Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Dezember, 2009

Nur leichte Irritationen.

Hold ourselves together with our arms around the stereo for hours. While it sings to itself or whatever it does when it sings to itself of its long lost loves. I’m getting tied, I’m forgetting why. Tired and wired we ruin too easy, we sleep in our clothes and wait for winter to leave. But I’ll be with you behind the couch when they come on a different day just like this one. (…) So worry not. All things are well. We’ll be alright. We have our looks and perfume.

(The National - Apartment Story)

Und während draußen Schnee liegt und gestern abend schon die ersten Väter ihren Kindern gezeigt haben, wie bunt Schneegestöber sein kann, verkrieche ich mich bis zum letzten Moment in einem grauen Kapuzenpullover. Dann geht es raus, viele werden wie ich einen kurzen Rock tragen, viele werden frieren und lachen und wir alle werden ein bisschen seltsam aussehen, staksend im Schnee, den Pony verwirbelt und die Erinnerungen des alten Jahres immer noch wie einen viel zu schweren Mantel auf den Schultern. Vielleicht werden wir uns zwischendurch in der Straßenbahn heimlich an der Hand nehmen, also in Gedanken - so wie manche vor dem Essen immer sagen “Jeder esse, was er kann, nur nicht seinen Nebenmann” - vielleicht sollte man sich ein bisschen essen manchmal, zumindest in die Augen schauen nachher, weil wenn der andere im richtigen Winkel zum Fenster steht, dann wird man das Feuerwerk trotzdem sehen können. Vielleicht wird sich morgens jemand am anderen anlehnen in der Straßenbahn oder beim Warten darauf, sich anlehnen, obwohl er ihn nicht kennt, und etwas träumen, das er sich nicht merken wird. Und vielleicht schneit es die Nacht über so sehr, dass man morgen die Spuren nicht mehr richtig sehen kann, nur noch leichte Irritationen auf einem großen, weißen Teppich. Vielleicht wird das dann auch ein bisschen so mit dem neuen Jahr.

Habt es schön.

Monate 2009.

In der ersten Hälfte habe ich sehr viel gelesen. Dann habe ich sehr viel gearbeitet. Dann ist mein Kopf kaputt gegangen und mein Leben hat sich verändert. Ich habe Menschen kennengelernt, von denen ich weiß, dass sie damit zu tun haben. Mit dieser Lebensveränderung an der Basis. Dann habe ich die Stadt verlassen. Ich weiß, dass ich versuchen werde, ein Gegenwartsmensch zu werden. Ich habe wenig neue und viel ältere Musik gehört. Ich nehme viel Unvollendetes mit ins neue Jahr. Aber die Geschichten mit den Enden ist ja auch wieder eine andere.

Januar
Ich kaufe mir eine Waschmaschine und verabrede mich vor der Filiale einer Coffeetogohauskette am Hackeschen Markt, wir sitzen davor und werden von Touristen belächelt. Ich gehe in eine Ausstellung und stehe vor einem riesigen, schwarzen Kreis, den jemand aus toten Fliegen zusammengeklebt hat. Sue und ich stellen fest, dass Turnschuhe auch okay sind. Mit Jörn gehe ich über das Wasser in der Rummelsburger Bucht, weiter hinten liegen die Eisschollen lose auf dem Wasser und alles ist rosa.


Februar
Ich sehe mit ein paar anderen das ClickClickDecker-Konzert im HansWurst von draußen an und es ist trotzdem gut. Jemand interviewt mich zu dieser Turnschuhgeschichte im Radio, ein anderes Kamerateam filmt, wie ich blogge, und der Tischler meint, meine Fenster müssten mal ausgehebelt und repariert werden. Maike und ich stöbern mit Kapuzen im Schnee, die ganze Zeit höre ich sehr viel Bobby & Blumm.

März
Ich mache mir Gedanken über das Buchcover und verbringe ein paar Tage an der Ostsee. Es gibt das erste Eis des Jahres auf die Hand und zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich eine Etagere voll mit Cupcakes live und in Farbe mitsamt der Möglichkeit, sie auf der Stelle alle aufzuessen. Wir feiern eine Releaseparty.

April
Ich sage Tschüß statt Auf Wiedersehen und bin noch immer nicht gut darin. Auf der re:publica esse ich vor allen Dingen Eis. Ich lese viel, hauptsächlich Überlebensmemoiren und schreibe die Hausarbeit dazu am Ende doch nicht. Lars und ich singen mal wieder. Zu Maikes Geburtstag gehen wir auf eine Lesung von Dietmar Dath, der da sagt: „Nichts wird stattgefunden haben außer vielleicht eine Konstellation.“

Mai
Ich trinke Sekt Aperol am Arkonaplatz und sehe Max Goldt. Ich telefoniere sehr viel. Ein paar Tage verbringe ich in Frankfurt, ein paar in Leipzig. In unserem Hausflur brennt es und ich merke, dass ich beim Packen der Tasche mit den wichtigen Dingen ganz ruhig bleibe. Es ist wieder das Wetter für Abende auf der Modersohnbrücke und wir springen sehr hoch. Ich lese „Tagebuch einer Reise“ von Craig Thompson innerhalb von zwei Stunden und werde ganz high davon. Es gibt eine Konfettikanone und ein Abschiedskonzert. Ich kaufe ein Kleid, das man auf einer Hochzeit tragen könnte.

Juni
Ich fahre nach Hamburg und komme immer wieder. Mit Anois spielen wir ein Konzert auf der Fusion. In der Hufelandstraße hat jemand „Lisa forever“ an mehrere Häuserwände geschrieben. Die Jungs versprechen mir, auf meiner Hochzeit, den Tanz von Beyoncès „Put a ring on it“ zu performen.

Juli
Ich arbeite viel. Mein Kopf geht kaputt und jemand rettet mir das Leben. Ich entdecke Chinotto als das neue Getränk für warme Tage. Ich fahre Kanu in Hamburg und mein Rücken sieht von den Spritzen aus, als wäre ich klingonischer Abstammung.

August
Wir verbringen mehrere Morgen auf dem Badeboot. Es wacht sich gut auf in einem Bett am Fluss. Das Patenkind wird ein Jahr alt und die Wimpel in der Bergmannstraße machen im Wind ein Meergeräusch. Ich trage einen Spongebobpartyhut, auf einem Dampfer gibt es blauen Sekt. Ich backe Pflaumenkuchen.

September
Ich gucke eine Wohnung in Hamburg an. Auf Sylt stehe ich mitten in der Nacht an einem Filmkulissenstrand. Das Meer sieht aus, als stünde wie bei der Truman Show eine angemalte Wand dahinter. Ich finde die erste Kastanie in der Stadt und kaufe einen Apfel, weil er so hübsch aussieht. Bei einem Spaziergang auf dem Land liegen dann tausend leuchtend rote Äpfel in einem Bach mit Entengrütze.

Oktober
Ich habe Geburtstag und verbringe drei Tage am Meer. Um Halloween herum rückt mein Kopf wieder ein Stück an seinen Platz. Ich sortiere aus und ein. Morgens gehe ich joggen auf Stralau und es fühlt sich schon an wie Abschied. Ich höre ungefähr siebenundachtzig Mal „Where in the world are you now?“ von den Great Lake Swimmers. Ich schließe bunte Luftschlangen in mein Herz.

November
Zum Einheitsfest stehe ich bei Regen in einer Pfütze zwischen ganz vielen Regenschirmen am Brandenburger Tor und kann mich an nichts erinnern. Ich kaufe mir eine Matchboxautokette, sehe William Fitzsimmons im Festsaal Kreuzberg live und freue mich über das beste Cover von „Use Somebody“. Bei meinem Umzug machen wir alle zusammen ein Photo im leeren Zimmer, es bricht mir das Herz. Von nun an lebe ich in einem Schuhkarton mit Abendsonne. Wenn man aufwacht, ist es manchmal, als läge hinter der Balkonbrüstung das Meer. Vor dem Fenster ziehen Möwen ihre Kreise.

Dezember
Von nun an habe ich wieder einen festen Schreibtisch in einem festen Büro. Ich treffe ein Mädchen, das mein Zwilling sein könnte, also in manchen Dingen. Ich bekomme eine Mail von William Fitzsimmons. Ich versuche ein Gegenwartsmensch zu werden, lasse drei Nüsschen auf den Boden fallen, aber nichts passiert. Mein Kopf ist immer noch kaputt, auf den Dächern liegt Schnee. Weihnachten kommt ein bisschen plötzlich, aber Entspannung macht sich breit. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben den Thüringer Wald und die komplette erste Staffel der Bill Cosby Show. “You know, the 22 years I’ve been married to you have been the happiest one-day-at-a-time of my life.” Silvester tanze ich auf Parkett in Neukölln. Ich beschließe, allem mehr Raum zu geben nächstes Jahr. Dem Besonderen im Besonderen. Ich beschließe: Das nächste Jahr wird das Jahr der guten Dinge.

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(Photo Januar (c) Jörn Morisse, Photo Mai (c) Katinka Huth, Photo Juni/Juli (c) Nicolas Arnold)

Die Sache mit der Bedienungsanleitung

2009 ist für mich ein bisschen so gelaufen wie Bill Murrays Performance auf dem Crosstrainer in „Lost In Translation“. Man denkt sich: Wow, die Aussicht ist super, das Equipment auch erste Sahne. Womöglich hat man sich extra tolle Trainingsklamotten gekauft und sich sogar ein bisschen aufgewärmt und dann steigt man auf das Gerät und man fühlt sich okay und denkt: Wow, du hast es getan, jetzt wird alles stramm, straff, super und am Ende wirst du gar nicht merken, wie anstrengend es war, weil dir die Glückshormone den Verstand rauben. Klingt gut, und in den ersten zwei Stufen ist das auch noch alles ziemlich super, der Ausblick und das Gefühl der Trainingsklamotten und wie das Gerät schnurrt und dass es überhaupt schnurrt. Plötzlich jedoch wird das Tempo immer schneller und schneller und du versuchst, dir nichts anmerken zu lassen und mitzuhalten, Haltung gerade, aber da rinnt dir der Schweiß schon und du stößt dich an den sich automatisch mitbewegenden Festhaltegriffen, bekommst sie dann doch wieder zu fassen und denkst: Ach komm, das wird schon, durchhalten. Aber gleichzeitig tippst du panisch auf dem Touchpad rum und nichts passiert und im schlimmsten Fall wird das Ding noch schneller und bevor es dir die Beine ausreißt, bevor du dich mit dem Teil durch die Scheibe direkt in den tollen Ausblick und den Abgrund hinein katapultierst, springst du irgendwie ab. Ungrazil, völlig verschwitzt und nicht sonderlich elegant.

Die Trainer werden dafür bezahlt, so zu tun, als hätten sie nichts bemerkt, der Teppich um das Gerät herum ist vollgesprenkelt und du verziehst dich schnaufend und mit Wackelpuddingbeinen in die Kabine. Dann sitzt du da und hältst dich für relativ bescheuert, weil du gedacht hast, dass es so einfach ist. Du legst dir das Handtuch in den Nacken und weißt, dass du es erneut versuchen wirst. Vorher aber erstmal ausschnaufen und eine Runde schwimmen und dann noch mal die Gebrauchsanweisung von dem Gerät ganz genau durchlesen. Absatz für Absatz. Deine anfängliche Skepsis Geräten gegenüber, die Bewegung simulieren, mit denen man sich aber nicht von der Stelle bewegt, wird schon seinen Grund gehabt haben.

We built a shelter out of snow.

Lars und ich haben uns eingegraben. Genauer gesagt, Malte ist mit seiner Wanderschaufel vorgegangen und hat uns den Weg freigemacht. Lars und ich sind dann einfach nur noch hinterher und haben uns später in das kleine Iglu gestellt, dass Malte kunstvoll mit Taschenlampen beleuchtet hat. Deswegen klingt unser Weihnachtslied auch ein bisschen komisch. Ihr müsst euch vorstellen, dass Malte dazu auf einem riesigen Perserteppich neben uns im Schneidersitz im Iglu sitzt, sich Marzipanreste von unter den Fingernägeln hervorpult und kichert. Im Jackett. Wir packen jetzt weiter kleine Schokosachen aus Glanzpapier aus und malen mit verschmierten Fingern Bilderrätsel auf die Eiswände. Bis das Iglu schmilzt, wünschen wir euch tolle, warme, gemütliche Weihnachten mit Glitzer, Kugelbauch und allem, was sonst noch so dazugehört. Lasst euch in den Arm nehmen und ruft mal jemanden an.

Musik 2009

Ich habe wenig neue und viel alte Musik gehört dieses Jahr. So wenig Neues wie selten, glaube ich. Last-FM hat gesagt, dass ich unten stehende Interpreten am meisten gehört habe in den letzten 12 Monaten. Am Rechner und bei der Arbeit wohlgemerkt. Das mobile Musikabspielgerät ist da nicht mit drin.

1. William Fitzsimmons
2. Anois
3. Lightning Love
4. The XX
5. Iron & Wine
6. Anathallo
7. Kings Of Convenience
8. múm
9. The Album Leaf
10. I might be wrong
11. This mess is mine
12. Bodi Bill
13. The Go Find
14. The National
15. Great Lake Swimmers
16. Camille
17. Lali Puna
18. Gregory and the Hawk
19. Electric President
20. Beirut

In Einzelstücken und ganz subjektiv aus der Erinnerung heraus sah mein Jahr so aus…

In future present - Bobby & Blumm
Use Somebody - Kings Of Leon
Where in the world are you now? – Great Lake Swimmers
Geraldine – Glasvegas
Be still my heart – The Postal Service
Keep breathing – Ingrid Michaelson
Into the wild - Ghost of Tom Joad
Unfinished Business – White Lies
Balloons - Foals
Arpeggio – Friska Viljor
When you were a postcard - Giardini di Mirò
I’m Yours (Cover) – Brad Doggett
Single Ladies - Beyoncé (aber nur mit Tanzbegleitung meiner Bürojungs)
Alles renkt sich wieder ein – Gustav
Fuck You – Lilly Allen
VCR – The XX
Wild Horses (Unplugged) – Alicia Keys

Bücher 2009

In der ersten Hälfte des Jahres habe ich sehr viel gelesen und es so sehr genossen. Ab der Mitte ging das irgendwie nicht mehr, ich musste mich dazu zwingen und wenn ich mich zwingen muss, dann stimmt etwas nicht. Für das neue Jahr brauche ich wieder mehr Buchstaben, die Sinn machen, die sich anfühlen wie die aus den ersten sechs Monaten von 2009. Mein Jahr in Büchern. Ich hab bestimmt welche vergessen.

- “@bsolut privat?! Vom Tagebuch zum Weblog”
- “Learning to love you more” (Harrell Fletcher & Miranda July)
- “Vogue Dialogues”
- “Tagebuch einer Reise” (Craig Thompson)
- “Feuer brennt nicht” (Ralf Rothmann)
- “Lost in Sound” (Tobias Rapp)
- “Animal Triste” (Monika Maron)
- “Ohne sie” (Kluun)
- “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” (Christoph Schlingensief)
- “Die Anstalt der besseren Mädchen” (Julia Zange)
- “Der Kaiser von China” (Tilman Rammstedt)
- “Mein Herz so weiss” (Javier Marias)
- “Ist das ein Mensch?” (Primo Levi)
- “Amerikanische Bilder” (Studs Terkel)
- “Dossier K.” (Imre Kertesz)
- “Weiter leben” (Ruth Klüger)
- “Alice” (Judith Hermann)
- “Pawels Briefe” (Monika Maron)
- “Was für ein schöner Sonntag!” (Jorge Semprun)
- “Ostersonntag” (Harriet Köhler)
- “Der Junge im gestreiften Pyjama” (John Boyne)
- “Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand” (Jakob Hein)
- “Looking for Alaska” (John Greene)
- “Aufforderung zum Tanz” (Christine Westermann, Jörg Thadeusz)

Und das war 2008. Zumindest partiell.

Something about airplanes.

You might not think that I’m in town. But I’m around.

Do not voice your wishes under your breath.

Es gibt eine Kassettenaufnahme, auf der ich dieses Lied singe. Aus dem kleinen Bruder habe ich allerdings ein Tretauto und aus dem Teddybären eine Bettrutsche gemacht. Der Reim war hin und ich hatte zudem Problem mit der allgemeinen Artikulation. Zwinkern wurde zu zwickern und aus dem Weihnachtsmann der Weihnaxmann. Gelernt habe ich dabei, dass Wünsche nicht in Erfüllung gehen, wenn man den Wunschlistenadressaten nicht korrekt ausspricht. Zwei Wochen hatte ich mal zwei kleine Mäuse zur Pflege, die haben sich aber gegenseitig in die Schwänze gebissen, und ein Hängebauchschwein hat es bis heute nicht in meinen Haushalt geschafft. Wenn mich jemand in der U-Bahn trifft, ich habe kein Telefonierheadset im Kragen, ich übe nur permanent die korrekte Aussprache meiner Wunschliste.

Wishlist.

Etwas, das mich aushält und das ich aushalte. Mehr lesen. Dass das Monster von unter dem Bett woanders hinzieht. Mehr schreiben. Ein Duett mit William Fitzsimmons. Die Geduld, mich in Kamerafunktionen hinein zu fitzeln. Eigentlich allgemein mehr Geduld. Mehr singen. Mehr Mut. Ein Tenorion. Mehr Wasser trinken. Das Vermögen mich festzukrallen. Mehr schlafen. Mehr loslassen. Die Muminsbücher. Die Entscheidung für eine Handschrift. Mehr joggen. Ankommen. Gleichgewicht. Mehr Luft. Freihändig Fahrrad fahren. Mehr Meer. Eine gute Haltung vorm Rechner. Owly. Nach Island fahren und bei Sonnenaufgang auf schwarzem Sand stehen. Irgendwie ein besserer Mensch werden.

Made my day: Brick walls.

There are people who wrote loveletters on 50 murals in Philadelphia. There is a map, too. Maybe I need to go there because loveletters including high-fives and post-it-notes are one of the best things in the world.