{"id":6470,"date":"2020-06-28T17:11:34","date_gmt":"2020-06-28T15:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6470"},"modified":"2020-06-28T17:32:19","modified_gmt":"2020-06-28T15:32:19","slug":"rollsplit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/rollsplit\/","title":{"rendered":"Rollsplit"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-06-28-um-17.00.30.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"447\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6481\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-06-28-um-17.00.30.png 598w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-06-28-um-17.00.30-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/p>\n<p>Gordi singt, w\u00e4hrend vor meinem Fenster das Wasser vom Himmel f\u00e4llt, als ginge es um was. Alle Fenster auf und sich mittenrein stellen. Ich merke, das ist eines dieser Dinge, die mir in den letzten drei bis vier Monaten immer mehr fehlen, das sich mittenrein stellen, weil alles so mit Vorsicht belegt ist und Zweifeln und Verantwortung, aber mir fehlt der situative \u00dcberschwang, ich brauche das nicht st\u00e4ndig, nicht mehr so wie fr\u00fcher, aber es gibt diesen Moment im Bauch, den man meistens erst hinterher realisiert, in dem man sich entscheidet vollkommen loszulassen, in dem es nicht knackt, sondern rollt, der Fuckitmoment, der Isallesegalmoment, ich vermisse dieses Gef\u00fchl wie jemanden, der gerade erst weggezogen ist und von dem man sich einredet, dass man ihn ja noch gar nicht vermissen kann, weil man sich vorgestern ja erst gesehen und angemessen verabschiedet hat und sowieso sei man doch jetzt erwachsen und man k\u00f6nne sich ja anrufen und schreiben, aber f\u00fcr manche Begegnung gibt es kein Substitut und f\u00fcr den Jetztoderniemoment eben auch nicht. (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DSUyh3U-sp8\">And I am lying about leaking here<\/a>.)<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Es ist ein guter Tag. Ich wei\u00df das schon, als ich ihn von weitem auf der Bank sitzen sehe, er hat sich eine kurze Hose angezogen, seine Hemden sind ihm mittlerweile viel zu lang. Aber heute sind seine Augen wacher, heute benutzt er seine H\u00e4nde beim Reden, er schaut sich um und sieht nicht aus, als w\u00fcrde er jede Sekunde einschlafen, er isst die Erdbeeren, die ich ihm mitgebracht habe, mit den Fingern direkt aus dem Glas. Kleine roten Flecken an seiner Maske, auf seinem Hemd, auf seiner Hose, aber die interessieren uns nicht. Er regt sich nicht auf, als der Hausmeister den Rasensprenger so stellt, dass wir kurz nass werden, er lacht sogar mit ihm, das passiert mittlerweile nur noch selten. Es ist auch ein Tag, an dem er Fragen stellt. Unser Abschied verl\u00e4uft in Etappen, heute rasten wir.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Wie weit entfernt ist nah genug?&#8220; (Thomas Pletzinger, The Great Nowitzki, S. 55)<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Das Ger\u00e4usch der Simson schubst mich f\u00fcr ein paar Ampelphasen in meine Kindheit zur\u00fcck, aufs Land und den Geruch von trockenem Gras und dem Appetit auf Schnitzel, mir ging damals jedes Zeitgef\u00fchl verloren, auch in gr\u00f6\u00dferem Umfang, mir schlief schon damals auf dem Roller der Hintern ein, ich wusste nicht mehr, als dass Ferien waren und irgendwann Ende Zwanzig kam dieses Gef\u00fchl zur\u00fcck, ich brauchte nicht mehr tagelang, um die Arbeit und den Alltag loszulassen, mittlerweile kann ich das innerhalb weniger Minuten, in einem Zug, in einem Auto, auf einem Roller, in einer S-Bahn. Mich aussch\u00fctteln und bemerken, wie der Wind riecht, und die Augen nach gestreiften Markisen offenhalten, nach Imbissschildern und Vogelstimmen und Falten in fremden Gesichtern, sich erst nach und nach raus bewegen und dann raus sein. Die Stelle am See ist noch fast leer, als wir ankommen, das Ufer ein bisschen schlammig, aber sobald man im Wasser ist, sieht man nur noch die B\u00e4ume am anderen Ufer und den Himmel und zwei drei Anleger, der Wald riecht bis hinaus aufs Wasser, sonst sieht man nichts, unter Wasser ist es ganz still und dunkelgr\u00fcn und hellbraun, k\u00fchl und genau richtig und schon beinahe Ende Juni. Danach grabe ich die F\u00fc\u00dfe in den Sand, schlie\u00dfe die Augen und h\u00f6re Badestellenger\u00e4usche, Kinderstimmen, sanftes Stapfen, Pl\u00e4tschern und der Wind schiebt die B\u00e4ume hin und her wie alte Bekannte, die Konstante aller Sommer. Am Baum lehnt eine aufblasbare Brezel. Auf dem R\u00fcckweg fallen die ersten Tropfen, als wir an der Ampel stehen und kurz darauf biegen wir rechts auf einen kurzgeschorenen Rasen vor einem Kiosk, wir bestellen Pommes und Cola und Fanta. Dann kommt das Gewitter.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>T. schickt dieses <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NKeU1twQYX4\">Lied<\/a>, das mich ein paar Tage lang begleitet, manchmal wei\u00df man ja auch nicht, welcher Ton das ist, den manches in einem anschl\u00e4gt.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Als ich den Kaffeeladen betrete, l\u00e4uft Blister von Jimmy Eat World und der Kaffeemann singt unter seiner Maske mit, ich grinse unter meiner. Wir waren 17 und neben der Razzmatazz von Pale waren die Give Up von The Postal Service und die Clarity unser Soundtrack f\u00fcr die Landstra\u00dfen zu den Festivals, f\u00fcr die Abende neben den S-Bahn-Gleisen, f\u00fcr den einen Moment, wenn man sich nur kurz ansah und dann aus verschiedenen Ecken auf die Tanzfl\u00e4che str\u00f6mte, f\u00fcr die N\u00e4chte, in denen keine Bahn mehr fuhr und man einfach ein, zwei Stunden zu Fu\u00df nach Hause lief ohne zu murren, weil man hatte ja Kopfh\u00f6rer dabei und Ersatzbatterien, wir h\u00f6rten diese drei Platten am Rand des Fu\u00dfballfelds und vor und nach den ersten Katastrophen, die man auch wirklich als solche bezeichnen konnte.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Dieses Jahr schlenkert. Ich sp\u00fcre, wie sehr ich gefragt bin, mich umzustellen und zu justieren, alle paar Tage neu, vielleicht hat es gar nichts mit dem Gef\u00fchl zu tun, sich auf nur wenig verlassen zu k\u00f6nnen, vielleicht verwechsle ich das manchmal und es geht eigentlich darum, vor allem Erwartungen zur\u00fcckzuschrauben und dort zu werkeln, wo man kann, und nicht, wo man k\u00f6nnte, vor allem im Heute. Frauenmagazine und Ratgeber propagieren ja gerne, dass man aus jeder Niederlage etwas lernt und schwere Zeiten k\u00f6nnten auch reinigend sein, und in mir str\u00e4ubt sich dann noch immer meistens etwas, das sagt, jetzt gesteht doch mal Leuten zu, dass es einfach mal schei\u00dfe ist, dass nicht alles auf seinen Wert f\u00fcr sp\u00e4ter hin abgeklopft werden muss und dass Ersch\u00f6pfung und Angst und Konflikt und Traurigkeit nicht immer auszuwringen sind. Und gleichzeitig empfinde ich Mitgef\u00fchl mit jenen, die genau das nicht anerkennen k\u00f6nnen, weil es vermutlich zu dunkel w\u00e4re, weil Aufgeben ja meistens das Schwerste ist, also anzuerkennen, dass etwas wirklich nur um seiner selbst willen und manchmal sogar umsonst existiert, dass es keinen weiteren Sinn hat als beschissen zu sein oder unangenehm oder erm\u00fcdend, und woher kommt eigentlich die Erwartung, sowas existiere nicht? Sich in die Kurven legen, w\u00e4hrend auf meinem Fensterbrett der Mohn bl\u00fcht.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Hope is a vulnerable place.&#8220; (<a href=\"https:\/\/play.acast.com\/s\/thehighlowshow\">The High\/Low<\/a>)<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Ich liege auf der Decke, die Kinder klatschen mit ihren nassen B\u00e4uchen auf die Plane und lachen sich kaputt, der Himmel wird erst hellblau, dann dunkelblau, dann gelb an den R\u00e4ndern, orange und sp\u00e4ter marmoriert er sich pink. \u00dcber uns summen die ersten Nachtinsekten, Flaschen klirren, in den Hochh\u00e4usern hinter den B\u00e4umen \u00f6ffnen sich die ersten Fenster in den Abend, und wie so oft, wenn ich irgendwo bin, wo ich mich vollkommen losgel\u00f6st und wohl und geborgen f\u00fchle, f\u00e4llt er mir ein. Ich h\u00e4tte ihm wirklich gern von alldem erz\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gordi singt, w\u00e4hrend vor meinem Fenster das Wasser vom Himmel f\u00e4llt, als ginge es um was. Alle Fenster auf und sich mittenrein stellen. 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