Wednesday (4)

Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Februar 2008 um genau 21:41
Kategorie : London | 2 Kommentare

 Alle Tassen im Schrank

Ich habe übrigens gestern das erste Erdbeben meines Lebens erlebt. Ja, hoch spannend, ich weiß. Interessiert hier wahrscheinlich niemanden, aber ich muss das doch festhalten für mich. Oder meine Kinder. Hätte man jedenfalls eine Kamera mit Nachtsichtgedöns gehabt, hätte man meinen hochgradig verwundert verwirrten Blick einfangen können. Hatte niemand, also Szene
bitte ungefähr folgendermaßen vorstellen: Nach langem Abend im Pub sind wir nun also endlich wieder zuhause und auch in den Betten angekommen. Schaffen gerade noch, das Fenster zu öffnen, einen Schluck Wasser zu trinken und die Decke bis an die Nase zu ziehen. Sofort wegdösen. Und plötzlich merken, dass alles schwankt, wankt, sich bewegt, Sachen klirren, fallen runter, ich kann gerade noch hochgucken und ins Dunkel sagen: “Ey, das Haus wackelt”. Martin grummelt nur und schnarcht weiter und ich lege mich nach ungefähr halbminütiger Irritation auch wieder hin mit dem festen Vorsatz, im Pub das nächste Mal etwas vorsichtiger zu sein. Mit Selbstzweifeln zugedeckt schlafe ich ein, träume wirr und habe am nächsten Morgen alles vergessen.

Gut, dass einem hier überall diese Umsonst-Zeitungen hinterher geschmissen werden. Ich hab sie doch noch alle.

Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Februar 2008 um genau 2:07
Kategorie : London | 0 Kommentare

 Tuesday (3)

Käme ich jemals in die Verlegenheit, temporär einen Ort für mich wählen zu dürfen, wäre es wahrscheinlich nicht London. Wäre es nicht eine Stadt mit so vielen, sondern etwas kleineres, beschaulicher, wo man die Schrittgeschwindigkeit nicht erst suchen muss. Lieber andersherum. Aber die Müdigkeit am Ende des Tages ist doch immer eine gute hier. Und man entdeckt die Stadt anders, wenn man jemanden im Rücken hat, dem man vertraut. Wenn man allein sein kann, aber nicht muss. Wenn man sich nicht verlieren soll, aber darf.

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Februar 2008 um genau 12:50
Kategorie : London | 0 Kommentare

 Monday (2)

Wir schliefen aus. Es schläft sich eben gut in diesem kleinen Zimmer, dessen Fenster man nachts jetzt doch schon offen lassen kann. Und in dem man aufpassen muss, sich nicht riesige Holzscheite vom ungeschliffenen Dielenboden in den Fuß zu ziehen. Und es folgte ein Frühstück aus Croissants, Obstsalat mit Joghurt, Mozzarella und Tomate, sowie Tee und Espresso in dem kleinen Versinkesofa der Küche. Dann in der kleinen, engen U-Bahn in Richtung Oxford Street. Dort einen Kaffee bei Leon mit den schönen Postkarten. Ich verlor schon dort die Orientierung. Aber das mit den vielen Menschen hörte dort nicht auf. Wenigstens kam man sich nicht die ganze Zeit so schlecht angezogen vor wie in der Brick Lane. Über die Carnaby Street ging es in Richtung Playlounge, einem kleinen Laden voll mit Kinderbüchern und Comicspielzeug, sogar Moomin stand in einem kleinen Fach des großen Regals. Man muss sein Geld gut festhalten.

Weiter über die Regent Street mit ihren zigtausend Geschäften (und natürlich Menschen, flatternd und mit Unmengen Tüten bepackt), vorbei an diversen Geschäften für Männer, Frauen und Babies (die Patentante in mir gluckste!), kurz hinein zu Muji in der Oxford Street mit den schönen Kleinigkeiten. Sogar stylische Zahnbürsten gibt es dort. Und durch das Rotlichtviertel ging es dann zum Leicester Square, Plakate gucken, auf einer Bank kurz zur Ruhe kommen, Menschen gucken. Ich könnte eh die ganze Zeit nur dasitzen und gucken. Warten. Atmen. Die Geräusche ausschalten, die Geschwindigkeit verlangsamen, zurückspulen.

Über den Trafalgar Square, noch eine Kaffeepause einlegend und sich über die Stühle freuend, in denen man ganz langsam aber merklich versinkt, noch einmal hinunter zum Wasser, als die Sonne schon weg war. Und wäre Martin nicht, wäre ich wahrscheinlich längst überfahren worden. Das Gewimmel von roten Lichtern, die ständige Ablenkung und dass die Autos in meiner Wahrnehmung einfach doch auf der falschen Seite fahren. Die Straßen sind voll mit Irritationen. Passend dazu abends noch die Portion Gondry hinterher. Schön auch, dass der Gang des Kinos durch die Mitte führt und sich damit niemand um wirklich besten Plätze streiten kann. Die gibt es nämlich gar nicht. Und dann einschlafen bei der ersten Folge Pushing Daisies: “But what if you need a hug? A hug can turn your day around”. Dann von den Kameras träumen, die überall hängen. Auf wie vielen Bändern ist man wohl innerhalb eines Tages zu sehen? Vierhundert?

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. Februar 2008 um genau 13:30
Kategorie : London | 4 Kommentare

 Sunday (1)

Der erste Eindruck dieser Woche war ein Blick auf glitzerndes Meer, eine zerklüftete Küste und einen braungrünen Flickenteppich aus Feldern. Die Sonne kletterte angestrengt durch die grauen Wolkenschleier, während das Flugzeug landete. Und dann waren überall nur noch Menschen. London ist so unglaublich voll mit Menschen. Alles rennt und schiebt und knistert und raschelt und telefoniert. Alle telefonieren, kleine Jungs, alte Omas. Es scheint, als unterhalte man sich entweder sehr laut miteinander oder man telefoniert eben.

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Orientierung gibt es noch nicht, ich habe noch keinen eindringlichen Blick auf den Stadtplan geworfen, bin mehr hinterher als voran gelaufen. Mein Blick bleibt an jedem zweiten Haus kleben. Sie stehen alle in Reihe, zusammen gedrückt, alles ist gedrängt. Die Menschen, die Häuser, die Schilder, alles ruft irgendwie nach Aufmerksamkeit, nicht laut und schrill, aber doch konsequent. Und aus der Reihe fällt der, der es schlicht hält und einfach. Der sticht dann doch heraus. Und während ich schon am ersten Tag unglaublich viel Geld ausgebe, wir uns rund um die Brick Lane und Spitalfield Market durch die Mengen schlagen (bei uns sind die Straßen sonntags leer, hier sind sie voll), regnet es sich ein. Bei Kaffee mit dem dicksten und tollsten Milchschaum (ich stelle den Löffel hinein und er bleibt stehen, mit einem Anschubsen schlingert er langsam) versinken wir in weichen Sofas und sehen dem Licht beim weniger werden zu.

Die Einwegkameras sind im Anschlag, das Fotoprojekt in einem Reglement festgehalten. Die Lichter sind genauso bunt wie anderswo, nur sind es viel mehr, die kleinen Häuser scheinen sich zu biegen unter den vielen flimmernden Schildern, aber sie tragen sie doch mit Stolz vor sich her. Und auf dem Markt wird einem ganz anders von den teilweise so geschmacklos gemusterten Stoffen, die auf tausenden von Bügeln reihenweise die Straßen schmücken. Und jetzt stehen die Lichter still vor Fensterscheibe, auf der sich Tropfen sammeln und langsam hinabfließen in Musterbahnen. Das Hochhaus bewegt sich nicht, der Blick liegt still. Wir haben Pfefferminztee.

Liz hat es verfasst, und zwar am 24. Februar 2008 um genau 21:06
Kategorie : London | 0 Kommentare

 10 things Martin told me

Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Februar 2008 um genau 19:40
Kategorie : London | 2 Kommentare

 Die Sache mit dem Irgendwann

Manchmal passt er einfach nicht, der naive Optimismus, der sich auf die Zukunft legen soll, damit wir nicht aufhören weiterzumachen. Oder weitermachen damit, nicht aufzuhören. Manchmal funktioniert es nicht zu sagen, dafür hätten wir morgen noch Zeit oder in ein paar Jahren. Dafür bräuchte es diese und jene Um- oder Kontostände, Person an der Seite oder innen drin. Da stehen dann nämlich noch Kanten über, wenn es um Dinge geht, die du schon eine ganze Weile mit dir herumträgst, leise und lauter, aber immer dabei, im Hinterkopf, verinnerlicht, fast angewachsen. Bei Menschen, die sich eingenäht haben in die Herzscheidewand, und bei Dingen, die wie ein Tinitus deine Wahrnehmung bestimmen, da geht das Konzept nicht auf. Da kann man den Termin nicht anklicken und verschieben, wo noch etwas frei ist.

Diese Sache mit dem Irgendwann ist eine schwierige. Weil es ja doch immer pocht und treibt und von innen gegen die Bauchdecke schlägt, egal, wie weit dein T-Shirt ist. Es wummert leise aber beständig wie Herzschlag und mit ihm. Nochmal dazwischen. Es ist das leise Klicken, das es zu etwas besonderem macht. Das aus der Reihe tanzt und das permanent. Da kannst du nicht sagen, das passe oder ginge jetzt hier nicht. Das kann nicht morgen wiederkommen. Denn, wenn es mal weg ist, weißt du nicht, ob es zurückfindet. Ob du dann noch da bist. Wenn man sich immer und immer wieder auf die Zukunft verlässt, ist irgendwann keine mehr übrig. (Und geduldig war ich eh noch nie.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Februar 2008 um genau 13:51
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

 The taxi is waiting.

Manchmal hat man einen Flug gebucht, als man noch gar nicht wusste, dass der Zeitpunkt des Fluges ein sehr guter ist. Man wusste noch nichts vom Stillstand, der einen rasend machen kann, wenn er sich hinzieht, wenn es eben nicht nur eine Pause sondern irgendetwas anderes ist, für das man noch kein Wort gefunden hat. Und wenn man dann ein kleines Blatt Papier in der Tasche hat, das einem für eine Woche eine andere Welt, ganz viel Input, wundervolle Gespräche und Menschen verspricht, dann grenzt das nahezu an perfektes Timing.

Ich verlasse diese Stadt also für ein paar Tage in eine andere. Und frage nun, ob ein paar der Geheimtipps für London auch nicht mehr ganz so geheim gehalten werden könnten. Ich habe die Lomo dabei und eine Woche Zeit, ich habe ein Glitzerkleid und die abgerockten Stiefel, ich habe eine Bleibe und ein bisschen Zeit. Für Hinweise und Tipps jeglicher Art und in diversen Entzückungsgraden London betreffend bin ich wahrhaftig aufgeschlossen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Februar 2008 um genau 11:16
Kategorie : Fragen | 15 Kommentare

 All the time you thought I was sad

Eigentlich ist es gut, wenn man den Punkt erreicht hat, an dem man lächelt. Und nicht lächelt, weil es einem gesagt wird oder man das in einem Ratgeber oder einem Blog gelesen hat, weil man die Mutter nicht gleich so entsetzlich verschrecken will oder keine Lust hat auf Fragen von denen, die das eigentlich gar nichts angeht. Nicht so ein Lächeln. Ich meine eines von der Sorte zwischendurch. Aus Versehen. Im Vorbeigehen. Dieses 3-Sekunden-Ding, das sofort wieder vergessen ist, das man gar nicht spürt in dem Moment, das aber unweigerlich da war und einem ohne lautes TamTam den Tag versüßt, weil es leicht ist. Weil es so leicht ist, dass es gleich wieder verfliegt, sich nicht unmittelbar festkrallt und um Aufmerksamkeit und Analyse bettelt. Es ist nicht leicht, an diesen Punkt zu kommen. Es ist nicht leicht zu bemerken, dass es nicht bedeutungslos, aber so egal geworden ist, dass die Präsenz keinen Unterschied in mehrere Richtungen mehr macht. Es ist ok. Und das war es dann auch.

Man hat ein paar Versuche, die Linie zu erreichen. Es gibt einige Chancen. Aber man muss sich dazu entscheiden. Sich darauf einlassen. Schiss haben. Man darf auch ruhig scheitern. Manche verweigern sich dem Versuch, andere denken nicht darüber nach. Und wenn du so lange deinen Fuß darauf gestellt hast, dass man es nicht sieht, dass niemand bemerkt, dass es da an deiner Schuhsohle klebt, dann richtest du dich ein in der Position. Du guckst brav nicht nach unten, alle finden, du machst das ganz souverän. Es sei denn, du hast es so sehr vergessen, dass du irgendwann doch den Fuß anhebst. Und dann ist es immer noch da, nämlich so knallig, wie es vorher war. Und es wird keine Anstalten gemacht haben zu schrumpfen oder an Bedeutung oder Größe zu verlieren. Es wird da geblieben sein und dich anstarren und du wirst dich erschrecken, weil du es eigentlich vergessen, aber doch festgehalten hast. Weil es keine Zeit hatte, sich wegzuwaschen mit den Gewittern, die es nun einmal gibt von Woche zu Woche. Niemand hatte die Gelegenheit, drüber zu laufen, es abzuschubbern, es nicht zu bemerken oder eben doch. Nichts ist draufgefallen oder drüber gewischt. Es sieht dann noch aus wie vorher.

Aber wenn man eine Weile damit lebt, dass es vielleicht klebrig ist, dass man ab und an dran hängenbleibt vielleicht oder Fusseln, dass es einen nervt und ankotzt und Joghurt drauf kleckert und nicht mehr richtig rausgeht, verblasst es. Weil es Wetter gibt und andere Menschen noch. Weil es Stunden gibt, die immer vergehen und die Angewohnheit haben, ein paar Dinge mitzunehmen. Weil man sich ganz einfach daran gewöhnt, es zwar nicht lieb gewonnen hat, aber findet, es gehöre irgendwie dazu. Und erst werden die Ränder unklar, dann schmirgelt es sich Schicht für Schicht ab. Nach und nach und es dauert. Aber vielleicht steht man eines Tages an der Stelle, wo es war, und da ist plötzlich nichts mehr. Und man kann sagen, man hat es raus bekommen. Ein schmaler Schatten bleibt da, man braucht ja was zum Erinnern. Das ist dann aber nur noch der Punkt, an dem man ein bisschen irritiert lächelt beim Joghurtkauf.

I chose to feel it and you couldn´t choose.

Liz hat es verfasst, und zwar am 20. Februar 2008 um genau 0:38
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

 Ein Gefühl. Ein gutes.

So tief einatmen wie lange nicht, während drumherum alles dunkel ist, die Straßenbahn schon nicht mehr fährt, der Nachbar seine Musik jetzt auch mal ausgemacht hat, das Licht von gegenüber nur noch ein schwacher Schein ist. Und den Mond im Rücken und noch einmal tief einatmen und die Wange hinein halten, weil es fast nichts besseres gibt auf diesen knappen vier Quadratmetern. Es ist neu, aber nicht fremd. Es ist weich, aber nicht schwer. Es ist noch ein bisschen steif, aber passt sich mit jeder Bewegung an, es kennt dich noch nicht. Es raschelt leise in Ohr und Nacken und die Füße suchen sich einen neuen Platz. Es ist ohne Mensch drin. Und man breitet sich langsam neu darin aus, es gibt noch keine Fremdgerüche, kein Haar aus der Nacht, keinen Krümel vom Morgenbrötchen. Es gibt nur wohlig und die Erinnerung an die kühle Luft unter dem Apfelbaum, unter dem ich in eben solcher Ummantelung meinen Mittagsschlaf als Kind erst abgelehnt und dann widerstrebend, beim Aufwachen aber mit gutem Gewissen gemacht habe.

Frisch bezogene Betten.

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Februar 2008 um genau 12:27
Kategorie : En Känsla | 5 Kommentare


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