Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Januar, 2014

Arquière.

Opa (c) Rank

„Erker an Häusern gibt es nur, weil die Menschen so neugierig sind, weißt du. Die wollen immer wissen, wer kommt und wer geht und wohin. Deswegen brauchten sie etwas mit Glas drumherum. In Thüringen habe ich einmal ein Haus gesehen, das hatte ganz normale Fenster. Aber an einem Fenster war etwas besonders. Da hatten sie doch wirklich noch einen kleinen Glaskasten drangebaut, sodass gerade ein Kopf hineinpasst. Nur damit die Damen und Herren auf die Straße oder den Nachbarn auf den Balkon schauen können, ohne bei Regen nass zu werden. Das ist mir sonst nirgendwo mehr begegnet, wirklich nicht. Die Menschen denken immer, sie verpassen irgendwas.“

Epikard.

Fjell

Das ist etwas, das wir Menschen perfektionieren, solange wir in Strukturen leben und arbeiten, die uns in Bewegung halten, bei Laune, in einem Zustand der ständigen Aufmerksamkeit. Wir starren auf Flächen und bemerken nicht einmal, wie unsere Pupillen zittern. In den seltensten Fällen bekommen wir es hin, den Fokus zu verlieren und die Fläche als Fläche wahrzunehmen und nicht zu scannen nach Unebenheiten, Makeln oder eben irgendetwas, das heraussticht. Ich suche so oft und immer und die ganze Zeit und wenn es nur Erinnerungen sind, irgendetwas, das ich mir merken kann. Es ist ja auch schwierig, los- und sich fallen zu lassen, es ist verdammt noch einmal schwierig, den Knoten zu lösen und nicht sofort aufzuschreiben, wie es ging, damit man es noch einmal tun kann, um sicher zu sein, oder nicht gleich einen neuen zu machen, um ihn wieder lösen zu können. Es ist so scheiße schwer, die Hände still zu halten und nur zu atmen und zu schauen und zu schlucken und zu spüren, was einen streift. Wie Luft und Nieselregen und feiner Staub und ein Geruch und ein Wort. Ich bin immer dabei, ständig zu verarbeiten, mir einen Reim auf etwas zu machen, zu hinterfragen, zu bewerten, einzuordnen, zu sortieren, rot blau grün gelb, dahin dorthin, achso, ach ja.

In Island wurde ich ruhig. So ruhig, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit mein Herz fühlte. Fühlte, wo es sitzt und wo es immer sitzen wird, das Klopfen, das Pochen, das Hämmern, das Schlagen und wo das hinführt, das Pumpen, die Irritationen, das Rein und das Raus, hin und her und immer immer immer wieder. Und ich dachte dann, dass es manchmal schade ist, dass wir nicht in uns selbst hineingreifen können, um mal nachzufühlen, und im nächsten Moment weiß ich, dass genau dieser Gedanke wieder ein Trick ist, gelernt in meinem System, eine blöde Verarsche. Auszuhalten, dass das nicht geht, ist die Kunst. Ich kann mich meiner selbst nie so versichern, ich muss darauf vertrauen, was ich von außen spüre, was ich von innen spüre, aber ich werde nie nachsehen können, ob es wirklich noch klopft, ob ich mir das nicht einbilde, ich werde nie meine Hand ausstrecken und die Finger um mein eigenes Herz schließen können, das wird immer und immer die Aufgabe von jemand anderem bleiben. Das Epikard, die äußere Schicht der Herzwand, sondert an einer bestimmten Stelle eine geringe Menge klarer Flüssigkeit ab, die die Reibung zwischen den Blättern des Herzbeutels reduziert, wenn das Herz seiner Aufgabe nachgeht. Das ist das, was ich weiß.

Xenolith.

Strand

Wir standen am Ufer, noch völlig zerzaust von einem Flug und einem Temperaturunterschied und all den Tagen, die man ja immer mit sich herum schleppt. Wir standen dort und das Abendlicht, das indirekte, das man nicht sehen kann und das trotzdem hindurch kriecht durch Wolken und Haut, färbte die vom Wind zerdrückten, trockenen Wintergräser hellbraun. So hellbraun, als habe jemand gerade etwas drüber gekippt, semipermeabel, nicht ganz deckend, etwas, das noch nicht weiß, ob es bleiben wird, das sich in der nächsten Sekunde auch verflüchtigen könnte, wenn es sich dafür entscheidet. Und vor uns der Ozean, S. zeigte in die Ferne, dort hinten liege der Gletscher, den man nur erkennt, wenn die Sicht wirklich gut ist, und weiter links noch drehte das Licht des Leuchtturms seine Runde. Zwischen Meer und Sand und Dünensträuchern lagen die großen, schwarzen Steine. Basalt vielleicht. Wenn ich aus isländischem Boden stehe und gehe, taucht immer wieder die Frage auf, wann dieser Boden, das, was sich fest anfühlt unter mir, was mich hält, wohl das letzte Mal flüssig war und wann es das wieder sein wird, es kehrt ja das meiste irgendwann dorthin zurück, von wo es gekommen ist. Und in Island sind alle Aggregatzustände immer so nah beieinander, das Flüssige und das Feste, heiß und kalt; und die Grenzen von allem Grundsätzlichen werden hier einem mit beinahe jedem Schritt vor Augen geführt. Die Endlichkeit von Land und Wasser und dem eigenen Standpunkt, die Endlichkeit vom eigenen Können und dem Aushalten, das Verrinnen von Zeit. Und mit alldem auch immer das Begreifen der Unendlichkeit von allem, was man nicht begreift, was man nicht weiß, nicht fühlt, nicht sieht, nicht hört, nicht kann, nicht will, nicht wird. Island malt einen Kreis um mich. Im ersten Moment fühlt es sich unheimlich an, das kleine Stück Land, der Rahmen, und später wird der Kreidekreis zu einem Platz, auf den man sich verlassen kann, das bin ich. Mehr hab ich nicht.