Zehn Jahre älter als meine Mutter
Donnerstag war es immer aufregend morgens in der U-Bahn. Die blaue Linie brachte uns zur Schule, ich stieg in Mitte zu. Alina und Sarah waren schon in Kreuzberg eingestiegen. Bis nach Reinickendorf mussten wir jeden Tag. Sieben Stationen für mich, 15 Minuten Fahrtzeit. Wir lernten effektives Zeitmanagement. 15 Minuten für die vergessenen Hausaufgaben von zwei Fächern, für Vokabeln und Kunstwerke, für das Anschmachten von Parallelklassenjungs. Aber donnerstags war alles anders. Donnerstags hatte Sarah die neue Bravo.
Wir lernten diskutieren und Blattkritik. Wir betrieben Konkurrenzbeobachtung und Recherchevergleich. Die Abgründe des Layouts führten hin und wieder zu hitzigen Debatten. Wir lernten Geduld und schnelles Lesen. Wir lernten Distanz zu Inhalten und emotionale Beherrschung.
Ja, wir haben neulich mal wieder eine Bravo gekauft. An der Tanke unterwegs, so wie viele Bands auf Tour, die was zum Lachen brauchen. Nah am Fan, dranbleiben und sowieso, man müsse ja auf dem neuesten Stand sein, was Pubertärkultur betrifft. Und die Bravo hat noch immer nichts gelernt. Fiese Farben und Layouts. Doppelte Fotos und crazy Poster. Das Rezept der konstanten Starre scheint zu funktionieren. Ja, man photographiert die Nackten jetzt nicht mehr im weißen Studio sondern vor natürlichem Hintergrund wie Duschvorhang oder Mustergardine. Der Rest ist, wie er schon damals war. Eckige Kästen bekommen runde Ecken, ok. Flippig, hip und kotzebunt.

(Meine Erste.)
Das interessiert den pickeligen Leser aber eh nicht. Dieser will noch immer Fotos von den Falten seiner Stars, von Möpsen und dicken Autos, von Handy-Gimmicks und dem heißesten Scheiß in Sachen Markenmode. Foto-Love-Stories und Riesenposter, Sammelkarten und Klebe-Tattoos. Ihr seid der Trend. Ihr seid das kollektive Non-Bewusstsein in diesem Alter, das den meisten die Wochen und Monate unvorhersehbarer Hormonschübe erleichtert.
Und so verschenkten wir die Bravo an unsere Zeltnachbarn, die aber auch nach drei Minuten genug hatten. Die Bravo ist nun zehn Jahre älter als meine Mutter und braucht keine Antifaltencreme. Man bügelt es sich eh zurecht und spritzt hier und da ein bisschen auf, was noch nicht prall genug ist. Bang Bang forever. Aber es fühlt sich gut an zu merken, dass der Mensch an sich in Würde altern kann. Mindestens erwachsen werden. Wir gehen jetzt donnerstags ins Kino. Und in der U-Bahn schlafen wir ein, während die Kinder sich in Trauben sammeln, kreischen und ihnen die Kommafehler nicht auffallen.

Kommentare
Guter Text, gute Frau!
Von wann ist Ihre erste Bravo? Wie ich letztens durch Ihre taz-Beilage erfuhr, gab´s Take That schliesslich bereits sein 1989 - also zu jener Zeit als noch alle Hasselhoff lauschten.
Ich hoffe, Ihr Ruecken ist vom taz-Stehen nicht allzu sehr gequaelt und ich muss nicht sofort fuer eine Massage vorbei kommen … ;)
Es gruesst Señor Martín aus einem kleinen Locoturio in Palermo!
Ich muss mich korrigieren, es heißt in Wirklichkeit “Locuturio” … und grüße Sie noch immer und winke und so …
ich hatte meine erste bravo als man in mitte noch nicht so einfach zusteigen konnte.. das war auch aufregend.. die bunte andere welt..