Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Tag: Frühling

„Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“

Der späte Februar und der beginnende März waren schon letztes Jahr eine Zeit, in der man abends kurz nach sieben noch tippend am geöffneten Fenster sitzen konnte ohne zu frieren, jedenfalls für ein paar Minuten, ein paar mehr. Eine Zeit, in der der Wind eine Atempause macht, die Tage so zukunftsgewandt, dass man bei der Vergangenheit wieder rauskommt. Der kleine Pathos, wenn es abends schon nach Sonne riecht und die Nacht nur langsam drüber klettert, wenn man Fahrradfahren kann, ohne dass einem die Wangen zerrupft werden von der Eisluft oder die Finger abfallen. Wenn die Haut sich schon windet, weil sie weiß, was kommen wird, aber noch nicht da ist, und auch diese Ahnung funktioniert ja nur im Abgleich, die funktioniert nur, weil wir das schon einmal erlebt haben (nicht nur einmal, die meisten von uns mehrfach), und weil wir die Bilder kennen. Wir können uns ja selten angemessen nach etwas sehnen, was wir noch nie gehabt haben, in diesen Fällen ist es relativ wahrscheinlich, dass die Vorstellung, an der die Sehnsucht hängt, schlenkert und an der Realität vorbei schrammt. Marion Brasch sagt im Interview, ihr Bruder Thomas sei einer von diesen liebens- und hassenswerten Menschen gewesen, „das macht eben solche Charaktere auch aus, dass sie nicht nur die Menschen auf ihre Seite ziehen, weil sie so toll sind, sondern auch weil sie sie absorbieren, er war so jemand, der auch Menschen getrunken hat“.

Mehr ein- als ausatmen. Der Frühling ist der erste Herbst des Jahres. Er riecht nach Pfannkuchen.

Á eftir vetrinum kemur vorið.

Frühling in Berlin

Man schimpft jetzt über das Wetter, das macht man ja immer so, das gehört dazu wie das Schimpfen über den öffentlichen Nahverkehr, das Schimpfen über Menschen, die zu langsam laufen, und Autos, die zu schnell fahren. Man schimpft eben über das Wetter, weil das Wetter es einem nicht recht machen kann. Dabei ist er nun einmal so, der Frühling. Er war ja nie anders. Er war immer unstet und kalt und warm und regnerisch und sonnig. Und wenn er nicht so war, dann war es nicht der Frühling. Sondern was anderes. Ein euphorischer Sommer, ein geduldiger Winter. Aber Frühling ist so, da kannst du dich auf den Kopf stellen, du wirst trotzdem nass. Frühling ist Übergang und darüber schimpft man eben, weil Übergang Unklarheit bedeutet und Überraschung und Unvorhergesehenes und Abschied und auch mal Enttäuschung, aber eben auch Anfang und Sortieren und Loslassen und Sähen und Putzen und nicht mehr so viele Pullover, jedenfalls nicht jeden Tag. Übergang ist immer herumwurschteln und aus dem Bett fallen und sich gewöhnen. Darüber schimpfen Menschen, aber der Frühling versucht nicht mehr, ihrem Wunschbild zu entsprechen, das kann er nicht einlösen. Er kommt einfach jedes Jahr wieder, er wird nicht aufhören damit. Vielleicht bleibt er nicht so lang, aber er kommt wieder. Man wird das Wie nicht ändern können, auch mit Tiraden nicht, das bestimmt nur er selbst. (Menschen glauben so oft, sie wüssten, wie es sein muss. Und vergessen dabei zu sehen, wie es einfach ist.)