{"id":6473,"date":"2020-06-17T09:06:54","date_gmt":"2020-06-17T07:06:54","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6473"},"modified":"2020-06-17T09:06:54","modified_gmt":"2020-06-17T07:06:54","slug":"maehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/maehen\/","title":{"rendered":"M\u00e4hen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B363FF17-BF2E-45F3-98B4-B305E5E49A48-1.jpg\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"797\" class=\"size-full wp-image-6477\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B363FF17-BF2E-45F3-98B4-B305E5E49A48-1.jpg 598w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B363FF17-BF2E-45F3-98B4-B305E5E49A48-1-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/p>\n<p>Ich bin euphorisch, als ich mich aus dem Auto pelle, beinahe hinfalle, weil ich zwei Stunden zwischen Kisten und Pflanzen und Zeug sa\u00df. Ich steige aus, die Seeluft schl\u00e4gt mir entgegen (gibt es eine Verniedlichungsform von schlagen? Sie schl\u00e4gt mich nicht brutal, es sind eher viele sehr kleine F\u00e4uste, vielleicht Pfoten, mit denen sie an mein Gesicht klopft). Ich bin f\u00fcnf Monate nicht hier gewesen. Der Ginster sieht aus, als w\u00e4re er in einer Flugrolle aufgehalten worden und jetzt h\u00e4ngt er da, einzelne \u00c4ste bereits verbl\u00fcht, abgestorben, aber das Restgelb sticht dann doch alles. Die Hecke franst sich an den \u00e4u\u00dferen R\u00e4ndern in die Wildblumen, die Rose macht ihr Ding in alle Richtungen, doch der Pfirsichbaum ist relativ kahl und auch der gro\u00dfe Apfelbaum, den wir im Herbst eigentlich immer abernten und der sonst all seine Bl\u00fcten und Fr\u00fcchte dem kleinen Parkplatz entgegen streckt, h\u00e4lt sich zur\u00fcck. Ich schlage den Riegel am Gartentor zur\u00fcck, Erinnerungsgewitter und Ger\u00fcche. Ein paar Meter weiter weht mir das Gras um die Knie.<\/p>\n<p>Angekommen ist man, wenn man die erste Bachstelze gesichtet hat. Das geht schnell. Dann ausr\u00e4umen, einr\u00e4umen, sich Platz verschaffen, ich wundere mich immer noch \u00fcber die Schichten und Lagen, die Opa in diesem eigentlich winzigen H\u00e4uschen hinterlassen hat, wie viel Zeug man eigentlich anh\u00e4ufen kann. Er ist diese Generation, die kaputte Ger\u00e4te nicht verschrottet, sondern aufgehoben hat, vielleicht als Beweis, vielleicht mit der Hoffnung einzelne Teile wiederverwerten zu k\u00f6nnen. Er hat nie irgendeines von den komplexeren Ger\u00e4ten aufgeschraubt, vermutlich ging es nicht darum. Am Ende konnte er immer sagen, er hat vier kleine Back\u00f6fen gehabt, f\u00fcnf Wasserkocher, Teppiche, sehr viele Kabel, Gl\u00fchbirnen, Beh\u00e4ltnisse. Es ist immer noch so viel und man wei\u00df nicht, wohin mit sich und dem Kram, ich muss immer sofort niesen, wenn ich eintrete, der Staub versteckt sich \u00fcberall, aber wenigstens riecht es nicht mehr danach, nach den Jahren. Wir montieren ein Fliegengitter, um auch abends noch l\u00fcften zu k\u00f6nnen. Man kann hier so viel abwischen immer und immer wieder. Das Dach macht uns Sorgen.<\/p>\n<p>Der See ist so kalt, dass es einem alles blitzdingst. Ich schaffe es beim ersten Mal nur ein paar Sekunden bis zum Knie, aber selbst das ist gut. Sobald ich hier bin, vergesse ich die Stadt und das geregelte Leben, ich lege mich in die Vorstellung davon, dass es wirklich nicht so viel anderes gibt als Heckenscheren und Saatgut und Dinge, die von A nach B gelegt werden m\u00fcssen. Auch hier habe ich Listen im Kopf, aber die kommen und gehen und basteln sich alle zehn Minuten neu. Bei den meisten von den Dingen ist es nicht schlimm, wenn man sie nicht tut, alles nur Optionen. Die kleine Heckenschere h\u00e4ngt mir permanent in der G\u00fcrtelschlaufe. Am Ende werde ich vier Stunden im Beet gekniet und gesessen und Dr\u00fcbergewachsenes ausgerupft haben, das Telefon ist eingestaubt, aber es ist egal, man denkt eben an nichts, also wirklich an nichts und vermutlich ist das die Meditation, die bei mir in Berlin nie funktioniert. Hier machen meine H\u00e4nde Kleinkram, meine Augen verfolgen das Geschehen und der Rest existiert einfach so vor sich hin, bis es Zeit ist, einen Kaffee aufzusetzen. Ich bin verschwitzt und verstaubt und springe am Ende doch in den See. Am Abend starrt man weiter so vor sich hin, erst in das Feuer und dann in die Glut, auf dem Kompost w\u00e4chst ein Salat. <\/p>\n<p>Die stillen Morgen hier sind mir die liebsten. Wenn die V\u00f6gel pl\u00e4rren, aber sonst noch nichts, wenn ich in der Sonne sitzen, Kaffee trinken lesen kann. Der Mohn wankt, man wirft hier und da einen Blick in den Himmel, auch so eine \u00fcberfl\u00fcssige Sache, weil das Wetter hier unberechenbar ist und ich das Buch \u00fcber die Wolkenformationen eh noch nicht gelesen habe, es steht seit Jahren im Schrank. Letztes Jahr landete an so einem Morgen eine Meise auf meinem Knie, soweit sind wir dieses Jahr noch nicht. Die Luft \u00fcber dem See aber flirrt, die Schnecken suchen sich einen Platz f\u00fcr den Tag, die Kirschen werden langsam rot.<\/p>\n<p>\u201c<em>They walk quickly along the street, side by side. They don&#8217;t touch. They rarely kiss. Their bodies have nothing to say to each other. They have never felt any attraction or even tenderness for each other, and in a way this absence of carnal complicity is reassuring. As if it proves that their union is above all bodily contingencies. As if they have already mourned the loss of something that other couples part with reluctantly, amid tears and rows.<\/em>\u201d (Le\u00efla Slimani, Ad\u00e8le)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin euphorisch, als ich mich aus dem Auto pelle, beinahe hinfalle, weil ich zwei Stunden zwischen Kisten und Pflanzen und Zeug sa\u00df. Ich steige aus, die Seeluft schl\u00e4gt mir entgegen (gibt es eine Verniedlichungsform von schlagen? 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