{"id":6531,"date":"2020-12-07T22:08:43","date_gmt":"2020-12-07T21:08:43","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6531"},"modified":"2020-12-08T08:45:01","modified_gmt":"2020-12-08T07:45:01","slug":"fast-500","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/fast-500\/","title":{"rendered":"Fast 500"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Up-there.jpg\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"447\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6535\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Up-there.jpg 598w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Up-there-300x224.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/p>\n<p>Bis jetzt sind es in Deutschland \u00fcber 19.000 Menschen, die an Corona gestorben sind. Die meisten von ihnen vermutlich allein. An vielen h\u00e4ngt eine Familie, vielleicht Freunde, manchen hinterlassen niemanden, aber dennoch ein Leben. Es macht mich in diesen Tagen abwechselnd sprachlos und in dem Sinne w\u00fctend, dass mir die Wut in die Glieder f\u00e4hrt. Eventuell kotze ich dem n\u00e4chsten, der mir sagt, wir h\u00e4tten doch noch gen\u00fcgend freie Intensivbetten, einfach vor die F\u00fc\u00dfe. Vielleicht auf die Schuhe. Vielleicht auf den Pullover. Ich will immer sagen, die sollen auch frei bleiben, du willst da nicht hin, Kollege, du willst da wirklich nicht hin, denn wenn du da bist, dann ist es schei\u00dfe, nicht nur f\u00fcr dich, sondern f\u00fcr alle Beteiligten, wenn du da bist, ist die Kacke richtig am Dampfen, wenn du da liegst, siehst du das vermutlich anders, aber dann ist es zu sp\u00e4t, denn dann ist dein Bett nicht mehr frei. Mir geht es um den einen Millimeter den man die Seele weiter bewegen muss, aus sich selbst heraus an den Punkt, wo sie das Drumherum ber\u00fchren kann, dort f\u00fchlt man, dass es nicht immer nur um einen selbst geht.<\/p>\n<p>Die Geschichten der Kranken und Sterbenden und Toten werden selten erz\u00e4hlt. Denn die, die sie erz\u00e4hlen k\u00f6nnten, die haben keine Lobby, sondern etwas zu tun. Die versorgen, pflegen, operieren, die sind m\u00fcde, die k\u00f6nnen nicht geradeaus gucken, die m\u00fcssen irgendwie durchhalten, oder sie trauern. Und k\u00f6nnen dann eben in den meisten F\u00e4llen nicht einfach einen erfolgreichen Aufmacher schreiben, der auch noch h\u00fcbsch bebildert und gut bezahlt ist. Die haben keine Kraft und keinen Nerv f\u00fcr sorgsam aufbereitete Tweets, Antr\u00e4ge, Gespr\u00e4che, Hotlines, Pitches, die haben kein Publikum, und man stelle sich allein die Ruhe vor, die es braucht, um sich hinzusetzen und die \u00dcberwindung zu finden, das Innerste nach Au\u00dfen zu kehren. Und die, die das gerade k\u00f6nnen, diejenigen, die Kapazit\u00e4ten haben, die haben da mitunter eine Extraportion Energie und Lautst\u00e4rke gefunden, die nicht alle geschickt bekommen. Es schreiben ja nur die, die gerade wirklich k\u00f6nnen. Und das sind nicht viele.<\/p>\n<p>Is richtig, liest ja auch keiner gern, solche Geschichten. Ist unangenehm. Von Trauernden wendet man sich ab, weil sie einem zeigen, was sein k\u00f6nnte. Weil es weh tut zu sehen, dass jemand aushalten muss, was kaum auszuhalten ist, w\u00e4hrend man selbst dann auch noch aushalten muss, dass man nichts daran \u00e4ndern kann. Das ist die schwerste aller Begleitungen. Aber die, die sich viele w\u00fcnschen. Die, die anerkennt, wie schlimm und schei\u00dfe das ist. Die, die neben einem sitzen bleibt ohne auf die Uhr zu sehen. Die, die nicht versucht, das, was ist, zu \u00e4ndern. Die, die nicht fragt: &#8222;Ist&#8217;s jetzt vorbei? K\u00f6nnen wir weitermachen?&#8220; <\/p>\n<p>Diese Geschichten sind oft die, bei denen man sich sagt &#8222;Ja, das m\u00fcsste ich mal lesen, mach ich am Wochenende&#8220; und sie auf den Stapel legt und irgendwann wegwirft. Weil es einem zwischen die Rippen zischen w\u00fcrde, sich zu jeder Ziffer ein Gesicht vorzustellen und einen Namen und ein Bett und ein Umfeld und Wunschlisten und Sockenpaare und Unvertr\u00e4glichkeiten und Sofakissen und eine Cornflakessch\u00fcssel und Zimmerpflanzen und Haargummis und Streitereien und Lieblingsb\u00fccher und K\u00fchlschr\u00e4nke und Profilbilder und Wollm\u00fctzen und gro\u00dfe und kleine Lieben und Schluckauf. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis jetzt sind es in Deutschland \u00fcber 19.000 Menschen, die an Corona gestorben sind. Die meisten von ihnen vermutlich allein. An vielen h\u00e4ngt eine Familie, vielleicht Freunde, manchen hinterlassen niemanden, aber dennoch ein Leben. Es macht mich in diesen Tagen abwechselnd sprachlos und in dem Sinne w\u00fctend, dass mir die Wut in die Glieder f\u00e4hrt. 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