{"id":6505,"date":"2020-08-18T18:53:10","date_gmt":"2020-08-18T16:53:10","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6505"},"modified":"2020-08-18T19:03:07","modified_gmt":"2020-08-18T17:03:07","slug":"divergence-underneath","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/divergence-underneath\/","title":{"rendered":"Divergence underneath"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Glitch2.jpg\" alt=\"\" width=\"597\" height=\"447\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6509\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Glitch2.jpg 597w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Glitch2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><\/p>\n<p>D. holt mich ab. Das Mietauto hat eine interessante Farbe. D. nennt sie Magen-Darm-Metallic. Unterwegs treffen wir ein Auto im Farbton Aperolkotze. Diese Neuwagen mit den vielen Knubbeln und Kanten, die aufgepustet sind an so vielen Stellen, &#8222;als h\u00e4tten sie eine Haselnussallergie&#8220;. Die Anzeige pl\u00e4rrt, weil sie denkt, die Tasche auf dem R\u00fccksitz sei ein Mensch. Die dazugeh\u00f6rige Stimme weist uns zudem immer wieder darauf hin, doch auf die Umgebung zu achten. Die Tankstellen sind gruselig leer, die Sanifair-Schranken abgebaut, zwei Kinder stehen ratlos auf dem kleinen Gel\u00e4nde herum, das ein Spielplatz sein soll. Wir sitzen und trinken Kaffee aus Styroporbechern, der Himmel blendet, obwohl er nur aus Wolken besteht. Die meisten Menschen, die vom Berg kommen, haben ein gnietschiges Gesicht, die wenigsten reden. Wir laufen und klettern und sagen st\u00e4ndig sowas wie &#8222;Ach&#8220; oder &#8222;Hach&#8220;, wir begr\u00fc\u00dfen uns fremde Menschen, das macht D. sonst eigentlich nur bei Hunden, hier sind wir die Vergn\u00fcgten. Als wir oben an den Schrammsteinen stehen und mir der Schwei\u00df in Sturzb\u00e4chen vom K\u00f6rper rinnt, die Leitern riechen dort so stark metallisch, ich vermute, weil so viele Menschen auf ihnen herumrutschen, kommt das Gef\u00fchl zur\u00fcck, das ich das letzte Mal auf La Gomera hatte oben auf dem Berg, als w\u00fcrde alles f\u00fcr einen Moment aussetzen, als h\u00e4tte sich irgendwas gelohnt, von dem man nicht wei\u00df, was es ist, es ist, als l\u00e4ge ich in genau diesem Moment gleichzeitig mit dem R\u00fccken auf dem Boden, so, dass nichts mehr dazwischen passt, als g\u00e4be es keine L\u00fccke, nichts, das wackelt, es ist wie Ruhe, aber anders, weil es nicht still ist, nicht bewegungslos, sondern in Wellen kommt und geht. Ich habe die genaue Seite vergessen, aber am Abend lese ich diese Stelle in Nadja Spiegelmans Buch, in der sie beschreibt, wie sie auf der Beerdigung nicht den Gro\u00dfvater beweint, den sie hatte, sondern den, den sie gern gehabt h\u00e4tte, und ich verstehe etwas mehr von all dem, was sich in mir zusammengeknotet hat \u00fcber die Jahre wie diese B\u00e4lle aus Schnipsgummis. Als wir zur\u00fcckfahren Richtung Stadt, begegnen wir einem Mann, der einen Kopfsalat spazieren f\u00e4hrt wie einen Hund. Morgens steht die Uhr auf 20er Chicken McNuggets. Auf dem Fristo-Getr\u00e4nkeparkplatz wird niemand Lyriker.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Sillage, dachte ich. Es war ein franz\u00f6sisches Wort, das ich erst k\u00fcrzlich gelernt hatte. Es hatte einen wundersch\u00f6nen Klang, see-yaj. Urspr\u00fcnglich bezeichnete ich das Kielwasser, das sich hinter Booten im Wasser bildet. Gleichzeitig konnte es aber auch jenes Ph\u00e4nomen beschreiben, bei dem das Parf\u00fcm eines Menschen in der Luft bleibt, nachdem sein Tr\u00e4ger bereits den Raum verlassen hat. Ich roch noch einmal an dem Fl\u00e4schchen, doch der Geruch hatte sich bereits verfl\u00fcchtigt. Es blieb nicht mehr viel von meinem Gro\u00dfvater, auf das ich meine Vergebung h\u00e4tte projizieren k\u00f6nnen, und vielleicht, so vermutete ich in diesem Moment, war das hier alles, was ich jemals finden w\u00fcrde: ein Kr\u00e4useln des Wassers, ein Duft, der sich einen Moment sp\u00e4ter verfl\u00fcchtigt.&#8220; (Nadja Spiegelman, <a href=\"https:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/was-nie-geschehen-ist.html\">&#8222;Was nie geschehen ist&#8220;<\/a>)<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>I have a thing for women sitting by an open window, smoking.<br \/>\nI have a thing for people running down the sidewalk because they`re in a hurry.<br \/>\nI have a thing for flowers dramatically leaning over the edges of their flower pots.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Wohlstand zeigt sich in Dingen, die leicht kaputtgehen und schwer zu reinigen sind&#8220;, schreibt Anthony Marra in &#8222;Letztes Lied einer vergangenen Welt&#8220;. In der Eifel h\u00f6rt man am Morgen die K\u00fche und am Abend die Schafe. Alle leben im Schatten, es riecht \u00fcberall nach Lavendel. Wir \u00fcben fallen nach Anleitung. Ich \u00fcbe noch mehr, darunter: Frischluft als Strategie, und Raum machen f\u00fcr alles, was ohne mich passiert. In der Bahn ruft eine junge Frau in ihr Telefon: &#8222;Junge, geh mir nich auffen Pinsel.&#8220; Ich schlafe hier so tief.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Manchmal synchronisiert sich das Wetter sehr pathetisch mit Gesagtem, und mittlerweile lasse ich jede sarkastische Bemerkung, jede Beschwichtigung und schaue nur zu, grinsend, so wie man lustige Namen auf Grabsteinen bemerkt und in der kurzen Ber\u00fchrung mit etwas Fremden verharrt, ohne sie wegzuwischen. Das nicht als Zeichen sehen, sondern als sch\u00f6nen Zufall. Weich bleiben.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Die Idee einer neuen Wohnung ist geplatzt und ich finde mich wieder in die zur\u00fcck, die mich schon ein paar Jahre begleitet. Aber es ist beklemmend daran zu denken, dass dieser Winter auch so einer werden wird, den ich hier verbringe, tagelang, und ich \u00fcberlege noch, wie eine L\u00f6sung aussehen k\u00f6nnte, diese Wohnung dem Zustand, den Umst\u00e4nden anzupassen, mich neu anzufreunden mit ihr, man kann sie ja so schlecht an der Hand nehmen und sagen, komm, wir rennen und schreien, damit wir danach wieder im Frieden miteinander sind. Ich suche noch, was es sein kann, das uns wieder aneinander r\u00fccken l\u00e4sst.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Opa ist w\u00fctend. Seine Freundin hat vor zwei Tagen eine Fliege get\u00f6tet. Opa kann das nicht abstrahieren. F\u00fcr ihn steht das f\u00fcr alles. F\u00fcr die beiden, f\u00fcr sie, f\u00fcr sich, in den Tagen, die er erlebt, trennt man nicht mehr zwischen wichtig und unwichtig. Er sitzt dann da und will nicht sprechen, er st\u00fctzt den Kopf in die linke Hand und erkl\u00e4rt ihr, dass die Kante am Tisch schr\u00e4g ist und ihr Sektglas dort abrutschen kann, er nimmt ihr das Sektglas aus der Hand und stellt es weiter von der Kante weg, dann schweigt er wieder. Alles ist gleich viel wert in seiner Zeit, weil alles das letzte ist, was es gibt.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Als ich mit M. und N. auf dem Balkon sitze und es langsam dunkel wird, legen wir alle den Kopf in den Nacken, die Kinder auch. Dann ruft J.: Der Himmel sieht aus wie eine Armee.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Dieser Sommer rinnt so schnell und ich habe das Meer noch nicht gesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D. holt mich ab. Das Mietauto hat eine interessante Farbe. D. nennt sie Magen-Darm-Metallic. Unterwegs treffen wir ein Auto im Farbton Aperolkotze. 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