{"id":6516,"date":"2020-11-09T17:31:10","date_gmt":"2020-11-09T16:31:10","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6516"},"modified":"2020-11-09T18:20:34","modified_gmt":"2020-11-09T17:20:34","slug":"was-schwer-zu-erzaehlen-ist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/was-schwer-zu-erzaehlen-ist\/","title":{"rendered":"Was schwer zu erz\u00e4hlen ist"},"content":{"rendered":"<p>Ich schwanke hin und her zwischen &#8222;Ich behalte es bei mir und mache es mit meiner Familie aus&#8220; und &#8222;Ich erz\u00e4hle es, denn dieses Virus ist nicht unsichtbar, es betrifft Menschen&#8220;. Mein Gro\u00dfvater hat Corona. Ich hatte es geahnt, als wir letzte Woche telefonierten, er klang schw\u00e4cher als sonst, viel schw\u00e4cher, man h\u00f6rte es in seiner Stimme, welche Probleme er beim Atmen hat, er war verwirrter. Ich dachte erst, es k\u00f6nne auch die Depression sein, die sich jeden Winter immer breit macht, die seinen K\u00f6rper dann meistens auch mitnimmt, ich hatte es gehofft (aber auch das zu schreiben f\u00fchlt sich bescheuert an, als g\u00e4be es ein besser oder schlechter, das tut es nicht), ich hatte es gehofft, denn wir kennen sie schon und wir haben sie akzeptiert, zumindest wir haben gelernt, damit zu leben, mal besser, mal schlechter. Wir waren darauf eingestellt. Auf das, was nun ist, sind wir nicht vorbereitet. <\/p>\n<p>Seit M\u00e4rz denke ich den Gedanken immer mal wieder: Was ist, wenn er krank wird? Die Situation in den Pflegeheimen ist schwierig, das Personal knapp. Ich vertraue dem Personal in dem Heim, in dem Opa lebt. Die Menschen dort arbeiten hart. Sie setzen sich dem Risiko aus. Sie halten durch. Sie machen ihren Job, so gut sie k\u00f6nnen. Das System und die Gesellschaft unterst\u00fctzen sie nicht dabei und sie machen es trotzdem. Jede_r von ihnen hat ein Leben zuhause, zu dem sie zur\u00fcckkehren nach jedem Arbeitstag. Ein Leben, das trotzdem funktionieren muss. Ein Leben, das darunter leidet. <\/p>\n<p>Wir leben in einer Pandemie. Es gibt keine 100%ige Sicherheit und es gibt keine 100%ige Kontrolle. Es gibt M\u00f6glichkeiten und Ma\u00dfnahmen, die auch in dem Pflegeheim vom Opa ergriffen wurden, nun ist es trotzdem passiert. Er schl\u00e4ft viel, Fieber hat er keines, er kann schlecht atmen, er vergisst das meiste, hat starke Probleme sich zu artikulieren, sein Geschmack hat sich ver\u00e4ndert, er erkennt viele Dinge in seinem Zimmer nicht mehr. Das hatte ich schon letzte Woche wahrgenommen, aber versucht, mich zu beruhigen, M\u00f6glichkeiten durchzuspielen und etwaige Handlungsstrategien auszuloten. Was nun ist, ist, dass man nichts tun kann. Au\u00dfer anrufen. Jeden Tag anrufen. Wenn ein Mensch jedoch Demenz hat, vergisst er, dass er gerade telefoniert hat. F\u00fcr ihn f\u00fchlt es sich an, als h\u00e4tte ewig niemand angerufen. Nach ihm gefragt. <\/p>\n<p>Was mir das Herz bricht, ist der Gedanke daran, dass die Menschen dort seit M\u00e4rz niemanden umarmt haben. Sie haben ihre Familien nur auf Abstand gesehen, auf den Zimmern wenn \u00fcberhaupt nur in voller Montur. Sie haben im M\u00e4rz mal drei Wochen nur auf ihren Zimmern verbracht, als es im Heim die ersten F\u00e4lle gab. Nichts ist undurchl\u00e4ssig, es ist wieder passiert. Und das Pflegepersonal arbeitet sich den Arsch ab, im Fr\u00fchling wurde applaudiert, jetzt ist dieser Applaus verstummt. Denn f\u00fcr die einen ist das Virus abstrakter geworden, weil es nicht mehr neu ist, eine Gew\u00f6hnung ist eingetreten, manche sind abgestumpft, manche haben noch nie daran geglaubt, manche haben es vergessen. <\/p>\n<p>Viele Menschen in den Alten- und Pflegeheimen hatten im Sommer Angst, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, mal wieder rauszugehen, und sei es nur f\u00fcr einen Spaziergang, weil diese diffuse Gefahr gr\u00f6\u00dfer war als der Wunsch eine Runde um den Block zu gehen. Das beklemmende Gef\u00fchl davon, dass es da etwas gibt, das sie bedroht. Dass sie nicht wissen, wer von den anderen Leuten auf der Stra\u00dfe, im Laden, um die Ecke, im Park eventuell gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnte f\u00fcr sie. Diese unterschwellige, st\u00e4ndig klopfende Angst, das habe ich in mehreren Gespr\u00e4chen mitbekommen, addierte sich zu der sowieso bestehenden Angst vor dem Sterben. Nicht vor dem Tod, aber vor dem Sterben. Vor Schmerzen. Vor noch gr\u00f6\u00dferer Einsamkeit. <\/p>\n<p>Ber\u00fchrung und N\u00e4he sind seit M\u00e4rz zu gro\u00dfen Teilen aus den Alten- und Pflegeheimen gewichen (wenn es sie vorher gab, das ist die Voraussetzung). Man steht vor dem unl\u00f6sbaren Dilemma der Frage: L\u00e4sst man N\u00e4he zu f\u00fcr den Moment, f\u00fcr K\u00f6rpergef\u00fchl, Wohlbefinden, Dopamin, Oxytocin, f\u00fcr das Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit und das vegetative Nervensystem? Oder bleibt man in der Distanz, um das Leben zu verl\u00e4ngern, um jemanden nicht einem gef\u00e4hrlichen Virus auszusetzen und eine Kette an Dingen auszul\u00f6sen, die schlimme Folgen haben f\u00fcr die Person und das System? Es gibt kein besser oder schlechter in diesem Fall. Die Vorstellung, dass viele Menschen seit einem halben Jahr noch mehr als sowieso schon auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen sind, dass ihnen jegliche Ber\u00fchrung abhanden gekommen ist, dass sie einsam leben und vielleicht sterben, bringt mein Herz zum Platzen. Und meinem Gro\u00dfvater geht es gerade genauso. Er versteht nicht richtig, was da gerade los ist mit ihm. Aber durchs Telefon klingt es furchtbar.<\/p>\n<p>Und ich glaube, dass man diese Geschichten erz\u00e4hlen muss, obwohl es weh tut, obwohl man sich von innen nach au\u00dfen gekrempelt vorkommt, andersrum voyeristisch, wenn man das so \u00f6ffentlich macht. Aber es geht hier nicht um Mitleid (die Menschen in meiner Familie und Wahlfamilie sind f\u00fcreinander da, keine Sorge). Es geht mir darum, dass Menschen ihre Masken tragen (ich bin so w\u00fctend, die ganze Zeit schon, aber jetzt noch mehr, mein Gro\u00dfvater schafft es, eine Maske richtig aufzusetzen, warum schaffen es so viele nicht?), sich die H\u00e4nde desinfizieren, dass sie es leichter machen f\u00fcr die, die es eh schon schwer haben, dass sie aufpassen aufeinander, dass sie Abstand halten, wo es geht, und nah sind, wo es n\u00f6tig ist, dass sie h\u00f6ren, dass dieses Virus Menschen trifft, die von irgendjemand anderem geliebt werden, die jemanden lieben, Menschen, die leben wollen und sich das nicht ausgesucht haben, was hier gerade passiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schwanke hin und her zwischen &#8222;Ich behalte es bei mir und mache es mit meiner Familie aus&#8220; und &#8222;Ich erz\u00e4hle es, denn dieses Virus ist nicht unsichtbar, es betrifft Menschen&#8220;. Mein Gro\u00dfvater hat Corona. 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