{"id":6420,"date":"2020-03-09T22:06:16","date_gmt":"2020-03-09T21:06:16","guid":{"rendered":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/?p=6420"},"modified":"2020-03-09T22:39:35","modified_gmt":"2020-03-09T21:39:35","slug":"dile-que-si","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/dile-que-si\/","title":{"rendered":"Dile que s\u00ed"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Bildschirmfoto-2020-03-09-um-21.45.22.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"447\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6423\" srcset=\"http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Bildschirmfoto-2020-03-09-um-21.45.22.png 598w, http:\/\/mevme.com\/lizblog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Bildschirmfoto-2020-03-09-um-21.45.22-300x224.png 300w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/p>\n<p>Als ich vom Sport komme, leuchtet einer der gar nicht so kleinen Vorg\u00e4rten komplett in Lila, alles Krokusse. Es ist noch nicht einmal M\u00e4rz. Als am Halleschen Tor alle nur noch \u00fcber den einen Eingang in die U-Bahn gelangen, bei der sie den gesamten Platz umrunden m\u00fcssen, sehen viele von ihnen die kleinen Gesch\u00e4fte in dem Rundhaus zum ersten Mal, das Kaffee, die B\u00fcros, die vielen Arztpraxen, den kleinen t\u00fcrkischen Supermarkt. Am Knauf der T\u00fcr zu einem der R\u00e4ume hinter den blauen W\u00e4nden der U-Bahn-Station h\u00e4ngt eine Plastikt\u00fcte mit Br\u00f6tchen und einer Dose Thunfisch. Am Abend laufe ich noch ein St\u00fcck am Fluss entlang, weil man manchmal Luft braucht, wenn man den ganzen Tag nicht drau\u00dfen war. Aus dem einen Restaurant tritt eine Frau, vermutlich eine Kellnerin, sie ist ganz in Schwarz gekleidet. In ihren H\u00e4nden h\u00e4lt sie einen gro\u00dfen Teller Miesmuscheln. Sie tritt aus der T\u00fcr, schaut sich auf dem B\u00fcrgersteig um, geht zielstrebig zur Hausecke und wird dann von einem gro\u00dfen, schwarzen Hund abgelenkt, der an der Ecke herumschn\u00fcffelt. Sie bleibt stehen, ihre Augen kleben auf dem Tier, als h\u00e4tte sie pl\u00f6tzlich ein altes Gef\u00fchl in sich wiedergefunden, ein sch\u00f6nes. Die Frau am anderen Ende der Hundeleine fragt neugierig: &#8222;Kann ich helfen?&#8220; Eine Woche lang sagt der Wetterbericht im U-Bahn-Fernseher jeden Morgen: &#8222;Windig und frostfrei!&#8220;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;She is weirdly with me&#8220;, sagt sie \u00fcber ihre Therapeutin, zu der sie schon seit einer Weile nicht mehr geht. Sie ist die Frau aus einem Film. Und ich erkenne die Gedanken und das &#8222;Ach stimmt, genau wie sie gesagt hat&#8220; Jahre sp\u00e4ter, wenn etwas passiert, dass einem pl\u00f6tzlich nicht mehr einfach nur geschieht, sondern dass man anzusehen und einzuordnen wei\u00df aus einer Art Sicherheitsabstand heraus. Es gibt jetzt Namen f\u00fcr Empfindungen wie das Aliengef\u00fchl, den gelernten Impuls, neu programmierte Geduld, die Vernunft, die nicht mehr feindlich stimmt, sondern vers\u00f6hnlich, die tr\u00f6stet, die erkennbare Schuld, das wilde Potenzial, und die immerw\u00e4hrende, jedoch ab und an nuschelnde Verantwortung.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Snow!&#8220; erscheint als Textnachricht auf dem Handy, als ich im B\u00fcro am Schreibtisch sitze. Ich hebe den Kopf, sehe aus dem Fenster, es stimmt tats\u00e4chlich. Wenn auch nur f\u00fcr ein paar Minuten.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>&#8222;S\u00ed, dile que s\u00ed&#8220; ist der erste Satz auf der Buchseite der Frau, die im \u00fcberf\u00fcllten Bus neben mir steht. Sag ja.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffne das Fenster und krieche dann unter die gro\u00dfe, weiche und vor allem leichte Hotelbettdecke. Das Meer rauscht so laut, dass ich nachts aufwache und mich im tiefen Dunkel kurz frage, wo ich eigentlich bin, bevor es mir wieder einf\u00e4llt. Am Morgen werde ich wach vom Sonnenaufgang, der alles orange f\u00e4rbt.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Das sind meine Menschen. Die, mit denen ich lebe. Mit denen ich esse und k\u00e4mpfe, die ich bewundere, die ich kenne. Die, die atmen und heulen, Besorgungen machen, die, die keine Briefe, aber Sprachnachrichten schicken, die die nachtragend sind und so viel vergessen, die schlechte Witze machen, zu fr\u00fch kommen, zu sp\u00e4t sind, aber da, die im richtigen Moment lachen und keine Zeit mehr haben, die mit den Narben und grauen Haaren und verknoteten Haaren und keinen Haaren und die, die keine Antworten wissen, aber\/und\/w\u00e4hrend sie ihre Arme um mich herum falten, wenn ich ihnen sage, ich bin jetzt bereits umarmt zu werden wie ein Kind, eine Frau, eine Freundin, eine Geliebte zur selben Zeit. Das sind meine Menschen, all das. Alle jene. Und alles, was noch kommt.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Dann beginnt der M\u00e4rz und junge Frauen laufen durch den Wedding bis nach Mitte, um f\u00fcr ihre Rechte und die anderer zu demonstrieren, sie schenken einander Tampons, sie entschuldigen sich bei jedem, den sie aus Versehen anrempelt, sie applaudieren einander. Sie winken denen, die aus den umliegenden H\u00e4usern verwundert auf sie herab schauen. Sp\u00e4ter stehen wir in der kleinen Bar, in der es immer sehr eng und verraucht, aber selten zu laut ist und wir summen das eine Lied, das der Barkeeper niemals ausw\u00e4hlen w\u00fcrde, das wir aber von der ersten bis zur letzten Strophe mitsingen k\u00f6nnen, der D. und ich, wir singen gegen den coolen Jazz und auch noch drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe und an der Kreuzung und als wir auf seine Mitfahrgelegenheit warten wie erwachsene Leute.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Der Vollmond steht hinter Milchschleiern \u00fcber der Friedrichstra\u00dfe, hinter den B\u00e4umen neben der Kirche, wie Grie\u00dfbrei, in den jemand einen L\u00f6ffel hat fallen lassen. Mir kommt jemand in kurzer Hose entgegen, dahinter eine Frau mit Atemmaske. Am Abend liegt der nerv\u00f6se schwarze Hund f\u00fcr siebzehn Minuten auf meinem Scho\u00df und schnarcht leise, meine Hand auf der Stelle zwischen seinem pochenden Bauch und seinem Hals.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p><em>&#8222;I can\u2019t sleep at night. I have dreams about those people. Faces floating up in the waves, bodies washing up on the beach. Beach by my house.&#8220; <\/em>(Quirk, The Laundromat)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vom Sport komme, leuchtet einer der gar nicht so kleinen Vorg\u00e4rten komplett in Lila, alles Krokusse. Es ist noch nicht einmal M\u00e4rz. 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