T.

Manchmal muss ich noch an ihn denken. Manchmal fällt er mir ein, wenn der Wagen ein bisschen ruckelt. An T. werde ich mich noch eine Weile erinnern, wenn es zwischendurch langweilig wird. Wenn auf dem Seitenstreifen der Autobahn wieder ein Auto steht, sich nicht mehr bewegt und daneben umso bewegter der Halter hampelt ohne jegliche Ahnung von vor und zurück. Und manchmal, da stehen in den Vorräumen von Einkaufszentren, in den Fluren, wo alle laufen und schieben, da stehen manchmal so arme Figuren an hässlichen Ständen und heben immer mal wieder die Hand wie zum Gruß, sie setzen zu einem Hallo an, aber schaffen es nur bis hinter das A, weil alle schon wieder vorbei gegangen sind. Dann setzen sie wieder an und geben nicht auf, weil sie die drei Kisten unnütze Dinge auf ihrem Stand noch loswerden müssen. Das ist dann auch immer ein T.-Moment.

Schon bei unserem ersten Telefonat hatte ich ein seltsames Gefühl. Ja, er würde in den Süden fahren am Freitag, da sei noch ein Platz, kein Problem, 6 Euro pro 100 Kilometer. Ich war also pünktlich am verabredeten Treffpunkt, die anderen beiden (D. und M.) waren überpünktlich und grinsten. T. erschreckte sich ein wenig in seinem quietschorangefarbenen Lacoste-Polohemd mit hochgestelltem Kragen, als ich ihm zur Begrüßung die Hand geben wollte. Es ging dann auch gleich los, wir verteilten uns und ich kann mir vorstellen, T. fühlte sich ein bisschen gut mit drei Mädels im Auto und ihm selbst am Steuer. Das obligatorische „Was machst du so?“ war gerade in Gang gekommen, als ich zum ersten Mal das Fenster öffnete, weil ein beißender Geruch mir in die Nase stieg. Die Industriekauffrau neben mir war es nicht, die Übersetzerin vorne rechts war es auch nicht. Und ich senkte noch einmal den Kopf, aber war es auch nicht. So blieb nur noch T., der auf mein geöffnetes Fenster hin mal eben das Radio lauter drehte, das ich vorher noch nicht wirklich wahrgenommen hatte, denn wir hatten geredet, aber plötzlich konnte niemand mehr reden, denn wir drei Restinsassen lauschten geschockt einem Technobeat, der untermalt wurde von einer blümchenesken Stimme, die zwei Lieder lang Texte sang wie „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ oder „Wenn ich nach deinem Körper schiele, denk ich nur an Doktorpiele“. Verwunderte Blicke unsererseits waren die Reaktion, T. wippte nur mit und ließ den linken Arm mit der Kippe lässig aus dem Fenster hängen. Nach den beiden Hits wurde wieder leiser gedreht und T. erzählte von den letzten fünf Jahren seines Lebens, dass es ihn nach mit seiner Exfreundin nach Ungarn verschlagen habe, sie wollten Steuern sparen, ja, er verkaufe gefälschte Parfums, aber die Qualität sei echt gut, man merke das kaum. T. und seine damalige Freundin haben sich dann getrennt, sie sei ihm zu sehr auf die Pelle gerückt und ja, das Geschäft sei nicht so angelaufen, wie sie sich das erträumt hätten, Frauen seien materialistisch, da sei das nichts mehr geworden mit ihnen und er nach Malle gegangen. Zwei Jahre hat er für die jetzige Bräune gebraucht, aber auf Malle habe das komischerweise auch nicht geklappt, dann sei er wieder nach Deutschland, wo er mal hier mal da wohne, das Geschäft verlange ja Flexibilität. Jetzt wolle er eben in den Süden, um dort Duschbad und Maniküre-Sets zu verkaufen. Sein Großvater habe ihm die vermittelt und der wohne am Berliner Stadtrand. Sie würden öfter zusammenarbeiten, das bliebe dann auch in der Familie.

Wir krochen durch den Feierabendstau und waren gerade hinter Berlin auf der Autobahn, als das Auto begann, seltsame Geräusche zu machen. Ich saß direkt hinter T. und hielt meine Nase bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster, ich hatte keine Ahnung, was da auf seinem Tacho abging, aber plötzlich meinte M. neben mir: „Du siehst schon, dass deine Motorleuchte leuchtet, oder?“. T. war verdutzt. Motorleuchte? Was soll das sein? Das, was da blinkt? Achso. Hm. Komisch. Wir hielten am nächsten Parkplatz. Die Motorhaube konnte er noch öffnen, aber auch Kühlwasser und Öl schienen ihm Fremdwörter zu sein, er empfand die unendliche Leere beider Behältnisse als „immer noch im Toleranzbereich“. Wir Mitfahrerinnen füllten nach, T. fuhr los, nachdem er sich ein paar Mal durch die nach hinten gefönten Haare gestrichen hatte. Für das Öl musste er den kompletten Kofferraum ausräumen, auch seine zwei Böcke und den samtblauen Stoff, die Tischplatte, die quasi die Basis seines Geschäftes war. Damit würde er sich hinstellen und drauf dann die beiden kleinen Kisten mit den eingedetschten Maniküre-Sets und irgendeinem Duschbad in weißgrün, „riecht gar nicht so schlecht, ich hab das selber schon mal ausprobiert“, die Aufschrift war auf polnisch.

Die Motorleuchte blinkte erneut und wir wurden neuerdings auch ziemlich durchgeschüttelt, M. befahl T. doch bitte anzuhalten, denn nun qualmte es auch ordentlich aus dem vorderen Teil des Wagens. Nächste Abfahrt raus und auf einer Waldeinfahrt zum Stehen kommen. Quasi für immer, denn jetzt ging gar nichts mehr und der Stress brach in Monsterwellen über K. herein, während wir nur genervt warteten, bis er seiner Beate am anderen Ende der Leitung die Nummer seiner Versicherung abgeluchst und nach einer halben Stunde der Versicherung dann den Sachverhalt verständlich erklären konnte. Eine weitere Dreiviertelstunde hockten wir im Gras in der Frühabendsonne, aßen Müsliriegel und lachten über T., der eine nach der anderen rauchend um sein Auto ging und mit nicht vorhandener Expertise immer mal wieder in den Motorraum schaute, sein goldenes Armband klimperte dabei ohne Unterlass. Das Auto wurde abgeschleppt, T. schien sich mit dem Latzhosenmann sehr gut zu verstehen, der erklärte ihm auch, dass es schon wichtig sei, auf Kühlwasser zu achten. T. raufte sich die Haare. Wenigstens vergaß er seine CD im Auto, als wir letztendlich mit einem Mietwagen in Richtung Süden aufbrachen, als die Sonne unterging. Mit konstanten 100km/h und den grausamen Radiosendern aus Restdeutschland schleppten wir uns in den Süden. Vom Beifahrersitz aus erreichte mich eine SMS mit den Worten: „Das liegt nicht mehr im Toleranzbereich“. T. war etwas verdutzt, als wir uns kurz vor unserer Zielstadt kollektiv absetzen ließen, um die letzten Meter anders zurückzulegen.

Manchmal muss ich an ihn denken, wenn wieder einer da steht an irgendeiner Ecke und Kontaktlinsenlösung verkaufen will. Mit einer Platte auf zwei Böcken, über die zwei Rollen Geschenkpapier gelegt wurden, „damit´s nach was aussieht“. Seine Freundin habe per Kurzmitteilung mit ihm Schluss gemacht damals. Und mich erreichte von D., die vorne sitzen musste, noch eine weitere Nachricht: „Die Frau kann ick verstehen“. Ein bisschen tat er mir leid, um kurz nach Mitternacht.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. September 2008 um genau 10:07 Uhr.
Kategorie : Blicke

4 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. bemme51  |  26. September 2008 um 10:29

    ich weiss grad nich ob ich weitergrinsen, mich fremdschämen oder laut loslachen soll.

    …wochenende, du kannst kommen.

  • 2. Diablo  |  26. September 2008 um 21:16

    Dann gratuliere ich zu dieser tollen Tour. Immer wieder lustig, was man für Paradiesvögel trifft ;)

  • 3. Liz  |  28. September 2008 um 12:03

    @B. Ich weiß es bis heute nicht.

    @D. Tolle Tour? Ich glaub, es hakt.

  • 4. nnier  |  29. September 2008 um 8:19

    Sehr schön geschrieben! Es ist ja auch wieder ewig her, aber in den Jahren, die ich per Anhalter oder über die Mitfahrzentrale zwischen Städten hin und her gefahren bin, habe ich auch unglaubliche Dinge erlebt und ebensolche Personen kennengelernt. Danke!

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