Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Juni, 2011

After all.

Captain Oats

Die gute Sache ist, dass mit zunehmendem Alter die Erkenntnis wächst, dass manche Geschichten dazu gehören. Nicht die, die man mit Begeisterung erzählt, sondern die, bei denen man ein bisschen einknickt, bei denen man kurz stockt, weil man nicht weiß, wo man anfangen soll, denen man ausweicht, wenn man merkt, dass sie kommen, auf einen zu und das auch noch in ansteigender Geschwindigkeit. Mittlerweile weißt du: Das ist okay. Es ist okay, sowas zu haben, diese Narben und die Stellen, wo es noch empfindlich ist, es ist in Ordnung, dass man dort nicht angefasst werden will und bei diesem einen Namen wegschauen muss, es ist wirklich in Ordnung, weil das jeder hat. Du schiebst diese Dinge nicht mehr weg mittlerweile, sondern lässt sie mitlaufen, du erinnerst dich bewusst, du erkennst ihre Farben und weißt, wozu sie passen und wozu eben nicht. Im Umgang übst du nicht mehr, den kannst du jetzt, auch wenn es noch immer keinen Spaß macht. Nicht jedes Jahr verdient ein Hallelujah, so what?

Erwachsen bist du trotzdem erst, wenn du angenommen hast, dass es immer ein oder zwei Geschichten geben wird, ein oder zwei Tage, von denen du dir immer, auch in Jahren noch wünschen wirst, sie wären nie passiert, ein oder zwei tote Winkel. Nur ein oder zwei.

Don’t turn into a document.

Pool

Unter Wasser die Augen aufmachen, mit dem Rücken nach unten, die Füße nach oben, unter Wasser wirklich einmal die Augen aufmachen und die Luft anhalten, solange es geht. Das Flimmern zulassen, das Drücken hinter der Stirn zulassen, die Schwerelosigkeit zulassen, das Berühren der kalten Fliesen zulassen, das Gefühl eines Untergangs zulassen, hinauf schauen und wissen, dass man noch Orientierung hat, dass man immer weiß, wo oben ist und wo unten und dass es sich dazwischen zwar manchmal schlecht schwimmt, aber immer noch der beste Weg ist. Unter Wasser muss man also immer die Augen aufmachen, wenn der Salzgehalt es zulässt, unter Wasser immer schauen, in welche Richtung die Luftblasen schwimmen, sich auf die Sinne verlassen, die man ja nicht umsonst hat, das Innenohr und die Möglichkeit Hell und Dunkel zu unterscheiden. Immer die Augen aufmachen und zu sich selbst sagen:

I know there is not much you can count on, so always count on me.” (Big Deal)
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Big Deal spielen heute Abend in der Kantine vom Berghain und wer nicht zu William Fitzsimmons im Astra geht, sollte sie sich anhören.

This is what my dad told me once.

(Mary Elizabeth Fry)

Luxus der Langsamkeit

Melone

Langsam erwachen, alles strecken, jeden Zentimeter und ein bisschen aus dem Fenster sehen, sich langsam aufrichten, das Fenster öffnen, sich wieder zurücklehnen und warten, bis die neue Luft ankommt im Gesicht an an den Schultern. Langsam gehen, sich behutsam hinsetzen, später Rad fahren und auch das langsam. Erst wundern, was anders ist und dann merken, dass mit der Geschwindigkeit nicht Unerhebliches einhergeht. Den Kopf nur langsam drehen, langsam die Treppen steigen und den Baum im Hof betrachten. “Meine Güte” denken. Lachen müssen, leise. Beim Einkaufen lange die Früchte ansehen und die kleine, dicke, grüne Raupe auf dem Schild vom Staudensellerie. Später ein paar Dinge von Staub entfernen vorsichtig, und hier und da Sachen in die Hand nehmen, wieder weglegen, Inseln bauen. In der Küche sitzen und auf das Hello-Kitty-Planschbecken auf dem Nachbarbalkon schauen wie die Katze, die ebenfalls den Kopf schief legt. Die Melone schneiden, langsam und reden und essen. Sich lange umarmen. Langsam laufen, wohin auch immer. Wie selten das geworden ist.

Ein Jahr lang zurück.

Zuhause

Vor einem Jahr war keine Zeit für Zögern, keine Zeit für einen Blick von oben, ein Durchatmen unter dem Bett, das ging alles gleich weiter, von Hamburg zurück nach Berlin, alles an einem Wochenende. Zurück auf die Straßen, die man kennt, zurück zu Menschen, die nicht aufgehört haben wichtig zu sein, und fort von Straßen, die man schneller losgelassen hat, als sie brauchten, um sich einzufädeln. Vor einem Jahr bin ich zurück gekommen in meine Heimatstadt Berlin nach sechs Monaten Elbe, nach einem Winter voller Schnee und Eiswind und kleinen Schneemännern, nach Kämpfen, durch die man sich behauptet und feststellt, was man möchte und was nicht. Und es war nicht Berlin, das ich unbedingt zurück wollte, sondern die Verantwortung für meine tägliche Arbeit, einen Spielraum und keinen Leinenzwang. Jetzt bin ich wieder hier und habe das kleine Jubiläum im Vorbeifahren nicht bemerkt, alles rennt, ein Jahr TLGG schon.

Ich weiß nun, warum alte Menschen einen in die Wangen kneifen, wenn sie einen lange nicht gesehen haben, ich würde das bei Hamburg jetzt genauso machen.

Denkmalpflege.

Pink

Irgendjemand hat Shampoo ins Wasser getan, das untere Becken des Märchenbrunnens ist ganz weiß, es ist kein richtiger Schaum, nur eine leichte Decke. Oben hängt ein Mädchen die Füße ins Wasser, ein paar Blätter. Die Vögel fliegen nicht tief, aber mit Obacht, weil sie wissen, dass vielleicht etwas passiert, die Insekten der umliegenden Bäume begeben auf dieser Lichtung jedes Mal Selbstmord, hier frisst es sich gut mit dem Hochhaus im Rücken. Ein Kind hat seine Plastikschuhe an der Bank stehenlassen, klein und orange, als stünde es noch darin unter einem Umhang aus genug Phantasie. Nebenan führt jemand ein Feierabendgespräch am Telefon, gegenüber der Student macht sich einen neuen Zopf, das Ordnungsamt hat die Jacken weggelassen und schwitzt die Kragen voll.

Manchmal gibt es einen Punkt, an dem man merkt, dass nichts übrig geblieben ist. Das alles, was es noch gibt von zwei Menschen, vielleicht so ein Gesichtsausdruck ist, den man sich überlegt hat am Anfang, den man behalten hat, wie in Stein und Erinnerung geschlagen, ganz unverrückbar. Das, was sich beide vorstellen, bevor sie sich trauen, bevor sie sich anstrengen, bevor man sich wirklich nahekommt. Das, was man sich wünscht als Überraschungseifigur für die Hosentasche. Und manchmal bekommt man an diesem Punkt doch noch eine Kurve hin, einen Schlenker, es gibt Leute, die schaffen es, dem funkelnden Einhorn, das man niemals finden wird, einen Hut aufzusetzen, eine Schleife umzubinden, irgendetwas von heute mitzugeben, das es ein bisschen lebendiger macht, zurückholt, echt ist. Und manchmal schafft man’s nicht. Dann sitzt man voreinander mit einem Handabdruck von früher im Beton und jemand schüttet Seife ins Wasser. Keine Mimik, kein Jetzt, kein Flimmern. Wenn dann einer geht, also geht ohne den anderen, kann es sein, dass am nächsten Morgen eine Steinfigur mehr am Brunnen sitzt, ein lachender Hase, ein wankendes Pferd, ich bin mir sicher, die waren früher alle mal mehr als das.

Und das nächste Mal wird man sich begrüßen, nicht mit Handschlag, aber mit einem Blick, der sagt, dass man weiß, woher man kommt, wenigstens das weiß man noch. Und danach wird man den Kopf in den Nacken legen und Düsenjäger zählen, den Schwalben zusehen, jemanden anrufen, man wird sich nicht einmal mehr wirklich ärgern können, dass man sich geirrt hat, dass das passiert, hat sich festgetackert, so funktionieren die Dinge, und man wird sich neue Wünsche basteln. Im Winter dann wird man nicken, wenn man bemerkt, dass jemand die Steinfiguren zum Schutz in Holzverschläge gepackt hat, damit sie nicht stürzen. Kein richtiges Nest, nur eine leichte Decke.

Befähigungsnachweis

Tasse

Haben Sie sich jemals eine Familie gebaut? Ich glaube, dass es darum geht, selbst anzupacken, aus den Dingen, die herumliegen, etwas zu bauen, dass Bestand hat oder zumindest für einige Zeit etwas aushält. Haben Sie sich jemals eine Kapuze über den Kopf gezogen? Ich glaube, so ist das. Dinge haben, die machen, dass man nicht nass wird. Sich Menschen suchen, die aufpassen, und auf die man aufpasst. Haben Sie jemals eine Veränderung vorgenommen? Ich glaube, es ist okay, auch mal Nein zu sagen. einen Schutzkreis zu ziehen, der sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Es ist okay zu sagen: Bis später, nicht jetzt. Haben Sie jemals nach Jahren jemanden wiedergetroffen und gewusst, wer es ist? Ich meine, nicht vom Namen her sondern von den Farben innen drin. Nicht? Dann wird es Zeit. Finden Sie jemanden wieder, trauen Sie sich, jemanden gehen zu lassen, zittern Sie dabei, haben Sie Angst, überwinden Sie sich, aber zum Teufel nochmal tun Sie etwas.