Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Dezember, 2016

So viel von allem

Lichter

Wie hat das alte Jahr begonnen, weißt du das noch? Wer ist nicht mehr da? Wer kam hinzu? Wo bist du hergekommen ganz am Anfang? Was hast du geplant? Kannst du das schaffen? Wem hast du gut getan? Wo war es schön? Was hat geschmerzt? Wen hast du vergessen? Wen nicht? Wen ein bisschen? Was war das beste Gefühl? Kennst du deine Nachbarn? Den von gegenüber? Kannst du es ändern? Wirst du es versuchen? Was wirst du mitnehmen? Wie hast du geschlafen? Hast du geschrieben? Auch genug? Welche Umarmung vergisst du nicht mehr? Und welche Wut? Wie viele Tage warst du erschöpft? War das in Ordnung? Wann warst du ruhig? Wo hast du die Niederlagen hingetan? Und wo die Erfolge? Wischst du Staub? Also im nächsten Jahr dann? Hast du Fenster geputzt? Den Keller leer geräumt? Deinen Bauch poliert? Was ist mit den Knoten? Kann man dir helfen? Warst du beim Arzt? Wann gehst du? Was überwindest du nächstes Jahr? Und was wird nie geschehen? Wirst du nochmal fragen? Wird es kleiner, wenn man es weiß? Wird es größer, wenn man sich sicher ist? Wer bist du eigentlich? Bist du noch da? Kannst du auch ohne? Wann ist Ruhe? Schreist du mal? Also bald? Was machst du, damit sich etwas ändert? Was soll sich denn ändern? Wo wohnt der Zweifel? Zieht er demnächst um? Ist er angemeldet? Wo erwartet man dich? Kannst du dich lösen? Sagst du Bescheid dann? Hast du einen Brief geschrieben dieses Jahr? Eine Postkarte? Einen Notizzettel? Einen Antrag? Bewegst du dich, nach vorn, meine ich? Hast du alles gesagt? Was hängt da noch rum? Ist das okay so? Willst du nochmal? Kannst du es jetzt? Ist nun wirklich mal Schluss? Oder fängt was an? Was denn genau? Wer sollte denn? Weißt du das schon? Ist jetzt endlich Zeit? Was kommt? Wirst du’s sehen?

Die neunundvierzigste Woche Jahr #4

Sky Sky

Die Stadt atmet ein und aus, deswegen hängt der Dunst über ihr, als kumuliere sich in dieser Wolke auch der Atem aller, die am Sonntag herumgehen und denken “ Bald. Bald Weihnachten. Bald Silvester. Bald Bonus. Bald ein Abkommen. Bald Erlösung. Bald liegen. Bald neue Vorsätze. Bald Gehaltserhöhung. Bald wird’s schlimmer. Bald wieder Licht. Bald ein neuer Bundespräsident in Österreich. Bald Ravioli. Bald Urlaub. Bald ein Kilo weniger. Bald Schnauze halten. Bald eine Katastrophe in Italien. Bald nicht mehr denken. Bald dran glauben. Bald atmen. Bald drei Minuten für mich. Bald nicht mehr hier lang müssen. Bald duschen. Bald essen. Bald vielleicht Bescheid wissen. Bald was anderes“. Jemand hat das Geländer unter der erneut grau angestrichen, das in ein paar Tagen wieder weiß gesprenkelt sein wird wegen der Tauben. Man kann der Spree bis auf den Grund schauen gerade, weil sie steht und friert, die schwimmende rosa Plastiktüte kann da auch nichts machen. Ich weiß noch, als der Schwan eines Sommers mit über die Ampel ging. Bei Rot erst mit den Wartenden stand, und alle, die noch nicht gehen durften, sind völlig ausgeflippt, aber haben sich zusammengerissen, um den Schwan nicht zu erschrecken. Jedenfalls stand er da bei der Bibliothek an der Ampel, als wäre er einer von ihnen und dann ging er bei Grün mit ihnen hinüber und als er sich zur U-Bahn aufmachte, haben es die Menschen nicht mehr ausgehalten und sich ihm in den Weg gestellt, damit er die kleine Treppe zum Wasser hinunter watschelt oder fliegt oder was weiß ich, aber der U-Bahn-Tunnel war nun wirklich zu viel des Guten. Der Schwan schien erst ein bisschen irritiert und versuchte an den Menschen vorbei zu gehen, so sehr ein Schwan gehen kann, er watschelte so rum und sprang dann von der Brücke, flog ein Stück, etwas ungelenk und landete dann im Wasser und die Menschen oben haben applaudiert. Mehr sich selbst als dem Tier. So ist das ja meistens. Jetzt liegen vollgereifte Blätterhaufen im Rinnstein, die Menschen reiben sich in der U-Bahn die Hände warm. In der Nacht gab es überfrierende Nässe, die nun schimmert, als habe sich jemand auf der Kreuzung vertan. Dann läuten die Glocken, das Licht rutscht beiseite, die Kinder wollen nochmal aufs Trampolin, jemand seufzt und geht mit, muss ja einer mit immer. Die Bahn verschwindet zwischen den Häusern. Eine Straße weiter steht ein Mann in einem Gyros-Menü-Kostüm und verteilt Zettel. Als wir wieder aus dem Haus kommen, steht ein anderer dort. Auch im Kostüm. Sie frieren, man sieht ihnen das an, sogar den Zetteln sieht man das an. Er denkt auch: Bald. Und: Vielleicht.

It isn’t the same, don’t give it a name.

Die neunundvierzigste Woche Jahr #3

Marmor

A. sitzt auf dem Dach des Autos, das Auto steht auf der Brücke und Anne steht in dem Kleid wie in einem Raum, den sie schon lange kennt. Ihre Haare wehen so, dass man sie begreift, aber ihr nicht in die Augen sehen kann, das macht sie immer, wenn sie neu ist auf einer Brücke oder anderen Orten, von denen man einen Ausblick hat. Es ist einer von diesen Tagen, an denen einem abends nicht kalt und nicht warm ist und Temperatur nur so eine kleine Rolle spielt wie der Atem, solange er funktioniert, einer von diesen Tagen, an denen Wetter so an einem dran passiert, dass die Grenzen verschwimmen und man ganz darin aufgeht ohne aus der Form zu fallen. Einer von diesen Tagen, an denen man die Hand aus dem Fenster streckt, an dem man fahren kann, wohin man will und niemand sagt Nein oder Aber oder von Irrtum spricht. Einer von den Tagen, an denen es keinen Irrtum gibt, sondern jede Bewegung richtig ist und jedes Licht und wenn das Licht fertig ist mit dem Tag, dann ist auch das genau richtig und man hört nur noch den Stoff ihres Kleides und weiß, aus welcher Richtung der Wind kommt, weil man den Zigarettenrauch riechen kann. Einer dieser Tage, an denen ein Ausblick genug ist und wir nicht mehr wollen als solange sitzen zu bleiben, bis das Licht wiederkommt, weil es ja gesagt hat, es müsse nur mal eben etwas erledigen, es wird kommen und das ist einer dieser Tage, an denen man sich darauf verlassen kann, an denen stimmt, was gesagt wird ganz gleich, ob es morgen noch gültig ist. Auch dieser Tag wird wiederkommen, er muss nur kurz etwas besorgen, glaub mir, wir warten hier, du hast doch Feuer und Blättchen und nein danke ich rauche nicht, aber du bist versorgt und ich bin okay und damit halten wir es auf diesem Geländer noch eine Weile aus; eine ganze Zeit.

Nachts auf dem Weg nach Hause ist der Schriftsteller weg und stattdessen sitzen uns zwei ältere Herren gegenüber, der eine hat diese Abstand zwischen den beiden Schneidezähnen, den man bei Fotomodels und Teenagern immer gut findet. Er ist jetzt älter, vielleicht Mitte 50, man muss zweimal hinsehen, um sich zu erinnern: Ach, diese Zahnlücke, die geht auch später nicht weg. Und man kann nicht sagen, ob die beiden betrunken sind oder auch nur angetrunken, oder ob sie immer so reden, so nebeneinander her. „Mit dem Auto weiß ich auch immer nicht so Bescheid. „– „Naja, Hauptsache U-Bahn.“– „Ich bin da einfach absolut unentschlossen, man weiß nie, woran man ist.“– „Im Moment ist es einfach nur teuer.“ – „Und wird auch nicht billiger werden.“– „Früher hätte man gesagt, kauf ich und jetzt hätte man es für das Doppelte verkaufen können.“ – „Ja, das geht nicht mehr. “ – „Das geht schon lange nicht mehr.“ Sie könnten über alles sprechen. Konservengemüse. Die große Liebe. Anlageberatung. Das Sterben. Fermentation.

„Sie schaut nach Flügen für den Januar. Oder nach Flügeln.“

„Körner machen fett“ steht an der Hauswand kurz hinter der großen Kreuzung. Die Sonne scheint über den Platz und alle Menschen auf der einen Straßenseite verziehen das Gesicht. Auf der anderen Straßenseite läuft niemand. Alle versuchen einander zu erkennen, einer bleibt stehen, schließt die Augen und wird von allen überholt. Die Düsenjäger spielen Käsekästchen am Himmel.

Die neunundvierzigste Woche Jahr #2

Sky

Gestern war ein Tag mit Wind. Berlin fühlt sich an manchen Ecken dann kurz an wie Hamburg. Oder vielleicht nicht wie Hamburg, aber wie ein paar Meter näher am Meer. Wenn man dann nachts durch Berlin läuft, auf den Straßen liegen vom Himmel gefallene Seeigel, kriegt einen wieder das Aliengefühl, wenn man nicht aufpasst, in dem sich alle bekannten Straßennahmen, Erinnerungen und Zugehörigkeiten auflösen und man nur noch Steine und Bäume sieht, ein Paar fremder Füße, kalte Hände und Taxifahrer, die selbst nicht wissen, wo es eigentlich langgeht.

Heute ist der Himmel wieder blau wie noch nie und dieses Mal trifft er beinahe die Farbe des Hauses, an dem ich so oft vorbeikomme. Eigentlich müsste man rausfahren, so richtig raus über den Rand hinaus dorthin, wo man sich erschreckt, wenn man noch andere Menschen trifft und sich dann doch grüßt mit gesenktem Blick und einem kurzen Lächeln. Man müsste dorthin fahren, wo es zu dieser Jahreszeit ohne hochgeschlagene Kragen nicht geht und wo man die ganze Zeit blinzeln muss, weil das Licht so blendet, wenn keine Häuser im Weg stehen oder nur solche, in denen niemand mehr wohnt.

Der Herr mit Hut und Ledertasche in der U1. So habe ich mir früher immer Schriftsteller vorgestellt. Auch das Schriftstellersein. Man umgibt sich mit Dingen aus Leder, macht ausladende Handbewegungen und beim Denken fasst man sich selbst ins Gesicht oder ans Papier. Und dann setzt man sich hin und seufzt und schreibt so, dass es ein Geräusch macht. Aber das ist dann auch das einzige Geräusch nach dem Seufzen. Das des Stiftes auf Papier, oder eben Tippen. Der Rest der Welt verschwindet. Dachte ich. Inzwischen habe ich festgestellt, dass diese Momente so rar sind, in denen das Hirn es schafft, die Welt komplett liegenzulassen, dass man sich dafür auch keinen Hut kaufen braucht. Wie die Sache mit dem schalltoten Raum. In dem man nichts hört außer sich selbst. Und dann eventuell verrückt wird, wenn man zu lange darin bleibt. Weil man das noch nie erlebt hat, vollständig von dem, was einen sonst permanent umgibt, so viel und so pausenlos, dass man es nicht mehr wahrnimmt, also von dem Offensichtlichen und dem großen Rest, nun wirklich von all dem getrennt zu sein.

Es ist wieder die Jahreszeit, in der man die Unsolved von Karate herausholt. Wenn man das dann fünfmal die Woche tut, ist Saison. „Still something sings within the vein, as I forget to fail, I forget to complain. And how much will the Leitmotiv sway to compensate for our fallow-yet-vigorous play on the century’s take on the lived-but-yet-named? Hold out, because this moon is twice as good when you see through a year of nights what you thought you understood.“

Die neunundvierzigste Woche Jahr #1

Wolke

Die erste Woche des Dezembers wird anders sein. Wir haben uns vorgenommen, eine Woche lang jeden Tag zu bloggen. Das heißt, zu schreiben. Das heißt, zu formulieren. Das heißt, Worte zu finden. Auch das kann man üben. Der Comiczeichner Fil sagte neulich in einem Interview, das er mal dieses Buch gelesen hatte, in dem proklamiert wird, dass man gut wird in etwas, dem man 1000 Stunden widmet. Er habe das dann mit Yoga versucht. Nach acht Jahren Hampelei sei er nun an einem Punkt, an dem er sagen könne, er ist ganz gut darin geworden. Wir versuchen also einfach zu machen, wieder in den Tritt zu kommen. Erst einmal für eine Woche.

Vor kurzem auch „Der Trafikant“ von Seethaler nochmal gelesen. Meistens abends im Bett. Ein schlechter Ort, um alle Parallelen zur heutigen Zeit zu markieren. Und dennoch: „Es war eine Ahnung, die da zwischen den vielen Druckbuchstaben herausraschelte, eine kleine Ahnung von den Möglichkeiten der Welt.“ Der Professor sagt auch, als Franz vor seiner Tür auf ihn wartete ohne zu läuten: „Manchmal muss man Menschen eben stören, wenn man sie erreichen will!“

Weiterhin höre ich regelmäßig den Podcast „Note To Self“ mit Manoush Zomorodi, die immer wieder die Einflüsse von Technologie und Digitalem auf den Menschen und sein Inneres beleuchtet. Was haben wir, was machen wir damit, wo gehen wir? Die neueste Folge beschäftigt sich mit Tech Under Trump.

Das spätabendliche Kochen ist etwas, das den Kopf ausschaltet. Ich bin froh, das gefunden zu haben. Weil es das Schreiben ausgleicht, die Bewegung im Kopf. Wenn du ein Rezept hast, dich daran orientierst, aber die Dinge nach deiner Facon umsetzen kannst. Immer mal wieder einen Blick auf den Zettel werfen, dann einfach machen, nachspüren, ob es hinhaut unter deinen Bedingungen, immer mal nachsehen und dann wieder selber machen, verändern, umsetzen. Lebensmittel in die Hände nehmen, schneiden, riechen, schmecken, die Dinge ihren Gang gehen lassen. Manchmal fühlt es sich an wie dieses Gefühl nach dem Kino oder dem Theater, wenn man aus zwei Stunden Dunkelheit zurück auf die Straße geht, wo sich alles bewegt und man meint, jemand habe genau diese Abläufe geschrieben, alles sei noch immer Teil eines Drehbuchs, das auf einer Bühne stattfindet, die nur man selbst betrachten kann. Als passiere alles aus einem bestimmten Grund. Geschärfte Wahrnehmung. Fokusverschiebung. Sowieso Textur. Immer und immer wieder. Könnte man auch mal die Politik drauf untersuchen. Wie sich politisches Miteinander zusammensetzt, an welchen Stellen es klumpt, zu viel Luft drin ist, etwas außer Plan stockt und wo es eben funktioniert.