Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Tag: Corona

Schneekugeln

„I feel like i am in one of those snow globes that you bring home from travelling. And i still need some time for things to settle.“ – „You should consider stopping all your jumping around the house, or go outside to do it, or you will keep stirring up the snow. Also maybe put your penguin in her enclosure.“

C. sagt, es gibt dieses Gefühl davon (das kennen nicht viele, aber ein paar, ich zähle mich zu denen, die es kennen), dass man plötzlich nicht mehr weiß, wo man anfängt und wo man aufhört. Der eigene Körper, das Selbst. Und dann braucht man jemanden, der einen festhält, der einem mit dem Finger die Grenzen nachzeichnet, einen Druck von außen ausübt, damit man wieder spürt, wo man zu Ende ist. Wir sind die, die jetzt eine ganze Weile ohne diesen Jemand auskommen werden müssen.

P. schreibt, sie sei eigentlich nicht jemand, der ständig berührt werden müsse, der gern zuhause sei, der keine laute Musik oder Bars braucht, aber die letzten Tage seien eine solche Herausforderung gewesen, plötzlich sei das Gefühl in einem hochgekommen, man wolle genau jetzt dann doch die engsten Menschen umarmen. Und sie wisse nicht, warum. Ich glaube, die Stille ist etwas, das wir meistens nur gut ertragen, wenn sie selbst wählen dürfen.

In jedem dieser Worte hier steckt Banalität, aber ich kann gerade noch nicht aus anderen Universen erzählen, ich kann nur diese vier Wände beschreiben, obwohl ich alles andere sehe. Sobald ich anfange, über fremde Realitäten zu sprechen, klingt es unzulänglich und nicht weitreichend genug. Ich sehe sie, aber hier an diesem Platz finde ich noch nicht die richtigen Worte dafür, hier an diesem Platz bleibe ich bei den kleinen Beobachtungen, diese sind am einfachsten zu beschreiben. Der Rest ist zu groß.

Tagsüber fällt mir manchmal ein, wie gut es wäre, jemanden in der Küche lachen zu hören, der sich über etwas freut, das man gerade nicht sehen kann, das nur ihm gehört. Und Radioheads „Where I end and you begin“: I can watch but not take part. Where I end and where you start.“ Die Nächte sind traumlos, die Morgensonne hält meistens bis in den frühen Nachmittag hinein. Ab halb drei fällt sie so, dass ich im Sessel sitzen kann und sie mich trifft.

Die einen gewöhnen sich gerade an die Abwesenheit des Planbaren, an die Nähe zu manchen, an die veränderte Nähe, an das neue Zeitgefühl in welcher Variante auch immer (wie schnell das auch geht, dass zumindest ein paar wesentliche Teile des Körpers die neue Realität annehmen, sich drauf einstellen, justieren). Die anderen treten gerade erst hinein in dieses Zimmer, in dem alles plötzlich an einem anderen Ort steht, in dem es laut ist und sehr leise zugleich, in dem das, was vorher da war, zehnmal dick unterstrichen wird, das Gute und das nicht so Gute, die stehen noch in der Türschwelle und würden am liebsten sofort kehrtmachen, doch im Blick zurück gibt es gerade vor allem Melancholie und Sehnsucht und nicht viel mehr.

Jeden Morgen bringt Opi seiner Freundin im Pflegeheim einen Jogurt nach unten. Sie wohnt im zweiten Stock, er im siebten. Er bekommt zwei und mag Jogurt nicht ganz so gern. „Sie bekommt das Innere, ich das Äußere“, sagt er und meint, das er nach dem Essen die Plastikbecher ausspült und wieder mit nach oben in sein Zimmer nimmt, um Kleinigkeiten darin aufzubewahren. Einerseits meckert er immer über zuviel Kram, andererseits holt er sich immer neuen dazu. Alles muss seinen Ort haben, damit er es nicht so einfach vergisst. Er hat es lieber, wenn die Dinge nicht lose auf dem Tisch liegen, sondern in einem Gefäß sind.

„Imagine light as touch. Looking out of the window is still a perspective.“

Und das.
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D. hat mit ein paar Menschen zusammen einen Solidaritätsfond gegründet. Sie sammeln Spenden, um freie Bühnen- und Tontechniker:innen, Beleuchter:innen, Stage Hands und Veranstaltungshelfer:innen zu unterstützen. Vielleicht helft ihr auch, wenn ihr könnt.

I am putting my face on you again in order to perceive a very small thing inside your chest

Ich habe das Gefühl, wir führen jetzt ein Episodenleben. Season 1, Episode 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10. Pause. Press play. Season 2. Trailer. Exhaustion. Trailer 2. Episode 1,2,3. Season Break. Episode 4,5,6,7,8- Am liebsten würde ich von jedem Tag ein Foto machen. Nicht von einem Moment, sondern von allem. Um zu sehen, was genau geschieht. Um mehr Zeit zu haben, die Unterschiede zu erkennen, aber eben auch das, was bleibt.

Die Planbarkeit kommt abhanden und mir manchmal der Atem. Wir haben selbstverständlich Pläne für in zwei Wochen gemacht, für in drei Monaten, für in einem halten Jahr. Ich höre nun von Menschen, von denen ich seit einem Jahr nicht ein Wort gehört habe, es bleibt bei ein paar Worten, Nebensätzen, Versicherungen, bist du okay, wir sind okay, dann ist’s gut, aber eben ohne Satzzeichen am Ende, ist es das denn? Gut? Und wenn’s doch nur die Pläne wären, aber über die große Panik schreibe ich noch nicht. Wir sind ja noch eine Weile hier.

Die frühen Morgen am Kanal sind mein Atem. Eine Verkörperlichung dessen, was sonst vor allem im Kopf stattfindet. Die Beine werden wach und heiß und schwer, man fühlt alles auf einmal, den Schweiß, die kalte Luft, die erste warme Sonne, das Keuchen und den Wunsch, dass es niemals aufhört, die Müdigkeit und das Drängen nach vorn, eine Kurve noch, eine Ecke noch, eine Brücke noch. Wir laufen Bogen umeinander, die Frauen lächeln einander zu, freundlich, die Männer atmen vor allem immer sehr laut aus.

Ich weiß nicht, was morgen ist, ich habe keine Ahnung. Aber im Wald steht der junge Bärlauch, der schon schmeckt. Wenn man den Kopf in den Nacken legt, sieht man überall kleine hellgrüne Punkte. Das Wasser flimmert. Im Frühling liegt immer dieses Diashowgefühl, die letzten drei bis vier Jahre laufen vor einem ab, jeder Geruch ist belegt, alle sind sehr euphorisch miteinander verwoben wie Patchwork, und Krokusse.

Mir fehlen die Berührungen schon in Woche 2. Im Kopf flackern Hände und Haut herum, wen umarmt man eigentlich wie, wessen Wangenkonsistenz kennt man, welchen Kussgeschmack, welche Handoberfläche, Rauheit, Weichheit, Druckstärken, Oberflächen, Wärmeverteilung. Manchmal erschrecke ich, wenn mein Fuß aus Versehen an ein Stuhlbein stößt, wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, der Stuhl und ich. Wenn ich den Stuhl neben die kleine Kommode schiebe, scheint die Sonne für eine halbe Stunde auf uns beide drauf. Ich glaube, wir mögen das. Plötzlich ist jeder Tag wie der Moment nach dem Kino, in dem man in die Luft tritt und alles wahrnimmt, Farben und Gerüche und Geräusche. Die Straße richtet sich ein im Sonntagsgeräuschpegel.

N. schreibt, drei Sekunden nach dem Aufwachen fühlt sich immer alles an wie Liebeskummer.

(Die Titelzeile ist aus dem Gedicht „at 5:30 in the morning von Mira Gonzalez. Kevin und ich haben außerdem ein Lied geschrieben, gesungen und aufgenommen – gemeinsam mit vielen anderen in und um das Künstler*innen-Kollektiv Barner 16 herum. Hier könnt ihr es hören und sehen. Dieses Lied zu schreiben hat mir zwei Abende lang die Nerven beruhigt.)