Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: August, 2013

Pankow

Bäume

Ich schätze sie auf Mitte 30, sie sieht aus, wie sich Miranda July immer in ihren Filmen inszeniert. Mit diesen kinnlangen Locken und einem Pony dazu, der sich auch lockt, aber nicht so sehr wie die anderen Haare. Sie trägt diese bunten, kurzärmeligen Blusen in Knallfarben mit Motiven drauf, sie kauft immer Milch, wenn ich sie sehe, im Kiezmarkt kauft sie die. So heißt das Ding an der Ecke, da steht es in Orange-Gelb drüber, also Kiezmarkt. Ich fahre immer daran vorbei, wenn er gerade zumacht oder schon zu hat und sie kommt auch immer kurz vor Ladenschluss herausgehetzt, sie läuft selten in Ruhe sondern immer etwas nervös. So viele Milchkartons würden mich auch nervös machen, meistens sucht sie parallel auch noch irgendwas in ihrer Tasche, sodass sie umständlich die Kartons neben ihren Füßen abstellen und in der Tasche wühlen muss, sie trägt Umhängetaschen, meistens A4-formatig. Man möchte ihr immer irgendetwas abnehmen, aber irgendwie vermute ich, dass das nichts helfen würde, mit den Milchkartons und der Tasche kommt sie schon zurecht und das andere kann ich nicht sehen.

Der Hörgeräteakustiker sitzt immer vor der Tür seines Ladens und raucht, genauer gesagt sitzt er auf der Treppe. Beim ersten Mal dachte ich, er sei nur ein Jogger, der sich ausruht, in seinen schwarzen Shorts und mit den bunten Socken in den Turnschuhen, aber so geht er zur Arbeit, er ist immer bereit loszurennen. Ich habe noch nie jemanden im Laden gesehen, aber er sitzt immer dort und raucht und schaut die an der Bushaltestelle sitzenden Rentner von hinten an.

Auf dem Spielplatz sitzen Kinder, die nicht spielen sondern meistens einfach nur sitzen. Sie sitzen auf den Baumstümpfen, auf dem Dach des Spielplatzhäuschens, im Spielplatzhäuschen, auf der Rutsche, unter der Rutsche, neben der Rutsche. Sie brüllen einander Sachen zu, aber bewegen sich selten. Wer in den Penny Markt geht oder gerade herauskommt, kann sie sehen. „Hast du mich lieb?“ fragt das eine Mädchen das andere, als ich mein Fahrrad gerade abstelle. Eine Stimme aus dem Busch sagt: „Ich hab dich nicht lieb.“ Das andere Mädchen: „Aber du hast doch gesagt, du hast mich lieb.“ – „Nee, ich hab gesagt, ich BIN lieb“ sagt der Busch.

Die Frau mit dem Gebrauchtwarenhandel lässt jeden Tag etwas fallen, häufig liegen Scherben vor dem Geschäft, wenn sie die Auslagen vom Bürgersteig schon wieder herein geräumt hat, vielleicht ist es auch gar nicht sie, die das Geschirr fallenlässt, sondern es stoßen Passanten dagegen. Es ist aber so, dass die Zuckerdosen immer an derselben Stelle stehen, die Teller auch, die alten Wasserkocher, alles kommt jeden Tag dorthin, wo es auch am anderen Tag stand, manchmal kommt etwas dazu, das wird dann dazwischen gelegt oder darauf. Ich habe noch nie jemanden etwas kaufen sehen, nur die Scherben, so macht man auch Platz.

Die Croissant hier sehen aus wie Brötchen, denen ernsthaft etwas zugestoßen ist, sie schmecken auch ähnlich, es gibt keine Teigschichten sondern eher eine Masse, von der man vermuten könnte, sie wäre einmal gallertartig gewesen. Die Croissants hier sind vermutlich verunglückte Brötchen, irgendetwas passiert mit ihnen, was sonst oder woanders nicht passiert, man kann es nicht genau sagen, aber sie provozieren spürbar Mitleid. Das fühle ich auch bei den Blumentöpfen, denen irgendjemand Gesichter aufgemalt hat, der das nicht kann, der auch keine Freude an dieser Tätigkeit hatte, sie schauen jedes Mal, als wollten sie einfach bitte und zum Teufel noch einmal überhaupt nicht existieren, als wären sie ernsthaft sauer auf denjenigen, der da einen Kaktus und vertrocknete Orchideen in sie hineingesetzt hat, als wüssten sie gar nicht, wie es überhaupt dazu hat kommen können.

Und im Hof fallen erst die Birnen vom Baum, später dann Pflaumen.

Polymer.

Sangerhausen

Sie raucht nur, wenn es heiß ist, wenn es so heiß ist, dass sie auf den Terrassenstufen keinen normalen Schritt machen kann, weil die Steine dampfen, weil alles dampft und die Bäume sich keinen Millimeter bewegen. Sie raucht nur, wenn die Luft steht, weil der Rauch dann beinahe senkrecht nach oben steigt, in jede Richtung fliegt, in die sie ihn schicken will, er gehorcht ihr dann aufs Wort, sie stellt sich dann im Badeanzug auf die Terrasse und spürt, wie an der kleinen Stelle, an der die Kunstfaser unter ihrem Busen nicht die Haut berührt, die Schweißperlen laufen, sie nimmt die Zigarettenschachtel aus der Schublade des roten Plastikschränkchens, das draußen steht und in dem sonst nur Gartenwerkzeug, ein paar Schraubenzieher und alte Blumentöpfe und Blumentopfunterteller aufbewahrt werden. Neben der Heckenschere und den Handschuhen liegt die Packung Zigaretten. Das Plastik des Schränkchens stinkt, wenn es heiß wird, aber sie haben keine Alternative, sie kümmern sich nicht darum, man riecht es auch nur, wenn man nahe herangeht, aber das tun sie nicht, das macht höchstens N., wenn sie Extrageld bekommt und man ihr genau sagt, was sie im Garten zu tun hat, die kniet sich dann umständlich vor das Schränkchen und wirft alles heraus und später wieder hinein, meistens hat sich dann gar nicht viel getan, also wenn N. sagt, sie sei fertig, aber das ist auch egal, man soll die Sachen ja wachsen lassen und der Pool steht eh nach vorne raus, der Pool. Da kann hier hinten auch passieren, was will, da kann sie also auch rauchen und niemand wird es sehen, die Dinge wachsen ja auch, wenn sie niemand gießt, irgendwo nehmen sie das Wasser schon her. Sie fragt sich, wie sie das machen, diese Gestrüppe, die machen einfach immer weiter und sehen immer so aus, als solle das einfach so sein. Ich tue einfach so, denkt sie sich, wenn die Nachbarn fragen, als solle das wirklich so sein, Bio sagen sie immer, Bio kaufen sie immer, und wir lassen eben wachsen, nicht wahr.

An den Innenseiten der Wangen, der weichen Haut, wird es heiß, an den Zungenrändern bitter. Selbst die schmalen Linien zwischen den Steinplatten, die mit Kieseln gefüllt sind und bei leichtem Regen am schönsten aussehen, weil sie so schimmern, sind heiß, manchmal bleibt ein Kiesel zwischen ihren Zehen stecken, wenn sie darüber schleicht. Sie nimmt jedes Mal nur eine Zigarette, sie legt die Packung sofort zurück, schiebt sie vorsichtshalber bis an den hinteren Rand der Schublade und legt die Gartenhandschuhe davor, immer gleich, Finger nach links, Schlupfloch nach rechts, sie holt die Streichhölzer aus der Küche, die dort liegen, weil die Packung so hübsch ist, aber man braucht keine Streichhölzer, wenn man einen neuen Herd hat. Doch N. hat sie aus ihrem Urlaub in Kroatien mitgebracht und sie ihnen gemeinsam mit einer Kerze voller Muscheln geschenkt, eine Kerze voller Muscheln, ja mit Muscheln beklebt, die Kerze steht im Bad und wurde noch nie benutzt. Es ist so weit ins Bad, dass man die Streichhölzer schon völlig vergessen hat, wenn man dort angelangt ist, es ist ein weiter Weg, den man dann, wenn man ihn einmal bewältigt hat, nicht mehr zurückgehen möchte. Sie bleibt dann einfach und badet im Dunkeln, er findet das seltsam, ihr macht es nichts aus. Unbekleidet durchs Haus zu laufen, wenn er da ist, findet sie schlimmer. Die Wanne ist ein kleines bisschen zu lang, sie rutscht jedes Mal hinunter und findet keinen Halt an der glatten Oberfläche, sie ist zu klein, um sich mit den Füßen am unteren Ende abzustützen, aber für Schwerelosigkeit ist die Wanne zu schmal, das hätte sie probieren müssen vorher, denkt sie jedes Mal, vor der Sanierung, da hätte sie sich einmal reinlegen müssen, aber sie hat darüber nicht nachgedacht, über Wannenlängen nicht und so etwas wie Ambiente nicht, obwohl der Sanitärfachgeschäftsangestellte das so oft erwähnt hatte. Ambiente, hatte er gesagt, immer wieder, Ambiente Ambiente. „Bambini, Cappucchino, Ambiente!“ und sie hatte ihn einfach nicht verstanden.

Sobald sie wieder im Schatten des Wohnzimmers steht, zieht sie sich die Latschen an, das Plastik klebt an ihrer Fußsohle, sie zupft am Stoff des Badeanzugs über ihrem Dekolleté und pustet sich von oben kurz hinein. Dort wo der Schweiß läuft, wird es dann kühler. Sie schließt die Terrassentür, wirft einen Blick in die Äste der Bäume und dreht sich dann um, nimmt den Schlüssel von der Kommode im Flur, verlässt das Haus durch die Vordertür, lässt sie ins Schloss fallen, was man nicht hört, denn er hat etwas einbauen lassen, das macht, dass die Türen nicht mehr knallen, man kann keine Schrank- und keine Zimmertüren werfen in diesem Haus, alles wird abgefedert und schließt sich dann lautlos, sie wirft den Hausschlüssel ins Gras, lässt die Schlappen von den Füßen gleiten und steigt in den aufblasbaren Pool. Zwei ältere Damen stehen an der Bushaltestelle, sie ist sich nicht sicher, ob sie zu ihr oder einfach nur gegen die Sonne starren. Sie legt sich mit dem Nacken auf den Gummirand, sodass das Wasser im Pool langsam herausläuft. Ein kleiner Sturzbach, das ist ihr liebstes Geräusch, die Falten des Poolbodens drücken sich in ihre Oberschenkel, das Wasser ist kühl, weil sie es vor zwei Stunden frisch eingelassen hat, sie riecht den Rasen, das Gummi und das leicht modrige der Garagenleitung. Der Bus kommt in vier Minuten, dann wieder einer 12 Minuten später. Sie dreht das Gesicht zur Seite, saugt das restliche Wasser vom Gummiboden auf, zieht es zwischen den Zähnen hindurch und spuckt es in die Luft, sodass es wieder zurück auf ihr Gesicht klatscht, nicht wie Regen, aber wie irgendwas. Morgen muss sie die Rede halten, sie hat noch kein Wort geschrieben, sie hat noch nicht einmal den Entwurf gelesen, den V. ihr geschickt hat, aber morgen muss sie die Rede halten und unter der Bluse wird man die Ränder des Badeanzugs nicht sehen.

Hiraeth

Wutzsee

„Die Schultern auf den Boden drücken wie Blätterteig, das leise Knacken an den Rändern, man kann gar nicht unterscheiden zwischen Parkett und Knochen, weil es knirscht, wo beides aneinander kommt und mit dem Blick an den Stuck kann ich nicht sagen, wer nachgibt, ich kann nicht einmal nachschauen, dann ginge die Verbindung kaputt, die Konstellation würde sich auflösen und ich hätte zu tun mit den Tränen, die mir aus den Augen laufen, die nur laufen können, wenn ich liege, weißt du, das Wasser kann nur raus, wenn ich einen Horizont mache, wenn ich mich wie ein Floß auf die Oberfläche lege, die niedrigste, die es gibt, dann findet es einen Weg, dann gibt es keinen Wärter. Sobald ich stehe wie die Buhnen, sind alle Schleusen verschlossen, dann geht nichts und das Wasser schlägt mit Wucht von innen gegen den höchsten Punkt meines Kopfes, von innen dorthin, wo es nicht hinkommt, dort, wo bei der Akupunktur die Nadel sticht, von innen gegen den Scheitel und die zwei Wirbel, über die sich F., mein Friseur, immer lustig macht, weil meine Locken dann noch einmal eine große Locke machen, die man nicht unter Kontrolle bekommt. Das Wasser kracht so sehr dagegen, dass ich manchmal glaube, S. kann es hören, wenn wir stehen, um gleich Tom Ka Gai zu löffeln, sie fragt, ob ich mich setzen möchte und ich möchte mich hinlegen, aber das kann ich nicht sagen, ich kann mich nicht unter den Tisch legen, deswegen warte ich bis zuhause, ich klettere in den fünften Stock, am liebsten würde ich auf der Treppe schlafen, oben anfangen und mit jedem Aufwachen eine Stufe nach unten. Je näher ich dem Boden komme, desto besser geht es mir, vielleicht reagiere ich komisch auf Anziehungskraft, vielleicht ist irgendetwas in mir verrutscht und deswegen zieht es mich, ich bin am sichersten, wenn ich liege und alle Stellen, die ich bewegen kann, auf den Boden drücke, bis es nicht mehr weiter geht, deswegen ist Hartes am besten, Waldboden funktioniert nicht, der trickst mich aus, Sand verrät mich, weil ich dann immer weiter graben muss mit den Ellbogen, weil ich immer denke, da kommt gleich ein Loch, ich bin sicher, irgendwo unter mir hat sich ein Tier eine Höhle gegraben und ich werde durch die Decke krachen, Asphalt ist wirklich am schönsten, Steinplatten sind gut, Parkett ist in Ordnung, Laminat ist zu weich.

S. kann eigentlich nicht mehr essen, es ist zu scharf, sie hat zu viel bestellt, hinter uns stellen sie bereits die Stühle hoch, der Kellner ist eine Frau, die Kellnerin ist ein Mann, wir wissen nicht genau, aber sie oder er möchte nach Hause, wir bekommen die Karten gereicht und zwei Minuten später sollen wir bestellen, ich tippe nur auf die Weißweinschorle, das Korbgeflecht des Stuhls presst sich in meine Oberschenkelhaut wie ein eingegipster, geflochtener Zopf. Das macht niemand, ne? Haare eingipsen, einzelne Haare eingipsen und warten. Alle würden brechen, alle Haare würden brechen, aber schön sähe das aus. Die Haare im Nacken von S. sind noch nass, sie war laufen vorher, es war ein langer Drehtag, sagt sie, sie braucht das, das Laufen, aber Berlin, das hasst sie, Berlin hasst sie mittlerweile und über die Snobs am Ufer schimpft sie, ich weiß nicht einmal, ob man dort überhaupt sitzen kann, aber ich weiß, dass jeder nervt, der irgendwo sitzt, wenn man rennt. Alle, die nicht rennen, nerven, wenn man selbst Geschwindigkeit machen muss. Schlimmer sind dann nur noch Vögel.

S. sieht müde aus und mich selbst kann ich nicht sehen, meine Beine spiegeln sich in der Glastür, draußen haben sie schon seit längerem keine Bedienung mehr, die Nachbarn beschweren sich jetzt auch im Friedrichshain, das Ordnungsamt ist schnell, alle müssen aufpassen, das kommt aber auch immer auf die Ecke an, eine Straße weiter sitzen sie noch, als wir schon in Richtung Hotel laufen wieder, alle reden andere Sprachen, ich möchte liegen und sie sollen einfach weitergehen, ich könnte meine Hand in den Gulli hängen und spüren, wie es dort unten kühler wird, ich könnte mir vorstellen hineinzufließen und S. könnte einfach weitererzählen von den Reisen, ich höre ihr gern zu, wenn sie vom Wandern erzählt und vom Klettern und wen sie oben in den Hütten trifft. Ich stelle mich nicht auf Balkone, ich stelle mich nicht auf Berge oder Terrassen, aber sie sieht schön aus dabei, ich kann gar nicht wissen, wie es sich anfühlt, aber ich möchte keine Blumen gießen oder pflücken, ich möchte nicht wissen, wie viel Platz nach oben noch ist, das ist mir zuviel, die Hauptsache ist, dass ich abschätzen kann, wie viel Raum zwischen mir und dem Boden ist, am genauesten bin ich, wenn ich liege, da ist nicht kompliziert dran, glaube ich eigentlich, ich habe das S. mal erzählt und sie hat gelacht und dann etwas von Wasserwaagen erzählt, was ich nicht verstanden habe, wir redeten dann über Baumärkte und ich habe mich gesehnt nach der Bad-Abteilung und den Fliesen. Fliesen sind gut, weil sie sich im Gegensatz zu Parkett nicht so aufheizen, und manchmal funktionieren in den Installationen im Bauhaus auch die Lichtschalter und man kann das Waschbecken von unten anschauen ohne geblendet zu werden. Wie Blätterteig mit Puddingfüllung.“