Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Juli, 2011

Contour

Es ist immer noch nicht vorüber, das Wundern, das große Gefühl, das sich setzt und breit macht wie Staub, nur eben nicht wie Staub sondern wie Wärme, für die du das erste Mal Zeit hast diesen Sommer, es ist noch immer nicht vorbei, dass es mich überwältigt, wie sehr Berlin mir Zuhause und Zuflucht ist, ohne anzulaufen, ohne zu bröckeln, es ist jedes Mal noch ein gutes Gefühl, dort an diesen Türmen zu stehen, während der Himmel sich aufbläst, es ist noch immer eine Entdeckung. Das ist das mit der Liebe, glaube ich, die Veränderung von Zustand und die Bewegung von Energie, dass du nicht niederlässt sondern austauschst, dass du nicht festklebst sondern dich reibst, dass du dir bewahrst dich zu wundern, dass du guten Gewissens zurückkommst, dass du weißt, was du hast, und dennoch dein Geheimnis nicht aufgibst, dass du weißt, was passiert, aber nicht alles siehst, nicht alles sehen willst, dass es okay ist, die Klappe zu halten, dass du dir auf den Sack gehst und weißt, das ist nicht von Bedeutung, dass du dich anschreist und weißt, wie laut es nicht werden wird, dass du lernst, auch nach dieser ganzen Zeit noch, und auch dass du nicht alles erklären kannst. Dass du nicht musst.

(Das Video ist von Katinka. Das Lied ist von Woodkid. Ihre Stadt ist New York.)

Of great value.

Schönbrunn

I am ok, you know… You don’t have to look at me as if the sky fell down. Some clouds did but this is what people might call rain. Get used to it. And never get an umbrella. Stay and get through. Why you should? Maybe it has something to do with the fact that I’ve got this heart shaped head and you, you’ve got this head shaped heart. This is what it is, we cannot change anything about it, we never will. But one day you might understand that substance is one thing and silhouettes, states of surfaces are another; and they are both worth it. As it is the same with the moon and rice pudding. You may notice some conformities in appearance every time you have a look but you’d never dare to match them. Just as it is with us.

And yes, I am alright. Someday you will know that this means a lot.

Gutes Papier.

Naivpogo

Mal einen Spaziergang machen, einen Ort aufsuchen, stehenbleiben, kurz aufhören zu denken oder an Tempo zulegen, vielleicht ein paar Atemzüge um die Ecke schieben, mitnehmen, was man behalten kann.

// naivsuper Book & PogoBooks v03
// 16.07.11 – 23.07.11
// Ort: General Public, Schönhauser Allee 167c, Berlin
// Eröffnung 16. Juli, 19.00
// Öffnungszeiten: 14.00 - 19.00, montags geschlossen
// Filmabend 20. Juli, 20.00 Musikvideos und Kurzfilme des naivsuper Film Kollektiv
// Finissage 23. Juli, 19.00 mit einer audiovisuelle Performance von Yumiko und Boris Hegenbart-Matsui, sowie von Ansgar Wilken mit Cello und Pedalen

Haltearbeit

Tempelhof

Das erste Mal auf der Schaukel, die ein bisschen zu schmal war, sodass die Ketten an den Oberschenkeln scheuerten, nach einer Weile ein wenig Schweiß im Nacken, und du standest ganz leise neben mir und ich fiel ganz leise nach vorne und zurück, das war das erste Mal. Das zweite Mal neben dem Kiosk, der ein bisschen zu voll war, sodass ich draußen stehen blieb mit den Fingerspitzen im Taschensand, die Füße kalt, aber kein Wort dazu, wir liefen tapfer weiter, mir war so kalt beim Geräusch des Verschlusses deiner Coladose. Das dritte Mal mit dem Monopoly unter dem Arm, als ich dir deine Figuren zurück gab und du mir das Geld, soviel Kies lag noch auf den Straßen aus diesem großen Winter, diesem unseren Klamotten entwachsenen Winter, diesem Großefressewinter, diesem Eis an deinen Haaren und all dem Gebrechen. Das viertefünftesechste Mal in nur einer Nacht, als ich das Ende zu deiner Geschichte nicht wusste und mir die Augen schon zufielen, der Mund hinterher, du hast nicht aufgehört zu fragen, nicht aufgehört zu sagen, das sei das erste Mal, dass du dir vorstellen könntest, nicht mehr das Kind in der Familie zu sein sondern jemand, der selbst etwas baut, einen Tisch, einen Gartenzaun. Noch im Halbschlaf habe ich dir nicht geglaubt, mein Mund war so trocken. Das siebte Mal mit mir allein, davon weißt du nichts, deswegen zählen wir unterschiedlich, nicht aneinander vorbei aber mit Abstand, das siebte Mal saß ich auf der Stufe vor deinem Haus, anderthalb Stunden, und oben brannte Licht, aber der Hausflur war so dunkel und ich konnte dir nicht sagen, hol mich rauf. Zuhause habe ich versucht, all das zu falten und in den Schrank zu legen zwischen die T-Shirts und dann ging die Tür nicht mehr zu. Das achte Mal hast du wahrscheinlich vergessen, denn manchmal sprichst du im Schlaf, manchmal sagst du Sachen, die gehören wahrscheinlich zu irgendeinem Zentimeter, den ich noch nicht begriffen hatte an dir, manchmal glaubte ich, deine Finger waren vielleicht ein bisschen zu kurz und der Rest, der warte nur auf seinen Einsatz.

Wenn du den Muskel hältst, weil du dich anstrengst, weil du trägst und schleppst, wird er mit weniger Blut versorgt, mit weniger Sauerstoff kannst du die Dinge nur mit 15% der Maximalkraft halten. Die Mediziner sagen, man könne bei Haltearbeit nicht von Arbeit im klassischen Sinne sprechen, da die Komponente des Weges fehle, man könne das eher mit einem Hubschrauber vergleichen, der über dem Boden schwebt. Aber es wirbelt, es wirbelt alles auf.

Ein Gegenwort zu Vergessen.

Skipped a beat.

Ich kann mir die Orte meiner bewussten Erinnerung nur selten aussuchen, dem Moment einer Auseinandersetzung geht meistens die Überraschung voraus, nicht ein Hauch von Erwartung, keine Planung. Die paar Male, in denen ich versucht habe, einen Takt zu finden oder ein Stück Erleichterung, wenn ich auf den Friedhof ging, um herauszufinden, ob sich das Gefühl verändert hat, die paar Male habe ich nichts gemerkt, nichts von dem, was mit der Person zu tun hat, die fehlt, nichts von früher, nichts, was hilft, einen Umstand und diese Lücke anzunehmen. Nichts von dem war da, von dem ich glaube, dass man es hin und wieder sehen muss, um sich selbst sagen zu können, dass es okay ist, weiter zu machen, dass Not wendig ist und sich mit der Zeit verwandelt, dass die Nächte mit den Träumen weniger werden und wenn eine kommt, dass man nicht mehr erschrickt sondern durchkommt.

Ich habe mir das nicht vorgenommen, das ist so passiert, dass ich keinen Bezug habe zu steinernen Toren, zu Efeu und der Ansammlung von aufgeschriebenen Namen, ich verstehe die Bedingung solcher Orte und ihren Nutzen, ich bin nur nicht eine von denen, die ihn in Anspruch nehmen, denn ich gehöre nicht unter dieses Blätterdach und die, die fehlen, die haben nichts zu tun mit diesen Mauern und Öffnungszeiten und Gießkannen und all den anderen, die dort noch liegen. Dort waren wir nie, als sie noch da waren, warum sollte ich jetzt da sein. Was ich mitnehme jeden Tag, ist unsere Geschichte und die Zeit, das, was noch übrig ist, macht meinen Unterschied. Ich bin kein Mensch für Friedhöfe, aber vom Konzept Gedenken halte ich viel.

Weekly Melody: Fort

But where to find each other.

zwei

I want to tell you that this is real, this is really not something you lose with first sigh. I want to show you my favorite places, and the beauty of quiet and how laughter turns into funny noises when you hustle it downhill. I really want to see your face while drinking hot chocolate with cinnamon and forget about cellphones and internet and emails and even work or the book I am actually reading. I want to tell you that you might become one of my stories, not the shorter ones, not the ones you can write down and then forget about them, no, one of those stories you’re not able to write down because the right words haven’t been invented yet, haven’t been discovered by my brain, one of those stories you cannot tell but always have in mind. I want to show you where I come from, I want to lend you my arms and eyes and knees and my books and some of my words. And I really want to share spaces with you, window seats and tables, wider perspectives, carpets, stairs and a bed now and then. I want you to know that I am here and there, and I am constantly stable and reachable, that I am not falling apart like some other things that did. I will be there in the morning, still. I will.

The secret compartment.

Dot

Den Blick unten an den Türmen, wenn dahinter auf der Allee die Autos fahren und man keine Nummernschilder mehr erkennt sondern nur noch leuchtenden Lack. Wenn der Fernsehturm dahinter steht wie ein Scherenschnitt. Und dass er das nächste Mal immer noch da ist. Colakracher. Wie wir sind, wenn wir nachts gemeinsam nach Hause gehen durch dieselbe Tür, im gleichen Tempo, wie wir wissen, dass wir das nie geübt haben miteinander und es trotzdem funktioniert. Der Wind am Weststrand und sein Geräusch unter Pinien, die großen Wellen. Und dass sie vor diesen paar Monaten nicht gestorben ist. Dass wir vielleicht etwas damit zu tun hatten und was wir einander sind und immer waren. Wissen, wann der Schmerz kommt und dass er wieder weggeht. Der Geruch von ausgepusteten Streichhölzern. Das Gefühl vor einem Gewitter. Die Anklamerstraße und das Loch im Zaun. Der schwarze Sand in Puerto Naos. Dass du es immer wieder genau so tun würdest. Das Gefühl von blauem Schnee. Über die Öresundbrücke fahren, den Kopf im Nacken, eine Hand aus dem Fenster und Blister von Jimmy Eat World. Die Flaschenpost. Das Buch. Dass er meinen Namen wusste. Dass es einen Unterschied macht. Immer gemacht hat. Die fünf Narben. Wie man immer noch ein Stückchen mehr und ein Stückchen weiter kann. Die Kinderliedertexte. Das große Tier abgeschüttelt zu haben, nicht nur abgeschüttelt, auch abgehängt. Weidenkätzchen. Nicht aufhören damit, das immer wieder aufzuschreiben, immer wieder festzuhalten für dann, wenn du nicht mehr weißt, wo die Erinnerung liegt, weil ständig jemand etwas in dein Leben wirft, was nicht dir gehört. Es aufschreiben, falten, behalten. Als Backup.

This day last year.

Abend

“I wish I photographed the last year, all those moments I forgot” singt zum Beispiel Sir Simon Battle in einem Song. Vor 365 Tagen habe ich damit angefangen jeden Tag ein Foto zu machen. Und heute ist quasi Silvester. Morgen geht es wieder von vorne los, weil diese Routine mir ans Herz gewachsen ist. Und weil es doch stimmt, dass Bilder so manche Erinnerung zurückholen. Sie ersetzen nicht jede, aber sie erleichtert manche.

So this is the new year.

One day very soon?

Toben

Wann hast du das letzte Mal geflucht? Ziehst du manchmal deine Unterwäsche falsch herum an? Auf den Keksen Mandeln oder Zucker? Auf dem Kuchen Mohn oder Streusel? Erkennst du dich abends im Spiegel? Wachst du manchmal auf und hast den Traum vergessen und nur noch seine Farbe im Kopf? Wie viel ist genug? Welchen Namen hättest du dir gegeben, wenn man dich gefragt hätte? Vertraust du dir? Wer hilft dir beim Druckausgleich? Was war dein größter Fehltritt? Und wenn du Blumen bekommst, wie viel schneidest du ab? Manchmal, wenn dein Bein einschläft, vermisst du es? Wem schreibst du nachts? Und wem nie wieder? Wo findet man dich auf einem Konzert? Minuten oder Stunden? Wann löst du dich auf? Wie viel bist du dir wert? Wo machst du deinen Frieden? Kennst du mich? Willst du das? Und wie lange brauchst du dafür? Könntest du stehen ohne zu schwanken? Wann kannst du nicht schlafen? Wenn ein Flugzeug startet, schließt du die Augen? Can we? Shall we? One day very soon?