In der ersten Hälfte habe ich sehr viel gelesen. Dann habe ich sehr viel gearbeitet. Dann ist mein Kopf kaputt gegangen und mein Leben hat sich verändert. Ich habe Menschen kennengelernt, von denen ich weiß, dass sie damit zu tun haben. Mit dieser Lebensveränderung an der Basis. Dann habe ich die Stadt verlassen. Ich weiß, dass ich versuchen werde, ein Gegenwartsmensch zu werden. Ich habe wenig neue und viel ältere Musik gehört. Ich nehme viel Unvollendetes mit ins neue Jahr. Aber die Geschichten mit den Enden ist ja auch wieder eine andere.

Januar
Ich kaufe mir eine Waschmaschine und verabrede mich vor der Filiale einer Coffeetogohauskette am Hackeschen Markt, wir sitzen davor und werden von Touristen belächelt. Ich gehe in eine Ausstellung und stehe vor einem riesigen, schwarzen Kreis, den jemand aus toten Fliegen zusammengeklebt hat. Sue und ich stellen fest, dass Turnschuhe auch okay sind. Mit Jörn gehe ich über das Wasser in der Rummelsburger Bucht, weiter hinten liegen die Eisschollen lose auf dem Wasser und alles ist rosa.

Februar
Ich sehe mit ein paar anderen das ClickClickDecker-Konzert im HansWurst von draußen an und es ist trotzdem gut. Jemand interviewt mich zu dieser Turnschuhgeschichte im Radio, ein anderes Kamerateam filmt, wie ich blogge, und der Tischler meint, meine Fenster müssten mal ausgehebelt und repariert werden. Maike und ich stöbern mit Kapuzen im Schnee, die ganze Zeit höre ich sehr viel Bobby & Blumm.

März
Ich mache mir Gedanken über das Buchcover und verbringe ein paar Tage an der Ostsee. Es gibt das erste Eis des Jahres auf die Hand und zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich eine Etagere voll mit Cupcakes live und in Farbe mitsamt der Möglichkeit, sie auf der Stelle alle aufzuessen. Wir feiern eine Releaseparty.

April
Ich sage Tschüß statt Auf Wiedersehen und bin noch immer nicht gut darin. Auf der re:publica esse ich vor allen Dingen Eis. Ich lese viel, hauptsächlich Überlebensmemoiren und schreibe die Hausarbeit dazu am Ende doch nicht. Lars und ich singen mal wieder. Zu Maikes Geburtstag gehen wir auf eine Lesung von Dietmar Dath, der da sagt: „Nichts wird stattgefunden haben außer vielleicht eine Konstellation.“
Mai
Ich trinke Sekt Aperol am Arkonaplatz und sehe Max Goldt. Ich telefoniere sehr viel. Ein paar Tage verbringe ich in Frankfurt, ein paar in Leipzig. In unserem Hausflur brennt es und ich merke, dass ich beim Packen der Tasche mit den wichtigen Dingen ganz ruhig bleibe. Es ist wieder das Wetter für Abende auf der Modersohnbrücke und wir springen sehr hoch. Ich lese „Tagebuch einer Reise“ von Craig Thompson innerhalb von zwei Stunden und werde ganz high davon. Es gibt eine Konfettikanone und ein Abschiedskonzert. Ich kaufe ein Kleid, das man auf einer Hochzeit tragen könnte.

Juni
Ich fahre nach Hamburg und komme immer wieder. Mit Anois spielen wir ein Konzert auf der Fusion. In der Hufelandstraße hat jemand „Lisa forever“ an mehrere Häuserwände geschrieben. Die Jungs versprechen mir, auf meiner Hochzeit, den Tanz von Beyoncès „Put a ring on it“ zu performen.

Juli
Ich arbeite viel. Mein Kopf geht kaputt und jemand rettet mir das Leben. Ich entdecke Chinotto als das neue Getränk für warme Tage. Ich fahre Kanu in Hamburg und mein Rücken sieht von den Spritzen aus, als wäre ich klingonischer Abstammung.

August
Wir verbringen mehrere Morgen auf dem Badeboot. Es wacht sich gut auf in einem Bett am Fluss. Das Patenkind wird ein Jahr alt und die Wimpel in der Bergmannstraße machen im Wind ein Meergeräusch. Ich trage einen Spongebobpartyhut, auf einem Dampfer gibt es blauen Sekt. Ich backe Pflaumenkuchen.
September
Ich gucke eine Wohnung in Hamburg an. Auf Sylt stehe ich mitten in der Nacht an einem Filmkulissenstrand. Das Meer sieht aus, als stünde wie bei der Truman Show eine angemalte Wand dahinter. Ich finde die erste Kastanie in der Stadt und kaufe einen Apfel, weil er so hübsch aussieht. Bei einem Spaziergang auf dem Land liegen dann tausend leuchtend rote Äpfel in einem Bach mit Entengrütze.

Oktober
Ich habe Geburtstag und verbringe drei Tage am Meer. Um Halloween herum rückt mein Kopf wieder ein Stück an seinen Platz. Ich sortiere aus und ein. Morgens gehe ich joggen auf Stralau und es fühlt sich schon an wie Abschied. Ich höre ungefähr siebenundachtzig Mal „Where in the world are you now?“ von den Great Lake Swimmers. Ich schließe bunte Luftschlangen in mein Herz.

November
Zum Einheitsfest stehe ich bei Regen in einer Pfütze zwischen ganz vielen Regenschirmen am Brandenburger Tor und kann mich an nichts erinnern. Ich kaufe mir eine Matchboxautokette, sehe William Fitzsimmons im Festsaal Kreuzberg live und freue mich über das beste Cover von „Use Somebody“. Bei meinem Umzug machen wir alle zusammen ein Photo im leeren Zimmer, es bricht mir das Herz. Von nun an lebe ich in einem Schuhkarton mit Abendsonne. Wenn man aufwacht, ist es manchmal, als läge hinter der Balkonbrüstung das Meer. Vor dem Fenster ziehen Möwen ihre Kreise.

Dezember
Von nun an habe ich wieder einen festen Schreibtisch in einem festen Büro. Ich treffe ein Mädchen, das mein Zwilling sein könnte, also in manchen Dingen. Ich bekomme eine Mail von William Fitzsimmons. Ich versuche ein Gegenwartsmensch zu werden, lasse drei Nüsschen auf den Boden fallen, aber nichts passiert. Mein Kopf ist immer noch kaputt, auf den Dächern liegt Schnee. Weihnachten kommt ein bisschen plötzlich, aber Entspannung macht sich breit. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben den Thüringer Wald und die komplette erste Staffel der Bill Cosby Show. “You know, the 22 years I’ve been married to you have been the happiest one-day-at-a-time of my life.” Silvester tanze ich auf Parkett in Neukölln. Ich beschließe, allem mehr Raum zu geben nächstes Jahr. Dem Besonderen im Besonderen. Ich beschließe: Das nächste Jahr wird das Jahr der guten Dinge.
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(Photo Januar (c) Jörn Morisse, Photo Mai (c) Katinka Huth, Photo Juni/Juli (c) Nicolas Arnold)