Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Juni, 2010

Backyard Radio

Krank sein im Sommer ist ungerecht, blöd und doof. Krank sein im Sommer macht keinen Spaß und manchmal wird man ein bisschen zu einem eingesperrten Löwen, der brummelnd und knurrend im Zimmer umherläuft und zwischendurch ein paar Medikamente aus einer Packung pult. Aber Kinder und Planschbecken im Hof sind eine ganz gute Geräuschkulisse.

Irgendwann. Später dann.

Memories

Wie das ist, wenn man älter wird. Ich meine nicht: Erwachsen. Ich meine: Älter. Alt. Wenn man merkt, dass man nicht mehr kann, wie man will. Dass man nicht will, wie man noch oder wieder oder geradeso kann. Ich frage mich, wie das ist, wenn man älter wird. Und ob es wirklich stimmt, dass einem der Boden unter den Füßen ein bisschen nach hinten ins Früher wegrutscht. Ob die Vergangenheit einen so großen Stellenwert bekommt, weil sie dann größer ist als das, was vor einem liegt. Oder weil man soviel erlebt hat, dass man irgendwann voll ist, um noch Neues hinein zu lassen, dass man sich so sehr von dem umgeben ist, was war, dass das, was ist, keinen Platz mehr hat, weil man sonst platzen würde. Ist es so, dass die Beschwerlichkeit das Problem ist? Die körperliche Grenze? Oder womit hat es zu tun, dass ich manchmal vor ihm sitze und etwas erzähle, dass mit hier und jetzt und ein bisschen mit morgen und vielleicht ein noch kleineres bisschen mit gestern zu tun hat und er schaut einfach zur Seite, irgendwohin auf die Straße, die Fassade des Hauses gegenüber, den Menschen ins Gesicht und eigentlich hindurch? Dass ich erzähle und er hinhört und nickt und murmelt und mir aber nicht in die Augen sieht dabei? Ist es Angst, nicht mithalten zu können? Hat er sich abgefunden damit, dass er manches nicht versteht? Ist es, dass die Neugier auf neue Dinge kleiner wird, wenn man alt ist? Und wo geht sie hin, die Neugier, was wird aus ihr, wenn sie nicht mehr neu und Gier ist, ist sie dann ab und gefunden?

Manchmal hört er etwas, einen Fetzen, irgendein Wort, das ihn erinnert. Das ihn sich auf dem Boden umdrehen und viele Jahre zurück marschieren lässt, da ist er dann, da blüht er auf, da redet er dann so laut, dass Menschen auf der Straße sich umdrehen und schauen, weil sie nicht wissen, dass er gerade nicht hier auf dieser Straße steht sondern auf einem Berg in den Alpen oder einer Leipziger Wohnung oder den Berliner Wasserbetrieben. Man braucht dann nichts sagen, weil man gänzlich verschwindet, das ist wie im Kino, weil man sitzt und isst und die Lautstärke nicht regulieren kann und sonst nichts zählt, weil er einfach erzählt und erzählt und nicht wartet. Und wenn es vorbei ist, wird er wieder ruhig und tut die Dinge, um die man ihn bittet, und freut sich darüber und fährt dann irgendwann wieder raus an den See, weil ihm die Stadt zu schnell ist, zu dreckig, zu laut, weil er die Wohnung hier trotzdem nie aufgeben wird. Er fährt dann wieder raus zum See und klettert auf Bäume und holt sich dann einen Hexenschuss und sagt immer, dass er nichts braucht. Er braucht nichts. Ich glaube ihm das nicht.

Ich könnte ihn nicht fragen, wie das ist, wenn man älter wird. Ich könnte ihn fragen und könnte warten und stehen und er würde sagen: Naja. Früher sei der Hexenschuss schlimmer gewesen, das gehöre nun eben dazu. So gehe es den meisten älteren Leuten. Und ich glaube ihm nicht. Das kann es doch nicht sein, dieser Rücken, das wäre zu einfach.

Danke, Frank Giering.

Made my day: Radar detector.

Nachbarn.

Kitchen View

Nach dem Joggen hängt er seine Schuhe raus. Er hängt sie nicht wirklich, sondern steckt sie in den kleinen Spalt zwischen Geländer und Rollo, das ist kein Balkon, das war noch nie einer. Und wenn er schaut, ob sie noch da sind, kann ihn jeder sehen, der aus dem Netto kommt. Wie er da steht in dem Unterhemd und raucht und schaut, ob seine Schuhe noch da sind. Und jeder, der aus dem Netto kommt, kann sich fragen, ob er jemanden hat, der ihn anruft und hört, dass er raucht, und auch hört, dass er gerade vom Laufen kommt, ob er jemanden hat, der ihm sagt, dass das nicht so gut ist für seine Krampfadern und all diese Dinge.

Er hat mein Paket angenommen. Erst wusste ich nicht, wo ich suchen sollte, dann habe ich herausgefunden, wo er wohnt und nach der Arbeit geklingelt, er wohnt gleich neben Netto und in seinem Hausflur riecht es nach Krankenhaus. Es sieht sogar nach Krankenhaus aus, denn der Fahrstuhl ist das Erste, was man sieht, wenn man unten ins Haus hineingeht. Man muss erst um zwei Ecken, um zur Treppe zu gelangen, es gibt keine Fenster, nur irgendwo oben unter dem Dach. Ich klingelte unten und wartete. Es dauerte eine Weile, bis er sich meldete und mir sagte, er wäre im ersten Stock rechts und dann ging ich hinein durch diesen Krankenhausflur und nahm nicht den Fahrstuhl sondern die versteckten Treppen und machte mich ein wenig auf alles gefasst. Er brauchte auch an der Tür eine Weile, denn er schob einen Rollator, aber er lachte, irgendjemand war noch in seiner Wohnung und er hielt sich nur mit einer Hand fest, als er mein Paket vom Boden nehmen wollte. Ich kniete mich hin, es standen fünf Pakete dort in seinem Weg, alle auf seinem Teppich vor seiner Wohnungstür, sodass er jedes Mal einen Umstand hatte, wenn er aus der Wohnung wollte. Aber er ist einer von denen, die immer da sind. Und wenn jemand klingelt und kommt, dann freut er sich. Er braucht eine Weile, aber er freut sich.

Er übt Keyboard und Gitarre. Wenn er Keyboard übt, macht er sich dazu einen von diesen voreingestellten Beats an und übt immer und immer wieder diese eine Melodiefolge. Auf der Gitarre klimpert er nur so herum, schronk schronk dängeldäng. Und manchmal nachts hört er die Toten Hosen bei offenem Fenster, in seinem Flur hängen Schals über einer Leiter, ganz viele Schals und wenn man ihn im Hausflur trifft, ist ihm das Bier in seiner Hand unangenehm, er lacht dann nicht, aber der Freund, den er dabei hat, der lacht. Der bleibt auch stehen und lässt einen vorbeigehen, während er nur den Blick senkt und das Bier hinter seiner Hose versteckt. “Lagwagon” oder “Leberwurst” - eines dieser Netzwerke ist bestimmt seines.

Guck mir in den Kühlschrank, Baby.

Heimatheft

Es verfolgt mich. Das Zuhausethema sitzt mir in den letzten Wochen so sehr im Nacken wie kein anderes, man könnte meinen, es habe sich festgebissen, -gekettet und -geklebt. Doch ich tue alles andere als es abzuschütteln, sondern lasse mich niederwalzen, trage es mit mir herum und wickle noch einen Schal drum, weil es zwischendurch, wenn es nicht irgendetwas von mir möchte und mir am Ohrläppchen zieht, eigentlich ganz gut ist gegen Verkühlungen aller Art.

Kühlrank

Nun hat es wieder einen Auswuchs in Heftform. Das neue stijroyal Magazin ist erschienen. Dieses Mal hat es (wie soeben beschrieben) etwas mit Zuhause und Heimat und Puscheligkeit zu tun, deswegen haben ganz viele Menschen ihre Kühlschränke aufgemacht und hinein photographiert. So auch ich. Und manche haben noch eine Geschichte dazu geschrieben. So auch ich. Erwerben kann man das Heftchen, das schon fast ein Büchlein ist, im Netz. Die echte Party dazu folgt in Kürze.

Hingehören.

Espresso On Ice
Not
Herzblätter
Limo

Wieder das Schnurren des Rades. Der Fernsehturm im Nebel. Die Unmöglichkeit des Berliner Verkehrs zum Feierabend und dass alle fahren, als säßen sie zum ersten Mal in einem Autoscooter. Der Espresso on Ice um die Ecke. Vermissen. Neue Schuhe. Die Beats des Keyboards des Nachbarn wieder erkennen. Tun tun tun. Neue Weichen stellen. Langsam zurückfinden. Himbeeren und Kirschen. Die Stille im Hof. Wieder vor Ort sein. New York Cheesecake. Blumen gießen. Spreeglitzer. Kopfhörer schrotten. Die Erleichterung, wenn das Heuschnupfenmedikament zu wirken beginnt. Sich manchmal nur an zwei Fingern festhalten. Ausschau halten. Das Richtige getan haben.

Weil ich davon erfahre.

Ich liebe das Internet, weil ich sagen kann, was ich toll finde - und Menschen das manchmal zu noch schöneren Dingen inspiriert. Aber ich liebe das Internet auch, weil ich sagen kann, was ich scheiße finde - und mir Menschen zuhören. Weil ich keinen Chefredakteur fragen muss, ob wir mal was drüber machen. Ich muss keine Versammlung einberufen oder meine Liste abtelefonieren. Ich muss es nur publizieren. Und ich bekomme publiziert.

So wie…
Anke zum sexistischen Autospot.
Die Mädchenmannschaft zu der “One step too far”-Kampagne.
Nadine zu Sarrazin.
Und Denise zu der Sache mit dem Prater-Türsteher.

Dafür liebe ich das Internet. Weil es einfacher geworden ist, aufmerksam zu machen. Natürlich macht es Arbeit aufmerksam zu sein, zu filtern, die Augen aufzusperren, um die wichtigen Dinge zwischen dem ganzen (oft auch für die Stimmung sehr wichtigen) Quatsch zu finden, aber ich mach das so gern, wenn der Preis ist, dass solche Dinge wie da oben öffentlicher und besprochen werden. Das Rauschen zulassen, den Kieselsteinstrand für den Bernstein, so ist das, die ständige Auseinandersetzung, der Abgleich, das Vor und Zurück und immer wieder Überprüfen des eigenen Anstands, der Toleranzgrenzen, ein Abwägen, weil der Rest ja auch nicht einfach stehenbleibt, deswegen muss das so sein.

Weil ich froh bin, dass Menschen aufpassen und aufschreiben und rausrotzen und nicht denken, es interessiert eh niemanden.

On cloud nine.

Mit dem Fahrrad durch den Morgen, der auch einer im Winter sein könnte, wären die Bäume nicht so grün und die Hosen nicht so kurz, weil es einem in die Augen fliegt wie Schnee, nur dass man von Schnee nicht soviel niesen muss. Und dass Schnee bei Anpustung oft nicht wieder hochfliegt und sich in den Haaren des Gegenübers festsetzt.

Diese kleinen weißen Puschelchen überall, das könnten auch Wolkenreste sein.

How to look like your shirt print: Meow.

Many thanks to Katinka for borrowing the shirt to keep me warm this summer night.