Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Januar, 2011

Das, was man sich nicht ausdenken kann.

Das, was einfach so passiert. Dinge, von denen man niemals gedacht hätte, dass sie jemand ehrlich und ernst meinen könnte. Das ist solches, was man nicht einmal im totalen Suff, dem Hintertürkoma oder der wildesten Phantasie für möglich gehalten hätte. Dinge, die einem, sobald sie doch passieren, den Schweiß auf die Stirn und gleichzeitig den Atem stocken lassen. Und zwar so sehr, dass man sich festhalten und gleichzeitig rennen muss, damit einem nicht jegliches Verständnis von Ethik und Pietät abhanden kommt.

Das sind die Dinge, die man sich nicht ausdenken kann, weil sie einem nicht in die Vorstellung rutschen. Dass es wirklich jemanden gibt, der einem mit vollem Ernst entgegen tritt, gar mit persönlichem und geschäftlichem Interesse, der sich einsetzt, weil er dein Buch gelesen und hinterher für toll befunden hat, und man sich natürlich geschmeichelt fühlt aus dem Gefühl heraus, dass da jemand an einen glaubt. Dass es wirklich jemanden gibt, der deine Geschichte kennt, weil du sie vereinzelt in Interviews erzählt hast, und vielleicht sogar in einem persönlichen Gespräch, du hast erzählt, dass jemand, der dir sehr nahe stand, an Krebs gestorben ist und dass dieses Ereignis eine große Rolle in deinem Leben gespielt und dich sehr geprägt hat, - und es gibt jemanden, der setzt sich hin und stellt dir Fragen und hört dir zu und nach einigen Antworten sagt er dir, er habe soeben die Diagnose bekommen, er habe Krebs. Dass es jemanden gibt, dem man auf diese Nachricht hin helfen wollte, weil einen das ja nicht kalt lässt, wenn einem jemand so etwas erzählt, dem man dann irgendwie beistehen möchte in der Akzeptanz dieser Krankheit, im Kampf dagegen und im Umgang damit - und sich Zeit genommen hat für Gespräche und Arztempfehlungen, für Rat und Erfahrungsaustausch. Dass es jemanden gibt, der einem diese Diagnose hinlegt, so glaubhaft, dass man in seiner eigenen Vergangenheit wühlt und erzählt von Dingen, über die man vielleicht sogar lange nicht gesprochen hat. Dass dieser jemand nach einigen Wochen, in denen er diese Diagnose aufrecht erhalten und lebhaft davon erzählt hat von den Schmerzen und der Behandlung und den damit einhergehenden Strapazen, dass dieser jemand einem dann an einem Sonntagabend mitteilt, während man sich zeitweise vielleicht sogar wirklich Sorgen gemacht hat, dass all das - der Krebs, die Diagnose, die Behandlungen, die Schmerzen - einfach frei erfunden waren, ausgedacht, ein Hirngespinst, niemals auch nur annähernd wahr waren sondern nur Mittel zum Zweck, um eventuell vielleicht irgendwann mal selbst ein Buch zu veröffentlichen. Dass jemand, dessen Veröffentlichungen im Netz eine signifikante Anzahl Menschen verfolgen, der einen Job in einem namenhaften Unternehmen hat, in der Lage ist, sich hinzusetzen und sich selbst Krebs anzudichten, um damit etwas in anderen Menschen auszulösen und sich später finanziell und erfolgsgetrieben daran zu bereichern.

Das sind Sachen, die man sich nicht ausdenken kann. Das ist ein Mensch, von dem ich hoffe, dass ihm niemand begegnet. Und ein Moment, in dem man ernsthaft den Gedanken in Betracht zieht, nie wieder jemandem zu glauben.

Wenn du jetzt könntest, würdest du wirklich?

Bubbles

In welchen Sprachen kannst du träumen? Und wie viel verstehst du davon? Hast du jemals eine Bedienungsanleitung gebraucht? Wo würdest du anhalten? Kannst du dir vorstellen, alles zu beichten? Wer geht als Erster? Und wie viel sind drei Meter? Hast du jemals versucht, etwas nachzuholen? Sprichst du mit dir selbst? Wo denkst du am besten? Und wo gar nicht? Wann ist es zu spät? Wie viele Regenschirme hast du schon vergessen? Und welches Muster hatte dein erster? Wirst du heiraten? Wasser oder Strom? Decke oder Kissen? Das Innere oder die Rinde? Wohin kommt das Streugut im Frühling? Und wie viel hebst du auf? Hast du jemals etwas von einer Liste gestrichen, die älter war als ein Jahr? Kannst du dir vergeben? Sitzen oder laufen? Laut oder leise? Wer heißt wie du? Wo gehörst du hin? Karos oder Linien? Stabile Seitenlage, kannst du die? Und auch innen drin? Welchen Dingen gibst du Namen? Und wen wirst du nicht los? Kopfüber oder unter Wasser? Kommst du jemals darüber hinweg? Aus- oder einatmen? Malst du beim Telefonieren? In welchen Kellern steht noch etwas von dir? Kannst du mir sagen, wie oft ich das noch erleben werde? Stet oder unstet? Land oder Stadt? Hast du schon einmal ein Glas poliert? Dein Kopf und du, habt ihr eine Abmachung? Und was sagt dein Bauch dazu? Wann schämst du dich? Kannst du mit den Ohren wackeln? Und mit dem kleinen Zeh? Bus oder Bahn? Wie viel Überwindung kostet es dich, ehrlich zu sein? Wo fängt das an? Was ist das für ein Tier und kannst du es abstreifen? Wogegen kämpfst du? Und wofür? Würdest du sagen, dass es okay ist? Würdest du sagen, du bist ein Freund?

Legosteine und Weltraum haben wir beide.

Naiv. Super.

“Jemand müsste kommen und mir etwas zu tun geben. Jemand müsste mich bitten, irgendwas zu bauen. Irgendwas richtig Großes. Mich bitten, irgendwas mit Sandstrahlgebläse zu behandeln. Es ist lange her, dass ich richtig geschwitzt habe.” (S.36)

“Gib mir einen Ball. Gib mir ein Fahrrad. Das sind Größen, die ich verkrafte.” (S.51)

“Ich hatte gehofft, es wäre ein bisschen mehr. Aber für sich genommen ist es wohl genug. Es ist nichts, also wäre es unnötig, es so zu beschreiben, dass es komplizierter wird.” (S.72)

“Der Blick für den Zusammenhang sollte etwas sein, das man kaufen und sich intravenös spritzen lassen kann.” (S.89)

“Dass das Universum offenbar irgendwann vergehen wird, bedeutet für das eine oder andere natürlich einen gewissen Dämpfer. Alle Gedanken an ein ewiges Leben bleiben einem im Halse stecken. Aber mich scheint das nicht zu quälen. Nicht jetzt. Ganz im Gegenteil. Ich fühle mich so lebendig wie seit Langem nicht. Auf einmal fühlt es sich gut an, eine Frist zu haben, mit der man rechnen muss. Unter Druck habe ich eigentlich immer gut gearbeitet.” (S.92)

“Ich habe gesagt, ich sei es leid, so zu tun, als wären die Dinge anders, als sie sind. Ich habe gesagt, ich fände, wir sollten nicht dasitzen und einander zunicken und sagen, die und die Bücher sind klasse oder der und der Film ist wichtig. Darüber können wir später reden, habe ich gesagt. Ich habe alles genau so erklärt, wie es ist. Ich habe gedacht, wenn sie dann findet, ich bin ein Idiot, dann besser gleich als später. Sie fand nicht, dass ich ein Idiot bin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Sie hat gefragt, ob ich immer so direkt bin, und ich habe geantwortet, dass es das erste Mal war. Sie hat auch gefragt, ob ich verzweifelt bin. Ich habe Nein gesagt. Ich habe gesagt, ich wollte nur endlich einmal die Prämissen geklärt haben.” (S.122)

“Lise beruhigt mich. Sie hat eine New-York-Theorie. Sie sagt, zweierlei kann dort passieren, und es liegt an mir, welche von beiden Möglichkeiten eintritt. Einmal kann ich alle Vorbehalte ablegen und einfach alles auf mich wirken lassen. Wie ein Kind. Oder aber ich halte einen gewissen Abstand und beobachte Kleinigkeiten, versuche, Bekanntes zu erkennen. Sortieren und vergleichen. Das Erste kann dazu führen, dass man überfordert wird oder auch einfach überwältigt. Das Zweite möglicherweise zu schönen Beobachtungen, Eindrücken und Spaß. Meint Lise. Außerdem meint sie, überwältigt sein kann auch sein Gutes haben.” (S.131)

“Ich habe keine Angst vorm Fliegen. Jedenfalls nicht technisch gesehen. Ich habe Angst vor Menschen. Die haben so viele verrückte Einfälle.” (S.142)

“Ich glaube, sehr große und sehr kleine Dinge beeindrucken mich mehr als die dazwischen.” (S.146)

Naiv. Super wurde geschrieben von Erlend Loe.

Sepsis

grey

Was machst du jetzt? Es hat sich einfach festgebissen. Trägst du es mit dir herum, schleppst es durch den Tag und schläfst drauf in der Nacht, sodass du am Morgen mit Schräglagen aufwachst, die dort nicht hingehören, die du aber noch von früher kennst und mittlerweile durch einen ordentlichen Rumms gegen die Wand ausgleichen kannst? Machst du das wirklich? Nimmst du es mit und ignorierst es, oder redest du mit ihm, beschimpfst es gar, fragst es, was das eigentlich soll, obwohl du weißt, dass du keine Antwort bekommen wirst, nicht davon und nimmermehr, es ist stumm und es war schon immer stumm. Was es gut kann, ist kraftvoll zubeißen, so sehr, dass du dich manchmal setzen musst, damit es weitergehen kann. So sehr, dass du dich manchmal so gar hinlegen musst, damit es weitergehen kann. So sehr, dass das manchmal nicht einmal genügt, das einfach Hinlegen, sondern du dich wirklich auf den Bauch legen und das Gesicht in die Matratze drücken musst oder dich auf die Waschmaschine setzen in den letzten zwanzig Minuten. Manchmal lässt es dann für eine Weile ein bisschen locker. Und wenn es dann wieder zubeißt, sag mir, was machst du dann damit? Redest du ihm gut zu, versuchst du es mit warmer Lösung oder singen, Wärmepflastern oder Versprechungen, von denen du nicht weißt, ob du sie halten kannst? Wie stellst du das an, dass du nicht permanent deinen Arm schütteln musst, deinen Kopf, deine Schultern, damit es loslässt? Wie hältst du so ruhig?