{"id":6576,"date":"2021-11-28T13:03:14","date_gmt":"2021-11-28T12:03:14","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6576"},"modified":"2021-11-28T13:05:23","modified_gmt":"2021-11-28T12:05:23","slug":"beinahe-ein-jahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/beinahe-ein-jahr\/","title":{"rendered":"Beinahe ein Jahr"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized is-style-default\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichter-1-edited-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6593\" width=\"627\" height=\"419\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichter-1-edited-1.jpg 945w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichter-1-edited-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Lichter-1-edited-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Elf Monate und drei Wochen ist es her, dass ich das letzte Mal einen Text geschrieben und hier ver\u00f6ffentlicht habe. In der Schublade gibt es nichts, in der Notizfunktion meines Handys liegen tr\u00e4ge ein paar Gedanken herum, Halbs\u00e4tze, ich habe selten etwas zu Ende gedacht, und wenn doch, dann war es zu furchteinfl\u00f6\u00dfend, um es obendrein auch noch aufzuschreiben, vielleicht war es zu sch\u00fcchtern, ich wollte nichts vorwegnehmen, nicht entt\u00e4uscht werden, nicht \u00fcberschw\u00e4nglich. Das habe ich ein paar Mal geh\u00f6rt, dass mit der Pandemie sp\u00fcrbar wurde, wie es ist, nichts planen zu k\u00f6nnen, zur\u00fcckgeworfen zu sein auf den Moment und in dem irgendwie herum zu existieren. F\u00fcr mich war und ist die Pandemie gepr\u00e4gt von Wortlosigkeit. Weil ich es nicht schaffte, mich zu sortieren, weil ich in Schockstarre war, weil ich m\u00fcde war, weil es meiner Meinung nach \u00fcberall wichtigeres zu lesen gab und ich aus meiner Perspektive nichts Neues hinzuf\u00fcgen konnte. Aber es fehlt mir, das Schreiben. Es fehlt mir so sehr. Und am Ende ist das hier ja mein Garten, in dem ich auch zwanzigmal im Kreis laufen kann, wenn ich es will. It&#8217;s my blog and I cry if I want to. Ich hatte vergessen, dass das geht.<br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>356 Tage ist es her, dass hier das letzte Mal ein Text von mir erschienen ist. Damals waren es 19.000 Tote. Fast 500 pro Tag. Nach 50 Wochen und 3 Tagen sind wir bei 101.000 Toten. W\u00e4hrend ich das tippe, muss ich schlucken. Seit einer Weile schon folge ich D. auf Instagram, und neulich schrieb sie, wie sie l\u00e4hmt, dass nie \u00fcber diese kollektive Trauer gesprochen wird. Genau darum drehte sich mein Text von vor einem Jahr. Tote haben keine Lobby. Immer noch nicht. Wir wollen dar\u00fcber schreiben. Mehr dazu hoffentlich bald an dieser Stelle. Weil es mir immer noch den Atem verschl\u00e4gt.<br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern Abend standen J. und ich im Dunkeln vor einer Wiese, \u00fcber die ein Meer von Lichtern wehte und ich musste in diesem Moment genau daran denken. An diese 101.000 Menschen. An ihre Familien. An meine. Die Lichter rollten von unten den H\u00fcgel hinauf, helle Punkte in einer Welle, es hatte gerade aufgeh\u00f6rt zu schneien. <br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann meine Gedanken zu all dem immer noch schwer sortieren. Ich bin immer noch m\u00fcde, vielleicht mehr denn je. Wut macht m\u00fcde. Diese Wut, die im letzten Jahr in meinen K\u00f6rper gekrochen ist, wie Sodbrennen \u00fcberall. Diese Sorte Wut, die nicht weniger wird, wenn man sie \u00e4u\u00dfert, aber die einen ersch\u00f6pft, weil sie einhergeht mit Ohnmacht. Diese Sorte Wut, die sich anf\u00fchlt wie das Gef\u00fchl, das kommt, nachdem einem ein K\u00f6rperteil eingeschlafen ist und gerade wieder aufwacht. Die mich zum Heulen bringt (\u00fcbrigens auch: das Weinen neu entdeckt und wie es einen erleichtert, wenn man es einfach mal nicht moderiert, sondern l\u00e4sst). <br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>N. schreibt, wie beschissen es doch ist, dass man mit Kindern immer dann am wenigsten Hilfe bekommt, wenn man sie am meisten braucht: wenn man selbst krank ist oder die Kinder oder man mit ihnen in Quarant\u00e4ne sitzt. Wie mies die Umst\u00e4nde sind und wie hart diese Zeiten f\u00fcr Eltern und Kinder.<br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Und mit dem Schreiben ist auch ein St\u00fcck Platz f\u00fcr die Musik zur\u00fcckgekehrt. Und die Sehnsucht nach Konzerten, nach Tanzen, von dem man nach zwei Minuten schwitzt, nach musikalischem Krach, der einem so um die Ohren fliegt, dass Gedanken keinen Platz mehr haben, dass man sich mitten hineinstellt und auch wirklich nur das, dass es einem durch und durch geht, vibriert und ber\u00fchrt und man mitbr\u00fcllt und nach zwei Stunden davon entspannter ist als nach drei Tagen Urlaub. Ich h\u00f6re sie wieder laut, ich h\u00f6re wieder zu, ich lasse mich ber\u00fchren (mir ist Musik tats\u00e4chlich oft zu viel, wenn in mir eh schon Sturm ist, kennt das noch jemand?) und warte auf den Moment, in dem es auch live wieder geht. Ich bin ein bisschen besser geworden in Geduld.<br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute morgen sa\u00dfen wir vor dem Caf\u00e9 in der Wintersonne, und ein flauschiger Babyhund warf sich auf das Nachbarskind, das quiekte vor Lachen. N\u00e4chste Woche stelle ich mich f\u00fcr den Booster an und sollte das klappen, klinge ich evtl. genauso. <br>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt noch eine Nachricht in eigener Sache. Vor elf Jahren ist ja mein erster Roman bei Suhrkamp erschienen. Nun gibt es ihn auch als <a href=\"https:\/\/www.audible.de\/pd\/Und-im-Zweifel-fuer-dich-selbst-Hoerbuch\/B09L1P41XD?qid=1638100520&amp;sr=1-1&amp;ref=a_search_c3_lProduct_1_1&amp;pf_rd_p=e54013e2-074a-460e-861f-7feac676b789&amp;pf_rd_r=A52KMG4S1M398CTZJVH8\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.audible.de\/pd\/Und-im-Zweifel-fuer-dich-selbst-Hoerbuch\/B09L1P41XD?qid=1638100520&amp;sr=1-1&amp;ref=a_search_c3_lProduct_1_1&amp;pf_rd_p=e54013e2-074a-460e-861f-7feac676b789&amp;pf_rd_r=A52KMG4S1M398CTZJVH8\">H\u00f6rbuch bei Audible<\/a>. Und ihr helft mir sehr, solltet ihr ihn h\u00f6ren, wenn ihr ihn auch bewertet und kommentiert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elf Monate und drei Wochen ist es her, dass ich das letzte Mal einen Text geschrieben und hier ver\u00f6ffentlicht habe. 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