Ja. Du.

Wer ist denn Mittwoch, Donnerstag und/oder Freitag auf diesem Bloggerdingsbums? Der kann ja mal den Finger heben, eine Mail schreiben, anrufen, Bescheid sagen, klingeln oder so.

Wer ist denn Mittwoch, Donnerstag und/oder Freitag auf diesem Bloggerdingsbums? Der kann ja mal den Finger heben, eine Mail schreiben, anrufen, Bescheid sagen, klingeln oder so.

Nicht wissen, wie spät es wirklich ist. Noch die letzten Manchegokrümel mit der Fingerkuppe vom Teller in den Mund schieben. Bücher für wenig Geld kaufen. Sich in eine Milchkanne mit orangefarbenen Punkten verlieben. Sie kaufen. Die Jacke offen lassen. Sich darüber freuen, dass der Mann mit der schlimmen Marionette wenigstens mal ein neues Lied gelernt hat. Enttäuscht sein, dass es von Coldplay ist. Jemandem hinterher fluchen. Sich im Schaufenster beim Vorübergehen nicht erkennen. Tief einatmen. Nicht wissen, was dieses komische Gefühl im Bauch zu bedeuten hat dort, wo die Rippenbögen aufhören, in der Mitte noch über dem Magen, wie der Beginn von Sodbrennen, nur ohne Sodbrennen. Wie der Anfang von Übelkeit nur ohne Übelkeit. Wie eine Ahnung. Nicht wissen, wie spät es wirklich ist.
Ich weiß nicht, wo ihr sie herhabt, diese Geschichte von der Berliner Unfreundlichkeit. Ich weiß nicht, mit wem ihr redet, sprecht, wen ihr seht oder trefft, wer euch eine gelangt hat oder verlassen. Aber es ist mir ein Rätsel, wo ihr das her nehmt.
Vielleicht sind die alten Frauen in den Bäckereien rabiater als woanders, aber von denen gibt es eh nicht mehr viele, jetzt haben wir die Ketten wie Bäckerei 2000, in denen die Bedienungen die Augen zusammenkneifen und ihr gebrochenes Deutsch bis an die Ohrläppchen herausgrinsen und die Croissants nur aufgebacken sind. (Hast du jemals eine dieser guten Berliner Schrippen mit dickem, zähen Innenfutter gegessen?) Vielleicht sind die alten Männer, die im Erdgeschoss ihre Ellbogen auf ein Fensterbrettkissen stützen, ein bisschen mauliger als woanders, aber von denen gibt es eh nicht mehr viele dort, wo ihr euch rumtreibt, die haben jetzt Angst, die ziehen sich zurück in ihre Schrebergärten zwischen den S-Bahn-Gleisen und in die Eckkneipen.
Angeblich wird Berlin älter, aber meiner Beobachtung nach nur am Rand. Mit den Jahren rutscht man immer weiter in den Fahrkartenbereich B oder C, A ist was für die jungen, für die, die die Stadt repräsentieren sollen, weil das ja wichtig ist für die, die sie verkaufen müssen. Zugezogen und kreativ, nicht zu spießig, aber trotzdem mit Anhang. So hätte man sie gerne, die Stadt. Ein bisschen überpudert mit dem Glamour alter Tage, ein bisschen Exklusivität und die Flecken schnürt man gewaltig uncharmant zu Ornamenten zurecht. Und ich frage mich, wo ihr sie denn trefft, diese achso unfreundlichen Menschen? Wo es doch nur so wimmelt von touristischen Wahlberlinern auf der Durchreise, von Praktikanten, Studenten, Junior Irgendwas, weil sie so laut reden und lachen, dass man den Rest nur hört, wenn man ihn hören will. Und die alle ja immer so freundlich sind und aufgeschlossen mit ihrem global thinking, die dir ihren Lebenslauf in zwei Minuten erzählen, auch wenn du sie nicht danach fragst.
Wo sind sie denn noch, die mit den Geschichten, die die Stadt noch kennen aus den Zeiten, aus denen die Häuser sind, in denen die Zugezogenen das Parkett loben? Wo trefft ihr sie denn, die Kernbevölkerung, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe irgendwo, weil sie flüchtet vor dem neonfarbenen Mob? Ich fänd ein bisschen weniger Make Up ja eigentlich ganz gut.
(Zudem stellt sich mir im zweiten Atemzug die Frage, was denn so schlimm daran ist, wenn jemand einen nicht gleich mit seiner Freundlichkeit anspringt, sobald man ihn vielleicht nach dem Weg fragt? Was ist so schlimm daran, wenn man ein bisschen von der Stimmung spürt und der Wut und dem Groll, die sich auch in anderen Leuten regt und oft nicht ohne Grund?)

So sieht es aus, wenn jemand mit dem Finger im Himmel rumwurschtelt. Und so klingt es, wenn das jemand in meinem Kopf tut.

Anti-Fieber-Drogen einschmeißen, heiße Milch mit Honig schlürfen, Zeitung lesen, die blauen Flecken am Himmel zählen, froh sein, der kindlichen Enttäuschung über das Wetter an so einem Tag mit zunehmendem Alter entronnen zu sein. Aba tropftdöm den Mumd pfoll müt Pfokoladö.

Die Kapuze tief ins Gesicht ziehen und Pfützen in Mitte umspringen. Dann atemlos zwischen den knalligen und teilweise erschreckend nahen Photographien von Bettina Rheims stehen. Bei den ausgemergelten Körpern auf den Bildern von Yvonne Thein dann husten müssen, weil der Kloß im Hals plötzlich in Bewegung kommt durch die totale Überzeichnung und den realistischen Wahnsinn. Danach sich durch die Massen aus Feiertagsfamilien und Touristen bei den Lindenbäumen schlängeln und drinnen die Jacke von der Haut pellen. Mit großen Augen vor der riesigen blauen Wand in der Deutschen Guggenheim Berlin stehen und sie sofort adoptieren wollen, einpacken und mitnehmen, zuhause wieder aufstellen, den ganzen Tag draufgucken. Und in den zwei kleinen Räumen bekomme ich nicht genug von den Weiten, von dem guten Blau und einem Winter, der ganz still und bewegungslos daliegt. Nicht einer wie hier, der die ganze Zeit herum- und zerläuft. Später durch den Hagel in Richtung sichere Burg.
Und am Wochenende solltet ihr euch einpacken und warm halten. Vielleicht wie ich ein paar Eier in bunten Essig legen, ein bisschen backen, gute Musik hören, den Kopf hochhalten und rumtanzen. Ich such nix, hab ich mir geschworen. Ich find dieses Jahr die Sachen gut, die man nicht ewig suchen muss sondern entspannt von selbst angerollt kommen.

Die Zeit ist falsch. Die Zeit, wie sie angelegt ist mit Zeigern und Stunden und Minuten, mit Tagen und Wochen und diesem Jahr, das funktioniert hier alles gerade nicht. Ich schreibe jeden Tag die gleichen Dinge in den Kalender und mache die, die nicht drin stehen. Mein Zeitgefühl kann im Spagat zwischen den Jahren einfach stehen bleiben und das für eine ganze Weile, während sich die Restwelt auf und davon macht, irgendwo ihre Fortsetzung nimmt mit neuen Personen, veränderten Umständen und anderen Farben. Und ich stehe da, als würde ich einen Stift in der Hand halten, und strecke den Arm aus. Halte ihn einfach nur und die Dinge fliegen vorbei, ein paar Fetzen bleiben hängen, ein Streifen läuft wie ein Quietschen die ganze Zeit mit. Einer roter Streifen Wachsmalstift auf allen Wänden, Stationen, Gesichtern, Fehlern und Ideen.
Ich werde wach, wenn ich im Bett liege. Und müde, wenn ich beschließe, aufzustehen. Also bleibe ich einfach still und lasse entscheiden. Starre auf den alten Mann, der wiederum nur ganz für sich an seinen vertrockneten Blumenresten vorbei auf die Straße starrt. Ich starre auf die beiden, die am Fenster sitzen und schwitzen und sich Worte über den Tisch werfen, die gehören eigentlich auf ein leeres Feld mit ganz viel Platz, aber nicht in diese Ecke, nicht auf diesen Tisch, nicht zwischen diese Kaffeetassen, nicht neben all die anderen. Vielleicht geht mir das ja ähnlich. Die Tage sitzen nicht. Die Tage sitzen so gar nicht, sondern laufen permanent rum, wechseln die Richtung, vergehen in einem Tempo, das ich am Kalender ablesen kann und an den Leuten, die anrufen, weil sie etwas wollen oder nicht wollen, weil sie fragen oder auf eine Antwort warten. Hier schwirrt ein Beat in den anderen, das macht noch keinen Rhythmus, das bringt mich nur aus dem Takt ständig. Das sieht man dann in den Dellen der roten Linie, des Fadens, in den Amplituden der Tage hinter jeder Ecke, auf jedem Material. Das lässt nichts aus, das ist immer da und eigentlich kannst du einfach zurückgehen und nachgucken, an welcher Stelle du dazu gestoßen und wann du wieder gegangen bist.
Die Zeit war falsch. Die Zeit, wie sie angelegt war mit Zeigern und Stunden und Minuten, mit Tagen und Wochen und dem Jahr, das funktionierte alles nicht. Ich schrieb jeden Tag Worte auf, die ich nicht aussprach und sagte die, von denen ich nicht wusste, was sie eigentlich bedeuten. Mein Zeitgefühl hüpfte die paar Jahre nach vorne und wartete nicht, während die Restwelt auf Pause sprang und jetzt ihre Fortsetzung nimmt mit neuen Personen, veränderten Umständen und anderen Farben. Und ich stehe da mit einem Stift in der Hand und du rennst vorbei mit deinen aufgeriebenen Stellen überall. Alle ganz rot.

Das Wetter kann sich nicht entscheiden, das Leben auch noch nicht so richtig. Und so macht man einfach, was einem gesagt wird, und wartet nebenbei noch ein bisschen weiter. Jetzt ist es auch egal, das macht nun keinen Unterschied mehr. Produktivität klatscht Zweifel ab und nimmt ein bisschen Spannung mit. Immer noch so ein Vakuum. Immer noch kein Ja und kein Nein. Und mittlerweile wieder das Gefühl, die Erwartungen an alles sind zu hoch, an mich, an dich, an den Job, den es nicht gibt, an das Leben, das man sich denkt, an die Menschen, die man liebt.
Aber was das Eierhäuschen betrifft, telefoniere ich. Es gab ja doch - ähm - Resonanz. Die Stifung Denkmalschutz Berlin hat es angeblich auf dem Plan, aber nicht ganz oben, eher im Gegenteil. Die Spreeparker erreicht man nicht, diesen Umweltschultz-Verein, der sich kümmern will, auch nicht. Abwarten. Aber ich erzähle es rum, ich drücke ein bisschen auf den wunden Punkt und suche weiter. Investoren, Ideen, Begeisterte. Wir brauchen eine Lotto-Tipp-Gemeinschaft, eine Bewerbungswelle für Shows, in denen man Geld gewinnen kann, wir brauchen gute Kontakte und vielleicht einen Verein. Ach.
Vielleicht braucht auch jeder nur grad ein bisschen Frühling. Ich will mich auch wie so´n Krokus fühlen. Mit dem Kopf durch die Eisdecke.

Wenn man im Treptower Park den Weg am Wasser nimmt, an der Insel vorbei und am still gelegten Vergnügungspark, vorbei an den liegenden Dinosauriern, den großen Schwänen, die da nun ohne Wasser mitten im Wald stehen, vorbei an den Marienkäfern und der rostigen Wasserbahn mit dem Wagen noch oben an der Schwelle zum Abhang, wenn man den Weg nimmt und dann noch ein bisschen weitergeht, an der kleinen, zerbeulten Achterbahn vorbei und der großen weißen Halle, kommt man zum Eierhäuschen. Der Backstein verfällt langsam, drumherum hat jemand lieblos einen Bauzaun gestellt, der Sturm hat ein paar Bäume umgeworfen, die Zeit ein paar Mauern. Aber man braucht nicht viel Phantasie, um sich die eingeworfenen Scheiben wieder glänzend und neu vorzustellen, den Müll von der Terrasse runter und ein paar weiße Stühle drauf, das Dach neben dem Turm wieder repariert und vielleicht noch ein bisschen nass vom morgendlichen Regen.

Es ist ganz einfach, wenn man die Augen ein bisschen zusammen kneift, Menschen auf der Treppe sitzen zu sehen und Licht im Turmfenster, den Duft von frisch gebackenen Mandelhörnchen zu riechen und das geschäftigte Treiben an der Hinterseite, weil dort Menschen sitzen könnten, die arbeiten und zur Pause die Füße in den Fluss hängen. Man könnte sich den Bärlauch für das Abendessen frisch pflücken, man könnte morgens mit dem Rad hinfahren und müsste während der Arbeit keinen Autolärm hören, nur Vögel und vielleicht in weiter Ferne ein bisschen Stadtatem. Und der Wintergarten wäre ein guter Platz für Konzerte, der besonderen Art, für gute Musik und einen Blick nach draußen ins schwarze Nichts der Nacht, vielleicht auch ein Platz für stille Winternachmittage, an denen die Rehe vor dem Fenster vorbei huschen und Spuren in den Schnee machen. Es wäre ein guter Ort mit vielen Möglichkeiten, würde sich die Stadt darum kümmern. Aber sie wartet viel zu lange und mit jedem Tag rückt das Haus weiter weg von der Möglichkeit der Instandsetzung. Berlin ist voll von solchen Orten, kleine Oasen mittendrin, die einfach übersehen werden und irgendwann verschwinden.
(Sollte jemand einen Haufen Geld haben, mit dem er junge Leute fördern und sich selbst einen Namen machen will, sollte er das Haus kaufen und sich dann bei mir melden. Der Business-Plan liegt schon bereit, das Konzept ist sehr super, der Ort sowieso.)

Noch hat sie mich nicht erreicht, die Wintermüdigkeit, die allgemeine Depression, das Motzen und Meckern der Menschen mit den nassen Fußspitzen. Noch hege ich keine inneren Aggressionen beim morgendlichen Blick aus dem Fenster, noch kann ich meinen Wintermantel sehen ohne zu kotzen, noch kuschel ich mit meinem Schal. Zwar wird meine Stimme auch gleich eine Oktave höher, sobald sich die Sonne zeigt, und ich rupfe sofort ein bisschen Stoff aus dem Regal und renne nach draußen, aber noch kann ich meinen Kopf versonnen auf die Hand stützen, aus dem Fenster sehen und denken: Ach Winter. Ohne Boshaftigkeit. Vielleicht hat es mich dieses Jahr nicht so sehr erwischt, weil sich alles so hinzog, weil es so mild vor sich hin schluffte, weil es keine lang anhaltende Kältestarre gab, kein Einschneien, kein Statement. Es kleckerte so und klotzte nicht, der Zwischenzustand lag sogar im Wetter. Und deswegen bin ich ja eigentlich froh, wenn es sich mal ein bisschen aufbäumt und stürmt. Wenn uns der Wind beim Laufen am Fluss die Tränen in die Augen treibt und die Röte auf die Wangen, wenn der Regen sich nasskalt durch die Klamotten frisst und wir dann trotzdem oben auf der Brücke stehen und noch eine Runde machen und sich die Finger später unter der Dusche anfühlen wie gerade erst wieder mit dem Blutkreislauf verbunden. Das ist dann wenigstens mal eine Aussage, das merkt man.
Und wer zuhause bleibt, alle Bücher schon gelesen hat und was zum Lachen oder Aufregen braucht, kann hier mal schauen, was ich in meinem Nebenfach an der Uni so produziere.