Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: August, 2010

Manchmal möchte ich mehr als zwei Daumen haben.

Um sie hochhalten, hochstrecken und damit wackeln zu können, wenn ich solche Texte lese wie den von Lady Nadine Lantzsch mit dem Namen: Das Dampfschiff. Lesen Sie das bitte jetzt, weil es wichtig ist. Gerne auch zweimal.

You see things. You keep quiet about them. And you understand.

“So, I looked up, and we were in this giant dome like a glass snowball, and Mark said that the amazing white stars were really only holes in the black glass of the dome, and when you went to heaven, the glass broke away, and there was nothing but a whole sheet of star white, which is brighter than anything but doesn’t hurt your eyes.”
(p. 95)

“There was this one part where the main character, who is this architect, is sitting on a boat with his best friend, who is a newspaper tycoon. And the newspaper tycoon says that the architect is a very cold man. The architect replies that if the boat were singing, and there was only room in the lifeboat for one person, he would gladly give up his life for the newspaper tycoon. And then he says something like this… ‘I would die for you but I won’t live for you.’”
(p.169)

“There is something about that tunnel that leads to downtown. It’s glorious at night. Just glorious. You start on one side of the mountain, and it’s dark, and the radio is loud. As you enter the tunnel, the wind gets sucked away, and you squint from the lights overhead. When you adjust to the lights, you can see the other side in the distance just as the sound of the radio fades to nothing because the waves can’t reach. Then, you’re in the middle of the tunnel, and everything becomes a calm dream. As you see the opening get closer, you just can’t get there fast enough. And finally, just when you think you’ll never get there, you see the opening right in front of you. And the radio comes back even louder that you remember it. And the wind is waiting. And you fly out of the tunnel onto the bridge. And there it is. The city. A million lights and buildings and everything seems as exciting as the first time you saw it. It really is a grand entrance.”
(p. 191)

“She wasn’t bitter. She was sad, though. But it was a hopeful kind of sad. The kind of sad that just takes time.”
(p. 198)

“It’s just that I don’t want to be somebody’s crush. If somebody likes me, I want them to like the real me, not what they think I am. And I don’t want them to carry it around inside. I want them to show me, so I can feel it, too. I want them to be able to do whatever they want around me.”
(p. 201)

“So I guess we are who we are for a lot of reasons. And maybe we’ll never know most of them. But even if we don’t have the power to choose where we come from, we can still choose where we go from there. We can still do things. And we can try to feel okay about them.”
(p. 211)

The Perks of Being a Wallflower was written by Stephen Chbosky.

Eine Hand auf die Wunde.

In der Straßenbahn über mein Mobiltelefon habe ich es erfahren. Und ich habe mir beinahe gewünscht, ich hätte es irgendwie anders mitbekommen, ich wusste aber auch nicht, wie. Ich kam gerade von einem Interview zurück, in dem es um das Thema Tod ging, darum, wie man damit umgeht, wenn jemand plötzlich geht, der einem viel bedeutet hat - in einem Alter, in dem man vielleicht noch nicht damit rechnet. Auf beiden, allen Seiten.

Und dann standen wir da in der Straßenbahn und ich las bei Twitter, Christoph Schlingensief sei gestorben und es war kein Wasser in der Nähe, an dem man hätte sitzen können, um kurz zu überlegen, wer und wie und wo er war im eigenen Leben und was seine Arbeiten mit einem gemacht haben. Dann zuhause habe ich sein “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” noch einmal in die Hand genommen und wieder weggelegt und wieder in die Hand genommen - und ich kann keine sachliche oder gar hochemotionale Analyse seines Schaffens geben, nicht jetzt und nicht später, denn ich habe nie eines seiner Theaterstücke live gesehen. Ich habe ihn im Radio gehört und gelesen, ich habe ihn angeschaut, wenn ein Bild von ihm auftauchte und ich habe oft lange über seine Sätze nachgedacht, darüber, wie man in die Lage und zu der Kraft kommen kann, seine Wunden zu zeigen. Und schau mal, selbst von einer wie mir, die ihm nie gegenüber stand, hat er manchmal das Herz in der Hand gehalten, und es für einen Moment gedrückt, danach sorgsam zurück gegeben. Aber jedes Mal blieb ein Stück hängen, jedes Mal veränderte sich ein kleines bisschen Richtung in meiner Welt. Ob durch Beklemmung oder Zweifel, Angst oder Verwirrung, manchmal eine Träne und viel Lachen sowie Erstaunen und Bewunderung natürlich - die Sache mit dem großen Wort, die hatte er raus.

Und ich bedauere, diesen Menschen nie kennengelernt zu haben, es bedrückt mich, denn ich glaube, er ist so manchen entgangen. Wir können nachholen, was er hinterlässt, natürlich können und sollen wir das vielleicht sogar. Aber die Gelegenheit, ihn mal zu hören, live und in Farbe, ihm dabei in die Augen zu sehen, mir meine eigenen Worte im Mund zu einer anderen Wahrheit umdrehen zu lassen, zu wissen, wo er eigentlich die Hände hintut, wenn er redet und ihn zu fragen, ob er glaubt, irgendetwas im Griff zu haben, ob das zu seinen Grundgefühlen gehört, zu fragen, was überhaupt seine Basis ist und wo er seinen täglichen Atem hernimmt - genau das habe ich unwiederbringlich versäumt. Vielleicht wäre das eh nie passiert, man kann das nicht wissen, aber es hätte zumindest eine Form von Möglichkeit bestanden. Auch, um sich bedanken zu können. Weil er jedes Mal an mir gerüttelt hat, unermüdlich, ohne davon zu wissen - wieviele können das?

Christoph Schlingensief hatte ein Blog und dokumentierte gerade in letzter Zeit auch seine Krankenhausbesuche. Es war seltsam, ihn dort zu lesen, zu sehen - aber menschlich direkt und mitten ins Gesicht. Wie froh ich bin, dass er dieses Buch geschrieben hat, dass er sich getraut hat, all diese Worte nach draußen zu werfen und nicht in sich selbst oder nur im engsten Kreis herum zu jonglieren. Ich bin so froh über seinen großen Mund und seine Unmittelbarkeit und ich würde mich gern aufrichtig bedanken, weil das nicht weggeht so schnell, hier jedenfalls nicht.

denn das wichtigste ist eigentlich: denke an die anderen, die dich ertragen müssen. die haben mehr hölle auf erden als erlaubt ist. die müssen nicht nur deine chaotische art ertragen oder deinen großen pessimismus! nein, diese leute sehen jemanden, der sich schon auf dem abschiedsweg befindet. und der dann so redet, als müsse er nun halbwegs erträglich bleiben, damit er in guter erinnerung bleibt. dazu würde ich gerne später mal mehr schreiben. mal schauen, wann das geht. es geht nicht immer alles, wenn ich will. die normalitä, um darüber schreiben zu können, braucht ruhe oder vielleicht sogar geladene wutenergie. es mal loswerden wollen… müssen.. heute nacht geht es nicht; denn im laufe des textes ist mein schmerz weniger geworden und ich werde die zeit nutzen. gute nacht! CS

Und all jenen, die auch glauben, zu wenig von diesem Menschen gesehen, gehört und gedacht zu haben, empfehle ich, sein letztes Buch zu lesen, es in die Hand zu nehmen und sich einzulassen, denn es geht immer um mehr als um ihn, es geht um Glaube und wie man sich selbst einen bastelt. Es geht um Miteinander und wie man sich darin immer wieder neu verortet, und natürlich geht es um Schmerz und wieviel man schaffen kann. Es geht um Grenzen und ein Darüberhinweg - und es geht um einen sensiblen, verletzbaren Menschen, um Stolz und ein Gesicht, dem man vieles ansieht, aber eben nicht alles. Das ist kein Pamphlet, das ist eine Antwort, es ist keine notwendige, aber eine absolut hinreichende Bedingung, dieses Buch.

Beim Spiegel hat er in einem Gespräch mal gesagt: “Aino ist so ein Glück, dass ich durchheulen könnte bei dem Gedanken, das je zu verlieren. Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und musizieren und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln!” Und ich kann nur hoffen, dass der Himmel sich anstrengt und ein bisschen aufgeräumt hat, dass er sich die Geschichte mit den Geigen aus dem Kopf geschlagen hat und Christoph Schlingensief die Möglichkeit gibt, weiterzumachen. Ich habe keine Ahnung von Himmel und Erde und all diesen Dingen, aber ich finde Gefallen an dem Gedanken, dass er jetzt eventuell irgendetwas tun kann und dass es einen Weg gibt für ihn, die Menschen nicht allein zu lassen, die er nicht alleine lassen möchte - und der Gedanke rettet mich vor der nur unzulänglich beantwortbaren Frage, was denn ist, wenn es nicht so ist. Es ist so einfach zu sagen, jetzt geht es ihm bestimmt gut, ich habe keine Ahnung, ob es ihm gut geht, aber ich wünsche es mir, denn ich wünsche mir, dass großartige, mutige, ehrliche Menschen dahin gehen können, wo sie wollen und dass all das Unermüdliche und dieser sichtbare, anstrengende, laute, großartige Atem nicht umsonst war.

Und ich weiß jetzt, es geht nicht nur um ein paar Stunden und Tage, sondern es geht um ein ganzes Leben. Und dieses Leben, sei es noch so kurz, beinhaltet den Zweifel und das Glück, das Wissen und das Unwissen. Es ist nichts Fatalistisches und nichts Peinliches, es ist auch nichts Niederträchtiges oder Berechnendes - es ist einfach ein ganzes Leben.” (Seite 255, So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein)

Danke dafür, Christoph Schlingensief. Es ist sehr gut geworden.

Tag der offenen Worte.

Am Wochenende öffnet die Bundesregierung ihre Pforten und BesucherInnen können überall einmal durchmarschieren und ein bisschen gucken und vielleicht sogar ein bisschen reden. In diesem Rahmen macht auch die FAZ mit und sagt, dass man ihre Redakteure hautnah erleben kann. Zumindest halbwegs nah kann man mich dort auch erleben, das mit der Haut sehen wir später. Jedenfalls bin ich nach Mitte eingeladen, um mit Hans-Gerd Koch über mein Buch zu sprechen. Und ihr seid herzlich willkommen. Weitere Termine für Lesungen oder sonstigen Quatsch findet ihr übrigens am unteren Ende dieser Seite.

Schlürfen mit Schnurri.

Achtung, eine Durchsage. Ich mag Bärte. Und Schnurrbärte mag ich vor allem als Trend, den man sich nicht ins Gesicht hängt sondern auf T-Shirts oder Wände malt, Schnurrbärte eignen sich vorzüglich als Dekoration von Dingen, die keine Menschen sind, solange man es nicht übertreibt, ich finde Schnurrbärte wirklich hervorragend, solange darunter kein echter Mund plappert. Und ich habe mich unsterblich in diese Tassen von Peter iBruegger verliebt. Wenn ich könnte, würde ich sie auf die Liste setzen. Deswegen ordnen sie diese Trinkgefäße bitte im Kopf in die Schublade unserer neuen Kategorie “Man braucht es nicht, aber man will es” ein. Und wer Geschenke verschicken möchte, findet meine Büroadresse natürlich hier. Und nun weiter im Text, ich muss nun Kaffee trinken. Aus Gläsern. Alles andere bricht mir das Herz. Ende der Durchsage.

Schaffen wir es, uns zu behalten?

Abends manchmal, liegst du da im Sterben? Was denkst du morgens als Erstes? Und wie lange siehst du im Spiegel dir selbst wirklich in die Augen? Singst du unter der Dusche? Sind wir eine fixe Idee oder ein Plan, eine Karte oder ein Puzzle? Wann hast du Fieber? Kannst du hören, wenn ich vor der Tür stehe? Wärmflasche oder Kühlakku? Wie schnell ist deine Atemfrequenz? Und weißt du noch, wann du gewusst hast, wer du bist? Würfelst du lieber mit einem Würfel oder mit zweien? Welche Namen tragen deine Kinder? Und wann wachst du nachts auf? Stehst du manchmal einfach und gehst? Wann gibst du Applaus? Wie lange kämpfst du schon und wie lange hältst du noch durch? Was war dein erstes Lied? Bettdeckenränder unter den Körper oder lose darüber wie ein Blatt Papier? Kannst du gewinnen? Wie alt wirst du einmal werden und wie alt wirst du immer sein? Ja oder nein oder vielleicht? Und was machst du morgen? Wie hoch liegt dein Staub? Kannst du mit den Ohren wackeln? Wen vermisst du am liebsten? Wann bist du leise? Wie nennst du den Zeh neben dem großen? Merkst du, wenn du weinst? Welche Erinnerung willst du zurück? Und wo liegt dein Schatten? Winkst du manchmal, wenn niemand es sieht? Wann sind wir da? Und glaubst du das wirklich?

(Photo: Frau Grau)

These times when you forget about time.

I don’t need a watch, I do have my pace. The only meeting I have to remember is the one with the waves. And I bet the seagulls remind me of someone but this is not the case. This is not the case in so many ways. I am here and I don’t need time. Because there’s water beside me and the sea is mine.

Büroküchendisko.

Und bevor ich mich für drei Tage verabschiede, noch schnell der Hinweis auf unsere Büroküche, die von nun an beliebäugelt und sehr bewußt genutzt wird. Wir kochen und dokumentieren das. Jeden Tag auf Office Kitchen.

Raus.

Two in two.

Manchmal muss man kurz raus, atmen, laufen, gucken, schreiben, schlafen. Und dann weitermachen. Manchmal kann man in der Stadt den Hebel nicht umlegen, der dorthin führt, wo man hin will. Manchmal muss man Pausen einlegen und ans Meer fahren.

Mister Soprano

(Mit Dank an Kasa für das tolle Eulengeschenk, an Lisa für diese mich immer wieder berührende Postkarte und an Katinka für Mr. Tony Elephant Soprano.)

The perks of being a wallflower.

wallflower

Manchmal kauft man sich Bücher, die jemand anders schon mal für jemanden gekauft hat. Und es bricht einem fast das Herz, weil man sich fragt, was passiert sein muss, dass derdiedas Beschenkte dieses Buch zum Verkauf stellt.