Es ist Jahre her, aber damals fanden Julius und ich großen Gefallen daran auf Dielenböden zu sitzen und Karate zu hören und Secret Stars Lieder nachzusingen. Es ist viel passiert seitdem, aber irgendwann fahren wir mit dem Fahrrad zu einem IHOP und tanzen dort auf den Tischen. Julius sagt, er mache immer noch Musik, aber ich glaube, es braucht noch ein paar Menschen, die ihm sagen, dass er diese Musik, wenn er sie denn wirklich macht, auch mal wieder öffentlich machen sollte. Für geglättete Wogen und weil ich es so mag, wenn er ein bisschen lauter wird. Wir haben es nicht oft live gespielt, aber zum Frühlingsanfang habe ich es wiedergefunden. Auch, weil ich jeden Frühling Geoff Farina höre. Eines der weniger Lieder, dessen Text ich noch rückwärts und im schlafenden Kopfstand werde auswendig können. Wir waren jung und wir brauchten kein Geld.
Und nach diesem ganzen Schnee stehst du plötzlich inmitten von Menschen, die alle ein Alter haben, durch das du schon durch bist, die sind alle noch dort, wo du schon längst warst, aber es ist egal und ein bisschen steckt es an und im Grunde macht es auch keinen Unterschied, wenn das Licht ausgeht und dir der letzte Monat in Tönen um die Ohren fliegt. Ich weiß nicht mehr, wann genau es war, aber ich habe genau dieses Video schon einmal gepostet, ich hatte keine Ahnung, dass diese kleine Person irgendwann einmal vor mir stehen und mir ins Gesicht singen würde so sehr, dass es mich zu Tränen gerührt hat und nicht nur mich sondern auch meine Stirn und meine Knie und alles, was man in sich so so beugen kann. Ich habe aufgehört, mit Kalendarien umzugehen, jegliche Erwartung von meiner Seite an Nummern und Daten hat irgendwie einen Knacks, das funktioniert so nicht, also lasse ich es bleiben, aber so ein Etappenziel, so einen Frühlingsanfang, den kann man schon haben, den kann man auch mitnehmen und wieder auspacken, wenn man glaubt, dass die Zeit dafür reif ist.
Manchmal bleibt nicht viel übrig von dem, was man sich gedacht hat, manchmal aber auch genug, um irgendwann eine Geschichte daraus zu machen, manchmal genügt schon ein Lied, um wirklich einen Schritt vorwärts zu kommen, manchmal passiert das so schnell, dass du dich umschaust und wunderst, wo der ganze Rest geblieben ist, dass nicht mehr da ist, was eben noch da war und es kann vorkommen, dass du dann denkst, dass das Schicksal eine miese Sau ist, weil es sich darauf ausruht zu wissen, dass wir es sowieso schaffen, weil es unsere innere Schnipsgummis spannt, bis es weh tut, nur weil es meint, es sei mal wieder Zeit für eine Lektion. Und dann steht da diese kleine Person auf der Bühne mit ihren zwanzig Jahren und knallt mir alles vor die Füße, was sie hat, und ich kann meinen Mund kaum schließen, ich bekomme kaum Luft, weil es stimmt, weil mehr als Unmittelbarkeit gar nicht geht, weil von einem Konstrukt manchmal nicht das Gerüst übrig bleibt sondern die Laken, die irgendwann einmal jemand dazwischen gespannt hat, damit es schöner aussieht. Und dann hat man zu tun, weil es so schnell geht, man hat sehr damit zu tun, sich einzusammeln, nichts zu vergessen, manchmal kann das Jahre dauern, aber wenn man sie dann mal alle beisammen hat, wenn man es hinbekommt, die wichtigsten nicht zu verlieren, dann kann das Schicksal an den Schnipsgummis zerren, wie es will, dann haben wir sie eingewebt und alles hält.
Und irgendwann kannst du aus einem Bus oder einem Zug, einem Taxi oder deinem eigenen Bett aussteigen, du kannst vergessen haben, wie es geht, du wirst dich vielleicht erst nicht an den Rasen erinnern und nicht an den Wald und wie es gerochen hat, vielleicht nicht an den Satzbau und daran, an welches Wort du zuerst dachtest, bevor du dich für ein anderes entschieden hast, aber wenn du dann nach langer Zeit wieder deinen Kram auspackst, wenn du sagst, das ist der richtige Ort, und ein Tuch in den Baum hängst gegen die Sonne, dann kann es mitunter vorkommen, dass das Licht dir bekannt vorkommt, dass du weißt, hier warst du noch nicht, aber im Grunde musste all das so passieren, damit du hier sein kannst. Manches hält.
So don’t forget these times, I’m gonna find you in the back of my mind.
“Jemand müsste kommen und mir etwas zu tun geben. Jemand müsste mich bitten, irgendwas zu bauen. Irgendwas richtig Großes. Mich bitten, irgendwas mit Sandstrahlgebläse zu behandeln. Es ist lange her, dass ich richtig geschwitzt habe.” (S.36)
“Gib mir einen Ball. Gib mir ein Fahrrad. Das sind Größen, die ich verkrafte.” (S.51)
“Ich hatte gehofft, es wäre ein bisschen mehr. Aber für sich genommen ist es wohl genug. Es ist nichts, also wäre es unnötig, es so zu beschreiben, dass es komplizierter wird.” (S.72)
“Der Blick für den Zusammenhang sollte etwas sein, das man kaufen und sich intravenös spritzen lassen kann.” (S.89)
“Dass das Universum offenbar irgendwann vergehen wird, bedeutet für das eine oder andere natürlich einen gewissen Dämpfer. Alle Gedanken an ein ewiges Leben bleiben einem im Halse stecken. Aber mich scheint das nicht zu quälen. Nicht jetzt. Ganz im Gegenteil. Ich fühle mich so lebendig wie seit Langem nicht. Auf einmal fühlt es sich gut an, eine Frist zu haben, mit der man rechnen muss. Unter Druck habe ich eigentlich immer gut gearbeitet.” (S.92)
“Ich habe gesagt, ich sei es leid, so zu tun, als wären die Dinge anders, als sie sind. Ich habe gesagt, ich fände, wir sollten nicht dasitzen und einander zunicken und sagen, die und die Bücher sind klasse oder der und der Film ist wichtig. Darüber können wir später reden, habe ich gesagt. Ich habe alles genau so erklärt, wie es ist. Ich habe gedacht, wenn sie dann findet, ich bin ein Idiot, dann besser gleich als später. Sie fand nicht, dass ich ein Idiot bin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Sie hat gefragt, ob ich immer so direkt bin, und ich habe geantwortet, dass es das erste Mal war. Sie hat auch gefragt, ob ich verzweifelt bin. Ich habe Nein gesagt. Ich habe gesagt, ich wollte nur endlich einmal die Prämissen geklärt haben.” (S.122)
“Lise beruhigt mich. Sie hat eine New-York-Theorie. Sie sagt, zweierlei kann dort passieren, und es liegt an mir, welche von beiden Möglichkeiten eintritt. Einmal kann ich alle Vorbehalte ablegen und einfach alles auf mich wirken lassen. Wie ein Kind. Oder aber ich halte einen gewissen Abstand und beobachte Kleinigkeiten, versuche, Bekanntes zu erkennen. Sortieren und vergleichen. Das Erste kann dazu führen, dass man überfordert wird oder auch einfach überwältigt. Das Zweite möglicherweise zu schönen Beobachtungen, Eindrücken und Spaß. Meint Lise. Außerdem meint sie, überwältigt sein kann auch sein Gutes haben.” (S.131)
“Ich habe keine Angst vorm Fliegen. Jedenfalls nicht technisch gesehen. Ich habe Angst vor Menschen. Die haben so viele verrückte Einfälle.” (S.142)
“Ich glaube, sehr große und sehr kleine Dinge beeindrucken mich mehr als die dazwischen.” (S.146)
“There are girls who eat nothing at all. There are girls who eat their feelings. There are girls who do not sleep. I am one of them. On better nights I go and tell I chose Insomnia As A Lifestyle. On not-so-good ones I tell nothing at all. Sleeplessness is a lonely matter. Rarely do I share it. It is a state where monsters are created, pacts are made and promises look broken – it’s a country of its own. A couple of nights ago I had a visitor in wakeful land. 4 years old and he said all the shadows are ghosts. Not the good ones that eat wind, but the bad ones that eat your eyesight and pump cold acid into your veins and put you under black light and dance with you. We made plans that night and found out the truth about things. Most of it has to be kept secret. But I can tell you that ghosts drink milk from dead cows to maintain white and scary. They will explode, however, if you trick them into eating chocolate. By 4am I was also convinced that unicorns once did exist. They are extinct now like dinosaurs are because of the amount of glitter in their lungs. And maybe you did not know but in the age of dinosaurs there were no mountains on this planet. Only canyons. Depth was dangerous. On a different matter we found snow to be a liar and a heart breaker. It starts as snow up there and arrives as plain old rain on our sidewalk.”
Diesen Text hat Claude geschrieben und am Samstag zieht sie fort. Diese Stadt wird leerer ohne sie und so anders. Jeder, wirklich jeder sollte am Wochenende am Fenster stehen und verdammt noch einmal jedem, aber wirklich jedem Umzugswagen winken, der ihm über den Weg fährt oder über die Straße dort unten. Sie könnte es sein und das ist immer eine Option.
Wir machen alles zu Pyjamas und stehen im richtigen Moment am Fenster, um den Schneesturm zu sehen. Wir warten, bis das Licht von selbst geht und halten bunte Glühwürmchen hinter der Gardine. Wir machen die Decke zu einem Himmel und heiße Schokolade zu einem Fluss. Wir sitzen und schauen und wissen, wir haben es warm. An Sonntagen wissen wir zu schätzen. Dass wir es nicht weit haben. Dass wir einander sind, was niemand sonst sein kann.
(Gehen Sie diesen Winter auch über Los, aber vorher noch ins Michelberger Hotel und trinken Sie Ingwertee. Hören Sie sich mindestens auf dem Weg dorthin Norman Palm an.)
Lange Zeit war Ruhe und jetzt ist Herbst und jetzt darf man auch wieder stundenlang in der Badewanne liegen und schrumpelige Elephantenhaut bekommen, man darf Zeitungen und Magazine ins Wasser schmeißen, herausfischen und auf die Heizung zum Trocknen legen. Für diese sportliche Betätigung eignen sich zur Zeit vor allem der Rolling Stone und die aktuelle Glamour, was nun wieder wahrscheinlich nach Zielgruppen aufgeteilt werden muss, aber man kann das ja mal sagen, so allgemein. In beiden jedenfalls bin ich derzeit drin. So einfach ist es, so lustig auch. Ich selbst muss immer anfangen, albern zu grinsen, wenn ich an der Kasse stehe und plötzlich jemand neben mir in der Schlange das Heft aus dem Regal nimmt und genau dort aufschlägt, wo man mich sieht. Ich starre dann auf die Milch und die Möhren und komme mir jedes Mal ein bisschen vor wie bei Zurück in die Zukunft.
Zwar sind einige Daten und Dinge im Rolling Stone nicht ganz so, wie sie dort stehen, aber mir wurde versichert, das sei aus Versehen und durch magische Zauberkoboldhände etwas durcheinander geraten, aber natürlich stehe ich für Nachfragen, Richtigstellungen und Schaumlieferungen jederzeit zur Verfügung. Im gleichen Atemzug hoffe ich, dass Tilman Rammstedt mir die Platzierung seines Buches in der Glamour verzeiht, aber man hat mich nun einmal nach meinem Lieblingsbuch gefragt. Kannste nix machen. Natürlich eignen sich diese beiden Papierstapel im Winter auch hervorragend für die Anfeuerung der Kohleofen in kalten Siebenundachtzigzimmerwohnungen, in denen der Stuck von den Wänden purzelt. Man kann zwischen den Seiten aber auch unglaublich super Laubblätter pressen und für etwaige Bastelarbeiten vorbereiten, fragen Sie bei Bedarf bitte Ihr Patenkind oder Ihren Apotheker.
Die beiden verwendeten Photos wurden übrigens von den absolut schätzungswürdigen Herren Joachim Zimmermann (Rolling Stone) und Alex Trebus (Glamour) gemacht.