Das, was man sich nicht ausdenken kann.
Das, was einfach so passiert. Dinge, von denen man niemals gedacht hätte, dass sie jemand ehrlich und ernst meinen könnte. Das ist solches, was man nicht einmal im totalen Suff, dem Hintertürkoma oder der wildesten Phantasie für möglich gehalten hätte. Dinge, die einem, sobald sie doch passieren, den Schweiß auf die Stirn und gleichzeitig den Atem stocken lassen. Und zwar so sehr, dass man sich festhalten und gleichzeitig rennen muss, damit einem nicht jegliches Verständnis von Ethik und Pietät abhanden kommt.
Das sind die Dinge, die man sich nicht ausdenken kann, weil sie einem nicht in die Vorstellung rutschen. Dass es wirklich jemanden gibt, der einem mit vollem Ernst entgegen tritt, gar mit persönlichem und geschäftlichem Interesse, der sich einsetzt, weil er dein Buch gelesen und hinterher für toll befunden hat, und man sich natürlich geschmeichelt fühlt aus dem Gefühl heraus, dass da jemand an einen glaubt. Dass es wirklich jemanden gibt, der deine Geschichte kennt, weil du sie vereinzelt in Interviews erzählt hast, und vielleicht sogar in einem persönlichen Gespräch, du hast erzählt, dass jemand, der dir sehr nahe stand, an Krebs gestorben ist und dass dieses Ereignis eine große Rolle in deinem Leben gespielt und dich sehr geprägt hat, - und es gibt jemanden, der setzt sich hin und stellt dir Fragen und hört dir zu und nach einigen Antworten sagt er dir, er habe soeben die Diagnose bekommen, er habe Krebs. Dass es jemanden gibt, dem man auf diese Nachricht hin helfen wollte, weil einen das ja nicht kalt lässt, wenn einem jemand so etwas erzählt, dem man dann irgendwie beistehen möchte in der Akzeptanz dieser Krankheit, im Kampf dagegen und im Umgang damit - und sich Zeit genommen hat für Gespräche und Arztempfehlungen, für Rat und Erfahrungsaustausch. Dass es jemanden gibt, der einem diese Diagnose hinlegt, so glaubhaft, dass man in seiner eigenen Vergangenheit wühlt und erzählt von Dingen, über die man vielleicht sogar lange nicht gesprochen hat. Dass dieser jemand nach einigen Wochen, in denen er diese Diagnose aufrecht erhalten und lebhaft davon erzählt hat von den Schmerzen und der Behandlung und den damit einhergehenden Strapazen, dass dieser jemand einem dann an einem Sonntagabend mitteilt, während man sich zeitweise vielleicht sogar wirklich Sorgen gemacht hat, dass all das - der Krebs, die Diagnose, die Behandlungen, die Schmerzen - einfach frei erfunden waren, ausgedacht, ein Hirngespinst, niemals auch nur annähernd wahr waren sondern nur Mittel zum Zweck, um eventuell vielleicht irgendwann mal selbst ein Buch zu veröffentlichen. Dass jemand, dessen Veröffentlichungen im Netz eine signifikante Anzahl Menschen verfolgen, der einen Job in einem namenhaften Unternehmen hat, in der Lage ist, sich hinzusetzen und sich selbst Krebs anzudichten, um damit etwas in anderen Menschen auszulösen und sich später finanziell und erfolgsgetrieben daran zu bereichern.
Das sind Sachen, die man sich nicht ausdenken kann. Das ist ein Mensch, von dem ich hoffe, dass ihm niemand begegnet. Und ein Moment, in dem man ernsthaft den Gedanken in Betracht zieht, nie wieder jemandem zu glauben.



