Ein Meer aus Regenschirmen und irgendwie das konfuse Gefühl, dass da jemand beim Aufstellen der Leinwände nicht so richtig nachgedacht hat, immer wieder Ellbogen und erstaunlich wenig sich in ihren Regenmänteln umarmende oder gar lächelnde Menschen. Mehr Stirnfalten, Dialekte und sprachliche Vielfalt, eher schimpfend als feiernd, ab und an Sektkorken in einer Pfütze. Das Schieben und Recken und Strecken, Absperrungen und kein Tanz, auch nicht in den kleinen Seen. Es hätte auch ein Weihnachtsmarkt sein können, ein Jahrmarkt, eine gewöhnliche Event-Sause. Manchmal blinkte hier und da ein bemalter Dominomauerstein auf, das ZDF hat extra Jacken bedrucken lassen (”Mauerfall 2009″) und der Rest wollte gucken, nur gucken, aber irgendwie hat sich niemand angeguckt sondern alle immer nur nach vorn oder irgendwohin, wo vorn sein sollte, aber eben nichts gesehen. Wenn man sich im Getümmel dann mal andersrum dreht und den Leuten in die bekapuzten Gesichter schaut - das ist dann der Hauch von Gänsehaut, eine Ahnung vom Gefühl, das ich damals verschlafen hab.
Wie sie da so rumstanden, aneinander relativ uninteressiert und wahrscheinlich auch froh, wenn der eine oder andere nicht da gewesen wäre, um besser sehen zu können, also die Lichter und den Staatsbesuch, der da immer so allein an seinem Rednerpult stand und außen rum soviel Platz, wo sonst nirgendwo entspannt Platz war. Und das Wahrzeichen durfte man auch nur von Weitem angucken, das haben Wahrzeichen so an sich. Lieber nicht anfassen, sonst platzt es vermutlich oder fällt in sich zusammen.
Warum das eigentlich kein Feiertag sei, hat H. gefragt. Und ich hab an die Reichspogromnacht gedacht und war etwas erleichtert, dass der Regierende Bürgermeister das in seiner Rede nicht unter den Tisch fallen ließ. Und wenn man nicht aufpasste, wurde man ganz schnell neben die Rodelbahn geschoben und vor den Lautsprecher mit den Apres-Ski-Hits. Darüber zwei Ladies in Abendgarderobe für H&M, ein bisschen Glitzer Glitzer. Dahinter eine Meute und Regenschirme und kaum Gesichter und irgendwie ein befremdliches Gefühl mit der Frage, was so ein Fest haben sollte. Was es braucht und was nicht.
Und in der Nacht dann die Dokumentationen im Fernsehen, der Abgleich von Früher mit Heute, die Distanz, das Gefühl von knapp daneben und die gleichzeitige Erleichterung, dass man bei der Wende erst fünf Jahre alt war. Aber die hier und da beklemmende Ahnung, dass da noch etwas schlummert, dass man auch mit der Lasershow den Nagel nicht auf den Kopf getroffen hat, bleibt bis zum Morgen. Alle fragen, wo man damals war. Und ich frag mich, wo ihr jetzt alle seid. Angekommen, weitergelaufen, stehengeblieben.
Vor den Leinwänden legten so viele den Kopf in den Nacken. Und ich war mir sicher: “Schleudertrauma. Ganz klar.”
(Und ob sich die Herkunft am Regenschirmmuster erkennen lässt.)