Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Thema: Blicke

Majorenn.

Licht

Wir haben Freunde, die wegziehen, weil der Beruf es fordert. Und solche, die ihren Eltern helfen müssen. Wir sorgen uns nicht mehr um unsere Großeltern, nicht mehr nur, unsere Eltern, die sind jetzt dort, wo wir sie niemals haben wollten. An einer Zerbrechlichkeit angelangt, die wir nie erwartet hatten. Und wir, wir sehen uns in Spiegeln, wir schlagen uns die Nächte mit Träumen um die Ohren und kämpfen mit Vergangenheiten und einer Zukunft, von der wir selbst noch alte Tapete kratzen müssen, wir klopfen vorsichtig Wackersteine und Beton frei. Und Arzttermine vermeiden wir immer noch. Wir haben Knöchel, die abends anschwellen und Allergien, die wir plötzlich vererben könnten. Wir haben Freunde, die mit Bäuchen herumlaufen und manchmal eine kleine Sehnsucht. Wir haben keine Schulferien mehr, aber Urlaubsanträge und Steuererklärungen und als wir uns früher beschwerten, weil wir die Hosen von den Geschwistern und Cousins noch einmal tragen sollten, kaufen wir uns heute Boyfriendjeans. Wir zittern und taumeln und stoßen miteinander an, wir benehmen uns plötzlich ganz automatisch, wir senken die Stimme, hast du das gehört? Wir haben immer noch die kalten Hände und Füße, wir haben immer noch dieselben Verwandten und den Messbecher von früher im Regal. Wir haben die Kartons in feuchten Kellern stehen und manchmal noch immer Gespenster. Und all unsere Listen und Laute stapeln wir übereinander neben den Pfandflaschen, die wir nicht fort bringen, weil wir glauben und hoffen, der Automat sei endlich hinüber und ein Grund, heute das Haus nicht mehr verlassen zu müssen. Wir sind jetzt die, die sich einreden, das seien Lachfalten rund um die Augen, wir sind die, denen man früher erzählt hat, wie schwer und weit weg und wie lange das alles noch hin sei, wie viel Verantwortung man dann zu tragen hätte, wie viele Rechnungen zu bezahlen, wie viele Pläne in der Tasche und Stempel im Zahnarztheft.

Licht

An den zerknitterten Seiten, den Boxen mit Beschriftung, daran, dass wir gesiezt werden und uns immer noch darüber wundern, an unserem Kaffeekonsum, der Müdigkeit am Abend könnten wir erkennen, was sie damals meinten, als sie an unserem Badewannenrand saßen und das Handtuch anwärmten. Aber solange wir morgens nicht aufstehen, weil das Licht gerade genau richtig auf die Decke fällt, solange wir warten und schauen, wohin die Sonne es schafft, solange gilt der Welpenschutz, solange ist noch nichts verloren, rein gar nichts, hörst du?

Besuch

Taica

Die beiden.

Gänse

Die meisten meiner Jahre brauchen meistens ungefähr einen Monat, um wirklich loszulegen, um zu beginnen, sich auszukäsen und Dinge besser zu machen als das alte, ich habe manchmal das Gefühl, sie machen das mit Absicht. Recken und strecken sich, weil sie meinen, sie dürften sich das erlauben, sie seien neu hier, Anfängerbonus, Kükenkinkerlitzchen, all das, was man Ausreden und Beihilfen nennt, sie gucken so ein bisschen herum, während das alte Jahr rödelt und noch einmal ordentlich abhustet. Das neue Jahr legt sich derweil die Dinge zurecht, knackt noch einmal hübsch mit den Fingern, guckt ein bisschen rum, zieht hier und da Schubladen heraus und schiebt sie nicht wieder zurück, ach huch eine Stufe, soso. Und 2010 schnauft aus dem letzten Loch und kehrt die Reste zusammen. Einen Monat ungefähr geht das so, Silvester ist nicht der Jahreswechsel, meistens ist es der komplette Januar mit seinen eingetrockneten Luftschlangen, Eiswinden und Vermummungsaktionen, den meisten fällt es schwer, in ihm eine Güte zu sehen und er selbst hat es wirklich nicht leicht mit all den Ansprüche und Erwartungen, mit den Witterungsverhältnissen und der Laune, die ihm entgegen schlägt, eigentlich ist der Januar der chronische Verlierer unter den Monaten, weil er sich jedes Mal versucht am Ellbogen zu lecken und jedes Mal die für zwei Wochen doch durchgezogenen, neuen Vorsätze zu seiner Rechtfertigung angibt. Eigentlich aber steht er allein. Das alte Jahr will ihn nicht haben, das neue auch nicht so wirklich, weil es sich noch nicht eingerichtet hat und dazwischen murkst er so herum und weiß nicht, wo er hingehört, der arme Januar, er kann nichts dafür und wir auch nicht, wir halten ihn aus und wissen, dass er wiederkommt, wir holen tief Luft, wenn wir ihn kommen hören und halten sie an, bis er vorüber ist, die Wangen ganz rot, die Oberschenkel verkrampft. Und ist der Februar da, springt auf und hält sich einfach fest, als wäre nie etwas gewesen. 2011 beginnt immer dann.

Sepsis

grey

Was machst du jetzt? Es hat sich einfach festgebissen. Trägst du es mit dir herum, schleppst es durch den Tag und schläfst drauf in der Nacht, sodass du am Morgen mit Schräglagen aufwachst, die dort nicht hingehören, die du aber noch von früher kennst und mittlerweile durch einen ordentlichen Rumms gegen die Wand ausgleichen kannst? Machst du das wirklich? Nimmst du es mit und ignorierst es, oder redest du mit ihm, beschimpfst es gar, fragst es, was das eigentlich soll, obwohl du weißt, dass du keine Antwort bekommen wirst, nicht davon und nimmermehr, es ist stumm und es war schon immer stumm. Was es gut kann, ist kraftvoll zubeißen, so sehr, dass du dich manchmal setzen musst, damit es weitergehen kann. So sehr, dass du dich manchmal so gar hinlegen musst, damit es weitergehen kann. So sehr, dass das manchmal nicht einmal genügt, das einfach Hinlegen, sondern du dich wirklich auf den Bauch legen und das Gesicht in die Matratze drücken musst oder dich auf die Waschmaschine setzen in den letzten zwanzig Minuten. Manchmal lässt es dann für eine Weile ein bisschen locker. Und wenn es dann wieder zubeißt, sag mir, was machst du dann damit? Redest du ihm gut zu, versuchst du es mit warmer Lösung oder singen, Wärmepflastern oder Versprechungen, von denen du nicht weißt, ob du sie halten kannst? Wie stellst du das an, dass du nicht permanent deinen Arm schütteln musst, deinen Kopf, deine Schultern, damit es loslässt? Wie hältst du so ruhig?

I could fix you lunch. Or take you out for coffee.

Komm her, wenn du willst. Komm und sag nichts, du darfst in jedem Falle einfach nur stehen und schauen und warten, du darfst dich im Falle eines Falles auf den Boden werfen und mit den Fäusten schlagen, du darfst von mir aus versuchen, es einfach nicht zu bemerken, du darfst die ganze Nacht und den ganzen Tag heulen, dich erinnern, bitten und flehen, du darfst mir jedes Wort, das dir einfällt, an den Kopf werfen, und dich mir an die Brust. Du darfst es flüstern, dir vorstellen, in Zucker schreiben, du darfst es sprühen, und wüten, solange du möchtest, du darfst sitzen, wo immer du willst und aufstehen, wenn es genügt. Du darfst gehen und kommen und dazwischen herumlaufen, du brauchst dir keinen Kragen bügeln, keine Falten, du hast überhaupt nichts aufrecht zu erhalten, und ich werde mir Mühe geben, ich werde mir soviel Mühe geben, wie ich habe, ich werde bringen und holen und wegnehmen und meine Hände über deinen Kopf halten, überhaupt deinen Kopf halten, ich werde Kreise um dich ziehen, damit niemand dir zu nahe kommt jetzt, jeden Millimeter werde ich absuchen nach einer Möglichkeit, einem Halt, einem Unterstand. Ich werde da sein und dir jede Möglichkeit offen halten, ich werde dich lassen, nicht gehen.

Ich werde immer noch da sein.

For as long as I can’t remember.

For as long as I can't remember

Ich habe genickt und genickt und ich habe mir noch ein Wasser geholt und weiter genickt, ich habe so lange genickt, bis es zu spät geworden war, noch ein paar Worte hinzuzufügen und bei diesem Nicken blieb es dann einige Jahre, manche Worte verwittern. Wir hatten einen großartigen Kompost, ja, nahezu dem Erdboden gleich machte sich alles, was ich noch hatte sagen wollen, die Äste des Apfelbaumes verneinten nichts, nie.

How to change places. How to grow up.

Berlin

SDNMT live@la_pampa_festival from Sinnbus on Vimeo.

Feld

Lüdenscheid

Gasthaus Pretz

Zug

Ways

(Das vorletzte Bild verdankt die Welt Herrn Herrmann.)

This is the golden season and we are its leaves.

Himmel
Leave
Fassade
Tree

I like who we are when we are around us.

Manchmal muss man gehen. Die Wohnung, die Straße, die Stadt, das Land und auch den Kontinent verlassen. Manchmal muss man gehen und alleine sein, um die Dinge auseinander zu nehmen und neu zusammen zu setzen, damit der Staubsauger zuhause seine Arbeit tun, die Beutel ausleeren und das Darunter zum Vorschein bringen kann. Um sich mal zu schütteln. Um alle anderen zu schütteln. Um so laut schreien zu können, wie man will, und keine Wände um sich herum zu haben. Um was Neues zu sehen. Um alleine zu sein, wirklich allein, weil das nicht nur schlimm sondern dazu und oben drauf auch etwas ganz Wunderbares sein kann, weil man manchmal nämlich richtig allein sein muss, um wieder richtig zu zweit sein zu können.

(Und auch wenn ich weiß, es ist an der Zeit, es ist jetzt alles ganz richtig, werde ich morgen am Fenster sitzen und dein Flugzeug sehen und ich werde winken und die Dinge hier in Ordnung bringen für dich, weil es in Ordnung sein muss, wenn du zurückkommst, egal, wann du zurückkommst, es hat alles in Ordnung zu sein, und dein Zuhause wieder ein richtiges Zuhause, ich sorg dafür, sorg du dich nicht, du hast genug davon gehabt, ich übernehme das, du fliegst, aber ich werde da sitzen an diesem Fenster und dich vermissen, weil es hier nicht so ist ohne dich, wie es mit dir ist, es ist einfach anders, aber wir sehen uns dann, denn das mit dem Universum ist eine ganz gute Geschichte, da funktioniert das mit den Taschenlampen noch, und hier unter meiner Bettdecke und drumherum wird es dunkel, während es bei dir hell wird, ich habe die Batterien aufgeladen, es funktioniert. Ich versprech’s.)

100 Tage. 100 Photos.

Happy Birthday

Vor 100 Tagen habe ich mit meinem Projekt “This day next year” begonnen und heute wird das 100. Photo gemacht. Was ich merke: So schwer ist es nicht. An jedem Tag ein Bild zu machen bedeutet nicht das momentnahe Hochladen, wir sind in Besitz moderner Technologien, die auch die nachträgliche Dokumentation möglich machen. Abgefahren und oberirre. Und was es kann: Es hält so schön vor Augen, was war. Die kleinen Dinge zwischen vier Linien. Schaffe ich 365, werden diese gedruckt und ins Regal gestellt.