Zeit zum Trauern

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Man sitzt im Auto auf dem Weg irgendwohin. Und die Zeit ist ausgeschnitten. Vergangenheit und Zukunft setzen sich dazu, weil die Gegenwart nur aus dem Geradeaus besteht. Aus der Musik, die gerade läuft. Aus dem Autositz, dem Gefühl der Fensterscheibe an der Stirn und den Feldern, die draußen vorbeiziehen. Das Jetzt wird auf solchen Fahrten auf ein Minimum reduziert, du bist nicht beschäftigt mit Anrufen, Papier bewegen, mit putzen, essen, sich verabreden. Die Dinge sind auf minimalen Raum beschränkt, die Mittel begrenzt. Und im gleichen Atemzug wird der Kopf riesig und macht Platz für die Gedanken, die man sonst nebenbei gerne liegenlässt, unter den Teppich kehrt, immer wieder in die Tasche steckt, weil man ohne sie nicht kann, aber auch keine Zeit hat, sie genau anzusehen. Es ist Platz dazu, einzusehen und loszulassen. Es ist Platz für Fragen und Wehmut. Und man hat Zeit, sich die Lieder genau anzuhören. Überhaupt ist das Zeit für Musik, die berühren darf.

Bin ich auf dem Weg zur Arbeit, kann und will ich keine Lieder hören, die mir den Herzschlag schneller machen. Da will ich was nettes mit Bumms und Trallallalla, aber nichts, was mich ernsthaft berührt. Ich möchte nicht in der Straßenbahn knietief in alten Zeiten stehen, wenn jeder sehen kann, was dann mit mir passiert. Ich kann nicht abends nach dem Fußballspiel auf dem Weg nach Hause die Lieder hören, die mir noch einmal vor Augen halten, was alles vorbei ist und wer verloren hat. Oft genug ziehe ich mir das Gesicht in der Öffentlichkeit zurecht und wieder gerade, weil es verrutscht samt der Haltung. Auch ohne Musik.

Und dann ist es wie schlafen, wenn mal niemand hinsieht. Den Kopf an die Scheibe, der Blick zurück und nach vorn. Die permanente Bewegung und das Voran der Dinge, das sich nicht aufhalten lässt, bildlich vor Augen. Sieh nicht zurück, sagt so mancher.
Aber hinter uns geht die Sonne unter. Hinter uns liegt das Meer.

Liz hat es verfasst, und zwar am 20. Juni 2006 um genau 14:28 Uhr.
Kategorie : Wir

2 Kommentare Kommentar hinzufügen

  • 1. Stefan  |  21. Juni 2006 um 2:25

    In der Bahn fährst du mit dem Alltag, wieso lässt du dir von dem den Kopf einschnüren? Denk immer dann nach, wenn du selber Raum brauchst und warte nicht auf Momente in denen Platz für die Gedanken ist.

  • 2. Dan  |  21. Juni 2006 um 14:59

    Schön. Erinnert mich an einen Freitag Abend im September vor zwei Jahren. Ich bin damals von Basel nach Paris geflogen, an Philous Abschiedsparty, kurz bevor er nach Berlin zog. Abendflug, mit Air France. Das macht um diese Jahreszeit kein Mensch. Ich sass also in der gläsernen Flughafenhalle, die völlig leer war und hörte Röyksopp. Gleichzeitig ging draussen die Sonne unter und hinterliess dabei einen gleichmässigen gelben Streifen am Horizont - genaus so wie auf dem Plakat von irgendeinem Film von Jean-Jaques Beneix. Hat alles wunderbar zu einander gepasst und ich habe gelaubt, die Zeit bliebe stehen. Selbst in Orly, nach der Ankunft hat das Gefühl noch angehalten, weil der Flughafen auf einer leichten Anhöhe liegt und die Lichter von Paris die Nacht in ein helles Orange tauchten.
    Spätestens mit dem ersten Gin Tonic war dann aber alles vorbei. Schade eigentlich, denn diese Momente werden immer seltener. Vielleicht sollte ich wieder mehr Fliegen. Blöd, dass die Melancholie einen gewissen Wohlstand vorraussetzt. Exustenzielle Probleme sind einfach weniger poetisch.

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