Es steht im Regal und klebt an der Wand. Eigentlich müsste man es sich nur nehmen.



(Sie haben Glück gehabt. Dieses Plakat macht Ihnen nichts vor.)



(Sie haben Glück gehabt. Dieses Plakat macht Ihnen nichts vor.)

Ein gepflegter Griff in dein Inneres ist es, was dir in der Krise bleibt, in Zeiten des Aufruhrs. Und dann nimm mit aller Kraft dein Herz in die Hand und drück zu, press jeden Gedanken, den du hast, von innen gegen den Brustkorb. Und wenn du dir den Ellbogen selbst in den Magen rammst, sich die Luftröhre zusammenzieht und du beim nächsten klammen Atemzug Blut zwischen den Zähnen hast, sei behutsam mit der Übelkeit. Sie ist alles, was du hast in diesen Zeiten des Mangels, in denen sich alle die Klamotten vom Leib reißen, nach Luft schnappen und sich wundern, wenn sie am Morgen immer noch alleine sind. Du kannst dir doch selbst so einfach ins Handgelenk beißen, deine Kraft aus all den Jahren ohne einen Spiegel an einem Knochen abzählen und deine Haut ist dein Gesicht. Dein ausgefahrenes Knie hast du selbst in der Hand, wenn es aufschlägt, sei dann vorsichtig. So schnell kommt jemand und führt für dich den Schlag aus, es geht so schnell, dass du nicht damit rechnest. Nicht rechnen kannst.
Du wirst dir dann wünschen, du wärst schneller gewesen und du hättest wenigstens diesen einen Bluterguss dir selbst zu verdanken.

Wenn man drinnen sitzt, die Beine unter dem Tisch und den Rechner darauf und wenn man dann weiß, welche Worte aus den Mündern kommen und was sie bedeuten und was es auch bedeutet, wenn man sich im Vorbeigehen nur mal eben die Hand auf die Schulter legt oder einen Kaffee mitbringt. Wenn man drinnen sitzt und die Geräusche von draußen hört, als wäre draußen einfach nur ein anderes Zimmer dieser Wohnung und das Fenster eigentlich eine Tür, und die Geräusche aus der Küche auch Geräusche von der Straße sein könnten, weil sie genauso weit weg sind. Wenn man drinnen sitzt und rausguckt und die Mimik des Mannes genau betrachten kann, während er wütend in sein Telefon spricht und dabei ohne es zu merken genau vor unserem Fenster stehenbleibt. Wenn man drinnen sitzt und weiß, wie spät es ist und wieviel Zeit schon vergangen ist und wieviel noch bleibt und wie eigentlich genau die Kategorien aussehen, in die man diese Zeit steckt, und was man damit macht. Dann ist es schon ein Unterschied zu draußen, wo sie manchmal erschrecken, wenn sie uns hinter dem Fenster sehen, weil sie mit der Erwartung herumlaufen, die Fensterläden und Jalousien versperrten eh immer den Einblick. Und wenn sie dann doch mal etwas beobachten hinter den Scheiben, erschrecken sie sich und empfinden so ein kurioses Gefühl dabei, dass sie es festhalten wollen und schnell mit dem Handy photographieren. Uns drinnen wie die Tiere im Zoo. Aber wir lächeln und wir legen einen neuen Film ein und was sie morgen betrachten können, erzählen wir ihnen später, wenn sie lieb fragen. Kommen sie doch wieder, kommen sie vorbei, wir sitzen hier zwar nicht nur zum Spaß, aber auch.
Wenn man drinnen sitzt und die Menschen von draußen reinschauen und sehen, wie sich unsere Münder bewegen, aber nicht hören können, was wir sagen, weil die Geräusche draußen draußen ja noch lauter sind (dann doch lauter als wir drinnen), und nicht wissen, dass wir über sie reden, so wie sie über uns nachdenken kurz oder ihrem Nachbarn das Photo zeigen, das sie von uns geschossen haben, wenn sie uns tippen sehen und denken, wir würden arbeiten, während wir in genau diesem Moment aber einen Text schreiben über sie ohne ihr Wissen. Dann ist das wie Bloggen. Oder ein Magazin machen. Innen sitzen und die Bedeutung ist eine ganz andere als der Blick von außen. Man hört ja so selten, was drinnen wirklich geschieht.

Das Mädchen mit dem schönen Mund (ja, sie werden ihr später und in einigen Jahren sagen, was für einen schönen Mund sie habe, um sie zu beeindrucken, aber eigentlich auch nicht, um sie zu beeindrucken, denn sie würden es auch so sagen ohne Erwartung einer Antwort, weil er so schön ist) ist in ihren Lehrer verliebt. Es ist einer von der Sorte cooler Typ mit Jeans und Turnschuhen. Graumeliert an den Schläfen zwar schon, doch das interessiert sie nicht. Und dass der Depp aus Reihe drei ihr ständig mit seiner Schirmmütze auf den Kopf haut, interessiert sie auch nicht, denn sie achtet nur auf ihren Lehrer und immer wenn er guckt, reißt sie die Augen ein bisschen auf und lächelt und die gefalteten Hände im Schoß spannen sich ein bisschen an. Für ihn übt sie jeden Nachmittag Schönschrift.
Als er noch drei Vierer entfernt ist, denke ich mir nichts dabei. Als er noch zwei Vierer entfernt ist, denke ich: Der hat einen Popel am Kinn. Als er an mir vorübergeht, erkenne ich sein neongrünen Stachelpiercing.
Dass Semesterferien sind, merkt man am Altersdurchschnitt morgens um zehn. Und dass ältere Herren mit riesigen Gemälden in die Bahn passen. Eine Waldszene, ein kleiner See, ein paar Nadelbäume drumherum, im Hintergrund die Berge. Schlecht gerahmt und auf der Rückseite klebt ein altes Preisschild. Vierzig D-Mark. Aber er ist stolz. Er ist so stolz, dass er sich in einen leeren Vierer setzt, das Bild auf die beiden Plätze vor sich stellt und es betrachtet. Sechs Stationen lang. Lächelnd, als wäre es eine Frau.
“Nächste Station steigen wir aus. Das ist jetzt kein Witz.” Und ich versuche, die Logik ihres Klatschspiels zu entziffern, scheitere aber kläglich, während sie das so aus dem Stehgreif noch draußen auf dem Bahnsteig fortsetzen.



Das Ortsschild passieren, etwas wiedererkennen, den Müll im Fußraum schon einmal zusammenschieben, sich im Rückspiegel kurz anschauen und nicht mehr an der Tanke halten. Die Fortschritte der Baustelle erkennen, manchmal einen Nachbar auf der Straße, der gerade vom Einkaufen kommt. Und dann dreht man den Schlüssel im Schloss um und es riecht seltsam und noch fremd, erst ins Bad, dann durch die Zimmer mit dem Blick in den Hof und einmal kurz lüften und auf den Balkon treten und dann schnell wieder reingehen und noch keine Musik anmachen sondern sich einfach kurz auf’s Bett legen und die Decke anschauen, um sich dann aufzusetzen und die Taschen noch nicht auszuräumen, um dann einen Kaffee zu machen und die kalten Füße zu bemerken und den Wäschehaufen und das Rattern der Listenpunkte und was man davon zuerst und was erst später machen sollte und könnte und müsste - und denken, dass eigentlich immer eine Stunde Pause sein sollte zwischen dem Moment, in dem man die Tür aufschließt und dem Moment, wo man wieder zuhause ist, eine Stunde Beatmungszeit, in der man sich wieder aklimatisieren, einspielen und langsam in den gewohnten Modus fahren kann, eine Stunde Stillstand, in dem die Wolken anhalten und man den Kopf auf die Tischplatte legt, um zu horchen, ob alles ist wie vorher. Um Veränderungen bemerken zu dürfen und sich an den veränderten Takt zu gewöhnen, die Füße flach auf den Boden zu stellen und wieder hier zu sein, weiterzumachen. Und sich nicht darüber zu ärgern, dass man das Tempo so schnell verlernt, denn das ist ja der Sinn des Meerblicks, das muss ja so sein. Das ist ja der Grund.

Wen man zuhause nennt. Und wen Familie. Worüber man das nächste Buch schreiben könnte. Und wer eigentlich immer die ganzen Aufkleber von den Mülleimern abkratzt. Was man vor zwei Jahren an genau derselben Stelle gemacht. Und wo Disney Land eigentlich vorbei ist. Was das Kind mit dem Stuhl will. Wo man leben könnte. Und wer das eigentlich dahin gelegt hat. Wieviele Schritte man benötigt. Und ob ein Polizeiauto in den Hauseingang passt. Wer Bänke an Baugerüste anschließt. Ob man sich von nun an nicht einfach jeden Morgen einmal auf die Zehenspitzen stellen sollte. Wohin es in diese Richtung geht. Und wohin in die andere. Wieviele Einschusslöcher in so eine Hauswand passen. Ob das Kind die Geliebte des Vaters meinte, als es fragte: “Papa, kennt Mama die Frau eigentlich?”. Ob die Blüten das Wochenende aushalten. Ob das Schaf nicht doch ein Hund im Schafspelz ist. An welcher Treppe genau wir damals gehalten haben, als ich meinen Pullover um einen blutenden Arm gebunden habe. Wie man Prey and Predator mit den Fingern auf der Hose klopfen kann. Und seit wann man nicht mehr die Treppe hinunter gehen muss, sondern einfach hinüber ins Birkenwäldchen kommt. Ob man noch einmal kurz auf den Turm klettern könnte wegen des Lichtes, noch schnell. Wer mich zugeparkt hat, wer mich immer zuparkt, ob ich mich selbst zuparke und wann ich eigentlich den Führerschein mache, nun endlich, um nicht noch weiter so zugeparkt herum zu stehen. Viel zu wenig Wiese.


…schrieb G. neulich. Und schon haben wir den Salat und die Sonne knallt einem ordentlich auf die Mütze. Aber gebt acht, Ihr städtischen Weidenkätzchen und Kroküsschen (ja, heute ist Gaga-Tag, entschuldigen Sie dies oder lesen Sie nicht weiter), denn morgen oder übermorgen schon geht’s wieder ab, das wissen wir alle, das ist jedes Jahr so, dass die Mädchen sich nämlich gleich alle Hosen und Jacken vom Körper reißen und nur noch in Strümpfen durch die Stadt spazieren, das ist ja jetzt nichts neues, sobald die 10°-Marke überschritten wurde. Man könnte also zur Abwechslung auch mal erwachsen und reifer sein und nicht den ganzen Tag in der Sonne rumhängen, sobald sie mal ein bisschen nett lächelt, sondern weiter seiner Lohnarbeit nachgehen und die Haare kämmern und seufzen über die Spinner, die da am Landwehrkanal Mittagspause machen, über Zäune klettern, um näher am Wasser zu sitzen und aus ihren Pizzakartons dann Schiffchen falten, um danach mit dem ersten Eis samt Sahne und Schokoladensoße eine Gesichtsparty zu feiern. Könnte man, wenn man wollte.

Es sind diese Zeiten, in denen es nicht leicht ist, ein neues Print-Magazin zu machen. Es sind aber auch die Zeiten, in denen man vielleicht genau so etwas braucht. Eine neue Perspektive, einen neuen Blick, eine Aufgabe fernab der Alltagsgeldverdienberufsgeschichten. Ein anderes Gegenüber, wenn man in der U-Bahn sitzt und gelangweilt in der Gegend herumschaut. Es sind diese Zeiten, die nur diese Zeiten sind, weil alle sie mit ihrem Gerede über diese Zeiten zu diesen Zeiten machen. Es wären ganz normale Zeiten des Weltuntergangs und der Unsicherheit, wenn sie keinen Namen hätten, aber man braucht ja immer Namen, um sich an irgendetwas festhalten zu können. Und um darüber zu reden.
Unser Name ist OPAK. Und auch wir haben unsere Zeiten. Zeiten, in denen nicht alles so läuft, wie es geplant war, weil jeder auch seine eigene Suppe kochen muss, weil wir keinen Geldspeicher im Rücken haben, weil das Gerede von Idealismus diesen rosa Schimmer hat, der aber nicht mehr zu sehen ist, wenn Kaffee drüber läuft. Eigentlich hätten wir gestern erscheinen sollen, aber es sind diese Zeiten, ihr habt davon gehört, diese Zeiten, in denen man nicht mehr erschrickt, wenn etwas passiert, sondern eher, wenn etwas nicht passiert. Und es passieren Dinge am laufenden Band, immer wieder fliegt irgendwo etwas in die Luft, auch im Kleinen, und so müssen auch wir uns anpassen und verschieben und erscheinen demnach am Freitag, den 27.03.. Dann aber mal sowas von.
Im OPAK-Blog könnt ihr derweil Geschichten vom Redaktionsalltag lesen, der mal so gar kein Redaktionsalltag ist, weil es kein Redaktionsbüro und keinen Alltag gibt, denn das hier ist der erste Streich. Ihr könnt lesen, was man so denkt manchmal, wenn wieder irgendetwas nicht hingehauen oder geklappt hat. Und wie man sich so erklärt, wenn die Leute fragen: “Was machst’n du da eigentlich die ganze Zeit? Und wieso überhaupt?”
Wir sehen uns Ende März.
Dear readers, this is a recommendation.
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Dear members of twitter, you better read it thrice.
Thank you.