Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: En Känsla

Die fünfzehnte Woche Jahr

Murkudis

Am Abend durch den anders erleuchteten Westen der Stadt spazieren, wir haben die Temperatur überschätzt, aber irgendwann fängt man ja immer an mit den Getränken vor der Tür und den Strohhalmen und den roten Wangen. Ist dann auch egal, wann. Es ist nun soweit, und wir spazieren langsam und sanft zitternd an den orangefarbenen Häusern vom Potsdamer Platz vorbei. Der ist immer noch der entrückte Teil meiner Stadt, jedes Mal ausgeschnitten, entzerrt, zerlegt, ich werde mit der nachträglich ausgedachten Urbanität noch nicht warm. Auch dass man Wiesen über Hügel rollt wie Teppiche bleibt mir fremd. Eine Ente fliegt tief über die Wasseroberfläche direkt neben uns, man spürt den Wind, den ihre Flügel machen.

Eine Datei mit dem Namen alles.zip.

Regnet es kalt an einem Sonntag, kommt niemand heraus, am Ufer ist man beinahe allein, und dieser piekende Regen hat sich ein wenig vertan, wir dachten, seine Zeit sei längst vorbei. Am Urbanhafen liegt ein Schiff namens Noir, die Türen zu seinem Innern sind offen, der Besitzer faltet Segel auf dem Dach, drinnen liegt ein kleiner Hund auf einer Jacke, daneben dampft es aus einer Tasse. Man fährt schlechter Rad, wenn man die Hände nicht mehr spürt.

So früh aufstehen, wie es angeblich viele andere machen, von denen man aber niemanden sieht kurz nach Sonnenaufgang auf den Straßen, alles ist schöner, wenn es so ist, zumindest an diesem Tag, als hätte jemand die Stadt geschüttelt und alles sei in die Fugen gerutscht, kurz ist da nur der Himmel und dass der eine Strauch schon rosa ist, das Gespräch vom letzten Abend auch, und das zweite Bier spürt man nach ein paar Metern nicht mehr. Vielleicht geht es im Sommer, das öfter zu tun.

„Ich ärgere mich gegen die Menschlichkeit“, sagt L. mit diesem umwerfenden französischen Akzent und ich weiß genau, wie sie es meint.

Wir sitzen in dieser Bar, ich betrachte den Tresen, frage mich, ob er den Platz einnehmen könnte des Tresens, den ich noch immer vermisse an den Abenden, an denen wir uns früher nur ein kurzes „Ja, bis gleich dort“ zuwarfen und wussten, man kommt, wann man kommt, zumindest ungefähr, die Nächte, in denen klar war, dass wir uns nicht wegbewegen, weil alles gut ist. Der Tresen hier wird es nicht, aber die Kerzen hängen hoch genug an der Wand und die Musik ist so gut, dass F. alle zehn Minuten kurz im Sitzen tanzt. An früher kommt es nicht ran, aber das kommt ja selten etwas, weil Verklärung ihren Job gut macht. Und selbst wenn sie das nicht tut, manchmal war es einfach so, wie es nicht mehr wird. Das ist schon okay. Und wir fragen uns leise, wie das wohl wäre, mit einem Banana Boat über den Landwehrkanal zu fahren.

Die vierzehnte Woche Jahr

Spring

„Wenn ihr nicht aufhört zu sprechen, wenn nicht alle aufhören zu reden, verschwinde ich“, ruft er und rennt um die Ecke dorthin, wo die Steine nicht so warm sind und der Blick nicht hin reicht. Wenn das neben uns ein Kirschbaum ist, sollten wir bald wiederkommen.

Wir essen in einem Café zwischen Waschmaschinen, so funktioniert Verkaufen jetzt. Man stellt Tische zwischen seine Produkte, und Stühle auch, und dann schaut man, ob sich die Menschen daran gewöhnen. Ob sie mit anderen Menschen kommen, denen sie so wenig zu sagen haben, dass sie über die sie umgebenden Produkte reden. Die Produkte werden dafür auch in die Speisekarte eingebaut, damit man sie zumindest im Kopf ausspricht. Ein Produkt-Drink. „Achso, jaja. Das ist Quatsch, aber jetzt habe ich den Gedanken ja schon gedacht. Ein Steak, bitte.“

Bei At the Drive-In ist es ein bisschen wie Klassentreffen und Schlagerfest. Aber auch das kann man ja schätzen für das, was es ist. Miteinander an früher denken. Und noch immer fühlt sich jeder gemeint, obwohl niemand gemeint ist. Das ist schon okay, man kann die Texte noch und sieht sich nicht um, „das gehört alles noch immer uns“, „- also so sehr, wie es uns nie gehört hat“.

Kommt ’sorgfältig‘ eigentlich von Sorgenfalten?

Über den Stühlen im Pianosalon sind verschiedene Klavierpedale aufgereiht und Notenständer. Vorne begrüßen einen auf die Seite gelegte Klangkörper, überall ist Staub, den Wein gießt man sich selbst ein. Das ist gut, denn dann haben die Hände in der Pause etwas zu tun, wenn man nicht weiß, wohin mit sich, dann kann man ein Glas in die Hand nehmen und schauen, ob es zittert, also im Takt natürlich. Ich hatte vergessen, wo man die Violine hört. Anders als so ein Klavier auf der Haut ist die Geige ja eher ein Thorax-Instrument.

„Richtig ist der Sommer erst, wenn man nicht mehr übers Wetter redet.“

Die dreizehnte Woche Jahr

Buckow

Als wir auf dem Steg sitzen, kommt ein älteres Ehepaar angeschlichen. Sie setzen die Schritte bedacht, beide haben wetterfeste Jacken an, obwohl die Sonne scheint und den ganzen Tag nicht damit aufhört, einer von ihnen hat die Hände immer auf dem Rücken gefaltet, der andere tut mit seinen etwas nützliches. Wir sitzen auf der Bank, neben uns ein Bier, schauen noch und wissen nicht, wohin mit uns, während sie sich umsehen, erst über den See und ans andere Ufer, dann nach unten aufs Wasser, sie legen die Hände auf das Holz und plötzlich hört man ein leises Klatschen. „Oh“, sagt er und zwirbelt sich den Bart. Sie fragt: „Was ist denn?“ – „Meine Uhr ist eben ins Wasser gefallen“, sagt er und sieht ihr noch hinterher. „Das ist mal wieder typisch. Immer wenn man wirklich mal wissen muss, wie spät es ist, passiert sowas“, regt sie sich auf, „Jetzt können wir den ganzen Tag nicht mehr auf die Uhr sehen“. Eine Ente schwimmt vorbei und die beiden entfernen sich kopfschüttelnd.

Am Abend ist niemand mehr in B. Das Dorf mit den Pflastersteinen liegt still. Als wären alle Menschen am Abend fortgelaufen und hätten beschlossen, nicht zurückzukehren. Die meisten Fenster sind dunkel, die Autos parken vor den Häusern, keine Ausreißer, keine Ausrutscher, keine Spur von Leben außer hier und da einer Schaufensterbeleuchtung. Es gibt einen Polsterer. Er verkauft auch Gardinen. Die letzte Ausbildung zum Innenausstatter hat er laut Zertifikat 2008 gemacht. Die Handtücher mit den Hunden drauf kosten nur drei Euro. Jedes Handtuch hat ein eigenes orangenes Preisschild. Irgendwas muss man ja tun den ganzen Tag. Die Dinge bepreisen. Am Marktplatz hat ein neues Café eröffnet. Nach zwanzig Uhr sitzt niemand mehr darin, über dem Tresen hängt ein aus Holz geschlungenes Herz, das Licht ist kalt, irgendwoher klingt Rihanna, weiter hinten am Wald leuchtet etwas. Doch noch Menschen da. Über die Straße läuft eine Katze, nicht einmal die Bäume bewegen sich. Im Fernsehen läuft eine Sendung über Blockhüttenbauer. Im Anschluss noch eine über jene Leute, die die zuvor gebauten Blockhütten später verzieren. Danach schalten wir ab. Am Abend und am Morgen auch noch liegt Nebel über dem See. Es gibt einen Schlossberg, aber kein Schloss mehr. Im Bus bitte keine Pommes. Die Plastikostereier in den Büschen gibt es in den Standardfarben, Naturfarben und Batik. Um halb neun am Abend wird die Espressomaschine gereinigt. “Möchten Sie noch einen?“ Hinter dem Hügel stehen weichfellige, weiße Kühe, irgendein Großvater ruft in den Ostersonntag “Kalt, kalt, wärmer… Ja, wärmer!“. Das suchende Kind dazu sieht man nicht.

Ein ehrliches Vielleicht ist Arbeit. Es gab mal eine Zeit, da war Vielleicht keine Ausrede. Jede Antwort ist eine Entscheidung.

Wann haben Sie einander das letzte Mal gerührt? Ich meine so, dass Ihnen das Herz in der Brust bis in den Bauch geschmolzen ist, weil da Menschen waren, die alle wussten, warum sie nebeneinander stehen in genau diesem Moment, denen das genügt hat, die nichts anderes wollten, die einfach geblieben sind ohne eine Abmachung oder einen Termin, wann haben Sie sich das letzte Mal so sicher gefühlt, dass Sie vergessen haben, aufzupassen, wo die Tasse mit dem Kaffee steht, wann haben Sie das letzte Mal gedacht, als Sie einen Teppich zusammenrollten, da ist alles drin von denen, die etwas bedeuten, den kann ich nicht wegschmeißen, den werde ich vielleicht nie wegschmeißen können, jeder DNA-Tester fände helle Freude und totalen Wahnsinn darin, wann saßen Sie das letzte Mal wie Kinder auf dem Fensterbrett, die sich immer ein bisschen zu weit beugen, ein bisschen zu laut rufen, ein bisschen zu sehr vergessen, was alles nicht geht, wann? Wissen Sie noch, wie dieser Tag geschah und wie er begann und wie er endete und warum genau Sie danach nicht schlafen konnten?

„Niemand ist immer, wie man ihn haben will.“

Die zwölfte Woche Jahr

Grunewald

Im Grunewald liegt Nico neben ihrer Mutter begraben. Irgendwo hinter ein paar Steinmauern zwischen all den orangefarbenen Bäumen. Man muss eine Weile laufen, und von dort weg fährt noch ein alter Doppelstockbus jede Stunde. Das Licht fällt zaghaft. Irgendjemand hat einen Steinengel dorthin geschleppt, in dessen Schoß Briefe liegen und Fotos, auf seinem Kopf lila Kopfhörer.

Das Publikum sitzt auf vier Seiten des Bühnenquadrats, in der Mitte marschieren sie in Polizeiuniformen, als gäbe es etwas dabei zu gewinnen, sie tanzen mir zu wenig, sie erzählen die Geschichte mit ihren Körpern nur an, aber nicht zu Ende. Und dass man sich immer ausziehen muss, um zu zeigen, dass jemand erniedrigt und entblößt wurde, verstehe ich auch immer noch nicht. Ist dies das einzige Bild dafür, das es im Theater gibt? Genügt das oder wird auch nach anderen gesucht? Gut aber wieder einmal zu bemerken, wie flüchtig Nacktheit dann wieder ist. Nach drei Minuten Betrachtung wird der nackte Körper auf der Bühne normal, reiht sich ein, man sieht mehr Anatomie und weniger Mensch, die Identifikation zieht sich zurück und dann ist es ja doch wieder nur ein Körper, wie wir ihn alle haben, der stampft und schlenkert und sich manchmal anspannt und sich rötet. Alles wie immer.

Dann Brüssel. Und nichts können als schweigen. L. ist irgendwo dazwischen, wir schicken einander Sprachnachrichten. Sie ist okay. Sie arbeitet. Sie fährt durch die Stadt. Und wir hier in Berlin haben schon einen Code für jede Situation, einen Ablauf, irgendeine Ablenkung parat. Sich immer wieder fragen, ob das angemessen ist, nichts angemessenes zu finden und genau darin dann doch etwas haben, das sich so anfühlt, als müsse es so sein. Nicht aufhören zu hadern mit sich und allem, mit dem Gesprochenen und Geschriebenen und Gefühlten. Was geht und was nicht, muss immer wieder neu ausgelotet werden.

„Wir können eben nicht anders, als das zu lieben, was um uns herum ist, selbst wenn es die Anhänglichkeit und das Festklammern an Dinge ist, die eigentlich nicht wichtig sind.“ (Siri Hustvedt, Die gleißende Welt)

Die elfte Woche Jahr

Window

„This is real life. Not a workshop.“

Versuchen, der Verwendung des Begriffes „Angst“ auf die Spur zu kommen. Mein Gefühl sagt, hier wird unbedacht damit um sich geworfen und ein großer Teil von mir möchte nicht glauben, dass die unsolidarische Rechte wirklich eine Angst hat, der andere meint, man müsse jedem eine Angst zugestehen, auch wenn sie bescheuert ist. Oder eine, wie ich sie nicht kenne. Aber alles in mir will nicht mehr lesen, dass wir diese „Ängste“ ernst nehmen müssen, denn immer, wenn man „Angst“ schreibt, klingt es versöhnlich, mitleidig und nach Verständnis, und dagegen wehrt sich etwas in mir. Und selbst, wenn da jemand eine „Angststörung“ hat (so heißt das nämlich, wenn die Angst einen zu Dingen bringt, die nicht gut für einen selbst und andere sind), dann ist das immer noch kein Grund und noch weniger eine Entschuldigung dafür ein menschenverachtendes Arschloch zu sein. Ich will nichts mehr von diesen „Ängsten“ lesen, denn die wahllose Verwendung des Wortes, auch von den Medien, bagatellisiert die von Rechtsextremisten aus diesem Gefühl gezogenen Konsequenzen, und das halte ich für falsch. Man kann sich immer entscheiden.

Eine Gruppe Menschen steht in dem kleinen Park neben der Bibliothek auf dem Gehweg, sie haben einen Kasten Bier neben sich auf der Bank stehen, tragen Anzüge und schwarze Kleidung. Die kleine Frau mit den rot gefärbten Haaren hält eine pinkfarbene Nelke in der Hand. Die Hunde rennen über den Rasen. Erst als ich an ihnen vorbeilaufe, sehe ich die roten Augen. An der Ampel weiter hinten warten noch mehr von ihnen. Die Ampelphase ist kurz, sie warten auf dem Mittelstreifen, tragen Nelken, bleiben neben den Jungs vor der Taxischule stehen, die da sitzen und rauchen. Die Kirche ist nicht weit.

„There’s nothing particularly new about trying to avoid getting hurt. It’s just that my generation has turned this avoidance into a science. Perfecting the separation of the physical from the emotional. (…) being casual is cooler than intimacy or vulnerability, so we think. (…) today having the last word is the ultimate weakness.“

In der Bahn vom Wedding nach Mitte frage ich die alte Dame mit den vor dem Bauch gefalteten Händen, nachdem sie mich vier Stationen lang angestarrt hat, warum sie den Bärgida-Button an ihrer Mütze trage. „Darüber möchte ich nicht sprechen“, sagt sie und steigt an der Friedrichstraße aus, von dort kann sie zur Nazi-Demo laufen. Ich hätte es gut gefunden, wenn niemand im Waggon hätte weghören können, die Menschen schauen schon interessiert, als ich nur die Frage stelle. Niemand sagte etwas. Als sie ausgestiegen ist, atmet ein Mann an der Tür hörbar laut aus. Wie erleichtert.

Untersuchungen zur Veränderungsblindheit (den Probanden entgehen erhebliche Veränderungen in ihrem Gesichtsfeld) und Unaufmerksamkeitsblindheit (Versuchspersonen übersehen beim Erfüllen einer Beobachtungsaufgabe ein sehr auffälliges Ereignis) legen nahe, dass um uns herum auf alle Fälle viel geschieht, was wir einfach nicht wahrnehmen. Die Rolle des Lernens in der Wahrnehmung war auch wesentlich zum Verständnis von prediktiv visuellen Schemata.“ (Die gleißende Welt, Siri Hustvedt)

Im Radialsystem sprach Orna Donath über das Bereuen von Elternschaft. Und später kam aus dem Publikum die Frage, was das eigentlich mit Schuld zu tun habe, wann Mütter, die bereuen, sich schuldig fühlen. Und ob sie in der Studie von Ornath Äußerungen darüber getätigt hätten, ob ihre Kinder von diesem Schuldgefühl wissen. Ich fragte mich, wie viele Menschen in diesem Raum sich in diesem Moment in sich zurück rollten und ihre eigene Geschichte scannten. Wir kommen aus diesem Dilemma nie heraus. Dass wir immer Kinder sind. Und dass es uns trifft (auch wenn wir gar nicht wollen, dass es uns trifft), wenn wir uns trauen wahrzunehmen, dass unsere Eltern auch nur Menschen sind. Wann entscheidet man sich dafür, dem eigenen Kind gegenüber ehrlich zu sein? Und wer glaubt, das sei man ihm schuldig? Wer lebt lieber mit Lüge? Und wer denkt wirklich, es gäbe immer nur eine Antwort darauf? Wann bereuen Mütter? Und auch: Wann und wie bereuen Väter? Haben Väter einen einfacheren Ausweg, weil die Praxis immer noch besteht, sich durch Alimente freizukaufen? Was passiert mit Männern, die Väter sind und selbstgewählt keinen Kontakt zu ihren Kindern haben, später? Und warum gesteht man Frauen nicht dasselbe zu?

M. sagt, als das Licht schon aus ist, die Traumforschung sei sich momentan einig, dass Träume vor allem als Schutz vor dem eigenen Empfinden dienen. Der Traum sei die Übersetzung der sich in dem Moment verarbeitenden Erlebnisse. Übersetzend vor allem, um Schlaf überhaupt möglich zu machen und mit ihm Erholung. Träume katalysieren, was am Tag geschieht und vor allem das, was es auslöst in uns. Sie bilden eine Barriere zwischen dem, was man vielleicht nicht aushalten würde zu spüren, und dem, was geht. Wenn wir uns an Träume nicht erinnern können, ist das okay. Und wenn doch, dann ist das noch immer nicht alles.

Die zehnte Woche Jahr

Blue

Jeden Tag stehen Geflüchtete vor dem Hotel, in kleinen Gruppen, mit scheuen Augen. Nur selten steht jemand allein davor. Manchmal sitzt jemand unter dem kleinen Dach auf der Treppe und telefoniert leise, oder tippt etwas ins Mobiltelefon. Das ist aber selten. Die meisten haben die Hände in den Taschen irgendeiner Jacke, die Arme an den Körper gepresst, sich schüchtern umschauend. Nur die kleinsten Kinder laufen manchmal rückwärts, breit lachend, bis gegen andere Beine oder einen Poller. Man kann den anderen Passanten ansehen, dass sie nicht wissen, wie sie schauen sollen. Dass ihnen etwas widerfährt, wenn sie die kleinen Gruppen Menschen von Weitem sehen, die Gedanken sieht man ihnen nicht an, aber dass sich etwas in ihrem Körper verändert, weil sie überall von Menschen lesen, die jetzt kommen, aber selten welche sehen. Da sind sie.

Manchmal geht das Handy aus, während ein Podcast oder ein Song läuft. Dann stoppt es einfach für fünfzehn bis dreißig Sekunden. Als wolle es einem Platz zum Denken lassen. Manchmal bin ich enttäuscht, wenn es wieder angeht.

Ich komme später nach Hause, das dunkle Blau ist gerade erst zu einem dunklen Grau geworden, in dem noch ein Rest hängt, alle Läden bis auf den Späti haben geschlossen, das Alibi-Casino auch. Am Anfang der Straße liegt ein Briefumschlag zwei schwarzen Punkten auf der Rückseite. Erst beachte ich ihn nicht wirklich, doch ein paar Meter weiter liegt noch einer, und weiter vorn unter der ersten Laterne der Straße liegen sechs. Alle aufgerissen, alle leer, die Punkte wurden mit Filzstift auf die Rückseite gemalt, alle liegen verteilt, ich erkenne weitere hellgraue Rechtecke am Boden die Straße hinunter. Irgendjemand wollte etwas sagen.

Es ist gegen acht, als ich an der Straßenecke warte, von der aus man direkt in die orange gestrichene Küche schauen kann. Die Küchenzeile ist aus hellbraunem Holzimitat, an der Wand hängt eine weiße Uhr, die stehen geblieben sein muss, auf dem Fensterbrett steht eine dieser gummiartigen dunkelgrünen Zimmerpflanzen mit den lacken Blättern, auf die ich als Kind immer die Murmeln gesetzt und runterrollen lassen habe. In der Küche steht eine ältere Frau in einem beigen Pullover, blonde, kinnlange Locken. Sie räumt herum, vielleicht schneidet sie etwas oder wäscht ab, jedenfalls schaut sie angestrengt auf das, was da vor ihr geschieht und was ich nicht erkennen kann, ihre Schultern bewegen sich, manchmal schaut sie flüchtig durch den Raum, die Gardinen verdecken hin und wieder ihr Gesicht, sie schwitzt im Nacken. Dann greift sie nach einem Handtuch, fährt sich damit über den Hals, trocknet sich die Hände, zieht sich die Haare von ihrem Kopf. Mit dem Handtuch wischt sie sich über die Kopfhaut, die Perücke legt sie beiseite. Dann macht sie weiter.

Am Sonntag begegne ich einem Dackel im Regenmantel. Man kann die Feuchte riechen, ein sehr kleiner Wald.

Ein Paar macht seine Hochzeitsfotos in der Abendsonne auf dem kleinen Stück Rasen am Halleschen Tor. Vor der Amerikanischen Gedenkbibliothek steht ein Mann in Jeans vor dem kleinen Baum und macht Yoga, hinter ihm der große Lesesaal. Alle warten, der Winter geht.

Sie haben das Haus gegenüber der rot gestrichenen Polizeistelle abgerissen. Ich kannte es, seit frühester Kindheit, vor allem den kleinen Spielzeugladen. Er hatte ein kleines Schaufenster und alles war über und über mit Zeug vollgestopft, sodass es dunkel wurde, sobald man den Laden betrat, der kleine Raum war bis zur Decke hin zugestellt, Kuscheltiere, Puppen, Autos und Schreibwaren. Ich liebte diesen Ort, obwohl ich selten etwas kaufen konnte, man trat durch die Tür und alles war möglich, man atmete den Duft von Plastik und Farbe, Holz und Süßigkeiten, Staub und Schweiß, die Möglichkeit der Auswahl und der Entscheidung, das Ansehen des Überflusses genügte mir schon, ich saugte ihn ein und hielt die Luft an, solange es ging.

Es gibt diese zwei älteren Leute, die jeden Tag in ihrem immer leeren Burgerladen sitzen. Als der Laden neu war, standen sie gemeinsam am Tresen in der hinteren Ecke. Nach und nach rückten sie weiter nach vorn. Jetzt stellen sie das Schild nach draußen und sitzen direkt hinter der Scheibe daneben. Mit wild gemusterten Tassen vor sich, immer schweigend, die Arme verschränkt, die Haut leicht grau, ich sehe sie nie reden. Sie sitzen so nah an der Scheibe, dass man sich manchmal erschreckt, wenn man vorbeigeht.

Vor dem Fußballplatz stehen ein Korbsessel, eine kleine Kommode, zwei große Zimmerpflanzen und einige Platten in einem Pappkarton herum. Alle sind blau angemalt. Nicht nur ein bisschen blau, sondern deckend mattblau, sodass man nichts mehr von der eigentlichen Farbe der Gegenstände erkennt, an einigen Stellen platzt das Blau bereits ab und liegt in kleinen Schuppen auf dem Pflaster. Dabn di da da.

Die neunte Woche Jahr

Tulpen

Nach dem Theater drückt mir die Mutter ein kleines Geschenk in die Hand, und lacht: „Wenn du es doof findest, verstehe ich das. Es war nur ein Gag.“ Ich zupfe das Serviettenpapier ab, zum Vorschein kommt ein Jüngling aus brauner Schokolade, mit einer Badehose aus weißer Schokolade, die mit Herzen aus roter Schokolade verziert ist. Das sind die Geschenke, die man mit über 30 bekommt von der Familie. Und Vitaminpräparate. Beides esse ich zu Hause auf.

Quallen sind organisiertes Wasser, lerne ich im Aquarium von einem Schild. Wir beobachten eine Ameisenfarm. Manchmal klettert eine Ameise durch den Lüftungsschacht nach draußen in den Raum, wo nur Sägespäne sind und noch zwei drei andere Ausbrecher. Die echte Welt wartet hinter noch dickerem Glas. Man muss ja nicht immer vom großen Glück sprechen, manchmal genügt das kleine vollkommen und für immer. Die Skalen sind für jeden anders, auch das lerne ich, vielerlei Maß.

„For the first time the blending of two shades is colour of the year“. Das könnte man jetzt auch wieder auf alles drauflegen, auf die Welt und den Journalismus und die Krisen und die Wünsche und ach. Aber damit fangen wir gar nicht erst an. „Your aura is really fantastic, it’s this beautiful purple color“, schrie diese eine Frau damals in „Almost Famous“.

Manche Tage haben einen Knick. Nicht einmal einen Riss, nur eine äußerst sichtbare Delle. Als habe man sich zu unvorsichtig an einen Gedanken gelehnt, das muss ja nicht einmal von Dauer gewesen sein.

Wie gern ich die „Was schön war“-Texte von Anke Gröner lese. Es gehört zu den guten Dingen, habe ich auch festgestellt, einen Zettel dabei zu haben und abends zu notieren, was schön war. Nicht weil man eine Liste braucht, das ist Quatsch, aber so ein Zettel und ein Vorhaben markieren ja gerne mal einen Moment, den man sich sonst nicht nehmen würde.

An der Friedrichstraße trommelt an dem einen Abend dieser Mann auf dem Mülleimer mit zwei Stücken, das macht er mittags und dann später am Abend steht er immer noch da, in derselben Haltung, ein wenig vornüber gebeugt und mit geschlossenen Augen, und alle anderen, die vorbeilaufen, können nicht anders als zu grinsen, weil er das so gut macht und vom ganzen, dreckigen Rest nichts mehr mitzubekommen scheint. Später im Bahnhof funktioniert „No Care“ von Daughter ganz wundervoll als Abstandhalter und Scheuklappe. Sich bewegen ohne Geräusch.

„We sometimes hope against the evidence.“ – Aus Just One Last Swirl Around The Bowl

Eine halbe Stunde bei einer Podiumsdiskussion zusehen, vier Männer auf der Bühne, zwei Frauen. Die erste Frage des Moderators richtet sich an die anwesende stellvertretende Chefredakteurin: „Sie als Frau…“ – es folgt eine sanftmütig verhornte Frage à la „Wie haben Sie das denn geschafft, sagen Sie mal, hatten Sie Glück?“. Ich erwarte Empörung, vielleicht ein lautes Lachen, eine Rückgabe dieser dusseligen Frage, eine spitze Bemerkung, doch alles, was folgt, ist ein leises Lächeln, eine völlig defensive Haltung, die letztlich in der Antwort „Ja, ich hatte auch Glück“ mündet. Die zweite Frau auf dem Podium, Geschäftsführerin, wird danach ähnliches gefragt ““ und auch sie macht sich klein, duckt sich weg und vor allem – sie verteidigt sich nicht. Wieso antwortet keine der beiden mit „Das war kein Glück, ich habe mir das erarbeitet“?

Bei der Buchpremiere von Benedict Wells spielt seine musikalische Begleitung eine Coverversion von Elliott Smiths „Between the bars“ und ich bin wieder achtzehn und die Hosen zu weit und die Augen ganz groß und die Gänsehaut irgendwo in der Kniekehle.

Nach Oh Wonder im Postbahnhof und erneuter Entzückung in der Kälte an der Eastside Gallery entlang laufen, durch eine große Menge Sarah-Connor-Fans, die sich beim Warten an der Ampel die Videos vom Konzert ansehen. Vor der Mauer steht jetzt ein Bauzaun, der da lustlos entlang drapiert wurde, so macht Berlin das häufiger, vorgeben sich zu kümmern, aber worum genau hat es vergessen und auch, wie man das so richtig macht. Aber Hauptsache leuchten. Und das neue Wohnhaus am Ufer steht genau so, dass man den Fernsehturm von der Brücke nur noch sehen kann, wenn man sich Mühe gibt und an der richtigen Stelle steht, man muss die Magie der Aussicht jetzt suchen, alles wird weniger offensichtlich und zugestellt. Falsch verschriebene Beschäftigungstherapie, oder Fahrlässigkeit.

Brian Frankes „Im Grunde sind wir untröstlich“ wiedergefunden. Mich lange nicht mehr so sehr über eine Buchseite gefreut wie über die fünfte von hinten.

Die achte Woche Jahr

Schnee

Wenn A. von Kleidung redet, wird Kleidung etwas anderes. Kleidung ist dann kein Stoff mehr, den man sich umwirft, sondern aufgeladen, in jeder Falte eine Haltung. Und immer wenn A. von Kleidung spricht, will man sich sofort ausziehen, weil es sonst zu viel zu entscheiden gäbe, oder einfach in ein dunkelblaues Tuch wickeln, blickdicht, aber weich. Eine Art Stoff, von der sogar ich sagen würde: „Schau, wie er vorne fällt.“

Matt Damon dabei zugesehen, wie er seine Rakete mit Gaffa und Fallschirmfolienstoff klebt und in den Weltraum geschossen wird. Klebeband als Rettung allen Lebens.

An diesen Tagen mit dem kalten Nieselregen, der nur zwischen die Haarwurzeln und nicht direkt darauf fällt, fehlt mir das Meer, auch wenn ich schon mitten im Gefühl diesen Blick bekomme, der genervt von mir selbst irgendwas mit Plattitüden flüstert, aber man bekommt es ja doch nicht aus sich heraus, und das Am-Ufer-Stehen nutzt sich einfach nicht ab, das muss ja auch irgendwas haben, wenn ständig alle zu diesem Bild als Erlösermotiv kommen, seltsam eigentlich, wie viel Schnittmenge das Meer übrig lässt, für jeden ein Fitzelchen. Auf einer Veranstaltung die Oculus auf dem Kopf gehabt und durch eine Stadt gelaufen, in der das Babylon-Kino direkt neben dem Brandenburger Tor stand. Als ich versuche, nach links in eine Tiefgarage zu gehen, stehe ich plötzlich mit den Füßen in der Brandung.

Morgens im Bus sehe ich, wie draußen vor dem Supermarkt ein vermutlich obdachloser Mann steht, grauschwarze Haare bis zu den Schultern, zerzaust, die Kleidung hängt in Flächen und Fetzen von ihm herab, um die Schultern trägt er einen Schlafsack, hier und da kann man seine nackte Haut sehen, sein Gesicht aber nicht, er hält den Kopf gesenkt, es ist morgens viertel nach acht, er steht unbewegt für mehrere Minuten einfach so in der Mitte des Bürgersteigs wie eine Statue, ein Monument.

Einfach fragen ist etwas Gutes.

Dimitrij Schaad spielt den Pinneberg von Fallada im Gorki und er macht das gut, aber am Ende, da lässt er kurz all die zwanzig Jackets von seinen Schultern fallen, am Ende als nach dem Applaus die ersten Zuschauer schon den Saal verlassen, da stellt er sich noch einmal mit zitternden Händen ganz nach vorn und liest vor, und ich frage mich, ob er vorliest, weil es eine mittelspontane Entscheidung war oder ob er vorliest, damit er sich nicht vertut und die Worte klar bleiben, jedenfalls liest er diesen kurzen Text vor, einen Ruf nach Empörung über die Zustände am und im Lageso in Berlin, einen Wunsch nach Unterstützung, vor allem danach, dass die Menschen dort im Saal ihre Stimme erheben und den Umgang mit Geflüchteten nicht einfach hinnehmen, er steht da und schwitzt und zittert und schaut nicht auf, während er liest, erst danach, und diese Bitte ist kein P.S. unter einem Brief, keine Zugabe, kein Anhang, sie ist die Überschrift.

Die siebte Woche Jahr

Oranienburger Tor

Auf dem Heimweg an das Wartezimmer in Wedding gedacht, in dem die Zeitschrift „Sehnsucht Deutschland“ auf einem kleinen, weißen IKEA-Tisch lag, während auf dem Bildschirm über der Garderobe Tierbabyfernsehen lief. Und dann ist mir Paris auch wieder eingefallen, und wie die Luft war, als wir aus dem Restaurant kamen nach diesen paar Gläsern Wein, ich mochte die Strähnigkeit der Stadt, die vor allem nachts zu sehen ist, denn tagsüber liegt niemand auf den Rasenflächen, treten sie nicht einmal über den Rand. Dass es hier kaum leere Ohrläppchen gibt, hab ich noch gedacht, und wie schön es ist, wenn jemand nachschenkt, aber nicht ohne zu fragen, sondern nach einem Blick, der als Zeichen genügt und nicht zu einer Berührung wird.

Die Notiz wiedergefunden, die ich nach dem Stück von Sibylle Berg schrieb, zwei Zitate: „Ein Kind sollte mit zwei Elternteilen zusammen leben, damit es diese furchtbare Angst verliert, allein zu sein, wenn einer kaputt geht“ (und innerlich kurz abgeschweift, dass zusammen leben ja nicht zusammen wohnen heißen muss und trotzdem nicht weniger wert ist), „ich gönne mir noch zwei Minuten eine kleine Angst“ (zum Mitnehmen, bitte).

Dem Wetter danken, dass es einen der zwei freien Tage keinen Aufstand macht, sondern mich in Ruhe einfach wohnen lässt. Gegenstände benutzen, nicht nur ansehen.

I’ve seen better, I’ve seen worse. I missed the sun today.

An der Friedrichstraße in die S-Bahn steigen. Im ersten Moment denken: „Ach, das da hinten sind nur fünf laute Fußballfans“, an der nächsten Station sicher wissen: „Das sind fünf Rassisten“. Dort steigen sie schon wieder aus. Wut, Gänsehaut, Ekel, Hass und Angst, alles auf einmal fühlen, die Blicke der anderen im Zug suchen. Angst und Gleichgültigkeit in den Augen finden.

Wenn man das kleine Fischrestaurant unter der Brücke betritt, wird man verschluckt von Netzen und Zetteln und Fotos und dem Geruch. Auf jedem Tisch liegt eine Glasplatte, darunter Nachrichten der Gäste und Familien, der Stammkundschaft und Touristen. Jeder Bilderrahmen wurde sorgsam beschriftet. Es gibt Zitrone und Fladenbrot zum Fisch. Das einzige Dessert der Karte ist ein fest gepresstes Pulver, das im Mund ganz samtig weich wird, viel zu süß, aber die Konsistenz habe ich so noch nie erlebt.

Der Dreijährige und ich sitzen in der Straßenbahn, es ist schon dunkel. Der Zug schwingt sich in eine Kurve und der Dreijährige lacht aus vollem Herzen: „Schweeeerkraaaaft!“

Hörempfehlung: Das Gespräch zwischen Anne Wizorek und dem Fotojournalisten Martin Gommel, der reist, um Flüchtenden zu helfen ““ und vor allem um mit ihnen zu sprechen.

Die sechste Woche Jahr

Monsters Ronson

Stadtteile wechseln wie ein Transportmittel. Der andere ist plötzlich so weit weg, alles sieht anders aus, funktioniert anders, riecht anders, jeder nimmt einen neuen Bus nach Hause. Menschen, die nachts über den Ku’damm stolpern, alle für sich zwischen den hell erleuchteten Schaufenstern, in denen die Puppen mit den Plastikhaaren stehen in ihrer eingefrorenen Zerzausung.

In einem Chat gemeinsam überlegt, wo eigentlich die Kollegialität im Internet wohnt und wie viel davon wir brauchen, bräuchten dafür, dass es friedlicher wird, nicht diskussionsfreier, aber so, dass man nicht sofort zusammenzuckt, so dass man nicht im Vorfeld schon Beschimpfungen und Hass einkalkulieren muss, sich nicht von anderen stärken lassen muss, um alles auszuhalten, nicht weggehen muss, um sich auszutauschen. Ausloten, wer bereit ist (acht) zu geben, wer nicht in der Lage und wer einfach zu faul.

Es gibt sie noch immer, die Nächte die sind wie in einen Berlinfilm hineingeschrieben, nur ohne die cheesy Dialoge. Mit den Menschen und den Drinks und den Lichtern und dem lauten Singen, dem Laufen nach Hause, wenn die Straßen sich langsam leeren, man das Licht des nächsten Tages schon erahnen kann, einem auch im Februar nicht kalt ist und vor allem immer so, dass die Nacht länger ist als eine Nacht. Sie ragt unauffällig bis in die nächste hinein.

Sowieso: Konstellationen ausloten. Mit dem Kopf im Nacken, mit dem Blick zurück, mit Bedachtsamkeit nach vorn. Welches Patchwork funktioniert? Wie rücken Menschen nebeneinander, um so zu bleiben oder zumindest sich nicht sofort wieder zu verlieren? Wie viele Eltern kann man eigentlich haben? Und wie viele will man? Wer gehört noch dazu? Kann man noch einmal neu anfangen und wann ist es zu spät? Wie adoptieren wir Freunde?

Durch die Weserstraße rannten gerade schwarz vermummte Menschen und brüllten irgendwas, als D. und mir Karate wieder einfiel. Die „Unsolved“ ist und bleibt diese eine Platte, die immer noch viel mehr Literatur als Musik ist, diese eine Geschichte, derer ich nicht müde werde, sie wird als Geschenk immer gültig sein. Etwas, das man von Wohnung zu Wohnung mitnimmt, ohne es auszupacken, man kennt diese Kiste, man weiß genau, was darin sich an welcher Stelle befindet, manchmal schüttelt man sie sanft, um sich zu vergewissern, aber man muss sie nicht mehr öffnen, das Geräusch ist immer und immer wieder dasselbe, aber ohne die Kiste wäre alles anders.

In Berlin hört man selten Wasser, obwohl welches da ist. Wenn man es doch wahrnimmt, bügelt einem das Geräusch am Morgen die Stirn.

„Kleine Lichter“ hatte ich damals gelesen in diesem Hotel in Taiphe, als die Erde bebte, ich hatte es mitgenommen, weil es so praktisch war, so klein, ohne große Erwartungen an die Lektüre, und dann flogen mir doch so viele Sätze davon durch den Kopf, als ich mich durch die Stadt schieben ließ, ohne Smartphone, nur mit Stadtplan, denn sie erzählt im Buch ja auch immer von ihren Reisen. Und ich weiß noch, dass mich immer nicht entscheiden konnte, ob ich mich auf den Kitsch zwischen den Seiten, diese blumig beschriebene und so geradeheraus erzählte Liebesgeschichte wirklich einlassen wollte (keine Scheu vor keinem Gefühl), dieses Buch war mir suspekt, weil die Beschreibungen nicht schwankten. Dieses opulente Bild von einem großen Gefühl trug ich die ganze Zeit mit mir herum, berührt, ergriffen, weil die besten Bücher ja sind, die dich von innen heraus in verschiedene Richtungen drängen und kleine Beulen hinterlassen. Direkt danach trat ich in kleinen Sicherheitsabstand zu dieser Geschichte (und halte ihn immer noch), weil sie so eng verbunden ist mit der hohen Luftfeuchtigkeit und diesem großen Gefühl Anfang 20, das so nicht mehr wiederkam. Manchmal lässt man ja Platz zwischen sich und den Dingen vor allem aus Respekt. „Kein großer Bahnhof nötig.“

Mit dem Großvater Schnitzel essen. Er verzehrt den Kartoffelsalat zuerst, dann das Kraut. Vom großen Schnitzel schneidet er die Ränder ab, sodass ein akurates Rechteck zurückbleibt. Anschließend holt er eine Brotdose aus seiner Tasche und packt das begradigte Schnitzel ein für später. „Ich bin doch nicht blöd.“

In diesem Laden auf der Potsdamer Straße stehen ein rotes Plüschsofa, ein Klavier und so große Tische, dass Menschen ohne Probleme miteinander daran sitzen können, ohne einander auf die Nerven zu gehen. Die Fensterfronten sind so riesig, dass man sie gar nicht mehr bemerkt. Neben uns direkt am Fenster sitzt ein älterer Herr, er kommt spät, vielleicht gegen Mitternacht. Den Rucksack legt er auf dem zweiten Stuhl ab, er setzt sich, blättert nervös den Kulturteil des Tagesspiegels durch. Man kennt ihn hier, dem Barkeeper wirft er mit Blicken eine Begrüßung zu, manchmal spricht er nicht hörbar mit sich selbst, schaut nach draußen. Er trinkt ein Glas Weißwein, das erste sehr schnell aus. Dem zweiten dann gibt er etwas mehr Zeit, während er in Druckschrift Notizen in das kleine grüne Buch kritzelt, das er mit einem Schnipsgummi verschließt. Kurz bevor ich mich zurücklehne, treffen sich unsere Blicke, ich lächle, er weiß nicht genau, er lächelt dann doch. Am Ende sagt er mir auf Wiedersehen, als ich mich noch einmal umdrehe, bevor wir den Laden verlassen. Dann trinkt er aus.