Sich neu erfinden, jemandem einen Namen geben, ein Format suchen, eine Form entwickeln oder die Photos vom vorletzten Urlaub. Eine Reise machen und nie wieder ganz zurückkehren, das leise Prickeln, das laute Tosen, einmal ganz kurz vor dem Abgrund stehen, es einmal ganz knapp schaffen und dann einmal mit Vorsprung. Runterschlucken, ausspucken, den Geschmack ertragen, keinen Mucks von sich geben, bemerken sich richtig entschieden zu haben. Den Sprung wagen, sich bemühen zu bleiben. Aus Versehen, mit Absicht, aus Intuition.

Mit jedem Anfang spüren, wie ein Anfang nun mal so ist.

Absolutely.

Wenn man in einer Fernbeziehung lebt, ist das ein bisschen so, als würde man immer wieder Zettel hochhalten. Alles wird komprimiert und so zusammengefaltet, dass es in die dafür vorgesehen Kanäle passt und verschickt werden kann, gesagt in einer bestimmten Zeitspanne, gesehen zu einem bestimmten Moment. Man ist in Umstände verstrickt, die manchmal eine Bedeutung erlangen, die sie sonst nie hätten. Vieles kann man nicht erklären, vieles muss man erklären. Und dann guckt man mit Sehnsucht durch Scheiben und über Höfe hinweg, manchmal über Bundesländer und Landesgrenzen. Und meistens hat man eben Edding und einen Zettel dabei, sammelt die Momente ein, um sie später noch einmal hochzuhalten. Parallelerleben in Verzögerung. Aber für dieses “Hi” bei einem Wiedersehen kaufe ich von mir aus alle Eddingvorräte der Welt auf.

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(Den Kurzfilm von Patrick Hughes hab ich bei Lisa gefunden.)

Wenn schon, denn schon.

Vielleicht sind es nur fünf Sekunden, aber in diesen fünf Sekunden siehst du sie ohne Ton, die Menschen, die dir vielleicht am Herzen liegen, die dir eigentlich nicht nur am Herzen sondern im Herzen liegen. Sie sitzen vielleicht gerade herum und lachen und stoßen mit ein paar Biere auf den letzten Tag der Woche an, auf den beginnenden Sommer, auf das eben gehörte Lied oder alles, was kommt. Vielleicht ist es auch nur einer, der dich gerade anschaut und dann wieder wegschaut und vielleicht gar nicht mehr weiß, dass er dich eben angeschaut hat. Und dann beginnt Sekunde 1 und du hörst sie oder ihn oder alle nicht mehr reden, aber kannst sie noch sehen, etwas entschleunigt und in einer Klarheit, die sonst selten mal so greifbar ist. Das passiert in ein paar Herzschlägen, zwischen der einen und der anderen Geste, dem Witz und der Pointe, dem Hunger und der Verkündung dessen. In diesen fünf Sekunden ist alles so nah, wie es zwar sonst auch ist, aber das Gefühl stampft mal ordentlich auf, die Rührung und die Liebe - und dass man sich manche Menschen immer wieder nachstechen lassen würde, in den Muskel, ins Leben.