Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Blicke

You don’t know how good you are.

Spring

Die einen, die da sind, die müssen sich nichts mehr verdienen, die haben all die Jahre ausgehalten, mitgemacht, sind gerannt und gelaufen mit einem, die bleiben einfach in der Hand und am Herzen kleben, auch wenn man einen Moment nicht aufpasst, auch wenn sie mal müde werden, die bleiben. Und die anderen, die kommen manchmal neu dazu, und man wartet kurz, um sich zu gewöhnen und dann gehen sie wieder. Die einen mit Lautstärke und die anderen ohne einen Ton. Hin und wieder kommt jemand zurück, meistens bleiben sie einfach fort und als Ahnung hinter dem Ohr, manchmal nehmen sie alles mit, was an sie erinnern könnte, manchmal sogar noch mehr. Selten ist es, dass jemand neu dazukommt und bleibt, ohne dass man etwas dafür tut. Aber wenn das passiert und man einfach da sitzt und sich anschaut, dann wird es warm, dann bleiben keine kalten Hände. Wenn man solche hat, die wichtigen, die dazugehören ohne Einrichtung zu sein, und die, die ohne Anlauf an Bedeutung gewinnen, wenn man solche hat, ist es ein großes Glück. Eines von der Sorte, das, wenn es einmal da ist, wie ein Wetter einfach mitkommt überallhin.

The quiet life.

Gänseblümchen
Carmi
Bei Lars
Tex
Ei
Katinka

It’s not the long walk home that will change this heart but the welcome I receive at the restart.

Bedroom

Wie weit man auf dem Mittelstreifen gehen kann, ohne gesehen zu werden. Das hat nichts mit der Tageszeit zu tun und nichts mit dem Licht, das hat nichts und aber auch rein gar nichts mit dem Ort zu tun, von dem du kommst und nichts mit dem, wo du hingehst, hin willst. Wie lange du dort geradeaus laufen kannst, ohne dass man dich bemerkt, hat nichts mit der Farbe deiner Jacke und schon gar nichts mit deinem Gesichtsausdruck zu tun, deiner neuen Frisur oder dem Geräusch deiner Schritte, wie sehr du deine Füße aufsetzt, wie gerade du versuchst zu laufen, das ist alles egal. Wie lang du geradeaus laufen kannst, ohne dass man dich bemerkt, ohne dass dich jemand ansieht oder stehenbleibt oder anrempelt oder aus Versehen auf einem Foto verewigt, wie lang du einfach weg sein kannst, hängt davon ab, wie sehr du auf der Flucht bist. Einen Flüchtenden erkennt jeder, einen solchen, der läuft und sich wegduckt, der um die Rillen wankt, der aufpasst, nicht auf Äste zu treten, um leiser zu sein, den wird man immer bemerken, den sieht man von Weitem schon. Jemand, der versucht so zu tun, als wäre alles normal, obwohl es das nicht ist, als gehöre das dazu, obwohl es das nicht tut, der wird immer gesehen. Über den Mittelstreifen ungesehen kommen die, die wissen, dass sich alles verändert und die den Kopf hochhalten und direkt darauf zugehen, die mit jedem Schritt spüren, dass das alles ein Weg ist und kein Versteck. Die brauchen keine Kapuzen, die haben Wimpern genug.

Und das späte Licht, das frühe Licht, jedenfalls das gute, hast du eh nicht in der Hand. Das fällt immer so, wie es kommt.

La Carte et le Territoire.

Houellebecq
Reflection

I bought myself a sewing machine and Walden taught me how to use it.

Walden

Findling

Schmück

Ich glaube, du verstehst es, wenn ich sage, dass der Friedhof nicht der Ort ist, an dem ich dich gerne besuchen würde, von dem ich glaube, dass es einem von uns helfen würde. Ich weiß, dass man sich besser fühlt, wenn man Blumen gepflanzt oder hingestellt hat, dass man, wenn man vor deinem Grab steht, um den Gedanken und die Erinnerungen nicht mehr drumherum kommt, aber ich kann dir auch sagen, dass es ohne nicht einfacher ist. Deinen Geburtstag in einem Luftballon zu verbringen, der gefüllt ist mit Halbwahrheiten, einer Menge Romantik und vielen Fragen, das würde beinahe mehr hermachen als so ein Friedhofsblumenstrauß, wenn jemand das sehen könnte, diesen roten Ballon um meinen Kopf, den ich nur für dich trage an diesem Tag. Nein, das sind nicht die Spuren meiner Turnschuhe gewesen dort auf dem Weg, das war nicht meine Hand an den abgefallenen Blättern und im Unkraut, aber das bist auch nicht du dort, das bist nicht du hinter dem Efeu und unter dem Baum zwischen all diesen Kreuzen, Steinen und krummen Rücken, ich kann nicht herkommen und wissen, dass das nicht für dich ist sondern nur für uns, weil es einfacher ist einen Ort zu haben, als keinen Ort zu haben. Es ist einfacher, sich einen Anlass zu nehmen, als permanent Acht zu geben und aufzupassen, dass du einem nicht wegrutscht, jedenfalls nicht so, dass man dich nicht mehr zu fassen bekommt.

Ich habe dich gesehen heute morgen auf dem Weg zur Straßenbahn, das, was da in der Luft hing zwischen dem Blau und den aufgemalten Wolken und Blätterfassaden, das hatte etwas mit dir zu tun, und das Lied bis zur Warschauer Straße, das hatte etwas mit dir zu tun, und wie es sich anfühlt am Abend, das Licht, das man dann ausmacht, das hat etwas mit dir zu tun, nur der große Feldstein mit der schweren Schrift, der so unverrückbar liegt und vermoost, der gehört da nicht dazu. Sitzen und eine Hand an die Scheibe legen in deine Richtung und sitzen und das Lied noch einmal hören und sitzen und wünschen, dieser Feldstein läge noch dort, wo er eigentlich hingehört.

Changes.

K.

Majorenn.

Licht

Wir haben Freunde, die wegziehen, weil der Beruf es fordert. Und solche, die ihren Eltern helfen müssen. Wir sorgen uns nicht mehr um unsere Großeltern, nicht mehr nur, unsere Eltern, die sind jetzt dort, wo wir sie niemals haben wollten. An einer Zerbrechlichkeit angelangt, die wir nie erwartet hatten. Und wir, wir sehen uns in Spiegeln, wir schlagen uns die Nächte mit Träumen um die Ohren und kämpfen mit Vergangenheiten und einer Zukunft, von der wir selbst noch alte Tapete kratzen müssen, wir klopfen vorsichtig Wackersteine und Beton frei. Und Arzttermine vermeiden wir immer noch. Wir haben Knöchel, die abends anschwellen und Allergien, die wir plötzlich vererben könnten. Wir haben Freunde, die mit Bäuchen herumlaufen und manchmal eine kleine Sehnsucht. Wir haben keine Schulferien mehr, aber Urlaubsanträge und Steuererklärungen und als wir uns früher beschwerten, weil wir die Hosen von den Geschwistern und Cousins noch einmal tragen sollten, kaufen wir uns heute Boyfriendjeans. Wir zittern und taumeln und stoßen miteinander an, wir benehmen uns plötzlich ganz automatisch, wir senken die Stimme, hast du das gehört? Wir haben immer noch die kalten Hände und Füße, wir haben immer noch dieselben Verwandten und den Messbecher von früher im Regal. Wir haben die Kartons in feuchten Kellern stehen und manchmal noch immer Gespenster. Und all unsere Listen und Laute stapeln wir übereinander neben den Pfandflaschen, die wir nicht fort bringen, weil wir glauben und hoffen, der Automat sei endlich hinüber und ein Grund, heute das Haus nicht mehr verlassen zu müssen. Wir sind jetzt die, die sich einreden, das seien Lachfalten rund um die Augen, wir sind die, denen man früher erzählt hat, wie schwer und weit weg und wie lange das alles noch hin sei, wie viel Verantwortung man dann zu tragen hätte, wie viele Rechnungen zu bezahlen, wie viele Pläne in der Tasche und Stempel im Zahnarztheft.

Licht

An den zerknitterten Seiten, den Boxen mit Beschriftung, daran, dass wir gesiezt werden und uns immer noch darüber wundern, an unserem Kaffeekonsum, der Müdigkeit am Abend könnten wir erkennen, was sie damals meinten, als sie an unserem Badewannenrand saßen und das Handtuch anwärmten. Aber solange wir morgens nicht aufstehen, weil das Licht gerade genau richtig auf die Decke fällt, solange wir warten und schauen, wohin die Sonne es schafft, solange gilt der Welpenschutz, solange ist noch nichts verloren, rein gar nichts, hörst du?

Besuch

Taica

Die beiden.

Gänse

Die meisten meiner Jahre brauchen meistens ungefähr einen Monat, um wirklich loszulegen, um zu beginnen, sich auszukäsen und Dinge besser zu machen als das alte, ich habe manchmal das Gefühl, sie machen das mit Absicht. Recken und strecken sich, weil sie meinen, sie dürften sich das erlauben, sie seien neu hier, Anfängerbonus, Kükenkinkerlitzchen, all das, was man Ausreden und Beihilfen nennt, sie gucken so ein bisschen herum, während das alte Jahr rödelt und noch einmal ordentlich abhustet. Das neue Jahr legt sich derweil die Dinge zurecht, knackt noch einmal hübsch mit den Fingern, guckt ein bisschen rum, zieht hier und da Schubladen heraus und schiebt sie nicht wieder zurück, ach huch eine Stufe, soso. Und 2010 schnauft aus dem letzten Loch und kehrt die Reste zusammen. Einen Monat ungefähr geht das so, Silvester ist nicht der Jahreswechsel, meistens ist es der komplette Januar mit seinen eingetrockneten Luftschlangen, Eiswinden und Vermummungsaktionen, den meisten fällt es schwer, in ihm eine Güte zu sehen und er selbst hat es wirklich nicht leicht mit all den Ansprüche und Erwartungen, mit den Witterungsverhältnissen und der Laune, die ihm entgegen schlägt, eigentlich ist der Januar der chronische Verlierer unter den Monaten, weil er sich jedes Mal versucht am Ellbogen zu lecken und jedes Mal die für zwei Wochen doch durchgezogenen, neuen Vorsätze zu seiner Rechtfertigung angibt. Eigentlich aber steht er allein. Das alte Jahr will ihn nicht haben, das neue auch nicht so wirklich, weil es sich noch nicht eingerichtet hat und dazwischen murkst er so herum und weiß nicht, wo er hingehört, der arme Januar, er kann nichts dafür und wir auch nicht, wir halten ihn aus und wissen, dass er wiederkommt, wir holen tief Luft, wenn wir ihn kommen hören und halten sie an, bis er vorüber ist, die Wangen ganz rot, die Oberschenkel verkrampft. Und ist der Februar da, springt auf und hält sich einfach fest, als wäre nie etwas gewesen. 2011 beginnt immer dann.