Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Identitäten

Eine Hand auf die Wunde.

In der Straßenbahn über mein Mobiltelefon habe ich es erfahren. Und ich habe mir beinahe gewünscht, ich hätte es irgendwie anders mitbekommen, ich wusste aber auch nicht, wie. Ich kam gerade von einem Interview zurück, in dem es um das Thema Tod ging, darum, wie man damit umgeht, wenn jemand plötzlich geht, der einem viel bedeutet hat - in einem Alter, in dem man vielleicht noch nicht damit rechnet. Auf beiden, allen Seiten.

Und dann standen wir da in der Straßenbahn und ich las bei Twitter, Christoph Schlingensief sei gestorben und es war kein Wasser in der Nähe, an dem man hätte sitzen können, um kurz zu überlegen, wer und wie und wo er war im eigenen Leben und was seine Arbeiten mit einem gemacht haben. Dann zuhause habe ich sein “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” noch einmal in die Hand genommen und wieder weggelegt und wieder in die Hand genommen - und ich kann keine sachliche oder gar hochemotionale Analyse seines Schaffens geben, nicht jetzt und nicht später, denn ich habe nie eines seiner Theaterstücke live gesehen. Ich habe ihn im Radio gehört und gelesen, ich habe ihn angeschaut, wenn ein Bild von ihm auftauchte und ich habe oft lange über seine Sätze nachgedacht, darüber, wie man in die Lage und zu der Kraft kommen kann, seine Wunden zu zeigen. Und schau mal, selbst von einer wie mir, die ihm nie gegenüber stand, hat er manchmal das Herz in der Hand gehalten, und es für einen Moment gedrückt, danach sorgsam zurück gegeben. Aber jedes Mal blieb ein Stück hängen, jedes Mal veränderte sich ein kleines bisschen Richtung in meiner Welt. Ob durch Beklemmung oder Zweifel, Angst oder Verwirrung, manchmal eine Träne und viel Lachen sowie Erstaunen und Bewunderung natürlich - die Sache mit dem großen Wort, die hatte er raus.

Und ich bedauere, diesen Menschen nie kennengelernt zu haben, es bedrückt mich, denn ich glaube, er ist so manchen entgangen. Wir können nachholen, was er hinterlässt, natürlich können und sollen wir das vielleicht sogar. Aber die Gelegenheit, ihn mal zu hören, live und in Farbe, ihm dabei in die Augen zu sehen, mir meine eigenen Worte im Mund zu einer anderen Wahrheit umdrehen zu lassen, zu wissen, wo er eigentlich die Hände hintut, wenn er redet und ihn zu fragen, ob er glaubt, irgendetwas im Griff zu haben, ob das zu seinen Grundgefühlen gehört, zu fragen, was überhaupt seine Basis ist und wo er seinen täglichen Atem hernimmt - genau das habe ich unwiederbringlich versäumt. Vielleicht wäre das eh nie passiert, man kann das nicht wissen, aber es hätte zumindest eine Form von Möglichkeit bestanden. Auch, um sich bedanken zu können. Weil er jedes Mal an mir gerüttelt hat, unermüdlich, ohne davon zu wissen - wieviele können das?

Christoph Schlingensief hatte ein Blog und dokumentierte gerade in letzter Zeit auch seine Krankenhausbesuche. Es war seltsam, ihn dort zu lesen, zu sehen - aber menschlich direkt und mitten ins Gesicht. Wie froh ich bin, dass er dieses Buch geschrieben hat, dass er sich getraut hat, all diese Worte nach draußen zu werfen und nicht in sich selbst oder nur im engsten Kreis herum zu jonglieren. Ich bin so froh über seinen großen Mund und seine Unmittelbarkeit und ich würde mich gern aufrichtig bedanken, weil das nicht weggeht so schnell, hier jedenfalls nicht.

denn das wichtigste ist eigentlich: denke an die anderen, die dich ertragen müssen. die haben mehr hölle auf erden als erlaubt ist. die müssen nicht nur deine chaotische art ertragen oder deinen großen pessimismus! nein, diese leute sehen jemanden, der sich schon auf dem abschiedsweg befindet. und der dann so redet, als müsse er nun halbwegs erträglich bleiben, damit er in guter erinnerung bleibt. dazu würde ich gerne später mal mehr schreiben. mal schauen, wann das geht. es geht nicht immer alles, wenn ich will. die normalitä, um darüber schreiben zu können, braucht ruhe oder vielleicht sogar geladene wutenergie. es mal loswerden wollen… müssen.. heute nacht geht es nicht; denn im laufe des textes ist mein schmerz weniger geworden und ich werde die zeit nutzen. gute nacht! CS

Und all jenen, die auch glauben, zu wenig von diesem Menschen gesehen, gehört und gedacht zu haben, empfehle ich, sein letztes Buch zu lesen, es in die Hand zu nehmen und sich einzulassen, denn es geht immer um mehr als um ihn, es geht um Glaube und wie man sich selbst einen bastelt. Es geht um Miteinander und wie man sich darin immer wieder neu verortet, und natürlich geht es um Schmerz und wieviel man schaffen kann. Es geht um Grenzen und ein Darüberhinweg - und es geht um einen sensiblen, verletzbaren Menschen, um Stolz und ein Gesicht, dem man vieles ansieht, aber eben nicht alles. Das ist kein Pamphlet, das ist eine Antwort, es ist keine notwendige, aber eine absolut hinreichende Bedingung, dieses Buch.

Beim Spiegel hat er in einem Gespräch mal gesagt: “Aino ist so ein Glück, dass ich durchheulen könnte bei dem Gedanken, das je zu verlieren. Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und musizieren und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln!” Und ich kann nur hoffen, dass der Himmel sich anstrengt und ein bisschen aufgeräumt hat, dass er sich die Geschichte mit den Geigen aus dem Kopf geschlagen hat und Christoph Schlingensief die Möglichkeit gibt, weiterzumachen. Ich habe keine Ahnung von Himmel und Erde und all diesen Dingen, aber ich finde Gefallen an dem Gedanken, dass er jetzt eventuell irgendetwas tun kann und dass es einen Weg gibt für ihn, die Menschen nicht allein zu lassen, die er nicht alleine lassen möchte - und der Gedanke rettet mich vor der nur unzulänglich beantwortbaren Frage, was denn ist, wenn es nicht so ist. Es ist so einfach zu sagen, jetzt geht es ihm bestimmt gut, ich habe keine Ahnung, ob es ihm gut geht, aber ich wünsche es mir, denn ich wünsche mir, dass großartige, mutige, ehrliche Menschen dahin gehen können, wo sie wollen und dass all das Unermüdliche und dieser sichtbare, anstrengende, laute, großartige Atem nicht umsonst war.

Und ich weiß jetzt, es geht nicht nur um ein paar Stunden und Tage, sondern es geht um ein ganzes Leben. Und dieses Leben, sei es noch so kurz, beinhaltet den Zweifel und das Glück, das Wissen und das Unwissen. Es ist nichts Fatalistisches und nichts Peinliches, es ist auch nichts Niederträchtiges oder Berechnendes - es ist einfach ein ganzes Leben.” (Seite 255, So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein)

Danke dafür, Christoph Schlingensief. Es ist sehr gut geworden.

Twitter is down und alle gehen kaputt.

Schorsch wischt mal den Boden. Tine atmet auf. Heiner geht endlich mal wieder aufs Klo. Lars holt sich was zu essen. Katharina geht Briefmarken kaufen. Peter guckt die Leute im Bus einfach mal nur so an. Gregor lacht über seinen eigenen Witz ganz allein und lebt trotzdem noch. Maria surft weiter und hat seit neuestem endlich mal wieder ein Geheimnis. Caroline ruft ihre Mutter an. Finn schreibt einen potentiellen Tweet in sein Notizbuch, das er in drei Jahren in einer Pappkiste finden wird und sich wundern. Anna-Lena lästert mit dem Nachbarn über die komischen Bauarbeiter und merkt sich seine Augenfarbe. Benny photographiert sein Gekochtes heute nicht sondern isst es einfach so auf. Klara kommt vom Friseur, verrät nichts und wird sehen, wer es bemerkt. Johann geht zum ersten Mal allein ins Kino. Marie schaut sich einen Film im Fernsehen an und stellt fest danach fest, dass sie sich noch an den Plot erinnern kann. Kasimir wartet auf den Wetterbericht im Radio. Richard schafft sieben Seiten am Stück. Trixi spürt zum ersten Mal seit Langem, dass die Veränderung nur auf sie gewartet hat.

Alles eine Frage der Haltung II

Wir saßen mit der Familie beisammen, meine Mutter feierte Geburtstag, die außerfamiliären Gäste waren bis auf einige wenige schon wieder auf dem Weg nach Hause, draußen flimmerten ab und an ein paar S-Bahnen dabei. Der Elektrogrill auf dem Balkon wurde ausgeschaltet und drinnen bekamen ein paar Menschen glasige Augen. Wir sind eine Familie, die aus dem Osten kommt, aus Berlin-Mitte, dem Galerien-Mitte, ach was. Mein Großvater war nicht in der Partei, meine Mutter alleinerziehend, mehrere der Familie inhärente oder bekannte Menschen unternahmen Fluchtversuche. Ich habe schon einmal erzählt, wie sehr ich meinen Onkel für seinen heldenhaften Löffelabgang bewundere, wie beschützt ich mich von meiner Mutter gefühlt habe, als sie mich bis vor’s Kindergartenleitungsbüro verteidigte.

Im Herbst werden 20 Jahre Mauerfall gefeiert. Und ich bin froh drüber. Ehrlich. Sowas von. Auch wenn ich nur fünf Jahre im Osten gelebt und davon vielleicht gerade mal zwei bewusst mitbekommen habe – es genügte. Dieses ganze Ostalgiegequatsche halte ich für eine Reaktion von zuviel Glutamat. An diesem Abend neulich erzählte mein Onkel, dass er sich ab und an ein Spielzeugauto mit ins Kindergartenbett genommen habe vor dem Mittagsschlaf. Aus Rücksicht, weil er wusste, er würde nicht schlafen können, aber um die anderen schlafen zu lassen. Der DDR-Kindergärtnerin war so ein Spielzeugauto Grund genug für Verdacht auf Fluchtversuch. Also wurde mein Onkel wie viele andere Kinder in seine Bettdecke eingewickelt an die Wand gelehnt und stehengelassen, mehrere Stunden. Links und rechts andere Kinder, mit dem Gesicht zur Wand.

Und auch ich weiß noch, dass – wer nicht schlief oder zumindest ausreichend so tun konnte – im Waschraum schlafen musste mit Liege und Bettzeug bei angeschaltetem Licht. Das war jedoch nicht das Schlimmste, Waschraum war okay, es war hell, man konnte sich aufsetzen, wenn man es leise und geschickt anstellte, man konnte rumgucken, Zahnbürsten zählen, jedenfalls durfte man sich bewegen. Der Horror war jedoch, wenn man es aus Versehen geschafft hatte, dazu verdonnert zu werden, im Erzieherzimmer sitzen zu müssen. Es gab diesen braun gepolsterten Stuhl neben der Eingangstür, dort saß man in Unterwäsche, meistens wusste man nicht genau, was man jetzt eigentlich verbrochen hatte. Aber die Erzieherinnen schwitzten dort, spielten Karten und rauchten. Ab und an befahlen sie, etwas aus diesem oder jenem Regal an ihren Tisch zu bringen, dann durfte man aufstehen, ein paar Schritte gehen, wurde von klebrigen Fingern zum Dank in den Oberarm gekniffen, und dann setzte man sich wieder hin. Meist fiel der Kopf irgendwann nach vorne auf die Brust, denn nichts machte müder, als diesen frustrierten Tanten beim euphorischen Frust-Schieben zuzusehen. Nach hinten durfte der Kopf nicht kippen, dort war der Lichtschalter angebracht – und berührte man diesen, konnte man sich darauf gefasst machen, die nächsten drei Tage auf dem Stuhl verbringen zu müssen. Die Füße berührten den Boden nicht, der braune Stoffbezug hatte kleine Noppen, die sich in die Haut des Oberschenkels drückten. Im Winter gab es Hausschuhe, da konnten sie zumindest nicht sehen, wenn man mit den Zehen wackelte.

Meine Erzieherin wählte jede Woche ihr neues Lieblingskind. Ihr Lieblingskind setzte sie sich ab und an auf ihren Kittelschoß, Lieblingskinder mussten nicht aufessen, bekamen manchmal einen zweiten Nachtisch und allerhand Freiräume, wie zum Beispiel die selbständige Spielzeugwahl am Morgen. Nach welchen Kriterien ein Kind ausgewählt wurde, blieb uns schleierhaft, tuschelnd versuchten wir jede Woche erneut herauszufinden, warum nun gerade wieder dieses Kind erwählt worden war. Die Krönung fand Montagmorgen in aller Kindergartenöffentlichkeit statt. Wenn alle Kinder eintrudelten, wurde das Lieblingskind von der Erzieherin an die Hand genommen und nicht mehr losgelassen, bis alle anderen Kinder verteilt waren. Wer übrig blieb, konnte in dieser Woche mit ein paar Boni rechnen. Süffisantes Grinsen auf der einen Seite, neidische Blicke aus unseren Kreisen der Verdammten auf der anderen. Ich war nie Lieblingskind. Es ging mir auch nicht um den Platz auf dem lila Kittel oder um irgendeine verdorrt faltige Hand mit einschneidendem Ehering. Aber der Osten schaffte es entgegen all den eigenen Angaben nicht, die Ellbogengesellschaft zu untergraben, Auszeichnungen waren das A und O. Lieblingskind sein. Von einer Frau, die anfing zu weinen, weil ich ihre Ideale in Frage stellte, indem ich mich ihrem Apfel mit Schale verweigerte.

An der Schule, auf die meine Mutter, mein Onkel und meine Tante gingen, wurde die Abiturklasse von einer Lehrerin unterrichtet, die sich regelmäßig betrank. Auch am Morgen. Danach ließ sie sich von ihren Schülern in einer Schubkarre über das Schulgelände fahren, weil sie nicht mehr laufen konnte. Im Dienste der Republik. Eine andere Lehrerin beschloss vor dem Chemie-Unterricht, die Stunde in Reimen abzuhalten. Als sie ihren Stoff vergessen hatte, nahm sie meinen Onkel dran: „Hanno, hilf! Ich steh bis zum Po im Schilf!“

20 Jahre sind eine lange Zeit. Aber nicht lange genug.

(Man könnte meinen, dass es danach im Westen besser wurde. Die Geschichte meiner Lehrer gibt’s dann demnächst.)

Neues im Januar: Turnschuhmädchen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich darf Ihnen erfreut verkündigen, dass das kleine Baby von Sue und meiner Wenigkeit nun auf der Welt ist. Am Frühstückstisch gezeugt, ein bisschen durchdiskutiert und am Ende für durchaus behaltenswert empfunden, war die Idee, die erquickende Ansammlung von Modeblogs um eine Winzigkeit zu ergänzen. Um turnschuhtragende Mädchen.

Die fehlen nämlich. Dabei rennen sie tagtäglich überall herum. Ja, sie rennen. Denn sie knicken nicht um, bleiben in Gitterritzen hängen oder kommen auf Glatteis in die Bredouille. Sie stiefeln ordentlich straight und sehen dennoch gut aus dabei. Wir wollen eine Hommage an Schnürsenkel, Schlupfeingänge und Klettverschlüsse - vor allen Dingen aber ein Hoch auf die flache, sportliche Sohle an weiblichem Gefüß.

Und tärämtämtäm. Da isses. Es wird wachsen. Sich erst noch eingewöhnen müssen und umschauen. Lernen. Und sowas. Aber erst einmal sind wir natürlich froh, dass es da ist und so hübsch und gesund. Wir spendieren ihm zur Geburt natürlich erst einmal ein ordentliches Paar Turnschuhe. Babygeschenke bitte an die Autorinnen, eine Wunschliste folgt vielleicht demnächst. Sie dürfen gerne behilflich sein, ihm ein paar Dinge beibringen und bei ordentlichem Benehmen ja eventuell Babysitten. Zum Angucken und vor Entzückung quieken, Sneakergirls klicken.

The inner circle. The outer space.

Die Sache mit den Modeblogmodeblogs, einem abseits stehenden Individualitätsdiskurs und die Frage nach der Fortführung des gängigen Mode- und Körperverständnisses im Netz scheinen ein Thema zu sein, über das sich durchaus zu reden lohnt. Ich sehe, man beteiligt sich. Auch Sue hat nun samt T-Shirt-Kollektionsphotos ihren Senf dazu gegeben, Tessa kündigt eine Stellungnahme an und Schmitzi dachte als Erster öffentlich darüber nach. Über die Sache mit den nach innen geknickten Füßen. Über das Dünnsein. Über die kaum vorhandenen männlichen Schreiber oder Privatmodels. Und die Frage, ob diejenigen, die nicht den Modeblogmodestereotypen entsprechen, keine Lust auf das Netz oder Angst vor dem Netz oder einander bedingend beides haben.

Und so wie Sue für bunte Shirts applaudiert hat, krakeele ich für flache Schuhe. Und breche meine Lanze für Kniegebeutelte wie mich, die sehen müssen, wie sie mit langer Sohle und instabilem Gelenk halbwegs entspannt durch die Gegend wackeln. Für die, die Phantomschmerzen bekommen, sobald sie hohe Absätze sehen. Denen in Gedanken die Knie dick werden und die Kniescheiben verrutschten. Die, die aufgegeben haben, es “nur mal einen Abend lang auszuprobieren” und die sich abfinden. Mit den flachen, bequemen, latschigen Schuhen.

Eine politische Relevanz will ich dieser ganzen Fragestellung nicht ganz absprechen, denn wie man so am Küchentisch sitzt, Minztee trinkt und die Sonne weniger werden sieht, fällt einem auf, dass diese Modeblogmode-These ohne Widerstand in den Restthesenbau der so homogenen netz- und blogaffinen, klebrigen Masse in Deutschland passt. Man verstehe das nicht falsch, ich tummele mich seit drei Jahren durchaus vergnügt in dieser Soße, aber langsam wird es doch etwas fadgewohnteingerichtetgleichmäßigunterhaltend. Mir fehlt der große Rest.

Übergangskind I

Ich bin fünf Jahre Osten und neunzehn Jahre wiedervereinigtes Deutschland. Ich erinnere fünf Jahre nicht und suche seit neunzehn Jahren eine Antwort auf den verwunderten Blick und die Bemerkung: „Wie – DU bist Ossi? Merkt man gar nicht.“ Ich bin 24 Jahre irgendetwas anderes als das.

Es sollte eine Westschule sein. Ich nickte und fragte nicht weiter. In Gesprächen am Kaffeetisch schnappte ich auf, die Lehrer seien ja noch die alten, das System noch in den Köpfen, da müsse ich schon auf eine Schule im Westen der Stadt, das besser für mich. Ich fand die Fahrt mit der U-Bahn nicht so schlimm, man hatte Zeit Hausaufgaben abzuschreiben, was zu lesen oder die Leute in der U8 anzugucken, Strategien beim totalen Gedränge gegen Platzangst zu erfinden, Sekundenschlaf zu üben. Über die Häuser in Reinickendorf wunderte ich mich jedoch, meine Schule war ein Sinnbild der Architektur. Ein netter Altbau mit großen Fenstern, an den ohne Sinn und Verstand ein Neubau gehängt wurde, klotzig und grau mit grünen Fensterrahmen und Glastüren, die mit Plastikgriffen versehen waren. Mein Geschichtslehrer fragte mich dann auch irgendwann, ob ich im Osten groß geworden sei, wenn ich jeden Morgen den Weg von Mitte nach Reinickendorf machte. „Ja“, antwortete ich. „Merkt man gar nicht“, sagte er leise, ging zu seinem Tisch zurück und eröffnete den Unterricht. Ich wusste nichts über ihn außer, dass er ein Kind hatte und neben seinem Beruf als Lehrer noch Taxi fahren musste, um die Familie ernähren zu können. „Merkt man gar nicht“, dachte ich und malte bis zum Ende der Stunde Quadrate an den Rand des Blattes.