Einmal Selbstschutz, bitte.

Liz hat es verfasst, und zwar am 19. Mai 2008 um genau 21:07
Kategorie : Blicke | 3 Kommentare

Liz hat es verfasst, und zwar am 19. Mai 2008 um genau 21:07
Kategorie : Blicke | 3 Kommentare

Sich an den letzten Sommer erinnern und wieder abgleichen. Immer das kleine, dumme, an den Rändern verhärtete, in den Gelenken knackende Spielchen. Das laute Lachen, die weichen Knie, der zu früh abgewandte Blick, das Zögern. Und es richtet sich ein, das schablonenartige Gefühl, in dem wir immer darauf warten, zurück zu kommen zu dieser einen Euphorie. Und wenn wir auf der Spitze der nächsten stehen, beginnen wir schon damit, sie zu vermissen. Es ist ein einfaches. Auf der Holzbank schüttelt es sich das Kissen auf, streckt die Füße weit von sich und schaut auf die über dem Wasser zitternden Mücken und Fliegen, starrt auf das weiße Lichtmuster auf den Bäumen am anderen Ufer, schiebt die Wolken mit seiner Sturheit schnell immer und immer wieder am Mond vorbei. Es rückt nicht ab, da kannst du warten, bis du schwarz wirst. Da kannst du immer und immer wieder die Kopie gegen´s Licht halten, mit der einen Hand das Auge bedeckend, die andere hält das Abbild, das wird nie mehr so aussehen.
Die Zeit frisst uns nicht mehr aus der Hand, nur die Haare vom Kopf.
Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Mai 2008 um genau 23:07
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Ich wachte auf und hatte zehn Hände am Hals mit jeweils zehn Fingern. An jedem Finger zehn Ringe, übereinander gesteckt, man konnte die Haut nur in kleinen Streifen sehen, Gliedmaßen wie Maschinen. Mit den Wimpern konnte ich sie berühren, zwei Hände lagen über meinem Mund, ich atmete ruhig durch die Nase. Ich hatte keinen Schnupfen. Das Silber der Ringe war kalt, meine Lippen spürten faltige Haut, Risse, ein paar Schwielen. Mit rauem Seil haben sie mich festgebunden, Faser für Faser neben den Haaren auf meinen Armen und rotspurig. Die Knöchel an den Füßen rieben übereinander, knackten im Innern, niemand machte ein Geräusch, ich atmete ruhig. Das Weiß in ihren Augen leuchtete gegen den blauen Morgen der Stadt, der Boden knarrte nicht wie sonst. Sie öffneten das Fenster, acht Hände fassten unter mich, man stellte mich auf und an die Fensterbank. Zwei Hände stets geschlossen über meinem Mund, das kalte Metall kehrte zurück unter mein Kinn, ich atmete ruhig. Das Holz unter meinen Fußsohlen, der Lastwagen der Müllabfuhr hielt vor unserem Haus, zwei Männer mit Latzhosen sprangen heraus. Eine Tür fiel ins Schloss. Mir wehte es Haare in die Stirn, vor die Augen, ich sah nach unten, es brauchte neue Erde in den Blumenkästen, der Winter klebte unter den Nägeln, ich konnte ihn sehen, ich atmete ruhig. Ein leichter Druck legte sich um meine Hüfte und dort, wo die zwei Punkte sind am Ende des Rückens, stemmte sich etwas dagegen. Und ich hielt mich nicht auf, ich hielt sie nicht auf, ich ließ mich schieben. Meine Kniescheiben knallten gegen die Heizung, der Bauch drückte gegen das Fensterbrett, mein Körper beugte sich. Die Füße wurden neben die Blumenkästen gestellt, ich atmete ruhig, zehn Handflächen auf mir mit jeweils zehn Fingern. Meine Haut an den Schienbeinen war weiß, das Metall war kalt unter meinen Füßen, ich hatte keinen Schnupfen. Heute Nacht bin ich erstickt und auf die Straße gefallen. Und die beiden Männer in den Latzhosen taten mir leid.
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. Mai 2008 um genau 0:19
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Der Entschluss, die Koffer zu packen, ist meistens einer von der schnellen Sorte. Man lässt sich schnell von der eigenen blassen Haut locken, vom eben mal wieder frech aufjuchzenden Sinn für Abenteuer, es geht ruckzuck, die Brücken einzutreten, die Schere aus der Schublade zu nehmen und hinter sich alles abzuschneiden. Das passiert hin und wieder auch mal im Affekt, in einer lauten Laune oder stiller Aggression, das fungiert als Warnung, Demonstration und Beweis der eigenen Beweglichkeit. Sieh, was ich mir erhalten habe, ich lasse mich nicht lähmen und schon gar nicht von dir. Das Realitätsprinzip nehme ich jetzt mal in die Hand.
Und im Aufbruch fühlt es sich gut an, man blickt sich nicht um, lenkt die Triebe dann doch wieder ins Innere und überspringt die eigene Grenzhaftigkeit für einen Moment. Ich packe meine Koffer und nehme mich mit. Und in diesem notwendigen Rückzugsgefecht hält man nicht inne, denn allein das wäre schon Projektions- und Angriffsfläche. Eine weiße weiße Wand und ich gebe dir die Stifte in die Hand. Im Aufbruch reißt man alle Wände ein, lässt nichts mehr stehen und keinen Platz für Dinge, nur Unebenheiten. Man fährt dann mit der Hand darüber und es soll rauh sein, splittern, sich zersetzen. Bleibe bloß nichts, wie es war, denn ich gehe jetzt. Wir verdrängen die Ängste und das Unbehagen stammt allein vom Schuldgefühl. Wir schultern alles und ziehen den Nippel durch die Lasche, zurren fest bis zu den roten Striemen. Wir fassen nicht nach.
Das Schwere ist eigentlich, auch weg zu bleiben. Nicht mehr zurückzugehen. Sich einzurichten in einer anderen Umgebung und daraus ein Zuhause zu machen, ein neues. Was anderes anzufangen, voran auch, die richtigen Dinge zu behalten. Es schaffen, sich zu lösen. Und sich anzufreunden damit. Denn eigentlich schwimmen die meisten zurück, ans Ufer, in die Stadt, in das Land, in den Alltag und die Arme. Die Kunst ist, nicht neurotisch zu werden dabei. Und die Langfristigkeit des abgewendeten Blickes ist am Ende das, was am schwersten ist und was man am meisten spürt. Weil die Luft schneller windet, wenn nichts im Weg steht und das sausende Geräusch der Leere schon recht laut brüllt, wenn man wirklich weg ist. Tinituswise.
Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Mai 2008 um genau 11:03
Kategorie : Blicke | 9 Kommentare

Ich habe es gehasst. Ich habe es mit aller Leidenschaft und wirklich von Herzen gehasst, in diesen Kindergarten gehen zu müssen. Ich habe es so sehr gehasst, dass ich – auch wenn ich nur fünf Jahre Osten am eigenen Leib mitbekommen habe – immer noch aufstampfen und losgockeln will, wenn mir einer mit Sprüchen kommt wie „Damals war´s ja doch besser“ oder „So schlecht hatten wir es ja auch nicht“ oder „Wenigstens gab es Arbeit“.
Arbeit für runzelige Kindergärtnerinnen, die darin bestand, den Kindern unter ihrer Obhut vor jedem Mittagessen zu befehlen, die Arme vor dem Körper zu verschränken. Der eine Arm musste dabei akkurat parallel zur Tischkante liegen, zwischen den Fingern durfte kein Zwischenraum sein, das wurde sonst von den schwitzigen, beringten Frauenhänden sofort barsch korrigiert. Die rechte Hand musste zum Mund geführt und der Finger vor dem Mund so gehalten werden, wie man es macht, wenn man mit einem leiselauten Psssst Ruhe ankündigt. Nur, dass wir nichts anzukündigen oder auch nur irgendein Geräusch zu machen hatten. Unsere Aufgabe bestand einzig und allein darin, eine Stunde in dieser Haltung zu verharren, während vor uns das Geschirr auf den Tisch und das Essen verteilt wurde.
Es musste aufgegessen werden. Alles. Bis auf den letzten Rest. Danach brachte jedes Kind seinen Teller zu dem Tablett, neben dem ein rotes Eimerchen stand, zu dem uns irgendwann einmal erklärt wurde, es sei für die Resteentsorgung bestimmt. Wer sich jedoch jemals erlaubte, auch nur in die Richtung des Eimers zu schauen oder gar den Teller dorthin zu bewegen – sei es auch nur aus Versehen -, wurde mit einem lauten Schrei davon abgehalten. Befand sich noch etwas Speckrest oder sonst was ekliges auf dem Plastikgeschirr, hatte man so lange davor zu sitzen, bis es einem zu dumm wurde und man es mit allergrößter Kinderkraft schaffte, das Wasauchimmer doch noch hinunter zu würgen. Ich konnte das nicht. Ich gehörte aus Versehen und völlig unbeabsichtig zu den Rebellen. Außerdem hatte ich einen erlesenen Geschmack. Also stopfte ich mir aus Angst vor dem erbarmungslosen Schrei („Wer hat hier was in den Eimer geworfen?“) und der Strafe (man musste bei Benutzung des Eimers seinen Mittagsschlaf im Bad neben den Kindertoiletten, die damals NATÜRLICH keine Türen hatten, halten) – ich stopfte mir also die Einzelteile des Essen, die ich nicht hinunterbrachte, in die Hosentaschen. Teller leer, Problem gelöst. An den Blick meiner Mutter am Abend beim Ausziehen kann ich mich nicht mehr erinnern.
Und die Kinder, die nicht auf die Idee kamen, kleinteiliges in allerlei Taschen der Klamotte verschwinden zu lassen – ich gebe zu, bei Suppe wurde es jedes Mal schwierig -, die sich vielleicht wirklich daran versuchten, das Essen zu essen und sich dann übergaben, die wurden erneut vor den Teller gesetzt, auf dem sich nun Erbrochenes neben Erkochtem befand. Und sollten essen. Oder sie saßen halt stundenlang vor der Tür des Spielraumes. Konnte man sich selber und ganz allein aussuchen. Prima, diese Wahlfreiheit.
Meinem unglaublich sensiblen Geschmack ist es auch zu verdanken, dass meiner Mutter der Besuch bei einem Psychologen ans Herz gelegt wurde, ja, man habe sogar schon mit der Kindergartenleitung darüber gesprochen, das Kind sei eindeutig zu verhätschelt und habe schlechten Einfluss auf die anderen, denn es maße sich an, Apfelstücke mit Schale nicht ohne Protest zu verspeisen. Dies sei ein Angriff auf die Erziehungsgrundsätze der Republik, das ginge nicht. Man wolle außerdem eine schriftliche Bestätigung des Arztbesuches im Kindergarten vorliegen haben. Und das Kind sehe wohl seine Mutter zu oft, es müsse doch auf die Welt vorbereitet werden. Zu der Zeit bekam ich meine Mutter morgens nach dem Aufstehen um halb sechs ungefähr eine Stunde bis zum Kindergarten, zwei drei Stunden von Kindergarten bis zum Bett und am Wochenende zu Gesicht.
Bestimmt wurde auch, womit man seine Zeit im Kindergarten zu verbringen habe. Ich war ein Kind, das Zöpfe, Röcke und Mädchenkram nicht so richtig leiden konnte. Meine besten Freunde waren immer Jungs, meine Frisuren passten dazu, ich konnte mich später in der Schule dann geradeso für einen schräg vom Kopf abstehenden Minizopf erwärmen. Das war´s dann aber schon. Trotzdem wurde ich jeden Morgen mit Zeigefinger und Wehemenz in die Puppenecke geschickt. Und langweilte mich. Highlight des Tages konnte sein, wenn einmal im Monat die Vertreter des Betriebes kamen, die im Kongresszentrum am Alexanderplatz hin und wieder Modenschauen abhielten. Die suchten sich dann spontan VOR dem Mittagessen ein paar Kinder raus, man wurde in einem Barkas hingekarrt, vermessen, angezogen und stolperte dann geführt von zwei Erwachsenenhänden über einen Laufsteg, wurde wieder in seine normalen Klamotten gesteckt und zurück zum Kindergarten gefahren. Alles egal, alles prima, die Fahrt im Barkas war irre aufregend, ich hätte auch in einem Elefantenkostüm drei Stunden lang auf einem Bein um den Fernsehturm hopsen können, wenn ich dabei nur den Mittagsschlaf umgangen wäre. Der bestand nämlich aus anderthalb Stunden Rückenschmerzen, weil man sich auf den Spanholzliegen nicht ohne Geräusch bewegen und nicht ohne Erlaubnis bewegen durfte. Die Hände hatten neben dem Körper über der Decke zu liegen, auch dem Kopf war kein Seitenblick erlaubt, die Augen hatten geschlossen zu sein. Ich übte mich also in frühkindlicher Schmerzvertreibung durch Meditation. Das Yoga am Nachmittag, wenn die Kindergärtnerin wieder ihre Kopfschmerzen bekam, und wir - dieses mal mit hinter dem Stuhl verschränkten Armen - den Mund zu halten hatten. Man lernt sehr gut und ausdauernd, Lachen und Kichern zu unterdrücken, wenn zwölf Vierjährige verrenkt an einem Tisch sitzen, nichts sagen dürfen und sich nebenan die Erzieherin ins Nirwana seufzt.
Damals wusste ich nichts von meinem Onkel, dem Robin Hood des Kindergartens, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich versucht, ihm nachzueifern. Er tat das Einzige, was man eigentlich nur tun kann, wenn einen drei Kindergärtnerinnen dazu zwingen wollen, von der Suppe zu essen, bei dem einen schon allein vom Geruch der Würgereiz überkommt. Zwei Damen waren damit beschäftigt ihn festzuhalten, eine Dritte kümmerte sich um den mit Suppe beladenen Löffel. Aber jeder, der Kinder hat, weiß, wie flink diese sein können. Der kleine Herr Onkel schnappte sich also den Löffel und schlug diesen mit voller Wucht in den Suppenteller. Im Anschluss rutschte er auf Knien und mit ausgefahrener Schmolllippe aus dem Raum. Die innere Haltung zu bewahren war auch das Einzige, was wir damals wirklich gelernt haben.
Was der kleine Ausbruch meines Onkels für die Stasi-Akte der Familie bedeutete, ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. April 2008 um genau 16:51
Kategorie : Blicke, Moi | 10 Kommentare
Es tut weh, ich streite das gar nicht ab. Am Anfang tut es immer weh, die Welt schwillt an, das Blut staut sich in den Kurven und die Schienen sind nicht eben gebaut. Zu Beginn sieht man mit Absicht nicht hin, weil man denkt, das habe man schon hundertmal gemacht, das sei ja ein Klacks oder ein Fliegenschiss oder einfach nicht der Rede wert. Und dann tut es kurz weh, man bemerkt es vielleicht kaum, drückt noch einmal ordentlich mit dem Finger drauf rum, Pflaster drauf, gut is, weiter im Text. Und dann wacht man in der Nacht auf und weiß nicht, warum. Sieht sich vielleicht im Dunkeln um, um einen Grund, ein kurzes Flackern oder einen Ton zu finden, irgendwas. Aber da ist nichts und es tut trotzdem weh und du bleibst brav auf deiner Seite liegen, weil du es nur so kennst, weil es sich dort bisher gut geschlafen hat, weil du dich einfach nicht umdrehen kannst. Nicht mehr. Du beißt die Zähne auf die Innenseiten der Lippen, bis es blutet, und schluckst. Und während es in dir arbeitet und zetert, schläfst du ein, träumst wirr und bewunderst am nächsten Morgen die weiten Schatten unter den Augen.
Man vermeidet dann eine Weile die übliche Gangart, schaltet zurück, winkt mit dem anderen Arm, geht allein nach Hause. Und merkt erst, dass es weg ist, wenn man wieder ohne nachzudenken den Schlüssel mit der linken Hand aus der Tasche holt. Und es muss einmal weh tun, so richtig, meine ich, damit der Körper weiß, was auf ihn zukommen könnte. Damit er sich wappnet, mal ordentlich die Schotten dicht macht, die sensiblen Geräte in Bereitschaft versetzt, aufpasst, zuhört, mitmacht. Reagiert, wenn sich ein neuer Sturm anbahnt und standhält. Dann. Du musst es einmal im Höllentempo durch´s Blut jagen, damit auch jede Faser den Täter identifizieren kann, es muss dir einmal von innen gegen die Bauchdecke treten, in die Lunge beißen, an der Pulmonalklappe zerren, bis sie fast reißt. Damit sich Antikörper und Granulationsgewebe entwickeln können, kollagenreiches Bindegewebe nachgeschoben, spezifische Immunität erreicht. Es muss halt meistens einmal richtig scheiße weh tun.
Liz hat es verfasst, und zwar am 8. April 2008 um genau 11:35
Kategorie : Blicke | 6 Kommentare
Ich sehe sie erst, als ich mich umdrehe, um einen kurzen Blick aus dem Fenster auf das Wetter zu werfen. Um zu wissen, was ich gleich anziehen muss, um nicht zu frieren, ob es regnet vielleicht. Sie schaut mir zu, wie ich nackt im Bad stehe, ich erschrecke mich, sie steht für einen Moment einfach unbeweglich da, dann ruckt ihr Kopf herum, ihr Blick folgt schlagartig der Bewegung ihrer Halswirbelsäule, das schwarze Gefieder zittert für einen Moment. Beim Aufstehen mache ich mich klein, ich will nicht, dass sie wegfliegt, auch wenn sie mich beobachtet, ich beobachte sie ja auch, ich dusche sonst immer allein, ich schließe auch das Badezimmer immer ab. Aber im Haus gegenüber wohnt niemand, da fliegen Tauben gegen die Fensterscheiben, wenn sie nicht aufpassen. Dem Haus sieht man es von außen nicht an, aber wenn man aus der Küche in den Hof schaut, bemerkt man, dass in keinem Fenster Gardinen hängen außer in der rechten Ecke im obersten Stockwerk, dem vierten vielleicht. Die haben weiße, neue Fensterrahmen und einen Blumenkasten auf dem Fenstersims, manchmal sieht man einen Schatten vorbeihuschen, das sind die einzigen, die dort wohnen. In einem Fenster fehlt die Glasscheibe, jemand hat Pappe davor geklebt. Andere sind eingeschlagen, die Fassade aber ist frisch gelb gestrichen. Zu helles Dottergelb. Und manchmal verirren sich eben Tauben darin und finden den Weg nicht mehr nach draußen und fliegen immer wieder mit Vollkaracho gegen die Scheiben. Ich kann das von der Küche aus sehen.
Die Krähe schaut mir dabei zu, wie ich in die Badewanne steige, wie ich langsam untergehe, wie die Wasseroberfläche sich von meinem Hals bis über meinen Mund kurz vor die Nase schiebt. Sie sieht meine Knie und meinen Bauch, den einen Fuß aus dem Wasser ragen. Ich kann die Dachluke sehen und ihren Kopf, den Schornstein und eine Antenne, das helle Rot der Ziegel, das sich fleckig auf dem sonst eher dunkelbraunen Dach verteilt, ein Stück blauen Himmel. Drei Viertel des schmalen Badfensters sind matschweiße Wolken, eine Taube steigt im umgedrehten Sturzflug an der Krähe vorbei mit braun gefiedertem Bauch und weißem Hals. Die Krähe rührt sich kaum, hin und wieder zuckt ihr Kopf ruckartig hin und her, sie schaut mich an. Ich hebe langsam mein rechtes Bein, das Wasser läuft und tropft in Rinnsalen zurück in die Wanne, die Blickrichtung der Krähe kann ich nicht erraten, denn dort, wo ihre Augen sind, ist es nur rund und schwarz. Sie sitzt dort einfach und sieht mich untertauchen, während über mir der Himmel verschwimmt und wenn ich die Augen schließe, das plötzlich einfallende Sonnenlicht durch das Wasser durch mein Lid hindurch Reflexe auf der Netzhaut hinterlässt. Ein zwei Helldunkel und ich muss wieder Luftholen, die Hand von der Nase auf den kalten Wannenrand legen. Das linke Bein dazu. Mir steht Schweiß und Wasser auf der Stirn, als sie sich umdreht und springt. Ich kann sie nicht fliegen sehen, von hier sieht es so aus, als stürze sie sich die Kante hinab. Ich winke mit dem großen Zeh, das sieht sie nicht mehr. Die zwei gelben Enten auf dem Wannenrand grinsen. Eine Elster landet auf der Dachantenne. Sie bleibt zwei Minuten sitzen und steigt dann wieder auf. Der Duschvorhang hat dieselbe Farben wie die Wolken. Drei Viertel des Badfensters.
Liz hat es verfasst, und zwar am 1. April 2008 um genau 10:44
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Die Zeit ist falsch. Die Zeit, wie sie angelegt ist mit Zeigern und Stunden und Minuten, mit Tagen und Wochen und diesem Jahr, das funktioniert hier alles gerade nicht. Ich schreibe jeden Tag die gleichen Dinge in den Kalender und mache die, die nicht drin stehen. Mein Zeitgefühl kann im Spagat zwischen den Jahren einfach stehen bleiben und das für eine ganze Weile, während sich die Restwelt auf und davon macht, irgendwo ihre Fortsetzung nimmt mit neuen Personen, veränderten Umständen und anderen Farben. Und ich stehe da, als würde ich einen Stift in der Hand halten, und strecke den Arm aus. Halte ihn einfach nur und die Dinge fliegen vorbei, ein paar Fetzen bleiben hängen, ein Streifen läuft wie ein Quietschen die ganze Zeit mit. Einer roter Streifen Wachsmalstift auf allen Wänden, Stationen, Gesichtern, Fehlern und Ideen.
Ich werde wach, wenn ich im Bett liege. Und müde, wenn ich beschließe, aufzustehen. Also bleibe ich einfach still und lasse entscheiden. Starre auf den alten Mann, der wiederum nur ganz für sich an seinen vertrockneten Blumenresten vorbei auf die Straße starrt. Ich starre auf die beiden, die am Fenster sitzen und schwitzen und sich Worte über den Tisch werfen, die gehören eigentlich auf ein leeres Feld mit ganz viel Platz, aber nicht in diese Ecke, nicht auf diesen Tisch, nicht zwischen diese Kaffeetassen, nicht neben all die anderen. Vielleicht geht mir das ja ähnlich. Die Tage sitzen nicht. Die Tage sitzen so gar nicht, sondern laufen permanent rum, wechseln die Richtung, vergehen in einem Tempo, das ich am Kalender ablesen kann und an den Leuten, die anrufen, weil sie etwas wollen oder nicht wollen, weil sie fragen oder auf eine Antwort warten. Hier schwirrt ein Beat in den anderen, das macht noch keinen Rhythmus, das bringt mich nur aus dem Takt ständig. Das sieht man dann in den Dellen der roten Linie, des Fadens, in den Amplituden der Tage hinter jeder Ecke, auf jedem Material. Das lässt nichts aus, das ist immer da und eigentlich kannst du einfach zurückgehen und nachgucken, an welcher Stelle du dazu gestoßen und wann du wieder gegangen bist.
Die Zeit war falsch. Die Zeit, wie sie angelegt war mit Zeigern und Stunden und Minuten, mit Tagen und Wochen und dem Jahr, das funktionierte alles nicht. Ich schrieb jeden Tag Worte auf, die ich nicht aussprach und sagte die, von denen ich nicht wusste, was sie eigentlich bedeuten. Mein Zeitgefühl hüpfte die paar Jahre nach vorne und wartete nicht, während die Restwelt auf Pause sprang und jetzt ihre Fortsetzung nimmt mit neuen Personen, veränderten Umständen und anderen Farben. Und ich stehe da mit einem Stift in der Hand und du rennst vorbei mit deinen aufgeriebenen Stellen überall. Alle ganz rot.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. März 2008 um genau 23:34
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Sie sah gut aus, aber sie passte dort nicht hin. Die junge Frau mit dem roten Kleid und der blauen Schürze, den ordentlich zurück gesteckten Haaren. Sie cremte sich jeden Morgen und Abend die Hände, das sah man. Und die Nägel ließ sie sich machen. An den Füßen trug sie Halbschuhe, ordentlich geschnürt, die Schleife immer ein bisschen zu akurat. Dazu weiße Socken. Sie sah gut aus, aber sie hatte keine Ahnung. Der Meinung war ich jedenfalls immer gewesen, wenn ich schnurstracks an ihrem Gemüsestand vorbei zu dem großen Holztisch marschierte, hinter dem er stand: der Alte.
Die Augen saßen tief in seinem Kopf und drumherum bildete sich ein Wall aus Knochen, die Hände waren immer in Bewegung, aber dazwischen, wenn die Finger mal zugreifen, umwälzen oder sortieren mussten, sah man ihnen die Arbeit an. Die Hände arbeiteten immer allein, mit den Augen behielt er den Rest des Standes im Auge, die Auberginen und die großen Töpfe mit dem weißen Kraut, die Paprika in den Kisten am Boden und die Krüge mit Kräutern neben der kleinen Kasse aus Metall. Und immer dann, wenn die ersten schon zusammen packten, die Planen von den Ständen zusammen falteten, wenn es im Winter schon dämmerte, stand er fast. Still nie, aber er ging langsam hinter seinem Tisch hin und her, befühlte die übrig gebliebene Ware, steckte die Hände in die großen Taschen der blauen Latzhose, zog sich manchmal die Mütze zurecht und lächelte, wenn es ein guter Tag war, in sich hinein. Er sah eben aus, als verstünde er etwas davon. Als sei es mehr geworden als ein Müssen. Er brüllte nie, er war einfach da.
Und noch immer haben Verkäufer bei mir einen Stein im Brett, wenn man ihnen ansieht, was sie damit zu tun haben, wenn man nicht erst mit ihnen reden oder diskutieren muss, um herauszubekommen, ob da jemand Ahnung hat von dem, was er tut. Und wenn man im Gesicht sehen kann, wie das Lächeln gewandert ist über die Jahre, dass es die schlechten Zeiten und die Unfälle gab, die Leidenschaften und steilen Abhänge, dass sich jemand hineingekniet hat ohne danach alles wieder glatt zu bügeln, dann imponiert mir das. Ich vertraue solchen Menschen immer noch mehr als diesen renovierten.
Liz hat es verfasst, und zwar am 5. März 2008 um genau 16:41
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

Manchmal passt er einfach nicht, der naive Optimismus, der sich auf die Zukunft legen soll, damit wir nicht aufhören weiterzumachen. Oder weitermachen damit, nicht aufzuhören. Manchmal funktioniert es nicht zu sagen, dafür hätten wir morgen noch Zeit oder in ein paar Jahren. Dafür bräuchte es diese und jene Um- oder Kontostände, Person an der Seite oder innen drin. Da stehen dann nämlich noch Kanten über, wenn es um Dinge geht, die du schon eine ganze Weile mit dir herumträgst, leise und lauter, aber immer dabei, im Hinterkopf, verinnerlicht, fast angewachsen. Bei Menschen, die sich eingenäht haben in die Herzscheidewand, und bei Dingen, die wie ein Tinitus deine Wahrnehmung bestimmen, da geht das Konzept nicht auf. Da kann man den Termin nicht anklicken und verschieben, wo noch etwas frei ist.
Diese Sache mit dem Irgendwann ist eine schwierige. Weil es ja doch immer pocht und treibt und von innen gegen die Bauchdecke schlägt, egal, wie weit dein T-Shirt ist. Es wummert leise aber beständig wie Herzschlag und mit ihm. Nochmal dazwischen. Es ist das leise Klicken, das es zu etwas besonderem macht. Das aus der Reihe tanzt und das permanent. Da kannst du nicht sagen, das passe oder ginge jetzt hier nicht. Das kann nicht morgen wiederkommen. Denn, wenn es mal weg ist, weißt du nicht, ob es zurückfindet. Ob du dann noch da bist. Wenn man sich immer und immer wieder auf die Zukunft verlässt, ist irgendwann keine mehr übrig. (Und geduldig war ich eh noch nie.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Februar 2008 um genau 13:51
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare
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