Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

The Future

Movie Poster

Ich habe neulich Miranda Julys neuen Film “The Future” in den Tilsiter Lichtspielen gesehen. Und als wir herauskamen, hatte ich zuerst diese kurze Yay-Gefühl, eine kleine Euphorie gepaart mit der seltsamen Wahrnehmung, die man hat, wenn man aus dem Theater oder einer Inszenierung kommt, einem Film, der mehr war als Unterhaltung, und nach dem man das Gefühl hat, jede Bewegung, jedes Wort, jeder Blick würden aufgezeichnet, spielten eine Rolle und hätten eine Bedeutung, die über ihren Selbstzweck hinausgeht. (Kennt man das? Darf ich hier “man” benutzen oder geht das nur mir so?”) Ich jedenfalls - ich bewege mich vorsichtiger nach solchen zwei Stunden, meist bin ich recht still, laufe langsamer, schaue und kurz ist es, als wäre alles um einen Zentimeter verschoben. Aber das Gefühl tritt sich meist schon hinter der nächsten Häuserecke fest. Jedenfalls: Auch nach “The Future” ging es mir kurz so, als wir auf die gelb beblätterte Straße hinaustraten zwischen die Laternen. Und als wir während der zweiten Runde um den Block leise über den Film sprachen, wurde das Yay-Gefühl zu einer kleinen Enttäuschung. As some would say, I think she played it save. Und um der ganzen Abfeierei etwas entgegen zu setzen, habe ich versucht, die Gründe für das leichte Missfallen in meinem Kopf zu ordnen. Alles subjektiv, alles ohne Hintergrundlektüre, alles Momentaufnahme.

/ Wie mochte ich den Anfang, die Inszenierung der Paarbeziehung auf engem Raum, wie sehr gefiel mir das abgeklebt bunte Fenster, das das Licht über dem Bett von Sophie und Jason abfängt, man schaut nicht nach draußen von dort, man bleibt im Raum und konzentriert sich auf alles, was sich dort abspielt. Und ja, ich mochte es, wie die beiden Mitdreißiger sich eine Aufgabe suchten, die Adoption einer Katze als Schritt in ihrer gemeinsamen Beziehung deklarierten, für den sie nun bereit seien. Wobei der Betrachter durchaus schmunzeln mag, weil man eigentlich wissen kann, dass das weniger ein Schritt ist, der so geplant im Kochbuch steht, als mehr der Ausweg aus der Einöde, der muntere Versuch einer Abwechslung, die man eben als bewusste Entscheidung deklariert, weil man sich die Langeweile selten eingesteht.

The Couple

/ Womit wir bei der Katze sind, die sie aus einem Tierheim holen möchten, von einer Krankenstation, auf der Tiere wohnen, die nicht mehr so lange zu leben haben. Sie suchen sich also eine Abwechslung, von der sie wissen, sie ist zeitlich begrenzt. Verantwortungsmanagement im Sinne von: “Das legt uns nicht fest, zumindest nicht dauerhaft, nur auf 5-6 Monate verbleibende Lebenserwartung eines Tieres.” Die Katze spricht und auch hier muss ich lachen, weil ich sofort Mirandas Stimme erkenne, sie scheint einen Hang dazu zu haben, spielte sie doch in “Me and you and everyone we know” ebenfalls verteilte Rollen mit sich selbst, nur dass man ihr damals direkt dabei zusehen konnte. Der ungeübte July-Zuschauer mag sie nicht sofort erkennen, ich selbst erkannte in der Vermenschlichung der Katze sofort ein July-Element. Und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es davon viele geben würde. Und sie mich langweilten. Ist die Katze also am Anfang Mittel zum Zweck einer Auflockerung, wird sie im Laufe des Films zur knallharten Metapher, ganz ohne Augenzwinkern. Und wo man am Anfang noch dachte “Och lustig”, fährt es einem später kalt über den Rücken, weil die Plattitüde auf die Ästhetik drückt und zwar so, dass man es beinahe nicht aushält. Natürlich wartet die Katze vergeblich auf die beiden, natürlich stirbt sie und Seele trennt sich von Körper, natürlich fährt sie hinaus in gleißend helles, warmes Licht und eine Ewigkeit, in der sich jedes Warten, jede Sehnsucht und jeder Ich-Bezug auflöst und man einfach nur noch ist. Aua. (In der aktuellen Ausgabe der “Du” wird übrigens Miranda Julys Suche nach sich selbst thematisiert, betrachtet man den Film unter diesen Aspekten findet das Eine zum Anderen und macht die Katze zum Fokus der (haha) Katharsis. Aua.)

/ Um bei diesen Gott-Afterlife-Metaphern zu bleiben, kommt mir direkt das Bild von Jason in den Sinn, der sich in seiner Wut auf die aus dem Alltag ausbrechende Sophie in einen Zeitstillstand flüchtet, über den er dann die Kontrolle verliert. Wie er aber am Meer steht und es plötzlich doch schafft, die Zeit weiterlaufen zu lassen und sich nicht in der Unendlichkeit verheddert, wie er die Arme hebt, sich die Wellen fügen und auf ihn zurollen, wie er macht, dass die Gezeiten wieder funktionieren, in seiner Abhängigkeit und seinem Zwiegespräch mit dem Mond, erinnert er mich an den kleinen Hävelmann. Und das auf eine ungute Art und Weise, obwohl ich das Bild von Gezeiten eigentlich mag.

Sophie

/ Und so kommen wir noch einmal kurz zurück zu einer mir doch sehr angenehmen Szene, weil sie die Nähe zwischen Jason und Sophie, die sie sich über Jahre aufgebaut haben, direkt am Anfang des Films wunderbar zeigt. Sie haben ein Spiel, die beiden, wenn Jason ein Signal gibt, hält er die Zeit an und Sophie fügt sich, das heißt, sie bewegt sich nicht und beide verharren in einer Stille und der jeweiligen Position. In ihrem Alltag funktioniert diese Geste als liebevolle Eingespieltheit, im späteren Verlauf des Konflikts wirkt sie wie der erste Einfall, den man haben kann, wenn man überlegt: “Okay, was könnte Jason tun, um Sophie nicht gehen zu lassen? Na gut, hält er halt wieder die Zeit an.” Sie fügt sich diesem Spiel ohne einen Mucks und er weiß weder vor noch zurück. Als Bild: Schwierig, weil platt.

/ Ebenso flach waren meiner Meinung nach die Kamerafahrten, die hier und da und vor allem in Momenten der Unsicherheit dem Blick von Sophie folgten und recht offensichtlich ihre Entscheidungsschwäche ausdrückten. Blick auf die Vase, Blick auf den Teppich, Blick zurück auf die Vase, Blick auf die eigenen Füße, zitterzitter, wohin wohin. War man ihr doch in ihrem Tanz (denn ja, Sophie ist Tanzlehrerin für Kinder und versucht sich selbst an einem YouTube-Marathon, bei dem sie an 30 Tagen 30 Tänze aufnehmen will - und scheitert) viel näher. So gibt es eine Szene, in der sie in einem Zimmer im Haus ihres Geliebten an einem Abend, als die Sehnsucht sie überkommt, anfängt zu tanzen, sich an den Wänden zu reiben - und man bekommt das Gefühl, sie versuche, die Sehnsucht loszuwerden, die sie immer wieder an zuhause denken lässt, sie versucht, sich das Neue zu eigen zu machen. Was durch den entsetzten Blick ihres Geliebten, als er sie dabei ertappt, gestört und unterbrochen wird. Ebenso schön dazu im Vergleich der Alltag, den sie mit Jason hatte - und in dem es völlig normal war, dass sie in eine Alltagsbewegung eine Tanzgeste mit einbaute oder sich hier und da etwas anders fortbewegte.

/ Was ich an Julys Geschichten mag, ist die Rolle des Kindes und der Versuch, Kinder etwas vermeintlich erwachsenes tun zu lassen. Oft bleiben in Julys Geschichten die Kleinen relativ unbeeindruckt von Umständen, die den Großen zu schaffen machen, sie führen ihre Handlungen fort und begeben sich in Situationen, die jeder andere für absurd hielte, für die Kinder jedoch das Selbstverständlichste von der Welt scheint. Im ersten Moment fällt es dem Betrachter leicht, die Kinder für weise zu halten, sie übernehmen schnell die Rolle des unaufgeregten allwissenden Großvaters im Sessel in der Ecke. Auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich diese Weisheit als simple kindliche Rationalität, die wir so gern als Weisheit begreifen, weil sie sich auf Wesentliches beschränkt. Am Ende bleiben Kinder immer Kinder und dem Erwachsenen fällt das erst auf, wenn sie zurückkommen auf der Suche nach Hilfe oder simpel gescheitert sind in ihrem Vorhaben. Dass man selbst erst denkt “Woah, Superkind, superschlau” mag an der Sehnsucht nach angeborener Weisheit liegen, bei der wir oft übersehen, dass wir uns Weisheit durch Erfahrung erarbeiten müssen. Aber auch in “The Future” kam mir das Kind zu kurz, es wurde in seiner Entwicklung nur angeschnitten, genauer gesagt die Tochter von Sophies Geliebten vergräbt sich eines Abends im Garten und möchte in der Erde schlafen, während der Vater sie in dem Glauben der Sicherheit einfach gewähren lässt. Nachts kommt das Kind weinend und angstvoll zurück und wird von Sophie in die Badewanne gesetzt, eine mütterliche Geste, obwohl die beiden sich eigentlich fremd sind. Was ich hätte wissen wollen: Was hat sie erlebt, und wie erklärt sie das am Morgen dem Vater? Bereut er, das nicht vorausgesehen zu haben?

Floor

/ Apropo Nähe-Distanz-Problem. Ein weiteres July-Element ist meiner Meinung nach ihre Konfrontation von Fremden mit sich selbst. Hauptfiguren haben bei July den Drang dazu, sich fremden Menschen ins Leben zu werfen und zu sagen “Hallo, hier bin ich. Und jetzt mach was damit. Reagiere bitte.” Ob dahinter die Verarbeitung der Beziehung zwischen Schicksal und Zufall steckt, vermag ich nicht zu sagen, gleichzeitig merke ich jedoch, dass es mich jedes Mal für einen Moment verstört, weil damit alle persönlichen Schutzräume aufgehoben werden, also wenn jemand kommt und sich vor dich stellt und dann dort nicht weggeht, oder ob er anruft und dich Sachen fragt und wieder anruft und noch einmal Sachen fragt. July lotet hier jedes Mal ebenfalls die Gefühle des Fremden aus, der plötzlich jemanden vor der Nase hat und zwischen Misstrauen, Neugier, Faszination und Unbehagen hin und her gerissen ist.

Was ich sagen wollte: Ich bin enttäuscht ob der sich wiederholenden Motive ihrer Geschichten, ob der Plakativität ihrer Metaphern und der augenscheinlichen Aufgabe, die dieser Film hat als Teil eines Puzzles im Projekt der Inszenierung einer Suche nach sich selbst und dem Verlassen der eingefahrenen Bahnen. So sehr ich mich über die Erzählweise zu Beginn des Filmes freute, so enttäuscht war ich bei der Auflösung dieser Erzählstruktur in ein Bildergewitter, das überfrachtet war mit ausgelatschten Anspielungen und sich vermengenden Ebenen.

Ach Miranda.

brottför

Fox

First I went through broken glass, then through grass, then it was this forest where every tree looked the same, where you go round in circles cause you are human and humans always have a certain drift. Then there was this ocean that I didn’t how to cross but just began to swim including the possibility of drowning. Then I lay down, wet and tired and those old days were no longer visible to me. The horizon scared the shit out of me. It was like new bed linen and how you wait some minutes before you finally fall into it. I picked myself up, I collected some sea shells, I never found a drift bottle but I recovered. I followed the horizon as if the shore was the opposite hand. And then I realized that it’s ok now and that the broken glass got rounded edges all along the way. It looks pretty nice when you pick it up, so the light can get through. I love you but I’m not yours anymore.

There you are.

Geburtstagsblumen

There is always the risk; something is good and good and good and good, and then all at once it gets awkward. All at once, she sees you looking at her, and then she doesn’t want to joke around with you anymore, because she doesn’t want to seem flirty, because she doesn’t want you to think she likes you. It’s such a disaster, whenever, in the course of human relationships, someone begins to chisel away at the wall of separation between friendship and kissing. Breaking down that wall is the kind of story that might have a happy middle —- oh, look, we broke down this wall, I’m going to look at you like a girl and you’re going to look at me like a boy and we’re going to play a fun game called Can I Put My Hand There What About There What About There. And sometimes that happy middle looks so great that you can convince yourself that it’s not the middle but will last forever.
(John Green, Let It Snow)

Wenn ich sage, ich möchte gehen, lässt du mich?

Tissa

Ist das noch Stolz oder schon Neurose? Wenn du einen Stein mitbringen sollst von einem fernen Strand, wie suchst du den aus, der es wert ist? Warum bleibst du so lange? Hast du schon einmal eine Telefonnummer angerufen in der Hoffnung zu hören, wie ein Gletscher schmilzt? Wie viel kannst du ertragen? Ist es das, was du das ganze nächste Jahr machen willst? Was ist deine Durchschnittsgeschwindigkeit? Wann geht dein Nachbar zu Bett? Wem wünschst du Gesundheit? Wie viele Millimeter passen in eine deiner Wimpern? Bist du schüchtern eigentlich? Möchtest du deinen Namen behalten? Seite, Rücken oder Bauch? Fragst du um Hilfe? Wenn du deinen Schlüssel vergessen hast, wo gehst du hin? Wenn ich fort bleibe, was suchst du dir aus von all meinen Sachen, was nimmst du mit? Wann spielst du? Ein Jahr immer allein oder ein Jahr immer zu zweit? Hast du schon einmal etwas erfunden, das man anfassen kann? In deinen Kisten, weißt du, was drin ist ohne nachzusehen? Ernst oder erwachsen? Tasse oder Glas? Nasen- oder Zahnfleischbluten? Wenn du sagst, was du glaubst, was ich denke, sagst du dann eigentlich, was du gerade fühlst? Die Hand im Nacken oder an der Hüfte? Hast du vielleicht irgendwo eine Vorstellung von Romantik liegen, die noch nicht angelaufen ist? Gibst du dich zeitweise her? Kaufst du Obst? Glaubst du, das reicht? Wie viele Spiegel besitzt du? Wenn ich sage, ich möchte gehen, lässt du mich? Hast du schon einmal etwas unter deinem Laken gefunden? Und wenn du nachts aufwachst, wo liegen deine Hände dann? Bist du das letzte Wort oder das erste? Ebbe oder Flut? Und sag, wie oft im Leben sieht man sich wieder?

I am trying to get lost

Lisa tanzt

Das ist die Zeit. Die Zeit dafür, das Buch von Anke Gröner zu lesen, die Hälfte in kürzester Zeit, dann kurz weglegen, die Augen schließen, die Sonne spüren, die noch nicht gegangen ist, obwohl jeder das erwartet hatte. Und all das, was gerade passiert, versöhnt mich mit der ersten Jahreshälfte, jetzt hat das Jahr seinen Takt zurück, nie war mir Wetter egaler als jetzt, es könnte regnen und ich würde es gut finden, es könnte schneien und stürmen und ich wäre glücklich, die Ruhe ist zurück und richtet sich ein. Das ist die Zeit dafür, nur mit sich selbst zu sein, zu sitzen und zu beobachten, zu liegen und nichts zu tun, endlich einmal wieder, um dann Anlauf nehmen zu können, Anlauf für all die Dinge und Kilometer, die Stille vor dem guten Sturm, meine Hand zittert nicht mehr. Sich herausnehmen, Dinge abzusagen, um alleine zu sein, was man so lange nicht war, so viel Raum für einen ganz allein und nichts liegt mehr unbetrachtet herum, es gibt für alles einen Platz. Die Zeit des “Mal sehen” ist vorbei, es ist Zeit für das Ja, die Prioritäten sind sortiert und die Blätter immer noch grün. Ich kaufe Blumen und schreibe wieder, ich habe an allem gerüttelt und freue mich über die Dinge, die fest sind, die halten. Eine Zeit für das neue Apparat Album im Hinterhof. Zeit für diesen Stapel Bücher, für das Weitergehen nach dem Umblicken und Anhalten, ja, ich will. Ich will.

Bucket List

Caro

2008 habe ich eine Liste aufgeschrieben mit Dingen, die ich unbedingt einmal tun möchte. 2009 noch einmal. Im Jahr 2010 habe ich das aus seltsamen Gründen nicht getan, das kann daran liegen, dass 2010 so ein großartiges Jahr war, in dem Dinge passierten, die ich mir nie hatte träumen lassen. Jetzt ist 2011 und ich glaube, es ist Zeit Revue passieren zu lassen, die Liste zu modifizieren und noch einmal neu zu schreiben. Manches aus den vorherigen Jahren ist mitgekommen, manches nicht, weil ich es getan habe oder weil ich älter geworden bin. Alles in allem: Ja, ich will.

An den großen Wasserfällen stehen. In einen Vulkan spucken. Ein Nordlicht sehen. Ein Iglu bauen. Tauchen gehen. Ein Duett mit Matt Berninger oder William Fitzsimmons. Surfen. Meine Ungeduld abschaffen. Kopfstand können. Meine Lieblingsstellen aus Büchern bis auf das letzte Wort auswendig aufsagen. Ein Kind bekommen. Mit geschlossenen Augen das Ziel aussuchen und sofort losfahren. Aus zehn Metern ins Meer springen. Selber Auto fahren. Ein Lied widmen. Ein Stück auf dem Klavier spielen können. Jemanden am anderen Ende der Welt wiedersehen. Noch einmal eine Platte aufnehmen. Eine Etagentorte backen. Ein Kleid nähen. In einem Doppeldeckersegelflugzeug fliegen. Transsibirische Eisenbahn fahren. Meine Leberflecke zählen lassen von einem, der sie sich merkt. Etwas, das mich aushält und das ich aushalte. Mehr lesen. Die Geduld, mich in Kamerafunktionen hinein zu fitzeln. Mehr Sport. Mehr singen. Mehr Mut. Mehr Wasser trinken. Besser loslassen. Die Entscheidung für eine Handschrift. Mehr Luft. Freihändig Fahrrad fahren. Nach Island fahren. Irgendwie ein besserer Mensch werden. Mehr Platz, mehr Raum. Ferien auf dem Bauernhof. Weniger aber besseren Kaffee. Diese Hand voll Menschen weiterhin behalten. Ein Ozeangemälde übers Bett hängen. Noch ein Buch schreiben. Mehrere Monate am Meer verbringen.

Am 10.10. fange ich damit an.

Kardieren

Naja

“Das große Ganze ist ein Scheiß, weißt du. Wenn jemand dir erzählt, du solltest doch mal das große Ganze betrachten, dann kotz ihm einfach gepflegt vor die Füße, das große Ganze ist nämlich eine faule Sau im Gegensatz zum Kleinen, das große Ganze rauscht nur und fiept nicht, das große Ganze lehnt sich mal schön zurück, wenn du mit dem Fuß in den Speichen hängen bleibst, weil das große Ganze sich heute schon einmal ordentlich kaputt gelacht hat. Das große Ganze hat’s nicht so dramatisch, weil es sich fett gefressen hat, damit es die Lehne nicht mehr merkt und das große Ganze ist ja eh viel zu weit weg, um etwas daran zu ändern, weil es nämlich schlau ist, das große Ganze. Es bläst sich auf und flötet davon und am Ende guckst du blöd, weil das große Ganze da oben herumhängt und dir jeder erzählt, du solltest es doch mal betrachten. Haste am Ende aber auch nix von, weil dir die Möwe trotzdem auf die Schulter kackt, da ändert das große Ganze mit seinem Ballonbauch auch nix dran, da kannste nämlich sogar mit Anlauf reinrennen und das große Ganze juckt es nicht einmal, vielleicht sieht es den Schatten kurz, aber hübsch, dass du es versucht hast. Das große Ganze zeigt dir einen Vogel, wenn es dich herumtanzen siehst, deswegen rate ich dir, lass es da hängen, kümmer dich nicht um das große Ganze, das ist es nämlich nicht gewöhnt, da guckt es dann doof, also wenn du einfach weitergehst, meine ich, wenn du nicht voller Ehrfurcht aufschaust (ja, die zweite Hälfte des Wortes ist Furcht), sondern damit anfängst, ihm die Socken aufzuribbeln, such dir halt ‘nen Faden, weißt du. Egal, welchen. Such dir einen und dann zieh dran und da guckt das große Ganze nämlich irgendwann ziemlich bescheuert aus der Wäsche, die es dann nicht mehr anhat, weil sicherlich jemand mitmacht, wenn er dich so ziehen sieht, weil du sehr schön aussiehst dabei (das kann das große Ganze aber nicht sehen, weil es so fett ist, das sieht nur jemand, der so ist wie du). Und wenn ihr dann zwei seid und an unterschiedlichen Fäden zieht, da guckt es sich in ein paar Wochen um, dieser Haufen großes Ganzes, dann wird ihm nämlich kalt und dann kann es sich mal faschiert legen bzw. sich selbst faschieren, weil es ja eh schon herumliegt, so träge und müde und unantastbar. Wenn du einfach irgendwo anfängst, wirst du irgendwann den Punkt erreichen, an dem das große Ganze nicht mit dir gerechnet hat. Und dann, dann hast du genau das erreicht, was du wolltest.”

Der Cortex bemüht sich.

Ich weiß noch, wie die Sonne stand, als ich den Arm, an dem keine Hand mehr war, in der Tasche verbarg. Es tat nicht weh, es blutete nicht, sie hatten das Ganze als medizinische Maßnahme beschrieben, die jetzt sein müsse, sie würden das am Ende noch einmal ausbessern, für heute ginge das so ohne Verband und ohne Schutz, ich würde halt ein wenig aufpassen müssen hier und da, Dreck wäre nicht so gut, aber Luft dürfe da ruhig rankommen, das sei nicht so das Ding. Ja, sie würden mir eine neue Hand besorgen, eine, mit der alles geht, was mit der alten auch ging, dass es die rechte gewesen sei, das sei für diesen einen Tag sicher hinderlich, aber man könne ja auch mal die Leute um einen herum fragen, für sowas seien die ja schließlich da, und dass ich gerade heute keine Schuhe mit Schnürsenkel tröge, welch ein Glück. Sie sagten, welch ein Glück und ich dachte darüber nach, wie ich all die Dinge an diesem Tag tun würde, ohne den Arm aus der Hosentasche zu nehmen bzw. das Handgelenk, an dem etwas fehlte. Wann ich morgen da sein könne, sie müssten das ja noch einmal abmessen, ob ich schon aufgeregt sei, so eine neue Hand bekäme man ja nicht jeden Tag, andere müssten da schon eine ganze Woche warten. Ich hatte keine Antwort, vielleicht würde ich einfach vor dem Krankenhaus warten auf der Bank und eine Zeitung über meine Beine legen. Ich vermisste meine Finger, ich wollte meine Hand zurück, so sehr, das Gefühl war nach dem Aufwachen immer noch da, ich musste die Hand, die rechte, auf mein Gesicht legen und ein paar Sekunden warten, die Handfläche samt Linien an der Nase, die Sehne des Handgelenks an den Lippen, die Fingerspitzen am Scheitel, alles noch da. Einatmen ausatmen. Alles noch da. Fast alles.

The seaside is waiting.

PanAroma Bar

Hundreds - I Love My Harbour by Small Panthers by Sinnbus

In zwei Tagen ist Herbst, was in meinem Kopf als Assoziation Oktober meint, aber noch nicht ist, gerade so noch nicht. Im Herbst verschwimmen meine Prioritäten, ich kleide mich innen drin mit Flanell aus, damit die Dinge, die herunter fallen, kein lautes Geräusch machen. Herbst hat nichts mit Härte zu tun, kein bisschen, die Dinge passieren langsam und genüsslich, man kann sich verabschieden, aufräumen, anfangen und später an einem Ufer sitzen mit dem Gesicht in der Sonne, die ist immer noch warm so wie die Farben und Socken und wie es ist, wenn jemand, den man mag, nur drei Zentimeter entfernt sitzt. Im November kommt ein Album heraus, das schon jetzt passen würde, “Variations”. Verschiedene Künstler bearbeiten, verändern und covern hier Hundreds Songs und ich werde dem Hausmeister sagen, dass er das Licht unten an der Haustür reparieren muss, weil es flackert, die ganze Nacht flackert es, und das passt nicht zum Rhythmus, den gerade alles hat. An den hellen Tagen straucheln Sonnenbrillen immer noch in unseren Frisuren, an den dunklen Tagen legen wir die Bettdecken nicht ab, wenn wir zum Bäcker gehen. Die Raketen fliegen wie Vögel fort, nur nicht in Schwärmen.

(Foto: Katinka)

Spekulatius

Das große Tier

Marzipankartoffeln kann man wieder kaufen, es geht los, obwohl noch nicht einmal offiziell der Herbst angefangen hat. Ich habe an einem Sommersonntag in meiner Küche eine Geschichte namens “Das große Tier” aufgeschrieben, die nun in einer Anthologie im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Die Anthologie heißt “Der 24. Dezember” und versammelt Gedanken und Erzählungen zum Umstand Weihnachten. Neben mir finden sich dort Autoren wie Oswald Egger, Urs Faes, Anna Katharina Hahn, Angela Krauß, Sibylle Lewitscharoff, Andreas Maier, Thomas Meinecke, Robert Menasse, Doron Rabinovici, Judith Schalansky, Clemens J. Setz und viele andere. Ja, es ist seltsam, so etwas zu schreiben, wenn draußen noch 17 Grad sind und überall die Fenster offen stehen. Aber ich freue mich.