Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Oktober, 2015

An important letter by Lauren Mayberry

„At the time, it felt like things changed slowly, like I woke up one day in a relationship and a reality that I did not recognize, but I’m sure the signs were there the whole time. When we met, he seemed charming. He was smart, passionate, creative, and caring. But after the first few months, he became increasingly paranoid, insecure, jealous, and depressed. Everything became my fault. I was careless. I was stupid. I was selfish. I was not trustworthy. I was a weak person who would fail at anything she tried so I shouldn’t bother. He hated me, but then he loved me and I was the best person in the world “” until I wasn’t anymore.

Whenever I would wake from my naïve stupor to challenge any of his assertions, he would apologize, saying that he was afraid to lose me or afraid for me and was, in fact, protecting me from everyone else “” they were really the problem. Or he would deny point blank that anything was wrong. He would say that I was overreacting. That I was making it all up in my head. That I couldn’t trust the people who were expressing concern for me because they were the ones who were trying to manipulate me.

Hindsight is always 20/20. I now see each of these small incidents as an attempt to intimidate me into doing what he wanted, and they worsened every time I tried to get out, his need to control me becoming even more important in order to keep me close and “safe“ in the toxic world we had created. We broke up, we got back together “” lather, rinse, repeat.

I must have known on some level that the situation wasn’t right. I deliberately hid a lot of the details from people close to me, discreetly covering up the cracks in the hopes that it was “just a phase“ or with the misguided notion that I had somehow got myself into this mess and it was my job to get out of it. I told little white lies to hide his passive aggression (or obvious and outright aggression) from the outside world. “He didn’t come tonight because he’s busy“ meant “He didn’t come tonight because he stormed out of my house earlier and has been sending me an abusive string of text messages since.“ “What he means is “¦“ became the standard beginning to far too many sentences used to excuse his actions.

Maybe I was an enabler who, out of fear or a twisted sense of loyalty, continued to avoid reality. To this day, I don’t think I have given a full account of everything that happened to anyone I know. After being immersed in that situation for so long, I began to question my own competence and distrust my own opinions, and my physical and mental health deteriorated to a point that caused friends and family to intervene.

(…) In the end, after several failed attempts, I walked away. The cycle had to stop. I cut off all contact and changed the locks to my flat, just in case. I used to feel guilty about the way I left and how long it took me to get there, but I don’t anymore “” because everyone’s health and happiness is precious, and anyone who doesn’t play by those rules doesn’t get to be a part of your life.

(…)I know that the boundaries I create deserve to be respected. That self-care is not the same as selfishness. That this is my life, my voice, my body, my rules, and that no one gets to determine my narrative apart from me.“

You can read the whole article by Lauren Mayberry in the Lenny Letter (October 27, 2015).



Wenn so eine Zeit vorbei ist, befindet sich alles noch an seinem Platz, doch die Schwellung ist verschwunden. Wie an diesen Morgen, an denen die Dämmerung im Raum steht und nicht so genau weiß, wohin, an denen sich die Nacht über jedes Haar auf dem Arm ziehen muss, um davonzukommen, an den Morgen, an denen die Handflächen über die Falten im Laken rutschen wie über Haut, plötzlich wieder beweglich, die Finger tasten wie nach anderen und das Licht noch in den Raum fällt wie aus Versehen. Wenn du zurück bist, hat sich alles kaum sichtbar um ein paar Grad verschoben, liegen ein paar Haare woanders, das kann niemand sehen, das merkt niemand außer jenen, die den Staub kennen und die glatten Stellen. Wenn so eine Reise vorbei ist, geht alles weiter, um wenige Millimeter versetzt. Die Augen im Dunkeln wieder offen lassen. Nach nichts suchen. Kilometer wirken entzündungshemmend.

Acht Uhr


Am Morgen liegt Nebel über dem See. Wir stehen still und sagen kein Wort und über uns fliegt eine Krähe hinweg, so tief, dass wir einen Luftzug spüren. Das Wasser schiebt die Steine so ans Ufer, dass sie leise klirren, das Boot liegt noch, als sei es im Halbschlaf, hinter uns im kleinen Laden gibt es Kaffee und Suppe, draußen sitzt niemand, aus der Regenrinne plätschert es, manchmal hört man ein Auto von der Straße, kein Wind. Alles wartet, alles schaut. / Am Morgen liegt noch Nebel im Tal. Der Himmel wird am Rand schon orange, weiter hinten schieben sich die großen Tanker geräuschlos durchs Bild, der Stier steht wie jeden Morgen angewurzelt und unbewegt, die Fähre wartet noch, in manchen Häusern brennt noch Licht. Oder schon wieder. Als hätten sich die Nordlichter der letzten Nacht am Horizont abgesetzt und zuckten noch. / Am Morgen liegt Nebel zwischen den Häusern. Der Fahrradkurier zieht noch seine Neonjacke zurecht, die Busfahrer sieht man kaum hinter den getönten Scheiben, die Steinplatten auf dem Boden sind nass und rutschig, die große Reklametafel auf dem Dach des Hotels hat die ganze Nacht durchgearbeitet, an den Ecken trifft man sich zum Rauchen. Alle gehen bei Rot, und statt Mänteln trägt man lieber Handschuhe. / Am Morgen liegt Nebel über der Decke. Die Vorhänge fallen auf den Boden wie warmes Wachs, die Füße kalt, die Vögel sind aus dem Hinterhof ausgezogen, der Koffer steht leer neben der Tür, eine Feder auf den Dielen und so viele Hügel. Die Ankunft daheim erst einmal in Bruchstücken, auf die Nachzügler warten wir manchmal Wochen, manchmal Jahre, manchmal noch immer.

Chesters Haus

Isle of Lewis

Wenn man mit dem Auto vor Chesters Haus parkt, riecht es sofort nach Meer, man braucht nicht einmal die Autotür öffnen und bemerkt es schon. Direkt nebenan liegt der kleine Flughafen der Insel, die Lichter an der Landebahn leuchten den ganzen Tag und die ganze Nacht, auch noch wenn die Straßenlaternen abends um elf ausgeschaltet werden, manchmal sieht man tagelang kein Flugzeug starten oder landen, doch Chester sagt, der Flughafen werde noch benutzt. Er habe sich das Haus hier nur gekauft, um zu Fuß zum Flughafen laufen und die Insel schnell verlassen zu können, „die gottverdammte Insel“. Chester lebt allein und sein Haus riecht nach Meer. Doch das liegt nicht am Ozean, den man von der schmalen Straße aus sehen kann, es ist das Seegras in Chesters Vorgarten, das den Geruch verströmt. Die kleine Mauer um zwei zimmergroße Flächen ist weiß angestrichen und hat einen dunkelblauen Rand, das kleine Tor ist nicht verschlossen und schwingt lose, wenn man es mit dem Bein wegdrückt, um eintreten zu können. In der Mitte des einen Beetes hat er ein Viereck mit Steinen abgetrennt, in diesem Viereck wächst leuchtend grüner Rasen, drumherum liegt das dunkelbraune Seegras in dicken Büscheln, „das schützt den Boden und hat viele Nährstoffe“, sagt Chester, der Winter kommt, die empfindlichen Pflanzen holt er jetzt rein. In Joghurtbechern und Blumentöpfen, ausrangierten Gefäßen und Plastikverpackungen von Supermarktkuchen zieht er Keimlinge, jedes Gefäß ist beschriftet, alle haben einen Sinn, obwohl manche nicht so aussehen wie ein Zuhause für etwas Neues. Im Wohnzimmer klettern orange blühende Pflanzen den Fensterrand entlang, darunter eine kleine Saat-Kolonie, daneben einer von Chesters Laptops, insgesamt hat er drei, alle sind schwarz, der eine funktioniert mittlerweile nur noch, wenn das Stromkabel angeschlossen ist, an jeder Wand hängt etwas, häufig gerahmte Fotos von Chesters Wanderungen, manchmal Landkarten von der Welt, den Inseln, Indonesien. Auf dem Kamin stehen hohe CD-Stapel, auf der anderen Seite des Sofas der Stereoanlagenturm, daneben Platten, auf dem kleinen Sofatisch liegen die zwei Inselzeitungen, in denen steht, dass der Clan nun den lokalen Metzger aufgekauft hat. Es gab ein Abschiedsfest, hundert Leute sind gekommen, der Metzger stellte sich noch einmal in seiner alten Schürze hinter den Tresen und grillte für die Besucher. Der letzte Absatz des Artikels besteht aus Grüßen von der Facebook-Page, „Farewell, Bill, thank you“.

Man weiß nicht genau, ob die Bilder dort hängen sollen, weil das ihr vorgesehener Platz ist, oder ob einfach noch ein Nagel frei war oder eine ramponierte Stelle, die es zu überdecken galt. Überall im Haus hat Chester irgendwann angefangen etwas zu tun, man sieht jeden Anfang, und auch das Ende jeden Anfangs, damals lebte hier ein älterer Herr im Rollstuhl, deswegen ist die Dusche ebenerdig, deswegen hat die Dusche eine Saloon-Tür, nur halbhoch, deswegen lassen sich die Fenster im Bad nicht öffnen, wozu. Wenn Chester lüftet, lässt er Bad- und Haustür offen, „das genügt“. Auch im Flur wurde die eine Wand irgendwann einmal gestrichen, das Bad lange nicht, alles ist hellbraun, beige, gelb, man weiß nicht genau, welche Farbe es ist, das hängt auch vom Licht ab und vom eigenen Befinden. Chester hat, was er braucht, einen Wäscheständer, eine Zahnbürste, Zahnpasta. Die Utensilien, die seine Gäste da lassen, wirft er nicht weg. Herbal Essences Shampoo und Spülung stehen in der Dusche, das gehört ihm nicht, das benutzt er nicht. Alles steht an dem Platz, an dem es gebraucht wird. Das Reinigungsmittel in der Dusche, die Töpfe und die Pfanne auf dem Herd, die Packung Eier direkt daneben, dann die Küchenrolle, das Spülmittel, der Schwamm, der Kaffee, die Kaffeemühle, die große Plastikbox für den Papiermüll und das Glas direkt daneben, jedes Mal, wenn etwas in der Box liegt, trägt er es kurz darauf nach draußen in die Mülltonne, im Kühlschrank hat er Blaubeer-Joghurt, Milch in der großen Plastikkanister, Chili-Soße. Auch auf dem Kühlschrank stehen Plastikdeckel mit Keimen, in der Ecke die Keimling-Farm. Den kleinen Backofen benutzt er selten, er hat ein Set Geschirr, ein Set Besteck, das alte seiner Mutter, ein paar Messer, drei Töpfe.

Das mit dem Streichen des Hauses musste schnell gehen, die Farbe klebt noch immer an all seinen Jacken, an all seinen Schuhen, an allen Fenstern im Erdgeschoss, die zwei kleinen Zimmer im oberen Stockwerk wurden lange nicht benutzt, überall liegt unterschiedlicher Teppich, in Chesters Schlafzimmer stehen neben dem Bett noch seine Kleiderstange und sein Schreibtisch, das Licht lässt er immer an, bis er ins Bett geht, in der Küche, im Flur, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Bad. Die Lampe im Badezimmer strahlt Wärme ab wie ein Heizpilz und manchmal steht Chester deswegen länger dort als nötig, durch seine rotblonden Haare sieht man die Kopfhaut schon, das ist mehr geworden in den letzten Jahren, seine Haut ist makellos, all seine Pullover haben einen Reißverschluss am Ausschnitt, „das ist gut zum Wandern“. Im Flur stehen zwei Bücherregale, eines davon hat zwei Fächer voller Wanderkarten, die pinkfarbenen „haben sich über die Jahre so angesammelt“. Er passe nicht in die britische Gesellschaft, sagt Chester von sich, seine fünf Jahre in Indonesien als Englischlehrer waren aufregend, dann starb seine Mutter, dann kam er zurück und kaufte sich das Haus, „um das Geld anzulegen, wo ich die Gesetze kenne und dem System vertraue“. Jetzt wohnt er neben dem Flughafen. Vom Bett im rechten der zwei kleinen Zimmer im oberen Stockwerk kann man sehen, wenn ein Flugzeug darüber fliegt, eine Gardine hat Chester nicht, es gibt eine Rucksackplane, „die kann man ins Fenster klemmen, falls es einem zu hell ist“. An der Wand ein kleines Foto von den Steinkreisen im Norden der Insel, eine Korkpinnwand mit dem WLAN-Passwort und Flyern für Bootstouren.

Chester arbeitet nicht, er macht Musik, er singt nicht, aber spricht seine Texte über die Töne, vor zehn Jahren hat er eine Vinylplatte aufgenommen, „heute wäre die mehrere hundert Dollar wert“. Konzerte spielt er nicht, „es ist zu teuer, ein passendes Ensemble zusammenzustellen“, sagt er, davon lebe aber seine Musik. Ohne mache es keinen Sinn. Der hohe Ton im Hintergrund des einen Liedes sorgt bei Chester noch immer für Gänsehaut, obwohl es schon zehn Jahre alt ist, obwohl er den Ton schon so lange kennt. Manchmal macht er sich ein wenig lustig über die Leute im Ort, darüber, wie sie sich vermutlich über ihn lustig machen, er macht sich lustig über England, das System, die Erwartungen der Gesellschaft, er macht sich lustig über die Kunst, übers Arbeiten, über sich selbst. „Ich bin eine negative Person“, sagt er, „vielleicht sollte ich sterben, ich habe gehört, das hilft dabei berühmt zu werden“. Chester ist 34. Seine Mutter ist tot, sein Vater lebt noch. „Wenn mein Vater stirbt, kaufe ich mir noch ein zweites Haus“, wo, weiß er noch nicht. „Aber ich lebe ja nah am Flughafen“.

Wenn es nicht zu stark regnet, geht er raus und sammelt Samen. Das Gärtnern ist sein neues Hobby. Neben dem Wein. Den lagert er unter der Spüle, „der meiste ist noch nicht alt genug, solange muss ich noch welchen kaufen“. Wenn er steht, hat er die Hände in den Hosentaschen. Wenn er sitzt, faltet er sie über dem Bauch. Wenn er spricht, macht er viele Pausen oder rudert im Satz zurück, um noch einmal neuen Anlauf zu nehmen. Manchmal geht er in Pubs, am liebsten in den „Criterion“. Sein Schreibtisch steht zum Fenster hin, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße steht genau und nur dort ein kleines, verfallenes grünes Haus, das die Sicht auf die Landebahn verdeckt. Wenn man an Chesters Haus vorbeifährt, sieht man ihn abends dort sitzen und in den Laptop schauen, man kann von draußen die laute Musik hören und wenn man langsam genug fährt, hört man ihn summen oder singen oder seufzen, wenn der Wind nicht zu laut ist, wenn kein Flugzeug kommt. Doch die landen selten, die Chancen sind groß.